Freitag der 5. Woche der Fastenzeit

Jer 20,10-13; Ps 18,2-3.4-5.6-7b.7cdu. 20; Joh 10,31-42

Jer 20
10 Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen. Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze: Vielleicht lässt er sich betören, dass wir ihn überwältigen und an ihm Rache nehmen können.

11 Doch der HERR steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und können nicht überwältigen. Sie werden schmählich zuschanden, da sie nichts erreichen, in ewiger, unvergesslicher Schmach.
12 Aber der HERR der Heerscharen prüft den Gerechten, er sieht Nieren und Herz. Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen; denn dir habe ich meinen Rechtsstreit anvertraut.
13 Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.

Heute hören wir aus dem Buch Jeremia einen Abschnitt aus der fünften Konfession. Dort beschreibt er die bösen Absichten seiner Gegner, die darauf warten, dass er stürzt. Sie sind es, die ihn verleumden und somit auch Gott. Sie wollen ihn anzeigen und sich an ihm Rächen, weil er immer wieder eine Botschaft verkündet, die sie nicht hören wollen. Jeremia muss wirklich viel für das Wort Gottes leiden und wird somit zum Typos Christi.
Gott lässt ihn nicht allein, genauso wenig wie er seinen eigenen Sohn am Kreuz allein gelassen hat. Er ist „wie ein gewaltiger Held.“ Zwar erweckt er Jeremia nicht zum Leben, doch er sorgt für Gerechtigkeit. Er wird Jeremias Gegnern keinen Segen verleihen und ihre Missetaten auf sie zurücklenken.
Gott prüft den Gerechten, er schaut auf sein Inneres, was mit „Nieren und Herz“ immer gemeint ist. Gott schaut die innersten Regungen des Menschen. Jeremia versteht sein Leiden somit als Prüfung Gottes.
Er vertraut darauf, dass Gott das Unrecht vergelten wird, das dem Propheten widerfährt. Er begründet es damit dass er Gott seinen „Rechtsstreit anvertraut“. Gott ist ein gerechter Richter. Wenn man das Gericht ihm überlässt, erhält jeder Beteiligte ein absolut angemessenes Urteil. Menschliche Gerichte sind dagegen ungerecht, wie Jeremia am Anfang der Lesung ja herausgestellt hat. Er steht für eine gute Sache ein, nämlich für Gottes Botschaft, doch die Menschen möchten ihn anzeigen, vor die Gerichte bringen.
Er vertraut Gott ganz und fordert sogar zum Lobpreis auf: „Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.“ Ja, er wird auch Jesus aus der Hand seiner Übeltäter befreien und ihn über alle anderen erhöhen. Er wird auch uns immer wieder aus den Klauen des Bösen retten, der unsere Seele von Gott wegführen will. Er rettet uns vom seelischen Tod durch die Heilsmittel und schließt dafür den Taufbund mit uns. Er wird uns schließlich auch am Ende der Zeiten retten, wenn alles zusammenbrechen wird. Dann werden wir ein für allemal aus den Fängen des Bösen befreit. Dann werden wir erst recht Gott loben und preisen in Ewigkeit.

Ps 18
2 Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke,
3 HERR, du mein Fels und meine Burg und mein Retter; mein Gott, mein Fels, bei dem ich mich berge, mein Schild und Horn meines Heils, meine Zuflucht.
4 Ich rufe: Der HERR sei hoch gelobt! und ich werde vor meinen Feinden gerettet.
5 Mich umfingen die Fesseln des Todes und die Fluten des Verderbens erschreckten mich.
6 Mich umstrickten die Fesseln der Unterwelt, über mich fielen die Schlingen des Todes.
7 In meiner Not rief ich zum HERRN und schrie zu meinem Gott, er hörte aus seinem Tempel meine Stimme, mein Hilfeschrei drang an seine Ohren.

Der Psalm stellt einen schönen Lobpreis dar, sozusagen als Fortsetzung und Vertiefung der Lesung.
„Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke“ ist ein typischer Psalmbeginn. Nicht nur die Selbstaufforderung zum Lob ist oft am Anfang zu lesen, sondern auch eine Liebesbekundung oder eine Willenszusage. Gott ist Davids Stärke, dem wir diesen Lobpreis verdanken. All die Siege hat er durch die Stärke des HERRN zustande gebracht. Er hat sich auch nie angemaßt, dass es von ihm selbst komme. Er hat seine Macht und Stärke immer von Gottes Allmacht her gesehen. So können auch wir alles, was wir zustande bringen, auf Gott verweisen, der uns die Kraft gegeben hat. So werden wir nie überheblich und sind Gott immer dankbar für den Beistand, den er uns tagtäglich sendet.
In diesem Sinne ist auch Vers 3 zu verstehen. Gott ist der Fels, die Burg und der Retter. Er ist also auch die Zuflucht, die wir suchen sollen. Wenn wir uns auf Menschen verlassen und erwarten, dass diese uns glücklich machen, werden wir immer unglücklich und unzufrieden sein. Nur Gott kann uns wirklich dauerhaft trösten und beschützen. Er ist wirklich der Verlässliche, der uns entlasten will.
Es gibt keinen unangemessenen Zeitpunkt, Gott zu loben und zu preisen, denn ihm steht es immer zu. „Und ich werde vor meinen Feinden gerettet.“ Gott rettet seine geliebten Geschöpfe wirklich immer aus allen Gefahren. Diese betreffen den ganzen Menschen, nicht nur sein irdisches Dasein. Gott rettet nämlich auch unsere Seele vor dem ewigen Tod, er rettet uns aus dem Zustand der Todsünde, er rettet uns Menschen durch die Taufe. Diese Gefahren sind alle auf ihre Weise die „Fesseln des Todes“ und „die Fluten des Verderbens“. Wir denken zurück an die Sintflut, die die Folge der Sünde der ganzen Menschheit darstellte. Diese Flut bedeckt auch die Sünde der Menschheit bei der Taufe Jesu, als dieser untertaucht. Durch sein Untertauchen ist das Wasser der Wiedergeburt im Hl. Geist für uns zum Heil geworden und nicht mehr bedrohlich. Der Geist Gottes überflutet uns in jeder Hl. Messe, durch die Heilsmittel der Kirche, jedesmal, wenn wir wieder den Stand der Gnade geschenkt bekommen. Dann wird unser Inneres, die Seele als Gefäß, mit den Fluten jenes Wassers gefüllt, sodass wir nicht verdursten in einer Welt der Wüste. Was David also rückblickend schreibt, können wir auf unser Leben vor der Taufe, vor der Versöhnung mit Gott, auf die Menschen vor der Erlösung durch Jesus Christus beziehen – und schließlich auf die gesamte Menschheit in den Wehen der Endzeit, bevor der wiederkommende verherrlichte Menschensohn sie endgültig aus den Schlingen des Todes errettet.
David rief in seiner Not zum Herrn, der ihn aus dem Tempel her erhörte. Dieser Tempel war noch kein fest erbautes Gebäude, sondern das Offenbarungszelt. Auf Jeremia bezogen können wir schon den fest erbauten ersten Tempel hier identifizieren: Gott erhört auch ihn vom Tempel aus, der ja Gottes Wohnstatt auf Erden darstellt. Dieser salomonische Tempel wird jedoch bald zerstört, weil die Israeliten auf die Warnrufe der Propheten wie Jeremia nicht gehört und weiterhin den Baalen Opfer dargebracht haben. Wir können es auch auf Jesus Christus beziehen, der in seiner Todesnot am Kreuz zum Vater geschrien hat. Dieser hat ihn erhört vom Tempel her, der aber nicht nur den herodianischen Tempel Jerusalems meint, sondern vor allem vom Tempel des Leibes Jesu Christi her. Diesen meint Jesus ja auch bei der Tempelreinigung. Vom Tempel her, der nun jede Kirche mit Tabernakel ist, erhört Gott auch auf besondere Weise unsere Rufe, die wir bei ihm in der Eucharistie Zuflucht suchen. Und am Ende der Zeiten wird Gott das Schreien der leidenden Menschen auf Erden vom himmlischen Tempel aus erhören, wenn er in die Geschichte eingreift, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.
Gott ist unsere Welt nicht egal. Sie ist seine Schöpfung, die er zum Heil führen will. Deshalb zürnt er und reagiert auf das Unrecht – im Kleinen wie im Großen. Das ist uns ein Trost und so dürfen wir auf das Heil am Ende schauen, auch wenn die derzeitige Situation alles andere als gut ist.

Joh 10
31 Da hoben die Juden wiederum Steine auf, um ihn zu steinigen.
32 Jesus hielt ihnen entgegen: Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?

33 Die Juden antworteten ihm: Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung; denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott.
34 Jesus erwiderte ihnen: Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?
35 Wenn er jene Menschen Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht aufgehoben werden kann,
36 dürft ihr dann von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: Du lästerst Gott – weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?
37 Wenn ich nicht die Werke meines Vaters vollbringe, dann glaubt mir nicht!
38 Aber wenn ich sie vollbringe, dann glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt! Dann werdet ihr erkennen und einsehen, dass in mir der Vater ist und ich im Vater bin.
39 Wieder suchten sie ihn festzunehmen; er aber entzog sich ihrem Zugriff.
40 Dann ging Jesus wieder weg auf die andere Seite des Jordan, an den Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte; und dort blieb er.
41 Viele kamen zu ihm. Sie sagten: Johannes hat kein Zeichen getan; aber alles, was Johannes über diesen gesagt hat, erwies sich als wahr.
42 Und viele kamen dort zum Glauben an ihn.

Im heutigen Evangelium ist es wieder so, dass die Worte Jesu, die sich aus seiner göttlichen Autorität speisen, die Juden sehr provozieren. So beginnt die Lesung heute mit einem Steinigungsversuch.
Jesus hält den Juden furchtlos entgegen: „Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?“ Das trifft es auf den Punkt. Jesus hat viel verkündet, er hat aber vor allem durch seine Heilstaten überzeugt. Nun fragt er also ganz ironisch, was der Grund für seine Hinrichtung sein soll.
Die Juden entgegnen ihm, dass sie ihn aber nicht wegen der Taten, sondern der blasphemischen Worte steinigen wollen. Diese bestehe in seinem Anspruch, Gottes Sohn zu sein.
Sie haben durch ihre eigenen Worte etwas erkennen lassen: Sie haben die Einheit zwischen Jesu Worten und Werken nicht erkannt. Hätten sie von den Werken auf seine Worte geschlossen, hätte es bei ihnen Klick machen müssen und sie hätten die Erfüllung all der messianischen Verheißungen ihrer Hl. Schriften erkannt. Stattdessen sehen sie rot bei den Worten Jesu, die er mit göttlicher Autorität gesprochen hat.
Jesus verweist daraufhin auf Psalmworte, die von ihrer Formulierung her noch viel provokativer sind, die sie aber als Gotteswort einstufen und nicht abändern. Es geht um Ps 82,6. Da heißt es sogar „ihr seid Götter.“ Dies ist noch viel radikaler als Jesu Worte der Gottessohnschaft.
Bei Psalm 82 geht es um die abgefallenen Israeliten. Sie hätten „Götter“ sein können im Sinne des ewigen Lebens, doch werden wie Menschen sterben, weil sie gesündigt haben. Hier geht es um die Gegenüberstellung von „Gott“ und „Mensch“. Das Ganze ist eingebettet in einen poetischen Rahmen. Psalmensprache ist voll von rhetorischen Stilmitteln, die natürlich nicht wortwörtlich genommen werden kann. Das verstehen die Juden auch, aber im Falle Jesu zeigen sie nicht einmal den Willen, ihn zu verstehen.
Jesus nennt diese Schriftstelle, um herauszustellen: Wenn die Juden schon das Wort Gottes annehmen, selbst wenn solche Bibelstellen von ihrer Sprache her provokativ sind, umso mehr sollten sie das fleischgeworden Wort Gottes annehmen, das direkt vom Vater kommt! Seine Autorität steht doch über dem Buchstaben! Ihn sollten die Juden noch viel mehr gläubig annehmen, doch sie zeigen nicht einmal den Willen, diese scheinbare Provokation zu verstehen. Jesus will sie lehren, doch sie sind unbelehrbar. Lieber greifen sie zu Steinen und machen das fleischgewordene Wort Gottes mundtot.
Jesus versucht, von ihnen wenigstens ein Mindestmaß an Glauben zu erlangen, nämlich dem Glauben seiner Werke. Denn allein schon jene Heilstaten müssten sie erkennen lassen, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, der alles in Einheit mit dem Vater tut.
Es bringt nichts. Die Juden wollen ihm wieder etwas antun und so muss Jesus das Gebiet verlassen. Er geht auf die andere Seite des Jordan, in das Gebiet der Johannestaufe. Dort wirkt er offensichtlich viele weitere Heilstaten, denn die Menschen dort erkennen, dass alle Vorhersagen des Täufers auf Jesus zutreffen. So werden viele der Johannesjünger in jenem Gebiet Jünger Jesu.
Diese Menschen stellen heute ein Positivbeispiel dar. Sie glauben den Werken Jesu im Gegensatz zu den Juden in Jerusalem (mit „Juden“ ist im Johannesevangelium an solchen Stellen oft die religiöse Elite gemeint, die sich aus den Hohepriestern, Ältesten, Pharisäern und Schriftgelehrten zusammensetzt). Sie empfinden Jesu Wirken nicht als blasphemisch, sondern erkennen die Erfüllung messianischer Verheißungen. Sie verstehen mehr von der Hl. Schrift als die eigentlichen Gelehrten. Das ist eine einzige tragische Ironie.

Wie ist es bei uns?

Nehmen wir das Wort Gottes an, auch wenn es Kritik an uns richtet? Uns herausfordert? Uns zur Umkehr aufruft? Nehmen wir es an, wenn Gott uns durch die Propheten heutiger Zeit anspricht? Oder wollen wir sie lieber mundtot machen, weil sie in der Welt einen Störfaktor darstellen, der unsere Komfortzone bedroht?
Schauen wir immer genau hin, denn Gott spricht auch auf unerwartete Weise zu uns. Und jene, auf die wir uns allzu sehr verlassen, könnten uns in die Irre führen. Es gibt viele falsche Propheten und es werden immer mehr. Beten wir um die Gabe der Unterscheidung der Geister und suchen wir in allem immer Zuflucht bei Gott. Vergessen wir auch in unserer heutigen Zeit nie, das der Kern des Evangeliums in der Umkehr besteht und Gott uns aus unserer Not immer heraus hilft, egal was passiert.

Mit diesem Vertrauen dürfen wir auf die Karwoche zugehen.

Ihre Magstrauss

Samstag der 4. Woche der Fastenzeit

Jer 11,18-20; Ps 7,2-3.9-10.11-12; Joh 7,40-53

Jer 11
18 Der HERR ließ es mich wissen und so wusste ich es; damals ließest du mich ihr Treiben durchschauen.
19 Ich aber war wie ein zutrauliches Lamm, das zum Schlachten geführt wird, und ahnte nicht, dass sie gegen mich Böses planten: Wir wollen den Baum im Saft verderben; wir wollen ihn ausrotten aus dem Land der Lebenden, sodass seines Namens nicht mehr gedacht wird.
20 Aber der HERR der Heerscharen richtet gerecht, er prüft Nieren und Herz. Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen, denn dir habe ich meine Sache anvertraut.

Heute hören wir aus dem Propheten Jeremia, der im Kapitel 11 zuvor Gerichtsworte an Israel formuliert hat. Der heutige Ausschnitt ist sodann eine Unheilsbotschaft für die Bewohner von Anatot, einer benjaminitischen Stadt nordöstlich von Jerusalem. Er tut dies im Dialog mit Gott, den er mal direkt anspricht, mal in dritter Person über ihn spricht.
„Der HERR ließ es mich wissen“ – Gott ließ den Propheten über die Missetaten des auserwählten Volkes wissen, damit er zu ihnen gehe und sie wieder zur Vernunft bringe.
Er spricht Gott direkt an, wenn er sagt: „Damals ließest du mich ihr Treiben durchschauen.“ Gott hat ihm aufgezeigt, was sein Wille ist und wo die Menschen sich von diesem entfernt haben. Zu allen Zeiten hat Gott dies durch die Propheten getan und so den Menschen geholfen, seinen Willen zu tun. Er hätte die Menschen auch einfach ins offene Messer laufen lassen können, aber weil er seine Kinder liebt, tut er alles, damit sie umkehren können. So ist er auf dem Höhepunkt der Zeiten sogar selbst gekommen, um den Menschen seinen Willen zu offenbaren, damit sie umkehren und seine Gebote halten, dem Bund wieder treu werden, den er mit ihnen geschlossen hat. Auch heute noch sendet er den Menschen seine Propheten, öffentliche Gestalten, die den Willen Gottes in die heutige Zeit hinein verkündigen, damit die Menschen zur Einsicht kommen und umkehren.
Jeremia bezeichnet sich selbst als „zutrauliches Lamm, das zum Schlachten geführt wird.“ Er ahnte nicht, dass die Israeliten etwas Böses gegen ihn planten. Als Prophet ist er ihnen ein Dorn im Auge, denn allein seine Gegenwart drängt sie dazu, ihr Leben zu ändern. Dies wollen sie aber nicht. So wollen sie ihn loswerden. Er ist somit ein Typos Christi, der das ultimative Opferlamm ist, das zum Schlachten geführt wird. Dieser überbietet das Jeremia-Lamm jedoch bei weitem, denn er weiß ganz genau, was passieren wird. Er sieht alles in der Nacht vor seinem Tod und durchleidet deshalb im Garten Getsemani schlimme Todesangst. Er schwitzt sogar Blut.
Jeremia formuliert die Verschwörung der Israeliten mithilfe einer Metapher: „Wir wollen den Baum im Saft verderben.“ Das ist ein Bild, das oft für das Leben des Menschen gebraucht wird. In der Weisheitsliteratur wird der Mensch vermehrt als Baum bezeichnet, ebenso in Schriftstellen, die sehr paränetisch sind (also ein ethisches Verhalten vorschreiben). Den Baum im Saft verderben heißt dabei, ihn vom Ursprung her beschädigen.
Den Baum aus dem Land der Lebenden auszurotten, dass seines Namens nicht mehr gedacht werde, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass mit dem Baum die Person Jeremias gemeint ist. Sie wollen ihn aus dem Land der Lebenden verbannen, was aber Menschen nicht tun können. Gott entscheidet schließlich, wer im Land der Lebenden sein darf – wenn damit das Himmelreich gemeint ist. Irdisch verstanden ist damit das gelobte Land gemeint, in das Gott das Volk Israel geführt hat. Das Ironische ist, dass das Volk selbst dieses Land nur wenige Jahrzehnte später verlassen wird, wenn Nebukadnezzar II. von Babylon es ins Exil verbannt und den Tempel und die Stadt Jerusalem zerstören wird. Jeremia versucht alles, um das Unheil vom auserwählten Volk abzuwenden.
Es ist ein Bild des Fluchs, wenn der eigene Name vergessen wird, insbesondere wenn die Nachkommen sich nicht mehr an den Verstorbenen erinnern. Seine Gegner wollen also Fluch über ihn bringen. Doch da er ein Mann Gottes ist, wird dieser Fluch auf sie zurückfallen.
„Aber der HERR der Heerscharen richtet gerecht, er prüft Nieren und Herz.“ Er sieht alles und bringt Gerechtigkeit. Er setzt sich gegenüber allem Bösen durch. Gott wird für Jeremia einstehen. Er hofft ganz auf Gottes Rückendeckung und vertraut auf ihn („Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen, denn dir habe ich meine Sache anvertraut“). Er vertraut ganz darauf, dass wenn Gott ihn auf so besondere Weise beruft, ihn auch jetzt in Zeiten der Bedrängnis nicht im Stich lässt. So dürfen auch wir hoffen, dass wenn Gott seinen Bund mit uns geschlossen hat, diesen auch bis zum Schluss hält. Er ist wie ein perfekter Bräutigam, der wirklich immer treu ist, auch in den schlechten Tagen. Er wird uns aber auch zur Rechenschaft ziehen, wenn wir als seine Braut, die mit ihm einen Bund eingegangen sind, ihm untreu sind. Wir haben ihm ja auch unsere ganze Liebe versprochen. Das ist ja keine Einbahnstraße. Ein Bundesschluss heißt ja: „Ich gehöre ganz dir und du gehörst ganz mir.“ Nicht nur Gott schenkt sich uns ganz, sondern erwartet auch von uns, dass wir als seine Bündnispartner ihm uns ganz schenken.
Nicht nur Jeremia, sondern auch Israel ist Gottes Braut. Es benimmt sich aber zur Zeit des Jeremia ganz untreu (sie räuchern dem Baal, wie es im Abschnitt vor dem heute gehörten heißt). Das gefällt Gott nicht und er ruft seine Frau zu sich zurück. So ruft Gott auch uns in dieser Fastenzeit auf besondere Weise zu sich zurück, die wir durch die Taufe im neuen Bund mit ihm vereint sind.

Ps 7
2 HERR, mein Gott, ich flüchte mich zu dir; hilf mir vor allen Verfolgern und rette mich,
3 damit niemand wie ein Löwe mein Leben zerreißt, mich packt und keiner ist da, der rettet!
9 Der HERR richtet die Völker. Verschaffe mir Recht, HERR, nach meiner Gerechtigkeit, nach meiner Unschuld, die mich umgibt!
10 Die Bosheit der Frevler finde ein Ende, doch dem Gerechten gib Bestand, der du Herzen und Nieren prüfst, gerechter Gott!
11 Mein Schutz ist Sache Gottes, er ist Retter derer, die redlichen Herzens sind.
12 Gott ist ein gerechter Richter, ein Gott, der an jedem Tag zürnt.

Im Psalm betet König David ganz im Vertrauen auf Gott um Zuflucht. Auch er hat in seinem Leben mehrfach Bedrängnis erfahren. Diese hat er nicht immer selbst verschuldet. Er fiel zum Beispiel der Eifersucht Sauls zum Opfer. So betet David und wir gemeinsam mit ihm heute: „HERR, mein Gott, ich flüchte mich zu dir; hilf mir vor allen Verfolgern und rette mich“. David selbst wurde zuerst von Saul verfolgt, später sogar von seinem eigenen Sohn Abschalom. Wir denken an Jeremia, der später diese Worte wohl ganz auf sich bezogen und gebetet hat. Wir stellen uns auch vor, dass Jesus zu seinem Vater oft so gebetet hat, ebenso seine Familie auf der Flucht nach Ägypten. Auch wir dürfen so beten, denn Gott ist unsere einzige Zuflucht, die wirklich sicher ist. Er bewahrt uns nicht immer vor irdischen Gefahren, doch eines können wir uns sicher sein – seine Treue und das ewige Leben, wenn wir glauben und standhaft bleiben.
„Damit niemand wie ein Löwe mein Leben zerreißt“ – ja, sowohl David als auch Jeremia haben existenzielle Gefahren erlebt und auch Jesus hat im Garten Getsemani die Gefahr des Löwen gesehen, der umhergeht und schaut, wen er verschlingen kann, wie Petrus es in seinen Briefen schreibt. Das ist die eigentliche Gefahr – der Satan, der die Seelen von Gott wegführen will. Er ist der brüllende Löwe auch in unserer heutigen Zeit.
„Der HERR richtet die Völker“ – das Wort an der Stelle ist עַ֫מִּ֥ים ammim. Gott richtet unabhängig davon, ob die Stämme Israels gemeint sind oder andere Völker. Gott richtet jeden Menschen. Er sorgt überall für Gerechtigkeit, weil jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist. So bittet König David hier im Psalm um Gottes Gerechtigkeit. Das Gericht Gottes ist hier also etwas Positives, weil die ungerecht Behandelten endlich zu ihrem Recht kommen. Es ist also wie eine Erlösung. So dürfen auch wir Gott darum bitten, dass er für Gerechtigkeit sorgt. Das darf uns nicht als etwas Banales vorkommen. Wir müssen es zu Herzen nehmen: GOTT soll richten, nicht WIR. ER ist es, der Gerechtigkeit bringen kann. Kein Mensch kann ein wirklich gerechter Richter sein. Wir sehen schließlich nicht in die Herzen der Menschen, Gott aber schon. Wir haben schon bei Jeremia gehört, dass Gott auf Herz und Nieren prüft. Das kann nur er. Überlassen wir ihm also das Gericht und entlasten wir uns dadurch selbst! Das wird uns eine so überwältigende Freiheit schenken. Wir geschieht das? Indem wir den Menschen, die uns Unrecht tun, von Herzen vergeben. Das heißt nicht, dass wir ihre Untaten gut heißen. Das bedeutet vielmehr, dass wir nicht daran festhalten, es uns innerlich dann nicht vergiften und krank machen kann, wir vorankommen und das Richten Gott überlassen. Er wird schon alles vergelten.
Auch David sagt hier im Psalm, dass Gott nach Herz und Nieren prüft. Er soll das Herz des Unschuldigen anschauen und ihm Segen verleihen, was hier mit „Bestand“ ausgedrückt wird. Diejenigen, die aber böse sind, werden keinen Bestand haben. Sie werden nicht weit kommen, weil Gott ein gerechter Gott ist. So dürfen auch wir hoffen, dass die Bösen unserer Zeit nicht lange an der Macht sein werden. Ihr Weg führt in die Sackgasse und auf lange Sicht werden wir überleben.
Gottes Sache ist, seine geliebten Kinder zu beschützen. Das meint vor allem das Herz der Menschen, die ewige Seele. Er zürnt jeden Tag, das bedeutet, er reagiert immer auf die Ungerechtigkeit, die seinen Geliebten widerfährt. „Zürnen“ hat im Kontext Gottes weniger etwas Pathologisches im Sinne eines irrationalen, unkontrollierten und affekthaften Ausbruchs wie die Wut des Menschen. Der Zorn Gottes ist (bildhaft gesprochen) seine stete, absolut kontrollierte und absolut gerechte Reaktion auf die Ungerechtigkeit der Menschen. Er ist immer solidarisch mit uns. Das ist ein absoluter Trost und so dürfen wir vertrauensvoll beten, dass nicht eine Ungerechtigkeit, die an uns geschieht, bei Gott ungesehen bleibt.

Joh 7
40 Einige aus dem Volk sagten, als sie diese Worte hörten: Dieser ist wahrhaftig der Prophet.
41 Andere sagten: Dieser ist der Christus. Wieder andere sagten: Kommt denn der Christus aus Galiläa?
42 Sagt nicht die Schrift: Der Christus kommt aus dem Geschlecht Davids und aus dem Dorf Betlehem, wo David lebte?
43 So entstand seinetwegen eine Spaltung in der Menge.
44 Einige von ihnen wollten ihn festnehmen; doch keiner legte Hand an ihn.
45 Als die Gerichtsdiener zu den Hohepriestern und den Pharisäern zurückkamen, fragten diese: Warum habt ihr ihn nicht hergebracht?
46 Die Gerichtsdiener antworteten: Noch nie hat ein Mensch so gesprochen.
47 Da entgegneten ihnen die Pharisäer: Habt auch ihr euch in die Irre führen lassen?
48 Ist etwa einer von den Oberen oder von den Pharisäern zum Glauben an ihn gekommen?
49 Dieses Volk jedoch, das vom Gesetz nichts versteht, verflucht ist es.
50 Nikodemus aber, einer aus ihren eigenen Reihen, der früher einmal Jesus aufgesucht hatte, sagte zu ihnen:
51 Verurteilt etwa unser Gesetz einen Menschen, bevor man ihn verhört und festgestellt hat, was er tut?
52 Sie erwiderten ihm: Bist du vielleicht auch aus Galiläa? Lies doch nach und siehe, aus Galiläa kommt kein Prophet.
53 Dann gingen alle nach Hause.

Im Evangelium hören wir heute die Fortsetzung der gestrigen Episode. Jesus ist zur Wallfahrt nach Jerusalem im Verborgenen nach Jerusalem gekommen, obwohl die Juden dort gar nicht gut auf ihn zu sprechen sind. Sie haben ihn auch erkannt und er hat ja sogar öffentlich gesprochen. Sie haben ihn nicht festgenommen, weil Gott das nicht zugelassen hat. Jesu Stunde ist noch nicht gekommen.
Heute gehen die Gespräche weiter. Einige sagen über Jesu Worte bezüglich seines Verhältnisses zum Vater und seiner Berufung, er sei wirklich ein Prophet. Sie nehmen seine Worte an. So fühlen sich einige an die Propheten des Alten Testaments erinnert, denn Jesus hat unter anderem über Sendung gesprochen. Andere wiederum erkennen in ihm den Messias, da sie wohl die Messianität seiner Heilstaten verstanden haben. Ein großes Problem haben die Menschen aber mit Jesu Herkunft. Sie gehen davon aus, dass Jesus aus Galiläa stamme (, wo er ja auch aufgewachsen ist). Sie betrachten die messianischen Verheißungen und sagen, dass der Messias ja aus dem Stamm Davids erwartet werde und aus Betlehem komme. Das ist interessant, weil die Menschen Jesus anscheinend gar nicht gut genug kennen. Sonst würden sie wissen, dass Jesus sehr wohl Davidide und in Betlehem geboren ist.
Auch jetzt wollen einige ihn festnehmen, nämlich die Gerichtsdiener der Tempellobby, denn seine Worte sind für sie blasphemisch. Sie kehren aber ohne Jesus zu den Hohepriestern und Schriftgelehrten zurück. Diese wundern sich, denn es war wohl ihr Befehl, Jesus festnehmen zu lassen. Sie geben zur Antwort, dass Jesu Worte so einmalig sind, dass sie davon offensichtlich berührt worden sind. Die Pharisäer befürchten, dass die Gerichtsdiener von ihm manipuliert worden seien. Sie reagieren arrogant, indem sie sich besser darstellen als das Volk, das nicht so vertraut mit den Hl. Schriften seien wie sie. Das ist sehr ironisch, denn sie sind es, die in Wirklichkeit am wenigsten verstanden haben. Sie sehen stets nur die einzelnen Bäume, können sie aber nicht als Wald identifizieren. Das einfache Volk, das sie hier so schlecht reden, hat das, was sie von den Hl. Schriften kennen, korrekterweise auf Jesus als den Messias bezogen (sie machen sich wenigstens Gedanken, auch wenn sie noch oberflächlich denken). Die exegetische Ausbildung vereinfacht vielleicht das Verständnis auf gewisse Weise, doch das Entscheidende ist das offene Herz, dass die Lektionen Gottes annimmt. Darin sind die einfachen Juden in Jerusalem den Pharisäern heute vielfach voraus.
Nikodemus gehört zum Hohen Rat. Er ist ja Jünger Jesu und nimmt ihn beim Sanhedrin in Schutz. Er gibt den anderen zu verstehen, dass sie doch niemanden ohne Anhörung verurteilen können. Sie argumentieren mit der Hl. Schrift: Aus Galiläa komme kein Prophet. Dagegen ist aber zu sagen, dass die Hl. Schrift sehr wohl Propheten aus der nördlichen Provinz belegt. So kommt laut 2 Kön 14,25 Jona aus Gat-Hefer, einem Ort, der wohl um die 5 km nordöstlich von Nazaret lag! Die Hohepriester und Schriftgelehrten blamieren sich also durch ihre Besserwisserei bis auf die Knochen, weil sie so dermaßen falsch liegen…

Heute hören wir von vielen Bedrängnissen. Wer für Gott einsteht, damals wie heute, muss mit Anfeindungen rechnen. Dies musste Jeremia durchmachen, so musste auch David leiden. Und Jesus als Sohn Gottes hat am meisten dafür gelitten, dass er den Menschen den Willen des Vater kundgetan hat. Wenn wir heutzutage also für das Evangelium Jesu Christi einstehen, können wir nichts andere erwarten. Auch wir werden leiden. Aber auch da beschützt der Herr unser Herz davor, von ihm je getrennt zu werden. So dürfen auch wir Zuflucht bei ihm suchen und darauf vertrauen, dass er uns durch Leidenssituationen hindurch trägt.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 2. Woche der Fastenzeit

Jer 18,18-20; Ps 31,5-6.12 u. 14.15-16; Mt 20,17-28

Jer 18
18 Sie aber sagten: Kommt, lasst uns gegen Jeremia Pläne schmieden! Denn nie wird dem Priester die Weisung ausgehen, dem Weisen der Rat und dem Propheten das Wort. Kommt, wir wollen ihn mit Worten schlagen und auf keines seiner Worte achten. 

19 Gib du, HERR, Acht auf mich und höre das Gerede meiner Widersacher! 
20 Darf man Gutes mit Bösem vergelten? Doch sie haben mir eine Grube gegraben. Gedenke, dass ich vor dir stand, um Gutes über sie zu reden und deinen Zorn von ihnen abzuwenden!

Der heutige Ausschnitt aus dem Buch Jeremia stellt die Reaktion der Menschen auf eine Warnung Gottes dar, die der Prophet ihnen zuvor übermittelt hat. Dort gibt Gott den Menschen zu verstehen, dass er sie vernichten werde, wenn sie nicht von ihrem Götzendienst umkehren. Er kritisiert ihre Abkehr von ihm und verwendet das Bild des Töpfers, denn Jeremia ist zur Vermittlung der Botschaft zum örtlichen Töpfer gegangen. Das geformte Gefäß wird zur prophetischen Zeichenhandlung.
Die Menschen sind aber verstockt und deshalb lesen wir heute: „Kommt, lasst uns gegen Jeremia Pläne schmieden!“ Das ist sehr interessant, denn sie tun so, als ob er sich diese Worte ausgedacht hätte. Sie reagieren so, als ob nicht Gott ihnen die Kritik entgegen gebracht hat. Wie oft machen wir dieselbe Erfahrung! Dann warnt man Menschen, weil sie in Gottes Augen schlimme Sünden begehen, doch sie wehren nur ab mit Worten wie „Lass mich in Ruhe! Warum soll ich so leben, wie du willst?“ Oder es kommt tatsächlich so etwas wie „Das ist deine Meinung. Ich habe eine andere.“ Sie tun so, als ob nicht Gott selbst diese Gebote gegeben hätte und ein bestimmtes Verhalten von seinen Bündnispartnern, den Getauften, erwarten würde.
Die Israeliten wollen mit Jeremia debattieren, um ihn zu besiegen, so als ob sich über die Gebote diskutieren ließe. Auch das kommt uns so sehr bekannt vor. Erstens musste Jesus das immer wieder durchmachen, wenn er mit den Pharisäern und Schriftgelehrten sprach und diese durch ihre menschlichen Gebote die göttlichen Gebote aushebelten. Auch wir müssen das in der Kirche immer wieder erfahren wie jetzt mit dem synodalen Weg. Da werden Diskussionen angefacht über Dinge, die schon längst entschieden und nicht änderbar sind. So ist es z.B. mit der Frauenweihe oder mit der Sexualmoral. Wie können wir Menschlein diskutieren und debattieren, wenn es sich um den Stiftungswillen Christi bei der Weihe und um die zehn Gebote Gottes bei der Sexualmoral handelt?
Jeremia reagiert auf diese Anfeindungen richtig. Er geht damit zu Gott und bittet ihn um seinen Beistand. Er nennt diese Menschen seine Widersacher. Im Grunde ist es nur ein einziger, der gegen uns kämpft und der die Fäden zieht, der sich Menschen bedient und die Meinung der Welt formt – der Satan. Es ist im Letzten ein Kampf gegen ihn, der der eigentliche Widersacher hinter allem Widerstand und jeder Auflehnung gegen Gott ist.
„Darf man Gutes mit Bösem vergelten?“ ist eine rhetorische Frage, denn die Antwort ist offensichtlich und muss nicht explizit formuliert werden.
„Doch sie haben mir eine Grube gegraben.“ – Jeremia ist gefangen in den Fängen des Bösen, er wird in die Knie gezwungen, aber Gott ist an seiner Seite. Die Menschen können mit ihm debattieren und versuchen, ihn zu schlagen, doch sie werden der göttlichen Weisheit nie das Wasser reichen, die durch Jeremia spricht.
Jeremia betet überraschenderweise nicht so, wie wir in Ps 58 z.B. lesen. Er bittet Gott nicht, sie zu verfluchen, zu zerstören, ihnen Böses zu tun, sondern er erinnert Gott eindringlich daran, dass er um Gottes Vergebung für seine Widersacher gebeten hat. Er redet sogar noch gut von ihnen und versucht, Gottes Zorn von ihnen abzuwenden. Darin ist er typologisch zu Christus zu betrachten, der am Kreuz noch für seine Henker betet mit den Worten „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ In Christi Nachfolge tut dies auch die Kirche, wenn sie den Schuldigern in der Beichte die Schuld vergibt. Und auch wir sollen so sein, dass wir für unsere Feinde beten und uns um ihr ewiges Leben sorgen, statt gekränkt zu sein und nur auf das zu schauen, was sie uns angetan haben. Dann wird auch Gott uns am Ende unseres Lebens barmherzig behandeln, wenn wir vor ihm stehen.

Ps 31
5 Du wirst mich befreien aus dem Netz, das sie mir heimlich legten; denn du bist meine Zuflucht. 

6 In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du Gott der Treue.
12 Vor all meinen Bedrängern wurde ich zum Spott, zum Spott sogar für meine Nachbarn. Meinen Freunden wurde ich zum Schrecken, wer mich auf der Straße sieht, der flieht vor mir. 
14 Ich hörte das Zischeln der Menge – Grauen ringsum. Sie taten sich gegen mich zusammen; sie sannen darauf, mir das Leben zu rauben. 
15 Ich aber, HERR, ich habe dir vertraut, ich habe gesagt: Mein Gott bist du. 
16 In deiner Hand steht meine Zeit; entreiß mich der Hand meiner Feinde und Verfolger!

Im heutigen Psalm beten wir ein Gebet Davids, das zur Situation in Jeremia passt. Eine solche Situation wiederholt sich im Laufe der Heilsgeschichte nämlich immer wieder. Menschen stehen für Gott ein und werden dafür angefeindet. Da spielt es kaum eine Rolle, ob es sich um den König über die zwölf Stämme Israels um das Jahr 1000 v.Chr. herum handelt oder um einen Propheten aus dem 7. Jh.v.Chr. Es macht auch keinen Unterschied, ob es Gott selbst ist, der Mensch geworden und unter den Menschen gelebt hat. Er ist nicht nur angefeindet, sondern sogar gekreuzigt worden. Wir müssen uns als Christen also nicht wundern, wenn wir für die Wahrheit einstehen und ebenfalls angefeindet werden.
„Du wirst mich befreien aus dem Netz, das sie mir heimlich legten“ ist zwar ein anderes Bild als die gegrabene Grube, doch handelt es sich jeweils um das Stellen einer Falle. David sowie Jeremia vertrauen darauf, dass Gott stärker und mächtiger ist als diese paar Fallensteller. „Denn du bist meine Zuflucht“, bei Gott finden auch wir Schutz, denen so viele Fallen gestellt werden. Er ist auch für Christus der Zufluchtsort, dem durch die Pharisäer und Schriftgelehrten so viele Fallen gestellt worden sind. Er ist regelmäßig auf einen Berg gestiegen oder in die Einsamkeit gegangen, um beim Vater Zuflucht zu suchen.
„In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist“ – diese Bibelstelle kommt uns bekannt vor, denn Jesus betet sie sterbend am Kreuz. Ja, Gott ist unsere Zuflucht und wir können uns vertrauensvoll ihm übergeben. Er missbraucht unser Vertrauen nie. Jesus hat in der absoluten Gottverlassenheit am Kreuz noch vertrauensvoll sein Leben Gott übergeben. So sollen auch wir vor Gott sein. Selbst wo wir ihn nicht spüren, wo wir uns in der Schwebe fühlen, sollen wir Gott ganz vertrauen, der uns nie verlässt, der uns immer auffängt und reich beschenken will.
Das bringt David auf den Punkt, wenn er sagt: „Du hast mich erlöst, HERR, du Gott der Treue.“ Er bricht sein Versprechen nicht. Er hat mit David einen Bund geschlossen und hält seine Treue, obwohl David ihm mehrfach untreu geworden ist. Auch mit uns hat Gott einen Bund geschlossen und hält auch uns gegenüber die Treue, obwohl wir sündigen und ihm dadurch jedesmal untreu werden. Gott wird uns nicht ins offene Messer laufen lassen, sondern am Ende wird alles gut werden. Er hat uns schon erlöst durch das Kreuzesopfer Jesu Christi. Nun liegt es an uns, diese Erlösung gläubig anzunehmen und durch unser Leben die Dankbarkeit über die Erlösung zu zeigen.
„Vor all meinen Bedrängern werde ich zum Spott (…)“. David sowie Jeremia stehen für Gott ein. Jeremia übermittelt sogar wortwörtlich, was Gott ihm aufgetragen hat, doch diese höchste Autorität wird verlacht. Deshalb machen sich jene, die für Gott einstehen, zum Gespött. Verlacht wird in erster Linie nämlich er, der Allerhöchste. Selbst die Nächsten wenden sich von ihnen ab. So sehen wir es auch bei Christus. Einer seiner engsten Freunde verrät ihn und liefert ihn dem Hohen Rat aus. Ein anderer seiner engsten Freunde verleugnet ihn am Lagerfeuer. Wie sehr muss es Jesus geschmerzt haben! Und darin hat er diese Sünde, die Sünde des Verleugnens und Verrats gesühnt. Auch wir tun es den beiden gleich, wenn wir Jesus in unserem Leben verleugnen, wenn wir feige schweigen, statt für ihn einzustehen im Freundeskreis, am Arbeitsplatz oder wo auch immer. Am schlimmsten ist es, wenn wir in der Kirchengemeinde nicht offen über ihn reden aus Angst vor unserem Ruf, weil die Gläubigen in Wirklichkeit gar nicht gläubig sind und aus dem katholischen Glauben eine larifari Bequemlichkeitsreligion machen.
Es ist kein Ausdruck von Verfolgungswahn oder anderer Paranoia, wenn David hier die sich zusammenrottende Menge und ihr Zischen beschreibt. Die Menschen gehen geschlossen gegen ihn vor, weil er zum HERRN hält. Auch bei Jeremia schmieden die Menschen gemeinsam einen Plan gegen ihn. Auch dies musste Jesus durchmachen, den die Gruppe der religiösen Elite beseitigen wollte und dafür einen Plan schmiedete. Auch heute sehen wir leider allzu oft, wie Gemeindemitglieder geschlossen gegen einen Geistlichen vorgehen, vor allem wenn er für den unverfälschten Glauben einsteht. Wie schrecklich ist es, wenn Gottes Augapfel, der Geweihte, so angegriffen wird! Auch dann bete ich von Herzen, dass die Angegriffenen wie David zu Gott kommen und sagen können – ich vertraue dir, du bist mein Gott. Entreiß mich meiner Feinde! Wir alle, die wir für den Glauben angefeindet werden, müssen uns in die Arme Gottes flüchten. Sonst werden wir an den Angriffen zugrunde gehen. Wir dürfen es nicht aus eigener Kraft tragen. Es wird uns entmutigen und ausbrennen. Jeremia ist mit seinem Leiden zu Gott gekommen, König David, selbst Jesus Christus, der Gott ist, hat zu seinem Vater so gebetet. Er hat sich ganz in seine Arme geworfen und sich fest an ihn geklammert, selbst am Kreuz noch, als er kaum noch Luft bekam, klammerte er sich an den Vater durch sein Gebet.
„Entreiß mich der Hand meiner Feinde und Verfolger“ beten heute so viele Christen wie noch nie, die für den Glauben verfolgt werden. Und heutzutage wird ihr biologisches Leben so wenig wie noch nie verschont. Und doch entreißt Gott diese Menschen den Feinden, indem er sie direkt in seine Arme schließt, wo sie auf ewig nicht mehr losgelassen werden. Sie dürfen Gottes Angesicht sofort und auf ewig schauen, weil sie direkt in den Himmel kommen. Gott entreißt auch uns vor dem Feind, auch wenn es manchmal über den biologischen Tod hinausgeht. Er wird dies am Ende der Zeiten mit der ganzen Welt tun, wenn er die gesamte Weltgeschichte abbricht und der Widersacher ein für allemal vernichtet wird.

Mt 20
17 Als Jesus nach Jerusalem hinaufzog, nahm er die zwölf Jünger beiseite und sagte unterwegs zu ihnen: 

18 Siehe, wir gehen nach Jerusalem hinauf; und der Menschensohn wird den Hohepriestern und Schriftgelehrten ausgeliefert; sie werden ihn zum Tod verurteilen 
19 und den Heiden ausliefern, damit er verspottet, gegeißelt und gekreuzigt wird; und am dritten Tag wird er auferweckt werden.
20 Damals kam die Frau des Zebedäus mit ihren Söhnen zu Jesus, fiel vor ihm nieder und bat ihn um etwas. 
21 Er fragte sie: Was willst du? Sie antwortete: Versprich, dass meine beiden Söhne in deinem Reich rechts und links neben dir sitzen dürfen! 
22 Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sagten zu ihm: Wir können es. 
23 Da antwortete er ihnen: Meinen Kelch werdet ihr trinken; doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die es mein Vater bestimmt hat. 
24 Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über die beiden Brüder. 
25 Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Großen ihre Vollmacht gegen sie gebrauchen. 
26 Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, 
27 und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. 
28 Wie der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.

Ich habe bereits bei Psalm und Lesung immer wieder auf Jesu Auslieferung verwiesen. Im Evangelium hören wir erst recht davon:
Jesus nähert sich seinem Todesort Jerusalem. Er kündigt seinen Aposteln sein Leiden an, was sie vielleicht noch nicht richtig verstanden haben werden: Er wird den Hohepriestern und Schriftgelehrten ausgeliefert und von den Heiden hingerichtet werden, aber nach drei Tagen wieder auferstehen. Für einen Juden eine undenkbare Sache! Deshalb wird es den Aposteln schwer gefallen sein, es bis aufs Letzte zu begreifen.
Dann bittet die Mutter der Zebedäussöhne Jesus um einen Gefallen: „Versprich, dass meine beiden Sühne in deinem Reich rechts und links neben dir sitzen dürfen!“ Wir können sie gut verstehen. Das Herz einer Mutter ist ganz um das Leben ihrer Kinder besorgt. Diese Frau ist tiefgläubig und kümmert sich deshalb nicht nur um das leibliche Wohl ihrer Söhne, sondern vor allem um das ewige Leben. Vielleicht ist es gar nicht ihr Anliegen, dadurch zu sagen, dass Jakobus und Johannes einen Ehrenplatz erhalten sollen, sondern dass sie überhaupt bei Jesus auch in der Ewigkeit sitzen dürfen. Jesus entgegnet jedenfalls etwas ganz Wichtiges: „Ihr wisst nicht, um was ihr bittet.“ Das ist auch in unserer heutigen Zeit so. Oft bitten wir um Dinge, deren Konsequenzen wir gar nicht sehen. Selbst wo wir eine noble Bitte an Gott richten wie ein Leiden, um für die Menschen zu sühnen, haben wir nicht die ganze Tragweite vor Augen, die damit einhergeht. So beantwortet Jesus ihnen selbst die Frage, ob sie den Kelch trinken können, den Jesus trinkt (ob wie bereit zum Leiden und Martyrium sind), indem er ankündigt, dass sie den Kelch trinken werden. Gleichzeitig erklärt er, dass die Vergabe der Plätze nicht ihm zustehe.
Wir können die Bitte der Mutter des Jakobus und Johannes vielleicht mehrfach deuten, doch wie es bei den übrigen Aposteln angekommen ist, ist eindeutig: Sie reagieren verärgert, weil sie eine Extrawurst bei den Zebedäussöhnen riechen. Es kommt ein Konkurrenzdenken auf, was im Reich Gottes absolut fehl am Platz ist. Deshalb erklärt Jesus: Auf dem Thron zu sitzen und auch schon in dieser Welt eine hohe Position zu haben bei der Evangelisierung, hat nichts mit herrschen zu tun, sondern mit dienen. Es geht nicht um Macht, sondern um Verantwortung. Wer ein hohes Amt bekleidet, muss am meisten zum Sklaven aller werden, sie bedienen und sich um sie kümmern. Es ist also nichts, um das man streiten soll, weil man selbst diese Macht haben will. Jesus ist auch nicht gekommen, um über die Menschen zu herrschen, sondern um sie zu bedienen. Er wird es seinen Aposteln noch einmal anhand von einer bestimmten Geste verdeutlichen, nämlich im Abendmahlssaal, als er ihnen die Füße wäscht. ER, der Messias! Er geht in die Knie und übernimmt die Aufgabe, die ein Haussklave normalerweise tut. So sollen die Aposteln „herrschen“. Und wie der Menschensohn gekommen ist, um sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben, so ist es auch mit uns. Wir sollen uns hingeben. Das ist das entscheidende Stichwort auch für unsere heutige Zeit. Jeder Mensch ist zur Hingabe berufen, umso mehr jene, die durch die Taufe zur Heiligkeit berufen sind. Hingabe ist unser Lebensziel, nicht die Selbstverwirklichung.
Was für uns Laien gilt, gilt umso mehr für die Geistlichen! Sie sollen die Menschen bedienen, in die Knie gehen, der Sklave aller sein und nicht irgendeine Macht ausspielen, die sie an sich reißen, die aber nichts mit Christi Nachfolge zu tun hat. Und wenn wir dann neidisch auf diese Macht schauen und dafür kämpfen, diese Macht umzuverteilen oder an uns zu reißen, dann sind wir schlimmer als die Aposteln damals. Sie haben sich nur beschwert, aber es kam nicht zu Machtkämpfen unter ihnen. Warum lernen wir nicht aus Jesu Worten im Evangelium, sondern fordern Dinge, die gegen Gottes Gebote gehen? Warum schreien unsereins „Frauen in alle Ämter!“ und sprechen von „Männermacht“, wenn die von Gott gestiftete Weihe überhaupt nichts mit Macht zu tun hat? Haben wir Jesus wirklich so wenig verstanden?

David, Jeremia, Jesus – auch wir sollen ganz für Gott einstehen und uns aus dieser Liebe zu ihm heraus hingeben für die anderen Menschen. Wir werden uns dabei früher oder später zum Gespött machen, wir werden angefeindet werden und vielleicht sogar dafür unser Leben hingeben müssen. Aber eines kann uns keiner nehmen – Glaube, Hoffnung und Liebe.

Ihre Magstrauss