Donnerstag der 5. Woche der in der Fastenzeit

Gen 17,1a.3-9; Ps 105,4-5.6-7.8-9; Joh 8,51-59

Gen 17
1 Als Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien der HERR dem Abram und sprach zu ihm:
3 Abram fiel nieder auf sein Angesicht. Und Gott redete mit ihm und sprach:
4 Ich bin es. Siehe, das ist mein Bund mit dir: Du wirst Stammvater einer Menge von Völkern.
5 Man wird dich nicht mehr Abram nennen. Abraham, Vater der Menge, wird dein Name sein; denn zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt.
6 Ich mache dich über alle Maßen fruchtbar und lasse dich zu Völkern werden; Könige werden von dir abstammen.
7 Ich richte meinen Bund auf zwischen mir und dir und mit deinen Nachkommen nach dir, Generation um Generation, einen ewigen Bund: Für dich und deine Nachkommen nach dir werde ich Gott sein.
8 Dir und deinen Nachkommen nach dir gebe ich das Land, in dem du als Fremder weilst, das ganze Land Kanaan zum ewigen Besitz und ich werde für sie Gott sein.
9 Und Gott sprach zu Abraham: Du aber sollst meinen Bund bewahren, du und deine Nachkommen nach dir, Generation um Generation.

Heute hören wir aus der Genesis den Bundesschluss Gottes mit Abraham. Gott „erscheint“ ihm, auf welche Weise erfahren wir nicht. Wie so oft fällt der „Heimgesuchte“ auf sein Gesicht nieder. So ist es immer, wenn Menschen mit Gott, seinen Boten, mit Übernatürlichem in Kontakt kommen. Es ist deshalb auffällig, dass Maria nicht so reagiert, als der Engel Gabriel ihr die frohe Botschaft überbringt. Dies wird oft mit ihrer Sündenlosigkeit in Verbindung gebracht.
Gott spricht zu Abram, der heute den neuen Namen Abraham erhält, „ich bin es“. Es ist nicht das erste Mal, dass Gott zu ihm spricht. Er hat sich dem Mann zum ersten Mal offenbart, um ihn aufzufordern, von seiner Heimat wegzuziehen. Nun schaut Abraham aber etwas Übernatürliches, was eine neue Stufe der Offenbarung erreicht. Und so bestätigt Gott, dass er es ist.
Gott verheißt ihm, dass er der Stammvater einer Menge von Völkern sein werde. Aufgrund dieser Verheißung heißt er von nun an nicht mehr Abram, was „Der Vater ist erhaben“ heißt, sondern Abraham, was „Vater der Menge“ heißt.
Gott möchte ihn über alle Maßen fruchtbar machen, eine unglaubliche Verheißung für einen in die Jahre gekommenen Mann, dessen Frau unfruchtbar ist! Aber bei Gott ist nichts unmöglich und so wird er zum Typos der Jungfrau Maria. Dies wird uns auch durch den nächsten Satz deutlich, wo es heißt „Könige werden von dir abstammen.“ So ist bei Abraham David, Salomo etc. gemeint, bei Maria ist es ein König, nämlich der einzige ewige König des Gottesreiches!
Gott schließt nicht nur mit Abraham einen Bund, sondern auch mit seinen Nachkommen. Es ist sogar ein ewiger Bund, bei dem Gott den Bundespartnern Gott sein will.
Auch die Gabe des gelobten Landes Kanaan ist Inhalt der Bundesverheißung. Zu jener Zeit wohnt Abraham mit seiner Familie dort als Gast.
Gott stellt ihm diese Dinge nicht einfach in Aussicht, sondern erwartet im Gegenzug, dass Abraham und seine Nachkommen den Bund halten.
Im weiteren Verlauf, den wir heute nicht mehr hören, führt Gott als äußere Zeichen des Bundesschlusses die Beschneidung ein. Sie soll ihm als Zeichen dienen für alle nachfolgenden Generationen.
Uns wird heute wirklich klar, dass dieser Alte Bund, den Gott mit Abraham geschlossen und zu späterer Zeit immer wieder erneuern wird, weiterläuft. Der Bundesschluss, der von Zeit zu Zeit ausgeweitet wird, läuft wirklich ewig weiter und so dürfen wir nicht sagen, dass die Juden mit dem neuen Bundesschluss aus dem Heilsplan Gott herausgefallen seien. Das ist unbiblisch und das ist auch nicht Lehre der Kirche.

Ps 105
4 Fragt nach dem HERRN und seiner Macht, sucht sein Angesicht allezeit!
5 Gedenkt der Wunder, die er getan hat, seiner Zeichen und der Beschlüsse seines Munds!
6 Ihr Nachkommen seines Knechts Abraham, ihr Kinder Jakobs, die er erwählt hat.
7 Er, der HERR, ist unser Gott. Auf der ganzen Erde gelten seine Entscheide.
8 Auf ewig gedachte er seines Bundes, des Wortes, das er gebot für tausend Geschlechter,
9 des Bundes, den er mit Abraham geschlossen, seines Eides, den er Isaak geschworen hat.

Der heutige Psalm reflektiert wie so oft die Geschehnisse der Lesung. Der heutige Ausschnitt besteht aus mehreren Aufforderungen zu einem bestimmten Verhalten. Das macht ihn paränetisch:
„Fragt nach dem HERRN und seiner Macht“ – die hebräische Verbform דִּרְשׁ֣וּ dirschu ist eigentlich mit „suchet, forscht“ zu übersetzen. Es geht also darum, in allem immer den Herrn zu suchen.
„Sucht sein Angesicht allezeit!“- auch בַּקְּשׁ֖וּ baqschu kann mit „suchen“ übersetzt werden, aber auch mit „wollen, begehren, bitten“. Beide Sätze sagen etwas Ähnliches aus und sind ähnlich strukturiert, was wir Parallelismus nennen. Dem Menschen soll es immer nach dem Angesicht Gottes verlangen. Es umschreibt, was mit dem Sch’ma Israel zusammengefasst wird (Dtn 6,4ff.), die absolute Gottesliebe und deshalb das stete Interesse daran, ihn besser zu verstehen. Es geht daran, das Herz an ihn zu hängen.
So wie wir schon oft gebetet haben, ergeht auch hier die Aufforderung an uns, Gottes Heilstaten nie zu vergessen („Gedenkt der Wunder, die er getan hat…“). So werden wir nie undankbar und auch nie etwas für selbstverständlich nehmen, was Gott uns schenkt.
In Vers 6 erkennen wir einen Bezug zur Lesung, wo nämlich die Nachkommen Abrahams, die ihm heute in Gen 17 verheißen worden sind, direkt angesprochen werden. Auch wir sind dazu zu zählen. Auch wir sollen uns angesprochen fühlen mit diesen Worten. Wir denken der großen Taten Gottes mit dankbarem Herzen in jeder Eucharistie. Wir beten jeden Tag die Psalmen und loben Gott darüber hinaus mit Hymnen und anderen Lobliedern.
Gott ist der Herrscher des Alls und deshalb gilt, was er entscheidet. Alles ist seinem universalen Heilswillen unterworfen, was auch für uns sehr tröstlich ist! Das bedeutet nämlich, dass auch der Böse nur so viel anrichten kann, wie Gott zulässt. Sobald das Ende der Zeiten erreicht ist, wird Gott ihm sofort und ganz ohne Mühe Einhalt gebieten. Er wird den Bösen für immer zerstören und wir werden nie wieder leiden müssen.
Gott ist der Treue, der es wirklich ernst meinte, als er den Bund mit Abraham ewig nannte. Die tausend Geschlechter, die hier genannt werden, sind eine symbolische Zahl, sodass wir nicht anfangen müssen, Geschlechter auszurechnen. Es ist ein Code, der eine sehr lange Zeit umschreibt und im poetischen Kontext der Psalmen als Stilmittel fungiert.
Gott hält seine Versprechen und so dürfen wir gläubig ausharren, bis der verherrlichte Menschensohn wiederkommen wird am Ende der Zeiten. Er hat uns ja versprochen, dass er uns reich belohnen werde, wenn wir bis zum Schluss standhaft und wachsam gewesen sind. Und wenn es in unserem Leben schwer wird, trägt er uns hindurch, der vor dem Heimgang zum Vater sagte: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Joh 8
51 Amen, amen, ich sage euch: Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht schauen.

52 Da sagten die Juden zu ihm: Jetzt wissen wir, dass du von einem Dämon besessen bist. Abraham und die Propheten sind gestorben, du aber sagst: Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht erleiden.
53 Bist du etwa größer als unser Vater Abraham? Er ist gestorben und die Propheten sind gestorben. Für wen gibst du dich aus?
54 Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst verherrliche, ist meine Herrlichkeit nichts. Mein Vater ist es, der mich verherrlicht, er, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott.
55 Doch ihr habt ihn nicht erkannt. Ich aber kenne ihn, und wenn ich sagen würde: Ich kenne ihn nicht, so wäre ich ein Lügner wie ihr. Aber ich kenne ihn und halte an seinem Wort fest.
56 Euer Vater Abraham jubelte, weil er meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich.
57 Die Juden entgegneten: Du bist noch keine fünfzig Jahre alt und willst Abraham gesehen haben?
58 Jesus erwiderte ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich.
59 Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und verließ den Tempel.

Im Evangelium hören wir heute den Schluss des achten Kapitels, das zum langen Streitgespräch Jesu mit den Juden in Jerusalem gehört.
Jesus verheißt den Juden hier, dass sie „ewig den Tod nicht schauen“ werden, wenn sie an seinem Wort festhalten. Dies sagte er bereits gestern schon zu den gläubig gewordenen Juden. Er meint damit den seelischen Tod, der die Hölle ist. Wer am Wort Jesu festhält, hält an ihm als Person fest. Erstens ist er nämlich das fleisch gewordene Wort Gottes, zweitens ist sein verkündetes Evangelium ganz und gar mit seiner Person verknüpft. Alles, was er verkündet hat, hat er auch gelebt.
Die Juden, die ihn nicht annehmen wollen und verstockt sind, ziehen aus seinen Worten erneut einen Fehlschluss. Sie unterstellen ihm Besessenheit. Sie erkennen leider nicht die messianische Codesprache, die er immer wieder an den Tag legt. Das ist so ironisch, da sie die Hl. Schriften eigentlich am besten studiert haben. In der jüdischen Tradition gibt es bereits Überlegungen zu einem Leben nach dem Tod. Einige jüdische Gruppierungen glauben an die Auferstehung. Das alles interessiert die Gegner Jesu aber nicht, denn sie suchen vielmehr nach einem Grund, Jesus anklagen zu können.
Anhand ihrer Reaktion erkennen wir, dass sie das ewige Leben auf das irdische Dasein beziehen und deshalb von einer Besessenheit ausgehen. Die Heilsgestalten des Alten Testaments, die für sie die höchsten Autoritäten darstellen, sind ja verstorben. Sie empfinden es als Gotteslästerung und Größenwahn, dass Jesus sich höher stellt als Abraham und die Propheten.
Jesus stellt klar, dass er sich nicht selbst verherrlicht. Es handelt sich bei seinen Worten nicht um Selbstlob, was seine Herrlichkeit ja entkräften würde. Stattdessen verherrlicht der Vater ihn. Wir erkennen an dieser Stelle, dass es eine prophetische Aussage ist. Verherrlichen wird der Vater ihn vollkommen erst nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt. Doch jetzt schon ist es immer wieder ansatzweise zu erahnen – von der Taufe bis hin zu Kreuz und Auferstehung.
Er sagt den Juden noch einmal zu, was er im Abschnitt von gestern bereits gesagt hat: Sie haben den Vater nicht erkannt, sonst würden sie die Signale erkennen, die Jesus aussendet. Er offenbart den Vater und kennt ihn im Gegensatz zu den Juden. Er ist ja eins mit dem Vater, was unvergleichlich ist mit dem intensivsten und ausführlichsten Bibelstudium, durch das man nur einen kleinen Funken von Gott verstehen kann. Gott übersteigt den Buchstaben bei weitem! Und die Gegner Jesu, die eigentlich schriftgelehrt sein sollten, sind es ja eben nicht. Sie erkennen nicht mal die Erfüllung messianischer Verheißungen durch Jesus.
Jesus sagt, dass ihre hohe Autorität Abraham den Tag ersehnt hat, dass die Erlösung komme. Und nun jubelt er, weil Gott Mensch geworden ist in Jesus Christus. Die Übersetzung ist in Vers 56 ist etwas missverständlich, weil sie aus Vergangenheitsformen besteht. Die grammatikalische Form der Verben ist der sogenannte Aorist. Er drückt keine bestimmte Zeit, sondern einen Aspekt aus: Aspekte können ein punktuelles Geschehen, ein Zeitraum, ein immer wiederkehrendes Geschehen sein etc. Diese können zu jeder Zeit passieren, sodass wir hier genauer übersetzen sollten: „Abraham jubelt, weil er meinen Tag sieht“ – mit Tag kann die Menschwerdung Christi gemeint sein, aber vor allem der Tag der Auferstehung, die nämlich sein ewiges Leben bei Gott ermöglichen würde. Er wartete wie alle anderen Gerechten des Alten Testaments auf die Erlösung, damit die Tür zum Paradies sich öffne. Ebenso ist der zweite Satz zu übersetzen: „Er sieht ihn und freut sich“. Alles geschieht ja zum Zeitpunkt, als Jesus diese Worte spricht. Er wandelt als Mensch und vollbringt den Willen Gottes, bis er alles am Kreuz vollbracht hat. Statt einer normalen Gegenwartsform wird der Aorist gewählt, damit eben kein Zeitraum, sondern eine punktuelle Tätigkeit betont wird. Abraham freut sich in dem Augenblick der Erlösung! Den Aoristen kann man auch ingressiv verstehen. Das heißt er markiert den Anfang einer Tätigkeit: Abraham kann sich vom Zeitpunkt der Erlösung und schon zuvor mit der Menschwerdung Jesu Christi freuen, weil er endlich die Herrlichkeit Gottes schauen darf!
Alls das ist den Juden egal. Sie verstehen Jesu Wort überhaupt nicht, sondern sind noch verwirrter und fragen Jesus, wie er in seinen jungen Jahren schon den seit Jahrtausenden toten Abraham gesehen haben will. Da sagt Jesus eine tiefe Wahrheit, die sie aber wiederum provoziert: „Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich.“ Da steht nicht „war ich“, sondern tatsächlich „bin ich“. Auch im Griechischen steht es so (εἰμί eimi). Jesus ist Gott, er ist nicht an eine Zeit gebunden. Er ist ewig und so gibt es bei Gott kein gestern, heute oder morgen. Diese Worte spricht Jesus als Gott, nicht als Mensch. Denn als Mensch ist er ja an Zeiten gebunden. Er ist ja in die Weltgeschichte hineingeboren. Als Gott ist er in der Ewigkeit, die ein einziges Jetzt, ein einziges Heute ist. Jesus will damit sagen, dass noch bevor Abraham geborgen wurde, er schon ist – nämlich als Gott. Er drückt hier seine Präexistenz aus, also seine Existenz schon vor seiner Menschwerdung. Dies ist von einigen häretischen Gruppen bereits in der frühen Kirche bestritten worden, die Jesu Gottheit geleugnet haben.
Die Worte sind höchst provokativ für die Juden. Schon greifen sie nach Steinen, um Jesus gemäß dem mosaischen Gesetz zu steinigen. Doch dieser verlässt den Ort, sodass sie ihn noch nicht umbringen können. Seine Zeit ist noch nicht gekommen.
Jesus hat keine Angst, Dinge zu sagen, die die Menschen in Rage versetzen. Er steht mit seinem Leben für die Wahrheit ein, die er ist. Davon können wir uns wirklich eine Scheibe abschneiden, wenn wir über unsere heutige kirchliche Verkündigung nachdenken. Was überwiegt bei uns? Die Gottesfurcht oder vielmehr die Menschenfurcht? Trauen wir uns, zu verkünden, was die Menschen von heute wütend macht, weil sie das Wort Gottes nicht in sich aufnehmen?

Jesus ist Gott und er steht weit über Abraham, der nur ein Mensch war. Gott hat sein Versprechen gehalten und so stammt von Abraham eine Masse von Menschen ab! Gott hat auch zur Zeit Jesu sein Versprechen gehalten, die Menschen zu erlösen. Er hat somit auch Abraham die ersehnte Rettung erwirkt. Er tut es auch für uns heute und wird es auch am Ende der Zeiten tun, wenn er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird.

„Ehe Abraham wurde, bin ich.“ Auch ehe wir geboren sind, ist Jesus schon, ist Gott schon. Er hat uns schon geliebt, bevor wir geboren wurden. Er hatte schon den Heilsplan für uns bereit, bevor wir die Bühne dieser Welt betreten haben! Das ist ein Grund zum ewigen Lobpreis!

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 3. Woche der Fastenzeit

Dtn 4,1.5-9; Ps 147,12-13.15-16.19-20; Mt 5,17-19

Dtn 4
1 Und nun, Israel, hör auf die Gesetze und Rechtsentscheide, die ich euch zu halten lehre! Hört und ihr werdet leben, ihr werdet in das Land, das der HERR, der Gott eurer Väter, euch gibt, hineinziehen und es in Besitz nehmen.
5 Siehe, hiermit lehre ich euch, wie es mir der HERR, mein Gott, aufgetragen hat, Gesetze und Rechtsentscheide. Ihr sollt sie innerhalb des Landes halten, in das ihr hineinzieht, um es in Besitz zu nehmen.
6 Ihr sollt sie bewahren und sollt sie halten. Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennenlernen, müssen sie sagen: In der Tat, diese große Nation ist ein weises und gebildetes Volk.
7 Denn welche große Nation hätte Götter, die ihr so nah sind, wie der HERR, unser Gott, uns nah ist, wo immer wir ihn anrufen?
8 Oder welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsentscheide, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?
9 Jedoch, nimm dich in Acht, achte gut auf dich! Vergiss nicht die Ereignisse, die du mit eigenen Augen gesehen, und die Worte, die du gehört hast! Lass sie dein ganzes Leben lang nicht aus dem Sinn! Präge sie deinen Kindern und Kindeskindern ein!

Heute hören wir aus der großen Rede des Mose, aus dem das Buch Deuteronomium („zweites Gesetz“) besteht. Dort fasst er zum zweiten Mal die Weisung Gottes zusammen. Dabei ermahnt er zu Anfang der Lesung: „Und nun, Israel, hör auf die Gesetze und Rechtsentscheide, die ich euch zu halten lehre!“ Das spricht Mose zwar zum Volk Israel als Ermahnung unmittelbar vor dem Einzug ins verheißene Land, aber es ist darüber hinaus eine Mahnung auch an uns, die Gebote Gottes zu halten, damit auch wir ins verheißene Land einziehen, moralisch gesehen der Stand der Gnade, anagogisch gesehen das Himmelreich am Ende unseres Lebens. Wir stehen unmittelbar vor dem Ende der Zeiten. Jesus hat uns gesagt, dass das Reich Gottes nahe ist. Es ist kurz vor zwölf.
Gott lässt die Menschen nicht allein und so gibt er ihnen mit der Inbesitznahme des Landes Regeln, aber nicht zur Einschränkung und Aufbürdung, sondern für ein friedliches Zusammenleben in optimaler Freiheit. So ist es auch mit uns, die die Gebote Gottes halten sollen. Gott möchte uns nicht einschränken und den Spaß verderben, sondern uns ein möglichst freies, erfülltes und friedliches Leben garantieren. Seine Gebote führen uns nämlich erst in diese Freiheit entgegen aller Vorurteile.
Wenn das Volk die Torah umsetzt, wird es den anderen Völkern zum Vorbild. Warum sie das überhaupt merken? Die Torah beinhaltet Gesetze, die zu jener Zeit absolut neuartig waren. Die Einschränkung der Rache auf das genaue Maß des Schadens (Auge für Auge) stellte zum Beispiel einen riesigen humanen Fortschritt dar. Ebenso die Bruderliebe und Solidarität des gesamten Bundesbuches fällt vor den Nachbarvölkern auf. Dies gilt nicht nur für das Alte Israel, sondern umso mehr für die ersten Christen. Die Heidenvölker, so ist es bei Tertullian belegt, bewunderten die Christen dafür, dass sie die Nächstenliebe auf so intensive Weise gelebt haben („Seht, wie sie einander lieben!“). Die absolute Vergebungsbereitschaft, die Feindesliebe und der Verzicht auf Rache sind vor den umliegenden Heiden aufgefallen. So sind die Christen durch das Halten der Gebote Gottes zu einer Stadt auf dem Berg geworden. Sie konnten nicht verborgen bleiben.
„Denn welche große Nation hätte Götter, die ihr so nah sind, wie der HERR, unser Gott“ ist ein besonders eindrücklicher Satz, der den Kern des ganz anderen Verhaltens Israels im Gegensatz zu den Nachbarvölkern ausdrückt. Die radikale Liebe (für die Israeliten war die Bruderliebe und „Auge für Auge“ das mögliche Maximum) speist sich aus der innigen Beziehung zu Gott. Kein anderes Volk hat in diesem Maße ein barmherziges Gottesbild und insgesamt ein personales Du. Das können wir Christen umso mehr sagen, denen Jesus den barmherzigen Vater beigebracht hat, der uns das Vaterunser lehrte, der uns erlaubte, seinen Vater Abba, Papa zu nennen.
Es gibt in keinem anderen Volk eine derart gerechte Gesetzgebung wie in Israel zu jener Zeit. Das Maß an Solidarität, die Option für die Armen, das heißt vor allem für die Witwen, Waisen, Kranken und Fremden im Land, ist mit keinem anderen Volk vergleichbar. Gott ist wirklich gerecht und hat ein Herz für seine geliebten Kinder. Ebenso können wir Christen das sagen, für die die zehn Gebote nach wie vor gelten und die Ausdruck der absoluten Gerechtigkeit Gottes sind.
Im letzten Vers schärft Mose den Israeliten ein, nie zu vergessen, was Gott ihnen Gutes getan hat. Sie haben mit ihren eigenen Augen spektakuläre Wunder gesehen. Gott ist immer für sie dagewesen. Damit auch die nachfolgenden Generationen das nie vergessen, sollen diese Dinge immer weiter erzählt werden. Gerade der Auszug aus Ägypten wird am Sederabend des Paschafestes erzählt. Der Jüngste der Familie soll rituell die Erzählung einleiten, indem er auch heute noch fragt: „Warum unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten?“ Das Paschamysterium hat sich mit Jesus antitypisch erfüllt und so sagt er beim letzten Abendmahl: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Und so beten wir es in der Hl. Messe. Auch wir sollen nie vergessen, was Gott uns eigentlich für ein Heil geschenkt hat. Wir sind erlöst und haben wieder Aussicht auf das Himmelreich! Gott setzt uns als seine Erben ein! Auch wir sollen deshalb dieses große Geschenk und die Gebote Gottes unseren Nachkommen weitergeben, damit auch sie nicht vergessen, welches große Geschenk ihnen zuteil geworden ist.

Ps 147
12 Jerusalem, rühme den HERRN! Lobe deinen Gott, Zion!
13 Denn er hat die Riegel deiner Tore festgemacht, die Kinder in deiner Mitte gesegnet.
15 Er sendet seinen Spruch zur Erde, in Eile läuft sein Wort dahin.
16 Er gibt Schnee wie Wolle, Reif streut er aus wie Asche.
19 Er verkündet Jakob sein Wort, Israel seine Gesetze und seine Entscheide.
20 An keinem anderen Volk hat er so gehandelt, sie kennen sein Recht nicht. Halleluja!

Heute beten wir einen Psalm aus dem sogenannten Kleinen Hallel, einer Gruppe von Lobpsalmen, die den Psalter abschließen. Jerusalem wird in Vers 12 zum Lobpreis aufgefordert – typischer Psalmenstil. „Lobe deinen Gott, Zion!“ bezieht sich zwar auf Jerusalem, doch ist es rhetorisch gemeint, denn es handelt sich um ein pars pro toto. Das ganze Volk Israel ist gemeint und diese Aufforderung erinnert an die Worte des Mose in Dtn 4. Der Psalm ist viele Jahrhunderte bzw. Jahrtausende älter als das Deuteronomium und vieles ist seitdem geschehen. Gott hat auf Israels Irrwegen immer wieder seinen Segen gespendet. Und so hat Israel trotz seiner Treuebrüche und daraus resultierenden Schicksalsschläge immer wieder Grund zum Lob: „Denn er hat die Riegel deiner Tore festgemacht, die Kinder in deiner Mitte gesegnet.“ Die Sicherheit des Landes oder der Stadt Jerusalem wird als Zeichen des Segens Gottes bewertet.
„Er sendet seinen Spruch zur Erde, in Eile läuft sein Wort dahin“ meint im wörtlichen Sinn zunächst seine Weisung, die Torah. Wo sie nicht gehalten wird, sendet er seinen Spruch zu auserwählten Personen, die als Propheten auftreten und Gottes Spruch den Israeliten übermitteln. Wir lesen diesen Vers aber schon weiter, nämlich als höchst messianische Weisung! Gott sendet sein Gesprochenes zur Erde, das heißt sein Wort! Und dieses Wort ist Jesus Christus, das fleischgewordene Wort. „In Eile läuft sein Wort dahin“, denn er kommt bald. Während es vom Kontext des Psalms her noch das erste Kommen meint, betrachten und ersehnen wir sein baldiges zweites Kommen am Ende der Zeiten.
Der nächste Vers ist rätselhaft, weil von Schnee und Reif, von Wolle und Asche die Rede ist. Es bezieht sich auf das wirkmächtige Wort Gottes, durch das Gott seine Schöpfung nicht nur hervorgebracht hat, sondern auch am Leben erhält. Es ist vergleichbar mit den Worten Jesajas in Kapitel 55, wo es heißt: „Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, ohne die Erde zu tränken und sie zum Keimen und Sprossen zu bringen, dass sie dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.“ Gott wirkt durch Jesus Christus große Taten in der Welt, damals wie heute! Auch jetzt erblüht die Welt mit jeder Hl. Messe, die gefeiert wird. Es ist wie ein Regen, der die verdorrte Landschaft wieder tränkt und zum Leben erweckt, insbesondere die Wüstenlandschaft Europa, in der wir leben! Wir brauchen Gottes Wort, das uns am Leben erhält.
„Er verkündet Jakob sein Wort“ – Gott weist den Menschen moralisch einen Weg, damit sie friedlich miteinander leben können. Davon hörten wir ja bereits in der Lesung. Gott verkündet auch heute seine Weisung, nämlich durch sein Sprachrohr, die Kirche. Ein wichtiger Grundvollzug ist die Verkündigung. Wo die Weisung nicht mehr vollständig und authentisch den Menschen übermittelt wird, vergessen sie die Heilstaten Gottes und verirren sich. Dann muss man wirklich sagen: Aufgrund der mangelhaften Verkündigung tragen die Verkündiger eine Mitschuld an der moralischen Verirrung der Menschen. Dann können unsereins wirklich nur noch beten: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Ja, die Menschen wissen es nicht besser, weil keiner sie mehr richtig anleitet. So können sie nicht in die Freiheit geführt werden, die die Gebote Gottes aber in Aussicht stellen. Das Wissen um die Gebote Gottes bringt Verantwortung mit sich, denn so wird Gott von den Wissenden mehr Rechenschaft ablegen als von den Unwissenden. Dennoch ist es weniger Bürde als Privileg, Gott kennengelernt zu haben. Wünschen wir nicht jedem Menschen, den wir lieben, nur das Beste? Es ist immer die bessere Wahl, Gottes Liebe im eigenen Leben erfahren zu haben und als sein Erbe eingesetzt worden zu sein!
Während es noch im Psalm heißt „an keinem anderen Volk hat er so gehandelt“, können wir als österliche Menschen sagen: Das Heil wurde allen Völkern geschenkt, Jesus ist für die ganze Menschheit gestorben! Und wer es annimmt, gehört zum neuen Volk Gottes, gleichermaßen bestehend aus Juden und Heiden!

Mt 5
17 Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.
18 Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.
19 Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.

Wir hörten bisher schon viel von der Weisung Gottes und davon, dass Gott uns dadurch in die Freiheit führen möchte. Jesus ist nicht gekommen, um all das über den Haufen zu werfen, sondern um es zu erfüllen. Im heutigen Evangelium hören wir davon, dass die Gebote Gottes unter keinen Umständen abgeschafft werden dürfen. Eine klare Ansage für uns Christen heute, die demokratisch über diese Gebote abstimmen möchten!
Jesus sagt dagegen: „Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein.“ Das Jota ist im griechischen Alphabet der kleinste Buchstabe, deshalb wird er hier genannt. Auch Häkchen sind kleine, aber nicht zu unterschätzende Elemente der griechischen Sprache. Jesus schärft auch uns Christen heute ein, das Gesetz nicht zu verändern. Auch die unscheinbaren Gebote, die scheinbar wenig Gewicht besitzen, sollen ernst genommen werden. Denn wer in kleinen Dingen nicht mal treu sein kann, wie will er oder sie es in den großen Dingen sein? Jesus sagt das nicht, weil er eine Buchstabentreue nach pharisäischer Manier unterstützt. Er tut es, weil das der Kern von Liebe ist – Radikalität als Konsequent sein. Wenn ich jemanden liebe, gehe ich aufs Ganze. Dann stehe ich eines Tages am Traualtar und verspreche die ewige Treue in guten und in schlechten Zeiten, nehme den Ehepartner ganz an mit allen Stärken und Schwächen, ohne wenn und aber. Dabei ist die Ehe ja ein Abbild der Liebe Gottes, die er in sich ist. Er ist das Original und so möchte er unser ganzes Sein, wenn wir seine Liebe erwidern. Er hat uns immer zuerst geliebt, indem er uns aus Liebe ins Dasein gerufen hat. Er möchte unsere ganze Liebe wie der Ehepartner am Traualtar. Deshalb ist es logisch, jedes Gebot Gottes zu halten, mag es noch so klein sein, aber nicht aus juristischem Verständnis, sondern vom Beziehungsaspekt her. Und dieser Liebesaspekt sollte auch der Kern der Verkündigung des Evangeliums sein. Wenn die Kirche die Gebote Gottes den Menschen erklärt, soll dieser Beziehungsaspekt der rote Faden sein. Dann werden die Menschen verstehen, warum die Gebote zu halten sind.
Groß sein im Himmelreich können nur jene, die als Verkündiger des Evangeliums erstens die Gebote selbst halten und zweitens die Gebote vollständig lehren, auch jene, die Anstoß erregen. Und in unserer heutigen Zeit sind das ganz klar die Gebote, die die Keuschheit des Menschen betreffen. Dafür müssen die Verkündiger des Evangeliums diese Keuschheit zunächst wieder selbst leben. Wenn wir hier von Geistlichen sprechen, meint es die Form der Keuschheit für Menschen im geistlichen Stand wie Priester und Ordensleute. Wenn wir von Katecheten sprechen, dann meint es die eheliche Keuschheit (ja, die gibt es!!) oder die voreheliche Keuschheit für die noch nicht Verheirateten. Es geht um die Reinheit des Herzens und die soll in jedem Lebensstand gewährleistet werden. Das ist nämlich der größte Ausdruck von Freiheit und überzeugt die Menschen letztendlich. Das wird anstecken und so möchten auch die Hörer der Verkündigung eine solche Freiheit erlangen. Wäre dem nicht so, würden wir nicht beobachten, dass die zeitgeistig Denkenden leere Kirchenbänke vor sich haben, während die, die vom Evangelium ganz überzeugt sind und sich um die Umsetzung zunächst selbst bemühen, eine fast platzende Kirche haben. Menschen spüren, wo Wasser gepredigt und Wein getrunken wird. Sie merken auch, wo noch authentische Verkündigung ist. Heute lädt Jesus uns wieder ein, zu diesem authentischen Leben zurückzukehren bzw. überhaupt erst umzukehren. Dann wird die Kirche wieder aufblühen. Das ist die einzige Chance. Er ist schließlich das Wort, das wie Regen die Erde tränkt und neue Pflanzen hervorbringen kann. Dies kann kein zeitgeistiger Aktivismus erlangen. Es ist noch nicht zu spät und jetzt in der Fastenzeit fließen besonders viele Gnaden dafür! Beten wir um Umkehr, damit viele jetzt die Zeit der Gnade nutzen und zum lebenspendenden Wort Gottes umkehren!

Ihre Magstrauss