Dienstag der 4. Osterwoche

Apg 11,19-26; Ps 87,2-3.4.5 u. 7; Joh 10,22-30

Apg 11
19 Bei der Verfolgung, die wegen Stephanus entstanden war, kamen die Versprengten bis nach Phönizien, Zypern und Antiochia; doch verkündeten sie das Wort nur den Juden.
20 Einige aber von ihnen, die aus Zypern und Kyrene stammten, verkündeten, als sie nach Antiochia kamen, auch den Griechen das Evangelium von Jesus, dem Herrn.
21 Die Hand des Herrn war mit ihnen und viele wurden gläubig und bekehrten sich zum Herrn.
22 Die Nachricht davon kam der Gemeinde von Jerusalem zu Ohren und sie schickten Barnabas nach Antiochia.
23 Als er ankam und die Gnade Gottes sah, freute er sich und ermahnte alle, dem Herrn treu zu bleiben, wie sie es sich im Herzen vorgenommen hatten.
24 Denn er war ein trefflicher Mann, erfüllt vom Heiligen Geist und von Glauben. So wurde für den Herrn viel Volk hinzugewonnen.
25 Barnabas aber zog nach Tarsus, um Saulus aufzusuchen.
26 Er fand ihn und nahm ihn nach Antiochia mit. Dort wirkten sie miteinander ein volles Jahr in der Gemeinde und lehrten eine große Zahl von Menschen. In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen.

Wir hörten die letzte Woche ja vom ersten Märtyrer Stephanus und die mit seinem Martyrium einsetzende Jerusalemer Christenverfolgung. Durch diese kommen viele Christen in andere Orte, wo sie sich niederlassen. Unter anderem hören wir von Antiochia, was zum Basislager des Paulus bei seinen Missionsreisen wird. Auch dorthin kommen nun also Christen und verkünden das Evangelium Jesu Christi. Die Apostelgeschichte berichtet uns davon, dass die Evangelisierung zunächst bei den Juden geschieht. Es gibt aber auch schon erste Heidenmissionen in dieser Gegend.
„Die Hand der Herrn“ auf Menschen ist schon im Alten Testament eine Wendung für den Segen und Beistand Gottes. Es zeigt, dass die Christen vom Heiligen Geist geleitet werden und dass die Evangelisierung gottgewollt ist.
Antiochia entwickelt sich zu einer besonders großen und lebendigen Gemeinde, was bis nach Jerusalem vordringt. Von dort wird nun Barnabas nach Antiochia geschickt. Wir merken, dass die Jerusalemer Urgemeinde eine Vorrangstellung besitzt. Sie ist die erste Zentrale des Christentums, von wo aus die anderen Gemeinden verwaltet werden. Auch wird zu Paulus‘ Missionszeiten immer wieder eine Kollekte für jene Zentralgemeinde gesammelt.
Barnabas kommt nach Antiochia und freut sich über die Gnade Gottes. Das heißt, er freut sich über die Früchte, die er dort sieht und die er auf die Gnade Gottes zurückführt. Es bezieht sich auf den lebendigen Glauben und wohl auch auf die Menge an gläubiggewordenen Menschen. Wo sich Massen zu Christus bekennen, besteht die Gefahr eines oberflächlichen Glaubens. Der Geistliche kann dem einzelnen Christen nicht mehr so viel Aufmerksamkeit entgegenbringen, wie es bei einer kleineren Zahl möglich ist. So ermahnt Barnabas die Christen dazu, an dem versprochenen Bekenntnis der Taufe festzuhalten und nach der ersten Begeisterung nicht zu erkalten.
Barnabas ist ein sehr begnadeter Mensch, den Gott wirklich zum Werkzeug seines Heilsplans macht. Durch ihn kommen viele Menschen zum Glauben und die Gemeinde wächst noch weiter.
Doch er bleibt dabei nicht stehen. Er reist nach Tarsus, in die Heimatstadt des Paulus, wo dieser sich zurzeit aufhält. Barnabas holt ihn nach Antiochia, damit sie gemeinsam in der Gemeinde wirken können. Dort bleiben sie ein Jahr und evangelisieren. Antiochia ist der Ort, an dem man die Christusgläubigen das erste Mal Christen nennt.
Gestern hörten wir davon, dass zunehmend auch Heiden zum Glauben an Christus kommen und ihnen dieselben Gaben des Geistes zuteil werden wie den Juden. Die Apostel realisieren immer mehr, dass der Neue Bund Jesu Christi wirklich universal ist. Heute wird uns deutlich, dass trotz der zunehmenden Heidenmission die ersten Versuche in einer Gemeinde immer zuerst den Juden gelten. So wird auch Paulus bei seinen Missionsreisen immer zuerst zu den Synagogen gehen und erst bei Ablehnung den Heiden predigen. Es ist ein Vorgehen, der an Jesu Worte angelehnt ist: „Das Heil kommt von den Juden.“ Und dennoch ist es ein längerer Prozess, über das jüdische Denken, die bisherigen Horizonte und Vorannahmen hinauszugehen. Gerade die Frage der rituellen Reinheitsvorschriften wird die ersten Christen noch sehr beschäftigen und auch für Konflikte sorgen. Es wird vor allem beim Apostelkonzil von 48/49 ein Thema werden und auch die beiden Missionspartner Barnabas und Paulus zu einer heftigen Auseinandersetzung veranlassen (wenn es denn um das gemeinsame Essen geht und nicht um ein Problem mit Johannes Markus). Es ist alles im Werden und wir verfolgen mit Spannung diesen Prozess, der ganz vom Heiligen Geist begleitet wird. Auch wenn es Konflikte gibt und unterschiedliche Meinungen vorherrschen, setzt sich am Ende doch die Wahrheit durch. Das ist auf den Geist zurückzuführen, der in der Kirche lebt und wirkt.

Ps 87
1 Der HERR liebt seine Gründung auf heiligen Bergen,
2 die Tore Zions mehr als alle Stätten Jakobs.

3 Herrliches sagt man von dir, du Stadt unseres Gottes:
4 Ich zähle Rahab und Babel zu denen, die mich erkennen, auch das Philisterland, Tyrus und Kusch: Diese sind dort geboren.
5 Ja, über Zion wird man sagen: Ein jeder ist in ihr geboren. Er, der Höchste, gibt ihr Bestand!
7 Und sie werden beim Reigentanz singen: All meine Quellen entspringen in dir.

Heute beten wir einen der sogenannten Korachpsalmen, der Zion besingt. Das, was den Zionsberg so heilig macht, ist natürlich der darauf errichtete Tempel, in dem Gottes Herrlichkeit wohnt.
Insofern verstehen wir auch den Ausdruck „seine Gründung auf heiligen Bergen“. Gottes Haus selbst wird hier gegründet und er selbst hat Anteil an dessen Einwohnung. Wie diese konkret ausgesehen hat, wird uns bei der Einweihung des Offenbarungszeltes und nachher bei der festen Erbauung des Tempels in Jerusalem durch die Wolke deutlich, die sich auf den Ort legt. Der Mensch kann viel bauen und konstruieren. Erst wenn Gott sich dafür entscheidet, seine Herrlichkeit darauf zu legen, wird der Ort zu einem heiligen Ort.
Weil hier seine Wohnstatt ist, liebt Gott die Tore Zions auch mehr als alle anderen Stätten Israels. Zion ist ein Begriff, den wir nicht nur wörtlich begreifen wollen. Er ist für uns vor allem nicht mehr durch den Tempel als Wohnstatt Gottes wichtig. Vielmehr ist es der Ort des Osterereignisses. Christus hat hier die Erlösung für die ganze Welt erwirkt, indem er sich auf Golgota hingegeben hat bis auf den letzten Blutstropfen und am dritten Tag den Tod besiegt hat – in einem Garten aufersteht, dem Ort, der in der Genesis zum Ort des ewigen Todes geworden war (beim ersten Sündenfall). All das ist in Jerusalem passiert. Die Apostel, der engste Jüngerkreis Jesu, sowie die weiteren Jünger – all die Augenzeugen sind in der ersten Zeit dort versammelt. Der Zionsberg ist der Ort des Pfingstereignisses, von dem aus die Kirche mit Leben erfüllt wird. Es ist der Ort der ersten Gemeinde, die zentral ist für all jene Gemeinden, die danach entstehen (so wie Antiochia, von dem wir heute in der Lesung gehört haben). Jerusalem bleibt auch für die Christen wirklich die heilige Stadt, auch wenn nach der Zerstörung des Tempels die Bedeutung eine neue Dimension erhält. Schließlich wird aber auch zunehmend deutlich, dass mit Zion nicht mehr der irdische Ort gemeint ist, sondern jeder Altar, auf dem die Eucharistie gefeiert wird, stellt das neue Zion des Gottesreiches dar. Wo Jesus Wohnung nimmt in den eucharistischen Gaben, da ist Zion! Und das ultimative Zion erwartet uns in der Ewigkeit nach unserem Tod. Am Ende der Zeiten werden wirklich die Menschen von überall her zu diesem Zion kommen und Gott anbeten, der in ihrer Mitte wohnen wird im himmlischen Jerusalem.
In diesem mehrfachen Sinn dürfen wir auch die folgenden Verse betrachten. „Herrliches sagt man von dir, du Stadt unseres Gottes“ ist somit erst einmal wörtlich zu verstehen als Heilige Stadt wegen des Tempels, aber auch schon für die Juden der Ort der Endzeit. Schon Jesaja sieht die eschatologische Völkerwallfahrt zum Zion, die der Seher in der Johannesoffenbarung noch einmal sehen wird.
Wenn dann die Rede von Rahab und Babel ist, dann meint es zwei Orte. Rahab ist ja eigentlich der Name einer Frau, die zwei Kundschafter Josuas bei sich versteckt und somit rettet. Oft lesen wir in der Bibel, dass durch solche Namen eigentlich Codes ausgesagt werden, vor allem als Chiffren für Orte. Mit Rahab wird an dieser Stelle Ägypten umschrieben.
Es sagt aus, dass die anderen Orte Israel und den Zion und den Gott Israels anerkennen. Die Ägypter haben mit eigenen Augen spektakuläre Zeichen gesehen, durch die sie nicht anders können, als die Macht Gottes anzuerkennen, der auf dem Zion wohnt. Auch gerade die Philister haben große Wunder gesehen. Sie haben den Israeliten sogar die Bundeslade gestohlen, weil sie wegen ihr in den Schlachten gegen die Israeliten verloren haben.
Wenn wir über die Aussage nachdenken, dass man sagen wird: „Ein jeder ist in ihr geboren“, müssen wir wieder über den wörtlichen Sinn hinausgehen. Dahinter steht zunächst einmal die Vorstellung in der jüdischen Tradition, dass Jerusalem als Frau und Mutter betrachtet worden ist. Es ist die Mutter aller Völker und insofern ist die Wendung zu verstehen, dass alle in ihr geboren werden. Vor dem Hintergrund der Lesung erkennen wir die Mutterschaft Jerusalems noch viel tiefer. Sie ist Mutter des Christentums, denn hier ist die Kirche zum Leben erweckt worden an Pfingsten. Hier entsteht deshalb die erste Gemeinde, die in der weiteren Entwicklung eine Vorrangstellung erhält. Sie wird im ganzen römischen Reich von den verstreuten Gemeinden eine Kollekte einholen und von ihr aus werden die Apostel in die ganze Welt hinausgesandt. Die Kirche ist wirklich eine Mutter, denn in ihr werden die Menschen zu einer neuen Schöpfung wiedergeboren im Heiligen Geist. Dies geschieht in der Taufe. Und durch die vielen Heilsmittel nährt und tränkt die Kirche ihre Gläubigen, hegt und pflegt sie, erzieht sie, tröstet sie etc.
Bemerkenswert ist noch ein anderer Vers: „Der Höchste gibt ihr Bestand.“ Wir wissen ja, dass Jerusalem 70 n.Chr. von den Römern zerstört und vor allem vom Tempel nur noch eine Mauer übrigbleiben wird, die wir bis heute erhalten haben – die Klagemauer. Der Höchste, also Gott, gibt Jerusalem dennoch Bestand, nur auf eine ganz andere Weise, wie die Juden mit diesem Psalm angenommen haben. Es geht nun um die Kirche Jesu Christi, das neue Jerusalem. Dieses hat Bestand bis in die Ewigkeit, denn Jesus sagt in Mt 16: „Und die Mächte der Finsternis werden sie nicht überwältigen.“
Der Reigentanz deutet eine festliche Stimmung an und die Quellen, die in Zion entspringen, führen uns zurück zum Pfingstereignis. Dort ist der Ursprung von allem. Das neue Zion ist auch bis heute die Kraftquelle von allem. Wir können als Kirche nicht überleben, wenn wir nicht immer wieder zu dieser Quelle zurückkehren und aus ihr schöpfen. Die Eucharistie ist der Kern des ganzen kirchlichen Lebens. Wir brauchen den Leib Christi, denn wir sind der Leib Christi!

Joh 10
22 Um diese Zeit fand in Jerusalem das Tempelweihfest statt. Es war Winter

23 und Jesus ging im Tempel in der Halle Salomos auf und ab.
24 Da umringten ihn die Juden und fragten ihn: Wie lange hältst du uns noch hin? Wenn du der Christus bist, sag es uns offen!
25 Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich im Namen meines Vaters vollbringe, legen Zeugnis für mich ab;
26 ihr aber glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört.
27 Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir.
28 Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.
29 Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen.
30 Ich und der Vater sind eins.

Auch im Evangelium sickert diese Zionzentriertheit hindurch, wenn wir lesen, dass die heutige Rede Jesu, in der er das Hirtenthema wieder aufgreift, zur Zeit des Tempelweihfests stattfindet. Bei diesem Fest im Winter, das wir auch unter dem Begriff Chanukka kennen, gedenken die Juden der Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem.
Jesus ist wieder dort, denn er ist ein frommer Jude. Zu den Wallfahrtsfesten kann man ihn mit seinen Jüngern immer wieder in Jerusalem antreffen. So ist Jesus nun in der Halle Salomos, wo später dann Petrus eine Bekenntnisrede halten wird aufgrund der Heilung eines Gelähmten. Diese Halle ist wichtig, denn sie ist nach König Salomo benannt, der den ersten Tempel errichtet hat.
Die Juden stellen Jesus mal wieder auf die Probe, indem sie von ihm ein öffentliches Selbstbekenntnis fordern. Sie verstehen nicht, dass Jesus sie durch seine Taten, Worte und vor allem prophetischen Zeichenhandlungen darauf führt. Sie sollen von sich aus seine Messianität erkennen.
Und es ist nicht so, als ob er es nicht im Grunde schon längst offenbart hat. Deshalb sagt Jesus auch: „Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubt nicht.“ Taten sprechen mehr als tausend Worte. Jesu Verhalten schreit in jedem Moment danach: „Ich bin der Messias!“ Es macht Sinn, dass Jesus auf diese Weise seine Messianität offenbart. Hätte er sich hingestellt und einfach gerade heraus gesagt: „Ich bin der Messias“, hätte ihm erstens keiner geglaubt oder sich davon überzeugen lassen, zweitens wäre Jesus direkt festgenommen worden. Sein Weg ist die Erfüllung der Heiligen Schriften. Sie sind Zeugnis über ihn. Und gerade die Heilszeichen, die er im Namen seines Vaters vollbringt, bezeugen ihn.
Jesus greift hier noch einmal das Hirtenthema auf, denn er sagt: „Ihr aber glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört.“ Das ist hier nicht so gemeint, dass Jesus sie ausschließen will. Es ist eher so, dass sie seine Schafe nicht sein wollen. Er bietet ihnen durch sein gesamtes öffentliches Wirken immer wieder einen Platz im Stall an, doch sie lehnen es ab durch ihre Verstocktheit.
Seine Schafe dagegen hören auf seine Stimme und folgen ihm. Es sind jene, die seine Jünger geworden sind. Jesus kennt seine Schafe. Die Zuhörer werden daraus geschlossen haben, dass er ihre Namen kennt oder woher sie kommen. Doch Jesus meint noch so viel mehr. Es schließt sich mit seinen Worten der Kreis zu den vielen prophetischen Worten des Alten Testaments, die Gottes absolute Kenntnis unserer Herzen umschreiben. So denken wir z.B. an Jes 44,24, wo es heißt: „So spricht der HERR, dein Erlöser, der dich von Mutterleib an geformt hat.“ Solcherlei Sätze gibt es viele bei Jesaja, Jeremia etc. Der Menschensohn kennt die Menschen durch und durch, weil er Gott ist.
Jesus gibt seinen Schafen das ewige Leben. Er kümmert sich nicht nur um das leibliche Wohl, sondern es geht vor allem um das Himmelreich. Dieses ermöglicht er den Menschen durch seine Hingabe am Kreuz. Das kündigt er mit solchen Worten schon an.
„Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.“ Das spricht Jesus über den Einzelnen, aber auch von der Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen. Er tut es, wenn er Petrus sagt, dass die Mächte der Finsternis sie nicht überwältigen werden. Wir haben diesen Gedanken vorhin schon bedacht.
Gott ist der Allmächtige und er siegt über die bösen Mächte. Er wird seine geliebten Kinder vor dem Bösen retten, die gerettet werden wollen. Wenn wir Gott sagen, wenn Jesus Gott sagt, meint er die Einheit von sich und dem Vater. Deshalb sagt er hier auch am Ende „ich und der Vater sind eins.“ Sie sind beide Gott. Wenn er von der Macht des Vaters spricht, ist es kein Widerspruch dazu, dass die Schafe SEINER Hand nicht entrissen werden.

Wie müssen wir das Evangelium zu den restlichen Texten in Beziehung setzen? Da, wo Jesus ist, da ist Zion. Ein anderes Bild für Zion ist hier im Evangelium das bereits am Sonntag und am Montag verwendete Hirtenbild. Zion ist der Schaftstall Gottes, der Zufluchtsort aller Schafe. Und dieser ist überall dort, wo Christus durch die Tür der Ewigkeit hindurch in diese Welt kommt bei der Wandlung von Brot und Wein in seinen Leib und sein Blut. Dort besiegelt sein kostbares Blut uns Menschen und richtet uns auf gegen die Angriffe des Widersachers. Jesus kommt auch in den Schafstall und in das Zion unseres Herzens, wo er sich um uns kümmern möchte. Dies geschieht, wenn wir ihn in der Eucharistie empfangen. Dann tränkt und nährt er uns, stärkt uns, sodass wir den Lebensweg mit neuer Kraft beschreiten können. So erhalten wir auch die Kraft, die Gebote Gottes zu halten, was mit dem Geführtwerden durch den Hirten umschrieben wird. Es ist unser moralischer Weg und zugleich der Lebensweg durch den Tod hindurch in die Ewigkeit.
Der Tempel des Leibes Jesu selbst wird durch seine Worte geweiht, aber erst mit dem Tod und der Auferstehung Christi.
Diese Tempelweihe, dieses Zion, dieses Jerusalem hängt nicht mehr von einem realen irdischen Ort ab, sondern ist überall da, wo der Leib Christi ist. In der Apostelgeschichte sind wir Zeugen von dieser Universalität auch in der Geographie christlicher Gemeinden geworden. Jerusalem ist immer noch der wichtigste Ort wegen der Auferstehung und dem Pfingstereignis. Und doch wird Christi Gegenwart nicht ausschließlich dort angenommen. Christengemeinden entstehen in der ganzen Welt. Danken wir den Herrn für den Zion – des Leibes Christi, unseres Herzens, unserer Kirche und für das endgültige Zion der Ewigkeit!

Ihre Magstrauss

Dienstag der 5. Woche der Fastenzeit

Num 21,4-9; Ps 102,2-3.16-17.18-19.20-21; Joh 8,21-30

Num 21
4 Die Israeliten brachen vom Berg Hor auf und schlugen die Richtung zum Roten Meer ein, um Edom zu umgehen. Das Volk aber verlor auf dem Weg die Geduld,
5 es lehnte sich gegen Gott und gegen Mose auf und sagte: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser und es ekelt uns vor dieser elenden Nahrung.
6 Da schickte der HERR Feuerschlangen unter das Volk. Sie bissen das Volk und viel Volk aus Israel starb.
7 Da kam das Volk zu Mose und sagte: Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den HERRN und gegen dich aufgelehnt. Bete zum HERRN, dass er uns von den Schlangen befreit! Da betete Mose für das Volk.
8 Der HERR sprach zu Mose: Mach dir eine Feuerschlange und häng sie an einer Stange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht.
9 Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Stange auf. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben.

Heute hören wir von einem Zwischenfall des Volkes Israel zur Zeit der Wüstenwanderung. Die Israeliten sind unterwegs zum Roten Meer und umgehen dabei das Gebiet Edom. Gott führt es in der Wüste umher und so murrt das Volk Mose gegenüber: „Warum habt ihr uns auf Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser und es ekelt uns vor dieser elenden Nahrung.“ Was hier passiert, ist nicht einfach nur Unzufriedenheit. Das Volk hadert mit Gott, der ihm doch nur das Beste möchte, der den Israeliten das Heil schenken will. Doch stattdessen stellen sie den Willen Gottes infrage. Gott hat an ihnen bereits so große Heilstaten erwiesen und spektakuläre Zeichen gewirkt. Sie tun so, als wäre dies nie gewesen, als hätten sie schon längst all dies vergessen. Dieses Vergessen ist aber fatal, weil auch wir Menschen dann undankbar gegenüber Gott werden. Die Erinnerung der Heilstaten Gottes ist also auch für uns Christen heute heilsam. So sollen wir die Eucharistie zu seinem Gedächtnis tun, wie es Jesus seinen Aposteln im Abendmahlssaal aufgetragen hat. Auch im persönlichen Gebetsleben ist der dankende Lobpreis über vergangene Gnaden, die Gott einem geschenkt hat, unerlässlich. So bleibt der Mensch Gott gegenüber dankbar und erhebt sich nicht über ihn.
Gott möchte seinem auserwählten Volk die Chance geben, diese Fehlhaltung abzulegen, und so lässt er zu, dass die Israeliten von Schlangen gebissen werden. Viele sterben sogar an dem Schlangengift.
Hier heißt es in Vers 6, dass Gott diese Schlangen zum Volk schickte. Wir müssen hier wieder bedenken, dass Gott aktiv nichts Böses tut. Er ist der gute Gott und tut nur Gutes, was dem Menschen nicht schadet. Hier haben wir wieder eine Bibelstelle, die ein gutes Beispiel für die menschlichen Einflüsse in der Bibel darstellt. Gott hat sich zu allen Zeiten der menschlichen Fähigkeiten, kulturellen Verständnisse und dem historischen Kontext der Autoren bedient, als er durch sie das ewige Gotteswort in Menschenworte gefasst hat. Und so lesen wir hier die Vorstellung heraus, dass die bösen Dinge, die dem Menschen widerfahren, von Gott aktiv gewirkt werden. Später werden Propheten und schließlich Jesus selbst dieses Missverständnis klarstellen, sodass wir solche Bibelstellen vor dem Hintergrund jenes Verständnisses lesen müssen. Hier wird es bewusst so stehen gelassen, denn es ist ein Lernprozess der Menschheit. So ist es ja auch mit dem Monotheismus, dessen Entwicklungsstufen im Laufe des Alten Testaments ganz unterschiedlich sind und bewusst so stehen gelassen werden. So können wir den Verstehensprozess des Volkes Israel nachlesen.
Zurück zu Mose, dem Volk und den Giftschlangen: Das Volk ist zwar stur und beginnt schnell zu murren, doch genauso schnell erkennt es die Missetaten. Es kommt zu Mose in der akuten Leidenssituation und bekennt die Sünde: „Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den HERRN und gegen dich aufgelehnt.“ Sie haben die Chance sofort genutzt, die Gott ihnen geschenkt hat. Sie erkennen sofort, was sie falsch gemacht haben, und bitten Gott um Verzeihung. Er zögert auch nicht, ihnen auf das Fürbittgebet des Mose hin sofort aus dem Leiden heraus zu helfen: Mose soll eine Kupferschlange herstellen und auf eine Stange aufhängen. Das Gebilde soll aufgestellt werden und wenn jemand von einer Schlange gebissen wird, soll er sie anschauen.
Es geschieht so, wie Gott es vorgegeben hat: Mose stellt die Schlange her und stellt sie auf. Wer nun gebissen wird, schaut die Schlange an und bleibt am Leben.
Gottes wunderbare Vorsehung hat immer einen tieferen Sinn. Wir erahnen vielleicht schon, worauf Gott sein auserwähltes Volk vorbereiten will: Mose soll ein Gebilde herstellen, das den schadenden Schlangen gleich ist, eben auch eine Schlange. Das Sehen auf dieses Bild rettet die Gebissenen, auch wenn die Schlangen immer noch da sind und beißen.
So ist Jesus für uns zur Sünde geworden – dem, was uns den Tod bringt (nämlich den ewigen Tod fernab von der Herrlichkeit Gottes). Er ist selbst zur Sünde geworden, indem er den schändlichsten Tod gestorben ist, nämlich ans Kreuz geschlagen. Die Sünde ist noch weiterhin in der Welt so wie die Schlangen beim Volk Israel, doch sie bringen dem Menschen keinen ewigen Tod mehr, wenn sie auf das Kreuz schauen – und so wie das Volk ihre Sünden bekennen!
Es ist natürlich auch kein Zufall, dass das Volk Israel ausgerechnet durch Schlangen heimgesucht werden und dass die Schlange zum Typos des Kreuzes Christi wird: Sie ist der Inbegriff der Sünde, da der Satan das erste Menschenpaar durch ausgerechnet dieses Tier zur Sünde verführt hat. Dadurch, dass Jesus Christus selbst zur Sünde geworden ist – die ganze Sünde auf sich genommen hat – hat er der Schlange den Kopf zertreten (Gen 3,15: „Er trifft dich am Kopf“). Gemeint ist natürlich nicht das Tier an sich, sondern der Satan, der Widersacher Gottes! Durch die Taufe hat er die Giftschlangen unseres Lebens entmachtet, sodass ihr Gift uns nicht mehr zum ewigen Tod führen können. Es ist aber so wie in der Wüste zur Zeit des Mose: Die Kupferschlange ist da, Jesus ist für uns gestorben, aber das Heilmittel des Anschauens muss von uns ausgehen! Uns ist alles auf einem Silbertablett angerichtet. Nun müssen wir die Erlösung gläubig annehmen und durch den Bundesschluss der Taufe auch treu dazu stehen. Sonst werden die Schlangen uns auch weiterhin zum ewigen Tod führen.
Gott hat mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen, doch nach einiger Zeit hat es diesen Bund wieder vergessen. Es hat Gottes Güte infrage gestellt und so schwer gegen ihn gesündigt. Das Volk musste die Konsequenzen dieser Sünde tragen und kam so in die Notlage durch die Giftschlangen. Das Volk hat sofort verstanden, warum das passiert. Auch in unserer heutigen Zeit müssen wir uns fragen, warum wir jetzt so eine globale Not erleiden müssen. Nutzen auch wir heutzutage diese Chance zur Umkehr und bekennen wir dem HERRN unsere Sünde! Dann wir er auch heute nicht zögern, uns aus de Not zu befreien.

Ps 102
2 HERR, höre mein Bittgebet! Mein Schreien dringe zu dir!
3 Verbirg dein Angesicht nicht vor mir! Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu! Wenn ich dich rufe, eile und erhöre mich!
16 Dann fürchten die Völker den Namen des HERRN und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit.
17 Denn der HERR hat Zion dann wieder aufgebaut, er ist erschienen in seiner Herrlichkeit.
18 Er hat sich dem Bittgebet der verlassenen Stadt zugewandt, ihre Bittgebete hat er nicht verschmäht.
19 Dies sei aufgeschrieben für das kommende Geschlecht, damit den HERRN lobe das Volk, das noch erschaffen wird.
20 Denn herabgeschaut hat der HERR aus heiliger Höhe, vom Himmel hat er auf die Erde geblickt,
21 um das Seufzen der Gefangenen zu hören, zu befreien, die dem Tod geweiht sind
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Wir beten heute aus dem Psalm 102 als Antwort auf die Lesung. Es handelt sich um ein Bittgebet in Notlage:
„Mein Schreien dringe zu dir!“ Ja, das Volk Israel hat sehr oft zum HERRN geschrien in der Sklaverei Ägyptens, später im babylonischen Exil, es hat immer wieder in den verschiedenen Fremdherrschaften geschrien und so schreit das Volk Israel auch jetzt in der Wüste bei den vielen Giftschlangen, die das Volk ausrotten.
„Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu!“ Gott hat ein Gehör, kein Klageschrei seiner geliebten Kinder bleibt unerhört. Er greift immer ein – nur zu seiner Zeit und auf seine Weise. Eines können wir ganz sicher sagen: Es tut ihm immer weh, uns leiden zu sehen, denn Gott hat Mitleid mit uns Menschen. Ein anderes Wort für dieses Mitleid heißt Barmherzigkeit. Im Griechischen ist es ein und dasselbe Wort, wenn wir es im Neuen Testament lesen.
„Wenn ich dich rufe, eile und erhöre mich!“ Gott hat immer wieder geholfen. Die ganze Heilige Schrift ist ein einziges Zeugnis für Gottes Hilfe. Er hat ein ganzes Volk aus Ägypten ausziehen lassen, er hat dieses gesamte Volk durch ein Meer geführt. Er hat es vierzig Jahre am Leben erhalten, um es dann in das verheißene Land zu führen. Er hat es immer wieder von den Fremdherrschern und Feinden gerettet und sogar aus dem Exil wieder zurück in die Heimat geführt. Er hat die ultimative Rettungsaktion eingeleitet, als er seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, der allen Menschen gestern, heute und morgen die Erlösung erwirkt hat!
„Dann fürchten die Volker den Namen des HERRN und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit.“ Durch die spektakulären Heilstaten Gottes zum Beispiel bei dem Auszug aus Ägypten haben die  גֹ֭ויִם gojim, die heidnischen Völker, die Macht des Gottes der Israeliten anerkannt. Ein Beispiel für Könige sehen wir zur Zeit des Salomo, als die Königin von Saba sein Reich begutachtet. Spätestens mit der Geburt Jesu Christi wird sich dieses Schriftwort noch einmal deutlicher erfüllen, wenn die Repräsentanten der östlichen Könige vor dem neugeborenen Messias niederknien werden.
„Denn der HERR hat Zion wieder aufgebaut, er ist erschienen in seiner Herrlichkeit.“ Dies ist zunächst wörtlich auf die Situation der Israeliten zu beziehen, als der Psalm geschrieben worden ist. Es geht um den Wiederaufbau der Stadt Jerusalem nach dem babylonischen Exil. Gottes Herrlichkeit wurde durch seine Gegenwart im Tempel wieder geschaut. Wir lesen es noch weiter, denn bei der Tempelreinigung sagt Jesus zu den Menschen: Reißt den Tempel nieder. Ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen. Es geht nicht mehr um ein Gebäude, sondern um den Tempel seines Leibes. Er ist es. Mit diesem Leib, der dann sakramental weitergeführt die Kirche wird, ist das Reich Gottes ganz eng verbunden, der das neue Zion ist. Die sakramentale Antizipation dieses Reiches ist mit der Gemeinschaft der Gläubigen gegeben, die die Kirche ist. In ihr sehen die Gläubigen die Herrlichkeit Gottes verborgen in der Eucharistie. Die Kirche nimmt die endzeitliche Durchsetzung des Gottesreiches vorweg, die mit der Rückkehr des verherrlichten Menschensohnes einsetzen wird. Dann werden es alle sehen, dass Gott die Herrlichkeit ist.
„Er hat sich dem Bittgebet der verlassenen Stadt zugewandt, ihre Bittgebete hat er nicht verschmäht.“ Auch hier bezieht es sich wörtlich-historisch auf Jerusalem, das durch die Babylonier zerstört worden ist, aber auch dieser Vers ist in seinem geistigen Sinn weiterzudenken: Die verlassene Stadt ist zurückverwiesen auf Mose und das Volk Israel auf das Wohlergehen des Volkes und dessen Bund mit Gott zu beziehen. Durch die Leidenssituation mit den Giftschlangen ist das Volk zur Besinnung gekommen und hat sich wieder mit Gott versöhnt. In dieser Hinsicht ist die verlassene Stadt wieder zurückgekehrt. Wir müssen es vor allem auf Jesus Christus zu beziehen, der durch sein Erlösungswirken das Paradies wieder ermöglicht hat. Es war wie eine verlassene Stadt, aus der die Menschheit verbannt wurde. Sie lebte bis zur Erlösung im Exil, doch nun können die Menschen die Stadt wieder beziehen. Es gilt für jeden von uns auf moralischer Ebene: In jedem getauften Christen hat Gott Wohnung bezogen. Unsere Seele wird zum inneren Zion, in dem die Herrlichkeit Gottes wohnt. Das nennen wir moralisch auch den Stand der Gnade. Mit jeder Sünde verbannen wir uns selbst aus diesem Zustand und so wird die Seele zu einer verlassenen Stadt. Dies geschieht nicht sofort mit jeder lässlichen Sünde, sondern natürlich erst mit der Todsünde, doch auch die kleinen Beleidigungen und Lieblosigkeiten gegenüber Gott und dem Nächsten lassen die Stadtmauer immer mehr zerfallen und angreifbar werden. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis alles in sich zusammenfällt und der Feind uns aus der Stadt hinausjagt.
Am Ende der Zeiten werden wir voller Dankbarkeit in der Anschauung Gottes sagen: „Er hat sich unserem Bittgebet zugewandt und uns aus dem Exil des sündhaften und untergehenden irdischen Daseins herausgeholt und in die verlassene Stadt gebracht, die wir nun beziehen dürfen – das himmlische Jerusalem, das der Himmel ist!
„Dies sei aufgeschrieben für das kommende Geschlecht“ – der Psalm gibt selbst preis, dass die Worte nicht nur historisch-wörtlich zu verstehen sind und nur für eine bestimmte Generation gelten. Es bestätigt, was wir zum vorherigen Vers bedacht haben.
„Das Volk, das noch erschaffen wird“, wird Gott loben. Das sind wir, die wir im Neuen Bund mit Gott leben! Wir gehören schon zu der neuen Schöpfung, die Jesus begründet hat! Wir werden am Ende der Zeiten aber noch vollendet, wenn wir mit Leib und Seele bei Gott sein werden.
Gott hat aus der Höhe herabgeschaut – so hat er die Israeliten von den Giftschlangen gerettet, er hat das Volk Israel aus dem babylonischen Exil gerettet, er hat die ganze Menschheit vor der Verderbnis der Erbsünde gerettet, indem er seinen Sohn dahingegeben hat! Er rettet uns aus der Verderbnis durch die Taufe, aber auch immer wieder durch das Sakrament der Buße. Er wird uns am Ende aus den Wirren dieser Welt retten, wenn wir sterben und vor ihm stehen, aber auch am Ende der Zeiten, wenn er in die Weltgeschichte eingreifen wird, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.
Die Gefangenen, die dem Tod geweiht sind, betrifft einerseits die Gebissenen in der heutigen Lesung, andererseits die ganze Menschheit, die nicht mehr ins Paradies durfte wegen der Sünde des ersten Menschenpaares, es betrifft die Gerechten des Alten Testaments, die bis zur Erlösung Jesu Christi auf die Anschauung Gottes warten mussten, was wir die „Vorhölle“ nennen. Es betrifft auch uns, die wir gefangen sind in unserer eigenen Sünde, die uns dem Tod weiht (nämlich dem seelischen Tod ganz von Gott abgeschnitten!).
Der heutige Psalm ist so reich und so tief in seiner Bedeutung. Was wir über die Buchstaben hinaus erkennen reicht ganz weit zurück bis in den Garten Eden und ganz weit voraus bis zum Leben in der ewigen Glückseligkeit des Himmelreiches!

Joh 8
21 Ein andermal sagte Jesus zu ihnen: Ich gehe fort und ihr werdet mich suchen und ihr werdet in eurer Sünde sterben. Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.
22 Da sagten die Juden: Will er sich etwa umbringen? Warum sagt er sonst: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen?
23 Er sagte zu ihnen: Ihr stammt von unten, ich stamme von oben; ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt.
24 Ich habe euch gesagt: Ihr werdet in euren Sünden sterben; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.
25 Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Jesus antwortete: Warum rede ich überhaupt noch mit euch?
26 Ich hätte noch viel über euch zu sagen und viel zu richten, aber er, der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt.
27 Sie verstanden nicht, dass er damit den Vater meinte.
28 Da sagte Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, dass Ich es bin. Ihr werdet erkennen, dass ich nichts von mir aus tue, sondern nur das sage, was mich der Vater gelehrt hat.
29 Und er, der mich gesandt hat, ist bei mir; er hat mich nicht alleingelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt.
30 Als Jesus das sagte, kamen viele zum Glauben an ihn.

Der heutige Abschnitt aus dem Evangelium steht im Kontext verschiedener Streitgespräche, die Jesus mit den Juden in Jerusalem führt. Der Ort des Geschehens ist die Stadt, die so eine tiefe Bedeutung hat: Sie war verlassen während des Exils, sie ist es, wo das davidische Königreich sich etablierte, die Stadt, in der die Herrlichkeit Gottes im Tempel wohnhaft geworden ist, die Stadt, in der die Erlösung erwirkt werden sollte. Schließlich wird sich hier der Kreis schließen, der mit der Kupferschlange aus der Lesung begonnen worden ist:
Jesus kündigt den Menschen an: „Ich gehe fort und ihr werdet mich suchen und ihr werdet in eurer Sünde sterben.“ Er sagt es nicht, weil er die Juden verwirft. Er möchte sie wachrütteln, damit sie umkehren. Wenn sie ihn nämlich weiterhin so ablehnen, wird eintreffen, was er hier sagt. Wer die Erlösung und somit die Vergebung Gottes nicht annimmt, wird in den eigenen Sünden ertrinken. Dann wird die Konsequenz dieser Ablehnung die ewige Abgeschnittenheit von Gott sein, was wir Hölle nennen.
„Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.“ Die Juden verstehen überhaupt nicht, was Jesus ihnen erklärt. Er meint, dass er sterben und dann zum Vater heimkehren werde ins Himmelreich. Und wenn sie ihn bis zum Schluss ablehnen werden, dann können sie ihm dorthin nicht folgen. Er sagt ihnen also, dass er der Weg zum Vater ist! Stattdessen interpretieren sie Jesu Worte als Suizidgedanken.
Jesus erklärt die Banalität ihrer Gedankengänge damit, dass sie von unten sind, er aber von oben. Das meint zunächst einmal die Natur: Er ist vom Vater, er ist zuerst Gott, der er schon immer war, bevor er Mensch geworden ist. Diese göttliche Herkunft macht ihn gegenüber der Menschen kategorisch anders. Sie sind von Anfang an Menschen und nur Menschen. Wir könnten jetzt einwenden, dass wir Menschen ja eine ewige Seele haben und dadurch ja auch ein wenig „von oben“ sind. Ja, aber die gefallene Natur des Menschen, die noch nicht erlöst ist, ist noch sehr viel „unten.“ Sie hat die Gnade verloren und die Denkweise ist dem „unteren“ sehr verhaftet. Es ist also auch heilsgeschichtlich zu deuten: Jesus ist „von oben“, weil er voll der Gnade ist. Die Menschheit ist „von unten“, weil sie die ganze Gnade verloren hat.
„Ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt“ – muss in demselben Sinne verstanden werden. Einerseits betrifft es die Natur, andererseits das Maß an Gnade, schließlich auch die Denkweise, die sich daraus ergibt. Jesus denkt göttlich, er denkt vom Willen Gottes aus, der er ja ist. Die Menschen denken weltlich, sie denken nicht von dem aus, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Letztendlich wissen wir ja, dass dieses aber vom Satan kommt (denn Jesus hat diesen von Petrus weggejagt, der ihm gegenüber forderte, „was die Menschen wollen“. Mt 16).
Jesus hat viel Geduld mit den hartherzigen Juden. Er erklärt noch genauer, was er mit dem Appell meint. Er rüttelt sie mit Nachdruck auf: „Denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.“ – Er erläutert, dass es mit dem Glauben an ihn zusammenhängt, ob die Menschen das ewige Leben haben oder nicht. Dieser Glaube an ihn ist der Glaube an die Messianität Jesu, die sie ja die ganze Zeit nicht erkennen. Deshalb echauffieren sie sich ja über seine Heilstaten, statt sie auf die Verheißungen des Alten Testaments zu beziehen.
Sie fragen ihn immer noch ahnungslos oder vielleicht bewusst gestellt ahnungslos (?), wer er denn sei, so als ob sie ihn dazu bringen wollen, die „Gotteslästerung“ aus dem eigenen Mund auszusprechen. Jesus lässt sich von dieser Provokation überhaupt nicht beeindrucken, sondern sagt vielmehr zu sich selbst: „Warum rede ich überhaupt noch mit euch? Ich hätte noch viel über euch zu sagen, aber …was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt.“ Jesus tut alles in vollem Gehorsam und in Einheit mit dem Vater. Die Juden verstehen das aber gar nicht.
Und dann sagt Jesus etwas, das die frommen und schriftkundigen Juden eigentlich mit dem Buch Numeri in Verbindung bringen sollten, so wie wir bei folgenden Worten einen Aha-Effekt haben:
„Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, das Ich es bin.“ Der Menschensohn ist er selbst. Er ist der Sohn des Menschen, zu Hebräisch Adam. Er ist der Nachkomme Adams und so ebenfalls der erste Mensch, nun aber der neuen Schöpfung. Und so wie die Schlange in der Wüste werden die Menschen ihn erhöhen – am Kreuz auf Golgota. Und dann werden sie erkennen, dass Er es ist – dass er der Messias ist, den die Propheten schon so lange angekündigt haben! Doch es werden nicht die Juden sein, die dies zuerst bekennen werden, sondern der Hauptmann beim Kreuz, der dann sagen wird: „Wahrlich, dieser war Gottes Sohn.“
Jesus sagt auch „er hat mich nicht alleingelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt.“ Ja, Gott hat ihn auch in der dunkelsten Stunde am Kreuz nicht alleingelassen, auch wenn Jesus als Teil des Leidens und der Versuchungen die absolute Gottverlassenheit verspüren musste. Er hat weiterhin mit seinem Vater Kontakt gehalten, indem er zu ihm gebetet hat „Eli, Eli, lema sabachtani“, das im Laufe des Psalms in einen Lobpreis umschwingt. Der Vater hat den Sohn nie allein gelassen und ihn am dritten Tag von den Toten auferweckt! Gott lässt auch uns nie allein, selbst in der dunkelsten Stunde nicht. Wenn wir uns ganz an ihn klammern und uns selbst nicht von ihm entfernen, ist er immer da. Wenn wir ihn dagegen von uns wegschieben, dann schätzt er unseren freien Willen, auch wenn es ihn sehr schmerzt. Und doch geht er uns dann nach und ruft uns, wirbt um uns, tut alles, damit wir unsere Meinung noch ändern, bevor es zu spät ist.
Es ist sehr bemerkenswert, was wir am Ende lesen: Viele Menschen kommen bei diesen Worten Jesu zum Glauben an ihn. Es gibt also durchaus Menschen, bei denen es zu einem Aha-Effekt gekommen ist. Sie verstehen, dass Jesus die Verheißungen der Propheten erfüllt, dass er der Messias ist.
Auch wenn Jesus immer wieder angefeindet wird, bringen seine Worte vor seinem Tod schon reiche Frucht. Sein Tod und seine Auferstehung werden dagegen dann aber ein regelrechter Weinberg voller Früchte sein.

Was Jesus den Juden heute sagt, gilt auch uns: Fühlen auch wir uns angesprochen durch seine Worte! Glauben wir an ihn und leben wir entsprechend, damit wir nicht in unseren Sünden sterben. Das meint nicht nur den biologischen Tod auf moralischer Ebene (dass wir im Zustand der Todsünde sterben), das meint vor allem den seelischen Tod der Hölle nach unserem biologischen Tod! Mit den Bildern des Psalms könnten wir sagen, dann sterben wir im Exil und bleiben auf ewig in diesem Exil außerhalb des Himmels. Nur Jesus ist es, der uns aus dem Exil ins verheißene Land zurückführen kann, das das Himmelreich ist. Nutzen auch wir die Zeit der Gnade und kehren wir um von unserem sündigen Leben. Dieser Umkehr bedarf jeder Mensch, denn tagtäglich beleidigen wir den Herrn durch größere und kleinere Dinge. Und auch die kleinen Dinge können auf Dauer die Mauer zum Einreißen bringen…nehmen wir auch die kleinen Dinge ernst und vertrauen wir uns bei allem immer der Barmherzigkeit Gottes an, mit der er uns umarmen will!

Ihre Magstrauss

Montag der 5. Woche im Jahreskreis

1 Kön 8,1-7.9-13; Ps 132,6-7.8-9.10 u. 13; Mk 6,53-56

1 Kön 8
1 Damals versammelte Salomo die Ältesten Israels, alle Stammesführer und die Häupter der israelitischen Großfamilien bei sich in Jerusalem, um die Bundeslade des HERRN aus der Stadt Davids, das ist Zion, heraufzuholen. 

2 Am Fest im Monat Etanim, das ist der siebte Monat, kamen alle Männer Israels bei König Salomo zusammen. 
3 Alle Ältesten Israels kamen und die Priester nahmen die Lade 
4 und brachten sie zugleich mit dem Offenbarungszelt und den heiligen Geräten, die im Zelt waren, hinauf. Die Priester und die Leviten übernahmen den Trägerdienst. 
5 König Salomo aber und die ganze Gemeinde Israels, die bei ihm vor der Lade versammelt war, schlachteten Schafe und Rinder, die man wegen ihrer Menge nicht zählen und nicht berechnen konnte. 
6 Darauf stellten die Priester die Bundeslade des HERRN an ihren Platz, an den hochheiligen Ort des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Kerubim. 
7 Denn die Kerubim breiteten ihre Flügel über den Ort, wo die Lade stand, und bedeckten sie und ihre Stangen von oben her. 
9 In der Lade befanden sich nur die zwei steinernen Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit den Israeliten beim Auszug aus Ägypten geschlossen hatte. 
10 Als dann die Priester aus dem Heiligtum traten, erfüllte die Wolke das Haus des HERRN. 
11 Sie konnten wegen der Wolke ihren Dienst nicht verrichten; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus des HERRN. 
12 Damals sagte Salomo: Der HERR hat gesagt, er werde im Wolkendunkel wohnen. 
13 Erbaut habe ich ein fürstliches Haus für dich, eine Wohnstätte für ewige Zeiten.

Seit der Bitte um Weisheit in 1 Kön 3 sind viele Kapitel vergangen. Wir hören heute erst wieder aus Kapitel 8. In der Zwischenzeit hat sich z.B. die Weisheit Salomos in der berühmten Situation der zwei Frauen gezeigt, die beide behaupteten, die Mutter desselben Kindes zu sein. Es wird von seiner Innenpolitik und dem dauerhaften Frieden berichtet, von dem Reichtum des gesamten Reiches und der Herrschaft über alle Könige. Wir lesen auch davon, dass Salomos Weisheit die der Weisen Ägyptens und des Ostens übertrifft und er viele Sprüche und Lieder verfasst hat. Dann schließlich werden die Vorbereitungen zum Tempelbau geschildert, z.B. die Beschaffung von Holz aus Sidon. Daraufhin wird der Tempel innerhalb von sieben Jahren errichtet. Im Anschluss baut Salomo 13 Jahre lang an seinem Palast. Als alles fertiggestellt ist, bringt er die Weihegaben seines Vaters David in den Tempel und füllt die Schatzkammern mit den heiligen Geräten. Die Bauarbeiten werden sehr ausführlich geschildert, weshalb die Auslassung dieser Kapitel nachvollziehbar ist.
Heute hören wir nun davon, wie die Bundeslade, das heißt das Allerheiligste zum Tempel gebracht wird. Der Tempel wird erst durch sie zur Wohnstatt Gottes.
Es versammeln sich zu diesem Anlass die Ältesten Israels, die Stammesführer und die Häupter der Großfamilien. Es wird hier so geschildert wie ein liturgischer Rahmen, in den dieses Ereignis eingebettet ist. Das sehen wir daran, dass sich die Repräsentanten des Volkes versammeln und viele Opfer darbringen.
Die Priester und Leviten sind dabei die Träger der Bundeslade und stellen sie ihm Allerheiligsten des Tempels ab. In der Lade befinden sich „nur“ die Steintafeln mit den Geboten Gottes. Dieses „nur“ deutet an, dass später noch Manna und auch der Aaronstab dort hineingelegt werden.
Dann passiert etwas, das auch uns heute zu denken gibt: Gottes Herrlichkeit legt sich in Form einer Wolke auf den Tempel nieder. Die Priester und Leviten können nicht einmal mehr hinein, um ihre kultischen Dienste zu vollziehen.
Die Heiligkeit des Gottesortes wird nicht dadurch erzielt, dass Menschen ihn heiligen. Gott selbst ist es, der einen Ort heilig macht. Zuerst kommt Gottes Herrlichkeit, dann erst unser menschliches Bemühen, dieser Herrlichkeit liturgisch gerecht zu werden. Wann zudem Kult ausgeübt werden soll, hängt von Gott ab, der dies vorgibt. Wenn er mit seiner dunklen Wolke den Ort erfüllt, sodass keiner ihn betreten kann, signalisiert es dies zum Beispiel.
Für die Kirche ist es eine wichtige Lektion. Heutzutage gibt es viel Aktivismus in der Kirche und insgesamt denken viele Gemeinden sehr menschlich. Nicht sie bestimmen Liturgie, sondern Gott. Er ist es, der die Vorgaben macht und die Menschen können nur ihr bestes geben, seiner Heiligkeit gerecht zu werden durch eine angemessene Liturgie. Die Heiligkeit des Ortes hängt aber nicht von den Menschen ab, sondern von Gott, dessen Gegenwart die Kirche erfüllt – im Allerheiligsten, das nun eucharistisch ist.

Ps 132
 6 Siehe, wir hörten von seiner Lade in Efrata, fanden sie im Gefilde von Jáar. 

7 Lasst uns hingehen zu seiner Wohnung, uns niederwerfen am Schemel seiner Füße! 
8 Steh auf, HERR, zum Ort deiner Ruhe, du und deine machtvolle Lade! 
9 Deine Priester sollen sich in Gerechtigkeit kleiden und deine Frommen sollen jubeln. 
10 Um Davids willen, deines Knechts, weise nicht ab das Angesicht deines Gesalbten! 
13 Denn der HERR hat den Zion erwählt, ihn begehrt zu seinem Wohnsitz:

Heute beten wir im Anschluss an die Lesung einen Wallfahrtspsalm, der auf die Gegenwart Gottes im Tempel Bezug nimmt.
Die beiden Stichpunkte „Efrata“ und „Jaar“ deuten auf den Ort Kirjat-Jearim bzw. Baala hin, wo die Bundeslade vor der Überführung nach Jerusalem stand. König David hat sie laut 2 Sam 6 damals nach Jerusalem gebracht, wobei es einen Zwischenstopp geben musste. Ihre Heiligkeit ist so groß, dass als einer der Träger sie aus Versehen berührte, gestorben ist. Und diese Bundeslade ist auch der Grund, warum sich in der Lesung die Herrlichkeit Gottes als Wolke auf den Tempel gelegt hat. Es ist nicht die Lade selbst, sondern ihr Inhalt – das Wort Gottes, das Gott selbst in die Steintafeln vom Sinai geschrieben hat.
Der Wallfahrtscharakter des Psalms entsteht durch die Aufforderung zum Gehen „zu seiner Wohnung“. Die Wohnung Gottes ist dabei eine gängige Bezeichnung für den Tempel in Jerusalem. Dass Gott wirklich in diese Wohnung eingezogen ist, wurde ja durch diese den Israeliten bereits bekannte Theophanie der Wolke signalisiert.
Das Niederwerfen zeigt, dass das Ziehen zum Tempel auf die Anbetung Gottes abzielt. Der „Schemel seiner Füße“ ist dabei natürlich metaphorisch zu verstehen, denn Gott hat keine Füße. Was dadurch aber ausgedrückt wird, ist nicht einmal die Spitze des Eisbergs. Gottes Herrlichkeit kann kein Tempel der Welt vollständig fassen, sondern es ist lediglich ein Funke, den wir in seiner Wohnung sehen. All die noch so sakrale und würdige, angemessene Liturgie bringt die Anbeter höchstens an den Fußschemel des göttlichen Throns. Die Kirchenväter haben es für die Kirche so ausgedrückt, dass der Kult des Alten Israel ein Schatten der himmlischen Liturgie sei, die Liturgie der Kirche dagegen ein Bild. So kann selbst im Neuen Bund, der das Fleisch und das Blut des menschgewordenen Gottes umfasst, nicht mehr nur zwei Steintafeln, der himmlische Kult allenfalls erahnt werden.
Im Folgenden fordert der Beter Gott auf, Wohnung im Tempel zu nehmen. Dabei setzt der Psalm voraus, dass seine Herrlichkeit mit der Bundeslade zusammenhängt („du und deine machtvolle Lade“). Dies ist geschehen, als die Bundeslade von Kirjat-Jearim letztendlich nach Jerusalem ins Offenbarungszelt gekommen ist. Dies geschieht heute auch, als Salomo für Gott schließlich einen festen Tempel gebaut hat.
Die „Priester“ und „Frommen“ deuten an, wer den Tempel frequentiert: Die Diener des Kultes und die Gläubigen, die zu den großen Festen und sonstigen Anlässen in den Tempel zum Opfern kommen. Das Gewand der Priester soll dabei die Gerechtigkeit sein. An ihnen soll man die Heiligkeit Gottes erkennen. Sie sollen mit ihrem ganzen Dasein Gott gehorchen und seinen Willen tun. Diese Gedanken können wir durchaus auf unsere heutigen Priester übertragen, auch wenn sich ihr Weihepriestertum nicht vom Priestertum Aarons, sondern Melchisedeks ableitet. Wer wenn nicht sie soll in die Gerechtigkeit Gottes gekleidet sein!
Das „Angesicht des Gesalbten“ kann man unterschiedlich deuten. Wörtlich-historisch kann man es auf den aktuellen König Salomo beziehen, dem Gott aufgrund seines Vaters David wohlgesinnt sein soll. Wir lesen es aber auch schon messianisch, sodass das Antlitz des Gesalbten auf Jesus zu beziehen ist. Wir lesen den Vers dann so: „Um Davids willen, deines Knechts, weise nicht ab das Angesicht Christi.“ Jesus ist der Sohn Davids und so ist eine heilsgeschichtliche Verbindung zwischen beiden geschaffen. Wir beten auch für jeden von uns, die wir durch Taufe und Firmung gesalbt sind.
Auch der nächste Vers ist dahingehend mehrfach zu deuten: Denn Gott hat sich den Zion als Wohnstätte ausgesucht. Das ist wörtlich auf den Zionsberg zu beziehen, auf dem die Stadt Jerusalem erbaut ist. Es meint aber darüber hinaus die Person, in der Gott als Mensch Wohnung beziehen wird – Maria. Sie ist das Zion, die heilige Stadt, und sie ist der Tempel, auf den sich die Herrlichkeit Gottes legt. Der Geist Gottes zeugt in ihr den Sohn Gottes und so nimmt Gott selbst Wohnung in ihr wie im Tempel. Sie ist die Bundeslade, in der das Wort Gottes nun nicht mehr durch zwei Steintafeln in sie hineingelegt wird, sondern als das fleischgewordene Wort Gottes! Und damit legt sie archetypisch den Grund für die Kirche, die all das ist. Die Kirche hat Gott sich ausgesucht, gebaut, gestiftet. Er hat sie sich erwählt und sie deshalb zu seiner Wohnung gemacht. In jeder katholischen Kirche, die Sie betreten, sehen Sie das ewige Licht und den Tabernakel. In ihm wird der Leib Christi aufbewahrt. Es ist Gott selbst, der in jeder Kirche wohnt und deshalb ist es ein heiliger Ort. Gott hat auch jeden einzelnen Menschen erwählt zu seiner Wohnstatt. Er möchte in der Seele jedes Menschen wohnen. Dabei zieht er nur dann ein, wenn wir ihm den Tempel unserer Seele auch zur Verfügung stellen so wie Salomo, der sieben Jahre daran gebaut hat. Wenn wir in Gerechtigkeit gekleidet durch dieses Leben gegangen sind und ihm die Ehre gegeben haben, werden wir am Ende die letzte und endgültige Wallfahrt unternehmen zum himmlischen Zion.

Mk 6
53 Sie fuhren auf das Ufer zu, kamen nach Gennesaret und legten dort an. 

54 Als sie aus dem Boot stiegen, erkannte man ihn sogleich. 
55 Die Menschen eilten durch die ganze Gegend und brachten die Kranken auf Liegen zu ihm, sobald sie hörten, wo er war. 
56 Und immer, wenn er in ein Dorf oder eine Stadt oder zu einem Gehöft kam, trug man die Kranken auf die Straße hinaus und bat ihn, er möge sie wenigstens den Saum seines Gewandes berühren lassen. Und alle, die ihn berührten, wurden geheilt.

Heute hören wir von weiteren Heilungen Jesu. Wo auch immer er hinkommt, bleibt die Gnade Gottes nicht tatenlos. Die Menschen strömen in Scharen zu ihm und bringen voller Glauben die Kranken zu ihm. Dieser große Glaube wird z.B. daran deutlich, dass die Kranken wenigstens den Saum seines Gewandes berühren möchten und sich schon davon Heilung versprechen. Weil Gott diesen großen Glauben bei den Menschen sieht, werden sie geheilt.
Diese Geheilten und ihre Begleiter sind von ihrer Einstellung her mit dem Gelähmten zu vergleichen, der durch ein abgedecktes Dach zu Jesus hinabgelassen wird. Die Menschen unternehmen alles ihnen Mögliche, um Jesus zu begegnen. Sie tun es nicht aus Sensationsgier, Neugier oder sonstigen unreinen Absichten, sondern weil sie ganz darauf vertrauen, dass Gott sie heilen kann.
Diese Episode des Evangeliums erinnert uns an den Transport der Bundeslade durch die Straßen hindurch zum Tempel in Jerusalem. Auch sie ist durch die Straßen getragen worden. Während ihre Begleiter die Priester und Leviten darstellen, sind es in Jesu Fall seines Jünger. Während in der Bundeslade das Wort Gottes in Buchstabenform durch die Straßen getragen wird, ist es hier das Wort Gottes in Menschenform, das durch die Straßen geht. Wir lesen dieses Evangelium eucharistisch und fühlen uns an Fronleichnam erinnert. Dort wird das Wort Gottes in Form des Leibes Christi durch die Straßen getragen. Und auch heutzutage möchte Jesus die Menschen heilen, die ihm so einen großen Glauben entgegenbringen wie die Kranken im Evangelium. Er möchte so wie damals zuerst unsere Seele heilen und reinigen. Und unseren großen Glauben bekunden wir dadurch, dass wir sagen: Nicht den Saum des Gewandes zu berühren reicht aus, sondern die Hostie in uns aufzunehmen, in der Jesu Gegenwart verborgen ist. Wir sehen ihn nicht mit unseren Augen (in Ausnahmefällen dann doch, siehe die eucharistischen Wunder…) und doch glauben wir, dass er genauso durch die Straßen zieht wie damals, als er in Menschengestalt unter uns gelebt hat.
Und wenn Jesus auf dem Weg zu unserem inneren Tempel ist, halten auch wir ihm die kranken Seiten unseres Lebens hin, damit er sie heile, ob es die Verwundungen unserer Seele sind, unsere Schwächen, durch die wir ständig in dieselben Sünden fallen oder ober es die Bereiche unseres Lebens sind, in denen wir Gott noch nicht den ersten Platz geben, in denen wir ihn vielleicht gar nicht erst hineinlassen. So werden auch wir ganz heil und ganz zu seiner Wohnung.

Ihre Magstrauss