Montag der zweiten Adventswoche

Jes 35,1-10; Ps 85,9-10.11-12.13-14; Lk 5,17-26

Jes 35
1 Jubeln werden die Wüste und das trockene Land, jauchzen wird die Steppe und blühen wie die Lilie.

2 Sie wird prächtig blühen und sie wird jauchzen, ja jauchzen und frohlocken. Die Herrlichkeit des Libanon wurde ihr gegeben, die Pracht des Karmel und der Ebene Scharon. Sie werden die Herrlichkeit des HERRN sehen, die Pracht unseres Gottes.
3 Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie!
4 Sagt den Verzagten: Seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott! Die Rache kommt, die Vergeltung Gottes! Er selbst kommt und wird euch retten.
5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben werden geöffnet.
6 Dann springt der Lahme wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen frohlockt, denn in der Wüste sind Wasser hervorgebrochen und Flüsse in der Steppe.
7 Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Wassern. Auf der Aue, wo sich Schakale lagern, wird das Gras zu Schilfrohr und Papyrus.
8 Dort wird es eine Straße, den Weg geben; man nennt ihn den Heiligen Weg. Kein Unreiner wird auf ihm einherziehen; er gehört dem, der auf dem Weg geht, und die Toren werden nicht abirren.
9 Es wird dort keinen Löwen geben, kein Raubtier zieht auf ihm hinauf, kein einziges ist dort zu finden, sondern Erlöste werden ihn gehen.
10 Die vom HERRN Befreiten kehren zurück und kommen zum Zion mit Frohlocken. Ewige Freude ist auf ihren Häuptern, Jubel und Freude stellen sich ein, Kummer und Seufzen entfliehen.

Jesajas Worte sind heute wieder sehr tröstlich und lassen das Herz höher schlagen. Es handelt sich beim heutigen Abschnitt um eine Heilsverheißung für Zion und somit hören wir wieder markante messianische Verheißungen, deren Aussagekraft sich vor allem im Evangelium erfüllen wird. „Jubeln werden die Wüste und das trockene Land, jauchzen wird die Steppe und blühen wie die Lilie.“ Was hier umschrieben wird, ist das Hineinkommen von Leben inmitten des Todes. Das ist bereits sehr messianisch und der Inbegriff der Erlösung: aus dem Tod ins Leben kommen. Es ist dabei bemerkenswert, wie immer wieder die Wüste zum Ort der Gottesbegegnung wird. Gottes Methodik, den Menschen seinen Plan zu offenbaren, umfasst selbst die Orte, an denen er sich offenbart. Das ist Gottes Schule. Es ist also keinesfalls zufällig, dass dann auch Johannes der Täufer in der Wüste das Kommen des Gottesreiches ankündigt.
Wenn die Rede davon ist, dass es mitten in der Wüste zum Blühen kommt, liegt es daran, dass dort die Begegnung mit Gott stattfindet: weil die Israeliten „die Herrlichkeit des HERRN sehen“ werden.
„Er selbst kommt“ muss man wirklich wörtlich nehmen. Gott ist schon unterwegs. Er wird nicht einfach irgendwann sein – deshalb heißt es auch in der Offb in der Dreizeitenformel auch nicht „er, der war, der ist und der sein wird“, sondern „er war, er ist und er kommt“. Gott ist schon auf dem Weg zu uns! Dieses Kommen verbinden wir mit dem Messias Jesus, der in die Welt gekommen ist und unter uns gelebt hat. Gott kommt auch heute zu uns, wenn wir die Sakramente feiern, v.a. in der Eucharistie. Jesus kommt physisch zu uns, wie er auch damals leibhaftig unter uns war. Wir sehen ihn nur nicht mehr in der Gestalt des Menschen, sondern in Brot und Wein. Solange es die Kirche gibt, kommt Gott physisch zu uns. Deshalb brauchen wir die Priester. Ohne sie kann es keine Eucharistie geben. Gott kommt in unser Herz, wenn wir ihn in der Kommunion empfangen. Er vereinigt sich mit unserer Seele. Gott ist immer bei uns, wie er es Mose im Dornbusch versprochen hat, als er sich selbst als Jahwe „ich bin der ich bin/ich bin der ich werde sein“ vorgestellt hat (das hebräische Wort ist sowohl als Gegenwarts- als auch als Zukunftsform übersetzbar). Es macht deshalb auch absolut Sinn, dass der Messias mit dem Namen „Immanuel“ angekündigt wurde, „Gott mit uns“. Vater und Sohn sind eins. Gott wird auch zu uns kommen am Ende der Zeiten. Der verherrlichte Menschensohn wird so kommen, dass alle es sehen werden. Das wird ein endgültiges Kommen sein, bei dem Gott ewig in unserer Mitte sein wird im himmlischen Jerusalem.
Weil Gott wiederkommen wird – wir nennen das Parusie -, sind wir in einem nachösterlichen Zustand der Erwartung, in einem zweiten Advent. Dies bedenken wir immer mit, wenn wir liturgisch Advent feiern. Wir gehen nicht nur auf das liturgische Weihnachtsfest zu, sondern darüber hinaus auf die endzeitliche Wiederkunft Christi.
Weiter heißt es bei Jesaja, dass Gott uns retten wird. Auch hier haben wir im Hebräischen wieder dieselbe Wurzel wie im Namen Jesu. Umso mehr handelt es sich um einen messianischen Code, wenn Gott selbst kommt, um uns zu retten. Jesus ist Gott selbst und das verstehen wir durch Jesaja!
Diese Rettung wird sich anhand von den markanten messianischen Heilstaten zeigen: Blinde sehen, Taube hören, Stumme reden, Lahme gehen. Diese vier Taten werden uns nachher noch einmal beschäftigen.
Wenn in der Wüste dann Wasser hervorgebrochen sind und Flüsse in der Steppe, dann ist das nicht nur ein Zeichen der Gegenwart Gottes, sondern vor allem des Hl. Geistes. Das betrifft auch die Rede von Teich und sprudelnden Wassern im nächsten Vers. Wir interpretieren dieses Wasser dann nämlich als das lebendige Wasser. Die Wasser in der Wüste sind schon hervorgebrochen. Das hebräische Verb נִבְקְע֤וּ  nivke’u ist als Vergangenheitsform zu übersetzen. Gott hat seinen Hl. Geist auch schon vor dem Kommen des Messias und vor dem Pfingstfest in die Welt gesandt. Vereinzelte Personen wie die Propheten sind mit dem Hl. Geist begabt worden. Mit dem Pfingstereignis kam der Hl. Geist aber noch einmal auf eine viel umfassendere Weise, und dies für jeden, der ihn annimmt.
Durch das Hervorsprudeln des Wassers wächst Schilfrohr und Papyrus, zwei Pflanzen, die an Gewässern überleben. Mit Schilfrohr ist eine stabile Pflanze gemeint, die auch als Messinstrument verwendet worden ist. Unter Papyrus verstehen wir botanisch gesehen das sogenannte Zyperngras. Dieses ist nicht so stabil wie das Schilfrohr und wird deshalb im Alten Testament oft als Bild für die Wankelmütigkeit einer Person verwendet. Hier im verheißungsvollen Kontext wie an mehreren anderen Stellen des Alten Testaments ist es ein Bild für den Trost und den Segen Gottes.
Der entstehende Weg wird grundgelegt mit dem Neuen Bund und führt uns zu den Worten Jesu im Johannesevangelium: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Keiner kommt zum Vater außer durch mich. Und dieser Weg ist der Stand der Gnade. Deshalb kann kein Unreiner ihn gehen. Verunreinigung bezieht sich aber nicht auf die rituelle Reinheit, wie es die Pharisäer zur Zeit Jesu dann annehmen werden, sondern auf die Reinheit des Herzens, von dem aus reine Gedanken, Worte und Werke ausgehen.
Auf ihm gehen dann jene, die erlöst sind. Und die Erlösung nehmen wir in der Taufe an. Als Getaufte sind wir aber im Stand der Gnade und so können uns die wilden Tiere (das ist ein Bild für Dämonen) nichts anhaben. Wir stehen unter dem Schutz Gottes.
Wenn in Vers 10 die Einheitsübersetzung mit „die Befreiten“ übersetzt, muss es eigentlich wörtlich heißen „die Freigekauften“. Dies ist klassische Erlösungsterminologie! Sie erscheint dort, wo es um die Erlösung der Menschheit geht, insbesondere im NT (1 Kor 6; 7; 2 Petr 2; Offb 5). Hier ist der Freikauf zunächst historisch auf das Volk Israel zu beziehen, das nach dem Exil endlich zurückkehren darf und gerade Jerusalem mit dem Tempel wieder aufbauen darf, um dem Herrn zu opfern. Über dieses einmalige historische Ereignis hinaus bezieht es sich auf die Losgekauften durch Jesus Christus. Er hat uns vom Fluch der Erbsünde befreit, indem er für uns gestorben und auferstanden ist. „Zion“ ist dann das Reich Gottes, dass Jesus verkündet hat und dessen Mitte er selbst ist. In seiner Nachfolge ist Zion seine Braut, die Kirche, in der er lebt und wirkt. Die Menschen, die durch die kirchliche Verkündigung zum Glauben an Christus kommen und sich taufen lassen, sind die Losgekauften, die zum Zion zurückkehren. Das betrifft auch jeden einzelnen Menschen, der aus der Knechtschaft der Sünde v.a. durch die Beichte befreit wird und zum Zion, dem Stand der Gnade, zurückkehren darf. Schließlich meint es die Losgekauften von den Leiden der Welt, die das ewige Leben bei Gott haben dürfen. Zion meint in diesem Sinne den Himmel, das offenbar gewordene Reich Gottes.
„Ewige Freude ist auf ihren Häuptern“. Durch den Begriff der Ewigkeit handelt es sich hier um eine v.a. anagogische Aussage. Bleibende Freude ist immer nur bei Gott, irdische Freude ist vorübergehend. Wir dürfen auf Erden jedoch auch schon eine dauerhafte Freude genießen, wo sie vom Hl. Geist als Frucht gegeben wird. Diese wird sich am Ende der Zeiten aber noch vollenden. Historisch gesehen handelt es sich um ein Stilmittel, die Freude der Israeliten über die Rückkehr zum verheißenen Land und in die Hl. Stadt Jerusalem zu verdeutlichen. Für Jesus war es eine große Freude, zu Menschen sagen zu können: „Deine Sünden sind dir vergeben. Geh und sündige nicht mehr!“ Es ist eine große Freude für Gott, wenn jemand zu ihm findet. Jesus hat dies durch unzählige Gleichnisse immer wieder gesagt, vor allem im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der Vater veranstaltet ein großes Fest, weil sein Sohn wieder lebt. Auch die Kirche freut sich über jeden Bekehrten. Sie ist eine einzige Familie, die unter jeder Sünde leidet. Sie leidet, wenn es einem einzigen Mitglied nicht gut geht. Umso mehr ist es ein Grund zur Freude, wenn es zu einer Versöhnung mit Gott in der Beichte kommt – und mit der Gemeinschaft der Heiligen! Das geschieht nämlich beides gleichermaßen durch das Beichtsakrament. Im Anschluss an diese Versöhnung feiert auch sie ein großes Fest, die Eucharistie! Nicht umsonst wird sie mit einem Hochzeitsmahl verglichen. Erstens hat Gott im AT und Jesus Christus im NT immer wieder um seine Braut geworben und sich selbst als Bräutigam bezeichnet. Zweitens ist die Hochzeit der Anlass zur Freude schlechthin! Nicht umsonst steht die Hochzeit zu Kana am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu (Joh 2). Und diese Freude wird sich vollenden und erreicht eine unvergleichlich höhere Qualität am Ende der Zeiten, wenn die Hochzeit des Lammes kommen wird (Offb 19).

Ps 85
9 Ich will hören, was Gott redet: Frieden verkündet der HERR seinem Volk und seinen Frommen, sie sollen sich nicht zur Torheit wenden.
10 Fürwahr, sein Heil ist denen nahe, die ihn fürchten, seine Herrlichkeit wohne in unserm Land.
11 Es begegnen einander Huld und Treue; Gerechtigkeit und Friede küssen sich.
12 Treue sprosst aus der Erde hervor; Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder.
13 Ja, der HERR gibt Gutes und unser Land gibt seinen Ertrag.
14 Gerechtigkeit geht vor ihm her und bahnt den Weg seiner Schritte.

Als Antwort beten wir Psalm 85, der für die jüdische Liturgie bestimmt war. Diesen Psalm beteten wir bereits gestern. Es geht in diesen Versen um die Bitte um Gerechtigkeit. Wir sehen das leidende Volk Israel vor uns, das um Erlösung vom „Frondienst“ bittet.
„Ich will hören, was Gott redet“ ist ein Ausdruck der Bereitschaft des Beters. Gottes Willen anzuhören und nicht verstockt zu sein, ist eine wichtige Zusage an Gott. Es ist ein: „Rede HERR, dein Diener hört“ in Psalmensprache. Die Selbstaufforderung ist als Psalmenanfang ja häufig belegt. Gott verkündet seinem Volk den Frieden, das ist so eine große Verheißung, dass ihre Ablehnung eine einzige Torheit darstellt, einen absoluten Leichtsinn. Wer einen gesunden Menschenverstand besitzt, kann nur so reagieren. Wie kann man einen großen Schatz links liegen lassen und stattdessen im Kuhfladen herumstochern? Dieser Friede, der Schalom, ist Gottes Gabe, die hier noch als Gabe an das auserwählte Volk Israel verstanden wird. Bei Paulus weitet sich aber der Blick auf alle Menschen, die den Frieden Gottes in ihren Herzen willkommen heißen.
Im Folgenden hören wir von Heilsverheißungen: Huld und Treue begegnen einander. Das Begriffspaar wird üblicherweise auf Gott bezogen. Sie sind seine Eigenschaften. Ebenso kommen „Gerechtigkeit und Friede“ von Gott. Wenn hier bildlich-poetisch gesagt wird, dass sie sich küssen, meint das ihre Verbindung. Ich habe schon öfter erklärt, dass dem umfassenden Heil eine Gerichtsvollstreckung vorausgeht. Beides gehört zusammen. Gericht und Heil sind zwei Seiten einer Medaille. Der Friede des Gottesreiches kommt, nachdem alles Böse vernichtet und gerichtet worden ist. Es hat im Reich Gottes keinen Platz. Gottes Gerechtigkeit ist nicht als etwas Böses und Angsterfüllendes anzusehen, sondern als Erlösung von den Ungerechtigkeiten dieser Welt. Bedrohlich ist es nur für jene, die bis zum Schluss Gott abgelehnt haben. Diese erhalten dann ihre finale Abrechnung.
„Treue sprosst aus der Erde hervor“ ist eine wunderbare poetische Formulierung, die verdeutlicht: Egal, wie sehr nun alles in Trümmern liegt und zerstört ist – Gott ist dennoch treu und hält fest an dem Bund, den er mit seiner Braut geschlossen hat. Die Treue sprosst aus der Erde hervor, denn die Wurzeln sind trotz der Verwüstung intakt geblieben. Auch wenn die Bäume abgehauen worden sind (was ein Gerichtsbild ist, das auch Johannes der Täufer aufgreifen wird), wächst aufgrund der gebliebenen Wurzel ein neuer Baum hervor. Und die hervorsprossende Treue in Person ist Jesus Christus, auf dessen Geburt wir zugehen.
„Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder“ ist wie bereits oben beschrieben keine bedrohliche Aussage, sondern ein tröstlicher Satz. Gott ist der Zustand auf Erden nicht egal. Er kümmert sich um seine Schöpfung und greift ein, wo Ungerechtigkeit herrscht. Er blickt vom Himmel herab, der sein „Wohnort“ ist, das heißt trotz seiner Existenz in der Ewigkeit sieht er alles, was im Diesseits geschieht. Das ist eine Aussage gegen deistische Konzepte.
Was von Gott kommt, ist immer gut. Auch das Gericht ist etwas Gutes, weil ohne es das umfassende Heil nicht kommen kann. Er gibt Gutes auch schon im Diesseits, indem er zum Beispiel für eine gute Ernte sorgt. Das ist Ausdruck seines Segens für die Menschen.
„Gerechtigkeit geht vor ihm her und bahnt den Weg seiner Schritte.“ Wie mehrfach gesagt kann Gott erst unter den Menschen wohnen im Himmlischen Jerusalem, wenn seine Gerechtigkeit alles Böse vernichtet, die gefallene Schöpfung komplett auf Null gebracht und eine neue Schöpfung hervorgebracht hat. Weil Gott der Gute ist, kann nichts Böses in seiner Gegenwart bestehen.
Für uns bedeutet diese Aussage ganz konkret: Der ganze Zustand in unserer Welt muss erst immer schlimmer werden, weil es wie die Geburtswehen ist, die dem Glück des geborenen Kindes vorausgehen. Diese werden auch immer stärker, bis das Kind endlich kommt. Es ist für uns in dieser Welt also sehr schmerzhaft und wird immer schlimmer, aber wir wissen, dass mit zunehmender Drastik das Kommen unseres Herrn immer näherrückt. Und sein Erbe, der Hl. Geist, trägt uns in diesen letzten Tagen hindurch.

Lk 5
17 Und es geschah eines Tages, als Jesus lehrte, saßen Pharisäer und Gesetzeslehrer dabei; sie waren aus allen Dörfern Galiläas und Judäas und aus Jerusalem gekommen. Und die Kraft des Herrn war mit ihm, sodass er heilen konnte.

18 Und siehe, Männer brachten auf seinem Bett einen Menschen, der gelähmt war. Sie wollten ihn ins Haus bringen und vor Jesus hinlegen.
19 Weil es ihnen aber wegen der Volksmenge nicht möglich war, ihn hineinzubringen, stiegen sie aufs Dach und ließen ihn durch die Ziegel auf dem Bett hinunter in die Mitte vor Jesus hin.
20 Als er ihren Glauben sah, sagte er: Mensch, deine Sünden sind dir vergeben.
21 Und die Schriftgelehrten und die Pharisäer fingen an zu überlegen: Wer ist dieser, der Lästerungen ausspricht? Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein?
22 Jesus aber erkannte ihre Gedanken und erwiderte ihnen: Was überlegt ihr in euren Herzen?
23 Was ist leichter, zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben! oder zu sagen: Steh auf und geh umher?
24 Damit ihr aber erkennt, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben – sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir: Steh auf, nimm dein Bett und geh in dein Haus!
25 Und sogleich stand er vor ihren Augen auf, nahm das Bett, auf dem er gelegen hatte, und ging Gott preisend in sein Haus.
26 Da gerieten alle außer sich; sie priesen Gott und sagten voller Furcht: Heute haben wir Unglaubliches gesehen.

Jesus heilt im heutigen Evangelium viele Menschen und viele Pharisäer sowie Gesetzeslehrer sind anwesend. Zugleich sind so viele Menschen versammelt, dass sie gar nicht ins Haus passen, wo sich die heutige Szene abspielt. Sie versammeln sich um das Haus, um Jesu Worten zu lauschen und das Heil in Anspruch zu nehmen, das von ihm ausgeht. Wir sehen an dieser Versammlung von Menschenmassen, wie sehr der Mensch es ersehnt. Hier erfüllt sich, was Jesaja angekündigt hat: Gottes Heil wird den Menschen zuteil.
Es ist so voll, dass man einen Gelähmten nebst Trage nicht durch die Tür bekommt. „Not macht erfinderisch“ und diese Menschen meinen es sehr ernst. Sie tun alles, um zu Jesus vorzudringen. Kurzerhand entfernen sie einen Teil des Daches, um Jesus zu erreichen. Sie unternehmen wirklich einiges, um zu Jesus kommen zu können. Dieser sieht, dass ihr Glaube groß ist.
Daraufhin sagt Jesus etwas Unerwartetes: „Mensch, deine Sünden sind dir vergeben.“ Die Anwesenden werden sehr irritiert reagiert haben, insbesondere die Pharisäer und Gesetzeslehrer. Erstens werden sie sich gewundert haben, warum Jesus einen Gelähmten nicht heilt, sondern über Sündenvergebung spricht, zweitens kann nur Gott die Sünden vergeben. Jesu Aussage ist also sehr provokativ.
Dementsprechend reagieren die Pharisäer und Schriftgelehrten auch mit Unmut und empfinden Jesu Worte als Blasphemie. Sie haben Jesu Gottheit nicht erkannt und reagieren deshalb so ablehnend. Jesus sieht ihr Herz und möchte sie lehren. Er erklärt ihnen, dass die Sündenvergebung schwieriger ist als die körperliche Heilung. Hier geht es um etwas Existenzielleres, nämlich um das ewige Leben.
Jesus möchte den Anwesenden zeigen, dass er der Messias ist, der Sünden vergeben kann. Er hat dazu die Vollmacht. Dies ist wichtiger als alles andere, denn die Sünde schneidet uns von Gott ab, sodass wir das ewige Leben verlieren. Jesus geht es immer, wirklich immer zuerst um das Reich Gottes (so wie er es uns verkündet, lebt er es vor). Dann erst kommt als „Bonus“ körperliche Heilung – auch gerade dann, wenn diese vom seelischen Zustand des Betreffenden abhängt.
Jesus möchte diese Reihenfolge den Menschen verdeutlichen und heilt deshalb zunächst die Seele, die Gottesbeziehung des Gelähmten, und erst dann die Lähmung selbst.
Diese Heilung ist wirklich wörtlich zu nehmen. Bis heute heilt Jesus Menschen, auch Gelähmte. Ich habe selbst mit eigenen Augen gesehen, wie ein Mann, der einen Motorradunfall hatte und kaum beweglich war – also halb gelähmt – von einem Moment auf den anderen ganz gesund war. Er konnte sich wieder ganz bewegen. Dies geschah erst, nachdem er eine gute Beichte abgelegt hat. Es war genauso wie im heutigen Evangelium. Darüber hinaus können wir die Lähmung des Mannes auf moralischer Ebene betrachten, ohne die wörtliche zu entkräften: Die Sünde legt den Menschen lahm. Er kann nicht mehr gegen den Bösen ankämpfen, sondern ist eigentlich ein Fall für das Lazarett. Und wenn man gelähmt ist, kann man nicht den Weg Jesu gehen, den Jesaja bereits angekündigt hat. Wie gesagt können keine Unreinen darauf gehen und diese sind gleichzusetzen mit der moralischen Lähmung.
Gott richtet uns auf, wenn wir das Sakrament der Versöhnung in Anspruch nehmen. Dann tut er mit unserer Seele genau das, was wir immer wieder von Jesus lesen: Er fasst uns bei der Hand und richtet uns auf. Wenn wir durch die Beichte wieder mit Gott versöhnt sind, sagt er zu uns „geh nach Hause“, das heißt zurück in die Gemeinschaft der Kirche. Und wenn wir im Stand der Gnade sterben, kann Gott uns am Ende unseres Lebens sagen: „Komm nach Hause“, nämlich zu ihm in sein himmlisches Reich.
Jesus vollbringt diese Heilstaten vor aller Augen, um den Glauben der Menschen zu stärken. Der Geheilte preist Gott in seinem Haus, was Jesus auch erreichen wollte: Der Mensch soll Gott verherrlichen und wenn er dazu nicht fähig ist, befähigt Jesus ihn. Die anwesende Menschenmenge preist Gott im Anschluss an das Wunder, was uns zeigt, dass ihr Glaube gestärkt worden ist.
Christus hat auch gerade einen Gelähmten geheilt, um vor den Augen der frommen Juden die Verheißung Jesajas zu erfüllen. Wir haben heute gehört, dass wenn das Heil Gottes kommt, Blinde sehen, Taube hören und Lahme springen werden. In Jesus Christus wird dieses Versprechen eingelöst.

Heute hören wir viele Texte über das ewige Heil Gottes, das mit seiner Menschwerdung schon angebrochen ist, sich mit seinem zweiten Kommen am Ende der Zeiten aber erfüllen wird. Zuvor muss es aber Gericht geben. Und deshalb ist die Sündenvergebung so wichtig. Wir klagen uns im Sakrament der Beichte selbst an und zeigen Gott unsere aufrichtige Reue. Wir versprechen, von nun an besser zu leben und bekommen das Geschenk der Versöhnung, das heißt Zurückversetzung in den Stand der Gnade. So sind wir wieder fähig, auf dem Weg zu gehen, den Christus gegangen ist – bis zur himmlischen Heimat. Wir werden heute dazu eingeladen, uns mit Gott zu versöhnen und eine gute Beichte abzulegen. Christus möchte uns dort im Beichtstuhl von unserer eigenen Gelähmtheit befreien. Denn bald ist Weihnachten. Es ist auch nicht so schwer für uns, zu Christus zu kommen wie für den Gelähmten. Wir müssen kein Dach durchbrechen. Nutzen wir die Zeit der Gnade!

Ihre Magstrauss

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