Dienstag der 7. Osterwoche

Apg 20,17-27; Ps 68,10-11.20-21; Joh 17,1-11a

Apg 20
17 Von Milet aber sandte er nach Ephesus und rief die Ältesten der Gemeinde herüber.
18 Als sie aber zu ihm gekommen waren, sprach er zu ihnen: Ihr wisst, wie ich vom ersten Tag an, da ich nach Asien kam, die ganze Zeit bei euch gewesen bin
19 und dem Herrn diente mit aller Demut und unter Tränen und Versuchungen, die mir durch die Nachstellungen der Juden widerfuhren;
20 wie ich nichts zurückgehalten habe von dem, was nützlich ist, dass ich es euch nicht verkündigt und euch gelehrt hätte, öffentlich und in den Häusern,
21 da ich sowohl Juden als auch Griechen die Buße zu Gott und den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus bezeugte.
22 Und nun siehe, gebunden im Geist, gehe ich nach Jerusalem und weiß nicht, was mir dort begegnen wird,
23 außer dass der Heilige Geist mir von Stadt zu Stadt bezeugt und sagt, dass Fesseln und Bedrängnisse auf mich warten.
24 Aber ich achte mein Leben nicht der Rede wert, damit ich meinen Lauf vollende und den Dienst, den ich von dem Herrn Jesus empfangen habe: das Evangelium der Gnade Gottes zu bezeugen.

25 Und nun siehe, ich weiß, dass ihr alle, unter denen ich umhergegangen bin und das Reich gepredigt habe, mein Angesicht nicht mehr sehen werdet.
26 Deshalb bezeuge ich euch am heutigen Tag, dass ich rein bin vom Blut aller;
27 denn ich habe nicht zurückgehalten, euch den ganzen Ratschluss Gottes zu verkündigen.

In der Lesung wird uns weiterhin von der dritten Missionsreise des Paulus berichtet. Dabei werden viele spektakuläre Erzählungen übersprungen, die zwischen der gestrigen und heutigen Lesung berichtet werden. Unter anderem werden dort Wunder geschildert, die durch Auflegen der Schweißtücher des Paulus geschehen sind. Sogar Dämonen sind aufgrund von Pauli Kleidungsstücken ausgefahren! Das ist ein biblischer Beleg für die erste Reliquienpraxis!
Es wird auch von einem Aufruhr der Kunsthandwerker der Stadt Ephesus berichtet, die aufgrund der Kritik Pauli an der paganen Götterverehrung ihr Gewerbe in Gefahr sahen. Insbesondere fühlten sie ihre große Artemis Ephesia verunglimpft. Bei einer Versammlung im Theater schreien die Menschen „Groß ist die Artemis Ephesia!“
Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Der große Missionserfolg des Paulus zeigt in dieser Episode seine Schattenseiten.
Dann reist Paulus nach Mazedonien ab mit der Absicht, zunächst nach Jerusalem zurückzukehren und dann nach Rom zu gehen. Dann werden in knappen Worten die weiteren Aufenthalte geschildert wie Mazedonien, Griechenland, besonders wird der Zwischenhalt in Troas erzählt, weil dort ein Mann bei der langen Predigt des Paulus während der Messe schläfrig aus dem Fenster fällt und stirbt, doch von Paulus wieder auferweckt wird. Von Troas kommt er nach Milet und vermeidet es, sich von den Ältesten der Gemeinde von Ephesus persönlich zu verabschieden. Diese kommen von Ephesus zu ihm (die Städte liegen sehr nah beieinander, heutzutage etwa eine Autostunde voneinander entfernt). Paulus ahnt, dass er sie persönlich nicht mehr wiedersehen wird. So hält er eine Art Abschiedsrede:
Er fasst sein Wirken in Kleinasien rückblickend zusammen und erinnert sie daran, dass er die ganze Zeit bei ihnen gewesen ist. Das müssen wir so verstehen, dass es nicht die physische Anwesenheit meint, sondern die seelische Verbundenheit. Die Apostelgeschichte berichtet uns ja immer ausführlich von seinen Reisen. Und doch ist Ephesus eine Stadt, in die er immer wieder zurückkommt und nach dem Rechten sieht. Dort musste er wirklich viel einstecken und hat viele Tränen vergossen über die Ablehnung der Juden, nicht weil sie ihn ablehnten, sondern Gott.
Wenn Paulus dann sagt: „öffentlich und in den Häusern“, dann meint er mit der öffentlichen Predigt zunächst die Synagogen, in die er als erstes ging. Er meint auch die Marktplätze der Städte und in Athen hat er ja sogar auf dem Areopag gesprochen. In den Häusern hat er vor allem im Kontext der Eucharistie gesprochen, denn die Christen haben sich in Hausgemeinschaften getroffen. Dort hat er das Evangelium Jesu Christi verkündet und die Heilige Messe gefeiert. Dabei hat er sowohl Juden als auch Griechen zur Umkehr verholfen.
Er kündigt ihnen an, dass er nach Jerusalem gehen werde „gebunden im Geist“. Das bedeutet, dass dieser ihn dorthin führt, wie er damals Jesus Christus in die Wüste geführt hat. Paulus ist gehorsam und kann nicht anders, als dem Drängen des Geistes zu folgen. Er hat sich dabei selber an ihn gebunden, als er freiwillig den Glauben annahm, getauft und gefirmt und mit allen Geistesgaben ausgestattet worden ist, die er für seine Missionsarbeit benötigt.
Vom Geist wird ihm auch eingegeben bzw. wird er vorgewarnt, dass überall Bedrängnisse auf ihn warten. Er hat immer wieder mit Widerständen zu rechnen und wird mehrfach ins Gefängnis geworfen, angeklagt, sogar gesteinigt. All dies widerfährt ihm, weil er in der Nachfolge Jesu steht.
Dies nimmt er aber bereitwillig auf sich und achtet sein Leben gering. Er setzt wirklich das um, was Jesus über die Jüngerschaft erklärt hat: „Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Jesus sagt auch, dass wer sein Leben gewinnen will, es verlieren wird und wer sein Leben verliert, es gewinnen wird. Das geschieht bei Paulus. Er achtet sein irdisches Leben gering und nimmt all die Strapazen auf sich um des Himmelreiches Willen und zur Bekehrung der Völker, damit er das ewige Leben gewinnt. Den Lauf, den er vollenden will, ist eine Metapher aus dem Sport. Es meint den Wettlauf als älteste athletische Sportart der Griechen. Und da muss man so rennen, dass man gewinnt. Es bringt nichts, nur 50% zu geben, sondern man gibt alles, um am Ende den Preis zu erhalten. So gibt er alles, um den Preis des ewigen Lebens zu empfangen. Natürlich ist es kein Zufall, wenn Paulus bei den Ephesern solche Metaphern andeutet, da es bei ihnen viele agonale Feste zu Ehren der Götter und später des Kaisers gibt.
Schließlich lässt er die Ältesten unverblümt wissen, dass er sie nicht mehr sehen wird. Er stellt ihnen gegenüber klar, dass er rein vom Blut aller sei. Das verstehen wir am besten vor dem Hintergrund von Ez 33. Dort fordert Gott vom Propheten Rechenschaft für das Blut des Volkes. Paulus möchte hier sagen, dass er den Ephesern nichts von der Verkündigung vorenthalten hat und somit unschuldig am Blut (das heißt hier Leben, dahinter steht die Vorstellung, dass im Blut das Leben des Menschen sitzt) der Epheser ist. Er hat ihnen das ewige Leben nicht vorenthalten durch bewusstes Verschweigen der Wahrheit. Dies erklärt er dann auch einen Vers später, da er den Ratschluss Gottes ganz kommuniziert hat. Es ist ein endgültiger Abschied und auf Paulus werden noch größere Leiden zukommen. Wie er selbst erklärt hat, werden es die schmerzhaften Wehen der Geburt der Kirche sein, die viele Kinder Gottes hervorbringen wird.

Ps 68
10 Reichlich Regen gießt du aus, Gott; dein Erbland – wenn es ermattet war, hast du selbst es wiederhergestellt.
11 Deine Schar ist darin sesshaft geworden; du sorgst in deiner Güte für den Elenden, Gott!
20 Gepriesen sei der Herr Tag für Tag! Er trägt für uns Last, Gott ist unsere Rettung. //
21 Gott ist uns ein Gott der Rettungen, und in der Macht des HERRN, des Herrn, stehen die Auswege vom Tod.

Heute beten wir als Antwort wieder aus dem Ps 68, doch andere Verse als zuvor. Sie thematisieren den Segen Gottes, den er seinen geliebten Kindern erweist. Diesen Segen verdanken wir jenen, die sich ganz für das Reich Gottes aufgeopfert haben wie Paulus in der Apostelgeschichte, wie den vielen anderen Missionaren. Und in allererster Linie jener, dem sie überhaupt erst nachfolgen: Jesus Christus, der Sohn Gottes, der durch sein Kreuz und seine Auferstehung die Erlösung der gesamten Menschheit erwirkt hat.
Die dadurch für uns ausgegossene Gnade wird im Alten Testament oft mit Regen verglichen. Diese Metapher ist für uns ein wichtiger Aspekt und ein roter Faden für den Heiligen Geist als lebendiges Wasser. Im wörtlichen Sinn meint es natürlich den Regen als meteorologisches Phänomen, das die Menschen am Leben erhält, das die Ernte und somit das Überleben sichert. Das ermattete Erbland (das meint das verheißene Land, das Gott den Israeliten gegeben hat), wird durch den Regen wiederhergestellt. Die großen Hungersnöte, die nicht nur zur Ermattung der Menschen, sondern auch mehrfach zum Tod geführt haben, finden dadurch ein Ende.
Der Regen ist aber auch im geistlichen Sinn weiterzubetrachten: Gott sendet seine Gnade auf die ermattete Menschheit, die im Exil aus dem Paradies fern von seiner Gnade ganz eingegangen ist, geschwächt von den Versuchungen des Bösen, in ihrer Hoffnungslosigkeit ganz niedergedrückt. Durch sein Erlösungswirken hat Gott die Tür zum Paradies wieder geöffnet und so den vollen Zugang zur Gnadenquelle wiederhergestellt. Die Menschen können wieder Hoffnung auf das ewige Leben haben! Das alte Israel hatte eine Messiaserwartung irdischer/politischer Art. Doch auch so greift die Regenmetapher: Das entkräftete Volk durch die ganzen Fremdherrschaften wird befreit von einer menschlichen Figur, die politischen Frieden bringt und so wie der Regen auf ausgetrocknetem Land ist. Dazu passt auch die Hirtenmetapher von Ps 23 (Ruheplatz am Wasser).
Wir sehen noch viel weiter: Gott sendet uns den Heiligen Geist. Er ist es, der die Kirche zum Leben erweckt hat und in ihr lebt und wirkt. Er ist es, der auch heute das Anlitz der Erde erneuert, indem er die ausgetrocknete gottlose Gesellschaft wieder neu belebt. Er ist es, der auch die ausgetrocknete Seele des Menschen neu tränkt. Dies geschieht besonders intensiv in der Taufe, die das ewige Leben schenkt, aber auch im Sakrament der Versöhnung, wenn der Geist uns wiederherstellt in den Stand der Gnade.
Die Schar Gottes ist nun nicht mehr nur das Volk Israel, sondern alle Menschen, die ihn annehmen und dadurch in die Familie Gottes neugeboren werden. Sie sind sesshaft geworden in der Kirche, die die Gemeinschaft der Heiligen ist – in der sichtbaren und in der unsichtbaren Welt!
Gepriesen sei Gott tagtäglich, weil er seine Kinder so gut versorgt (vor allem auf die Ewigkeit hin). Er ist wahrlich ein Gott des Heils.
Gott trägt für uns Last und ist nie überfordert. Jesus ermutigt schon im Evangelium, ihm alle Lasten zu übergeben, um den Herzen der Menschen Ruhe zu verschaffen.
Er ist wirklich die Rettung, denn er hat die Sünde der Welt auf sich genommen. Er hat die Welt erlöst und so den Menschen das ewige Leben geschenkt. Die ganze Heilsgeschichte hindurch sehen wir seine Rettungsaktionen. Immer wieder rettet er sein Volk aus der Hand der Feinde, immer wieder bewahrt er seine Kinder vor dem ewigen Tod. Dies kann er deshalb, weil er allmächtig ist und weil er ein Gott des Lebens ist.

Joh 17
1 Dies sprach Jesus. Und er erhob seine Augen zum Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht!
2 Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt.
3 Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus.
4 Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast.
5 Jetzt verherrliche du mich, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war!
6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir und du hast sie mir gegeben und sie haben dein Wort bewahrt.
7 Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist.
8 Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben und sie haben sie angenommen. Sie haben wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast.
9 Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir.
10 Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht.
11 Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt und ich komme zu dir.

Das heutige Evangelium ist ein Ausschnitt aus dem hohepriesterlichen Gebet Jesu. Dieses Gebet vervollständigt die „Liturgie“ Jesu am Abend vor seinem Tod. Er hat die Eucharistie eingesetzt und dabei das Pessachfest typologisch erfüllt. Mit seinem Kreuzestod wird die Versöhnung der Welt mit Gott erwirkt und so verbindet sich die Pessachtypologie des letzten Abendmahls mit der des Jom Kippur, des Versöhnungstages. Bei diesem Fest, das das höchste Fest der Juden darstellt, ist es zur Zeit Jesu so, dass der Hohepriester ausnahmsweise zum Allerheiligsten vordringen darf und mit dem Blut von zwei Opfertieren den Deckel der Bundeslade besprengt. Er tut dies stellvertretend für die ganze Gemeinde und bittet um Vergebung der Sünden des Volkes Israel. Unter anderem wird auch ein Sündenbockritual vorgenommen, bei dem die Sünden des Hohepriesters öffentlich bekannt werden, auf das Tier „übertragen“ und dieses dann in die Wildnis geschickt wird. An diesem Festtag wurde auch ein Opfer zur Reinigung des Tempels dargebracht.
Dies alles müssen wir bedenken, wenn wir Jesu Gebet betrachten. Dann geht uns auf, was den Aposteln in dem Moment vielleicht aufgegangen ist, mindestens dem Mystiker Johannes: Dass Jesus nicht nur Pessach in den Neuen Bund integriert, sondern auch Jom Kippur.
Bevor er zum Gebet ansetzt, hören wir als erstes: „Dies sprach Jesus“. Es signalisiert uns, dass die Reihe der Abschiedsreden nun abgeschlossen ist.
Jesus erhebt die Augen zum Himmel, weil er nun zum Vater sprechen wird. „Die Stunde ist gekommen.“ Im Johannesevangelium hat die Rede von der „Stunde“ eine heilsgeschichtliche Bedeutung. Als Maria ihren Sohn bei der Hochzeit zu Kana auf den ausgegangenen Wein hinweist, entgegnet er ihr: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Es ist nicht wörtlich zu verstehen, denn Jesus meint nie eine bestimmte Stunde des Tages, sondern einen Zeitpunkt im Heilsplan Gottes. Im heutigen Evangelium ist die Stunde des Leidens gekommen, das sehr bald beginnen würde. Und der ganze Vorgang bis zum letzten Atemzug am Kreuz ist ein Prozess der Verherrlichung. Jesus wird über alle anderen erhöht. Der Erhöhung durch den Vater bei der Himmelfahrt geht die Erhöhung am Kreuzesholz voraus. Die „Stunde“ meint zugleich das Hinübergehen zum Vater, zu dem er im Gebet spricht. Und Jesus verherrlicht im Gegenzug den Vater dadurch, dass an ihm Gottes große Taten offenbar werden. Dadurch werden wiederum viele Menschen Gott die Ehre geben.
Jesus spricht über sich in der dritten Person, wenn er als Grund für seine Verherrlichung die Bevollmächtigung durch den Vater nennt. Dieser vertraut ihm alle Menschen an, damit er ihnen das ewige Leben schenke.
Jesus erklärt, worin das ewige Leben besteht – in der Erkenntnis Gottes und seines Gesalbten. Die Erkenntnis eröffnet das ewige Leben, denn wer Gott erkannt hat, kommt zum Glauben an ihn und lässt sich taufen. Wer getauft ist, nimmt die Erlösung Christi an und wird zum Erben des Reiches Gottes eingesetzt.
Dieses Erkennen hat im gesamtbiblischen Zeugnis eine tiefe Bedeutung: Adam und Eva erkennen einander und so wird Eva schwanger. Es ist die liebende Vereinigung zwischen Mann und Frau. Erkennen ist aber auch eine Liebe auf seelischer Ebene. So erkennen z.B. die Emmausjünger beim Brechen des Brotes und Maria Magdalena Jesus am Grab. Es ist eine liebende Vereinigung der Seelen. Und wenn wir nach unserem Tod vor Gott stehen, werden wir ihn erkennen, sodass wir ihn sehen, wie er ist. So werden wir in der ewigen Erkenntnis leben – der ewigen Liebesgemeinschaft mit Gott. Diese ultimative Erkenntnis erfahren wir auf Erden stückhaft schon sakramental, wenn wir Eucharistie feiern. Dann erkennen wir in den eucharistischen Gestalten Jesus Christus. Wir erkennen ihn auch in der Liebe, die uns andere Menschen erweisen.
Jesus hat den Vater auf der Erde verherrlicht, weil er seinen Willen ganz erfüllt hat, der ein Heilswille ist. Er hat alles bis zum letzten Atemzug nach dem Willen des Vaters getan und dann zuletzt gesagt: „Es ist vollbracht.“
Und nun bittet er den Vater darum, dass auch dieser treu alles bis zum Ende vollbringt, sodass der Sohn dann wieder verherrlicht an seiner Seite sitzen wird. Hier spricht Jesus auch seine eigene Präexistenz aus („die ich bei dir hatte, bevor die Welt war“). Jesus ist das fleischgewordene Wort und dieses Wort war im Anfang bei Gott, wie es der Johannesprolog feierlich erklärt.
„Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart.“ Jesus hat den Vater wirklich authentisch ausgelegt. Er hat die Jünger „aus der Welt“ berufen zur Nachfolge (Welt ist hier wieder Ausdruck der gefallenen Schöpfung), damit sie das Herz des Vaters durch die Offenbarung Jesu Christi immer mehr kennenlernen. Mit „Name Gottes“ ist dessen innerstes Wesen gemeint. Auch am brennenden Dornbusch hat sich Gott dem Mose mit einer Eigenschaft oder Tätigkeit als Namensbezeichnung vorgestellt: Jahwe, „ich bin/ich werde sein“. Er ist ein Gott, der für die Menschen da ist und sie nie verlässt. Die Apostel haben das Wort bewahrt, das heißt das Evangelium Jesu Christi in ihre Herzen geschrieben. Nun brauchen sie nur noch den Heiligen Geist, der zur gegebenen Zeit alles wieder hervorholt.
„Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist.“ Der Vater hat den Sohn gesandt, er hat ihn mit allen Vollmachten ausgestattet. Und die Apostel haben einen langen Prozess durchlaufen, bis sie soweit sind, Jesu Herkunft ansatzweise zu begreifen. Selbst in den Abschiedsreden ist ihre Schwerbegrifflichkeit noch durchgesickert.
Konkret nennt Jesus dann das Wort, das Jesus vom Vater empfangen und den Aposteln weitergegeben hat. Man spürt förmlich, dass Jesus beim Vater ein gutes Wort für die Apostel einlegen möchte. Es ist wie eine Apologie oder ein Plädoyer vor Gericht. Nachdem er sie mehrfach gelobt hat, kommt er nun zur Fürbitte: Jesus bittet für seine Apostel, denn sie gehören nun dem Vater.
Der Vater und der Sohn teilen alles miteinander. Alles gehört auch jeweils dem Anderen. Das macht die innige Liebe des dreifaltigen Gottes aus. Und das gemeinsame Werk des Vaters und des Sohnes wird im Glauben der Gläubigen fortgesetzt und deshalb wird Christus in ihnen verherrlicht.
Sie werden weiterführen, was er getan hat, weil sie in der Welt sind (als neue Schöpfung inmitten der gefallenen Schöpfung). Jesus aber geht zurück zum Vater.

Betrachten wir all das vor dem Hintergrund des Jom Kippur, erkennen wir in Christus den Hohepriester, der Gott um Vergebung der Sünden des Volkes bittet – zu diesem neuen Volk Gottes zählt zunächst sein Kern, der Apostelkreis. Jesus bittet im Voraus schon um Vergebung für den Verrat, den seine eigenen Freunde an ihm begehen werden. Er bittet auch für uns alle als Hohepriester, der aber seine eigenen Sünden nicht bekennt. Jesus ist ohne Sünde und kann gar kein Sündenbekenntnis ablegen. Das unterscheidet ihn von den Hohepriestern des Alten Bundes. Und wenn wir dann weiterschauen, was passieren wird, gibt es noch einen entscheidenden Unterschied. Nicht mehr das Blut von Opfertieren wird auf den Deckel der Bundeslade gesprengt, sondern Jesus selbst wird zum Opfer, das seine Gläubigen mit dem kostbaren Blut besprengt. Dies berichtet Johannes im Passionsbericht sehr anschaulich, als durch den Lanzenstoß eines Soldaten ins Herz Jesu Blut und Wasser hervorfließen – sein kostbares Blut der Versöhnung und das Wasser des Heiligen Geistes, auf den wir uns vorbereiten! Jesus ist Hohepriester und Opfer zugleich. Als Makelloser hat er ein ultimatives Jom Kippur erwirkt, den Versöhnungstag, der keinen weiteren mehr notwendig machen wird. Jom Kippur wird lediglich erneuert und in die jeweilige Gegenwart geholt, wenn wir die Eucharistie begehen. Jom Kippur wird auch immer dort Gegenwart, wo wir das Sakrament der Versöhnung empfangen und wo uns die Sünde vergeben wird. Der Tag der Versöhnung wird vor allem dann offenbar, wenn wir in die Ewigkeit eingehen, wo wir Gott unverhüllt erkennen werden, wie er uns erkannt hat.

Jesus betet für seine Apostel, die nach seinem Tod und der Spendung des Heiligen Geistes als Gott ganz Geweihte Christi Werk fortsetzen werden. Bis dahin wird noch sehr viel passieren und die Apostel sind noch längst nicht so weit, dass man sie als brennende Zeugen für Christus bezeichnen kann. Der eine verrät seinen Rabbi, der andere leugnet, ihn zu kennen. Nur einer von zwölf Aposteln steht Jesus bis zum Schluss bei. Und doch schreibt Gott auf krummen Seiten gerade. Sein Werk ist es, in der Schwachheit des Menschen seine Gnade walten zu lassen, damit jeder erkennt, dass er es ist, der durch die Menschen wirkt.
Auf die Fülle dieser Gnade warten die Apostel zusammen mit dem erweiterten Jüngerkreis nach der Himmelfahrt Christi. Es ist im wahrsten Sinne die Ruhe vor dem Sturm. Aber wenn sie den Geist erst einmal empfangen haben, werden sie die Worte Davids im Psalm wirklich beherzigen: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil. Vor wem sollte ich mich fürchten?“

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