Samstag der 5. Woche der Fastenzeit

Ez 37,21-28; Ps 31,10.11-12b.13; Joh 11,45-57

Ez 37
21 Dann sag zu ihnen: So spricht GOTT, der Herr: Siehe, ich, ja ich nehme die Söhne Israels aus den Nationen heraus, wohin sie gegangen sind; ich sammle sie von allen Seiten und bringe sie auf ihren Ackerboden.

22 Ich mache sie im Land, auf den Bergen Israels, zu einer einzigen Nation. Und ein einziger König soll König für sie alle sein. Sie werden nicht länger zwei Nationen sein und sich nie mehr in zwei Königreiche teilen.
23 Sie werden sich nicht mehr unrein machen durch ihre Götzen und Gräuel und durch all ihre Untaten. Ich befreie sie von aller Sünde, die sie in ihrer Untreue begangen haben, und ich mache sie rein. Dann werden sie mir Volk sein und ich, ich werde ihnen Gott sein.
24 Mein Knecht David wird König über sie sein und sie werden alle einen einzigen Hirten haben. Sie werden meinen Rechtsentscheiden folgen und auf meine Satzungen achten und nach ihnen handeln.
25 Sie werden in dem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe und in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder werden auf ewig darin wohnen und mein Knecht David wird auf ewig ihr Fürst sein.
26 Ich schließe mit ihnen einen Friedensbund; es soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Ich werde sie aufrichten und zahlreich machen. Ich werde mitten unter ihnen auf ewig mein Heiligtum errichten
27 und über ihnen wird meine Wohnung sein. Ich werde ihnen Gott sein und sie, sie werden mir Volk sein.
28 Und die Nationen werden erkennen, dass ich der HERR es bin, der Israel heiligt, wenn mein Heiligtum auf ewig in ihrer Mitte ist.

Heute hören wir aus dem Buch Ezechiel. Der Prophet bekommt wunderbare Visionen geschenkt in einer Zeit absoluten Traumas. Er wirkt zur Zeit des Babylonischen Exils und bekommt in diesem heutigen Kapitel, aus dem wir hören, die Verheißung, dass Gott alle Zerstreuten Israels wieder versammeln wird. Das Exil wird ein Ende haben!
„Siehe, ja ich nehme die Söhne Israels aus den Nationen heraus, wohin sie gegangen sind.“ Gott nimmt die Israeliten heraus, die bei den Nationen sind, hier steht das Hebräische הַגֹּויִ֖ם haggojim, die heidnischen Völker. Er holt sie weg von dort, „wohin sie gegangen sind“, das heißt aus dem babylonischen Reich. Das Verb dieses Satzes, das Wegholen, steht in einer Partizipialform. Diese verursacht eine Zeitlosigkeit oder Ungebundenheit und so können wir über das historisch Einmalige hinaus noch weiter betrachten! Gott tut das immer wieder mit seinem Volk die ganze Heilsgeschichte hindurch. Er tat es schon damals, als er durch Mose das gesamte Volk aus Ägypten herausführte. Er hat es vor allem aber dann getan, als er seinen einzigen Sohn für die Menschheit dahingegeben hat. Durch das Leiden, Sterben und die Auferstehung Jesu Christi ist der ganzen Menschheit die Aussicht auf die Rückkehr aus dem Exil geschenkt worden – aus dem Exil des Paradieses, das mit Adam und Eva begonnen hat! Diese Art von Wegholen und Heimführung ist eine viel existenziellere als die Rückführung in die irdische Heimat. Bis heute ist es jedesmal so, dass Gott uns heimholt in die Heimat, wenn wir von unseren Sünden umkehren und das Sakrament der Beichte in Anspruch nehmen. Dann wird uns diese Heimat auf moralischer Ebene wieder geschenkt, der Stand der Gnade. Und am Ende unseres Lebens sowie am Ende der Zeiten wird uns die ewige Heimholung in die himmlische Heimat geschenkt.
Ja, Gott sammelt sie von allen Seiten und bringt sie auf ihren Ackerboden. Das ist das Ideal und der größte Wunsch, den die Israeliten zur Zeit dieser Exilszeit ersehnt haben! Sie werden wieder als eine einzige Nation zusammenwachsen. Das ist eine politische Verheißung, die wir nicht unterschätzen dürfen. Vor der Babylonischen Gefangenschaft war Israel zweigeteilt, nämlich in das Nord- und Südreich. Dies war schon eine Art traumatische Erfahrung, die Gott als Folge der Sünde Salomos angekündigt hat. Das Nordreich bestand aus zehn der Zwölf Stämme. Dem Südreich blieben nur noch die Stämme Juda und Benjamin. Bevor die Babylonier in Israel einfielen, wurde das Nordreich ein Vasallenstaat der Assyrer.
Es ist also eine ganz große Verheißung, wenn Gott nur noch eine einzige Nation mit nur einem König verheißt. Wir wissen ja, dass die Israeliten dir Rückkehr nach Israel dem Perserkönig Kyros II verdanken werden, der die Fremdherrschaft der Babylonier durch eine Fremdherrschaft Israels durch die Perser ablösen wird. Dennoch wird er sehr positiv dargestellt, ja sogar als messianische Gestalt von Jesaja charakterisiert, weil er sogar den Bau eines neuen Tempels erlaubte. Die Verheißung einer einzigen Nation, die frei ist, wird sich also nicht sofort erfüllen. Wir denken da schon längst weiter und lesen somit die Verheißung nicht als politische: Es geht um den König des Weltalls, Jesus Christus, der neue Salomo, der eine einzige Nation um sich sammeln wird, die gemeinsam mit ihm das Reich Gottes bewohnen wird. Hier geht es nicht um ein irdisches Königreich, sondern um ein geistiges! Der König ist kein gewöhnlicher Mensch, sondern der Messias!
Gott verheißt Israel über Ezechiel, dass die Gräuel und Götzendienste ein Ende haben werden. Und dann sagt Gott den entscheidenden Satz, weshalb wir wissen, dass die christologische Auslegung überhaupt nicht aus den Fingern gesogen ist: „Ich befreie sie von aller Sünde, die sie in ihrer Untreue begangen haben, und ich mache sie rein. Dann werden sie mir Volk sein und ich, ich werde ihnen Gott sein.“ Die Befreiung von aller Sünde geschieht durch die Erlösung, die Jesus am Kreuz erwirken wird. Durch seinen Tod wird Gott mit allen Menschen den Neuen Bund schließen. Alle, die die Erlösung annehmen, werden so zu seinem Volk werden, nicht mehr nur bestehend aus Juden, sondern aus Juden und Heiden. Diesen Bundesschluss gehen wir ein, wenn wir getauft werden. Dann werden wir wirklich ganz rein, wofür auch das weiße Taufkleid steht. Nach der Taufe sündigen wir weiter, weil die Folgen der Erbsünde uns weiterhin beeinflussen. Doch auch da möchte Gott uns immer wieder rein machen im Sakrament der Beichte, durch die wir zurück zur Taufgnade gelangen.
Gott sagt Ezechiel zu: „Mein Knecht David wird König über sie sein und sie werden alle einen einzigen Hirten haben. Sie werden meinen Rechtsentscheiden folgen und auf meine Satzungen achten und nach ihnen handeln.“ Wie sollen wir das denn verstehen, wenn David schon seit 300 Jahren tot ist? Gott meint jemanden, der ein Nachkomme Davids ist, der aus seiner Sippe stammt. Der Messias wird als Sohn Davids erwartet und so wird auch hier wieder eine Ankündigung Jesu Christi ausgesagt. Er ist nicht nur genetisch gesehen der neue König David, sondern auch durch seine Identität als Hirte! In den letzten Wochen vor der Fastenzeit haben wir so viel von David gehört und auch da schon festgestellt, wie eng die typologische Verbindung zwischen ihm und Jesus ist. Nicht umsonst hat Gott alles so gefügt, dass der König über ganz Israel zuvor ein Hirte war! Er sollte in seiner Herrschermentalität schon vorbereitet werden. Er sollte ein Pastor sein, ein Hirte. Und so wird auch der neue David ein Pastor – er wird im Johannesevangelium selbst erklären: Ich bin der gute Hirte. Ich kenne die meinen und die meinen kennen mich. Er wird sich wirklich hingeben für seine Schafe, die auf seine Stimme hören, das heißt die Rechtsentscheide und Satzungen, wie es hier in Ezechiel heißt – die nach dem Evangelium Jesu Christi leben werden.
Ezechiel erhält weiterhin die Botschaft: „Sie werden in dem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe und in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder werden auf ewig darin wohnen und mein Knecht David wird auf ewig ihr Fürst sein.“
Es ist zunächst die wunderbare Verheißung, dass Israel im eigenen Land wieder wohnhaft sein wird, in dem verheißenen Land. Das ewige Wohnen in jenem Land verspricht Gott an dieser Stelle so wie zuvor schon bei den Bundesschlüssen und Versprechen immer unter der Bedingung, dass Israel den Bund hält und Gott treu ist.
Wir lesen es aber auch schon weiter, denn ein ewiges Wohnen in einem Land ist ja selbst für das jüdische Denken ausgeschlossen. Das Leben in dieser Welt ist nicht unendlich und gerade im Judentum gibt es apokalyptische Vorstellungen, welchen nach Gott irgendwann die ganze Weltzeit abbrechen wird. Hier ist also schon das Wohnen in einem anderen verheißenen Land gemeint – in dem Reich Gottes! Auf ewig wird Christus ihr Fürst sein. Es ist ein geistiges Königreich, das mit seiner Menschwerdung schon anbrechen wird und sich dann bis zum Ende der Zeiten immer mehr durchsetzen wird. Dieses Reich Gottes ist schon gegenwärtig in der Kirche, in der Christus in der Eucharistie der Herr ist. Die Kirche, die er als seinen sakramentalen Leib gestiftet hat, bestimmt er. Wie sie auszusehen hat von ihrer Struktur und ihrem Inhalt entscheidet er. Dieses Reich ist auch wohnhaft in den Seelen der Menschen, die mit Gott den Taufbund eingegangen sind. Die Heiligste Dreifaltigkeit nimmt Wohnung in ihrer Seele, die der Tempel des Hl. Geistes ist. So ist der Christus auch schon Herr ihres ganz persönlichen Lebens. Er bestimmt ihr Handeln, er bestimmt die Gebote und zeigt den Weg auf, den der Mensch einschlagen soll. So führt er ihn am Ende seines Lebens vom Glauben zum Schauen. Dann wird er ganz dem Reich Gottes angehören, in dem Gott der König ist.
Ezechiel wird verheißen: „Ich schließe mit ihnen einen Friedensbund; es soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Ich werde sie aufrichten und zahlreich machen. Ich werde mitten unter ihnen auf ewig mein Heiligtum errichten.“ Ja, die Israeliten können nur dann politischen Frieden haben, wenn sie die Sünden ablegen und Gottes Bund treu leben. Weil sie immer wieder in schwere Sünde fallen, vor allem Götzendienst begehen, werden sie immer wieder Opfer von Fremdherrschern. Selbst zur Zeit Jesu wird es so sein, wenn Israel zum Vasallenstaat der Römer wird. Hier geht es um mehr als nur um politischen Frieden. Es geht um den Frieden Gottes, der eine übernatürliche Gabe ist. Dieser Friede hängt zusammen mit dem Hl. Geist, der nicht umsonst die Gestalt einer Taube eingenommen hat. Die Taube ist nämlich ein Symbol des Friedens. Jesus haucht als Auferstandener seine Apostel an mit den Worten „Friede sei mit euch!“ Und sodann: „Empfangt den Heiligen Geist!“ Und schon in der ersten Abschiedsrede in Joh 14 kündigt er ihnen an: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.“ Gott verheißt den Menschen den eschatologischen Frieden, den himmlischen Frieden der Ewigkeit. Gott wird nicht nur die Israeliten als zwölf-Stämme-Bund zahlreich machen, sondern er spricht hier schon vom Volk Gottes des Neuen Bundes. Dieses wird er zahlreich machen, wie wir ja heute sehen können trotz Rückgang in Europa.
Wenn Gott auf ewig mitten unter ihnen sein Heiligtum errichten wird, ist es für die Israeliten zunächst einmal die tröstliche Verheißung, dass es einen neuen Tempel geben wird (der salomonische Tempel wurde von den Babyloniern ja zerstört). Doch wir lesen dies noch weiter: Es ist die Errichtung des Tempels Jesu Christi, seines Leibes, der die Kirche ist! Es handelt sich um die Gemeinschaft der Gläubigen, die durch die Eucharistie als Herzschlag ewig leben wird. Und es handelt sich um das Heiligtum der Seele jedes Getauften. Dort wohnt auf ewig die Herrlichkeit Gottes. Schließlich können wir von der Verheißung hier in Ezechiel einen Bogen schließen bis zur Johannesoffenbarung, in der die Verheißung dann eintreffen wird: Er sieht das himmlische Jerusalem von oben auf die Erde herabkommen. Gott wohnt in der Mitte der Menschen, so wird es keinen Tempel mehr brauchen. Er selbst wird das Heiligtum der Menschen sein.
Und dann werden es alle sehen, dass er der Herr ist. Dann wird alles offenbar werden am Ende der Zeiten!

Ps 31
10 HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst; vor Gram sind mir Auge, Seele und Leib zerfallen.

11 In Kummer schwand mein Leben dahin, meine Jahre vor Seufzen. Meine Kraft ist ermattet wegen meiner Sünde, meine Glieder sind zerfallen.
12 Vor all meinen Bedrängern wurde ich zum Spott, zum Spott sogar für meine Nachbarn. Meinen Freunden wurde ich zum Schrecken, wer mich auf der Straße sieht, der flieht vor mir.
13 Ich bin dem Gedächtnis entschwunden wie ein Toter, bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß.

Der heutige Psalm ist ein Klagepsalm, den wir uns sehr gut als Gebet der deportierten Juden in Babylon vorstellen können. Es ist das Gebet um Rettung aus der Verfolgung durch die babylonischen Feinde, noch bevor Gott die wunderbare Verheißung an den Propheten Ezechiel richtet.
„HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst“ – diese Emotion wird hier als Leiden vor Gott getragen. Wir stellen uns richtig vor, wie die Israeliten diese Angst vor Tod, Heimatlosigkeit und Bedrängnis beten. Auch Jesus wird im Garten Getsemani zum Vater so gebetet haben, denn seine Todesangst ist sehr groß. Er sieht sein gesamtes kommendes Leiden und die Sünden dieser Welt. Die Angst ist sogar so groß, dass sein Schweiß sich mit dem Blut geplatzter Kapillare vermischen wird. Wie sehr haben auch wir mit Ängsten in unserem Leben zu kämpfen. Doch auch da müssen wir sie nicht alleine austragen. Gerade dann dürfen auch wir mit diesen Emotionen zu Gott kommen.
„Vor Gram sind mir Auge, Seele und Leib zerfallen“ – Auge, Seele und Leib sind partes pro toto. Sie sind Beispiele für die gesamte menschliche Existenz, die hier zerfällt. Die Israeliten werden wirklich ihr ganzes Leben den Bach untergehen sehen. Alles ist ihnen entglitten und sie haben überhaupt keine Kontrolle mehr über ihr Leben. Diese Erfahrung hat schon König David gemacht, der vor der Eifersucht Sauls fliehen musste, der aufgrund seiner eigenen Vergehen vor seinem eigenen Sohn fliehen musste, dessen Leben mit einer einzigen Sünde aus dem Ruder geraten ist. Und so entgleitet auch dem Christus das gesamte Leben zum Ende hin. Er nimmt es bereitwillig an und in seinem Fall können wir wirklich sagen, dass er dies nicht selbst verschuldet hat. Auch wir machen die Erfahrung, dass wir in unserem Leben nicht die letzte Kontrolle haben. Es passieren schlimme Dinge, von denen auch wir ehrlich sagen müssen, dass so manches selbstverschuldet ist.
„In Kummer schwand mein Leben dahin, meine Jahre vor Seufzen. Meine Kraft ist ermattet wegen meiner Sünde, meine Glieder sind zerfallen.“ Diese Worte kamen wohl auch den Israeliten über die Lippen, die erkannt haben, dass ihr Leben deshalb in Kummer dahinschwindet, weil sie gesündigt haben. Das Zerfallen der Glieder ist das Gegenteil eines erfüllten und gesegneten Lebens. Der Mensch ist eine Einheit. Wenn er in Einzelteile zerfällt, dann ist es ein Sterben, ein absoluter Untergang. Wir können diese Worte auch auf den Messias beziehen, der diese Beobachtung in der geballtesten Form gemacht hat – aber nicht wegen seiner eigenen Sünden, sondern wegen der Sünden der ganzen Welt! Den Menschen zuliebe ließ er zu, dass seine Glieder nicht einfach zerfallen sind, sondern auseinander gerissen wurden, zerschunden von Stöcken und Geißeln, ausgemergelt durch die Last des Kreuzes und ausgerenkt durch das Hängen am Kreuz.
Jesus hat die Erlösung erwirkt, doch die Menschen sündigen weiter. Selbst wir, die wir den Bund der Taufe eingegangen sind, werden diesem Bund noch untreu. Und dann müssen auch wir die Konsequenzen unserer Sünde tragen. Dann erfahren auch wir dieses Auseinanderfallen unserer Glieder – dann fällt auch in unserem Leben alles auseinander.
„Vor all meinen Bedrängern wurde ich zum Spott, zum Spott sogar für meine Nachbarn. Meinen Freunden wurde ich zum Schrecken, wer mich auf der Straße sieht, der flieht vor mir.“ Diese Worte sind für die Israeliten besonders drastisch. Ja, sie wohnten mit den Babyloniern zusammen und werden sehr angefeindet worden sein. Auch die Nachbarvölker werden über Israel gespottet haben mit den Worten: „Ha, wer ist dein Gott, Israel! Von wegen der Große und Mächtige, der euch aus Ägypten heraufgeführt hat! Was sagt ihr jetzt?“ Und noch viel schlimmer war der Spott, der Jesus erleiden musste als Gott. Er, der Herrscher über das ganze Weltall, wurde behandelt wie der schlimmste Verbrecher, ausgelacht und provoziert mit den Worten: „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann hilf dir selbst und steig herab vom Kreuz!“ Und doch hat er nicht eingegriffen – nicht weil er es nicht konnte, sondern weil er es nicht wollte. Er wollte unsere Erlösung und dafür musste er bis zum Schluss durchhalten. In unserer heutigen Zeit müssen Christen besonders viel Spott aushalten. Es gab noch nie so schlimme Christenverfolgungen wie heutzutage. Der Spott und die Anfeindungen sind so scharf wie noch nie. Wir können auch heute diese Worte des Klagepsalms ganz aktuell beten.
„Ich bin dem Gedächtnis entschwunden wie ein Toter, bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß.“ Für Israeliten ist diese Art von Tod das Schlimmste, was ihnen passieren kann – das Vergessen ihres Namens, ihrer Identität. Die Erinnerung auch über ihren Tod hinaus ist die höchste Form von „Auferstehungshoffnung“, die die Israeliten zur Zeit König Davids vertreten haben (er komponierte ja den Psalm). Ein Leben nach dem Tod, Jenseitsvorstellungen, all das entwickelte sich erst im Laufe der Zeit, sodass Jesus erst dann Mensch geworden ist, als die Juden schon so weit waren, das zu verstehen. Auch zu Ezechiels Zeiten ist das Gedächtnis der Toten das Höchste und Erstrebenswerte. Das Vergessen des Toten ist somit ein ewige Fluch für die Israeliten. Auch den Namen Jesu haben seine Gegner auszulöschen versucht, indem sie ihm nicht den kleinsten Funken Ehre gelassen haben. Doch am Ende hat der Vater seinen Sohn über alle anderen erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen. Er hat ihn nicht nur rehabilitiert, sondern in seinem Namen geschehen bis heute Zeichen und Wunder. Er ist der heiligste aller Namen geworden! So gibt Gott auch uns durch den Neuen Bund einen neuen Namen und wir sind getauft auf den allerheiligsten Namen Jesu Christi.
Ein Klagepsalm besitzt zumeist einen Stimmungsumschwung zum Ende hin. Er endet in einem Lobpreis und so steht auch für uns in der tiefsten Hoffnungslosigkeit das Licht des Ostermorgens. Und so lesen wir am Ende des Psalms Worte wie: „Gepriesen sei der HERR, denn er hat seine Huld wunderbar an mir erwiesen in einer befestigten Stadt. Ich aber sagte in meiner Angst: Ich bin verstoßen aus deinen Augen. Doch du hast mein lautes Flehen gehört, als ich zu dir um Hilfe rief.“ Gott erhört jeden Menschen und die Hoffnung, dass alles am Ende gut wird, ist uns als Christen durch das Ostergeheimnis geschenkt worden!

Joh 11
45 Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.

46 Aber einige von ihnen gingen zu den Pharisäern und sagten ihnen, was er getan hatte.
47 Da beriefen die Hohepriester und die Pharisäer eine Versammlung des Hohen Rates ein. Sie sagten: Was sollen wir tun? Dieser Mensch tut viele Zeichen.
48 Wenn wir ihn gewähren lassen, werden alle an ihn glauben. Dann werden die Römer kommen und uns die heilige Stätte und das Volk nehmen.
49 Einer von ihnen, Kajaphas, der Hohepriester jenes Jahres, sagte zu ihnen: Ihr versteht nichts.
50 Ihr bedenkt nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.
51 Das sagte er nicht aus sich selbst; sondern weil er der Hohepriester jenes Jahres war, sagte er aus prophetischer Eingebung, dass Jesus für das Volk sterben werde.
52 Aber er sollte nicht nur für das Volk sterben, sondern auch, um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln.
53 Von diesem Tag an waren sie entschlossen, ihn zu töten.
54 Jesus ging von nun an nicht mehr öffentlich unter den Juden umher, sondern zog sich von dort in die Gegend nahe der Wüste zurück, zu einer Stadt namens Efraim. Dort blieb er mit seinen Jüngern.
55 Das Paschafest der Juden war nahe und viele zogen schon vor dem Paschafest aus dem ganzen Land nach Jerusalem hinauf, um sich zu heiligen.
56 Sie suchten Jesus und sagten zueinander, während sie im Tempel zusammenstanden: Was meint ihr? Er wird wohl kaum zum Fest kommen.
57 Die Hohepriester und die Pharisäer hatten nämlich angeordnet, wenn jemand wisse, wo er sich aufhält, solle er es melden, damit sie ihn festnehmen könnten.

Heute hören wir im Evangelium die Nachgeschichte der spektakulären Totenerweckung des Lazarus durch Jesus. Diese Episode ist uns am letzten Fastensonntag begegnet.
Viele der Juden, die zu Maria kamen (es geht um die Schwester des Lazarus, die mit ihren Geschwistern in Betanien lebt), sind durch dieses Ereignis gläubig geworden, aber einige haben es den Pharisäern erzählt.
So berufen sie den Hohen Rat ein, der sich aus Sadduzäern und Pharisäern zusammensetzt. Sie überlegen, was sie mit Jesus tun sollen, dessen großes Zeichenwirken sie durchaus anerkennen.
Ihre Denkweise ist verdorben und korrupt. Sie freuen sich nicht darüber, dass alle Menschen gläubig werden könnten, sondern machen sie politische Sorgen. Die Römer könnten aufgrund dieser Massenbewegung den Tempelkult verbieten. Ihnen geht es bei dieser Befürchtung vielleicht gar nicht darum, dass sie den Tempel als Wohnstatt Gottes verlieren könnten, sondern darum, dass sie als Tempellobby an Bedeutung verlieren könnten. Sie sagen ja sogar, dass die Römer ihnen das Volk nehmen könnten. Vielleicht spricht aber auch aufrichtige Sorge aus ihnen heraus, denn es würden viele Juden getötet werden. Und so spricht Kajaphas, der Hohepriester jenes Jahres, unter dem Einfluss des Hl. Geistes, dass es besser wäre, einen einzigen auszuliefern, damit der Rest am Leben bleiben würde. Dies ist zunächst als strategische Aussage zu werten, doch Johannes kommentiert dies im Nachhinein als prophetische Aussage. Auch die Gegenspieler Gottes sind letztendlich nur Werkzeuge des Heils. Gott steht über allen und so kann er selbst die Katastrophe seiner Gegner ins Positive wenden!
Was der Hohe Rat hier bespricht und was die Befürchtungen anbelangt, sehen wir als Widerholung der Geschichte. Den Juden ist schon einmal der Tempel durch die Fremdherrscher genommen worden. Es sind schon damals genug Landsleute umgekommen, als die Babylonier über Israel hergefallen ist. Was diese Männer aber nicht bedenken, ist der eigentliche dramatische Tod – die ewige Abgeschnittenheit von Gott. Sie haben all die Streitgespräche mit Jesus geführt, aber immer noch nicht verstanden, dass er der Hirte ist, den Ezechiel angekündigt hat, der neue König David des Reiches Gottes, der die Versprengten Israels heimholen will. Sie haben nicht verstanden, dass er seinen Leib stiften will als Kirche, als die Gemeinschaft der Gläubigen.
Und doch ist all dies Plan Gottes. Denn ihre Absicht, Jesus zu töten, wird zur Erlösung der ganzen Menschheit führen. Von diesem Tag der Versammlung an suchen sie nun nach einer Gelegenheit, Jesus umzubringen.
Weil Jesus Gott ist und weiß, was die Menschen denken, zieht er sich in die Wüstengegend zurück. Als dann wieder Wallfahrtssaison ist und die frommen Juden zum Pessachfest nach Jerusalem hinaufziehen, warten sie voller Spannung darauf, ob Jesus auch kommen würde. Schließlich ist ihnen ja schon klar, dass er sich mit der religiösen Elite Jerusalems angelegt hat. Sie sind bereit, Jesus auf der Stelle zu melden, weil es die Hohepriester und Schriftgelehrten angeordnet haben. So endet das Evangelium und wir erfahren es heute nicht. Was wir aber wissen und deshalb macht es auch Sinn, dass wir heute einen Tag vor Palmsonntag dieses Evangelium hören: Jesus geht nach Betanien zu den drei Geschwistern, wo Maria ihn prophetischer Weise salben wird, als ob sie sein Begräbnis vorwegnimmt. Dann wird Jesus den Einzug nach Jerusalem als königlicher Messias inszenieren, damit die schriftkundigen Juden die Erfüllung aller prophetischen Verheißungen erkennen. All dies hören wir morgen, aber nicht aus dem Johannesevangelium, sondern nach Matthäus.

Die Lage spitzt sich zu und wir spüren immer mehr, wie die Passion immer näher kommt. Es ist schmerzhaft, Jesus leiden zu sehen, aber es kann ohne die Passion und den Tod keine Auferstehung geben, kein Ostern ohne Karfreitag. Das Weizenkorn muss sterben, damit es reiche Frucht bringt. Wir müssen in unserem Leben zuerst vieles erleiden, bevor uns große Gnaden geschenkt werden. Wir müssen selbst erst einmal unser eigenes Karfreitag des irdischen Todes durchmachen, bevor wir wie Jesus in den Ostermorgen der himmlischen Herrlichkeit hinübergehen können. Bereiten wir uns auf die heilige Woche vor und bitten wir Gott darum, dass er uns für alles Kommende das Herz öffne.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 5. Woche der Fastenzeit

Dan 3,14-21.49.91-92.95; Dan 3,52.53.54.55.56; Joh 8,31-42

Dan 3
14 Nebukadnezzar sagte zu ihnen: Ist es wahr, Schadrach, Meschach und Abed-Nego: Meinen Göttern dient ihr nicht und das goldene Standbild, das ich errichtet habe, verehrt ihr nicht?
15 Nun, wenn ihr bereit seid, sobald ihr den Klang der Hörner, Pfeifen und Zithern, der Harfen, Lauten und Sackpfeifen und aller anderen Instrumente hört, sofort niederzufallen und das Standbild zu verehren, das ich habe machen lassen, ist es gut; verehrt ihr es aber nicht, dann werdet ihr noch zur selben Stunde in den glühenden Feuerofen geworfen. Wer ist der Gott, der euch retten könnte aus meiner Hand?
16 Schadrach, Meschach und Abed-Nego erwiderten dem König Nebukadnezzar: Wir haben es nicht nötig, dir darauf zu antworten:
17 Siehe, unser Gott, dem wir dienen, er kann uns retten. Aus dem glühenden Feuerofen und aus deiner Hand, König, wird er uns retten.
18 Und wenn nicht, so sei dir, König, kundgetan, dass wir deinen Göttern nicht dienen und das goldene Standbild, das du errichtet hast, nicht verehren.
19 Da wurde Nebukadnezzar wütend; sein Gesicht verzerrte sich vor Zorn über Schadrach, Meschach und Abed-Nego. Er ließ den Ofen siebenmal stärker heizen, als man ihn gewöhnlich heizte.
20 Dann befahl er, einige der stärksten Männer aus seinem Heer sollten Schadrach, Meschach und Abed-Nego fesseln und in den glühenden Feuerofen werfen.
21 Da wurden die Männer, wie sie waren – in ihren Mänteln, Röcken und Mützen und den übrigen Kleidungsstücken – gefesselt und in den glühenden Feuerofen geworfen.
49 Aber der Engel des HERRN war zusammen mit Asarja und seinen Gefährten in den Ofen hinabgestiegen. Er trieb die Flammen des Feuers aus dem Ofen hinaus
91 Da erschrak der König Nebukadnezzar; er sprang auf und fragte seine Räte: Haben wir nicht drei Männer gefesselt ins Feuer geworfen? Sie gaben dem König zur Antwort: Gewiss, König!
92 Er erwiderte: Ich sehe aber vier Männer frei im Feuer umhergehen. Sie sind unversehrt und der vierte sieht aus wie ein Göttersohn.
95 Da rief Nebukadnezzar aus: Gepriesen sei der Gott Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos. Denn er hat seinen Engel gesandt und seine Diener gerettet. Im Vertrauen auf ihn haben sie lieber den Befehl des Königs missachtet und ihr Leben dahingegeben, als dass sie irgendeinen anderen als ihren eigenen Gott verehrten und anbeteten.

Heute hören wir aus dem Buch Daniel davon, wie die Freunde Daniels verbrannt werden sollen. Das ganze Geschehen findet zur Zeit des babylonischen Exils statt. Der Babylonierkönig Nebukadnezzar hat ein Standbild anfertigen lassen und erwartet von allen Bewohnern seines Reiches dessen uneingeschränkte Anbetung. Er erwartet dies auch von den dort lebenden Juden. So wird ihm schnell zugetragen, als die Freunde Daniels Schadrach Meschach und Abed-Nego seinem Befehl nicht Folge leisten, auch die babylonischen Götter nicht verehren.
So werden sie ihm vorgeführt und er stellt sie vor die Wahl: Entweder sie führen beim Schall der Anbetungsmusik die Proskynese vor dem Standbild aus oder sie müssen im glühenden Feuerofen sterben.
Ohne zu zögern erwidern die drei Männer dem König, dass ihr Gott sie aus der Hand des Königs und aus dem Feuerofen erretten werde, wenn es sein Wille ist. Andernfalls sei es ein Zeichen für den König, dass das Sterben besser sei als der Hochverrat an ihrem Gott.
Nebukadnezzar wird wütend und lässt den Ofen übermäßig stark heizen, nämlich siebenmal stärker als sonst. Dann werden die drei Männer komplett bekleidet in den Ofen geworfen, wo sie aber nicht verbrennen, sondern frei umhergehen. Auch sieht der König über die drei Männer hinaus noch eine Engelsgestalt im Ofen („sieht aus wie ein Göttersohn“). Wir müssen es uns so denken, dass Gott den Männern einen beistehenden Engel gesandt hat, der sie in dieser Notlage unterstützt. So ist der Herr. Wenn wir ihm zuliebe unseren Kopf hinhalten, dann lässt er uns nicht im Stich, sondern gibt uns die Kraft durchzuhalten.
Dieses Zeichen der Unbeschadetheit und auch der vierten Person lässt den König zur Einsicht kommen, dass der Gott der Juden stärker ist. Er ruft ihm sogar einen Lobpreis aus! So ist er zum Anbeter geworden und nicht die drei Freunde Daniels.
Das ist höchstaktuell. Wenn wir Einflüsse anderer Religionen um uns herum bemerken, heißt das nicht, dass wir irgendwen hasserfüllt behandeln oder sogar verfolgen sollen. Dennoch sollen wir bei allem friedlichen Zusammenleben bei unserem Glauben bleiben und auch offen bekennen. Wir können nicht um des friedlichen Zusammenlebens willen unseren eigenen Glauben aufgeben und unseren Gott betrügen, dem wir durch die Taufe die Treue versprochen haben. Und wenn es ernst wird, sollen wir ihn bis aufs Blut bezeugen – unser eigenes Blut! Diese Hingabe wird die anderen so sehr berühren, dass sie Gott die Ehre geben werden. Das ist die größte Mission, die es gibt. Dann wird der Andere durch unsere konsequent gelebte Liebe positiv beeinflusst. So soll es sein und nicht die nachlassende Liebe des Christen mit falschen Kompromissen.

Dan 3
52 Gepriesen bist du, HERR, du Gott unserer Väter, gelobt und gerühmt in Ewigkeit. Gepriesen ist dein heiliger, herrlicher Name, hochgelobt und verherrlicht in Ewigkeit.
53 Gepriesen bist du im Tempel deiner heiligen Herrlichkeit, hoch gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit.
54 Gepriesen bist du, der in die Tiefen schaut und auf Kerubim thront, gelobt und gerühmt in Ewigkeit.
55 Gepriesen bist du auf dem Thron deiner Herrschaft, hoch gerühmt und gefeiert in Ewigkeit.
56 Gepriesen bist du am Gewölbe des Himmels, gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit.

Statt eines Psalms beten wir heute als Antwort auf die Lesung einen Ausschnitt aus dem Lobpreis der Männer im Feuerofen. Dieses kraftvolle Gebet ist es, das die Männer vor den Flammen gerettet hat zusammen mit ihrem unerschütterlichen Gottvertrauen:
Die Verse beginnen jeweils mit „gepriesen bist du“ und enden mit Wendungen wie „gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit“ oder „gelobt und gerühmt in Ewigkeit“. Der Abschluss mit dem Begriff der Ewigkeit ist eine gängige Abschlussformel jüdischer Gebete. Im heutigen Abschluss preisen die Männer den Gott ihrer Väter, der an verschiedenen Orten gedacht wird, also als allpräsenten Gott: Er ist gepriesen im Tempel der heiligen Herrlichkeit. Das ist sehr tiefsinnig. Historisch-wörtlich ist es auf den ersten Blick ausgeschlossen, denn zur Zeit, als die Männer im Feuerofen Lobpreis machen, ist der Tempel in Jerusalem zerstört. Es gibt also keinen Tempel mehr auf Erden, in dem Gottes Herrlichkeit wohnt. Wenn wir aber einen zweiten Blick darauf werfen und in der Originalsprache lesen (dieser Lobpreis ist nur auf griechisch verfasst, nicht auf Hebräisch), dann sehen wir ein Partizip für „gepriesen sein“. Partizipien dienen der Zeitlosigkeit bzw. übergreifenden Zeitspanne. So ergibt ihr Lobpreis auch auf wörtlicher Ebene Sinn, denn es spielt keine Rolle, ob der Tempel jetzt gemeint ist oder der vergangene oder zukünftige Tempel, den sie sich als Juden natürlich erhofft haben. Über diesen wörtlichen Sinn hinaus lesen wir hier schon die christologische Bedeutung. Wir erkennen den Einfluss des Hl. Geistes bei den Worten der Männer: Gepriesen sei Gott, der im Tempel seiner Herrlichkeit Mensch geworden ist! Dieser Tempel ist die Jungfrau Maria und so ist es ein Lobpreis an Christus. Wir lesen es auch ekklesiologisch weiter als Preisung der Gegenwart Gottes im allerheiligsten Sakrament. Die Kirche wird somit zum neuen „Tempel seiner Herrlichkeit“. Es liest sich auch moralisch als Lobpreis Gottes, der in uns wohnt, nämlich im Tempel der Herrlichkeit unserer Seele! Und schließlich wird es im Feuerofen der Endzeit, wenn der Antichrist auf dem Höhepunkt seiner Macht sein wird, aber nichts ausrichten kann, der letzte Lobgesang irdischer Bedrängnis. Dann werden wir Gott preisen, der im himmlischen Tempel seiner Herrlichkeit wohnt.
Die Männer preisen Gott auch als den, der auf die Tiefen schaut und auf Kerubim thront. Gott ist nicht einfach irgendwo weit weg und gleichgültig unserer irdischen Bedrängnis gegenüber. Er ist ein solidarischer Gott, der tagtäglich zürnt, wie wir vor einigen Tagen bedacht haben – ja, er reagiert auf jede Ungerechtigkeit auf die angemessenste Weise. Er hört jeden Klageschrei seiner geliebten Kinder und er begleitet sie auf all ihren Wegen. Und doch ist er der Höchste, der auf Kerubim thront. Das ist ein Bild für seine Herrschaft. Sie sind es, die ihn ohne Ende preisen und ihn deshalb bildhaft gesprochen auf den Thron heben. Dieses Bild schauen viele Propheten im Alten Testament und es wird auch in der Johannesoffenbarung aufgegriffen, wo die Engelscharen Gott ohne Ende loben und preisen.
„Gepriesen bist du auf dem Thron deiner Herrschaft“ – auch hier könnten wir uns stundenlang aufhalten. Es meint nicht nur Gott, der Himmlische, der auf dem Thron sitzt. Es meint auch den Thron der Herrschaft, den Jesus mit seiner Menschwerdung, seinem Leiden, Tod und seiner Auferstehung bestiegen hat. Wir beten im Glaubensbekenntnis, dass Jesus zur Rechten Gottes des Vaters sitzt und von dort wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die Toten. Er ist es, der auch in unserem Leben auf dem Thron sitzt, da wir mit ihm den Taufbund eingegangen sind. Er ist die Nummer eins in unserem Leben, so herrscht er dort als König. Und wenn wir im Stand der Gnade sterben, werden wir vor Gottes Thron kommen, um auf ewig dort zu bleiben. Dann wird dieser Lobpreis unsere dauerhafte Tätigkeit sein.
„Gepriesen bist du am Gewölbe des Himmels“ – Gott ist zunächst der ganz Andere. Er ist Geist. Er ist transzendent. Für die Juden ist das ganz wichtig und so grenzt Gott sich von den Götzen der anderen Völker ab. Diese sind Geschöpfe oder bestehen aus geschaffenem Material wie Holz, Stein, Gold, Silber etc. Sie sind Teil der Schöpfung und stehen nicht über ihr. So entlarven sie sich selbst als Götzen, als Nichtigkeiten. Als der Mensch soweit war, diese absolute Transzendenz zu verstehen, ist Gott Mensch geworden. Ein neues Kapitel hat sich aufgetan, sodass Gott, der ganz und gar von seiner Schöpfung verschieden ist, sich ganz klein gemacht hat. Er wollte bei den Menschen wohnen und so um seine Braut werben. Als er alles vollbracht hat, ist er mit Leib und Seele heimgekehrt zum Vater.
Der heutige Lobpreis ist sehr tiefgründig und auch nur ein kleiner Abschnitt. Es lohnt sich, einmal das gesamte Gebet zu betrachten und auch regelmäßig zu beten! Es ist ein kraftvolles Gebet zur Abwehr des Bösen auch in heutiger Zeit!

Joh 8
31 Da sagte er zu den Juden, die zum Glauben an ihn gekommen waren: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger.
32 Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien.
33 Sie erwiderten ihm: Wir sind Nachkommen Abrahams und sind noch nie Sklaven gewesen. Wie
kannst du sagen: Ihr werdet frei werden?
34 Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde.
35 Der Sklave aber bleibt nicht für immer im Haus; nur der Sohn bleibt für immer.
36 Wenn euch also der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei.
37 Ich weiß, dass ihr Nachkommen Abrahams seid. Doch ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort in euch keine Aufnahme findet.
38 Ich sage, was ich beim Vater gesehen habe, und ihr tut, was ihr von eurem Vater gehört habt.
39 Sie antworteten ihm: Unser Vater ist Abraham. Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr Kinder Abrahams wärt, würdet ihr die Werke Abrahams tun.
40 Jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der euch die Wahrheit verkündet hat, die ich von Gott gehört habe. So hat Abraham nicht gehandelt.
41 Ihr vollbringt die Werke eures Vaters. Sie entgegneten ihm: Wir stammen nicht aus Unzucht, sondern wir haben nur den einen Vater: Gott.
42 Jesus sagte zu ihnen: Wenn Gott euer Vater wäre, würdet ihr mich lieben; denn von Gott bin ich ausgegangen und gekommen. Ich bin nicht von mir aus gekommen, sondern er hat mich gesandt.

Das heutige Evangelium setzt an dem gestrigen an. Wir hören die Fortsetzung des Streitgesprächs Jesu mit den Juden in Jerusalem, nachdem er einen Mann von seiner Lähmung geheilt hat.
Gestern sprach er über seine eigene Erhöhung und so kamen viele Menschen zum Glauben an ihn durch den sich schließenden Kreis.
Heute spricht Jesus jene gläubig gewordenen Menschen an: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger.“ Sie sind zu seinem Wort gekommen, aber das kann nicht das Ende sein. Sie müssen diese Beziehung nun aufrechterhalten. Es ist ein Aufruf zu einem Leben der treuen Nachfolge. Sein Wort ist er selbst, das fleischgewordene Wort Gottes. In ihm zu bleiben ist johanneische Sprache für den Stand der Gnade. Seine Jünger sind auch wir heute nicht nur dadurch, dass wir getauft sind, sondern dass wir diesen Taufbund treu leben. Denn die Erbschaft der Taufe können wir durch ein unwürdiges Leben wieder verspielen.
„Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien.“ – Dieser Vers ist so tiefgründig und vielschichtig, dass wir an dieser Stelle betrachtend einhalten müssen: Jesus spricht dies zu den gläubig gewordenen Juden. Sie werden dies zukünftig tun, obwohl sie ja jetzt schon die Wahrheit erkannt haben, sonst wären sie nicht gläubig geworden. In Zukunft werden sie es noch anders tun, nämlich bei der Taufe, die sie empfangen werden, wenn Jesus zum Vater heimgekehrt und seine Kirche durch den Hl. Geist zum Leben erweckt hat. Dann wird diese Wahrheit, die sie auf noch umfassendere Wahrheit erkennen, nämlich wenn Jesus gestorben und wieder auferstanden ist, wenn sie die Osterbotschaft als die Wahrheit erkennen werden. Dann werden sie sie gläubig annehmen und sich taufen lassen. Durch diesen sakramentalen Bundesschluss wird die Wahrheit, die Jesus selbst ist, die Getauften befreien – nämlich aus ihrer Sünde. So wird ihnen die Aussicht auf das Himmelreich ermöglicht, doch sie müssen entsprechend leben (wie Jesus zu Anfang gesagt hat). Dieser Vers ist zu allererst auf seine Mutter zu beziehen: Sie war nämlich die Erste, die die Wahrheit erkannt hat, die Gott ist. Sie hat sie so „erkannt“, dass sie von ihm schwanger geworden ist (erkennen umschreibt in biblischer Sprache auch immer den Geschlechtsakt). Sie hat durch den Hl. Geist die Wahrheit erkannt, die in ihr als Mensch herangewachsen ist. So ist sie der Archetyp der erlösten Menschheit. Sie gehört zur neuen Schöpfung, die Gott zum ewigen Leben befreit hat. Sie ist dies auf besondere Weise, denn sie ist es von Anbeginn ihres Lebens.
So wie sie werden auch wir zum ewigen Leben befreit, wenn wir die Wahrheit erkennen. Sie befruchtet uns zwar nur auf geistige Weise, aber doch ist es eine Empfängnis, deren Früchte wir am Ende unseres Lebens ernten werden. Gebe Gott, dass es gute Früchte sind!
Dieser Vers ist auch moralisch zu betrachten: Wir Menschen werden die Wahrheit seiner Gebote erkennen und diese so verinnerlichen, dass es uns immer leichter fällt, sie ganz umzusetzen. Dann wird diese Wahrheit, die Jesus Christus selbst ist, uns schon in diesem Leben frei machen, was wir den Stand der Gnade nennen. Wir sind frei, weil wir immer weniger Sklaven unserer Sünde sind. Dann handelt es sich um eine innere Freiheit, die aus 100% Gnade und 100% Tugend besteht. Sie ergibt sich aus dem wunderbaren Teamwork des Hl. Geistes in uns und unserer eigenen Fähigkeiten.
Schließlich können wir diese Worte Jesu auf anagogische Weise deuten: Spätestens am Ende unseres Lebens werden wir die Wahrheit erkennen, weil wir den Herrn sehen werden, wie er ist (1 Joh 3,2).
Dann wird er uns zu einem neuen Leben befreien in seinem Reich, wenn wir bis dahin standhaft im Glauben geblieben sind. Dann ist es wahrhaft „vom Glauben zum Schauen.“ Dieses Erkennen wird am Ende der Zeiten ein ultimatives und endgültiges Erkennen für alle sein – für die einen ein erlösendes, für die anderen ein schmerzhaftes. Befreiend wird es für jene sein, die Gott bis dahin angenommen haben, schmerzhaft und ewig fesselnd für jene, die ihn bis zum Schluss abgelehnt haben.
Die Juden verstehen diese Sklaverei noch nicht, in der sie sich befinden. Deshalb fragen sie Jesus auch, wie er sie befreien will, wenn ihre konkrete Generation in Freiheit lebt (die Fremdherrschaft der Römer wird wohl nicht als Sklaverei, sondern als Vasallentum verstanden, dennoch gibt es Freiheitskämpfer, die als Zeloten bezeichnet werden).
Jesus erklärt es ihnen geduldig, indem er die Sklaverei als eine Gefangenschaft der Sünde erläutert.
Jesus geht noch weiter und erklärt, dass er als Sohn des Hauses wirklich umfassend befreien kann, weil er ewig im Haus bleibt. Dies ist bildhaft gemeint für das Reich Gottes, in dem er der Sohn ist. Er ist ewig dort beim Vater. So kann Jesus wirklich umfassend befreien und erlösen, sodass die Sklaven der Sünde zu Kindern im Hause Gottes werden können. Dies betrifft nicht erst die Endzeit, sondern wird sakramental mit der Kirche vorweggenommen, in welcher die Getauften zu Kindern Gottes wiedergeboren werden.
Jesus sagt den Juden, die ihm nicht gutgesinnt zu, dass sie Kinder Abrahams sind, denn sie sind ja ins Judentum hineingeboren. Doch er entlarvt auch ihre bösen Absichten, ihn zu töten, weil sie sein Wort nicht annehmen. Sie nehmen damit ihn selbst nicht auf, wodurch sie sich unfruchtbar für das Reich Gottes machen.
Jesus betont noch einmal, dass alles, was er sagt und tut, Zeugnis für den Vater ist. Er verkündet, was er beim Vater gesehen hat. Die Juden sagen dagegen nur: „Unser Vater ist Abraham.“ Jesus wendet sein Selbstzeugnis nun auf sie an und sagt: Wärt ihr Kinder Abrahams, würdet ihr auch seine Werke tun. Abraham steht für einen absoluten Glaubensgehorsam. Sie sind dagegen weder gläubig noch gehorsam. Sie nehmen Gottes Willen und Botschaft nicht an. Stattdessen wollen sie ihn mundtot machen. Er stellt heraus, dass sie nicht wie ihr Stammvater Abraham handeln. So ändern sie die Strategie und sagen: „Wir stammen nicht aus Unzucht, sondern wir haben nur den einen Vater: Gott.“ Doch auch hier stellt Jesus richtig: „Wenn Gott euer Vater wäre, würdet ihr mich lieben; denn von Gott bin ich ausgegangen und gekommen. Ich bin nicht von mir aus gekommen, sondern er hat mich gesandt.“ Jesus ist der Sohn Gottes und eins mit dem Vater. Er offenbart durch sein Sprechen, Handeln und Sein den Vater. Würden die Juden diesen wirklich zum Vater haben, würden sie auch ihn lieben, der der göttliche Sohn des Vaters ist.

Die heutigen Lesungen haben uns vieles gelehrt von Gottvertrauen und Glauben, von den Anfeindungen derer, die im Gegensatz zu den Gläubigen das Wort Gottes nicht in sich aufnehmen, egal ob Juden oder babylonischer König. Nebukadnezzar hat durch die unerschütterliche Treue der drei Männer im Feuerofen den Gott Abrahams anerkannt. Die Juden zur Zeit Jesu tun es ihm jedoch nicht gleich bzw. muss Jesus sterben, damit sich viele zu ihm bekennen und die Wahrheit erkennen. Er wird nicht verschont wie die Männer im Feuerofen. Dafür hat er die Erlösung für alle Menschen erwirkt. Danken wir ihm und preisen wir Gott für seine übergroße Liebe mit den Worten Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos!

Ihre Magstrauss

Dienstag der 4. Woche der Fastenzeit

Ez 47,1-9.12; Ps 46,2-3.5-6.8-9; Joh 5,1-16

Ez 47
1 Dann führte er mich zum Eingang des Tempels zurück und siehe, Wasser strömte unter der Tempelschwelle hervor nach Osten hin; denn die vordere Seite des Tempels schaute nach Osten. Das Wasser floss unterhalb der rechten Seite des Tempels herab, südlich vom Altar.
2 Dann führte er mich durch das Nordtor hinaus und ließ mich außen herum zum äußeren Osttor gehen. Und siehe, das Wasser rieselte an der Südseite hervor.
3 Der Mann ging nach Osten hinaus, mit der Messschnur in der Hand, maß tausend Ellen ab und ließ mich durch das Wasser gehen; das Wasser reichte mir bis an die Knöchel.
4 Dann maß er wieder tausend Ellen ab und ließ mich durch das Wasser gehen; das Wasser reichte mir bis zu den Knien. Darauf maß er wieder tausend Ellen ab und ließ mich hindurchgehen; das Wasser ging mir bis an die Hüften.

5 Und er maß noch einmal tausend Ellen ab. Da war es ein Fluss, den ich nicht mehr durchschreiten konnte; denn das Wasser war tief, ein Wasser, durch das man schwimmen musste, ein Fluss, den man nicht mehr durchschreiten konnte.
6 Dann fragte er mich: Hast du es gesehen, Menschensohn? Darauf führte er mich zurück, am Ufer des Flusses entlang.
7 Als ich zurückging, siehe, da waren an beiden Ufern des Flusses sehr viele Bäume.
8 Er sagte zu mir: Diese Wasser fließen hinaus in den östlichen Bezirk, sie strömen in die Araba hinab und münden in das Meer. Sobald sie aber in das Meer gelangt sind, werden die Wasser gesund.
9 Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können und sehr viele Fische wird es geben. Weil dieses Wasser dort hinkommt, werden sie gesund; wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben.
12 An beiden Ufern des Flusses wachsen alle Arten von Obstbäumen. Ihr Laub wird nicht welken und sie werden nie ohne Frucht sein. Jeden Monat tragen sie frische Früchte; denn ihre Wasser kommen aus dem Heiligtum. Die Früchte werden als Speise und die Blätter als Heilmittel dienen.

Heute hören wir in der Lesung eine wunderbare Vision des Propheten Ezechiel. Historisch ist das Ganze in die Zeit des babylonischen Exils einzuordnen. Umso verheißungsvoller erscheint folgende Vision:
Ezechiel sieht nämlich den Tempel, der ja zuvor zerstört worden ist. Und von diesem Tempel geht Wasser aus, das Richtung Osten fließt. Es kommt vom Altar und fließt sehr weit, sodass Ezechiel zum Nordtor und dann zum Osttor geführt wird, wo er es rieseln sieht. Das heißt aber nicht, dass es sich lediglich um ein kleines Rinnsal handelt, sondern es reicht dem Propheten bis zum Knöchel.
Je mehr Ellen (das ist eine Maßeinheit) der Prophet abmisst bzw. abgeht, desto tiefer wird der Fluss, sodass er am Ende sogar hindurchschwimmen muss.
Das Wasser mündet schließlich ins Meer. Wichtig an dem Strom ist, dass alles gesundet, was damit in Berührung kommt. Es wird viele Fische geben und der Prophet sieht viele Bäume, die an ihm wachsen. Das Laub dieser Gewächse verwelkt nicht und sie bringen viele Früchte.
All das soll für Ezechiel zunächst verdeutlichen, dass was vom Tempel ausgeht, dem Menschen Heil und Leben bringt. Gott versorgt von seinem Tempel aus die ganze Welt. Für den Propheten wird auf diese Weise klar, dass es einen neuen Tempel geben muss, damit Gottes Gegenwart die Welt auf besondere Weise fruchtbar werden lassen kann.
Wir sehen es aber noch weitreichender, nämlich allegorisch: Das Wasser, das vom Altar ausgeht, ist der Hl. Geist. Er war es, der in der Genesis über der Urflut schwebte. Es ist eine typologische Verbindung zur Schöpfungsgeschichte und eine Antizipation dessen, was Gott in unserer heutigen Zeit sakramental durch die Taufe, am Ende der Zeiten auf umfassende Weise bewirkt: Der Hl. Geist bringt eine neue Schöpfung hervor. Er erneuert die Welt. Und dieser Geist geht von Jesus aus, der ihn vom Vater sendet. Deshalb kommt der Geist vom Altar aus. Wir verstehen es schon sehr eucharistisch, denn auf dem Altar jeder Hl. Messe wird das Kreuzesopfer Jesu Christi immer wieder in die Gegenwart geholt. Dann ist seine Gegenwart in der Welt so intensiv wie sonst nie. Sie ist so dabei so real wie damals, als er Mensch geworden ist und unter den Menschen gelebt hat. Deshalb fließt das lebendige Wasser so stark bei jeder Hl. Messe.
Der Geist Gottes geht von der Kirche aus. Ohne sie gibt es keine Realpräsenz Gottes in der Welt. Sie atmet den Hl. Geist, der an Pfingsten wie ihr Lebensodem hineingekommen ist, analog zum Lebensodem in der Genesis, der in Adams Nase geblasen worden ist. Dieser Geist belebt und tränkt alle Lebewesen, auch gerade uns bei der Taufe. Dann kommt der Geist Gottes in uns und nimmt Wohnung auf eine umfassende Weise. So werden wir neugeschaffen zu einer unvergänglichen Schöpfung. Und dieser Geist hält uns am Leben, damit wir das ewige Leben haben. Sowohl die Blätter der Kirche verwelken nicht (Jesus hat uns versprochen, dass die Mächte der Finsternis die Kirche nicht überwältigen werden) als auch die Blätter jedes einzelnen Christen (denn wir sind mit einer unsterblichen Seele geschaffen und durch die Taufe zu Erben in Gottes Reich eingesetzt). Und diese neue Schöpfung, zu der wir gehören, wird ebenfalls ewig sein, da sie schon das Reich Gottes ist, wenn auch noch verborgen. Am Ende der Zeiten wird sie offenbar werden.
Gottes Geist schenkt uns Heil, in erster Linie seelisches, aber als Bonus oft auch physisches. Schließlich ist der Mensch nicht geteilt, sondern eine Leib-Seele-Einheit. Wir dürfen auch heutzutage glauben, dass Jesus die Menschen noch genauso heilen kann wie damals. Seine Realpräsenz ist ja dieselbe. Wichtig ist, dass wir uns zunächst mit Gott versöhnen, damit dieser an uns wirken kann. Die Früchte des Hl. Geistes an den Obstbäumen machen auch uns heute die Hoffnung, dass wenn wir den Geist Gottes in unserem Leben immer wieder an uns wirken lassen, Frucht bringen. Es ist absolut kein Zufall, dass hier die Rede von Obstbäumen und Früchten ist. Es ist eine typologische Analogie zum Garten Eden, in dem ebenfalls köstliche Früchte wachsen. Während im Garten die Früchte dazu dienen, die Menschen physisch zu nähren, und auch dort die Rede von Flüssen ist, die das Paradies tränken, haben wir es hier mit dem lebendigen Wasser zu tun. Es geht hier um den Hl. Geist, der neue Früchte bringt. Während im Garten Eden durch das Verspeisen verbotener Früchte das Unheil gekommen ist, möchte Gott durch die Früchte am Gnadenstrom des Hl. Geistes, die Menschen wieder heil machen. Und diese Früchte verstehen wir sakramental als die Heilsmittel der Kirche, allen voran die Hl. Eucharistie! Was Ezechiel hier sieht, hat also so weitreichende Volken, dass es nur siebenhundert Jahre später in das letzte Abendmahl, in den Kreuzestod Christi und in das Pfingstereignis mündet. Dort findet all das Geschaute seine sakramentale Erfüllung, die am Ende der Zeiten ihre endgültige Vollendung finden wird.

Ps 46
2 Gott ist uns Zuflucht und Stärke, als mächtig erfahren, als Helfer in allen Nöten.
3 Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Erde auch wankt, wenn Berge stürzen in die Tiefe des Meeres;
5 Eines Stromes Arme erfreuen die Gottesstadt, des Höchsten heilige Wohnung.
6 Gott ist in ihrer Mitte, sie wird nicht wanken. Gott hilft ihr, wenn der Morgen anbricht.
8 Mit uns ist der HERR der Heerscharen, der Gott Jakobs ist unsre Burg.
9 Kommt und schaut die Taten des HERRN, der Schauder erregt auf der Erde.

Wir beten heute wieder einen Vertrauenspsalm. Begeben wir uns in die Situation des Gottesvolkes. Es befindet sich in babylonischer Gefangenschaft. Der Tempel ist zerstört. Gottes Gegenwart ist auf Erden getilgt worden. Die Hoffnung auf eine Rückkehr schwindet von Tag zu Tag. Doch in dieser Zeit lässt Gott sein Volk nicht im Stich. Er sendet Propheten wie Ezechiel, die den Menschen Mut und Hoffnung zusprechen. Und dann werden sie sich an die wunderbaren Psalmen ihres Vaters David erinnert haben und sie vertrauensvoll gebetet haben.
In einer absolut trostlosen Situation beten sie dennoch „Gott ist uns Zuflucht und Stärke“. Ja, in einem Zustand, wo das Volk die irdische Heimat verloren hat, ist Gott der Ort, an dem sie ihr Haupt ablegen können. Gott ist wirklich „Helfer in allen Nöten“. Wenn er sogar ein ganzes Volk aus dem Sklavenhaus Ägyptens herausführen konnte, ist es für ihn auch keine Schwierigkeit, das Volk aus Babylon herauszuführen.
Gott ist größer als seine Schöpfung, deshalb gibt es nichts zu fürchten, selbst wenn „die Erde auch wankt, wenn Berge stürzen in die Tiefe des Meeres“. Er hat alles gemacht. Er erhält auch alles am Leben, vor allem das Volk, mit dem er einen Bund eingegangen ist.
Das Volk wird voller Erinnerung an Jerusalem im Exil gebetet haben: „Eines Stromes Arme erfreuen die Gottesstadt, des Höchsten heilige Wohnung“. So erkennen wir, dass Ezechiel seine Vision vom Tempel Gottes und vom Wasser zunächst wörtlich genommen und womöglich mit konkreten Begebenheiten in Verbindung gebracht haben wird. Wichtig ist, dass wir dabei nicht stehenbleiben, sondern das neue Jerusalem mit dem neuen Tempel erkennen.
Die Heilige Wohnung, die Davidsstadt mit den Flüssen, all dies dürfen wir weiterdenken und so ist es nicht an die reale Stadt Jerusalem gebunden. So können auch die Juden im Exil Hoffnung haben und auch wir, die wir getauft sind: So wird der Tempel allegorisch mit Jesus Christus in Verbindung gebracht (oben habe ich es schon ausführlich beschrieben), aber auch moralisch weitergedacht als seelische „Geographie“, denn der Geist Gottes ist durch die Taufe in unsere Herzen ausgegossen und reicht darüber hinaus zu allen Menschen um uns herum. Von diesem inneren Tempel aus können wir leben und überleben, selbst in Dürrezeiten unserer Welt, unserer Geschichte, unserer Gesellschaft. Wir denken es auch anagogisch weiter und erkennen den Tempel Gottes im Himmel, das Himmelreich, in dem wir selbst Gott loben und preisen werden, wenn wir dort Wohnung nehmen. Von diesem himmlischen Tempel aus geht der Hl. Geist aus und wird einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. Dieser Tempel wird von oben auf die Erde herabkommen und Gott wird unter den Menschen wohnen, wie es Johannes in der Offenbarung geschaut hat.
So betet auch David und mit ihm die Juden im Exil: „Gott ist in ihrer Mitte.“ Ja, er ist es schon jetzt, auch wenn sie es nicht immer so verspüren und auch wir nicht immer merken, dass er da ist.
Anhand des nächsten Verses wird uns noch eine weitere Erkenntnis zum Tempel Gottes geschenkt: „Gott hilft ihr, wenn der Morgen anbricht.“ Ja, der Tempel Gottes ist uns auch in der Episode der Tempelreinigung gelehrt worden als Tempel des Leibes Christi! Sein Leib ist ja der Tempel, der niedergerissen und nach drei Tagen wieder aufgebaut werden sollte. Ohne es schon in der Tiefe zu verstehen, hat König David vom Hl. Geist erfüllt diese Verse komponiert, die schon verheißen: Gott wird diesen leiblichen Tempel Christi bei Anbruch des Morgens wieder errichten! Es ist eine österliche Verheißung!
„Mit uns ist der Herr der Heerscharen“, Jahwe Zebaot. Er ist auf intensivste Weise mit den Menschen geworden, indem er Mensch geworden ist und als Immanuel unter den Menschen gelebt hat!
Gott wirkt Zeichen und Wunder zu allen Zeiten. Er hat das Meer geteilt und die Menschen hindurch geführt. Er wird auch das Exil beenden und das Volk zurückkehren lassen. Er wird ihnen einen gütigen Perserkönig senden, Kyros, der ihnen vieles erleichtern wird. Sie werden einen neuen Tempel errichten. Sie werden zwar immer wieder in Fremdherrschaft geraten, weil sie ihm untreu werden, aber er lässt sie nie im Stich. So sendet er am Ende der Zeiten seinen einzigen Sohn, der von den Toten auferstehen wird! Zuvor hat er so viele Zeichen und Wunder getan und tut es auch bis heute durch die Heilsmittel der Kirche. Die Eucharistie ist das größte Zeichen unserer Zeit.
So können wir diesen Vertrauenspsalm bis heute beten, denn er ist in seiner Tiefe absolut zutreffend auch für die Christen von heute. Wir, die wir uns jetzt in einer schwierigen Situation befinden, können auch heute auf Gottes große Taten vertrauen. Er lässt uns auch heute nicht im Stich und es wird alles gut werden.

Joh 5
1 Danach war ein Fest der Juden und Jesus ging hinauf nach Jerusalem.

2 In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf Hebräisch Betesda.
3 In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte, die auf die Bewegung des Wassers warteten.
4 Ein Engel des Herrn aber stieg zu bestimmter Zeit in den Teich hinab und brachte das Wasser zum Aufwallen. Wer dann als Erster hineinstieg, wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.

5 Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war.
6 Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden?
7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein.
8 Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Liege und geh!
9 Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Liege und ging. Dieser Tag war aber ein Sabbat.
10 Da sagten die Juden zu dem Geheilten: Es ist Sabbat, du darfst deine Liege nicht tragen.
11 Er erwiderte ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm deine Liege und geh!
12 Sie fragten ihn: Wer ist denn der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm deine Liege und geh?
13 Der Geheilte wusste aber nicht, wer es war. Jesus war nämlich weggegangen, weil dort eine große Menschenmenge zugegen war.
14 Danach traf ihn Jesus im Tempel und sagte zu ihm: Sieh, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt!
15 Der Mann ging fort und teilte den Juden mit, dass es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte.
16 Daraufhin verfolgten die Juden Jesus, weil er das an einem Sabbat getan hatte.

Im heutigen Evangelium schließt sich wie so oft der Kreis der heutigen Tageslesungen: Auch hier geht es um Wasser, das den Menschen Heilung bringen soll.
Es ist Wallfahrtssaison und wie jeder fromme Jude macht sich auch Jesus mit seinen Jüngern auf den Weg nach Jerusalem. Dort gibt es am Schaftor einen Teich namens Betesda mit fünf Säulenhallen. In diesen liegen viele Kranke, die darauf hoffen, bei Bewegung des Wassers hineingetragen zu werden, um vom Wasser geheilt zu werden. Man glaubte, dass die Wasserbewegung auf einen Engel Gottes hindeutete und so heilsam wurde (die Rede von einem hinabfahrenden Engel ist sekundär eingeschoben worden und deutet auf einen damaligen Aberglauben hin). Und dort liegt nun auch ein Gelähmter, der nichts von dem aufwallenden Wasser hat, denn keiner trägt ihn hinein. Diesem Mann begegnet Jesus nun und er fragt ihn, ob er gesund werden möchte. Jesus fragt ihn nicht einfach so, sondern möchte damit verdeutlichen, dass Heilung vom Willen des Menschen abhängt. Er möchte, dass der Gelähmte von sich aus den Willen zur Heilung kundtut.
Jesus hat Mitleid mit ihm und fordert ihn deshalb auf: „Steh auf, nimm deine Liege und geht!“ Sofort wird der Mann geheilt.
Bis hierhin haben wir schon viele wichtige Dinge, die wir erst einmal verdauen müssen: Dieser Teich heißt Betesda. Das heißt auf Deutsch „Haus der Gnade“. Es fasst schon alles zusammen, was der Prophet Ezechiel heute schaut. Gottes Haus ist die Quelle der Gnade. Diese ist das lebendige Wasser, das vom Altar ausgeht und bis zum Meer fließt.
Das Schaftor ist identisch mit dem Nordosttor Jerusalems. Gott lässt Ezechiel mit der Messschnur erst durchs Nordtor gehen, dann zum äußeren Osttor. Die ganze Episode ist eine Lektion Gottes für alle schriftkundigen Juden: Hier geht es um einen Teich, dessen Wasser lebendig ist. Das liegt an unterirdischen Leitungen, die das Wasser in Bewegung hielten (der Teich war in herodianischer Zeit zu einer großen Mikwe umfunktioniert worden, also zum kultischen Reinigungsbad!). So hat Gottes Vorsehung alles so gefügt, dass Jesus die Lektion ausgerechnet an „lebendigem“ Wasser erteilen kann. Er möchte den Menschen das Wesen des Hl. Geistes erläutern. Er möchte, dass die Menschen einen Bezug zu Ezechiel herstellen. Er nutzt dafür auch einen Zeitpunkt, zu dem viele Pilger nach Jerusalem strömen und die Mikwe auch sehr stark in Anspruch nehmen. Die Heilung findet vor möglichst vielen Zeugen statt, die die Lektion Gottes verstehen sollen. Stattdessen sehen sie nur eines: eine Heilung am Sabbat. Vor einigen Tagen habe ich darüber geschrieben, warum die Juden es so streng mit dem Sabbatgebot halten, dass sie sogar über das Ziel hinausschießen. Es hat unter anderem damit zu tun, dass sie in genau jene babylonische Gefangenschaft geraten sind, weil sie den Sabbat nicht gehalten haben, diese Gefangenschaft, in der Ezechiel wirkt und Visionen hat.
Jesus ist zu dem Zeitpunkt, als der Geheilt befragt wird, nicht mehr anwesend. Der Geheilte kennt Jesus auch nicht, weil er den Anklägern keine Auskunft geben kann. Später trifft er diesen aber im Tempel (das ist ein gutes Zeichen. Der Geheilte geht wohl zum Tempel, um Gott für die Heilung zu danken). Dort sagt Jesus etwas Wichtiges, was auch uns zu denken gibt: „Sieh, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt!“ Jesus sagt hier selbst, dass es einen Zusammenhang zwischen Krankheit/Leiden und Sünde gibt. Es ist nicht immer so, erst vor einigen Tagen hörten wir von einem Unschuldigen, der aber blind ist. Hier ist es aber wohl so, dass der Gelähmte gesündigt hat. Jesus möchte mit dieser Ermahnung dem Geheilten verdeutlichen: Dir ist Gottes Barmherzigkeit zuteil geworden. Sündige von nun an nicht mehr, damit du keinen Rückfall bekommst.“ Und die Rückfälle sind bekanntlich immer drastischer als die Krankheit zuvor. Der Mann hat die Heilung erfahren, weil er zur Heiligkeit berufen ist. Gott möchte, dass er ein gutes Leben führt und Zeuge des Heils Gottes ist. Er soll die Chance nutzen, ein besserer Mensch zu werden. So heilt Gott auch uns, nicht damit wir in Luxus und Bequemlichkeit leben können, sondern damit wir etwas aus dieser gewonnenen Gesundheit machen. So ist es auch mit der geheilten Schwiegermutter des Petrus, die dann die Gäste bedienen kann.
Die Heilung, die dem Gelähmten in erster Linie zuteil geworden ist, ist die seelische Heilung. Seine von Sünde krank gewordene Seele hat in der Begegnung mit Jesus Heilung und Versöhnung erfahren. Als weiterführende Heilung ist dem Mann die Lähmung genommen worden. So möchte Jesus auch uns heilen, er möchte auch uns, die wir uns nach dem lebendigen Wasser sehnen, aber gelähmt sind, Gesundheit an Leib und Seele schenken.
Dies möchte er in besonderer Weise auch jetzt in der Fastenzeit. Nichts kann uns wirklich Heil und Leben schenken (vor allem das ewige Leben!), außer der Gnadenstrom Gottes, der von Christus kommt. Nehmen wir diesen in Anspruch. Tun auch wir Jesus unseren Willen kund, dass er uns heilen möge. Er stellt ja auch jedem von uns tagtäglich die Frage: „Willst du gesund werden?“

Ihre Magstrauss

Dienstag der 3. Woche der Fastenzeit

Dan 3,25.34-43; Ps 25,4-5.6-7.8-9; Mt 18,21-35

Dan 3
25 Asarja blieb stehen, öffnete den Mund und sprach mitten im Feuer folgendes Gebet:
34 Um deines Namens willen verwirf uns nicht für immer; löse deinen Bund nicht auf!
35 Versag uns nicht dein Erbarmen, deinem Freund Abraham zuliebe, deinem Knecht Isaak und Israel, deinem Heiligen,

36 denen du Nachkommen verheißen hast so zahlreich wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres!
37 Ach, HERR, wir sind geringer geworden als alle Völker. In aller Welt sind wir heute wegen unserer Sünden erniedrigt.
38 Wir haben in dieser Zeit weder Vorsteher noch Propheten und keinen, der uns anführt, weder Brandopfer noch Schlachtopfer, weder Speiseopfer noch Räucherwerk, noch einen Ort, um dir die Erstlingsgaben darzubringen und um Erbarmen zu finden bei dir.
39 Du aber nimm uns an! Wir kommen mit zerknirschtem Herzen und demütigem Sinn.
40 Wie Brandopfer von Widdern und Stieren, wie Tausende fetter Lämmer, so gelte heute unser Opfer vor dir und verschaffe uns bei dir Sühne. Denn wer dir vertraut, wird nicht beschämt.
41 Wir folgen dir jetzt von ganzem Herzen, fürchten dich und suchen dein Angesicht.
42 Überlass uns nicht der Schande, sondern handle an uns nach deiner Milde, nach deinem überreichen Erbarmen!
43 Errette uns, deinen wunderbaren Taten entsprechend; verschaff deinem Namen Ruhm, HERR!

Heute hören wir in der Lesung das Gebet eines Mannes der insgesamt vier Männer im Feuerofen. Der babylonische König Nebukadnezzar hatte Asarja, dessen Gebet wir heute hören und der den chaldäischen Namen Abed-Nego erhielt, Schadrach und Meschach in den Feuerofen geworfen. Sie hatten sich geweigert, sich am Herrscherkult zu beteiligen und sich vor dem königlichen Götzenbild niederzuwerfen. Die Männer fielen gleichsam gefesselt ins Feuer, weil der Ofen übermäßig geheizt worden war und die herausragenden Flammen ihre Henker umbrachten. Doch hineingefallen verzehrten die Flammen sie nicht. Heute hören wir nun ein Gebet, das Asarja an Gott richtet, während die Männer im Ofen frei umhergehen.
Es handelt sich um ein Bittgebet, bei dem er Gott darum bittet, den Bundesschluss nicht zurückzunehmen (löse deinen Bund nicht auf). Gott soll sie nicht für immer verwerfen. Das zeigt, dass die babylonische Gefangenschaft mit alle ihren Bedrängnissen als Strafe oder Zeichen der vorübergehenden Verwerfung Gottes empfunden worden ist.
Er erinnert Gott im Gebet an die Verheißung, die er Abraham, Isaak und Jakob gemacht hat. Gott soll auch jetzt sein Versprechen halten. Von dieser Verheißung ausgehend hält er Gott die gegenwärtige Situation hin und klagt ihm, wie gering und schändlich das Volk Israel vor ihm und vor den anderen Völkern dasteht. Er bringt zum Ausdruck, was das eigentlich Schlimme an der Situation ist. Das Volk ist wie eine Herde ohne Hirten und kann Gott durch den ausbleibenden Tempel nicht mit Opfern barmherzig stimmen. So soll Gott die zerknirschten Herzen annehmen wie ein Brandopfer, so soll die Sühne der Israeliten erwirkt werden.
Asarja sagt Gott zu, dass die Bekehrungsbereitschaft da ist. Er nimmt genau die richtige Haltung ein – er nutzt die Chance in der Krisensituation. So sollen auch wir beten. Wir sollen nicht mit Gott hadern, wenn wir Schicksalsschläge erleiden. Wir sollen in uns gehen, unsere Beziehung zu ihm erneuern und unser Gewissen befragen, ob wir nicht durch unsere Sünde dazu beigetragen haben (was nicht automatisch der Fall sein muss!). Auch wir sollen Gott um Vergebung bitten. In unserer heutigen Krisensituation der Pandemie ist es nun höchste Zeit!
Gott sei den Männern barmherzig, so betet Asarja. An sein Gebet schließt sich der kraftvolle Lobpreis der Männer im Feuerofen an. So sollen wir loben und preisen – nicht nur in guten Zeiten! Auch wenn es uns schlecht geht, gibt es dennoch so viele Gründe, Gott zu preisen. Und so wird ihnen nichts passieren, im Gegenteil. Die Männer führen Nebukadnezzar noch zur Anerkennung des Gottes Israels. Auch wir können heute durch die Art und Weise, wie wir mit unserem Leiden umgehen, Menschen entweder zum Glauben führen oder in ihrem Glauben erschüttern. Leiden ist immer eine Chance, die entweder genutzt wird oder eben nicht. Treffen wir die richtige Entscheidung!

Ps 25
4 Zeige mir, HERR, deine Wege, lehre mich deine Pfade!
5 Führe mich in deiner Treue und lehre mich; denn du bist der Gott meines Heils. Auf dich hoffe ich den ganzen Tag.
6 Gedenke deines Erbarmens, HERR, und der Taten deiner Gnade; denn sie bestehen seit Ewigkeit!
7 Gedenke nicht meiner Jugendsünden und meiner Frevel! Nach deiner Huld gedenke meiner, HERR, denn du bist gütig!
8 Der HERR ist gut und redlich, darum weist er Sünder auf den rechten Weg.
9 Die Armen leitet er nach seinem Recht, die Armen lehrt er seinen Weg.

„Zeige mir, HERR, deine Wege“ ist in Krisensituationen die Bitte, in schwierigen Zeiten das richtige Verhalten zu übernehmen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gott zeige uns immer das richtige moralische Verhalten auf, indem er uns seinen Willen aufzeigt. Dies tut er durch sein Heiliges Wort und seine Gebote.
Dieser Psalm ist messianisch zu lesen, denn wir sehen das an der hebräischen Formulierung אֱלֹהֵ֣י יִשְׁעִ֑י elohe, jisch’i, was mit „Gott meines Heils“ übersetzt wird. Die Wurzel des Wortes „Heil“ ist dieselbe wie der Name Jesu. „Auf dich hoffe ich den ganzen Tag“ ist ein besonders intensiver Ausdruck messianischer Erwartung. Eine solche Sehnsucht sehen wir beim Volk Israel insbesondere in der babylonischen Gefangenschaft. Wir spüren sie ganz deutlich in der heutigen Lesung, in gesamten Buch Daniel. Auch wir hoffen den ganzen Tag auf den Messias, insbesondere jetzt in dieser Fastenzeit und in dieser Extremsituation der Coronakrise. Je drastischer die Weltsituation ist, desto lauter wird der Schrei nach dem Gott des Heils.
Mit der Erwartung Gottes kommt auch hier die Frage nach dem Zustand der Menschen auf: „Gedenke deines Erbarmens“ und „gedenke nicht meiner Jugendsünden“ zeigen das Verständnis auf, dass wenn Gott kommt, die Menschen vor ihm gut dastehen möchten. Auch hier ist der Wunsch spürbar, dass wenn Gott kommt, barmherzig mit den sündigen Menschen umgehen soll. So sollen auch wir beten und das tut die Kirche auch immer nach dem Vaterunser in der Hl. Messe: „Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche und schenke uns nach deinem Willen Einheit und Frieden.“ Das wird vor dem Kommen Jesu in der Kommunion gebetet, also bevor die Menschen ihn in ihr Herz aufnehmen. So sollen wir auch persönlich beten, auch dann, wenn Gottes Gegenwart ganz weit weg zu sein scheint. Er wird uns aus der Hand des Bösen erretten wie Schadrach, Meschach und Abed-Nego.

Mt 18
21 Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?
22 Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.
23 Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen.
24 Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.
25 Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.
26 Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.

27 Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.
28 Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknecht, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahl, was du schuldig bist!
29 Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.
30 Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.
31 Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war.
32 Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast.
33 Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?
34 Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.
35 Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.

Auch im Evangelium geht es um Vergebung. Bisher hörten wir Texte, in denen Gott um Vergebung gebeten worden ist. Nun geht es um die Vergebung zwischen Menschen. Petrus fragt Jesus, wie oft man am Tag seinem Nächsten vergeben soll. Dabei schlägt er die Zahl der Vollkommenheit und Fülle vor – sieben. Das ist eigentlich schon die Zahl des Maximums, aber Jesus toppt sie nochmal! Er sagt, dass wir nicht siebenmal, sondern „siebzigmal siebenmal“ vergeben sollen. Er antwortet so, damit Petrus und wir zusammen mit ihm begreifen, dass wir immer und jedem vergeben sollen, von ganzem Herzen.
Er erklärt auch, warum das so sein soll, indem er das Gleichnis vom König und den Sklaven anführt: Der König erlässt einem Sklaven eine große Schuld, weil er ihn so flehentlich darum bittet. Man kann sein Flehen mit dem Gebet Asarjas in der Lesung vergleichen.
Der König hat Mitleid, das griechische Wort ist dasselbe, das auch mit „Erbarmen“ übersetzt werden kann. Wenn Gott barmherzig ist, hat er Mitleid mit seinen Geschöpfen. Das ist wirklich sehr überwältigend. Gott hat Mitleid mit Menschen, die wegen ihrer eigenen Schuld leiden müssen. Und so erlässt er ihnen sogar die Schuld, obwohl sie es rein rechnerisch verdient haben. So groß ist Gottes Liebe!
Der Plottwist kommt aber noch. Vom Sklaven, dem so viel erlassen worden ist, erwarten wir nun ein verändertes Verhalten. Stattdessen sieht man gar nicht von der Barmherzigkeit des Königs in seinem Verhalten: Er bedroht und bedrängt einen Mitsklaven, der ihm etwas schuldet. Dabei ist diese Schuld viel geringer als die, die ihm vom König gerade erst erlassen worden ist. Wir hätten erwartet, dass wenn dem ersten Sklaven so viel erlassen worden ist, er „zur Feier des Tages“ dem Mitsklaven dessen Schuld ebenfalls erlässt. Stattdessen ist er besonders herzlos zu ihm, obwohl dieser so wie er zuvor beim König vor ihm niederfällt und ihn anbettelt.
Sein unbarmherziges Verhalten dringt bis zum König vor und dieser wird zornig mit ihm. Nun wird muss er die ganze Schuld mit seinem Leben zurückzahlen, denn der König übergibt ihn den Peinigern. Der König ist deshalb so streng mit ihm, weil er ihm zuvor so eine Gunst erwiesen hatte, die Barmherzigkeit in seinem Leben jedoch keine Spuren hinterlassen hat. Er lebte einfach so weiter, als wäre dieser Schuldenerlass nicht gewesen. Statt sich eine Scheibe davon abzuschneiden und selbst barmherzig zu werden, blieb er herzlos.
Durch die Taufe ist auch uns die Schuld komplett erlassen worden. Was machen wir aus dieser überragenden Barmherzigkeit, die Gott an uns getan hat? Sind wir barmherzig wie der Vater im Himmel? Immer wieder vergibt er uns die Schuld in der Beichte. Gehen wir verändert ins Leben zurück und vergeben auch unseren Schuldigern? Beten wir das Vaterunser überhaupt aufrichtig, weil wir das tun? Gott wird auch von uns Rechenschaft ablegen, wenn wir unbarmherzig mit den Mitmenschen umgegangen sind. Dem Schuldiger zu vergeben, bedeutet nicht, seine Schuld gutzuheißen. Wir übergeben die Missetaten einfach Gott, der der Richter sein soll. Wir sollen uns von allem Groll, Zorn, von aller Bitterkeit lösen, die uns sonst vergiftet und krank macht. Wir sind es nicht wert, an den Untaten der Mitmenschen zugrunde zu gehen.
Vergeben wir also von ganzem Herzen, auch wenn es nur innerlich geht. Wir müssen nicht zu besten Freunden mit dem Mitmenschen werden, aber haben auch wir Mitleid mit denen, die jetzt wegen ihrer Schuld an uns leiden müssen! Denken wir nicht „das geschieht ihm recht“, sondern haben wir ein Herz. Gott nimmt uns ja auch an und hat Mitleid, wenn wir die Konsequenzen unserer Sünde tragen müssen.
Wenn wir also wollen, dass Gott unser Gebet erhört, das Gebet wie in der Lesung heute durch Asarja, die Bittgebete der Psalmen, unsere eigenen Fürbittgebete, dann müssen wir uns auch mit allen Menschen versöhnen. Das sagt Jesus uns heute im Evangelium. Jetzt in der Fastenzeit gibt uns Gott besonders viel Gnade, dass wir die Kraft dazu haben, einander zu vergeben. Nutzen wir sie und söhnen uns mit allen Menschen ohne Wenn und Aber aus! Gehen wir dann hinein in die Beichte (wenn das in Zeiten von Corona überhaupt möglich ist…) und bitten wir Gott um Verzeihung für unsere Sünden. Dann wird er uns überschütten mit seiner barmherzigen Liebe. Dann wird er uns überreich segnen mit seinen Gaben. Dann werden wir zu glücklichen Menschen.

Ihre Magstrauss