Freitag der 5. Osterwoche

Apg 15,22-31; Ps 57,8-9.10-11; Joh 15,12-17

Apg 15
22 Da beschlossen die Apostel und die Ältesten zusammen mit der ganzen Gemeinde, Männer aus ihrer Mitte auszuwählen und sie zusammen mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas, genannt Barsabbas, und Silas, führende Männer unter den Brüdern.
23 Sie gaben ihnen folgendes Schreiben mit: Die Apostel und die Ältesten, eure Brüder, grüßen die Brüder aus dem Heidentum in Antiochia, in Syrien und Kilikien.
24 Wir haben gehört, dass einige von uns, denen wir keinen Auftrag erteilt haben, euch mit ihren Reden beunruhigt und eure Gemüter erregt haben.
25 Deshalb haben wir einmütig beschlossen, Männer auszuwählen und zusammen mit unseren geliebten Brüdern Barnabas und Paulus zu euch zu schicken,
26 die beide für den Namen Jesu Christi, unseres Herrn, ihr Leben eingesetzt haben.
27 Wir haben Judas und Silas abgesandt, die euch das Gleiche auch mündlich mitteilen sollen.

28 Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge:
29 Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden. Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig. Lebt wohl!
30 Man verabschiedete die Abgesandten und sie zogen hinab nach Antiochia, riefen die Gemeinde zusammen und übergaben ihr den Brief.
31 Sie lasen ihn und freuten sich über den Zuspruch.

Gestern hörten wir in der Lesung von hitzigen Auseinandersetzungen auf dem Apostelkonzil in Jerusalem. Es wurde über die Heilsnotwendigkeit der Beschneidung diskutiert sowie über die Haltung der gesamten Torah durch die Heiden. Petrus hat entschärfend eingewirkt, Paulus und Barnabas die Chance gehabt, Zeugnis von der heidnischen Bekehrungswelle auf der ersten Missionsreise zu berichten und Jakobus sodann das entscheidende Wort gesprochen: So wie im levitischen Heiligkeitsgesetz notiert sollen die Heiden aus Rücksicht vor den Judenchristen ein Mindestmaß an Ritualgeboten einhalten, ansonsten aber weder beschnitten werden noch der Torah unterworfen werden. Sie sollen nicht mit der pharisäischen Strenge belastet werden wie die Juden.
Damit können sich die meisten wohl anfreunden, denn heute hören wir davon, dass zusammen mit Paulus und Barnabas eine Gesandtschaft von zwei jerusalemer Brüdern nach Antiochia, der heidenchristlichen Basisgemeinde, zurückkehren und die Beschlüsse verlesen. Dies hätten Paulus und Barnabas auch hinbekommen, doch geht es hier um die Bedeutung der Vertreter. Dies macht die Angelegenheit hochoffiziell und autoritär.
Judas Barsabbas und Silas werden ausgewählt, diese Aufgabe zu übernehmen. Wir erfahren auch den Wortlaut des Schreibens:
Es handelt sich von der Form um einen Brief, der klassisch mit einem Präskript beginnt. Dort wird der Autor und der Absender formuliert sowie ein Gruß an den Adressaten gerichtet. Die Absender sind die Aposteln und die Ältesten (das heißt die Presbyter der Urgemeinde). Wie auch sonst in antiken Briefen wird der Absender grammatikalisch im Nominativ formuliert, der Empfänger aber im Dativ: Es handelt sich um die Heidenchristen („Brüder aus dem Heidentum“) in Antiochia, Syrien und Kilikien. Ein ganz knapper Gruß folgt der Nennung der Adressaten mithilfe des Wortes χαίρειν chairein (hier: „zum Gruß“).
Dann erfahren wir weitere Details von der Vorgeschichte, aufgrund welcher das Apostelkonzil überhaupt einberufen worden ist: Es gab Brüder der Urgemeinde, die ohne Beauftragung in Antiochia gepredigt und mit der Beschneidungsforderung für Unruhe gesorgt haben. Ihre eigenmächtige Verkündigung ohne offizielle Beauftragung ist uns neu.
Aus diesem Anlass hat die Urgemeinde beschlossen, mit Barnabas und Paulus die Männer Silas und Judas zu ihnen zu senden, die auch mündlich für den Inhalt des Schreibens einstehen. Es sind wirklich bewährte Männer, die „ihr Leben eingesetzt haben“ für Christus. Es könnte durchaus auf Bedrängung von Seiten der jüdischen Elite in Jerusalem hindeuten, die immer wieder versuchten, die aufkommende „Christus-Sekte“ auszumerzen.
Und dann kommt dieser wunderbare Satz: „Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen.“ Das muss man wirklich betonen. Es ist ein Teamwork von Gott und Mensch. Trotz hitziger Auseinandersetzungen war der Prozess des Apostelkonzils geistgetragen und dieser hat ihnen die richtigen Impulse, Erinnerungen und Beschwichtigungen eingegeben, sodass die Kirche zusammengehalten werde. Wir müssen hier ganz klar unterstreichen, dass es von Anfang an Spannungen in der Kirche gibt. Wo unterschiedliche Menschen zusammenleben, belasten ihre menschlichen Schwächen irgendwann die Gemeinschaft. Und es ist auch normal, dass es unterschiedliche Akzente und Mentalitäten gibt. Von Anfang an, ich betone das gerne, von Anfang an war katholische Problemlösung immer darauf bedacht, diese Schwerpunkte in ihrer Vielfalt zu erhalten. Wo nur ein Akzent zugelassen worden ist, entstanden Sekten, die irgendwann nichts mehr mit dem Christentum zu tun hatten (z.B. Markion mit seinem Antijudaismus). Katholisch heißt „allumfassend“, auch in der Weite der Lehre. Dies gilt bis heute. Katholisch ist Gregorianik und Alte Messe, katholisch ist aber auch die katholische charismatische Erneuerung.
Was auf dem Apostelkonzil entschieden worden ist, wurde unter dem Einfluss des Heiligen Geistes beschlossen. Eine höhere Autorität gibt es nicht. So signalisiert das Schreiben nun etwas Entscheidendes, an das man sich unbedingt halten muss:
Die Heidenchristen müssen die „Last“ der Juden nicht tragen (Beschneidung, Torah), jedoch Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht meiden. Sie verhalten sich richtig, wenn sie wenigstens dies halten.
Der Brief endet mit der gängigen Abschlussformel ἔρρωσθε errosthe, was so viel wie „Lebet wohl“ oder „Gehabt euch wohl“ heißt.
So ziehen die vier Männer nach Antiochia und der Brief wird dort verlesen. Die Gemeinde in Antiochia freut sich über den Zuspruch. Das griechische Wort ist an dieser Stelle παράκλησις paraklesis, was auch mit „Ermahnung, Ermunterung, Aufforderung“ übersetzt werden kann. Es ist in dieser sehr autoritativen Situation (die Jerusalemer haben zusammen mit dem Heiligen Geist beschlossen) am besten mit „Ermahnung“ zu übersetzen. Dies ist deshalb ein Grund zur Freude, weil in dieser Streitfrage endlich ein Machtwort gesprochen und Gewissheit eingekehrt ist. Die Verunsicherung in einer ganz ungeklärten Situation hat die Heidenchristen sehr verunsichert.
Wir lernen aus der heutigen Perikope, dass eine Autorität innerhalb einer Gemeinschaft wirklich wichtig ist. In so einem System kann Klarheit herrschen und eine deutliche Linie vorgegeben werden, die wiederum mit dem Willen Gottes übereinstimmen muss. Wenn jeder macht, was er will und keine Einigkeit bei allen Christen herrscht, ist es keine Weltgemeinschaft mehr. Es zerfällt in ein einziges Schollenmeer, das keine Einheit mehr hat.

Ps 57
8 Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen.
9 Wach auf, meine Herrlichkeit! Wacht auf, Harfe und Leier! Ich will das Morgenrot wecken.
10 Ich will dich preisen, Herr, unter den Völkern, dir vor den Nationen spielen.
11 Denn deine Liebe reicht, so weit der Himmel ist, deine Treue, so weit die Wolken ziehn.
12 Erhebe dich über den Himmel, Gott! Deine Herrlichkeit sei über der ganzen Erde!

Als Antwort beten wir den wundervollen Ps 57. Der Beginn wird auch heute wieder von einer Selbstaufforderung zum Lob gekennzeichnet. Das Herz ist bereit. Das ist entscheidend. Wenn auch unsere Lippen Gott loben und preisen, mit Instrumenten wie die Harfe und Leier aus Vers 9 begleiten, so laut singen, dass wir das Morgenrot wecken – all das ist nutzlos, wenn unser Herz nicht bei der Sache ist. Darauf kommt es Gott aber an, sodass seine Propheten oft die Herzensferne der Israeliten kritisieren (Jes 29,13f.). Wenn das Herz sich auf Gott ausrichtet und ihn aufrichtig preist, wird es zu einem würdigen Opfer für den Herrn.
Vers 9 ist sehr poetisch und als Morgenlob zu deuten, hat aber auch einen tieferen geistlichen Sinn: Die Herrlichkeit Gottes und das Morgenrot sollen aufwachen. Das ist zutiefst messianisch: Jesus Christus ist der Messias, dessen Kommen mit dem Morgenrot (von Osten) in Verbindung gebracht wird. Die Herrlichkeit Gottes soll aufwachen und den Retter senden, das Heil für das auserwählte Volk Israel.
Das Gotteslob soll nicht nur bei den Stämmen Israels erklingen, sondern auch „vor den Nationen“. Für die Völker wird hier in Vers 10 ammim gebraucht, was in der Einzahl zwar mehr auf das Volk Israel bezogen wird, in der Mehrzahl aber durchaus allgemein Völker meinen kann. Für die Nationen wird ummim gebraucht, was noch allgemeiner ist und ebenfalls auf alle Völker, also auch die nichtjüdischen Völker einbezieht. Vor dem Hintergrund der Lesung wird es zu einem Lobpreis der Antiochener, die Gottes Eingreifen in die ganze Streitsituation preisen.
„Denn deine Liebe reicht, so weit der Himmel ist“. Gottes Liebe ist unendlich, sie ist weltumspannend und gilt jedem Geschöpf. Gottes Liebe gilt somit auch den Heiden und muss auch ihnen verkündet werden. Auch die Treue Gottes ist unendlich. Er hält seine Versprechen und bricht den Bund mit seinem auserwählten Volk nie, selbst wenn das Volk dem Bund untreu wird. Gott verheißt das Heil nicht nur dem auserwählten Volk, sondern schon Jesaja schaut die Völkerwallfahrt zum Zion. Gott wird einen Bund schließen mit allen Menschen, auch mit den Heiden. Und in der Apostelgeschichte ist dies nun Realität geworden. Dort müssen nun pragmatische Probleme geklärt werden, die mit der Einbeziehung von Heiden entstehen.
Am Ende erfolgt die Bitte an Gott, sich über den ganzen Himmel zu erheben und seine Herrlichkeit über der ganzen Erde erstrahlen zu lassen. Dies ersehnen auch wir bis heute, wenn wir die Wiederkunft Christi erwarten. Wir ersehnen das Ende der Zeiten, wenn Gott in seiner ganzen Herrlichkeit allen Menschen offenbar wird. Dann wird der verherrlichte Menschensohn die Lebenden und die Toten richten und die Gottesherrschaft sich endgültig durchsetzen.

Joh 15
12 Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe.
13 Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.
14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.
15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.
16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.
17 Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt.

Heute hören wir die Fortsetzung der zweiten Abschiedsrede. Es ging bereits gestern um die Liebe. Dort war es vor allem das Sein in der Liebe Gottes, was wir als Stand der Gnade bezeichnen. Diese wird dadurch aufrecht erhalten, dass der Mensch die Gebote Gottes hält.
Heute hören wir nun die zweite Seite der Liebesmedaille – die Nächstenliebe.
Es ist Gottes Wille, dass die Menschen einander so lieben, dass sie ihr Leben füreinander hingeben. Jesus sagt dies mit seinem bevorstehenden Kreuzestod im Sinn. Er wird es ihnen in vollkommener Weise vormachen, wenn er für die Erlösung der gesamten Menschheit ans Kreuz geschlagen wird.
Jesus erklärt den Aposteln auch, was er mit Freundschaft meint, denn er sieht die Lebenshingabe als größte Liebe gegenüber den Freunden. Er meint in erster Linie sich selbst, wie er sein Leben für seine Freunde hingibt, das heißt für seine Jünger. Darüber hinaus spricht er natürlich alle an, die in seiner Nachfolge leben und sich für ihre Freunde hingeben.
Freundschaft mit Christus ist ein anderes Bild für das Sein in Gottes Liebe. So sind auch die Gebote Gottes gleichzusetzen mit dem, was Christus seinen Jüngern aufträgt. Der Vater und der Sohn sind eins. Christus ist die Erfüllung der Gebote Gottes in Person. Auf ihn zu hören kommt der Erfüllung der Gottesgebote gleich. Freundschaft mit Christus haben wir, wenn wir auf ihn hören – wir sind in seiner Liebe durch die Haltung der Gebote Gottes.
Dann erklärt Jesus die Gegenbegrifflichkeit von Freund und Knecht. Wenn man bei einem Herrn als Knecht eingestellt ist, tut man einfach gehorsam, was einem aufgetragen wird. Doch der Herr wird nicht alle seine Pläne und Belange mit dem Knecht teilen. Das geht ihn nichts an. Anders sieht es unter Freunden aus. Diese erzählen sich alles auf einer sehr hohen Vertrauensbasis. Davon ausgehend erklärt Jesus seinen Aposteln, dass er und sie ein solches Freundschaftsverhältnis zueinander haben. Er hat ihnen alles erzählt (Stichwort Offenbarung), was er vom Vater gehört hat. Das ist ein sehr großer Vertrauenserweis, denn Jesus hat ihnen das Herz des Schöpfers von Himmel und Erde, des Herrschers über die Könige der Welt und des universalen Richters gezeigt. Diese größte Intimität hat Christus ihnen in Beziehung zum Vater ermöglicht!
Es geht noch weiter: Dass sie diese Freundschaft und somit den ultimativen Vertrauenserweis genießen dürfen, kommt nicht von ihrer eigenen Initiative, sondern Christus hat sie dazu erwählt! Wir wissen von den Evangelien, dass Jesus zu ihnen hinging und sie zu seinen Jüngern machte. Er rief sie dazu auf, ihm nachzufolgen und sie ließen alles stehen und liegen. So ist es auch mit uns: Gott hat uns erwählt, seine Freunde, seine Kinder, seine Familie zu sein. Er hat uns aus Liebe ins Dasein gerufen und alles, was wir ihm gegenüber anstreben – Liebe, Dankbarkeit, Glaube etc. – ist immer Antwort auf seine zuerst vorausgegangene Liebe.
Die Jünger sind dazu aufgerufen, Frucht zu bringen, die dauerhaft ist. Dieser Aufruf zur Fruchtbarkeit ist mehr als nur biologisch gemeint wie in der Genesis. Es geht um geistige Fruchtbarkeit, die eine viel größere ist. Die Jünger sollen das Wort Gottes ausstreuen und viele Kinder für die Familie Gottes streuen. Das ist also ein missionarisches Wort. Wer aber auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft wird, bleibt in Ewigkeit ein Kind Gottes. Das Siegel, das bei der Taufe dem Täufling in die Seele eingeprägt wird, ist unauslöschlich, egal, was passiert. Deshalb ist es eine bleibende Frucht. So wird die Familie Gottes, die Kirche immer größer. Fruchtbar können die Apostel aber nur dann sein, wenn sie in der Liebe Gottes bleiben, also im Stand der Gnade. Und so ist es auch bis heute mit der Kirche als Leib Christi und mit jedem einzelnen Christen bezogen auf den Stand der Gnade. Was wir im Namen Jesu Christi erbitten, wird uns der Vater geben, wenn wir im Stand der Gnade bitten (und natürlich, wenn es seinem heiligen Willen entspricht!).
Jesus endet den heutigen Abschnitt mit einem wiederholten Aufruf zur Nächstenliebe. Sie ist mehr als nur ein gegenseitiges Gutsein. Sie übersteigt die Komfortzone bis hin zum Sterben füreinander. Das hat also nichts mit romantischen Vorstellungen zu tun, sondern damit, dass Liebe immer aufs Ganze geht. Jesus stirbt für die ganze Menschheit. Wer ihm nachfolgt und so lebt wie er, wird ebenfalls aufs Ganze gehen, wenn es sein muss. Dieses Sterben füreinander ist der äußerste Fall, doch auch das langsame Absterben des eigenen Willens und Egoismus, der eigenen Wünsche und Bequemlichkeiten um des Wohls des Anderen willen ist bei dieser Aussage mitgemeint. Wir sehen es besonders eindrücklich bei unseren Eltern. Sie geben sich so sehr für uns Kinder hin, opfern ihre Gesundheit, ihre Lebenszeit, ihre Finanzen, ihre eigenen Pläne, auch gerade beruflicher Art, um uns großzuziehen und zu erwachsenen Menschen und brennenden Christen zu machen. Es ist keine berechnende Liebe, die eine Gegenleistung erwartet, sondern eine ganz zweckfreie und selbstlose Hingabe und Ermöglichung optimaler Entfaltung des Anderen.

Diese absolute Selbstverschenkung an den Nächsten speist sich aus der Liebe Gottes und ist somit eine übernatürliche Liebe. Hier ist nicht mehr das Stichwort die φιλία philia „Freundschaft“, sondern die ἀγάπη agape. Sie fordert vom Menschen alles und weil dieser beschränkt ist, leitet sie sich von der übernatürlichen Gnade Gottes ab. Wenn wir in der Liebe Gottes sind, können wir diese übermenschliche Liebe auch dem Nächsten erweisen.

Ihre Magstrauss

Freitag der 4. Osterwoche

Apg 13,26-33; Ps 2,6-7.8-9.10-11; Joh 14,1-6

Apg 13
26 Brüder, ihr Söhne aus Abrahams Geschlecht und ihr Gottesfürchtigen! Uns wurde das Wort dieses Heils gesandt.

27 Denn die Einwohner von Jerusalem und ihre Führer haben Jesus nicht erkannt, aber sie haben die Worte der Propheten, die an jedem Sabbat vorgelesen werden, erfüllt und haben ihn verurteilt. 28 Obwohl sie nichts fanden, wofür er den Tod verdient hätte, forderten sie von Pilatus seine Hinrichtung.
29 Als sie alles vollbracht hatten, was in der Schrift über ihn gesagt ist, nahmen sie ihn vom Kreuzesholz und legten ihn ins Grab.
30 Gott aber hat ihn von den Toten auferweckt
31 und er ist viele Tage hindurch denen erschienen, die mit ihm zusammen von Galiläa nach Jerusalem hinaufgezogen waren und die jetzt vor dem Volk seine Zeugen sind.
32 So verkünden wir euch das Evangelium: Gott hat die Verheißung, die an die Väter ergangen ist,
33 an uns, ihren Kindern, erfüllt, indem er Jesus auferweckt hat, wie es im zweiten Psalm heißt: Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.

In der Lesung hören wir heute die Fortsetzung der Predigt Pauli, die gestern mit dem Vorläufer und Täufer Johannes endete. Heute formuliert er ein richtiges Christusbekenntnis:
Er spricht sie zunächst noch einmal direkt an, um ihre Aufmerksamkeit von Neuem zu erhalten. So wie gestern spricht er nicht nur zu den Söhnen Abrahams, also zu den anwesenden Juden in der Synagoge, sondern auch zu den Gottesfürchtigen. Diese Gruppe habe ich schon ein paar Mal erklärt – es handelt sich um Heiden, die dem jüdischen Glauben nahe stehen, die jüdische Ethik übernehmen und die Schriften studieren, aber den letzten Schritt der Beschneidung nicht unternehmen.
Paulus macht deutlich, dass Jesus und das mit ihm gekommene Heil an sie persönlich gerichtet ist. Das macht den jüdischen und auch christlichen Glauben aus: persönliche Begegnung mit Gott. Es ist somit auch an die dort Anwesenden gerichtet, ja gerade an die Juden in der Diaspora. Denn die Einwohner Jerusalems haben ihn abgelehnt. Paulus stellt das Paradox heraus, dass die jerusalemer Juden die Propheten Sabbat für Sabbat in der Synagoge vorlesen und umsetzen und doch den dort angekündigten Messias nicht erkannt haben. Stattdessen haben sie ihn verurteilt.
Trotz seiner Unschuld erreichten sie eine Hinrichtung durch Pontius Pilatus. Dann fasst Paulus den ganzen Kreuzigungsprozess als die Erfüllung vieler Schriftstellen zusammen (Vers 29). In meinem Bibelworkshop über das Leben Jesu habe ich einige dieser Bezüge herausgestellt (https://www.youtube.com/watch?v=zhM4M88c2Ww).
Dass Jesus gekreuzigt worden ist, sagt er explizit erst im nächsten Vers, denn er spricht vom Kreuzesholz, von dem man ihn abnahm.
Das war aber nicht das Ende vom Lied, denn Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Paulus erklärt hier das Unsägliche – der Messias hat den Tod besiegt! Er, der durch die Hinrichtung gemäß Deuteronomium als ein Gottverfluchter galt, wurde von eben jenem wieder ins Leben zurückgeholt!
Paulus erzählt sodann von den mehrfachen Erscheinungen des Auferstandenen in Judäa und Galiläa (vor allem am See). Die Zeugen seiner Auferstehung sind seine Apostel. Und sich selbst zählt Paulus ebenfalls dazu, weil der Auferstandene auch ihm persönlich erschienen ist.
Davon ausgehend stehen die beiden Missionare nun vor den Juden in Antiochia und verkünden das Evangelium Jesu Christi. Es ist eine lange Geschichte der Verheißung, die mit Christus ihren Höhepunkt gefunden hat. Die Schrift hat sich mit ihm und in ihm ganz erfüllt. Das Osterereignis ist dabei der ultimative Moment dieser Erfüllung.
Am Ende des heutigen Abschnitts zitiert Paulus Psalm 2, den wir gleich als Antwortpsalm beten.
Paulus und Barnabas möchten die Menschen mit dem Evangelium Jesu Christi berühren, auf dass auch sie davon begeistert werden und darin die Wahrheit erkennen. Dafür ordnet er Jesu Leben, Wort und Tat in die gesamte Heilsgeschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk ein, damit die frommen Juden erkennen, dass alles so kommen musste. Morgen hören wir die Reaktion der Anwesenden. Durch Paulus spricht der Heilige Geist die Menschen im Herzen an. Die Kraft und Weisheit seiner Predigt ist nicht auf seine rhetorischen und theologischen Fähigkeiten zurückzuführen, die natürlich der ganzen Sache förderlich sind (und Gott hat sich auch deshalb den Pharisäer Paulus zum Werkzeug der Heidenmission erwählt), sondern auf Gott selbst. Er möchte alle Menschen an sich ziehen und so rüttelt er heftig an den Herzen jedes Menschen. Wo dieser es aber nicht zulässt oder nicht reagiert, zwingt Gott sich ihm nicht auf. Er versucht es zwar immer wieder, aber zugleich achtet er die Freiheit des Menschen.

Ps 2
6 Ich selber habe meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg.

7 Den Beschluss des HERRN will ich kundtun./ Er sprach zu mir: Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt.
8 Fordere von mir und ich gebe dir die Völker zum Erbe und zum Eigentum die Enden der Erde.
9 Du wirst sie zerschlagen mit eisernem Stab, wie Krüge aus Ton wirst du sie zertrümmern.
10 Nun denn, ihr Könige, kommt zur Einsicht, lasst euch warnen, ihr Richter der Erde!
11 Mit Furcht dient dem HERRN, jubelt ihm zu mit Beben.

Nun beten wir diesen am Ende zitierten Psalm. Er bildet zusammen mit Psalm 1 den Rahmen des gesamten Psalters.
In Vers 6 spricht Gott selbst, dass er seinen König für Zion selbst eingesetzt hat. Dies ist wörtlich erst einmal auf den König von Juda zu beziehen, David, den sich Gott selbst ausersehen hat. Gott wird den Menschen vorwerfen, dass sie ihn nicht geachtet haben. Und wir beziehen es im weiteren Sinne und in Erfüllung dieses irdischen Königtums auf Christus, den König des himmlischen Zion, dem Reiche Gottes! Ihn haben die Menschen verkannt, indem sie voller Spott die Kreuzestafel mit dem Vorwurf angebracht haben „König der Juden“, aber nicht geglaubt haben, dass er tatsächlich ein König ist – nicht nur irgendeiner, sondern der König der Könige! Das Königtum Jesu Christi ist ja ein zentrales Thema auch in der Predigt des Paulus in Antiochia.
Eingesetzt auf dem Zion hat Gott wörtlich gesehen zunächst König David, den Typos Christi. Er hat seinen Thron in Jerusalem. Zugleich setzt der Vater Christus ein auf dem Zion der Ewigkeit. Dessen Thron befindet sich zur Rechten des Vaters im Himmelreich. Er ist aber auch eingesetzt als König des Reiches Gottes, das mit der Kirche ansatzweise schon vorweggenommen wird. Dieses angebrochene Königtum wird sich am Ende der Zeiten vollkommen durchsetzen und alle werden den König wiederkommen sehen.
Noch viel mehr als mit David ist Gott der Vater mit seinem Sohn Jesus Christus.
Von ihm kann er wirklich wortwörtlich sagen: „Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt.“
Das „Heute“ ist ein entscheidendes Stichwort für die Ewigkeit. Bei Gott gibt es keine Zeit mehr. Diese ist eine irdische Kategorie, die Gott geschaffen hat (siehe Schöpfungsbericht in der Genesis durch die Himmelskörper und das Licht).
Der Sohn ist vor aller Zeit gezeugt worden, nicht geschaffen. Jesus ist wirklich der Sohn Gottes und somit ihm gleich. Das kann kein Geschöpf von sich sagen.
Jesus kann von seinem Vater alles fordern, denn sie sind eins. Gott gibt ihm die Völker zum Erbe. Es meint die heidnischen Völker. Jesus werden sie aber nicht übergeben, um sie zu zerstören, sondern um sie zu Erben des Reiches Gottes zu machen! Er ist gekommen, damit jeder gerettet werde, bis zu den Enden der Erde!
Und wer bis zum Schluss Jesus ablehnt, der wird am Ende wie Ton zerschlagen. Das ist ein Bild für das Gericht Gottes. Gott nimmt die Menschen ernst. Wenn sie sich in aller Freiheit gegen ihn entscheiden, müssen sie die Konsequenzen ihrer Entscheidung tragen. Der eiserne Stab Christi ist ein Code für den Messias. Er wird auch bei den messianischen Verheißungen des Buches Jesaja aufgegriffen. Demnach wird der Messias mit eisernem Zepter herrschen.
Aus dem eisernen Stab wird mit der Zeit das zweischneidige Schwert. Es handelt sich nicht um ein echtes Schwert aus Metall, sondern um das Wort Gottes, das dadurch bildhaft ausgesagt wird. Christus herrscht mithilfe des Wortes Gottes. Was nicht gut ist am Menschen, wird dadurch zerschnitten und das ist schmerzhaft. Es schneidet dabei aber in die Seele ein, nicht in den Körper des Menschen. Das ist das Schmerzhafte daran.
Die Könige und Richter der Erde sollen zur Einsicht kommen und erkennen, dass der eigentliche König und Richter Jesus Christus ist. Er wird sich in seiner vollen Herrlichkeit zeigen am Jüngsten Tag und alle werden es sehen. Dann zerfallen die Königtümer und Richterstühle zu Staub, denn sie sind nichts im Gegensatz zur Herrlichkeit Gottes.
König David hat seinen Wert stets von der Gegenwart Gottes her betrachtet. Er hat sich in seinem Königtum nie überschätzt, sondern ist demütig geblieben vor dem eigentlichen König, der Gott ist. Er hat ihm wirklich mit Furcht gedient. Was er hier am Ende also von den Königen und Richtern verlangt, hat er selbst ganz vorgelebt.
Und doch ist David nur Typos des eigentlichen Königs Jesus Christus. Wenn David schon so vorbildlich war, um wie viel mehr müssen wir das für den Messias sagen!

Joh 14
1 Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!

2 Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?
3 Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.
4 Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr.
5 Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen? 6 Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.

Im Evangelium hören wir heute einen Abschnitt aus der ersten Abschiedsrede Jesu. Das Schriftwort ist sehr bekannt und stets sehr aktuell:
„Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Jesus sagt dies zu seinen Aposteln im Abendmahlssaal, weil er die vielen Verwirrungen und Angriffe schon vorhersieht, mit denen der Zwölferkreis konfrontiert werden wird. Und dann sollen sie an dem festhalten, was Jesus sie gelehrt hat und was die Heiligen Schriften erfüllt hat. Er spricht dies über die Apostel hinaus auch zu uns. In Zeiten zunehmender Verwirrung sollen auch wir uns nicht ablenken lassen, sondern weiterhin unbeirrt am Glauben festhalten. Antichristliche Lehren werden immer salonfähiger und das besonders Heimtückische – unter dem katholischen Deckmantel wird sehr viel Häretisches verbreitet. Man kann sich auf das Deckblatt „katholisch“ längst nicht mehr verlassen, sondern muss alles auf die Goldwaage legen, wachsam sein, die Gabe der Unterscheidung der Geister haben. Und je tiefer die Wurzeln des Glaubens sind, desto schwieriger wird es für den Widersacher, uns von Gott zu entfernen.
Jesus motiviert seine Apostel und darüber hinaus auch uns damit, dass er zum Vater vorausgeht. Wir werden ihm also folgen dürfen, wenn wir schon hier auf Erden seinen Spuren nachgegangen sind! Beim Vater bereitet er uns schon eine Wohnung. Damit ist ein Platz im Himmelreich gemeint. Und zu gegebener Zeit wird Christus wiederkommen, um die Apostel und alle Erben des Reiches zu sich zu holen. Das alles werden die Apostel noch nicht richtig verstanden haben. Erst mit seiner Auferstehung und Himmelfahrt, spätestens nach der Geistgabe, wird es ihnen aufgegangen sein. Christus ist heimgekehrt zum Vater ins Himmelreich, um am Ende der Tage wiederzukommen. Deshalb haben die ersten Christen bereits in einer Naherwartung gelebt.
Jesus sagt, dass sie den Weg kennen. Doch sie verstehen ihn nicht. Deshalb fragt Thomas nach: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?“ Was meint Jesus damit? Zu jenem Zeitpunkt hat Jesus seinen Jüngern immer wieder Leidensankündigungen gemacht. Er hat ihnen gesagt, wie leidvoll er sterben, aber am dritten Tage auferstehen würde. Zudem ist all dies in den Heiligen Schriften angekündigt worden. Nicht nur die Apostel, sondern jeder fromme Jude müsste diesen Weg also kennen. Was ihn am Ende widerfahren würde, hat sich sein ganzes Leben hindurch schon gezeigt. Vom Moment seiner Geburt an war er von den Mächtigen dieser Welt unerwünscht und sein Leben wurde bedroht. Nicht nur das Ende, schon sein ganzes Leben zuvor ist ein einziger Sühneweg und Prozess der Erlösung. Er ist der leidende Gerechte aus den jesajanischen Gottesknechtsliedern sein ganzes Leben hindurch!
Doch die Apostel sind wie mit Blindheit geschlagen und so spricht Jesus das entscheidende Wort: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Der Weg zum Vater ist die Person Jesu Christi mit seinem ganzen Leben, seinen Worten und Taten. Wenn wir ihn in unserem Leben nachahmen, gehen wir diesen Weg zum Vater. Es ist aber nicht nur eine ethische Frage, sondern eine Sache der gläubigen Annahme. Wenn wir Christus als den Messias gläubig annehmen und die Wahrheit, die er ist, erkannt haben, sind wir auch bereit, ihm auf unserem Lebensweg ganz zu gehorchen. Dann erwartet uns das Leben – das ewige Leben bei Gott!
Jesus ist nicht nur eine Option unter vielen auf dem Weg ins Himmelreich – er ist DER Weg. Es gibt keinen anderen. Nur durch die Christustür hindurch können wir in die Ewigkeit eingehen. Dies hat er schon bei seiner Rede über den guten Hirten verdeutlicht.

Wenn wir in diesem Leben durch die sakramentale Christustür schreiten und so den Christusweg beginnen, dann sind wir schon eingesetzt als Kinder der Familie Gottes. Den Weg nun zu beschreiten ist zugleich eine Sendung. Vergessen wir das nie, wenn wir meinen, einen Umweg gehen zu können oder uns auf halbem Wege niederzulassen, ohne zum Ziel zu kommen.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 4. Osterwoche

Apg 11,19-26; Ps 87,2-3.4.5 u. 7; Joh 10,22-30

Apg 11
19 Bei der Verfolgung, die wegen Stephanus entstanden war, kamen die Versprengten bis nach Phönizien, Zypern und Antiochia; doch verkündeten sie das Wort nur den Juden.
20 Einige aber von ihnen, die aus Zypern und Kyrene stammten, verkündeten, als sie nach Antiochia kamen, auch den Griechen das Evangelium von Jesus, dem Herrn.
21 Die Hand des Herrn war mit ihnen und viele wurden gläubig und bekehrten sich zum Herrn.
22 Die Nachricht davon kam der Gemeinde von Jerusalem zu Ohren und sie schickten Barnabas nach Antiochia.
23 Als er ankam und die Gnade Gottes sah, freute er sich und ermahnte alle, dem Herrn treu zu bleiben, wie sie es sich im Herzen vorgenommen hatten.
24 Denn er war ein trefflicher Mann, erfüllt vom Heiligen Geist und von Glauben. So wurde für den Herrn viel Volk hinzugewonnen.
25 Barnabas aber zog nach Tarsus, um Saulus aufzusuchen.
26 Er fand ihn und nahm ihn nach Antiochia mit. Dort wirkten sie miteinander ein volles Jahr in der Gemeinde und lehrten eine große Zahl von Menschen. In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen.

Wir hörten die letzte Woche ja vom ersten Märtyrer Stephanus und die mit seinem Martyrium einsetzende Jerusalemer Christenverfolgung. Durch diese kommen viele Christen in andere Orte, wo sie sich niederlassen. Unter anderem hören wir von Antiochia, was zum Basislager des Paulus bei seinen Missionsreisen wird. Auch dorthin kommen nun also Christen und verkünden das Evangelium Jesu Christi. Die Apostelgeschichte berichtet uns davon, dass die Evangelisierung zunächst bei den Juden geschieht. Es gibt aber auch schon erste Heidenmissionen in dieser Gegend.
„Die Hand der Herrn“ auf Menschen ist schon im Alten Testament eine Wendung für den Segen und Beistand Gottes. Es zeigt, dass die Christen vom Heiligen Geist geleitet werden und dass die Evangelisierung gottgewollt ist.
Antiochia entwickelt sich zu einer besonders großen und lebendigen Gemeinde, was bis nach Jerusalem vordringt. Von dort wird nun Barnabas nach Antiochia geschickt. Wir merken, dass die Jerusalemer Urgemeinde eine Vorrangstellung besitzt. Sie ist die erste Zentrale des Christentums, von wo aus die anderen Gemeinden verwaltet werden. Auch wird zu Paulus‘ Missionszeiten immer wieder eine Kollekte für jene Zentralgemeinde gesammelt.
Barnabas kommt nach Antiochia und freut sich über die Gnade Gottes. Das heißt, er freut sich über die Früchte, die er dort sieht und die er auf die Gnade Gottes zurückführt. Es bezieht sich auf den lebendigen Glauben und wohl auch auf die Menge an gläubiggewordenen Menschen. Wo sich Massen zu Christus bekennen, besteht die Gefahr eines oberflächlichen Glaubens. Der Geistliche kann dem einzelnen Christen nicht mehr so viel Aufmerksamkeit entgegenbringen, wie es bei einer kleineren Zahl möglich ist. So ermahnt Barnabas die Christen dazu, an dem versprochenen Bekenntnis der Taufe festzuhalten und nach der ersten Begeisterung nicht zu erkalten.
Barnabas ist ein sehr begnadeter Mensch, den Gott wirklich zum Werkzeug seines Heilsplans macht. Durch ihn kommen viele Menschen zum Glauben und die Gemeinde wächst noch weiter.
Doch er bleibt dabei nicht stehen. Er reist nach Tarsus, in die Heimatstadt des Paulus, wo dieser sich zurzeit aufhält. Barnabas holt ihn nach Antiochia, damit sie gemeinsam in der Gemeinde wirken können. Dort bleiben sie ein Jahr und evangelisieren. Antiochia ist der Ort, an dem man die Christusgläubigen das erste Mal Christen nennt.
Gestern hörten wir davon, dass zunehmend auch Heiden zum Glauben an Christus kommen und ihnen dieselben Gaben des Geistes zuteil werden wie den Juden. Die Apostel realisieren immer mehr, dass der Neue Bund Jesu Christi wirklich universal ist. Heute wird uns deutlich, dass trotz der zunehmenden Heidenmission die ersten Versuche in einer Gemeinde immer zuerst den Juden gelten. So wird auch Paulus bei seinen Missionsreisen immer zuerst zu den Synagogen gehen und erst bei Ablehnung den Heiden predigen. Es ist ein Vorgehen, der an Jesu Worte angelehnt ist: „Das Heil kommt von den Juden.“ Und dennoch ist es ein längerer Prozess, über das jüdische Denken, die bisherigen Horizonte und Vorannahmen hinauszugehen. Gerade die Frage der rituellen Reinheitsvorschriften wird die ersten Christen noch sehr beschäftigen und auch für Konflikte sorgen. Es wird vor allem beim Apostelkonzil von 48/49 ein Thema werden und auch die beiden Missionspartner Barnabas und Paulus zu einer heftigen Auseinandersetzung veranlassen (wenn es denn um das gemeinsame Essen geht und nicht um ein Problem mit Johannes Markus). Es ist alles im Werden und wir verfolgen mit Spannung diesen Prozess, der ganz vom Heiligen Geist begleitet wird. Auch wenn es Konflikte gibt und unterschiedliche Meinungen vorherrschen, setzt sich am Ende doch die Wahrheit durch. Das ist auf den Geist zurückzuführen, der in der Kirche lebt und wirkt.

Ps 87
1 Der HERR liebt seine Gründung auf heiligen Bergen,
2 die Tore Zions mehr als alle Stätten Jakobs.

3 Herrliches sagt man von dir, du Stadt unseres Gottes:
4 Ich zähle Rahab und Babel zu denen, die mich erkennen, auch das Philisterland, Tyrus und Kusch: Diese sind dort geboren.
5 Ja, über Zion wird man sagen: Ein jeder ist in ihr geboren. Er, der Höchste, gibt ihr Bestand!
7 Und sie werden beim Reigentanz singen: All meine Quellen entspringen in dir.

Heute beten wir einen der sogenannten Korachpsalmen, der Zion besingt. Das, was den Zionsberg so heilig macht, ist natürlich der darauf errichtete Tempel, in dem Gottes Herrlichkeit wohnt.
Insofern verstehen wir auch den Ausdruck „seine Gründung auf heiligen Bergen“. Gottes Haus selbst wird hier gegründet und er selbst hat Anteil an dessen Einwohnung. Wie diese konkret ausgesehen hat, wird uns bei der Einweihung des Offenbarungszeltes und nachher bei der festen Erbauung des Tempels in Jerusalem durch die Wolke deutlich, die sich auf den Ort legt. Der Mensch kann viel bauen und konstruieren. Erst wenn Gott sich dafür entscheidet, seine Herrlichkeit darauf zu legen, wird der Ort zu einem heiligen Ort.
Weil hier seine Wohnstatt ist, liebt Gott die Tore Zions auch mehr als alle anderen Stätten Israels. Zion ist ein Begriff, den wir nicht nur wörtlich begreifen wollen. Er ist für uns vor allem nicht mehr durch den Tempel als Wohnstatt Gottes wichtig. Vielmehr ist es der Ort des Osterereignisses. Christus hat hier die Erlösung für die ganze Welt erwirkt, indem er sich auf Golgota hingegeben hat bis auf den letzten Blutstropfen und am dritten Tag den Tod besiegt hat – in einem Garten aufersteht, dem Ort, der in der Genesis zum Ort des ewigen Todes geworden war (beim ersten Sündenfall). All das ist in Jerusalem passiert. Die Apostel, der engste Jüngerkreis Jesu, sowie die weiteren Jünger – all die Augenzeugen sind in der ersten Zeit dort versammelt. Der Zionsberg ist der Ort des Pfingstereignisses, von dem aus die Kirche mit Leben erfüllt wird. Es ist der Ort der ersten Gemeinde, die zentral ist für all jene Gemeinden, die danach entstehen (so wie Antiochia, von dem wir heute in der Lesung gehört haben). Jerusalem bleibt auch für die Christen wirklich die heilige Stadt, auch wenn nach der Zerstörung des Tempels die Bedeutung eine neue Dimension erhält. Schließlich wird aber auch zunehmend deutlich, dass mit Zion nicht mehr der irdische Ort gemeint ist, sondern jeder Altar, auf dem die Eucharistie gefeiert wird, stellt das neue Zion des Gottesreiches dar. Wo Jesus Wohnung nimmt in den eucharistischen Gaben, da ist Zion! Und das ultimative Zion erwartet uns in der Ewigkeit nach unserem Tod. Am Ende der Zeiten werden wirklich die Menschen von überall her zu diesem Zion kommen und Gott anbeten, der in ihrer Mitte wohnen wird im himmlischen Jerusalem.
In diesem mehrfachen Sinn dürfen wir auch die folgenden Verse betrachten. „Herrliches sagt man von dir, du Stadt unseres Gottes“ ist somit erst einmal wörtlich zu verstehen als Heilige Stadt wegen des Tempels, aber auch schon für die Juden der Ort der Endzeit. Schon Jesaja sieht die eschatologische Völkerwallfahrt zum Zion, die der Seher in der Johannesoffenbarung noch einmal sehen wird.
Wenn dann die Rede von Rahab und Babel ist, dann meint es zwei Orte. Rahab ist ja eigentlich der Name einer Frau, die zwei Kundschafter Josuas bei sich versteckt und somit rettet. Oft lesen wir in der Bibel, dass durch solche Namen eigentlich Codes ausgesagt werden, vor allem als Chiffren für Orte. Mit Rahab wird an dieser Stelle Ägypten umschrieben.
Es sagt aus, dass die anderen Orte Israel und den Zion und den Gott Israels anerkennen. Die Ägypter haben mit eigenen Augen spektakuläre Zeichen gesehen, durch die sie nicht anders können, als die Macht Gottes anzuerkennen, der auf dem Zion wohnt. Auch gerade die Philister haben große Wunder gesehen. Sie haben den Israeliten sogar die Bundeslade gestohlen, weil sie wegen ihr in den Schlachten gegen die Israeliten verloren haben.
Wenn wir über die Aussage nachdenken, dass man sagen wird: „Ein jeder ist in ihr geboren“, müssen wir wieder über den wörtlichen Sinn hinausgehen. Dahinter steht zunächst einmal die Vorstellung in der jüdischen Tradition, dass Jerusalem als Frau und Mutter betrachtet worden ist. Es ist die Mutter aller Völker und insofern ist die Wendung zu verstehen, dass alle in ihr geboren werden. Vor dem Hintergrund der Lesung erkennen wir die Mutterschaft Jerusalems noch viel tiefer. Sie ist Mutter des Christentums, denn hier ist die Kirche zum Leben erweckt worden an Pfingsten. Hier entsteht deshalb die erste Gemeinde, die in der weiteren Entwicklung eine Vorrangstellung erhält. Sie wird im ganzen römischen Reich von den verstreuten Gemeinden eine Kollekte einholen und von ihr aus werden die Apostel in die ganze Welt hinausgesandt. Die Kirche ist wirklich eine Mutter, denn in ihr werden die Menschen zu einer neuen Schöpfung wiedergeboren im Heiligen Geist. Dies geschieht in der Taufe. Und durch die vielen Heilsmittel nährt und tränkt die Kirche ihre Gläubigen, hegt und pflegt sie, erzieht sie, tröstet sie etc.
Bemerkenswert ist noch ein anderer Vers: „Der Höchste gibt ihr Bestand.“ Wir wissen ja, dass Jerusalem 70 n.Chr. von den Römern zerstört und vor allem vom Tempel nur noch eine Mauer übrigbleiben wird, die wir bis heute erhalten haben – die Klagemauer. Der Höchste, also Gott, gibt Jerusalem dennoch Bestand, nur auf eine ganz andere Weise, wie die Juden mit diesem Psalm angenommen haben. Es geht nun um die Kirche Jesu Christi, das neue Jerusalem. Dieses hat Bestand bis in die Ewigkeit, denn Jesus sagt in Mt 16: „Und die Mächte der Finsternis werden sie nicht überwältigen.“
Der Reigentanz deutet eine festliche Stimmung an und die Quellen, die in Zion entspringen, führen uns zurück zum Pfingstereignis. Dort ist der Ursprung von allem. Das neue Zion ist auch bis heute die Kraftquelle von allem. Wir können als Kirche nicht überleben, wenn wir nicht immer wieder zu dieser Quelle zurückkehren und aus ihr schöpfen. Die Eucharistie ist der Kern des ganzen kirchlichen Lebens. Wir brauchen den Leib Christi, denn wir sind der Leib Christi!

Joh 10
22 Um diese Zeit fand in Jerusalem das Tempelweihfest statt. Es war Winter

23 und Jesus ging im Tempel in der Halle Salomos auf und ab.
24 Da umringten ihn die Juden und fragten ihn: Wie lange hältst du uns noch hin? Wenn du der Christus bist, sag es uns offen!
25 Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich im Namen meines Vaters vollbringe, legen Zeugnis für mich ab;
26 ihr aber glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört.
27 Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir.
28 Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.
29 Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen.
30 Ich und der Vater sind eins.

Auch im Evangelium sickert diese Zionzentriertheit hindurch, wenn wir lesen, dass die heutige Rede Jesu, in der er das Hirtenthema wieder aufgreift, zur Zeit des Tempelweihfests stattfindet. Bei diesem Fest im Winter, das wir auch unter dem Begriff Chanukka kennen, gedenken die Juden der Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem.
Jesus ist wieder dort, denn er ist ein frommer Jude. Zu den Wallfahrtsfesten kann man ihn mit seinen Jüngern immer wieder in Jerusalem antreffen. So ist Jesus nun in der Halle Salomos, wo später dann Petrus eine Bekenntnisrede halten wird aufgrund der Heilung eines Gelähmten. Diese Halle ist wichtig, denn sie ist nach König Salomo benannt, der den ersten Tempel errichtet hat.
Die Juden stellen Jesus mal wieder auf die Probe, indem sie von ihm ein öffentliches Selbstbekenntnis fordern. Sie verstehen nicht, dass Jesus sie durch seine Taten, Worte und vor allem prophetischen Zeichenhandlungen darauf führt. Sie sollen von sich aus seine Messianität erkennen.
Und es ist nicht so, als ob er es nicht im Grunde schon längst offenbart hat. Deshalb sagt Jesus auch: „Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubt nicht.“ Taten sprechen mehr als tausend Worte. Jesu Verhalten schreit in jedem Moment danach: „Ich bin der Messias!“ Es macht Sinn, dass Jesus auf diese Weise seine Messianität offenbart. Hätte er sich hingestellt und einfach gerade heraus gesagt: „Ich bin der Messias“, hätte ihm erstens keiner geglaubt oder sich davon überzeugen lassen, zweitens wäre Jesus direkt festgenommen worden. Sein Weg ist die Erfüllung der Heiligen Schriften. Sie sind Zeugnis über ihn. Und gerade die Heilszeichen, die er im Namen seines Vaters vollbringt, bezeugen ihn.
Jesus greift hier noch einmal das Hirtenthema auf, denn er sagt: „Ihr aber glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört.“ Das ist hier nicht so gemeint, dass Jesus sie ausschließen will. Es ist eher so, dass sie seine Schafe nicht sein wollen. Er bietet ihnen durch sein gesamtes öffentliches Wirken immer wieder einen Platz im Stall an, doch sie lehnen es ab durch ihre Verstocktheit.
Seine Schafe dagegen hören auf seine Stimme und folgen ihm. Es sind jene, die seine Jünger geworden sind. Jesus kennt seine Schafe. Die Zuhörer werden daraus geschlossen haben, dass er ihre Namen kennt oder woher sie kommen. Doch Jesus meint noch so viel mehr. Es schließt sich mit seinen Worten der Kreis zu den vielen prophetischen Worten des Alten Testaments, die Gottes absolute Kenntnis unserer Herzen umschreiben. So denken wir z.B. an Jes 44,24, wo es heißt: „So spricht der HERR, dein Erlöser, der dich von Mutterleib an geformt hat.“ Solcherlei Sätze gibt es viele bei Jesaja, Jeremia etc. Der Menschensohn kennt die Menschen durch und durch, weil er Gott ist.
Jesus gibt seinen Schafen das ewige Leben. Er kümmert sich nicht nur um das leibliche Wohl, sondern es geht vor allem um das Himmelreich. Dieses ermöglicht er den Menschen durch seine Hingabe am Kreuz. Das kündigt er mit solchen Worten schon an.
„Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.“ Das spricht Jesus über den Einzelnen, aber auch von der Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen. Er tut es, wenn er Petrus sagt, dass die Mächte der Finsternis sie nicht überwältigen werden. Wir haben diesen Gedanken vorhin schon bedacht.
Gott ist der Allmächtige und er siegt über die bösen Mächte. Er wird seine geliebten Kinder vor dem Bösen retten, die gerettet werden wollen. Wenn wir Gott sagen, wenn Jesus Gott sagt, meint er die Einheit von sich und dem Vater. Deshalb sagt er hier auch am Ende „ich und der Vater sind eins.“ Sie sind beide Gott. Wenn er von der Macht des Vaters spricht, ist es kein Widerspruch dazu, dass die Schafe SEINER Hand nicht entrissen werden.

Wie müssen wir das Evangelium zu den restlichen Texten in Beziehung setzen? Da, wo Jesus ist, da ist Zion. Ein anderes Bild für Zion ist hier im Evangelium das bereits am Sonntag und am Montag verwendete Hirtenbild. Zion ist der Schaftstall Gottes, der Zufluchtsort aller Schafe. Und dieser ist überall dort, wo Christus durch die Tür der Ewigkeit hindurch in diese Welt kommt bei der Wandlung von Brot und Wein in seinen Leib und sein Blut. Dort besiegelt sein kostbares Blut uns Menschen und richtet uns auf gegen die Angriffe des Widersachers. Jesus kommt auch in den Schafstall und in das Zion unseres Herzens, wo er sich um uns kümmern möchte. Dies geschieht, wenn wir ihn in der Eucharistie empfangen. Dann tränkt und nährt er uns, stärkt uns, sodass wir den Lebensweg mit neuer Kraft beschreiten können. So erhalten wir auch die Kraft, die Gebote Gottes zu halten, was mit dem Geführtwerden durch den Hirten umschrieben wird. Es ist unser moralischer Weg und zugleich der Lebensweg durch den Tod hindurch in die Ewigkeit.
Der Tempel des Leibes Jesu selbst wird durch seine Worte geweiht, aber erst mit dem Tod und der Auferstehung Christi.
Diese Tempelweihe, dieses Zion, dieses Jerusalem hängt nicht mehr von einem realen irdischen Ort ab, sondern ist überall da, wo der Leib Christi ist. In der Apostelgeschichte sind wir Zeugen von dieser Universalität auch in der Geographie christlicher Gemeinden geworden. Jerusalem ist immer noch der wichtigste Ort wegen der Auferstehung und dem Pfingstereignis. Und doch wird Christi Gegenwart nicht ausschließlich dort angenommen. Christengemeinden entstehen in der ganzen Welt. Danken wir den Herrn für den Zion – des Leibes Christi, unseres Herzens, unserer Kirche und für das endgültige Zion der Ewigkeit!

Ihre Magstrauss