Fünfter Fastensonntag

Ez 37,12b-14; Ps 130,1-2.3-4.5-6b.6c-7au. 8; Röm 8,8-11; Joh 11,1-45

Ez 37
12 So spricht GOTT, der Herr: Siehe, ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zum Ackerboden Israels.
13 Und ihr werdet erkennen, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole.
14 Ich gebe meinen Geist in euch, dann werdet ihr lebendig und ich versetze euch wieder auf euren Ackerboden. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der HERR bin. Ich habe gesprochen und ich führe es aus – Spruch des HERRN.

In der heutigen ersten Lesung hören wir aus einem prophetischen Buch. Dort erhält Ezechiel einen Gottesspruch, weshalb die Lesung auch mit den Worten „So spricht GOTT, der Herr“ beginnt. Was wir dann hören, ist die Verheißung der Auferstehung. „Siehe, ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf.“ Das meint nicht nur einfach die Auferstehung, wie wir sie bis heute kennen. Es geht nicht nur um das Weiterleben der Seele, sondern auch des Leibes! Wenn wir Christen das Glaubensbekenntnis beten und dann sagen „Ich glaube….an die Auferstehung der Toten“, dann meint es nicht die seelische Auferstehung, die wir jetzt schon haben, sondern wir glauben an die Auferstehung des Leibes wie bei Jesus Christus, dessen Grab leer war. Ginge es um die seelische Auferstehung, müsste Gott nicht unsere Gräber öffnen. Dort wird die Seele ja nicht festgehalten.
Die Verbformen in Vers 12 verraten uns, dass es etwas Zukünftiges ist. Gott wird dies tun, nämlich am Ende der Zeiten. Er wird es ansatzweise schon beginnen, indem er die Seelen der Gerechten schon aus der langen Warterei in der Vorhölle in sein Paradies führen wird. Vollenden wird sich diese Verheißung aber erst am Ende der Welt, wenn die Seelen aller Menschen sich mit ihren wiederhergellten Leibern wieder vereinen.
Gott wird die Menschen zum Ackerboden Israels führen. Das ist zunächst historisch-wörtlich zu deuten. Die Israeliten sind zu der Zeit, in der Ezechiel diese Verheißung erhält und den Israeliten bringt, in babylonischer Gefangenschaft. Sie müssen außerhalb des verheißenen Landes leben und sehnen sich nach ihrer Heimat. Besonders drastisch ist es für sie, dass ihre Toten nicht bei deren Vätern begraben werden, sondern außerhalb der Heimat bestattet werden müssen. So ist es eine absolute Freudenbotschaft, dass Gott diese im Exil Sterbenden ins Ackerland Israels bringen werden. Das ist für sie das Maximum einer Segensverheißung!
Wir lesen es weiter. Wir sehen schon Jesus Christus, dessen Grab Gott geöffnet hat, den Gott auch ins Ackerland Israels gebracht hat – nun aber nicht mehr in das irdische Ackerland, sondern auf den Boden des Himmelreiches! Er ist uns als Erstgeborener der neuen Schöpfung vorausgegangen, auch seine Mutter, so glaubt die Kirche, ist auf diese Weise ins Himmelreich eingegangen.
Jesus hat diese Verheißung ansatzweise schon erfüllt, indem er auch zu seinen Lebzeiten schon Menschen von den Toten auferweckt hat wie die Tochter des Jairus, den Sohn einer Witwe in Nain und vor allem seinen Freund Lazarus, von dem wir heute im Evangelium hören werden! Durch ihn hat Gott die Menschen an den Gottesspruch zur Zeit des Ezechiel erinnert. Sie sollten als fromme Juden dieses Signal erkennen.
Gott spricht den Israeliten durch Ezechiel zu, dass die Menschen ihn als Gott anerkennen werden, wenn sie seine großen Heilstaten sehen werden. Ja, sie werden wie damals beim Exodus Gottes Größe anerkennen und mit ihnen auch viele umliegende Völker. Gerade die Öffnung der Gräber und das Holen der Toten zu sich wird für sie Zeichen der Größe Gottes sein. Dies erfüllt sich vor allem durch Jesus Christus, denn die Totenerweckungen seiner Zeit werden den Menschen jeden Zweifel nehmen: Er ist Gott.
Wenn Gott den Israeliten verheißt, dass er den Menschen seinen Geist eingeben wird, durch den sie lebendig werden, dann gehen wir in Gedanken ganz an den Anfang. Im Schöpfungsbericht der Genesis lesen wir vom Ackerboden, aus dem Gott den Menschen formt und durch den Geist Gottes zum Leben erweckt. Zunächst ist er tote Materie, bis er dann durch eben jenen Geist zum Leben erweckt wird! Wenn er dies bei der Erschaffung des Menschen getan hat, dann kann er dies auch mit gestorbenen Menschen wiederholen. Und Gottes Geist ist es auch, der Jesus Christus zum Leben erweckt!
Durch diesen Geist erweckt Jesus zu seinen Lebzeiten Menschen von den Toten. Durch diesen Geist werden auch wir zum Leben erweckt! Nämlich wird uns das ewige Leben durch die Taufe geschenkt. So ist es zunächst eine seelische Erweckung von den Toten (denn der seelische Tod ist die ewige Verderbnis), die aber eine leibliche Auferstehung nach sich ziehen wird. Sakramental wird dieses aber schon grundgelegt und so können wir die Hoffnung haben, so wie Jesus und Maria am Ende der Zeiten mit Leib und Seele bei Gott zu sein. Auch zu unseren Lebzeiten werden wir immer wieder vom Tod ins Leben geholt, nämlich auf moralischer Ebene. Jedesmal wenn wir das Sakrament der Beichte empfangen, ist es ein kleines Ostern für unsere Seele, die vom Stand des seelischen Todes in den Stand der Gnade gebracht wird, der das Leben bedeutet.
„Ich habe gesprochen und ich führe es aus“. Ja, Gott ist wirklich der Treue. Er hält, was er verspricht. Er hat es schon anhand des ersten Menschenpaares der neuen Schöpfung ausgeführt, an Jesus und Maria! So wird er auch an uns handeln, weil er treu ist und den Neuen Bund, den er mit allen Menschen geschlossen hat, die ihn angenommen haben. Wir gehen auf Ostern zu, dem größten Fest der Christenheit, dem Hoffnungsanker der gesamten Menschheit. Bald werden wir die Auferstehung Jesu Christi feiern, die den Anfang unserer eigenen Auferstehung markiert.

Ps 130
1 Ein Wallfahrtslied. Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir:
2 Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf mein Flehen um Gnade.
3 Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehn?
4 Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient.
5 Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort.
6 Meine Seele wartet auf meinen Herrn mehr als Wächter auf den Morgen, ja, mehr als Wächter auf den Morgen.
7 Israel, warte auf den HERRN, denn beim HERRN ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle.
8 Ja, er wird Israel erlösen aus all seinen Sünden.

Wir beten einen Bittpsalm an diesem heutigen Tag, der zu Wallfahrten nach Jerusalem gebetet worden ist. Wir beten diesen Psalm unter anderem bei Beerdigungen, also wenn es um den Tod geht. Und auch für uns ist er stets angemessen, die wir tagtäglich Gefahren des moralischen Todes ausgesetzt sind.
„Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir“ entspricht der Tiefe des Falls in moralischer Hinsicht, also wenn wir gesündigt haben. Es bezieht sich auf die gesamte Menschheit nach dem Sündenfall, die in die Tiefe gerissen worden ist. Es bezieht sich auf die Menschheit, die nach Erlösung schreit und die Jesus dann gebracht hat. Aus der Tiefe rufen auch wir Menschen nach der Erlösungstat Christi, die weiterhin sündigen und die im Namen Jesu vieles erleiden müssen und das Ende der Zeiten ersehnen.
„Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf mein Flehen um Gnade.“ Gott hat natürlich keine Ohren, aber es ist bildhaft gemeint für Gottes Gehör. Nichts verklingt vor Gott unerhört. Er hilft allen Menschen aus ihrer Not, aber auf seine Weise und in seinem Timing.
„Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehn?“ – bringt es auf den Punkt. Kein Mensch hätte in den Himmel kommen können, wenn Jesus nicht alle Sünden der Welt auf sich genommen hätte. Wäre es ein reiner Kausalzusammenhang ohne diese barmherzige Intervention Gottes, wären alle Menschen ewig von Gott abgeschnitten gewesen. So ist es bei Gott aber nicht, sondern von Anfang an wollte er uns erlösen, weil sein Plan mit uns ist, dass wir alle gerettet werden. Er hat dafür alles vorbereitet, uns alles auf einem edlen Tablett serviert – nun liegt es an uns, die Erlösung, die Barmherzigkeit, die Vergebung Gottes anzunehmen und aufzustehen von unserem Fall.
„Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient“ – beschreibt den Grund unserer Erlösung: Wir sollen alle die Chance auf den Himmel haben, wo wir in ewiger Ehrfurcht Gott dienen. Aber auch jetzt schon in unserem irdischen Dasein vergibt uns Gott durch das Sakrament der Versöhnung immer wieder unsere Schuld, damit wir ihm mit versöhntem Herzen dienen können und er uns mit seinen Gnaden beschenken kann.
„Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort.“ Es ist total messianisch zu lesen: Die Menschen, die sich auf den Weg nach Jerusalem zu den Wallfahrtsfesten im jüdischen Festkalender machen, sind zugleich in einer umfassenden Notsituation, denn sie warten auf den Messias, der sie aus ihrer jeweiligen Fremdherrschaft und politischen Spannung herausholt. Vor allem ist es zurzeit Ezechiels akut, wo das Volk Israel in babylonischer Gefangenschaft ist und der erste Tempel ja zerstört ist. So warten die Juden auf den Messias, der dann aber ganz anders kam und ganz anders erlöste, als sie es erwartet haben. Jesus ist das fleischgewordene Wort Gottes, auf das der Psalmenbeter heute wartet. Auch wir warten auf den Messias, allerdings auf seine Wiederkehr am Ende der Zeiten.
Wir warten wie das Volk Israel dabei mehr als die Wächter auf den Morgen. Es ist ein schönes Bild, denn mit dem Morgen geht die Sonne auf und Christus ist die Sonne der Gerechtigkeit. Es ist auch kein Zufall, dass der Herr im Morgengrauen auferstanden ist – zusammen mit der Sonne.
Israel soll geduldig sein und warten, denn die Erlösung kommt. Ja, das Warten hat mit dem Kommen Christi ein Ende gehabt und der Welt ist wirklich die Erlösung in Fülle geschenkt worden – sie reicht bis in unsere heutige Zeit hinein und wird auch für die kommenden Generationen gelten!
Das Warten auf Gott zahlt sich immer aus. Gott wird die Geduld und die Standhaftigkeit bis dahin sehen, er wird auch unser Rufen hören und so werden wir am Ende für das Warten überreich entschädigt. Gott wird uns in seine Arme schließen, sodass wir auf ewig mit ihm sein werden.

Röm 8
8 Wer aber vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen.
9 Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist Gottes in euch wohnt. Wer aber den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm.
10 Wenn aber Christus in euch ist, dann ist zwar der Leib tot aufgrund der Sünde, der Geist aber ist Leben aufgrund der Gerechtigkeit.
11 Wenn aber der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt.

In der zweiten Lesung hören wir einen Abschnitt aus dem Römerbrief.
Paulus spricht von „Fleisch“ und „Geist“. Er spricht vom Geist Christi und vom Leib des Menschen. Dies alles schreibt er im Kontext einer Erklärung, was Jesus uns eigentlich geschenkt hat:
„Wer aber vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen.“ Wenn Paulus hier von „Fleisch“ redet, meint er nicht den Körper des Menschen. Der Mensch ist biblisch gesehen immer eine Einheit. Es gibt nicht „nur Körper“ und „nur Seele“. Was Paulus vielmehr meint, ist die sündhafte Natur des Menschen. Diese betrifft ja den ganzen Menschen, denn im Innersten der Seele neigt der Mensch zur Sünde, sein Leib verleitet ihn zur Sünde und hält ihn davon ab, Gutes zu tun. Beides – Leib und Seele sind dabei ganz anfällig und werden schnell krank und schwach. Der Mensch ist auch in seinen sozialen Beziehungen anfällig für die Sünde, er ist anfällig auf psychischer Ebene, was wir in unserer heutigen Zeit besonders stark sehen (die psychotherapeutischen Einrichtungen werden überrannt). Paulus vertritt keine Leibfeindlichkeit, sondern kritisiert es, wenn Menschen sich von dieser sündhaften Natur leiten lassen. Es ist vielmehr heilsnotwendig, dass wir uns dieser sündhaften Natur und ihrer Erlösungsbedürftigkeit bewusst werden. Es soll uns dazu führen, diese Erlösung anzunehmen, die Jesus erwirkt hat. Das tun wir in der Taufe. Das Problem oder der größere Argumentationskontext im Römerbrief ist die Frage danach, ob die Torah, was er immer mit „Gesetz“ meint, heilsnotwendig sei und so auch getaufte Christen die Torah halten sollen. Er schreibt an die Gemeinde in Rom, in der es aufgrund der gemischten Lage von Juden- und Heidenchristen immer wieder zu Reibungen gekommen ist, wie die Torah richtig zu verstehen ist und was genau vor Gott rechtfertigt. Paulus kennt die Gemeinde in Rom noch nicht persönlich und so legt er ihnen seine Sicht der Dinge dar, klärt das Torahverständnis und dabei vor allem die Frage nach der Rechtfertigung.
Er stellt nun heraus, dass Gott nicht gefällt, wenn der Mensch sich vom Fleisch leiten lässt, also nach der sündhaften Natur des Menschen handelt. Dagegen ist der getaufte Mensch aber vom Geist bestimmt, denn durch das Sakrament wohnt der Hl. Geist in ihren Seelen.
Er stellt heraus, dass durch die Taufe schon das Leben der Seele ermöglicht wird (das heißt nach dem Tod), aber der Leib noch stirbt. Er spricht von der Sünde als Ursache für den leiblichen Tod. Es geht dabei vor allem um die Sünde des ersten Menschenpaares. Er hat schon in Röm 7 von der Erbsünde und den Folgen daraus gesprochen (Ich tue, was ich nicht will und was ich will, das tue ich nicht). Die Sünde des ersten Menschenpaares hat die Sterblichkeit des Leibes verursacht. Die Seele war natürlich auch tot, denn sie konnte das Paradies nicht schauen. Durch das Erlösungswirken Jesu Christi hat sich das aber geändert und so wird der Mensch durch die Gerechtigkeit Jesu Christi fähig, zunächst seelisch ins Himmelreich einzugehen.
Am Ende sagt Paulus dann, dass dies aber nicht das Ende ist, sondern wir wie Jesus Christus einen neuen Leib geschenkt bekommen werden, der nicht mehr stirbt. Dann wird es auch eine leibliche Auferstehung geben!

Joh 11
1 Ein Mann war krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf der Maria und ihrer Schwester Marta.
2 Maria war jene, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihren Haaren abgetrocknet hatte; deren Bruder Lazarus war krank.
3 Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, sieh: Der, den du liebst, er ist krank.
4 Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit führt nicht zum Tod, sondern dient der Verherrlichung Gottes. Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.
5 Jesus liebte aber Marta, ihre Schwester und Lazarus.
6 Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.
7 Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen.
8 Die Jünger sagten zu ihm: Rabbi, eben noch suchten dich die Juden zu steinigen und du gehst wieder dorthin?
9 Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht;
10 wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist.
11 So sprach er. Dann sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.
12 Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden.
13 Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf.
14 Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: Lazarus ist gestorben.
15 Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt. Doch wir wollen zu ihm gehen.
16 Da sagte Thomas, genannt Didymus, zu den anderen Jüngern: Lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben!
17 Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen.
18 Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt.
19 Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten.
20 Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus sitzen.
21 Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
22 Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.
23 Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.
24 Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag.
25 Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,
26 und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?
27 Marta sagte zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.
28 Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen.
29 Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm.
30 Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte.
31 Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen.
32 Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
33 Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert.
34 Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie sagten zu ihm: Herr, komm und sieh!
35 Da weinte Jesus.
36 Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte!
37 Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?
38 Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war.
39 Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, sagte zu ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag.
40 Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?
41 Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.
42 Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.
43 Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!
44 Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!
45 Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.
46 Aber einige von ihnen gingen zu den Pharisäern und sagten ihnen, was er getan hatte.

Alle bisherigen Texte haben thematisch das vorbereitet, was wir nun im Evangelium hören: Es geht um eine Totenerweckung. Jesu Freund Lazarus ist schwer erkrankt. Es handelt sich dabei um den Bruder der Maria und der Marta aus Betanien. Dabei ist Maria diejenige, die Jesus derart viel Liebe gezeigt hat, dass er sie als Vorbild für die Vergebung der Sünden gemacht hat. Sie kam und salbte Jesus mit kostbarem Nardenöl und trocknete Jesu Füße mit ihrem Haar.
Die Schwestern des Lazarus lassen Jesus wohl durch Boten wissen, dass ihr Bruder krank ist. Jesus sagt daraufhin, dass diese Krankheit nicht zum Tod führe, sondern der Verherrlichung Gottes diene. Wir wissen, dass der kranke Freund durchaus stirbt, aber nicht tot bleiben wird.
Es ist wie mit der Tochter des Jairus. Jesus geht nicht sofort zum Kranken und so stirbt Lazarus wie die Tochter des Synagogenvorstehers (dort kommt es ja unterwegs zu einem Zwischenfall mit der blutflüssigen Frau, weshalb er dann später zum Haus des Jairus kommt). Wir müssen aber genau lesen: Er ist nicht gestorben, WEIL Jesus gewartet hat. Als Jesus nach zwei Tagen bei Lazarus‘ Grab ankommt, ist dieser schon vier Tage im Grab. Das bedeutet, dass zur Zeit, als er die Neuigkeit über die Krankheit des Lazarus bekam, dieser gestorben ist.
Jesus hätte also entweder sofort losziehen oder auch noch länger warten können. Doch er wartet nicht umsonst zwei Tage, bevor er zu seinen Jüngern sagt: Lasst uns wieder nach Judäa gehen. Das ist erstens ein Zeichen für seine Jünger, damit sie an ihn glauben und hier einen Archetyp erkennen, was mit allen Gläubigen und zuerst mit ihm geschehen wird. Zweitens stellt er die beiden Schwestern, die er liebt, auf die Probe (es wird hier extra betont, dass er sie lieb hat). Im Johannesevangelium spielen Zahlen eine entscheidende Rolle: So zählen wir von Jesus aus, der zum Toten kommt, zwei volle Tage und er kommt am dritten Tag zum Grab. Von Lazarus aus gesehen zählen wir vier Tage. Die Gesamtheit von drei und vier ist die Vollendung der Schöpfung. Der Kern der Lektion Jesu ist also: Was ich an Lazarus tue, wird an mir selbst auch geschehen, und zwar die Grundlegung der neuen Schöpfung! Die vier ist die sogenannte „kosmische Zahl“, das heißt die Zahl der Schöpfung (vier Himmelsrichtungen, vier Winde, vier Tageszeiten, vier Elemente etc.). Die Dreizahl ist die Zahl Gottes, die Zahl der Dreifaltigkeit. Hier berühren sich also Himmel und Erde. Hier geschieht ein kleines Ostern, dass die Jünger auf das ultimative Ostern Jesu Christi vorbereiten soll. Jesus geht nach Betanien, das heißt Gott kommt zum Toten. Lazarus wartet vier Tage bis zur Auferweckung, das heißt die ganze Schöpfung wartet auf Gottes Eingreifen – das durch die Menschwerdung Jesu Christi geschehen ist, das durch die Heilsmittel der Kirche immer wieder in der Seele des Menschen geschieht und was am Ende der Zeiten mit der gesamten Menschheit geschehen wird.
Als Jesus den Jüngern sagt, dass sie wieder nach Judäa gehen, wo er bereits verscheucht worden ist (sie wollten ihn sogar steinigen), thematisiert Jesus ein Bild:
Der Tag hat zwölf Stunden und wenn der Mensch zur Tageszeit (während es also hell ist) umhergeht, dann stößt er nirgendwo an. Er sieht ja die Hindernisse. Wenn er aber in der Dunkelheit geht, stößt er irgendwo an, weil er nichts sieht. Was Jesus hier aussagt: Er ist das Licht der Welt, er ist das Tageslicht, in dem die Menschen wandeln sollen, damit sie etwas sehen und nicht anstoßen. Dies ist moralisch gemeint im Sinne eines moralischen Lebenswandels. Der Tag hat zwölf Stunden (Tageslicht). Und so möchte er Lazarus eine Leuchte sein, damit er nicht anstößt. Die Zwölfzahl ist die Zahl der Vollkommenheit. Nicht umsonst hat Jesus zwölf Apostel berufen. Auf Lazarus bezogen soll es also heißen: Sein Leben ist noch nicht vollendet, deshalb soll er noch weiter umherwandeln, das heißt weiterleben.
Die Zwölfzahl dürfen wir aber auch auf die Apostel Jesu beziehen, die in seinem Licht wandeln sollen und die er durch die heutige Totenerweckung im Glauben stärken will, denen er die Herrlichkeit Gottes leuchten will. Sie selbst sollen dadurch ausgerüstet werden, um jeweils eine Stunde zu übernehmen und zu Leuchtern für die anderen zu werden!
Es bezieht sich aber auch auf die Menschen in Judäa. Er hat sein Wirken dort noch nicht erfüllt und muss ihnen weiterhin leuchten, damit sie nicht anstoßen. Auch wenn sie ihn erst kürzlich abgelehnt haben, muss er sein Wirken weiter fortsetzen.
Es bezieht sich auf die gesamte Weltzeit, die noch läuft. Die zwölf Stunden seines Tages sind noch nicht vollendet und so leuchtet er bis heute den Menschen, dass sie nirgendwo anstoßen. Die größte Leuchte unserer heutigen Zeit ist die Eucharistie, in der er höchstpersönlich bei uns ist und uns den Weg weist – hinüber in die Ewigkeit, wo der Tag nicht nur zwölf Stunden hat, sondern wo es aufgrund der Herrlichkeit Gottes ewiger Tag ist!
Als Jesus mit seinen Jüngern unterwegs nach Betanien ist, kommt Marta ihm entgegen, während Maria im Haus bleibt. Das ist wieder bezeichnend, denn Marta ist der aktive Part der Familie. Sie ist voller Tatendrang und führt viele Liebestaten aus. Maria ist der kontemplative Part der Familie, die Ruhende und Hörende, die sich auf Jesus einlässt und gut in sich gehen kann. Und auch wenn Jesus den beiden Schwestern erklärt, dass Maria den besseren Teil ausgewählt hat (was das bedeutet, werde ich zu gegebener Zeit erklären!), können die Schwestern ihren Charakter bzw. ihr Charisma nicht einfach verändern. Es wird ein wenig immer so bleiben.
Es ist übrigens sehr bemerkenswert, dass Marta Jesus entgegen geht. Sie tut es nicht nur, weil sie ihn so ersehnt und so schnell wie möglich bei ihm sein möchte. Womöglich tut sie es, um Jesus nicht bis zum Haus kommen zu lassen, in dem Lazarus gestorben ist und wo deshalb für sieben Tage kultische Unreinheit herrscht. Andererseits: Sie selbst ist ja auch kultisch verunreinigt und so bezeugt sie ihren starken Glauben, der stärker als die Furcht vor kultischer Unreinheit ist.
Sie ist voller Trauer und doch glaubt sie, dass Jesus vom Vater alles erbitten kann. Sie hadert nicht mit Jesus, auch wenn sie ihm sagt: „Wärst du hier gewesen, wäre er nicht gestorben.“
Jesus erklärt ihr, dass der Bruder nicht sterben wird. Sie versteht es so, dass er die Auferstehung am letzten Tag meint. Jesus möchte aber sagen, dass es eine Auferstehung von den Toten auch schon vor dem Ende der Zeiten geben wird, nämlich eine Auferstehung der Seele, selbst beim Sterben des Leibes.
In diesem Sinne verstehen wir es auch, wenn Jesus sagt, dass der Mensch leben wird, auch wenn er stirbt, ja sogar auf ewig nicht sterben wird. Dies bezieht sich dann auf das ewige Leben, das wir zunächst seelisch haben bis zum Weltende, wo wir mit unseren Leibern wieder vereint werden.
Marta hat ihren geliebten Bruder verloren und doch vertraut sie auf den Herrn. Sie bekennt, dass Jesus der Messias ist.
Daraufhin holt sie ihre Schwester, die mit den tröstenden Angehörigen Jesus entgegenzieht. Er ist immer noch nicht nach Betanien hineingekommen. Die Menschen weinen und Jesus ist ganz erschüttert. Er hat Mitleid mit den Menschen und so weint auch er um seinen geliebten Freund. Jesus ist nicht nur ganz Gott, er ist auch ganz Mensch. So hat auch er Emotionen, die zum Menschsein dazugehören. Aber Jesus weint nicht nur, weil sein geliebter Freund gestorben ist. Er weiß ja, dass er leben wird! Deshalb müssen wir tiefer schauen. Die grammatikalische Form des Verbs ἐδάκρυσεν edakrysen ist ein sogenannter Aorist. Diese Form drückt hier aus, dass Jesus in Tränen ausbricht – und dies immer wieder bis heute! Jesus weint nicht über den Tod von Menschen, sondern er weint über den SEELISCHEN Tod derer, die Gott bis zum Schluss ablehnen. Er weint über den Unglauben und die mangelnde Liebe jener damals und der Menschen bis heute!
So ist er entschlossen, folgendes Wunder zu vollbringen – damit die Menschen zum Glauben kommen und das EWIGE Leben haben! DAS ist nämlich der eigentliche Tod, der so schmerzhaft für Gott ist. Stellen Sie sich vor, welch unendlichen, ewigen Liebeskummer Gott unseretwegen hat, wenn wir ihn ablehnen und lieber in die Hölle gehen!
Die Reaktion der Menschen ist interessant. Einige bewerten Jesu Weinen sehr oberflächlich und denken deshalb, dass er wegen seines geliebten Freundes weine. Andere fragen sich, warum er mit seiner Kompetenz und Vollmacht Lazarus nicht geheilt hat, obwohl er sogar Blinde geheilt hat. So ist der Mensch: Er schaut und bewertet, was er sieht. Er schaut nicht genauer hin und auf das, was dahinter ist. Der Mensch meint auch, es besser zu wissen als die Vorsehung Gottes. Er hält ihm dann vor, wie er hätte handeln sollen.
Jesus geht zum Höhlengrab seines Freundes und fordert die Angehörigen auf, den Stein wegzurollen. Marta gibt ihm aber zu verstehen, dass die Verwesung aufgrund des vierten Tages schon eingesetzt hat. Doch Jesus erinnert sie daran, dass sie die Herrlichkeit Gottes sehen wird. So rollen sie den Stein weg und Jesus spricht unerwarteter Weise kein Bittgebet, sondern dankt Gott für die Gebetserhörung! Er und der Vater sind eins. Sie sind so ineinander, dass Jesus keine lange Rede halten muss, damit sein Vater ihn erhört. Jesus tut es auch als Vorbild: Auch wir sollen nämlich mit demselben Glauben bitten, sodass wir ihm schon für seine Gebetserhörung danken sollen. Das Wann und das Wie widersprechen dem keineswegs, sondern wir überlassen es Gott. Selbst diese Worte hätte Jesus nicht sagen müssen, doch er selbst gibt zu verstehen, dass er es zum Zeugnis für die Umstehenden so formuliert hat.
So ruft Jesus Lazarus heraus und Lazarus wird von den Toten erweckt! Er ist noch voller Binden, die man ihm dann abnimmt. Was hier passiert, ist wie gesagt ein Vorgeschmack des Osterereignisses. So wird der Vater durch seinen Hl. Geist zu seinem Sohn sagen: Mein Sohn steh auf! Und der Geist Gottes wird ihm wieder das Leben zurückgeben, er wird den Leib aber so umwandeln, dass er nicht mehr ist wie zuvor. Und so ruft Gott auch uns, wenn wir sterben und vor ihn treten. Und am Ende der Zeiten wird er es jedem bis dahin Verstorbenen zurufen von den Gräbern aus. Dann werden ihre Seelen mit den Leibern wieder vereint und alle werden aus ihren Gräbern heraustreten wie Lazarus heute im Evangelium.
Durch diese heftige Heilstat kommen viele zum Glauben. Jesus hat nicht nur einen Verstorbenen zum Leben erweckt. Er hat den vielen Umstehenden das ewige Leben geschenkt durch den Glauben, zu dem sie gekommen sind! Das ist ebenfalls eine Art von Totenerweckung, die in diesem Evangelium nicht zu vergessen ist. So handelt Jesus immer wieder. Wenn er einen Blinden heilt, dann nimmt er zugleich den Umstehenden ihre innere Blindheit. Wenn er einen Tauben heilt, dann legt er auch die Ohren des Herzens bei den Umstehenden frei. So ist Gott. Er kümmert sich um jeden Menschen und heilt ihn auf die Weise, die er benötigt.
Nicht alle kommen zum Glauben an ihn, sondern einige melden es den Pharisäern. Das wird diesen noch mehr Anlass dazu geben, Jesus beim Sanhedrin anzuklagen.

Heute hören wir sehr viel von Tod und Auferstehung. Die eigentliche Auferstehung und das Leben besteht in der seelischen Auferstehung, die am Ende der Zeiten um eine leibliche Auferstehung vervollständigt wird. Das irdische Leben ist nicht die Erfüllung des Glücks, sondern das ewige Leben bei Gott. Dies zeigt uns Jesus auf ganz besonders intensive Weise heute im Evangelium, das sich ganz in der Nähe von Jerusalem abspielt, dem Ort, an dem er selbst den Tod und die Auferstehung durchmachen wird. Der Ort, von dem das ewige Leben ausgeht! Lassen auch wir uns im Laufe dieser Fastenzeit wieder zum Leben erwecken, damit wir zusammen mit Jesus an Ostern auferstehen werden! Nutzen wir dafür die größte Wiederbelebungstechnik, die Jesus uns schenkt – das Sakrament der Beichte.

Ihre Magstrauss

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