Mittwoch der Karwoche

Jes 50,4-9a; Ps 69,8-9.10 u. 12.21b-22.31 u. 33; Mt 26,14-25

Jes 50
4 GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich höre, wie Schüler hören.
5 GOTT, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück.
6 Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und meine Wange denen, die mir den Bart ausrissen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.
7 Und GOTT, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate.
8 Er, der mich freispricht, ist nahe. Wer will mit mir streiten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer ist mein Gegner im Rechtsstreit? Er trete zu mir heran.
9 Siehe, GOTT, der Herr, wird mir helfen.

Heute hören wir aus dem dritten Gottesknechtslied. Es ist bereits an Palmsonntag verlesen worden und sehr intensiv:
„GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort.“ Wir müssen es verstehen vor dem Hintergrund der Menschwerdung Gottes. Jesus ist Gott, ist aber durch seine Menschwerdung entäußert worden, das heißt er verzichtete auf seine Gottheit, um die Sünde der Welt zu sühnen. So hat er alles den Menschen vorgelebt und alles so getan, wie die Menschen es tun. Wenn es hier also heißt, „gab mir die Zunge von Schülern“, müssen wir es nicht so verstehen, dass Jesus etwas Neues lernen könnte oder Dinge zuerst nicht weiß und dann zur Erkenntnis kommt. Er weiß schon alles von Anfang an, weil er trotz Entäußerung immer noch Gott ist. Das hebräische Wort für „Zunge“ kann auch mit „Sprache“ übersetzt werden, was vielleicht passender ist: Der Vater hat dem Sohn die Sprache von Schülern gegeben, damit seine Schüler, das heißt seine Jünger, seine Worte verstehen können. Es heißt also, dass Gott die Sprache der Menschen angenommen hat, um sich ihnen zu offenbaren. Er tut es, um die Müden aufzurichten durch ein aufmunterndes Wort. Diese Müdigkeit hat weniger etwas mit physischer Erschöpfung zu tun als vielmehr mit Hoffnungslosigkeit durch Seelenmüdigkeit. Es geht um das Wecken der Menschen, damit sie wachsam werden, damit sie aus der Müdigkeit ihrer langen Warterei auf den Messias erwachen!
Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich höre, wie Schüler hören. Jesus selbst hat gehorsam auf den Vater gehört und nichts gesagt oder getan, was nicht im Einklang mit dem Vater ist.
Er hat auf den Willen des Vaters gehört und es auch durchgehalten selbst in den Angriffen der Menschen: „Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück.“ – So ist es schon den Propheten des Alten Testaments ergangen. Sie haben auf die Stimme Gottes gehört und den Menschen seinen Willen kundgetan, zumeist um den Preis ihres eigenen Lebens. Umso mehr gilt das für den Sohn Gottes selbst, der der Gehorsamste von allen ist.
Jesus hielt wortwörtlich seinen Rücken hin denen, die ihn schlugen. Wie maßlos haben seine Gegner auf ihn eingeschlagen, statt sich an die gebotene Anzahl von Schlägen zu halten, wie sie das Recht vorsieht – sowohl mit Stöcken als auch mit Geißeln! (Wir wissen vom Grabtuch von Turin, dass er über hundert Mal geschlagen worden ist, statt der gebotenen 39 Schläge. Die Römer haben sich nicht daran gehalten).
„Und meine Wange denen, die mir den Bart ausrissen“ – Ja, er wurde ins Gesicht geschlagen durch den Diener der Hohepriesters. Von Privatoffenbarungen wissen wir, wie sehr sie ihm den Bart ausgerissen haben in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Laut diesen Offenbarungen stachen sie ihm sogar Nägel und Spitzen in die Löcher seines ausgerissenen Bartes. Unvorstellbar, was Jesus durchmachen musste! Es geht bei diesem Akt nicht nur um die Schmerzen, sondern auch um die Erniedrigung, die ihm dadurch widerfahren ist.
„Mein Gesicht verbarg ich nicht durch Schmähungen und Speichel.“ Wie oft Jesus wohl auf seinem Kreuzweg zum Golgota von der gaffenden Menge und von den Soldaten angespuckt und beschimpft worden ist? Er ist wirklich behandelt worden wie der schlimmste Verbrecher. Es blieb ihm nicht ein Funken Ehre. Er ist maximal erniedrigt worden, aber dann vom Vater über alle anderen erhöht worden. Stellen Sie sich vor, dass Sie allmächtig wären, über all jenen Peinigern stehen würden, aber alles mit sich machen lassen würden! Sie könnten jederzeit einmal schnipsen und sie alle in die Hölle hinabwerfen, sich vom Kreuz befreien und die ganzen Wunden augenblicklich heilen, weil Sie so allmächtig sind! Für Jesus gilt das alles tatsächlich, weil er Gott ist und doch greift er nicht ein! Er lässt alles mit sich machen, weil er uns so sehr liebt, dass er all das sühnt. So unbegreiflich groß ist seine Liebe!
„Und GOTT, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden.“ Ja, das ist nicht nur ein absolutes Vertrauensbekenntnis, sondern eine regelrechte Ankündigung. Jesus wird nicht in Schande enden, denn am dritten Tag wird er von den Toten auferstehen! Er wird den schandvollsten Tod sterben, aber er wird nicht in ihm bleiben. Der Vater wird ihn auferstehen lassen und über alle anderen erhöhen. Nun hat er ihn wieder zu sich geholt und er sitzt mit Leib und Seele zur Rechten des Vaters.
„Er, der mich freispricht, ist nahe. Wer will mit mir streiten?“ Der Vater spricht seinen Sohn sozusagen frei im Kampf gegen den Bösen, indem er ihn am dritten Tag auferstehen lässt. Der Tod wird überwunden. Er kann im Rechtsstreit nichts mehr unternehmen.
„Siehe, GOTT, der Herr, wird mir helfen.“ Das dürfen auch wir mit Gewissheit beten, denn wie er seinen eigenen Sohn aus den Klauen des Todes gerettet hat, so wird er auch uns retten, die wir nicht nur auf den Tod, sondern auch auf die Auferstehung Jesu Christi hin getauft sind.

Ps 69
8 Denn deinetwegen erleide ich Hohn und Schande bedeckt mein Angesicht.
9 Entfremdet bin ich meinen Brüdern, den Söhnen meiner Mutter wurde ich fremd.
10 Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt, die Verhöhnungen derer, die dich verhöhnen, sind auf mich gefallen.
12 Ich legte als Gewand ein Bußkleid an, ich wurde ihnen zum Spottvers.
21 Ich hoffte auf Mitleid, doch vergebens, auf Tröster, doch fand ich keinen.
22 Sie gaben mir Gift als Speise, für den Durst gaben sie mir Essig zu trinken.
31 Ich will im Lied den Namen Gottes loben, ich will ihn mit Dank erheben.
33 Die Gebeugten haben es gesehen und sie freuen sich! Ihr, die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf!

Als Psalm wird heute wieder ein Klagepsalm gebetet, in dem zunächst das Leiden detailliert geklagt wird. Dann kommen mehrere Bittrufe, die in unserem heutigen Abschnitt nicht zu lesen sind, bevor es einen typischen Stimmungsumschwung gibt: Gott wird zum Ende des Psalms gepriesen.
„Denn deinetwegen erleide ich Hohn und Schande bedeckt mein Angesicht.“ Jesus ist dafür ausgeliefert und elendig getötet worden, dass er den Menschen gezeigt hat, wie der Vater ist. Er hat das Reich Gottes verkündigt mit göttlicher Vollmacht. Dafür ist er so schandvoll wie nur möglich gestorben.
„Entfremdet bin ich meinen Brüdern, den Söhnen meiner Mutter wurde ich fremd.“ Wir wissen von den Evangelien her, dass Jesu Großfamilie ihn von der Verkündigung abhalten wollte und sogar sagte: „Er ist von Sinnen.“ Seine biologischen Verwandten haben ihn nicht verstanden. Vielmehr hat Jesus gesagt, dass jene, die den Willen seines Vaters tun, seine wahre Familie sind. Maria, seine biologische Mutter, war die allererste Jüngerin und so lag der Idealfall vor: Biologie und geistige Gesinnung waren eins!
„Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt, die Verhöhnungen derer, die dich verhöhnen, sind auf mich gefallen.“ Das ist ein besonderer Vers, denn dies zitiert Johannes für Jesu Tempelreinigung. Es hat sich mit Jesus erfüllt. Aus Eifer für das Haus Gottes hat er die Händler aus dem Tempel vertrieben, die es zur Räuberhöhle gemacht haben. Dieser Eifer ist uns schon durch die Episode verdeutlicht worden, in der Jesus als Zwölfjähriger im Tempel zurückbleibt und mit den Ältesten und Schriftgelehrten debattiert. Als seine Eltern ihn voller Sorge im Tempel wiederfinden und ihn auf diese Aktion ansprechen, antwortet er ihnen: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Der Eifer für das Haus Gottes ist nicht nur auf einen irdischen Bau beschränkt. Vielmehr geht es ihm schließlich um das Reich Gottes, um das Himmelreich, dass des Vaters eigentliches Haus ist! Und für eben jene Botschaft vom Reich Gottes ist er verhöhnt worden. Damit haben die Spötter auch den Vater im Himmel verspottet, denn Jesus und der Vater sind eins.
„Ich legte als Gewand ein Bußkleid an“ – dies müssen wir bildlich verstehen, denn von Jesu Kleidung ist explizit nicht die Rede (nur am Ende, als es um sein durchgewebtes Untergewand geht). Die Buße ist Jesu „Gewand“ im Sinne der Verpackung. Es gehört zum Programm der Verkündigung und ist deren Kern. Bei seinem Antritt sagt Jesus in Mk 1,15: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt an das Evangelium. Doch die wirklich Einflussreichen haben sich nicht bekehrt trotz der vielen vielen Chancen, Signale und Zeichen.
„Ich hoffte auf Mitleid“ – Jesus hat sich selbst dahingegeben, damit die harten Herzen der Menschen erweicht werden. Wie viele sind doch hart geblieben, obwohl er für sie gestorben ist!
„Sie gaben mir Gift als Speise“ – das erinnert uns an die verschiedenen Getränke, die sie Jesus angeboten haben. Das Wein-Myrrhe-Gemisch hat er abgelehnt, weil es ein Betäubungsmittel war und Jesus ganz für uns leiden wollte, das zweite sollte seinen Todesprozess verlängern und war Essig. Man kann durchaus von Gift sprechen, denn gesund war es sicherlich nicht….
„Ich will im Lied den Namen Gottes loben, ich will ihn mit Dank erheben.“ Mit dem Stimmungsumschwung wird auch für uns deutlich: Nach dem Leiden kommt das Heil. Nach Karfreitag kommt Ostern. Nach der Dunkelheit des Todes kommt das Licht des Lebens. Es gibt bei Gott immer ein Happy Ending, auch wenn es noch so weit weg erscheint. Gott wendet alles zum Guten, nur müssen wir ihm ganz vertrauen, egal, wie unwahrscheinlich es zu sein scheint.
„Die Gebeugten haben es gesehen und sie freuen sich! Ihr, die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf!“ Nicht nur Jesus, der am tiefsten Gebeugte, ist Zeuge für dieses Happy Ending. Auch die vielen vielen Märtyrer, die Johannes in der Offenbarung geschaut hat, die Apostel, die Glaubensvorbilder, sie alle sind mit einer unerschütterlichen Hoffnung in den Tod gegangen und wir glauben, dass sie direkt bei Gott sind und in der ewigen Anschauung seiner Herrlichkeit sein dürfen. Dies erwartet auch uns, wenn wir bis zum Schluss standhaft sind.

Mt 26
14 Darauf ging einer der Zwölf namens Judas Iskariot zu den Hohepriestern

15 und sagte: Was wollt ihr mir geben, wenn ich euch Jesus ausliefere? Und sie boten ihm dreißig Silberstücke.
16 Von da an suchte er nach einer Gelegenheit, ihn auszuliefern.
17 Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote gingen die Jünger zu Jesus und fragten: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?
18 Er antwortete: Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern.
19 Die Jünger taten, wie Jesus ihnen aufgetragen hatte, und bereiteten das Paschamahl vor.
20 Als es Abend wurde, begab er sich mit den zwölf Jüngern zu Tisch.
21 Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern.
22 Da wurden sie sehr traurig und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr?
23 Er antwortete: Der die Hand mit mir in die Schüssel eintunkt, wird mich ausliefern.
24 Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird! Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.
25 Da fragte Judas, der ihn auslieferte: Bin ich es etwa, Rabbi? Jesus antwortete: Du sagst es.

Im heutigen Evangelium wird uns davon berichtet, wie Judas Iskariot Jesus an die Hohepriester verkauft. Der Deal geht von ihm selbst aus, indem er die Hohepriester aufsucht und als erstes einen Preis aushandelt. Darum geht es ihm vor allem. Er ist geblendet von seiner Habgier. Uns ist von den Evangelien bekannt, dass er ein Dieb ist, weil er als Kassenwart die Einkünfte veruntreut. Sein Herz schlägt für Geld. Und dann? Dann wollen die Hohepriester ihm den damaligen Preis für Sklaven auszahlen! Dreißig Silberstücke für den leidenden Gottesknecht….
Dann ist es soweit, dass das große Wallfahrtsfest gekommen ist und die Vorbereitungen für das Paschamahl getroffen werden.
Die Jünger bereiten alles dafür vor und dann wird uns davon berichtet, wie sie zu Tisch liegen.
Jesus sagt den Jüngern nun, dass einer von ihnen ihn verraten wird. Jesus weiß schon längst, wer es ist. Er könnte noch alles aufhalten, doch er weiß, dass es so geschehen muss. Er spricht es dennoch an, denn er möchte Judas noch eine letzte Chance geben, umzukehren.
Ganz aufgeregt fragen die Apostel Jesus, ob sie es sind. Dann gibt Jesus als Antwort den Code an, über den ich gestern schon gesprochen habe nach der Johannesversion: Er gibt hier einen Code aus Ps 41 wieder, wo es heißt, dass der Verräter vom selben Brot isst wie der Ausgelieferte. So soll den Jüngern nämlich klargemacht werden, dass die Schrift es schon angekündigt hat und dieser Verrat geschehen muss.
Dies erklärt Jesus dann auch, wenn er sagt: „Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt.“ Es muss geschehen, sonst kann Jesus nicht die Welt erlösen. Und als Petrus einige Kapitel zuvor die Leidensankündigung zurückweist (das muss verhütet werden), da vertrieb Jesus sogar den Satan, der hinter solchen Aussagen steckt. Es muss geschehen, nur so kommt das Heil. Das heißt aber nicht, dass es gut ist, der Verräter zu sein. Deshalb spricht Jesus diese sehr harten Worte (es wäre für ihn besser, wenn er nie geboren wäre). Jesus, den Sohn Gottes zu verraten, ist die schlimmste Sünde, die man tun kann. Deshalb spricht Jesus so drastische Worte. Judas soll wachgerüttelt werden und nicht nur er, sondern auch die anderen. Denn Petrus wird Jesus ebenso verraten. Wir sehen ja, dass diesem aber vergeben wird, weil er von Herzen seinen Verrat bereut. Judas wäre auch vergeben worden, wenn er die Vergebung angenommen hätte. Wir sehen also, dass Jesu Worte nicht wirklich bedeuten, dass Judas nie geboren werden sollte.
Judas fühlt sich wohl auch angesprochen und die Worte haben gesessen. Er fragt gerade heraus: „Bin ich es etwa, Rabbi?“ Jesus nimmt kein Blatt vor den Mund und antwortet ihm mit „du sagst es“. Er weiß, was Judas im Schilde führt. Auch Judas weiß nun, dass Jesus alles durchschaut hat. Und doch nutzt Judas diese Chance zur Umkehr nicht. Er zieht seinen Plan durch und so wird Jesus dennoch ausgeliefert.
Es ist eine tragische Geschichte, weil sie tragisch für Judas endet. Hätte er doch so gehandelt wie Petrus! Wie wichtig ist es auch für uns, auf Gottes Barmherzigkeit zu vertrauen und diese anzunehmen! Wie sehr redet der Satan auch uns ein, dass unsere Sünde ja so schlimm ist, dass Gott uns nie verzeihen würde! Egal wie groß die Sünde auch sein mag: Gottes Vergebung ist immer stärker. Sie wird uns zuteil, wenn wir von Herzen unsere Sünde bereuen, sie bekennen, Gott versprechen, sie nie wieder zu tun, sie wiedergutzumachen. Nutzen wir diese Barmherzigkeit wirklich ganz und bereiten wir uns auf eine gute Beichte vor! Gott ist bereit, uns von Herzen zu vergeben, selbst wenn wir ihn verraten haben!

Ihre Magstrauss

Samstag der 5. Woche der Fastenzeit

Ez 37,21-28; Ps 31,10.11-12b.13; Joh 11,45-57

Ez 37
21 Dann sag zu ihnen: So spricht GOTT, der Herr: Siehe, ich, ja ich nehme die Söhne Israels aus den Nationen heraus, wohin sie gegangen sind; ich sammle sie von allen Seiten und bringe sie auf ihren Ackerboden.

22 Ich mache sie im Land, auf den Bergen Israels, zu einer einzigen Nation. Und ein einziger König soll König für sie alle sein. Sie werden nicht länger zwei Nationen sein und sich nie mehr in zwei Königreiche teilen.
23 Sie werden sich nicht mehr unrein machen durch ihre Götzen und Gräuel und durch all ihre Untaten. Ich befreie sie von aller Sünde, die sie in ihrer Untreue begangen haben, und ich mache sie rein. Dann werden sie mir Volk sein und ich, ich werde ihnen Gott sein.
24 Mein Knecht David wird König über sie sein und sie werden alle einen einzigen Hirten haben. Sie werden meinen Rechtsentscheiden folgen und auf meine Satzungen achten und nach ihnen handeln.
25 Sie werden in dem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe und in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder werden auf ewig darin wohnen und mein Knecht David wird auf ewig ihr Fürst sein.
26 Ich schließe mit ihnen einen Friedensbund; es soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Ich werde sie aufrichten und zahlreich machen. Ich werde mitten unter ihnen auf ewig mein Heiligtum errichten
27 und über ihnen wird meine Wohnung sein. Ich werde ihnen Gott sein und sie, sie werden mir Volk sein.
28 Und die Nationen werden erkennen, dass ich der HERR es bin, der Israel heiligt, wenn mein Heiligtum auf ewig in ihrer Mitte ist.

Heute hören wir aus dem Buch Ezechiel. Der Prophet bekommt wunderbare Visionen geschenkt in einer Zeit absoluten Traumas. Er wirkt zur Zeit des Babylonischen Exils und bekommt in diesem heutigen Kapitel, aus dem wir hören, die Verheißung, dass Gott alle Zerstreuten Israels wieder versammeln wird. Das Exil wird ein Ende haben!
„Siehe, ja ich nehme die Söhne Israels aus den Nationen heraus, wohin sie gegangen sind.“ Gott nimmt die Israeliten heraus, die bei den Nationen sind, hier steht das Hebräische הַגֹּויִ֖ם haggojim, die heidnischen Völker. Er holt sie weg von dort, „wohin sie gegangen sind“, das heißt aus dem babylonischen Reich. Das Verb dieses Satzes, das Wegholen, steht in einer Partizipialform. Diese verursacht eine Zeitlosigkeit oder Ungebundenheit und so können wir über das historisch Einmalige hinaus noch weiter betrachten! Gott tut das immer wieder mit seinem Volk die ganze Heilsgeschichte hindurch. Er tat es schon damals, als er durch Mose das gesamte Volk aus Ägypten herausführte. Er hat es vor allem aber dann getan, als er seinen einzigen Sohn für die Menschheit dahingegeben hat. Durch das Leiden, Sterben und die Auferstehung Jesu Christi ist der ganzen Menschheit die Aussicht auf die Rückkehr aus dem Exil geschenkt worden – aus dem Exil des Paradieses, das mit Adam und Eva begonnen hat! Diese Art von Wegholen und Heimführung ist eine viel existenziellere als die Rückführung in die irdische Heimat. Bis heute ist es jedesmal so, dass Gott uns heimholt in die Heimat, wenn wir von unseren Sünden umkehren und das Sakrament der Beichte in Anspruch nehmen. Dann wird uns diese Heimat auf moralischer Ebene wieder geschenkt, der Stand der Gnade. Und am Ende unseres Lebens sowie am Ende der Zeiten wird uns die ewige Heimholung in die himmlische Heimat geschenkt.
Ja, Gott sammelt sie von allen Seiten und bringt sie auf ihren Ackerboden. Das ist das Ideal und der größte Wunsch, den die Israeliten zur Zeit dieser Exilszeit ersehnt haben! Sie werden wieder als eine einzige Nation zusammenwachsen. Das ist eine politische Verheißung, die wir nicht unterschätzen dürfen. Vor der Babylonischen Gefangenschaft war Israel zweigeteilt, nämlich in das Nord- und Südreich. Dies war schon eine Art traumatische Erfahrung, die Gott als Folge der Sünde Salomos angekündigt hat. Das Nordreich bestand aus zehn der Zwölf Stämme. Dem Südreich blieben nur noch die Stämme Juda und Benjamin. Bevor die Babylonier in Israel einfielen, wurde das Nordreich ein Vasallenstaat der Assyrer.
Es ist also eine ganz große Verheißung, wenn Gott nur noch eine einzige Nation mit nur einem König verheißt. Wir wissen ja, dass die Israeliten dir Rückkehr nach Israel dem Perserkönig Kyros II verdanken werden, der die Fremdherrschaft der Babylonier durch eine Fremdherrschaft Israels durch die Perser ablösen wird. Dennoch wird er sehr positiv dargestellt, ja sogar als messianische Gestalt von Jesaja charakterisiert, weil er sogar den Bau eines neuen Tempels erlaubte. Die Verheißung einer einzigen Nation, die frei ist, wird sich also nicht sofort erfüllen. Wir denken da schon längst weiter und lesen somit die Verheißung nicht als politische: Es geht um den König des Weltalls, Jesus Christus, der neue Salomo, der eine einzige Nation um sich sammeln wird, die gemeinsam mit ihm das Reich Gottes bewohnen wird. Hier geht es nicht um ein irdisches Königreich, sondern um ein geistiges! Der König ist kein gewöhnlicher Mensch, sondern der Messias!
Gott verheißt Israel über Ezechiel, dass die Gräuel und Götzendienste ein Ende haben werden. Und dann sagt Gott den entscheidenden Satz, weshalb wir wissen, dass die christologische Auslegung überhaupt nicht aus den Fingern gesogen ist: „Ich befreie sie von aller Sünde, die sie in ihrer Untreue begangen haben, und ich mache sie rein. Dann werden sie mir Volk sein und ich, ich werde ihnen Gott sein.“ Die Befreiung von aller Sünde geschieht durch die Erlösung, die Jesus am Kreuz erwirken wird. Durch seinen Tod wird Gott mit allen Menschen den Neuen Bund schließen. Alle, die die Erlösung annehmen, werden so zu seinem Volk werden, nicht mehr nur bestehend aus Juden, sondern aus Juden und Heiden. Diesen Bundesschluss gehen wir ein, wenn wir getauft werden. Dann werden wir wirklich ganz rein, wofür auch das weiße Taufkleid steht. Nach der Taufe sündigen wir weiter, weil die Folgen der Erbsünde uns weiterhin beeinflussen. Doch auch da möchte Gott uns immer wieder rein machen im Sakrament der Beichte, durch die wir zurück zur Taufgnade gelangen.
Gott sagt Ezechiel zu: „Mein Knecht David wird König über sie sein und sie werden alle einen einzigen Hirten haben. Sie werden meinen Rechtsentscheiden folgen und auf meine Satzungen achten und nach ihnen handeln.“ Wie sollen wir das denn verstehen, wenn David schon seit 300 Jahren tot ist? Gott meint jemanden, der ein Nachkomme Davids ist, der aus seiner Sippe stammt. Der Messias wird als Sohn Davids erwartet und so wird auch hier wieder eine Ankündigung Jesu Christi ausgesagt. Er ist nicht nur genetisch gesehen der neue König David, sondern auch durch seine Identität als Hirte! In den letzten Wochen vor der Fastenzeit haben wir so viel von David gehört und auch da schon festgestellt, wie eng die typologische Verbindung zwischen ihm und Jesus ist. Nicht umsonst hat Gott alles so gefügt, dass der König über ganz Israel zuvor ein Hirte war! Er sollte in seiner Herrschermentalität schon vorbereitet werden. Er sollte ein Pastor sein, ein Hirte. Und so wird auch der neue David ein Pastor – er wird im Johannesevangelium selbst erklären: Ich bin der gute Hirte. Ich kenne die meinen und die meinen kennen mich. Er wird sich wirklich hingeben für seine Schafe, die auf seine Stimme hören, das heißt die Rechtsentscheide und Satzungen, wie es hier in Ezechiel heißt – die nach dem Evangelium Jesu Christi leben werden.
Ezechiel erhält weiterhin die Botschaft: „Sie werden in dem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe und in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder werden auf ewig darin wohnen und mein Knecht David wird auf ewig ihr Fürst sein.“
Es ist zunächst die wunderbare Verheißung, dass Israel im eigenen Land wieder wohnhaft sein wird, in dem verheißenen Land. Das ewige Wohnen in jenem Land verspricht Gott an dieser Stelle so wie zuvor schon bei den Bundesschlüssen und Versprechen immer unter der Bedingung, dass Israel den Bund hält und Gott treu ist.
Wir lesen es aber auch schon weiter, denn ein ewiges Wohnen in einem Land ist ja selbst für das jüdische Denken ausgeschlossen. Das Leben in dieser Welt ist nicht unendlich und gerade im Judentum gibt es apokalyptische Vorstellungen, welchen nach Gott irgendwann die ganze Weltzeit abbrechen wird. Hier ist also schon das Wohnen in einem anderen verheißenen Land gemeint – in dem Reich Gottes! Auf ewig wird Christus ihr Fürst sein. Es ist ein geistiges Königreich, das mit seiner Menschwerdung schon anbrechen wird und sich dann bis zum Ende der Zeiten immer mehr durchsetzen wird. Dieses Reich Gottes ist schon gegenwärtig in der Kirche, in der Christus in der Eucharistie der Herr ist. Die Kirche, die er als seinen sakramentalen Leib gestiftet hat, bestimmt er. Wie sie auszusehen hat von ihrer Struktur und ihrem Inhalt entscheidet er. Dieses Reich ist auch wohnhaft in den Seelen der Menschen, die mit Gott den Taufbund eingegangen sind. Die Heiligste Dreifaltigkeit nimmt Wohnung in ihrer Seele, die der Tempel des Hl. Geistes ist. So ist der Christus auch schon Herr ihres ganz persönlichen Lebens. Er bestimmt ihr Handeln, er bestimmt die Gebote und zeigt den Weg auf, den der Mensch einschlagen soll. So führt er ihn am Ende seines Lebens vom Glauben zum Schauen. Dann wird er ganz dem Reich Gottes angehören, in dem Gott der König ist.
Ezechiel wird verheißen: „Ich schließe mit ihnen einen Friedensbund; es soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Ich werde sie aufrichten und zahlreich machen. Ich werde mitten unter ihnen auf ewig mein Heiligtum errichten.“ Ja, die Israeliten können nur dann politischen Frieden haben, wenn sie die Sünden ablegen und Gottes Bund treu leben. Weil sie immer wieder in schwere Sünde fallen, vor allem Götzendienst begehen, werden sie immer wieder Opfer von Fremdherrschern. Selbst zur Zeit Jesu wird es so sein, wenn Israel zum Vasallenstaat der Römer wird. Hier geht es um mehr als nur um politischen Frieden. Es geht um den Frieden Gottes, der eine übernatürliche Gabe ist. Dieser Friede hängt zusammen mit dem Hl. Geist, der nicht umsonst die Gestalt einer Taube eingenommen hat. Die Taube ist nämlich ein Symbol des Friedens. Jesus haucht als Auferstandener seine Apostel an mit den Worten „Friede sei mit euch!“ Und sodann: „Empfangt den Heiligen Geist!“ Und schon in der ersten Abschiedsrede in Joh 14 kündigt er ihnen an: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.“ Gott verheißt den Menschen den eschatologischen Frieden, den himmlischen Frieden der Ewigkeit. Gott wird nicht nur die Israeliten als zwölf-Stämme-Bund zahlreich machen, sondern er spricht hier schon vom Volk Gottes des Neuen Bundes. Dieses wird er zahlreich machen, wie wir ja heute sehen können trotz Rückgang in Europa.
Wenn Gott auf ewig mitten unter ihnen sein Heiligtum errichten wird, ist es für die Israeliten zunächst einmal die tröstliche Verheißung, dass es einen neuen Tempel geben wird (der salomonische Tempel wurde von den Babyloniern ja zerstört). Doch wir lesen dies noch weiter: Es ist die Errichtung des Tempels Jesu Christi, seines Leibes, der die Kirche ist! Es handelt sich um die Gemeinschaft der Gläubigen, die durch die Eucharistie als Herzschlag ewig leben wird. Und es handelt sich um das Heiligtum der Seele jedes Getauften. Dort wohnt auf ewig die Herrlichkeit Gottes. Schließlich können wir von der Verheißung hier in Ezechiel einen Bogen schließen bis zur Johannesoffenbarung, in der die Verheißung dann eintreffen wird: Er sieht das himmlische Jerusalem von oben auf die Erde herabkommen. Gott wohnt in der Mitte der Menschen, so wird es keinen Tempel mehr brauchen. Er selbst wird das Heiligtum der Menschen sein.
Und dann werden es alle sehen, dass er der Herr ist. Dann wird alles offenbar werden am Ende der Zeiten!

Ps 31
10 HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst; vor Gram sind mir Auge, Seele und Leib zerfallen.

11 In Kummer schwand mein Leben dahin, meine Jahre vor Seufzen. Meine Kraft ist ermattet wegen meiner Sünde, meine Glieder sind zerfallen.
12 Vor all meinen Bedrängern wurde ich zum Spott, zum Spott sogar für meine Nachbarn. Meinen Freunden wurde ich zum Schrecken, wer mich auf der Straße sieht, der flieht vor mir.
13 Ich bin dem Gedächtnis entschwunden wie ein Toter, bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß.

Der heutige Psalm ist ein Klagepsalm, den wir uns sehr gut als Gebet der deportierten Juden in Babylon vorstellen können. Es ist das Gebet um Rettung aus der Verfolgung durch die babylonischen Feinde, noch bevor Gott die wunderbare Verheißung an den Propheten Ezechiel richtet.
„HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst“ – diese Emotion wird hier als Leiden vor Gott getragen. Wir stellen uns richtig vor, wie die Israeliten diese Angst vor Tod, Heimatlosigkeit und Bedrängnis beten. Auch Jesus wird im Garten Getsemani zum Vater so gebetet haben, denn seine Todesangst ist sehr groß. Er sieht sein gesamtes kommendes Leiden und die Sünden dieser Welt. Die Angst ist sogar so groß, dass sein Schweiß sich mit dem Blut geplatzter Kapillare vermischen wird. Wie sehr haben auch wir mit Ängsten in unserem Leben zu kämpfen. Doch auch da müssen wir sie nicht alleine austragen. Gerade dann dürfen auch wir mit diesen Emotionen zu Gott kommen.
„Vor Gram sind mir Auge, Seele und Leib zerfallen“ – Auge, Seele und Leib sind partes pro toto. Sie sind Beispiele für die gesamte menschliche Existenz, die hier zerfällt. Die Israeliten werden wirklich ihr ganzes Leben den Bach untergehen sehen. Alles ist ihnen entglitten und sie haben überhaupt keine Kontrolle mehr über ihr Leben. Diese Erfahrung hat schon König David gemacht, der vor der Eifersucht Sauls fliehen musste, der aufgrund seiner eigenen Vergehen vor seinem eigenen Sohn fliehen musste, dessen Leben mit einer einzigen Sünde aus dem Ruder geraten ist. Und so entgleitet auch dem Christus das gesamte Leben zum Ende hin. Er nimmt es bereitwillig an und in seinem Fall können wir wirklich sagen, dass er dies nicht selbst verschuldet hat. Auch wir machen die Erfahrung, dass wir in unserem Leben nicht die letzte Kontrolle haben. Es passieren schlimme Dinge, von denen auch wir ehrlich sagen müssen, dass so manches selbstverschuldet ist.
„In Kummer schwand mein Leben dahin, meine Jahre vor Seufzen. Meine Kraft ist ermattet wegen meiner Sünde, meine Glieder sind zerfallen.“ Diese Worte kamen wohl auch den Israeliten über die Lippen, die erkannt haben, dass ihr Leben deshalb in Kummer dahinschwindet, weil sie gesündigt haben. Das Zerfallen der Glieder ist das Gegenteil eines erfüllten und gesegneten Lebens. Der Mensch ist eine Einheit. Wenn er in Einzelteile zerfällt, dann ist es ein Sterben, ein absoluter Untergang. Wir können diese Worte auch auf den Messias beziehen, der diese Beobachtung in der geballtesten Form gemacht hat – aber nicht wegen seiner eigenen Sünden, sondern wegen der Sünden der ganzen Welt! Den Menschen zuliebe ließ er zu, dass seine Glieder nicht einfach zerfallen sind, sondern auseinander gerissen wurden, zerschunden von Stöcken und Geißeln, ausgemergelt durch die Last des Kreuzes und ausgerenkt durch das Hängen am Kreuz.
Jesus hat die Erlösung erwirkt, doch die Menschen sündigen weiter. Selbst wir, die wir den Bund der Taufe eingegangen sind, werden diesem Bund noch untreu. Und dann müssen auch wir die Konsequenzen unserer Sünde tragen. Dann erfahren auch wir dieses Auseinanderfallen unserer Glieder – dann fällt auch in unserem Leben alles auseinander.
„Vor all meinen Bedrängern wurde ich zum Spott, zum Spott sogar für meine Nachbarn. Meinen Freunden wurde ich zum Schrecken, wer mich auf der Straße sieht, der flieht vor mir.“ Diese Worte sind für die Israeliten besonders drastisch. Ja, sie wohnten mit den Babyloniern zusammen und werden sehr angefeindet worden sein. Auch die Nachbarvölker werden über Israel gespottet haben mit den Worten: „Ha, wer ist dein Gott, Israel! Von wegen der Große und Mächtige, der euch aus Ägypten heraufgeführt hat! Was sagt ihr jetzt?“ Und noch viel schlimmer war der Spott, der Jesus erleiden musste als Gott. Er, der Herrscher über das ganze Weltall, wurde behandelt wie der schlimmste Verbrecher, ausgelacht und provoziert mit den Worten: „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann hilf dir selbst und steig herab vom Kreuz!“ Und doch hat er nicht eingegriffen – nicht weil er es nicht konnte, sondern weil er es nicht wollte. Er wollte unsere Erlösung und dafür musste er bis zum Schluss durchhalten. In unserer heutigen Zeit müssen Christen besonders viel Spott aushalten. Es gab noch nie so schlimme Christenverfolgungen wie heutzutage. Der Spott und die Anfeindungen sind so scharf wie noch nie. Wir können auch heute diese Worte des Klagepsalms ganz aktuell beten.
„Ich bin dem Gedächtnis entschwunden wie ein Toter, bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß.“ Für Israeliten ist diese Art von Tod das Schlimmste, was ihnen passieren kann – das Vergessen ihres Namens, ihrer Identität. Die Erinnerung auch über ihren Tod hinaus ist die höchste Form von „Auferstehungshoffnung“, die die Israeliten zur Zeit König Davids vertreten haben (er komponierte ja den Psalm). Ein Leben nach dem Tod, Jenseitsvorstellungen, all das entwickelte sich erst im Laufe der Zeit, sodass Jesus erst dann Mensch geworden ist, als die Juden schon so weit waren, das zu verstehen. Auch zu Ezechiels Zeiten ist das Gedächtnis der Toten das Höchste und Erstrebenswerte. Das Vergessen des Toten ist somit ein ewige Fluch für die Israeliten. Auch den Namen Jesu haben seine Gegner auszulöschen versucht, indem sie ihm nicht den kleinsten Funken Ehre gelassen haben. Doch am Ende hat der Vater seinen Sohn über alle anderen erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen. Er hat ihn nicht nur rehabilitiert, sondern in seinem Namen geschehen bis heute Zeichen und Wunder. Er ist der heiligste aller Namen geworden! So gibt Gott auch uns durch den Neuen Bund einen neuen Namen und wir sind getauft auf den allerheiligsten Namen Jesu Christi.
Ein Klagepsalm besitzt zumeist einen Stimmungsumschwung zum Ende hin. Er endet in einem Lobpreis und so steht auch für uns in der tiefsten Hoffnungslosigkeit das Licht des Ostermorgens. Und so lesen wir am Ende des Psalms Worte wie: „Gepriesen sei der HERR, denn er hat seine Huld wunderbar an mir erwiesen in einer befestigten Stadt. Ich aber sagte in meiner Angst: Ich bin verstoßen aus deinen Augen. Doch du hast mein lautes Flehen gehört, als ich zu dir um Hilfe rief.“ Gott erhört jeden Menschen und die Hoffnung, dass alles am Ende gut wird, ist uns als Christen durch das Ostergeheimnis geschenkt worden!

Joh 11
45 Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.

46 Aber einige von ihnen gingen zu den Pharisäern und sagten ihnen, was er getan hatte.
47 Da beriefen die Hohepriester und die Pharisäer eine Versammlung des Hohen Rates ein. Sie sagten: Was sollen wir tun? Dieser Mensch tut viele Zeichen.
48 Wenn wir ihn gewähren lassen, werden alle an ihn glauben. Dann werden die Römer kommen und uns die heilige Stätte und das Volk nehmen.
49 Einer von ihnen, Kajaphas, der Hohepriester jenes Jahres, sagte zu ihnen: Ihr versteht nichts.
50 Ihr bedenkt nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.
51 Das sagte er nicht aus sich selbst; sondern weil er der Hohepriester jenes Jahres war, sagte er aus prophetischer Eingebung, dass Jesus für das Volk sterben werde.
52 Aber er sollte nicht nur für das Volk sterben, sondern auch, um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln.
53 Von diesem Tag an waren sie entschlossen, ihn zu töten.
54 Jesus ging von nun an nicht mehr öffentlich unter den Juden umher, sondern zog sich von dort in die Gegend nahe der Wüste zurück, zu einer Stadt namens Efraim. Dort blieb er mit seinen Jüngern.
55 Das Paschafest der Juden war nahe und viele zogen schon vor dem Paschafest aus dem ganzen Land nach Jerusalem hinauf, um sich zu heiligen.
56 Sie suchten Jesus und sagten zueinander, während sie im Tempel zusammenstanden: Was meint ihr? Er wird wohl kaum zum Fest kommen.
57 Die Hohepriester und die Pharisäer hatten nämlich angeordnet, wenn jemand wisse, wo er sich aufhält, solle er es melden, damit sie ihn festnehmen könnten.

Heute hören wir im Evangelium die Nachgeschichte der spektakulären Totenerweckung des Lazarus durch Jesus. Diese Episode ist uns am letzten Fastensonntag begegnet.
Viele der Juden, die zu Maria kamen (es geht um die Schwester des Lazarus, die mit ihren Geschwistern in Betanien lebt), sind durch dieses Ereignis gläubig geworden, aber einige haben es den Pharisäern erzählt.
So berufen sie den Hohen Rat ein, der sich aus Sadduzäern und Pharisäern zusammensetzt. Sie überlegen, was sie mit Jesus tun sollen, dessen großes Zeichenwirken sie durchaus anerkennen.
Ihre Denkweise ist verdorben und korrupt. Sie freuen sich nicht darüber, dass alle Menschen gläubig werden könnten, sondern machen sie politische Sorgen. Die Römer könnten aufgrund dieser Massenbewegung den Tempelkult verbieten. Ihnen geht es bei dieser Befürchtung vielleicht gar nicht darum, dass sie den Tempel als Wohnstatt Gottes verlieren könnten, sondern darum, dass sie als Tempellobby an Bedeutung verlieren könnten. Sie sagen ja sogar, dass die Römer ihnen das Volk nehmen könnten. Vielleicht spricht aber auch aufrichtige Sorge aus ihnen heraus, denn es würden viele Juden getötet werden. Und so spricht Kajaphas, der Hohepriester jenes Jahres, unter dem Einfluss des Hl. Geistes, dass es besser wäre, einen einzigen auszuliefern, damit der Rest am Leben bleiben würde. Dies ist zunächst als strategische Aussage zu werten, doch Johannes kommentiert dies im Nachhinein als prophetische Aussage. Auch die Gegenspieler Gottes sind letztendlich nur Werkzeuge des Heils. Gott steht über allen und so kann er selbst die Katastrophe seiner Gegner ins Positive wenden!
Was der Hohe Rat hier bespricht und was die Befürchtungen anbelangt, sehen wir als Widerholung der Geschichte. Den Juden ist schon einmal der Tempel durch die Fremdherrscher genommen worden. Es sind schon damals genug Landsleute umgekommen, als die Babylonier über Israel hergefallen ist. Was diese Männer aber nicht bedenken, ist der eigentliche dramatische Tod – die ewige Abgeschnittenheit von Gott. Sie haben all die Streitgespräche mit Jesus geführt, aber immer noch nicht verstanden, dass er der Hirte ist, den Ezechiel angekündigt hat, der neue König David des Reiches Gottes, der die Versprengten Israels heimholen will. Sie haben nicht verstanden, dass er seinen Leib stiften will als Kirche, als die Gemeinschaft der Gläubigen.
Und doch ist all dies Plan Gottes. Denn ihre Absicht, Jesus zu töten, wird zur Erlösung der ganzen Menschheit führen. Von diesem Tag der Versammlung an suchen sie nun nach einer Gelegenheit, Jesus umzubringen.
Weil Jesus Gott ist und weiß, was die Menschen denken, zieht er sich in die Wüstengegend zurück. Als dann wieder Wallfahrtssaison ist und die frommen Juden zum Pessachfest nach Jerusalem hinaufziehen, warten sie voller Spannung darauf, ob Jesus auch kommen würde. Schließlich ist ihnen ja schon klar, dass er sich mit der religiösen Elite Jerusalems angelegt hat. Sie sind bereit, Jesus auf der Stelle zu melden, weil es die Hohepriester und Schriftgelehrten angeordnet haben. So endet das Evangelium und wir erfahren es heute nicht. Was wir aber wissen und deshalb macht es auch Sinn, dass wir heute einen Tag vor Palmsonntag dieses Evangelium hören: Jesus geht nach Betanien zu den drei Geschwistern, wo Maria ihn prophetischer Weise salben wird, als ob sie sein Begräbnis vorwegnimmt. Dann wird Jesus den Einzug nach Jerusalem als königlicher Messias inszenieren, damit die schriftkundigen Juden die Erfüllung aller prophetischen Verheißungen erkennen. All dies hören wir morgen, aber nicht aus dem Johannesevangelium, sondern nach Matthäus.

Die Lage spitzt sich zu und wir spüren immer mehr, wie die Passion immer näher kommt. Es ist schmerzhaft, Jesus leiden zu sehen, aber es kann ohne die Passion und den Tod keine Auferstehung geben, kein Ostern ohne Karfreitag. Das Weizenkorn muss sterben, damit es reiche Frucht bringt. Wir müssen in unserem Leben zuerst vieles erleiden, bevor uns große Gnaden geschenkt werden. Wir müssen selbst erst einmal unser eigenes Karfreitag des irdischen Todes durchmachen, bevor wir wie Jesus in den Ostermorgen der himmlischen Herrlichkeit hinübergehen können. Bereiten wir uns auf die heilige Woche vor und bitten wir Gott darum, dass er uns für alles Kommende das Herz öffne.

Ihre Magstrauss