Freitag der 5. Woche der Fastenzeit

Jer 20,10-13; Ps 18,2-3.4-5.6-7b.7cdu. 20; Joh 10,31-42

Jer 20
10 Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen. Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze: Vielleicht lässt er sich betören, dass wir ihn überwältigen und an ihm Rache nehmen können.

11 Doch der HERR steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und können nicht überwältigen. Sie werden schmählich zuschanden, da sie nichts erreichen, in ewiger, unvergesslicher Schmach.
12 Aber der HERR der Heerscharen prüft den Gerechten, er sieht Nieren und Herz. Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen; denn dir habe ich meinen Rechtsstreit anvertraut.
13 Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.

Heute hören wir aus dem Buch Jeremia einen Abschnitt aus der fünften Konfession. Dort beschreibt er die bösen Absichten seiner Gegner, die darauf warten, dass er stürzt. Sie sind es, die ihn verleumden und somit auch Gott. Sie wollen ihn anzeigen und sich an ihm Rächen, weil er immer wieder eine Botschaft verkündet, die sie nicht hören wollen. Jeremia muss wirklich viel für das Wort Gottes leiden und wird somit zum Typos Christi.
Gott lässt ihn nicht allein, genauso wenig wie er seinen eigenen Sohn am Kreuz allein gelassen hat. Er ist „wie ein gewaltiger Held.“ Zwar erweckt er Jeremia nicht zum Leben, doch er sorgt für Gerechtigkeit. Er wird Jeremias Gegnern keinen Segen verleihen und ihre Missetaten auf sie zurücklenken.
Gott prüft den Gerechten, er schaut auf sein Inneres, was mit „Nieren und Herz“ immer gemeint ist. Gott schaut die innersten Regungen des Menschen. Jeremia versteht sein Leiden somit als Prüfung Gottes.
Er vertraut darauf, dass Gott das Unrecht vergelten wird, das dem Propheten widerfährt. Er begründet es damit dass er Gott seinen „Rechtsstreit anvertraut“. Gott ist ein gerechter Richter. Wenn man das Gericht ihm überlässt, erhält jeder Beteiligte ein absolut angemessenes Urteil. Menschliche Gerichte sind dagegen ungerecht, wie Jeremia am Anfang der Lesung ja herausgestellt hat. Er steht für eine gute Sache ein, nämlich für Gottes Botschaft, doch die Menschen möchten ihn anzeigen, vor die Gerichte bringen.
Er vertraut Gott ganz und fordert sogar zum Lobpreis auf: „Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.“ Ja, er wird auch Jesus aus der Hand seiner Übeltäter befreien und ihn über alle anderen erhöhen. Er wird auch uns immer wieder aus den Klauen des Bösen retten, der unsere Seele von Gott wegführen will. Er rettet uns vom seelischen Tod durch die Heilsmittel und schließt dafür den Taufbund mit uns. Er wird uns schließlich auch am Ende der Zeiten retten, wenn alles zusammenbrechen wird. Dann werden wir ein für allemal aus den Fängen des Bösen befreit. Dann werden wir erst recht Gott loben und preisen in Ewigkeit.

Ps 18
2 Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke,
3 HERR, du mein Fels und meine Burg und mein Retter; mein Gott, mein Fels, bei dem ich mich berge, mein Schild und Horn meines Heils, meine Zuflucht.
4 Ich rufe: Der HERR sei hoch gelobt! und ich werde vor meinen Feinden gerettet.
5 Mich umfingen die Fesseln des Todes und die Fluten des Verderbens erschreckten mich.
6 Mich umstrickten die Fesseln der Unterwelt, über mich fielen die Schlingen des Todes.
7 In meiner Not rief ich zum HERRN und schrie zu meinem Gott, er hörte aus seinem Tempel meine Stimme, mein Hilfeschrei drang an seine Ohren.

Der Psalm stellt einen schönen Lobpreis dar, sozusagen als Fortsetzung und Vertiefung der Lesung.
„Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke“ ist ein typischer Psalmbeginn. Nicht nur die Selbstaufforderung zum Lob ist oft am Anfang zu lesen, sondern auch eine Liebesbekundung oder eine Willenszusage. Gott ist Davids Stärke, dem wir diesen Lobpreis verdanken. All die Siege hat er durch die Stärke des HERRN zustande gebracht. Er hat sich auch nie angemaßt, dass es von ihm selbst komme. Er hat seine Macht und Stärke immer von Gottes Allmacht her gesehen. So können auch wir alles, was wir zustande bringen, auf Gott verweisen, der uns die Kraft gegeben hat. So werden wir nie überheblich und sind Gott immer dankbar für den Beistand, den er uns tagtäglich sendet.
In diesem Sinne ist auch Vers 3 zu verstehen. Gott ist der Fels, die Burg und der Retter. Er ist also auch die Zuflucht, die wir suchen sollen. Wenn wir uns auf Menschen verlassen und erwarten, dass diese uns glücklich machen, werden wir immer unglücklich und unzufrieden sein. Nur Gott kann uns wirklich dauerhaft trösten und beschützen. Er ist wirklich der Verlässliche, der uns entlasten will.
Es gibt keinen unangemessenen Zeitpunkt, Gott zu loben und zu preisen, denn ihm steht es immer zu. „Und ich werde vor meinen Feinden gerettet.“ Gott rettet seine geliebten Geschöpfe wirklich immer aus allen Gefahren. Diese betreffen den ganzen Menschen, nicht nur sein irdisches Dasein. Gott rettet nämlich auch unsere Seele vor dem ewigen Tod, er rettet uns aus dem Zustand der Todsünde, er rettet uns Menschen durch die Taufe. Diese Gefahren sind alle auf ihre Weise die „Fesseln des Todes“ und „die Fluten des Verderbens“. Wir denken zurück an die Sintflut, die die Folge der Sünde der ganzen Menschheit darstellte. Diese Flut bedeckt auch die Sünde der Menschheit bei der Taufe Jesu, als dieser untertaucht. Durch sein Untertauchen ist das Wasser der Wiedergeburt im Hl. Geist für uns zum Heil geworden und nicht mehr bedrohlich. Der Geist Gottes überflutet uns in jeder Hl. Messe, durch die Heilsmittel der Kirche, jedesmal, wenn wir wieder den Stand der Gnade geschenkt bekommen. Dann wird unser Inneres, die Seele als Gefäß, mit den Fluten jenes Wassers gefüllt, sodass wir nicht verdursten in einer Welt der Wüste. Was David also rückblickend schreibt, können wir auf unser Leben vor der Taufe, vor der Versöhnung mit Gott, auf die Menschen vor der Erlösung durch Jesus Christus beziehen – und schließlich auf die gesamte Menschheit in den Wehen der Endzeit, bevor der wiederkommende verherrlichte Menschensohn sie endgültig aus den Schlingen des Todes errettet.
David rief in seiner Not zum Herrn, der ihn aus dem Tempel her erhörte. Dieser Tempel war noch kein fest erbautes Gebäude, sondern das Offenbarungszelt. Auf Jeremia bezogen können wir schon den fest erbauten ersten Tempel hier identifizieren: Gott erhört auch ihn vom Tempel aus, der ja Gottes Wohnstatt auf Erden darstellt. Dieser salomonische Tempel wird jedoch bald zerstört, weil die Israeliten auf die Warnrufe der Propheten wie Jeremia nicht gehört und weiterhin den Baalen Opfer dargebracht haben. Wir können es auch auf Jesus Christus beziehen, der in seiner Todesnot am Kreuz zum Vater geschrien hat. Dieser hat ihn erhört vom Tempel her, der aber nicht nur den herodianischen Tempel Jerusalems meint, sondern vor allem vom Tempel des Leibes Jesu Christi her. Diesen meint Jesus ja auch bei der Tempelreinigung. Vom Tempel her, der nun jede Kirche mit Tabernakel ist, erhört Gott auch auf besondere Weise unsere Rufe, die wir bei ihm in der Eucharistie Zuflucht suchen. Und am Ende der Zeiten wird Gott das Schreien der leidenden Menschen auf Erden vom himmlischen Tempel aus erhören, wenn er in die Geschichte eingreift, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.
Gott ist unsere Welt nicht egal. Sie ist seine Schöpfung, die er zum Heil führen will. Deshalb zürnt er und reagiert auf das Unrecht – im Kleinen wie im Großen. Das ist uns ein Trost und so dürfen wir auf das Heil am Ende schauen, auch wenn die derzeitige Situation alles andere als gut ist.

Joh 10
31 Da hoben die Juden wiederum Steine auf, um ihn zu steinigen.
32 Jesus hielt ihnen entgegen: Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?

33 Die Juden antworteten ihm: Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung; denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott.
34 Jesus erwiderte ihnen: Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?
35 Wenn er jene Menschen Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht aufgehoben werden kann,
36 dürft ihr dann von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: Du lästerst Gott – weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?
37 Wenn ich nicht die Werke meines Vaters vollbringe, dann glaubt mir nicht!
38 Aber wenn ich sie vollbringe, dann glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt! Dann werdet ihr erkennen und einsehen, dass in mir der Vater ist und ich im Vater bin.
39 Wieder suchten sie ihn festzunehmen; er aber entzog sich ihrem Zugriff.
40 Dann ging Jesus wieder weg auf die andere Seite des Jordan, an den Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte; und dort blieb er.
41 Viele kamen zu ihm. Sie sagten: Johannes hat kein Zeichen getan; aber alles, was Johannes über diesen gesagt hat, erwies sich als wahr.
42 Und viele kamen dort zum Glauben an ihn.

Im heutigen Evangelium ist es wieder so, dass die Worte Jesu, die sich aus seiner göttlichen Autorität speisen, die Juden sehr provozieren. So beginnt die Lesung heute mit einem Steinigungsversuch.
Jesus hält den Juden furchtlos entgegen: „Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?“ Das trifft es auf den Punkt. Jesus hat viel verkündet, er hat aber vor allem durch seine Heilstaten überzeugt. Nun fragt er also ganz ironisch, was der Grund für seine Hinrichtung sein soll.
Die Juden entgegnen ihm, dass sie ihn aber nicht wegen der Taten, sondern der blasphemischen Worte steinigen wollen. Diese bestehe in seinem Anspruch, Gottes Sohn zu sein.
Sie haben durch ihre eigenen Worte etwas erkennen lassen: Sie haben die Einheit zwischen Jesu Worten und Werken nicht erkannt. Hätten sie von den Werken auf seine Worte geschlossen, hätte es bei ihnen Klick machen müssen und sie hätten die Erfüllung all der messianischen Verheißungen ihrer Hl. Schriften erkannt. Stattdessen sehen sie rot bei den Worten Jesu, die er mit göttlicher Autorität gesprochen hat.
Jesus verweist daraufhin auf Psalmworte, die von ihrer Formulierung her noch viel provokativer sind, die sie aber als Gotteswort einstufen und nicht abändern. Es geht um Ps 82,6. Da heißt es sogar „ihr seid Götter.“ Dies ist noch viel radikaler als Jesu Worte der Gottessohnschaft.
Bei Psalm 82 geht es um die abgefallenen Israeliten. Sie hätten „Götter“ sein können im Sinne des ewigen Lebens, doch werden wie Menschen sterben, weil sie gesündigt haben. Hier geht es um die Gegenüberstellung von „Gott“ und „Mensch“. Das Ganze ist eingebettet in einen poetischen Rahmen. Psalmensprache ist voll von rhetorischen Stilmitteln, die natürlich nicht wortwörtlich genommen werden kann. Das verstehen die Juden auch, aber im Falle Jesu zeigen sie nicht einmal den Willen, ihn zu verstehen.
Jesus nennt diese Schriftstelle, um herauszustellen: Wenn die Juden schon das Wort Gottes annehmen, selbst wenn solche Bibelstellen von ihrer Sprache her provokativ sind, umso mehr sollten sie das fleischgeworden Wort Gottes annehmen, das direkt vom Vater kommt! Seine Autorität steht doch über dem Buchstaben! Ihn sollten die Juden noch viel mehr gläubig annehmen, doch sie zeigen nicht einmal den Willen, diese scheinbare Provokation zu verstehen. Jesus will sie lehren, doch sie sind unbelehrbar. Lieber greifen sie zu Steinen und machen das fleischgewordene Wort Gottes mundtot.
Jesus versucht, von ihnen wenigstens ein Mindestmaß an Glauben zu erlangen, nämlich dem Glauben seiner Werke. Denn allein schon jene Heilstaten müssten sie erkennen lassen, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, der alles in Einheit mit dem Vater tut.
Es bringt nichts. Die Juden wollen ihm wieder etwas antun und so muss Jesus das Gebiet verlassen. Er geht auf die andere Seite des Jordan, in das Gebiet der Johannestaufe. Dort wirkt er offensichtlich viele weitere Heilstaten, denn die Menschen dort erkennen, dass alle Vorhersagen des Täufers auf Jesus zutreffen. So werden viele der Johannesjünger in jenem Gebiet Jünger Jesu.
Diese Menschen stellen heute ein Positivbeispiel dar. Sie glauben den Werken Jesu im Gegensatz zu den Juden in Jerusalem (mit „Juden“ ist im Johannesevangelium an solchen Stellen oft die religiöse Elite gemeint, die sich aus den Hohepriestern, Ältesten, Pharisäern und Schriftgelehrten zusammensetzt). Sie empfinden Jesu Wirken nicht als blasphemisch, sondern erkennen die Erfüllung messianischer Verheißungen. Sie verstehen mehr von der Hl. Schrift als die eigentlichen Gelehrten. Das ist eine einzige tragische Ironie.

Wie ist es bei uns?

Nehmen wir das Wort Gottes an, auch wenn es Kritik an uns richtet? Uns herausfordert? Uns zur Umkehr aufruft? Nehmen wir es an, wenn Gott uns durch die Propheten heutiger Zeit anspricht? Oder wollen wir sie lieber mundtot machen, weil sie in der Welt einen Störfaktor darstellen, der unsere Komfortzone bedroht?
Schauen wir immer genau hin, denn Gott spricht auch auf unerwartete Weise zu uns. Und jene, auf die wir uns allzu sehr verlassen, könnten uns in die Irre führen. Es gibt viele falsche Propheten und es werden immer mehr. Beten wir um die Gabe der Unterscheidung der Geister und suchen wir in allem immer Zuflucht bei Gott. Vergessen wir auch in unserer heutigen Zeit nie, das der Kern des Evangeliums in der Umkehr besteht und Gott uns aus unserer Not immer heraus hilft, egal was passiert.

Mit diesem Vertrauen dürfen wir auf die Karwoche zugehen.

Ihre Magstrauss

3. Januar in der Weihnachtszeit (Heiligster Name Jesu)

1 Joh 2,29-3,6; Ps 98,1-4; Joh 1,29-34

1 Joh 2
29 Wenn ihr wisst, dass er gerecht ist, erkennt auch, dass jeder, der die Gerechtigkeit tut, von Gott stammt!

1 Seht, welche Liebe uns der Vater geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es. Deshalb erkennt die Welt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat. 
2 Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes. Doch ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
3 Jeder, der diese Hoffnung auf ihn setzt, heiligt sich, so wie er heilig ist.
4 Jeder, der die Sünde tut, handelt gesetzwidrig; denn Sünde ist Gesetzwidrigkeit. 
5 Ihr wisst, dass er erschienen ist, um die Sünden wegzunehmen, und in ihm ist keine Sünde. 
6 Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht. Jeder, der sündigt, hat ihn nicht gesehen und ihn nicht erkannt.

Im gestrigen Abschnitt aus dem ersten Johannesbrief ging es um die Identität des Vaters und des Sohnes. Heute geht es um Gerechtigkeit und um konkrete Umsetzung.
„Von Gott stammen“ heißt getauft sein (denn das Wort γεγέννηται gegennetai heißt wörtlich „er ist gezeugt“, also bezieht es sich auf das neue Leben der Taufe). Es meint deshalb nicht das Geschaffensein und die Abbildhaftigkeit des Menschen, weil wir als Geschöpfe nicht gezeugt worden sind. Das ist nur Jesus als Sohn Gottes. Gott ist unser Vater geworden durch die Taufe. Diese hat auch einen bestimmten Lebensstil zur Folge, nämlich in Gerechtigkeit.
Der Vater hat uns so lieb, dass er uns zu seinen Kindern gemacht hat, also zu Erben seines Reiches. Die Welt kann uns nicht verstehen, solange sie Gott nicht erkannt hat. Sie wird ganz konkret den Lebensstil der Christen nicht verstehen, solange sie Gottes Gebote nicht kennt. Für die ersten Christen bedeutet das konkret z.B., dass die Heiden um sie herum die Christen als Menschenfeinde beschimpfen werden, weil die Christen an den Festspielen, Prozessionen und Kultmählern nicht teilnehmen. Diese sind nämlich Götzendienst, was gegen das erste Gebot verstößt. Das wissen die Heiden aber nicht.
Wenn Johannes sagt, „jetzt sind wir Kinder Gottes“, dann meint es die Zwischenzeit von Jesu Heimgang zum Vater bis zu seiner Wiederkunft. Dieses Kindsein Gottes ist aber verborgen. Unser unauslöschbares Siegel durch Taufe und Firmung ist unsichtbar. Wenn Jesus als verherrlichter Menschensohn aber zurückkehren wird, dann werden die Siegelabdrücke auf unserer Seele offenbar werden. Wir werden zusammen mit Jesus verherrlicht. Dann werden alle sehen, dass wir Kinder Gottes sind. Wie es aber genau sein wird, wenn wir Gott schauen dürfen, wie er ist, wurde uns noch nicht offenbart. Das ist interessant. Eigentlich heißt es ja, dass mit Jesus und der Abfassung der Hl. Schrift die Offenbarung abgeschlossen sei und nichts grundlegend Neues mehr hinzukommen wird. Was ist hier also gemeint? Es ist bereits uns alles erklärt worden, aber wir haben es noch nicht begriffen. Das wird uns der Hl. Geist aber noch offenbaren, wenn die Zeit reif ist. Jesus hat angekündigt, dass der Geist uns in die ganze Wahrheit einführen wird (Joh 16,13).
Wir, die wir auf Christi Parusie hoffen, leben entsprechend anders – wir heiligen uns. Was heißt das? „Sich heiligen“ wird durch das griechische Verb ἁγνίζω hagnizo ausgedrückt und heißt wörtlich „sich reinigen durch Opfer/Sühne, besonders mit Wasser abwaschen“. Wir sehen hier die Umschreibung der Taufe, die aber nur den Anfang eines Lebens darstellt. Es hat nämlich auch eine ethische Dimension. Ich lebe entsprechend, um diesen gereinigten Zustand nicht zu verlieren. Ich vermeide also Handlungen, Situationen, vielleicht auch Beziehungen, die meinen geheiligten Zustand gefährden.
Wer sündigt, handelt gesetzlos ( ἀνομία anomia ist weniger die Gesetzwidrigkeit, sondern eher die Gesetzlosigkeit). Sündigen heißt also, die Gebote Gottes zu ignorieren.
Es heißt auch, Jesus zu ignorieren. Er hat so ein Opfer für uns gebracht, um unsere Sünden zu tilgen. Er selbst war ohne Sünde und musste doch so sehr leiden. Und wenn wir ihn erkannt haben, dann sündigen wir von da an nicht mehr. Wo wir es doch tun, haben wir ihn noch nicht erkannt.
Das alles schreibt Johannes in einer Phase der Kirche, in der das Problem des Sündigens nach der Taufe noch nicht geklärt worden ist. Es gab zuerst nur die Taufe und danach höchstens einen einmaligen Sühneprozess, bei dem der Schuldige öffentlich und vor dem Bischof seine Sünde bekennen musste. Nach langer Zeit des Büßens (und Tragens eines Bußgewandes) durfte die Person wieder in die Gemeinschaft der Gläubigen integriert werden. Diese Praxis war erst im Kommen und erst später hat man die heutige individuelle Beichtpraxis eingeführt, bei der man per Ohrenbeichte und nur vor dem Geistlichen das Bekenntnis ablegen musste. Diese zunächst einmalige öffentliche Beichte bezog sich auf die drei Todsünden der Unzucht, des Mordes und des Glaubensabfalls.
Wenn wir diesen Abschnitt aus dem Johannesbrief also lesen, können wir ihm recht geben in dem Sinne, dass wer ganz in Gott lebt und in dem Gott ganz präsent ist, nicht mehr die ganz großen Sünden, die Todsünden begehen wird. Das ist dann gar nicht mehr möglich, weil die Person so sehr im Stand der Gnade ist. Die Versuchungen sind noch da, aber die Person wird so stark sein, diesen abzusagen. Bemühen wir uns also, ganz in der Gegenwart Gottes zu leben, damit auch wir die ganz großen Kaliber umgehen!

Ps 98
1 Ein Psalm. Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht! Geholfen hat ihm seine Rechte und sein heiliger Arm. 

2 Der HERR hat sein Heil bekannt gemacht und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker. 
3 Er gedachte seiner Huld und seiner Treue zum Haus Israel. Alle Enden der Erde sahen das Heil unsres Gottes. 
4 Jauchzet dem HERRN, alle Lande, freut euch, jubelt und singt!

Der Psalm ist derselbe wie gestern. So wie gestern geht es in der Lesung zuvor ja um die Taufe und ihre Konsequenzen. Deshalb macht es überaus Sinn, denselben Psalm im Anschluss zu beten. „Alle Enden der Erde sahen das Heil“. Die ganze Welt sah die Heilstaten Gottes. Das betrifft die Israeliten, die aus Ägypten herausgeführt worden sind und bei den nichtjüdischen Völkern für Anerkennung gesorgt hat. Das betrifft umso mehr das ganze Erlösungsgeschehen Jesu Christi, das für eine weltweite Evangelisierung und flächendeckende Gemeindegründungen gesorgt hat. Es begann mit dem Hauptmann am Kreuz („wahrlich, dieser war Gottes Sohn“) und ging weiter bis an die damaligen „Enden der Erde“. Und es geht bis an die heutigen Enden!
Deshalb ist auch der Anfang des Psalms so signalhaft für christliche Ohren. Es ist ein „neues Lied“, das auf den Messias hinweist und über die Rettungsaktionen Gottes an seinem auserwählten Volk hinausgeht. Ganz konkret können wir hier an das babylonische Exil denken, das neben dem Exodusgeschehen bei den Nichtjuden für Anerkennung gesorgt hat.
Gott hat sein Heil zu allen Zeiten bekannt gemacht – er ist ein sich offenbarender Gott. Immer wieder hat er sich preisgegeben durch die Propheten. Sein Heilsplan war nie ganz verborgen. Mit Jesus Christus hat diese Offenbarung, das heißt seine Selbstmitteilung, einen Höhepunkt erreicht. So kann man wortwörtlich sagen: Gott hat sein Heil (יְשׁוּעָתֹ֑ו  jeschuato), seinen Jesus, der Welt bekannt gemacht. Dieser ist „seine Rechte“ und „sein heiliger Arm“. Der Hl. Ignatius von Lyon hat den Sohn und den Geist als die Hände Gottes bezeichnet. Durch Christus hat Gott die Heilstaten vollbracht – sowohl die Schöpfung (deshalb nennen wir Jesus auch den Schöpfungsmittler) als auch die Erlösung.
Vor den Augen der Völker ( הַ֝גֹּויִ֗ם  hagojim, die nichtjüdischen Völker!) hat Gott schon Gericht gewirkt, indem er das unterdrückte Volk aus der Knechtschaft der Babylonier befreit hat. Er hat auch vor den Heiden die Erlösung erwirkt (die Römer staunten nicht schlecht, als das Grab leer war, und der Hauptmann kam unter dem Kreuz zum Glauben). Gott wirkt Wunder auch heute noch vor den Augen der Nichtgläubigen und benutzt uns dafür. Wir sind heute seine Hände in dieser Welt, die anderen Menschen zum Glauben an Christus verhelfen. Er tut das auch in der Taufe. Dann werden wir aus der Knechtschaft der Erbsünde, aus dem Exil der Paradieslosigkeit befreit. Am Ende der Zeiten, wenn Jesus als verherrlichter Menschensohn zurückkehrt, wird Gottes Gericht universal und für alle offenbar durchgesetzt werden. Dann wird es aber zu spät für die Umkehr sein.
Gott bleibt seinem Volk treu, auch jetzt noch. Unsere jüdischen Geschwister sind bis heute in einem bleibenden Bund mit dem Herrn und diesen können wir, die wir im neuen Bund mit Gott versöhnt sind, nicht antasten. Vergessen wir das nie, damit es nie wieder zu einem Holocaust kommt!
Gott bleibt auch uns treu, die wir ihm durch jede Sünde immer wieder untreu werden. So ist Gott. Er starb für uns, ohne sein Opfer davon abhängig zu machen, ob wir seine Liebe zurückgeben oder nicht. Das lässt sich gut auf die Lesung zurück beziehen: Er ist für uns gestorben, also können wir es ihm zurückgeben durch einen gerechten Lebensstil nach der Taufe. Das ist dann unsere Weise, ihn zurückzulieben. Wir leben nach seinen Geboten und zwar aus Liebe!
Seine Erlösungstat ist ein Grund zur Freude. Unsere Existenz, vor allem auf die Ewigkeit hin, haben wir allein Gott zu verdanken. Diese ist uns durch die Taufe geschenkt. Dadurch sind wir als Kinder Gottes neugeboren und als Erben eingesetzt worden. Das ist jeden Tag den Lobpreis Gottes wert, auch schon hier auf Erden! Im Himmel wird es unsere ewige Beschäftigung sein.

Joh 1
 29 Am Tag darauf sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! 

30 Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. 
31 Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, damit er Israel offenbart wird. 
32 Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. 
33 Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. 
34 Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes.

Heute geht es weiter mit Johannes dem Täufer, der in Betanien tauft. Nun kommt Jesus zu ihm, den er gestern angekündigt hat.
Johannes‘ Reaktion bringt es dabei auf den Punkt: Jesus ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Das sagt der Priester in jeder Hl. Messe, wenn er den Leib Christi vor der Kommunion hochhält. Dieser Mann, den die Leute am Jordan gesehen haben, ist für die ganze Welt gestorben wie ein Opferlamm im Tempel. Er ist zu derselben Zeit gestorben, als die Lämmer für das bevorstehende Passahfest geschlachtet wurden – in der neunten Stunde des Rüsttages. Jesus ist das wahre Lamm, das das endgültige Opfer gebracht hat und dadurch die Sünden der vergangenen, gegenwärtigen und der kommenden Menschheit getilgt hat.
Johannes erklärt, dass Jesus der von ihm Angekündigte ist. Wenn er sagt „der mir voraus ist, weil er vor mir war“, bezieht er das auf Jesu Präexistenz. Jesus war am Anfang beim Vater und ist dann für uns Mensch geworden. In diesem Sinne ist er jedem Menschen voraus, weil er vor jedem Menschen war.
„Auch ich kannte ihn nicht“ muss genauer betrachtet werden. Dort steht im Griechischen das Verb οἰδάω, was nicht nur mit „kennen“, sondern auch mit „sehen“ übersetzt werden kann. Das bringt uns vielleicht näher an die Bedeutung: Johannes hat ihn auch nicht gesehen. Das bezieht sich auf die vorherige Aussage der Präexistenz Jesu. Das Johannes Jesus nämlich nicht kannte oder ihn im irdischen Leben noch nicht gesehen habe, wäre ja ein Widerspruch: Als Maria Elisabet begegnet und bei ihr bleibt bis zu der Geburt des Johannes, „trifft“ dieser Jesus ja schon, als dieser noch nicht geboren ist. Sie sind zudem miteinander verwandt, kennen sich also durchaus. Wir müssen es also entweder auf die Präexistenz Jesu beziehen, wenn Johannes sagt, er habe ihn nicht gesehen/gekannt, oder zumindest auf die Göttlichkeit Jesu beziehen, die er ja nicht in Anspruch genommen hat. Die ersten dreißig Jahre seines Lebens hat er im Verborgenen gelebt und ein gewöhnliches Leben geführt. In dieser Hinsicht hat Johannes absolut recht. Er kannte Jesu Göttlichkeit nicht. Diese ist es ja, die präexistent ist.
Johannes erklärt seine eigene Berufung von diesem Menschen her. Er ist zur Taufe berufen in Vorbereitung auf die Offenbarung Jesu Christi.
Wenn Johannes dann im Rückblick von der Taube spricht, die auf Jesus geruht hat, dann ist die Taufe Jesu bereits vollzogen. Er sagt aus, dass die Erfüllung mit dem Hl. Geist für ihn eine Bestätigung ist, dass Jesus der Messias ist. Gott hat ihm dieses Zeichen angekündigt, damit er sicher sein kann – dieser ist der Messias.
Gott Vater hat sich etwas dabei gedacht, den Hl. Geist in Gestalt einer Taube zu senden. Sie ist ein Symbol des Friedens, des wahren Schalom, der nur von Gott ausgehen kann. Deshalb kann Jesus wirklich sagen, MEINEN Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Die Taube hat aber noch eine weitere Bedeutung und bestätigt erneut die überragende Pädagogik Gottes. Vielleicht erinnern Sie sich an eine Episode aus dem AT, in der es auch um Wasser und um eine Taube geht: Die Sintflut in Genesis. Dort ist auch das Wasser das Element, das die Sünde „zudeckt“ und dadurch sühnt. Die durch die Flut Geretteten sind die einzigen Gerechten, Noah und seine Familie. Und als die Erde wieder bewohnbar ist, ist es eine Taube, die mit einem Zweig im Schnabel zurückkehrt. Sie wird somit zum Symbol für das neue Leben. So werden die Anwesenden am Jordan hier auf die Taufe vorbereitet und erkennen die Typologie zwischen der Sintflut und dem gegenwärtigen Taufereignis. Durch die Taufe Jesu beginnt etwas, das sich am Kreuz vollenden wird: Die Sühne der weltweiten Sünde durch Jesus Christus. Er lässt sich taufen (es ist noch keine Taufe wie unsere, sondern die Johannestaufe als Bußakt!) als Zeichen der Buße für uns alle! Gleichzeitig zeigt Gott schon, wie die sakramentale Taufe sein wird: Der Geist Gottes kommt auf den Getauften und bleibt! So kommt auch auf uns bei der Taufe der Hl. Geist und verlässt uns nicht. Er ist das Zeichen des neuen Lebens, des ewigen Lebens! Diese Taube hat keinen Zweig im Schnabel, aber sie ist das Zeichen des Reiches Gottes, in dem wir leben dürfen als Erben Gottes!
Es schließt sich mit diesem Evangelium der Kreis, den die Lesung bereits gezeichnet hat. Die Erfüllung mit dem Hl. Geist ist es, die uns heiligt. Wir wollen den Geist nicht verlieren, das heißt den Stand der Gnade nicht verlieren, weshalb wir uns heiligen – den Zustand aufrecht erhalten.
Johannes genießt wirklich ein Privileg, das kein anderer Prophet vor ihm erleben durfte. Er sieht mit eigenen Augen den Sohn Gottes, den er öffentlich bezeugt. „Dieser ist der Sohn Gottes“. Er erkennt, dass er eine große Aufgabe bei der Erfüllung des Heilsplans Gottes erfüllt. Er tauft den, der es nicht nötig hat, damit die stellvertretende Sühne Christi, die am Kreuz zur Vollendung gelangen wird, ermöglicht werden kann. Er wird zum Werkzeug der Erlösung wie kein anderer Prophet. Dies macht ihn wirklich zum Größten aller Propheten.

Wir hören viel von der Taufe, weil wir mit großen Schritten auf das Fest der Taufe des Herrn zusteuern. In diesen Wochen können wir uns gut auf unsere eigene Taufe besinnen und Gott danken, dass er uns zu Erben in seinem Reich eingesetzt hat. Danken wir unseren Eltern, die uns die Taufgnade ermöglicht und uns so zu Kindern Gottes gemacht haben. Erneuern wir unsere Taufe jeden Tag und leben wir sie ganz bewusst. Wir sind zur Heiligkeit berufen. Vergessen wir das nie.

Ihre Magstrauss