Dienstag der 3. Osterwoche

Apg 7,51 – 8,1a; Ps 31,3c-4.6 u.7b-8a.17 u. 21ab; Joh 6,30-35

Apg 7-8
51 Ihr Halsstarrigen, unbeschnitten an Herzen und Ohren! Immerzu widersetzt ihr euch dem Heiligen Geist, eure Väter schon und nun auch ihr.
52 Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Sie haben die getötet, die die Ankunft des Gerechten geweissagt haben, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid,
53 ihr, die ihr durch die Anordnung von Engeln das Gesetz empfangen, es aber nicht gehalten habt.
54 Als sie das hörten, waren sie in ihren Herzen aufs Äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen gegen ihn.
55 Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen
56 und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.
57 Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten einmütig auf ihn los,
58 trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß.
59 So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!
60 Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er.
1 Saulus aber war mit seiner Ermordung einverstanden.

Bereits gestern haben wir einen Ausschnitt aus der Apostelgeschichte gehört, in dem es um Stephanus ging. Nachdem er von seinen Neidern vor den Sanhedrin gebracht worden ist und der Hohepriester die Vorwürfe gegen ihn zur Sprache bringt, hält Stephanus eine lange Verteidigungsrede. Es handelt sich dabei um die längste Rede in der Apostelgeschichte. Er unternimmt darin einen gesamten Abriss der Heilsgeschichte Gottes mit dem Volk Israel angefangen mit Abraham. Zum Ende hin formuliert Stephanus harte Vorwürfe gegenüber dem Sanhedrin und den Juden:
„Ihr Halsstarrigen, unbeschnitten an Herzen und Ohren!“ Der Vorwurf der Unbeschnittenheit ist sehr provokativ, denn genau diese ist ja das Zeichen des Alten Bundes. Die physische Beschnittenheit ist aber keine automatische Rechtfertigung vor Gott, wenn man zugleich nicht auf Gottes Willen hört und seine Botschaft ans Herz heranlässt. Der Jude muss zusätzlich zu seiner physischen Beschnittenheit eine innere Beschnittenheit aufweisen, damit er vor Gott gerecht ist. Deshalb kritisiert Gott im Alten Testament so oft die Menschen, die fleißig Opfer darbringen, aber den Nächsten ausbeuten und sich nicht an die zehn Gebote halten. Das heißt nicht, dass Gott die Opfer nicht will, ebenso wenig hat er etwas gegen die Beschneidung, die er ja selbst angeordnet hat. Vielmehr möchte Gott eine Kongruenz von innen und außen. Und Stephanus kritisiert bei den anwesenden Juden jetzt eben jene Inkongruenz. Es ist die Verstocktheit, die Jesus schon deutlich kritisiert hat. Sie ist mehr als nur ein Weghören, sie ist eine Rebellion gegen den Heiligen Geist, der im Laufe der Heilsgeschichte immer wieder durch die Propheten gesprochen hat.
Und was ist passiert? Weil sie die Worte der Propheten nicht hören wollten, haben sie immer wieder die Propheten mundtot gemacht. Sie haben sie sogar umgebracht. Sie haben jene getötet, die den Messias angekündigt haben. Und auch den Messias selbst haben nun die anwesenden Juden, die Nachfahren der „Väter“, umgebracht.
Sie haben die Torah erhalten, ihnen hat Gott sich immer und immer wieder offenbart, doch sie haben sich nicht an die Gebote Gottes gehalten. Sie sind im Gegensatz zu den anderen Völkern um sie herum wunderbar begnadet worden, doch sie haben die Zeit der Gnade nicht erkannt.
Die Worte sind wirklich hart, aber Stephanus spricht sie als Aufruf zur Umkehr. Er möchte sie wachrütteln, die in ihrer Verstocktheit sich nur selbst schaden.
Doch das einzige, was er erreicht, ist äußerste Empörung und Zähneknirschen.
Er lässt sich gar nicht davon beirren. Stattdessen schaut er zum Himmel und erhält eine wunderbare Vision, in der er Christus zur Rechten des Vaters sitzen sieht. Ihm wird zuteil, was dem Propheten Daniel und später dann auch dem Seher in der Johannesoffenbarung geschenkt wird: Den Blick in den himmlischen Thronsaal.
Er spricht es auch aus in Anlehnung an den Propheten Daniel. Es ist eigentlich ein Schriftwort, das die Hohepriester und Schriftgelehrten kennen. Es ist auch jenes Schriftwort, dass sie beim Prozess Jesu in Rage gebracht hat und weshalb sie ihre Gewänder zerrissen haben. Es ist für sie der Höhepunkt der Blasphemie. Sie erkennen nicht, dass Jesus der Messias ist, oder vielmehr: Sie wollen es nicht einsehen, obwohl die Zeichen eindeutig sind.
Das bringt das Fass zum Überlaufen und so schreien die Anwesenden auf, treiben den Angeklagten zur Stadt hinaus und steinigen ihn. Es ist ein Fall von Lynchjustiz, der aber als heilige Handlung angesehen wird. Die Juden meinen, Gott mit dieser schrecklichen Tat einen Dienst zu erweisen. Sie verstehen nicht, was sie da tun. Und somit tun sie es ihren Vätern gleich, die schon nicht auf Gottes Stimme hören wollten und so seine auserwählten Knechte umgebracht haben.
Am Ende wird Saulus erwähnt, der später der größte Völkerapostel Paulus werden würde. Bis zu seiner Bekehrung ist er aber ein eifriger Christenverfolger und von seiner Bildung her Pharisäer. Ihm legen die Juden die Kleider zu Füßen. Er hat einen großen Anteil an dieser tragischen Geschichte, durch die eine Christenverfolgung in Jerusalem eingeleitet wird, die erste in der Geschichte der Christenheit.
Stephanus stirbt als Märtyrer. Er betet für seine Verfolger und übergibt Gott vertrauensvoll seinen Geist. Seine Haltung entspricht Jesus am Kreuz. Sein heroischer Mut hat ihn direkt an den Ort gebracht, den er unmittelbar vor seinem Tod schauen durfte.

Ps 31
3 Sei mir ein schützender Fels, ein festes Haus, mich zu retten!
4 Denn du bist mein Fels und meine Festung; um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten.
6 In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du Gott der Treue.

7 Ich setze auf den HERRN mein Vertrauen.
8 Ich will jubeln und deiner Huld mich freuen.
17 Lass dein Angesicht leuchten über deinem Knecht, hilf mir in deiner Huld!
21 Du verbirgst sie im Schutz deines Angesichts vor den Verschwörungen der Leute.

Was Stephanus im Sterben noch gebetet hat, erinnert uns an die Worte Jesu am Kreuz, die er laut Lukasevangelium gebetet hat. Sie entstammen Psalm 31, den wir nun als Antwort auf die Ereignisse der Apostelgeschichte beten. Es ist ein Vertrauenspsalm. Wir beten genau diesen Psalm auch am zweiten Weihnachtstag, der zugleich der Gedenktag des Heiligen Stephanus ist. Er gehört einfach zu ihm. Wir haben diesen Psalm auch in der Fastenzeit und vor allem an Karfreitag gebetet, weil er das Vertrauen Jesu noch in den letzten Atemzügen am Kreuz ausdrückt.
Zu Beginn des Abschnitts formuliert König David, dem wir den Psalm zuschreiben, die Bitte um Schutz. Gott möge ihn retten, der für David wie ein „schützender Fels“ und „ein festes Haus“ ist. Diese Bilder bieten Geborgenheit. Nicht umsonst greift Jesus diese Bilder in seiner Verkündigung auf und erklärt in Gleichnissen, dass das Vertrauen auf Gott wie das Bauen auf Felsen sei. Die Stürme und Regengüsse des Lebens, die Angriffe des Bösen und die Leiden der Welt können das Leben des Gottvertrauenden nicht erschüttern. Und wenn die Versuchungen noch so groß sind – wenn er sein Leben ganz auf Gott ausrichtet und die Heilsmittel in Anspruch nimmt, sich um den Stand der Gnade bemüht und sein Gewissen immer wachhält, wird er nicht hereinfallen. Er wird weiterhin an Gott festhalten und den Glauben nicht verlieren. Das größte Vorbild darin ist Christus, der so heftig versucht worden ist, weil der Böse die Erlösung unbedingt aufhalten wollte. Doch er hat die Rechnung ohne die intime Beziehung zwischen Vater und Sohn gemacht! Jesus hat bis zum letzten Atemzug am Vater festgehalten, auch wenn er sich ganz alleingelassen gefühlt hat. So ist es auch mit dem Haus Gottes, der Kirche. Weil sie auf Felsen gebaut ist, dem von Christus selbst ausgewählten Gestein „Petrus und seine Nachfolger“, stürzt sie auch in den schlimmsten Stürmen nicht ein.
Gott selbst ist dieser Felsen, der dein einzelnen Menschen, aber auch die Gesamtheit des Volkes Gottes, die Kirche heißt, führen und leiten. Weil er selbst die Kirche gestiftet hat, wird sie auch nicht untergehen und zerstört werden.
„In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist“ war eines der letzten Worte des ersten Märtyrers. Er hatte dieses starke Gottvertrauen, das auch schon David ausgemacht hat.
Und so ist Stephanus direkt zum Herrn gekommen, dessen Herrlichkeit er in der Vision schon gesehen hatte. Nun kann er im Angesicht Gottes jubeln und dessen Huld sich freuen. Gott hat ihn für seine heldenhafte Tat belohnt. Nun darf Stephanus auf ewig bei Gott sein. Er ist Christus wirklich treu nachgefolgt, sogar in dessen unerschütterlichem Gottvertrauen.
Auch „in deiner Hand steht meine Zeit“ drückt diese Geborgenheit und das Vertrauen aus, das wir ausdrücken, wenn wir diesen Psalm beten.
Gott ist der einzige, der uns unseren Feinden entreißen kann. Er hat es bei Stephanus getan, der verfolgt worden ist für den Glauben an Jesus Christus. Auch uns wird der Herr erretten von unseren Feinden. Wir haben keine Garantie, dass er unser irdisches Leben bewahren wird. Oft wird uns ja gerade dieses genommen. Unseren Glauben und unser ewiges Leben kann aber kein Feind entreißen. Und wenn wir um Jesu willen umgebracht werden, kommen wir direkt zu ihm.
Beten wir diesen Psalm immer wieder, wenn wir in Not sind, vor allem in seelischer Not! Gott wird uns unserem wahren Feind entreißen: Dem Satan, der unsere Seele von Gott wegführen und uns den ewigen Tod, die Hölle bescheren will.
„Lass dein Angesicht leuchte über deinem Knecht“ – Ja das hat er ganz und gar getan. Er hat sich Stephanus gezeigt. Dieser durfte den himmlischen Thronsaal sehen und zugleich reflektierte sein Gesicht die Herrlichkeit Gottes. So konnten seine Feinde nicht anders, als sein Engelsgesicht tatsächlich anerkennen.
Gott hat die Seele des Stephanus bis zum Schluss beschützt. Die Verschwörungen seiner Neider haben zu seinem biologischen Tod geführt. Damit haben sie aber vor allem sich selbst geschadet, denn sie haben sich an dem Knecht Gottes versündigt. Sie haben aus der schrecklichen Untat der Kreuzigung Jesu Christi nicht gelernt, sondern sind weiterhin verstockt. Stephanus dagegen haben sie das sofortige Leben in Gottes Angesicht beschert. Er hat gewonnen, weil Gott über den Bösen gewinnt. Gott hat das letzte Wort und deshalb werden die Märtyrer auch mit einem Palmzweig dargestellt.

Joh 6
30 Sie sagten zu ihm: Welches Zeichen tust du denn, damit wir es sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du?
31 Unsere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen, wie es in der Schrift heißt: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.
32 Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
33 Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben.
34 Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot!
35 Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

Im Evangelium hören wir die Fortsetzung der großen Brotrede Jesu in Kafarnaum. Gestern sagte Jesus den alles entscheidenden Satz: „Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird!“ Er möchte, dass wir alles daran setzen, das ewige Leben zu gewinnen – und dafür schenkt er uns die Eucharistie.
Wir müssen bei dieser umfangreichen Rede bedenken, dass es genauer gesagt ein Dialog mit den anwesenden Menschen ist, denn sie stellen Jesus immer wieder Fragen, die er beantwortet. Die Menschen sind noch unschlüssig, ob sie Jesu Worte, die er in göttlicher Vollmacht spricht, glauben sollen. Und so beginnt unser heutiger Abschnitt mit der Frage: „Welches Zeichen tust du denn, damit wir es sehen und dir glauben?“
Sie denken noch ganz in den Kategorien der jüdischen Überlieferung. Sie denken an das Manna, das die Väter in der Wüste gegessen haben. Das ist für sie die höchste Form von „übernatürlichem“ Brot: eines, dessen „Übernatürlichkeit“ in dem Ursprung besteht, weil es vom Himmel herabgeregnet ist. Es ist aber weiterhin eine Speise für den Leib. Sie denken also immer noch in irdischen Kategorien.
Daraufhin reagiert Jesus mit den Worten: „Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.“ Schon das Manna kommt von Gott dem Vater. Nicht Mose kann das Brot spenden, ihre höchste menschliche Autorität, auf die sie sich aufgrund der Torah berufen. Gott selbst nährt den Menschen, aber auch hier meint Jesus im zweiten Teil seines Satzes das „wahre Brot vom Himmel“ im Gegensatz zum Manna. Wir erkennen dies an dem nächsten Satz, in dem es heißt, dass Gott das Leben gibt. Und das wahre Leben besteht ja in dem ewigen Leben, das nie endet.
Das Gespräch hier in Kafarnaum ist analog zum Dialog am Jakobsbrunnen in Joh 4 zu sehen. Jesus greift irdisches und bekanntes auf, um die Menschen dort abzuholen, wo sie sind (am Jakobsbrunnen beginnt es mit Jesu Bitte um Wasser aus dem Brunnen, hier in Joh 6 beginnt es mit der wunderbaren Speisung mit Brot für den Leib). Davon ausgehend möchte er aber auf etwas Übernatürliches zu sprechen kommen, doch die Menschen missverstehen es und bleiben weiterhin dem Natürlichen verhaftet. So spricht auch die Frau die ganze Zeit von üblichem Wasser aus dem Brunnen, obwohl Jesus schon längst das lebendige Wasser meint. Sie beruft sich am Jakobsbrunnen auf eine menschliche Autorität (nicht Mose wie hier, dafür aber Jakob). Auch sie begreift nach und nach ein wenig mehr von Jesu Worten und kommt schließlich zu dem Wunsch: „Herr, gib mir von diesem lebendigen Wasser.“ Es ist analog zu jenem Wunsch der Anwesenden hier zu lesen, die sagen: „Herr, gib uns immer dieses Brot!“ Sie erkennen, dass es ein Brot ist, das qualitativ besser ist als das irdische Brot.
Und so wie bei der Frau offenbart sich Jesus hier direkt als jenes Brot, das vom Himmel herabkommt. Es meint zunächst ihn als fleischgewordenes Wort Gottes unter den Menschen. Nun verstehen wir es sakramental, denn in der Eucharistie ist er wirklich das Brot, das vom Himmel herabkommt – durch den Geist, der in der Epiklese auf die Gaben herabgerufen wird, werden sie in den Leib und das Blut Jesu Christi verwandelt. Er nimmt wie bei seiner Geburt in dem Moment „Fleisch“ an, also Materie, um ganz bei uns zu sein und vor allem, um das umzusetzen, was er versprochen hat – uns zu ernähren und zu bereiten für das ewige Leben!
Und wie es mit den Gaben Gottes im Gegensatz zu natürlichen Gütern so ist, nährt uns das Brot des Lebens vollkommen. Wir müssen nicht mehr hungern – es meint nicht den leeren Magen, sondern den Hunger des Lebens, den Hunger nach Liebe und Angenommensein, den Hunger nach der Gnade Gottes, nach seinem Frieden. Analog dazu hat Jesus die Frau am Jakobsbrunnen in ihrem Lebensdurst betrachtet, die durch die vielen Männergeschichten eigentlich eine ganz andere Sehnsucht offenbart – die Sehnsucht nach Sinn und nach einer Erfüllung des Lebens. Diese kann nicht gestillt werden durch Kompensationen wie Liebesbeziehungen, in denen der Partner den Menschen glücklich machen soll. Nur Gott kann dies tun. Und auch dort sagt Jesus, dass das lebendige Wasser umfassend tränkt, sodass man keinen Durst mehr bekommt.
Und am Ende dieses heutigen Abschnitts werden wir an seine Worte aus Joh 4 wieder erinnert, weil er auch hier sagt, dass der Mensch, der an ihn glaubt, keinen Durst mehr haben wird.

Die Beziehung zu Gott ist es, die uns nährt und tränkt – unsere Sehnsucht stillt. Sie ist es, die uns das ewige Leben schenkt. Wenn wir in diesem Leben schon ja zu ihm sagen, wird er gleichermaßen antworten am Ende unseres Lebens. Der Weg ist lang und beschwerlich. Wir haben an Stephanus gesehen, dass er sehr steinig ist. Wenn wir jedoch durch das Brot und das Wasser des Lebens gestärkt werden, können wir diesen Weg bis zum Schluss gehen wie die Märtyrer. Dann werden auch wir das ewige Leben haben. Für die Kirche heißt das, dass die Eucharistie entscheidend ist. Sie ist das Allerwichtigste! Ohne sie lässt die Kirche, die Mutter der Neugeborenen im Heiligen Geist, ihre Kinder verhungern und verdursten. Wie können die Gläubigen den Weg gehen ohne das lebendige Brot? Für unseren persönlichen Lebenswandel heißt das, dass wir ganz und gar diese übernatürlichen Güter anstreben sollen. Darin sollen wir unsere ganze Kraft und Zeit investieren. Das Maß der natürlichen Güter sollen wir dem anpassen, denn sie sind für uns insofern erstrebenswert, als sie diese übernatürlichen Gaben begünstigen oder zumindest diesen nicht entgegen stehen. Das ist keine Spaßverderberei, sondern Jesus selbst hat es den Menschen damals in Kafarnaum und auch uns Christen heute gesagt.

Danken wir dem Herrn, dass er sich uns in der Eucharistie schenkt und uns nähren will Tag für Tag. Wenn wir das Vaterunser sprechen und darin um das tägliche Brot bitten, meinen wir nicht nur das leibliche Wohl, sondern vor allem die Bitte um die Eucharistie. Sie zu erhalten, soll jeden Tag unsere höchste Priorität darstellen. Jetzt in dieser schwierigen Zeit ist es uns nicht möglich, doch diese erzwungene Enthaltsamkeit von den Sakramenten soll uns zum zukünftig bewussteren Empfang führen. Es ist wie das Fasten von irdischem Brot. Wenn man nach vielen Stunden des Fastens ein einfaches Stück Brot zu sich nimmt, schmeckt es besonders gut und intensiv. Man lernt das Brot wieder neu zu schätzen. Gebe Gott, dass es uns mit der Eucharistie so ergehen wird!

Ihre Magstrauss

Freitag der 5. Woche der Fastenzeit

Jer 20,10-13; Ps 18,2-3.4-5.6-7b.7cdu. 20; Joh 10,31-42

Jer 20
10 Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen. Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze: Vielleicht lässt er sich betören, dass wir ihn überwältigen und an ihm Rache nehmen können.

11 Doch der HERR steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und können nicht überwältigen. Sie werden schmählich zuschanden, da sie nichts erreichen, in ewiger, unvergesslicher Schmach.
12 Aber der HERR der Heerscharen prüft den Gerechten, er sieht Nieren und Herz. Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen; denn dir habe ich meinen Rechtsstreit anvertraut.
13 Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.

Heute hören wir aus dem Buch Jeremia einen Abschnitt aus der fünften Konfession. Dort beschreibt er die bösen Absichten seiner Gegner, die darauf warten, dass er stürzt. Sie sind es, die ihn verleumden und somit auch Gott. Sie wollen ihn anzeigen und sich an ihm Rächen, weil er immer wieder eine Botschaft verkündet, die sie nicht hören wollen. Jeremia muss wirklich viel für das Wort Gottes leiden und wird somit zum Typos Christi.
Gott lässt ihn nicht allein, genauso wenig wie er seinen eigenen Sohn am Kreuz allein gelassen hat. Er ist „wie ein gewaltiger Held.“ Zwar erweckt er Jeremia nicht zum Leben, doch er sorgt für Gerechtigkeit. Er wird Jeremias Gegnern keinen Segen verleihen und ihre Missetaten auf sie zurücklenken.
Gott prüft den Gerechten, er schaut auf sein Inneres, was mit „Nieren und Herz“ immer gemeint ist. Gott schaut die innersten Regungen des Menschen. Jeremia versteht sein Leiden somit als Prüfung Gottes.
Er vertraut darauf, dass Gott das Unrecht vergelten wird, das dem Propheten widerfährt. Er begründet es damit dass er Gott seinen „Rechtsstreit anvertraut“. Gott ist ein gerechter Richter. Wenn man das Gericht ihm überlässt, erhält jeder Beteiligte ein absolut angemessenes Urteil. Menschliche Gerichte sind dagegen ungerecht, wie Jeremia am Anfang der Lesung ja herausgestellt hat. Er steht für eine gute Sache ein, nämlich für Gottes Botschaft, doch die Menschen möchten ihn anzeigen, vor die Gerichte bringen.
Er vertraut Gott ganz und fordert sogar zum Lobpreis auf: „Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.“ Ja, er wird auch Jesus aus der Hand seiner Übeltäter befreien und ihn über alle anderen erhöhen. Er wird auch uns immer wieder aus den Klauen des Bösen retten, der unsere Seele von Gott wegführen will. Er rettet uns vom seelischen Tod durch die Heilsmittel und schließt dafür den Taufbund mit uns. Er wird uns schließlich auch am Ende der Zeiten retten, wenn alles zusammenbrechen wird. Dann werden wir ein für allemal aus den Fängen des Bösen befreit. Dann werden wir erst recht Gott loben und preisen in Ewigkeit.

Ps 18
2 Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke,
3 HERR, du mein Fels und meine Burg und mein Retter; mein Gott, mein Fels, bei dem ich mich berge, mein Schild und Horn meines Heils, meine Zuflucht.
4 Ich rufe: Der HERR sei hoch gelobt! und ich werde vor meinen Feinden gerettet.
5 Mich umfingen die Fesseln des Todes und die Fluten des Verderbens erschreckten mich.
6 Mich umstrickten die Fesseln der Unterwelt, über mich fielen die Schlingen des Todes.
7 In meiner Not rief ich zum HERRN und schrie zu meinem Gott, er hörte aus seinem Tempel meine Stimme, mein Hilfeschrei drang an seine Ohren.

Der Psalm stellt einen schönen Lobpreis dar, sozusagen als Fortsetzung und Vertiefung der Lesung.
„Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke“ ist ein typischer Psalmbeginn. Nicht nur die Selbstaufforderung zum Lob ist oft am Anfang zu lesen, sondern auch eine Liebesbekundung oder eine Willenszusage. Gott ist Davids Stärke, dem wir diesen Lobpreis verdanken. All die Siege hat er durch die Stärke des HERRN zustande gebracht. Er hat sich auch nie angemaßt, dass es von ihm selbst komme. Er hat seine Macht und Stärke immer von Gottes Allmacht her gesehen. So können auch wir alles, was wir zustande bringen, auf Gott verweisen, der uns die Kraft gegeben hat. So werden wir nie überheblich und sind Gott immer dankbar für den Beistand, den er uns tagtäglich sendet.
In diesem Sinne ist auch Vers 3 zu verstehen. Gott ist der Fels, die Burg und der Retter. Er ist also auch die Zuflucht, die wir suchen sollen. Wenn wir uns auf Menschen verlassen und erwarten, dass diese uns glücklich machen, werden wir immer unglücklich und unzufrieden sein. Nur Gott kann uns wirklich dauerhaft trösten und beschützen. Er ist wirklich der Verlässliche, der uns entlasten will.
Es gibt keinen unangemessenen Zeitpunkt, Gott zu loben und zu preisen, denn ihm steht es immer zu. „Und ich werde vor meinen Feinden gerettet.“ Gott rettet seine geliebten Geschöpfe wirklich immer aus allen Gefahren. Diese betreffen den ganzen Menschen, nicht nur sein irdisches Dasein. Gott rettet nämlich auch unsere Seele vor dem ewigen Tod, er rettet uns aus dem Zustand der Todsünde, er rettet uns Menschen durch die Taufe. Diese Gefahren sind alle auf ihre Weise die „Fesseln des Todes“ und „die Fluten des Verderbens“. Wir denken zurück an die Sintflut, die die Folge der Sünde der ganzen Menschheit darstellte. Diese Flut bedeckt auch die Sünde der Menschheit bei der Taufe Jesu, als dieser untertaucht. Durch sein Untertauchen ist das Wasser der Wiedergeburt im Hl. Geist für uns zum Heil geworden und nicht mehr bedrohlich. Der Geist Gottes überflutet uns in jeder Hl. Messe, durch die Heilsmittel der Kirche, jedesmal, wenn wir wieder den Stand der Gnade geschenkt bekommen. Dann wird unser Inneres, die Seele als Gefäß, mit den Fluten jenes Wassers gefüllt, sodass wir nicht verdursten in einer Welt der Wüste. Was David also rückblickend schreibt, können wir auf unser Leben vor der Taufe, vor der Versöhnung mit Gott, auf die Menschen vor der Erlösung durch Jesus Christus beziehen – und schließlich auf die gesamte Menschheit in den Wehen der Endzeit, bevor der wiederkommende verherrlichte Menschensohn sie endgültig aus den Schlingen des Todes errettet.
David rief in seiner Not zum Herrn, der ihn aus dem Tempel her erhörte. Dieser Tempel war noch kein fest erbautes Gebäude, sondern das Offenbarungszelt. Auf Jeremia bezogen können wir schon den fest erbauten ersten Tempel hier identifizieren: Gott erhört auch ihn vom Tempel aus, der ja Gottes Wohnstatt auf Erden darstellt. Dieser salomonische Tempel wird jedoch bald zerstört, weil die Israeliten auf die Warnrufe der Propheten wie Jeremia nicht gehört und weiterhin den Baalen Opfer dargebracht haben. Wir können es auch auf Jesus Christus beziehen, der in seiner Todesnot am Kreuz zum Vater geschrien hat. Dieser hat ihn erhört vom Tempel her, der aber nicht nur den herodianischen Tempel Jerusalems meint, sondern vor allem vom Tempel des Leibes Jesu Christi her. Diesen meint Jesus ja auch bei der Tempelreinigung. Vom Tempel her, der nun jede Kirche mit Tabernakel ist, erhört Gott auch auf besondere Weise unsere Rufe, die wir bei ihm in der Eucharistie Zuflucht suchen. Und am Ende der Zeiten wird Gott das Schreien der leidenden Menschen auf Erden vom himmlischen Tempel aus erhören, wenn er in die Geschichte eingreift, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.
Gott ist unsere Welt nicht egal. Sie ist seine Schöpfung, die er zum Heil führen will. Deshalb zürnt er und reagiert auf das Unrecht – im Kleinen wie im Großen. Das ist uns ein Trost und so dürfen wir auf das Heil am Ende schauen, auch wenn die derzeitige Situation alles andere als gut ist.

Joh 10
31 Da hoben die Juden wiederum Steine auf, um ihn zu steinigen.
32 Jesus hielt ihnen entgegen: Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?

33 Die Juden antworteten ihm: Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung; denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott.
34 Jesus erwiderte ihnen: Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?
35 Wenn er jene Menschen Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht aufgehoben werden kann,
36 dürft ihr dann von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: Du lästerst Gott – weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?
37 Wenn ich nicht die Werke meines Vaters vollbringe, dann glaubt mir nicht!
38 Aber wenn ich sie vollbringe, dann glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt! Dann werdet ihr erkennen und einsehen, dass in mir der Vater ist und ich im Vater bin.
39 Wieder suchten sie ihn festzunehmen; er aber entzog sich ihrem Zugriff.
40 Dann ging Jesus wieder weg auf die andere Seite des Jordan, an den Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte; und dort blieb er.
41 Viele kamen zu ihm. Sie sagten: Johannes hat kein Zeichen getan; aber alles, was Johannes über diesen gesagt hat, erwies sich als wahr.
42 Und viele kamen dort zum Glauben an ihn.

Im heutigen Evangelium ist es wieder so, dass die Worte Jesu, die sich aus seiner göttlichen Autorität speisen, die Juden sehr provozieren. So beginnt die Lesung heute mit einem Steinigungsversuch.
Jesus hält den Juden furchtlos entgegen: „Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?“ Das trifft es auf den Punkt. Jesus hat viel verkündet, er hat aber vor allem durch seine Heilstaten überzeugt. Nun fragt er also ganz ironisch, was der Grund für seine Hinrichtung sein soll.
Die Juden entgegnen ihm, dass sie ihn aber nicht wegen der Taten, sondern der blasphemischen Worte steinigen wollen. Diese bestehe in seinem Anspruch, Gottes Sohn zu sein.
Sie haben durch ihre eigenen Worte etwas erkennen lassen: Sie haben die Einheit zwischen Jesu Worten und Werken nicht erkannt. Hätten sie von den Werken auf seine Worte geschlossen, hätte es bei ihnen Klick machen müssen und sie hätten die Erfüllung all der messianischen Verheißungen ihrer Hl. Schriften erkannt. Stattdessen sehen sie rot bei den Worten Jesu, die er mit göttlicher Autorität gesprochen hat.
Jesus verweist daraufhin auf Psalmworte, die von ihrer Formulierung her noch viel provokativer sind, die sie aber als Gotteswort einstufen und nicht abändern. Es geht um Ps 82,6. Da heißt es sogar „ihr seid Götter.“ Dies ist noch viel radikaler als Jesu Worte der Gottessohnschaft.
Bei Psalm 82 geht es um die abgefallenen Israeliten. Sie hätten „Götter“ sein können im Sinne des ewigen Lebens, doch werden wie Menschen sterben, weil sie gesündigt haben. Hier geht es um die Gegenüberstellung von „Gott“ und „Mensch“. Das Ganze ist eingebettet in einen poetischen Rahmen. Psalmensprache ist voll von rhetorischen Stilmitteln, die natürlich nicht wortwörtlich genommen werden kann. Das verstehen die Juden auch, aber im Falle Jesu zeigen sie nicht einmal den Willen, ihn zu verstehen.
Jesus nennt diese Schriftstelle, um herauszustellen: Wenn die Juden schon das Wort Gottes annehmen, selbst wenn solche Bibelstellen von ihrer Sprache her provokativ sind, umso mehr sollten sie das fleischgeworden Wort Gottes annehmen, das direkt vom Vater kommt! Seine Autorität steht doch über dem Buchstaben! Ihn sollten die Juden noch viel mehr gläubig annehmen, doch sie zeigen nicht einmal den Willen, diese scheinbare Provokation zu verstehen. Jesus will sie lehren, doch sie sind unbelehrbar. Lieber greifen sie zu Steinen und machen das fleischgewordene Wort Gottes mundtot.
Jesus versucht, von ihnen wenigstens ein Mindestmaß an Glauben zu erlangen, nämlich dem Glauben seiner Werke. Denn allein schon jene Heilstaten müssten sie erkennen lassen, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, der alles in Einheit mit dem Vater tut.
Es bringt nichts. Die Juden wollen ihm wieder etwas antun und so muss Jesus das Gebiet verlassen. Er geht auf die andere Seite des Jordan, in das Gebiet der Johannestaufe. Dort wirkt er offensichtlich viele weitere Heilstaten, denn die Menschen dort erkennen, dass alle Vorhersagen des Täufers auf Jesus zutreffen. So werden viele der Johannesjünger in jenem Gebiet Jünger Jesu.
Diese Menschen stellen heute ein Positivbeispiel dar. Sie glauben den Werken Jesu im Gegensatz zu den Juden in Jerusalem (mit „Juden“ ist im Johannesevangelium an solchen Stellen oft die religiöse Elite gemeint, die sich aus den Hohepriestern, Ältesten, Pharisäern und Schriftgelehrten zusammensetzt). Sie empfinden Jesu Wirken nicht als blasphemisch, sondern erkennen die Erfüllung messianischer Verheißungen. Sie verstehen mehr von der Hl. Schrift als die eigentlichen Gelehrten. Das ist eine einzige tragische Ironie.

Wie ist es bei uns?

Nehmen wir das Wort Gottes an, auch wenn es Kritik an uns richtet? Uns herausfordert? Uns zur Umkehr aufruft? Nehmen wir es an, wenn Gott uns durch die Propheten heutiger Zeit anspricht? Oder wollen wir sie lieber mundtot machen, weil sie in der Welt einen Störfaktor darstellen, der unsere Komfortzone bedroht?
Schauen wir immer genau hin, denn Gott spricht auch auf unerwartete Weise zu uns. Und jene, auf die wir uns allzu sehr verlassen, könnten uns in die Irre führen. Es gibt viele falsche Propheten und es werden immer mehr. Beten wir um die Gabe der Unterscheidung der Geister und suchen wir in allem immer Zuflucht bei Gott. Vergessen wir auch in unserer heutigen Zeit nie, das der Kern des Evangeliums in der Umkehr besteht und Gott uns aus unserer Not immer heraus hilft, egal was passiert.

Mit diesem Vertrauen dürfen wir auf die Karwoche zugehen.

Ihre Magstrauss