Montag der 6. Osterwoche

Apg 16,11-15; Ps 149,1-2.3-4.5-6au. 9b; Joh 15,26 – 16,4a

Apg 16
11 So brachen wir von Troas auf und fuhren auf dem kürzesten Weg nach Samothrake und am folgenden Tag nach Neapolis.
12 Von dort gingen wir nach Philippi, eine führende Stadt des Bezirks von Mazedonien, eine Kolonie. In dieser Stadt hielten wir uns einige Tage auf.
13 Am Sabbat gingen wir durch das Stadttor hinaus an den Fluss, wo wir eine Gebetsstätte vermuteten. Wir setzten uns und sprachen zu den Frauen, die sich eingefunden hatten.
14 Eine Frau namens Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; sie war eine Gottesfürchtige und der Herr öffnete ihr das Herz, sodass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte.
15 Als sie und alle, die zu ihrem Haus gehörten, getauft waren, bat sie: Wenn ihr wirklich meint, dass ich zum Glauben an den Herrn gefunden habe, kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie drängte uns.

Am Samstag endete die Lesung damit, dass Paulus einen Traum von Gott erhielt, in dem ein Mazedonier ihn um Hilfe bat. Nach ihrer Arbeit in Troas macht Paulus sich mit seinem Gefolge auf den Weg nach Samothrake, um von dort nach Neapolis und Philippi zu kommen. Diese Stadt ist ein wichtiger Ort in Mazedonien und so bleiben sie dort mehrere Tage. Am Sabbat geht Paulus mit seinem Gefolge (Lukas der Autor bezieht sich an dieser Stelle durch das „wir“ wieder mit ein!) an den Fluss. Dort scheint es eine jüdische Gebetsstätte zu geben, wo sie predigen. Die Gottesfürchtige und Purpurhänderlin Lydia hört aufmerksam und mit offenem Herzen das Evangelium Jesu Christi. Das ist eine optimale Voraussetzung und so kommt sie zum Glauben an Christus zusammen mit ihrem ganzen Haus. Das bedeutet, dass ihre Familie und ihre Sklaven sich alle taufen lassen. Sie drängt die Missionare, bei ihr unterzukommen und weil sie so fest darauf besteht, gehen sie mit.
Die heutige Missionspredigt zeigt die Evangelisierung allein von Frauen. Das ist sehr besonders, denn eine reine Frauengruppe ist uns in den Missionsberichten bisher noch nicht untergekommen.
Lydia kommt aus Thyatira, einer lydischen Stadt im Lykostal und einer der Städte der Johannesoffenbarung. Thyatira war für den Tuchhandel und die Purpurfärberei berühmt und machte ein riesiges Geschäft in dem Bereich. Anscheinend wird auch Export betrieben, sodass Lydia auch in Makedonien erfolgreich ist. Es wird sich um eine sehr reiche Frau handeln. Sie ist Gottesfürchtige, das heißt eine Heidin mit Sympathie für das Judentum, die zwar jüdische Ethik und Gebetsleben praktiziert, doch den letzten Schritt zum Judentum nicht wagt. Solche Gottesfürchtigen kommen bei den Missionsreisen des Paulus immer wieder zum Glauben an Jesus Christus. Für sie ist es eine ideale Lösung: Die jüdische Ethik ist auch der Kern der Botschaft Jesu, der die Gottesgebote mit seiner Person erfüllt. Doch die Beschneidung und die ganzen Ritualgebote fordert er nicht mehr. Stattdessen betont er die Herzensreinheit und die Taufe als Heilsnotwendigkeit.

Ps 149
1 Halleluja! Singt dem HERRN ein neues Lied, sein Lob in der Versammlung der Frommen!
2 Israel soll sich freuen über seinen Schöpfer, die Kinder Zions sollen jubeln über ihren König.
3 Seinen Namen sollen sie loben mit Reigentanz, mit Trommel und Leier ihm spielen.
4 Denn der HERR hat an seinem Volk Gefallen, er krönt die Gebeugten mit Rettung.
5 In Herrlichkeit sollen die Frommen frohlocken, sie sollen jauchzen auf ihren Lagern,
6 Hochgesänge auf Gott in ihrer Kehle

9 Lichtglanz ist das all seinen Frommen. Halleluja!

Als Antwort auf die gläubig gewordenen Frauen Philippis beten wir heute einen Lobpreispsalm mit dem Titel „Das neue Lied von der Königsherrschaft Gottes durch Israel“.
Halleluja ist ein Ausruf, der mit „Preist Jahwe“ übersetzt wird. Es handelt sich zu Anfang also wieder um eine typische Lobaufforderung. Diese Art von Lob steht zu Anfang dieses Psalms, weil er zu der Psalmengruppe des Schlusshallels gehört, bei dem am Anfang immer Halleluja steht.
Weil wieder eine Gruppe zum Lob aufgefordert wird und nicht eine Einzelperson, wirkt der Psalm sehr liturgisch. Dies wird uns auch durch die „Versammlung der Frommen“ deutlich. Mit Blick auf die Lesung sehen wir die Frauen am Fluss von Philippi vor uns, die ihre Herzen ganz weit machen und ihre Ohren spitzen, um alles in sich aufzunehmen, was Paulus erzählt. Diese Empfänglichkeit ist sehr vorbildlich und hat schon Maria auf vollkommene Weise gelebt. Die Mutter Gottes hat alle Geschehnisse, alle Worte und Taten Jesu, die ganzen Umstände immer in ihrem Herzen aufbewahrt und darüber nachgedacht. Der Grad ihrer Empfängnis war so hoch, dass Gott in ihr Fleisch angenommen hat. Und diese Frauen hier sind ebenfalls empfänglich, sodass Gott durch die Taufe in ihnen Wohnung nehmen möchte, die so zu seinem Tempel „eingeweiht“ werden.
„Israel soll sich freuen über seinen Schöpfer, die Kinder Zions sollen jubeln über ihren König.“ Israels Kinder wie Paulus und Silas dürfen sich wirklich freuen über die Offenheit der Menschen auf der Missionsreise, über die Hinzufügung der Heiden zum Volk Gottes. Sie sollen Gott loben mit „Reigentanz und instrumentaler Begleitung.“ Psalm 149 vermittelt den Eindruck, dass die Juden sich für die gläubig gewordenen Heiden freuen sollen. Dies werden sie auch durch die Einbeziehung von Gottesfürchtigen und Proselyten umgesetzt haben. Doch es geht noch weiter: Die Gottesfürchtigen und die Juden verbindet nun die eine Taufe zur Vergebung der Sünden! Jesus Christus begründet den Neuen Bund, der nun nicht mehr auf biologischer Abstammung basiert, sondern auf der neuen Schöpfung.
„Jauchzen auf ihren Lagern“ zeigt uns, dass die Juden sich nicht nur am Tag, sondern auch in der Nacht freuen und Gott für diese große Barmherzigkeit zu jeder Zeit danken sollen. Immer sei ein Lobgesang in ihrer Kehle. Diese ist mehr als nur ein Teil des Körpers. Mit „Kehle“ ist viel mehr gemeint, denn ursprünglich ist auch die Nephesch als Kehle gedacht worden, durch die der Atem ein- und ausgeht. Deshalb lechzt auch die Seele im Psalmenkontext oft nach Wasser, als ob sie im Mund oder in der Kehle sitzen würde. Den Lobgesang in der Kehle zu haben, heißt also nicht nur die ständige Bereitschaft zum Singen, sondern auch den Lobpreis im „Herzen“, das heißt in der Seele. Dieser Lobpreis ist den Frommen „Lichtglanz“, das heißt Pracht und Schönheit, die sie schmückt.
Der Psalm endet mit dem wiederholten Halleluja, für den er bekannt ist.

Joh 15
26 Wenn aber der Beistand kommt, den ich euch vom Vater aus senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, dann wird er Zeugnis für mich ablegen.

27 Und auch ihr legt Zeugnis ab, weil ihr von Anfang an bei mir seid.
1 Das habe ich euch gesagt, damit ihr keinen Anstoß nehmt.
2 Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen, ja es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten.
3 Das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben.
4 Ich habe es euch aber gesagt, damit ihr euch, wenn die Stunde kommt, daran erinnert, dass ich es euch gesagt habe.

Heute hören wir im Evangelium den Abschluss der zweiten und den Beginn der dritten Abschlussrede. Jesus spricht wieder vom Parakleten, dem Heiligen Geist als Beistand, den Christus vom Vater senden wird. Dieser Geist der Wahrheit, wie Jesus es zuletzt erklärt hat, wird Christus bezeugen. Dies wird er dadurch tun, dass er einerseits den Jüngern die Augen öffnen, andererseits durch sie die Heilstaten Christi wirken wird. Da Gott die Apostel als seine Werkzeuge gebrauchen wird, werden auch sie Zeugen Christi sein. Sie haben Jesus drei Jahre lang begleitet und alles gesehen und gehört. Sie sind wirklich authentische Zeugen für das Evangelium.
Jesus spricht diese Worte, damit sie keinen Anstoß nehmen. Das Wort σκανδαλισθῆτε skandalisthete heißt eigentlich „Anstoß nehmen“, steht hier aber im Passiv. Als Passivform müsste man viel mehr übersetzen mit „Anlass zum Anstoß geben“ oder sogar „stolpern“. Jesus sagt ihnen den Beistand zu, damit sie auf dem Weg in die Ewigkeit nicht straucheln. Sie sollen standhaftig bis zum Schluss sein. Er kündigt die Widerstände an, mit denen die Apostel für das Evangelium rechnen müssen: mit dem Ausschluss aus der Synagoge und dem Martyrium. Er erklärt ihnen, dass die Juden das mit ihnen tun werden, weil sie es gut meinen. So sollen die Apostel darauf vorbereitet werden, dass sie wie er dann am Kreuz beten können: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Sie werden den Christen gegenüber so feindselig sein, weil sie die Wahrheit nicht erkannt haben. So sollen die Apostel nicht mit Gegenhass antworten, sondern Mitleid haben mit jenen. Sie sollen für sie beten und ihr Leiden für eben jene aufopfern.
Jesus sagt ihnen zum Schluss, dass er all das zu ihnen sagt, damit sie sich dann zu gegebener Zeit daran erinnern werden. Wir wissen auch, wie sie sich erinnern werden – durch die Eingebung des Heiligen Geistes.
Dass sie diese Worte beherzigen werden, sehen wir z.B. am Märtyrer Stephanus. Dieser Diakon hat in seinem Sterben für seine Steiniger gebetet: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ (Apg 7,60).

Beten wir heute um diese Liebe, so heroisch auf den Hass der Mitmenschen zu reagieren, auch gerade in den kleinen Dingen und Situationen: wenn uns jemand demütigt und schikaniert, wenn jemand zynische Bemerkungen uns gegenüber macht oder uns auslacht. Wenn jemand uns bedroht und einzuschüchtern versucht. Bezeugen auch wir dann Christus gemeinsam mit dem Heiligen Geist und überlassen wir das Richten dann dem Vater. Unser unerwartetes Verhalten wird den Anderen verändern, das kann ich Ihnen versprechen!

Ihre Magstrauss

Mittwoch der Karwoche

Jes 50,4-9a; Ps 69,8-9.10 u. 12.21b-22.31 u. 33; Mt 26,14-25

Jes 50
4 GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich höre, wie Schüler hören.
5 GOTT, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück.
6 Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und meine Wange denen, die mir den Bart ausrissen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.
7 Und GOTT, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate.
8 Er, der mich freispricht, ist nahe. Wer will mit mir streiten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer ist mein Gegner im Rechtsstreit? Er trete zu mir heran.
9 Siehe, GOTT, der Herr, wird mir helfen.

Heute hören wir aus dem dritten Gottesknechtslied. Es ist bereits an Palmsonntag verlesen worden und sehr intensiv:
„GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort.“ Wir müssen es verstehen vor dem Hintergrund der Menschwerdung Gottes. Jesus ist Gott, ist aber durch seine Menschwerdung entäußert worden, das heißt er verzichtete auf seine Gottheit, um die Sünde der Welt zu sühnen. So hat er alles den Menschen vorgelebt und alles so getan, wie die Menschen es tun. Wenn es hier also heißt, „gab mir die Zunge von Schülern“, müssen wir es nicht so verstehen, dass Jesus etwas Neues lernen könnte oder Dinge zuerst nicht weiß und dann zur Erkenntnis kommt. Er weiß schon alles von Anfang an, weil er trotz Entäußerung immer noch Gott ist. Das hebräische Wort für „Zunge“ kann auch mit „Sprache“ übersetzt werden, was vielleicht passender ist: Der Vater hat dem Sohn die Sprache von Schülern gegeben, damit seine Schüler, das heißt seine Jünger, seine Worte verstehen können. Es heißt also, dass Gott die Sprache der Menschen angenommen hat, um sich ihnen zu offenbaren. Er tut es, um die Müden aufzurichten durch ein aufmunterndes Wort. Diese Müdigkeit hat weniger etwas mit physischer Erschöpfung zu tun als vielmehr mit Hoffnungslosigkeit durch Seelenmüdigkeit. Es geht um das Wecken der Menschen, damit sie wachsam werden, damit sie aus der Müdigkeit ihrer langen Warterei auf den Messias erwachen!
Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich höre, wie Schüler hören. Jesus selbst hat gehorsam auf den Vater gehört und nichts gesagt oder getan, was nicht im Einklang mit dem Vater ist.
Er hat auf den Willen des Vaters gehört und es auch durchgehalten selbst in den Angriffen der Menschen: „Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück.“ – So ist es schon den Propheten des Alten Testaments ergangen. Sie haben auf die Stimme Gottes gehört und den Menschen seinen Willen kundgetan, zumeist um den Preis ihres eigenen Lebens. Umso mehr gilt das für den Sohn Gottes selbst, der der Gehorsamste von allen ist.
Jesus hielt wortwörtlich seinen Rücken hin denen, die ihn schlugen. Wie maßlos haben seine Gegner auf ihn eingeschlagen, statt sich an die gebotene Anzahl von Schlägen zu halten, wie sie das Recht vorsieht – sowohl mit Stöcken als auch mit Geißeln! (Wir wissen vom Grabtuch von Turin, dass er über hundert Mal geschlagen worden ist, statt der gebotenen 39 Schläge. Die Römer haben sich nicht daran gehalten).
„Und meine Wange denen, die mir den Bart ausrissen“ – Ja, er wurde ins Gesicht geschlagen durch den Diener der Hohepriesters. Von Privatoffenbarungen wissen wir, wie sehr sie ihm den Bart ausgerissen haben in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Laut diesen Offenbarungen stachen sie ihm sogar Nägel und Spitzen in die Löcher seines ausgerissenen Bartes. Unvorstellbar, was Jesus durchmachen musste! Es geht bei diesem Akt nicht nur um die Schmerzen, sondern auch um die Erniedrigung, die ihm dadurch widerfahren ist.
„Mein Gesicht verbarg ich nicht durch Schmähungen und Speichel.“ Wie oft Jesus wohl auf seinem Kreuzweg zum Golgota von der gaffenden Menge und von den Soldaten angespuckt und beschimpft worden ist? Er ist wirklich behandelt worden wie der schlimmste Verbrecher. Es blieb ihm nicht ein Funken Ehre. Er ist maximal erniedrigt worden, aber dann vom Vater über alle anderen erhöht worden. Stellen Sie sich vor, dass Sie allmächtig wären, über all jenen Peinigern stehen würden, aber alles mit sich machen lassen würden! Sie könnten jederzeit einmal schnipsen und sie alle in die Hölle hinabwerfen, sich vom Kreuz befreien und die ganzen Wunden augenblicklich heilen, weil Sie so allmächtig sind! Für Jesus gilt das alles tatsächlich, weil er Gott ist und doch greift er nicht ein! Er lässt alles mit sich machen, weil er uns so sehr liebt, dass er all das sühnt. So unbegreiflich groß ist seine Liebe!
„Und GOTT, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden.“ Ja, das ist nicht nur ein absolutes Vertrauensbekenntnis, sondern eine regelrechte Ankündigung. Jesus wird nicht in Schande enden, denn am dritten Tag wird er von den Toten auferstehen! Er wird den schandvollsten Tod sterben, aber er wird nicht in ihm bleiben. Der Vater wird ihn auferstehen lassen und über alle anderen erhöhen. Nun hat er ihn wieder zu sich geholt und er sitzt mit Leib und Seele zur Rechten des Vaters.
„Er, der mich freispricht, ist nahe. Wer will mit mir streiten?“ Der Vater spricht seinen Sohn sozusagen frei im Kampf gegen den Bösen, indem er ihn am dritten Tag auferstehen lässt. Der Tod wird überwunden. Er kann im Rechtsstreit nichts mehr unternehmen.
„Siehe, GOTT, der Herr, wird mir helfen.“ Das dürfen auch wir mit Gewissheit beten, denn wie er seinen eigenen Sohn aus den Klauen des Todes gerettet hat, so wird er auch uns retten, die wir nicht nur auf den Tod, sondern auch auf die Auferstehung Jesu Christi hin getauft sind.

Ps 69
8 Denn deinetwegen erleide ich Hohn und Schande bedeckt mein Angesicht.
9 Entfremdet bin ich meinen Brüdern, den Söhnen meiner Mutter wurde ich fremd.
10 Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt, die Verhöhnungen derer, die dich verhöhnen, sind auf mich gefallen.
12 Ich legte als Gewand ein Bußkleid an, ich wurde ihnen zum Spottvers.
21 Ich hoffte auf Mitleid, doch vergebens, auf Tröster, doch fand ich keinen.
22 Sie gaben mir Gift als Speise, für den Durst gaben sie mir Essig zu trinken.
31 Ich will im Lied den Namen Gottes loben, ich will ihn mit Dank erheben.
33 Die Gebeugten haben es gesehen und sie freuen sich! Ihr, die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf!

Als Psalm wird heute wieder ein Klagepsalm gebetet, in dem zunächst das Leiden detailliert geklagt wird. Dann kommen mehrere Bittrufe, die in unserem heutigen Abschnitt nicht zu lesen sind, bevor es einen typischen Stimmungsumschwung gibt: Gott wird zum Ende des Psalms gepriesen.
„Denn deinetwegen erleide ich Hohn und Schande bedeckt mein Angesicht.“ Jesus ist dafür ausgeliefert und elendig getötet worden, dass er den Menschen gezeigt hat, wie der Vater ist. Er hat das Reich Gottes verkündigt mit göttlicher Vollmacht. Dafür ist er so schandvoll wie nur möglich gestorben.
„Entfremdet bin ich meinen Brüdern, den Söhnen meiner Mutter wurde ich fremd.“ Wir wissen von den Evangelien her, dass Jesu Großfamilie ihn von der Verkündigung abhalten wollte und sogar sagte: „Er ist von Sinnen.“ Seine biologischen Verwandten haben ihn nicht verstanden. Vielmehr hat Jesus gesagt, dass jene, die den Willen seines Vaters tun, seine wahre Familie sind. Maria, seine biologische Mutter, war die allererste Jüngerin und so lag der Idealfall vor: Biologie und geistige Gesinnung waren eins!
„Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt, die Verhöhnungen derer, die dich verhöhnen, sind auf mich gefallen.“ Das ist ein besonderer Vers, denn dies zitiert Johannes für Jesu Tempelreinigung. Es hat sich mit Jesus erfüllt. Aus Eifer für das Haus Gottes hat er die Händler aus dem Tempel vertrieben, die es zur Räuberhöhle gemacht haben. Dieser Eifer ist uns schon durch die Episode verdeutlicht worden, in der Jesus als Zwölfjähriger im Tempel zurückbleibt und mit den Ältesten und Schriftgelehrten debattiert. Als seine Eltern ihn voller Sorge im Tempel wiederfinden und ihn auf diese Aktion ansprechen, antwortet er ihnen: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Der Eifer für das Haus Gottes ist nicht nur auf einen irdischen Bau beschränkt. Vielmehr geht es ihm schließlich um das Reich Gottes, um das Himmelreich, dass des Vaters eigentliches Haus ist! Und für eben jene Botschaft vom Reich Gottes ist er verhöhnt worden. Damit haben die Spötter auch den Vater im Himmel verspottet, denn Jesus und der Vater sind eins.
„Ich legte als Gewand ein Bußkleid an“ – dies müssen wir bildlich verstehen, denn von Jesu Kleidung ist explizit nicht die Rede (nur am Ende, als es um sein durchgewebtes Untergewand geht). Die Buße ist Jesu „Gewand“ im Sinne der Verpackung. Es gehört zum Programm der Verkündigung und ist deren Kern. Bei seinem Antritt sagt Jesus in Mk 1,15: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt an das Evangelium. Doch die wirklich Einflussreichen haben sich nicht bekehrt trotz der vielen vielen Chancen, Signale und Zeichen.
„Ich hoffte auf Mitleid“ – Jesus hat sich selbst dahingegeben, damit die harten Herzen der Menschen erweicht werden. Wie viele sind doch hart geblieben, obwohl er für sie gestorben ist!
„Sie gaben mir Gift als Speise“ – das erinnert uns an die verschiedenen Getränke, die sie Jesus angeboten haben. Das Wein-Myrrhe-Gemisch hat er abgelehnt, weil es ein Betäubungsmittel war und Jesus ganz für uns leiden wollte, das zweite sollte seinen Todesprozess verlängern und war Essig. Man kann durchaus von Gift sprechen, denn gesund war es sicherlich nicht….
„Ich will im Lied den Namen Gottes loben, ich will ihn mit Dank erheben.“ Mit dem Stimmungsumschwung wird auch für uns deutlich: Nach dem Leiden kommt das Heil. Nach Karfreitag kommt Ostern. Nach der Dunkelheit des Todes kommt das Licht des Lebens. Es gibt bei Gott immer ein Happy Ending, auch wenn es noch so weit weg erscheint. Gott wendet alles zum Guten, nur müssen wir ihm ganz vertrauen, egal, wie unwahrscheinlich es zu sein scheint.
„Die Gebeugten haben es gesehen und sie freuen sich! Ihr, die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf!“ Nicht nur Jesus, der am tiefsten Gebeugte, ist Zeuge für dieses Happy Ending. Auch die vielen vielen Märtyrer, die Johannes in der Offenbarung geschaut hat, die Apostel, die Glaubensvorbilder, sie alle sind mit einer unerschütterlichen Hoffnung in den Tod gegangen und wir glauben, dass sie direkt bei Gott sind und in der ewigen Anschauung seiner Herrlichkeit sein dürfen. Dies erwartet auch uns, wenn wir bis zum Schluss standhaft sind.

Mt 26
14 Darauf ging einer der Zwölf namens Judas Iskariot zu den Hohepriestern

15 und sagte: Was wollt ihr mir geben, wenn ich euch Jesus ausliefere? Und sie boten ihm dreißig Silberstücke.
16 Von da an suchte er nach einer Gelegenheit, ihn auszuliefern.
17 Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote gingen die Jünger zu Jesus und fragten: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?
18 Er antwortete: Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern.
19 Die Jünger taten, wie Jesus ihnen aufgetragen hatte, und bereiteten das Paschamahl vor.
20 Als es Abend wurde, begab er sich mit den zwölf Jüngern zu Tisch.
21 Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern.
22 Da wurden sie sehr traurig und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr?
23 Er antwortete: Der die Hand mit mir in die Schüssel eintunkt, wird mich ausliefern.
24 Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird! Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.
25 Da fragte Judas, der ihn auslieferte: Bin ich es etwa, Rabbi? Jesus antwortete: Du sagst es.

Im heutigen Evangelium wird uns davon berichtet, wie Judas Iskariot Jesus an die Hohepriester verkauft. Der Deal geht von ihm selbst aus, indem er die Hohepriester aufsucht und als erstes einen Preis aushandelt. Darum geht es ihm vor allem. Er ist geblendet von seiner Habgier. Uns ist von den Evangelien bekannt, dass er ein Dieb ist, weil er als Kassenwart die Einkünfte veruntreut. Sein Herz schlägt für Geld. Und dann? Dann wollen die Hohepriester ihm den damaligen Preis für Sklaven auszahlen! Dreißig Silberstücke für den leidenden Gottesknecht….
Dann ist es soweit, dass das große Wallfahrtsfest gekommen ist und die Vorbereitungen für das Paschamahl getroffen werden.
Die Jünger bereiten alles dafür vor und dann wird uns davon berichtet, wie sie zu Tisch liegen.
Jesus sagt den Jüngern nun, dass einer von ihnen ihn verraten wird. Jesus weiß schon längst, wer es ist. Er könnte noch alles aufhalten, doch er weiß, dass es so geschehen muss. Er spricht es dennoch an, denn er möchte Judas noch eine letzte Chance geben, umzukehren.
Ganz aufgeregt fragen die Apostel Jesus, ob sie es sind. Dann gibt Jesus als Antwort den Code an, über den ich gestern schon gesprochen habe nach der Johannesversion: Er gibt hier einen Code aus Ps 41 wieder, wo es heißt, dass der Verräter vom selben Brot isst wie der Ausgelieferte. So soll den Jüngern nämlich klargemacht werden, dass die Schrift es schon angekündigt hat und dieser Verrat geschehen muss.
Dies erklärt Jesus dann auch, wenn er sagt: „Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt.“ Es muss geschehen, sonst kann Jesus nicht die Welt erlösen. Und als Petrus einige Kapitel zuvor die Leidensankündigung zurückweist (das muss verhütet werden), da vertrieb Jesus sogar den Satan, der hinter solchen Aussagen steckt. Es muss geschehen, nur so kommt das Heil. Das heißt aber nicht, dass es gut ist, der Verräter zu sein. Deshalb spricht Jesus diese sehr harten Worte (es wäre für ihn besser, wenn er nie geboren wäre). Jesus, den Sohn Gottes zu verraten, ist die schlimmste Sünde, die man tun kann. Deshalb spricht Jesus so drastische Worte. Judas soll wachgerüttelt werden und nicht nur er, sondern auch die anderen. Denn Petrus wird Jesus ebenso verraten. Wir sehen ja, dass diesem aber vergeben wird, weil er von Herzen seinen Verrat bereut. Judas wäre auch vergeben worden, wenn er die Vergebung angenommen hätte. Wir sehen also, dass Jesu Worte nicht wirklich bedeuten, dass Judas nie geboren werden sollte.
Judas fühlt sich wohl auch angesprochen und die Worte haben gesessen. Er fragt gerade heraus: „Bin ich es etwa, Rabbi?“ Jesus nimmt kein Blatt vor den Mund und antwortet ihm mit „du sagst es“. Er weiß, was Judas im Schilde führt. Auch Judas weiß nun, dass Jesus alles durchschaut hat. Und doch nutzt Judas diese Chance zur Umkehr nicht. Er zieht seinen Plan durch und so wird Jesus dennoch ausgeliefert.
Es ist eine tragische Geschichte, weil sie tragisch für Judas endet. Hätte er doch so gehandelt wie Petrus! Wie wichtig ist es auch für uns, auf Gottes Barmherzigkeit zu vertrauen und diese anzunehmen! Wie sehr redet der Satan auch uns ein, dass unsere Sünde ja so schlimm ist, dass Gott uns nie verzeihen würde! Egal wie groß die Sünde auch sein mag: Gottes Vergebung ist immer stärker. Sie wird uns zuteil, wenn wir von Herzen unsere Sünde bereuen, sie bekennen, Gott versprechen, sie nie wieder zu tun, sie wiedergutzumachen. Nutzen wir diese Barmherzigkeit wirklich ganz und bereiten wir uns auf eine gute Beichte vor! Gott ist bereit, uns von Herzen zu vergeben, selbst wenn wir ihn verraten haben!

Ihre Magstrauss

Montag der Karwoche

Jes 42,5a.1-7; Ps 27,1.2.3.13-14; Joh 12,1-11

Jes 42
So spricht Gott, der HERR:
1 Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Nationen das Recht.
2 Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen.
3 Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht.
4 Er verglimmt nicht und wird nicht geknickt, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf seine Weisung warten die Inseln.
5 So spricht Gott, der HERR, der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der dem Volk auf ihr Atem gibt und Geist allen, die auf ihr gehen.
6 Ich, der HERR, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich schaffe und mache dich zum Bund mit dem Volk, zum Licht der Nationen,
7 um blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und die im Dunkel sitzen, aus der Haft.

Wir stehen in der Karwoche. Das bedeutet, die Zeit der Gottesknechtslieder ist gekommen! Heute hören wir in der Lesung aus dem ersten Gottesknechtslied, das in Jesaja 42 zu lesen ist.
Es ist aus der Sicht Gottes formuliert, der den leidenden Gerechten als seinen Knecht proklamiert. Das bedeutet, dass alles, was er über ihn sagt, in der dritten Person geschrieben ist.
„Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze“ – das hebräische Verb אֶתְמָךְ etmach bedeutet „ich stütze“ im Sinne von „ich unterstütze“. Gott ist mit ihm und steht ihm bei.
„Das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen.“ Die Verbform an dieser Stelle ist eigentlich eine Vergangenheitsform (wörtlich heißt es „an ihm fand meine Seele Gefallen“). Wenn wir dies auf Jesus beziehen, den die Kirche jederzeit mit dem leidenden Gottesknecht identifiziert hat, dann erinnern wir uns an die Taufe Jesu. Dort hat Gott ihm zugesagt, dass er sein geliebter Sohn sei, an dem er Gefallen gefunden hat. Dies bedeutet natürlich nicht, dass er zuvor nicht Gottes geliebter Sohn gewesen ist, sondern dass in dieser sehr prophetischen Zeichenhandlung der Taufe vor Johannes und den Anwesenden Gott typische Worte eines jüdischen Vaters spricht, der bei der Beschneidung und Namensgebung ein Kind offiziell als seines annimmt. Es war damals eine Lektion für die Anwesenden, die Taufe Jesu als eine Art Geburt kennen zu lernen. Und auf dieses Ereignis verweist Gott zurück, wenn wir das Lied auf Jesus anwenden. Auch der nächste Satz ist darauf zu beziehen, denn bei der Taufe Jesu kam der Hl. Geist in Gestalt einer Taube auf Jesus herab. Der Vater sandte den Geist auf den Sohn herab und so erlebten die Menschen einen Moment der Dreifaltigkeit. Wenn wir dies alles aber zunächst wörtlich verstehen und aus der Sicht des Propheten Jesaja verstehen, dann ist es deshalb in der Vergangenheitsform, weil der Messias, der zukünftig erwartet wird, schon längst existiert. Er ist vor aller Zeit schon von Gott als geliebter Sohn proklamiert worden, der ihn gezeugt hat.
Jesus ist es, der den Nationen (das hebräische Wort für die heidnischen Völker) das Recht bringen wird. Die Verbform ist hier eine Zukunftsform. Jesus wird am Ende der Zeiten als verherrlichter Menschensohn zurückkehren und die Nationen (das heißt also alle Menschen) richten. Er wird Gericht bringen (מִשְׁפָּ֖ט mischpat „Gericht, Urteil“).
„Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen“ – all diese Dinge sind sowohl präsentisch als auch zukünftig interpretierbar. Wenn wir bedenken, dass hier der künftige Messias von Gott selbst angekündigt wird, der diese Worte ja spricht, dann lässt sich die Zukünftigkeit der Aussagen sehr gut nachvollziehen. Er ist so sein, dass er kein großes Drama um sich machen wird. Natürlich wird er Worte sagen, die eine große Durschlagskraft haben. Zugleich wird er wehrlos wie ein Lamm zu gegebener Zeit alles mit sich machen lassen, ohne sich zu wehren oder sich zu beschweren.
„Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ Auch hier handelt es sich wieder um Verbformen, die am ehesten als Zukunftsformen übersetzt werden müssten: Der zukünftige Messias wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den Docht nicht auslöschen. Er wird noch das kleinste Fünkchen Glauben fördern und das kleinste Glimmen wieder zu einer großen Flamme werden lassen, solange er Bereitschaft und Umkehr sehen wird. Er wird nicht wie die Pharisäer und Schriftgelehrten die offensichtlichen Sünder aufgeben und abstempeln. Er wird wirklich das Recht bringen, weil er wie der Gärtner im Weinberg den Feigenbaum noch umgraben und düngen, alles nur Erdenkliche unternehmen wird, um jeder Seele bis zum letzten Augenblick noch die Chance zur Umkehr zu geben. So ist Gottes Barmherzigkeit.
Auch er selbst verglimmt nicht und knickt nicht (beides wiederum zukünftig), bis er das Recht auf Erden begründen wird (auch Zukunftsform). Ja, wir denken schon an Karfreitag, wenn wir die Johannespassion hören werden, in der Jesus am Ende sagen wird: „Es ist vollbracht“. Dann wird sein glimmender Docht ausgehen, aber nur für eine kurze Zeit. Dann wird er das Recht etabliert haben, das sich am Ende der Zeiten aber erst durchsetzen wird.
„Auf seine Weisung warten die Inseln.“ Damit sind die Enden der Erde gemeint und dies bezieht sich auf die universale Sehnsucht nach dem Messias. Wenn dieser dann kommen wird, Jesus Christus, dann wird er wirklich die Weisung bringen, sein Evangelium, das kein anderes ist als die Torah. Er wird sie aber erfüllen und den Bäume zählenden Menschen wieder den gesamten Wald zeigen. Er wird auf das Wesentliche und Entscheidende hinweisen und erklären, worauf es wirklich ankommt. Er wird die Torah aber vor allem verkörpern mit seinem ganzen Leben. Er wird sie ganz vorleben, sodass sie an seiner Person ablesbar wird. Auf diese Weisung, die deshalb „seine“ Weisung ist, warten die Inseln zurzeit des ersten Gottesknechtsliedes, aber wir schauen schon rückblickend darauf. Jesus hat das Evangelium, die frohe Botschaft, für die ganze Menschheit verkündet und vor seinem Heimgang zum Vater seinen Jüngern aufgetragen, dieses universale Heil allen Menschen zu verkünden „bis an die Enden der Erde“, also auch „den Inseln“.
Der Vater hat seinen Sohn aus Gerechtigkeit gerufen – weil Gott uns so sehr liebt, hat er von Anfang an in seinem Heilsplan die Hingabe seines einzigen Sohnes eingeplant. Dieser Messias wird zugleich “ zum Bund mit dem Volk“ (לִבְרִ֥ית עָ֖ם livrit am) und “ zum Licht für die Völker (לְאֹ֥ור גֹּויִֽם le’or gojim). Jesu heilsgeschichtliche Bedeutung ist 1. der Mittler des Neuen Bundes mit dem Volk Israel (am) und 2. ebenso mit den Heiden (gojim)!
Der Gottesknecht, mit dem der Messias gemeint ist, wird Blinden die Augen öffnen – wortwörtlich mit Menschen wie Bartimäus, aber auch im übertragenen Sinne – die Augen des Glaubens mit all denen, die durch seine Worte und Taten zum Glauben an ihn kommen. Dieser Messias wird Gefangene befreien, die im Kerker sitzen. Das meint nicht nur das Volk Israel, das in der babylonischen Gefangenschaft ist, oder später das Volk unter römischer Fremdherrschaft. Es meint die Gefangenschaft der Sünde, die den Menschen in die Dunkelheit reißt, in das Verderben. Jesus ist gekommen, um uns von der Erbsünde zu befreien, damit wir das Himmelreich erben können. Damit uns das ermöglicht wird, geht er selbst in Haft, in die schlimmste Dunkelheit des Todes, nur um diesen zu überwinden am dritten Tag!

Ps 27
1 Von David. Der HERR ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen?
2 Dringen Böse auf mich ein, um mein Fleisch zu verschlingen, meine Bedränger und Feinde; sie sind gestrauchelt und gefallen.
3 Mag ein Heer mich belagern: Mein Herz wird nicht verzagen. Mag Krieg gegen mich toben: Ich bleibe dennoch voll Zuversicht.
13 Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Land der Lebenden.
14 Hoffe auf den HERRN, sei stark und fest sei dein Herz! Und hoffe auf den HERRN!

Der Psalm greift die Not und das Leiden auf, das der leidende Gottesknecht erfahren wird. Es greift aber auch das Licht des glimmenden Dochts auf, das Leben, das Gott dem Knecht verleihen wird. König David hat diesen Vertrauenspsalm gedichtet, als er selbst in tiefster Not war. Wir lesen hier seine tiefsten Herzensregungen, der mit Gott so innig verbunden war. Umso mehr sind es Worte, die der neue David, der Sohn Davids, Jesus Christus gebetet hat:
„Der HERR ist mein Licht und mein Heil“. Er ist dadurch die Hoffnung, die Wärme und die Orientierung in Zeiten der Trostlosigkeit, der Kälte und der Dunkelheit. Wer auch immer leidet, wird bei Gott Zuflucht finden, so auch der Sohn Gottes selbst. Er kann sich ganz beim Vater bergen und zu ihm hat er in seinem ganzen Leidensprozess von Getsemani an ununterbrochen Kontakt gehalten. Er hatte Todesangst und doch konnte er beten: „Vor wem sollte ich mich fürchten?“ Er wusste, dass trotz der schlimmen Leiden am Ende das Heil Gottes steht, dass der Böses besiegt werden würde.
„Dringen Böse auf mich ein, um mein Fleisch zu verschlingen, meine Bedränger und Feinde; sie sind gestrauchelt und gefallen.“ Die Römer, die Jesu Geißelung ausgeführt haben, sind in einen regelrechten Blutrausch verfallen. Was sie mit ihm getrieben haben, ist total unmenschlich. Die Worte des Fleischverschlingens ist also gar nicht so weit hergeholt…und am Ende sind sie gefallen. Sie haben nicht triumphiert, denn Jesus ist am dritten Tage auferstanden! Aber nicht diese Feinde sind die eigentlichen Gegner: Es ist der Satan mit seinen Gefährten, die Jesus angegriffen haben und am Ende entmachtet worden sind!
„Mag ein Heer mich belagern: Mein Herz wird nicht verzagen.“ Dieses Heer bezieht sich ebenfalls vor allem auf die Heerscharen der unsichtbaren Welt – auf die Welt der Dämonen. Der ganze „Hofstaat“ Satans hat alle Register gezogen, den Sohn Gottes ins Verderben zu bringen mit ständigen Versuchungssituationen, durch die Grausamkeit der durch sie beeinflussten Menschen, durch die Spöttereien und Beleidigungen Gottes, die sie den Menschen eingegeben haben. Dieser geistige Krieg ist es, der hier vor allem zu nennen ist.
Wir lesen diesen Psalm jetzt in der Karwoche vor allem christologisch. Er hat auch wörtlich verstanden eine Bedeutung und diese ist zu allererst zu berücksichtigen. Die christologische Deutung so kurz vor der Passion Christi überlagert für uns in dieser Zeit alles. Und doch vergessen wir natürlich nicht, dass hinter diesem Psalm die Nöte des Volkes Israel stehen, das Heil und das Licht Gottes natürlich mit der messianischen Erwartung erklärt werden muss („Heil“ und der Name „Jesus“ haben im Hebräischen dieselbe Wurzel). Jesus ist das Licht, das die Heiden erleuchtet, wie wir im Gottesknechtslied Jesajas gehört haben. Er ist diese Hoffnung für all jene, deren Leiden vor allem aus der Hoffnungslosigkeit des Exils außerhalb des Paradieses besteht, das durch den ersten Sündenfall auf die gesamte Menschheit gekommen war. Jesus Christus hat durch seine Erlösung die Himmelstür wieder geöffnet und ist somit zum Licht geworden.
Und deshalb kann sowohl das Volk Israel, als auch wir Bundespartner des Neuen Bundes heute beten: „Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Lande der Lebenden.“ Dieses Land ist vor allem das Himmelreich, wo uns wahrlich das ewige Leben erwartet, auch wenn wir physisch sterben. Am Ende der Zeiten wird auch dies wegfallen, sodass wir mit unseren Leibern wieder vereint werden. Schon Jesus kann so beten, denn er schaut die Güte des Vaters nun, während er zu seiner Rechten sitzt. Er ist der Anfang der neuen Schöpfung und so erwartet auch uns das Schauen der Güte Gottes.
„Hoffe auf den HERRN!“ So hat auch David bis zum Schluss seine ganze Hoffnung auf Gott gesetzt, so hat auch Jesus am Kreuz die Hoffnung nicht aufgegeben, selbst wenn es so aussieht wegen seiner Psalmenrezitation (Ps 22 „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen…“). Er hat bis zum Schluss Kontakt zum Vater gehalten und im Sterben einen Psalm gebetet, der am Ende in einen Lobpreis und in Dank umschwingt! Und so dürfen auch wir als österliche Menschen bis zum letzten Atemzug auf den HERRN hoffen, der unsere unerschütterliche Basis ist. Und wenn die ganze Welt den Bach untergeht, wissen wir, das muss so geschehen, denn dann wird der Herr bald wiederkommen!

Joh 12
1 Sechs Tage vor dem Paschafest kam Jesus nach Betanien, wo Lazarus war, den er von den Toten auferweckt hatte.
2 Dort bereiteten sie ihm ein Mahl; Marta bediente und Lazarus war unter denen, die mit Jesus bei Tisch waren.
3 Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihren Haaren. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt.
4 Doch einer von seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn später auslieferte, sagte:
5 Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?
6 Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte.
7 Jesus jedoch sagte: Lass sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses aufbewahrt!
8 Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer.
9 Eine große Menge der Juden hatte erfahren, dass Jesus dort war, und sie kamen, jedoch nicht nur um Jesu willen, sondern auch um Lazarus zu sehen, den er von den Toten auferweckt hatte.
10 Die Hohepriester aber beschlossen, auch Lazarus zu töten,
11 weil viele Juden seinetwegen hingingen und an Jesus glaubten.

Heute hören wir die Vorgeschichte des Einzugs in Jerusalem, was wir gestern an Palmsonntag gefeiert haben. Es ist der Tag vor seiner inszenierten Einreise in die Heilige Stadt. Er ist in dem 15 Stadien entfernten Betanien bei seinen Freunden, den drei Geschwistern Marta, Maria und Lazarus, den er von den Toten auferweckt hat.
Wir konzentrieren uns beim Hören dieser Episode immer darauf, was Maria hier tut, was nun auch im Folgenden erklärt wird. Aber zuvor wird noch eine wichtige Information erwähnt, die wir nicht überlesen dürfen! Und zwar geschieht die prophetische Geste Mariens während eines Mahls! Die Anwesenden liegen bei Tisch und Marta bewirtet alle. Und während dieses Mahls kommt nun Maria mit einem Pfund kostbaren Nardenöls (sehr teuer!) zu Jesus, salbt Jesus mit diesem die Füße und trocknet diese dann mit ihren Haaren ab. Es hat eine entscheidende Bedeutung, warum Maria das während des Essens tut. Dazu kommen wir gleich. Zunächst betrachten wir die Reaktion des Judas Iskariot, der hier auf den ersten Blick sehr solidarisch erscheint. Er reagiert auf die Verschwendung, die es in der Tat wirtschaftlich gesehen ist. Ihm geht es gar nicht um die Armen, denen man von dem Preis etwas hätte spenden können, sondern er war habgierig und räuberisch. Als Kassenwart veruntreute er die Einnahmen und sah in dieser Geste einen dicken Fisch davon schwimmen. Sein Herz ist unaufrichtig und Jesus hat es immer mit Schmerz betrachtet.
Auch heutzutage argumentieren viele so, dass wir weniger prunkvolle Gegenstände in der Kirche verwenden und das Ersparte lieber den Armen geben sollten. Der ein oder andere mag damit wirklich aufrichtig um die Armen besorgt sein, manche vielleicht so wie Judas eingestellt sein. Wichtig ist aber: Zuerst kommt die Gottesliebe und dann die Nächstenliebe. Gott steht an erster Stelle und ihm zu Ehre darf man auch etwas investieren. Wenn wir an Gott sparen, wie ist das mit der Gottesliebe vereinbar? Und wenn Gott Mensch geworden ist und zu einer bestimmten Zeit unter den Menschen ist, kann man da wirklich an ihm sparen? Natürlich nicht! Die Armen und Bedürftigen sind ein dauerhaftes Unrecht, das es natürlich zu beseitigen gilt, umso mehr für jene, die sich Christen nennen, aber jede Situation erfordert Prioritäten. Zu Jesu Zeit ist es kurz vor Zwölf. Er ist nur noch eine kurze Zeit bei ihnen, da hat er natürlich die oberste Priorität. In unserer Zeit muss mit Klugheit und Weisheit das Geld verwaltet werden. Und wenn die Kirche einsparen muss, dann an unangemessenem Luxus, nicht an der Liturgie und allem, was allein für den Herrn ist! Dann ist eine Rückbesinnung auf die Einfachheit Jesu und seiner Jünger geboten, was in erster Linie auf ein bescheideneres Leben der Geistlichen in unseren Breitengraden zu beziehen ist, nicht auf die Hostienschale oder den Kelch, in dem Christus selbst gegenwärtig ist!
Jesus sagt selbst, dass er nicht ewig bei ihnen bleiben wird und deshalb nimmt er Marias Denkweise vor seinem Jünger in Schutz.
Nun zur Salbung Mariens. Wir lernen sie kennen als eine kontemplative Frau, die ganz und gar Jesu Worten lauscht, sie in sich aufnimmt und sie betrachtet. Sie erkennt, dass Jesus der Messias ist, an dem sich die ganzen Verheißungen der Hl. Schriften der Juden erfüllt. Sie erkennt auch, dass die logische Konsequenz das Leiden und der Tod sind. Er hat es selbst immer wieder angedeutet, aber aus den Schriften weiß sie auch, dass der Gesalbte mit Füßen zertreten und abgelehnt werden würde. Sie ahnt und versteht bereits, was viele noch längst nicht verstehen – sie versteht sogar mehr als Jesu eigene Apostel: Jesaja, Daniel, Sacharja, die Propheten des AT bringen es schon auf den Punkt, was Jesus in der Hl. Stadt widerfahren wird. Maria weiß, dass Jesus am nächsten Tag dorthin aufbrechen würde. Und deshalb salbt sie ihn, wie man Könige salbt bei ihrem Begräbnis. Sie nimmt dies schon vorweg, was am darauffolgenden Freitagabend geschehen wird, seine Einbalsamierung. Jesus erklärt es sogar eindeutig – er spricht von seinem eigenen Begräbnis.
Maria muss ihr ganzes Wohlhaben geopfert haben, um dieses Öl auf so verschwenderische Weise für Jesus auf einmal auszugeben. Das zeigt ihre absolute Liebe für ihn. Liebe kennt keinen Preis. Liebe ist im wahrsten Sinne verschwenderisch. Sie ist immer in Überfülle. Das sehen wir an Gott, der die Liebe ist. Wenn er uns beschenkt, dann immer im Überfluss. Maria gibt Jesus nur ein wenig davon zurück, was Gott an ihr und an ihrer Familie Gutes getan hat. Sie gibt ihr alles. Und Jesus würdigt das. Er hat ihr Herz dahinter gesehen und er wird die Familie in Zukunft noch viel reicher beschenken, nämlich mit der Erlösung so wie uns alle!
Die Totenerweckung des Lazarus schlägt immer noch hohe Wellen. Es kommen immer wieder Juden zu den Geschwistern nach Betanien und werden Jünger Jesu, weil sie durch diese wunderbare Heilstat gläubig werden. Dies provoziert die religiöse Elite und sie plant sogar, über Jesus hinaus auch Lazarus zu töten, weil durch ihn die Menschen zu Christusgläubigen werden.

Wir gehen immer mehr auf die Passion zu und so werden die Worte Jesu immer mehr zu Abschiedsworten. Jede einzelne Silbe der Hl. Schrift müssen wir demnach in uns aufnehmen wie ein Schwamm. Jede Geste muss sich in unser Gedächtnis einbrennen und sich in unsere Seele eingravieren. Alles wird nämlich österlich gewendet werden und so wird alles Schmerzhafte zum Grund des Triumphes! So wird auch alles Schmerzhafte unseres eigenen Lebens aus dieser österlichen Perspektive an Bedrohlichkeit verlieren. Ich lade Sie herzlich dazu ein, wie Maria alles für Jesu Begräbnis „vorzubereiten“: Schenken Sie ihm ihr Kostbarstes in diesen Tagen. Und dieses Gut ist unsere Zeit, unsere Freiheit, die wir momentan global opfern. Schenken wir ihm einfach alles, was wir haben und geben wir uns ihm ganz hin, auf dass unser alter Mensch mit ihm den Kreuzweg begehen wird, auf dass unser alter Mensch mit ihm auf Golgota gekreuzigt und mit Christus bestattet wird. Am dritten Tag werden wir mit Christus auferstehen, das sind wir durch die Taufe schon sakramental, das sind wir durch die Beichte immer wieder, das werden wir liturgisch und somit mystagogisch auch dieses Mal wieder mit ihm gemeinsam durchleben. Das wird uns wieder stärken und eine neue österliche Hoffnung in dieser akuten Corona-Krise verleihen.

Ihre Magstrauss