Samstag der 7. Osterwoche

Apg 28,16-20.30-31; Ps 11,4.5 u. 7; Joh 21,20-25

Apg 28
16 Nach unserer Ankunft in Rom erhielt Paulus die Erlaubnis, für sich allein zu wohnen, zusammen mit dem Soldaten, der ihn bewachte.
17 Drei Tage später rief er die führenden Männer der Juden zusammen. Als sie versammelt waren, sagte er zu ihnen: Brüder, obwohl ich mich nicht gegen das Volk oder die Sitten der Väter vergangen habe, bin ich von Jerusalem aus als Gefangener den Römern ausgeliefert worden.
18 Diese haben mich verhört und wollten mich freilassen, da nichts Todeswürdiges gegen mich vorlag.
19 Weil aber die Juden Einspruch erhoben, war ich gezwungen, Berufung beim Kaiser einzulegen, jedoch nicht, um mein Volk anzuklagen.
20 Aus diesem Grund habe ich darum gebeten, euch sehen und sprechen zu dürfen. Denn um der Hoffnung Israels willen trage ich diese Fesseln.
30 Er blieb zwei volle Jahre in seiner Mietwohnung und empfing alle, die zu ihm kamen.
31 Er verkündete das Reich Gottes und lehrte über Jesus Christus, den Herrn – mit allem Freimut, ungehindert.

Gestern wurde uns von den Ereignissen beim Statthalter Festus berichtet, der so wie schon zuvor Felix die Forderung der Juden nicht versteht, Paulus wegen Glaubensfragen hart zu bestrafen. Das fällt nicht in den Aufgabenbereich der weltlichen Justiz. Und die Strategie, die bei Pontius Pilatus geklappt hat, funktioniert nicht noch einmal. Paulus ist nämlich römischer Staatsbürger und kann nicht einfach so verurteilt werden, wenn er sich in einem Prozess gut verteidigen kann. Und dieser Mann ist alles andere als ängstlich. Er wünscht sogar, vom römischen Kaiser selbst befragt zu werden. Das stellt den Anlass für die heutige Lesung dar: Paulus und sein Begleiter Lukas, der hier wieder in Wir-Form schreibt, kommen in Rom an, um dort in einem privateren Umfeld, jedoch mit einem Paulus bewachenden Soldaten zu leben. Es handelt sich um eine sehr leichte Form von Haft (also nichts im Gegensatz zum Gefängnis von Philippi mit seinem Kellerloch und dem Holzblock für die Füße…).
Wenige Tage nach seiner Ankunft sucht Paulus das Gespräch mit den führenden Juden Roms, um sie von seiner Unschuld und dem ungerechten Verhalten der jüdischen Brüder in Jerusalem zu informieren. Er hat nichts Unrechtes getan, sondern predigte lediglich die Auferstehung. Der Druck der jerusalemer Brüder ist der Grund, warum Petrus eigentlich nach Rom überführt worden ist. Nur so kann er Berufung gegen die Anklagen der Juden einlegen.
Er sieht auch die jetzige Situation als Wille Gottes an, „denn um der Hoffnung Israels willen“ ist er gefesselt. Das bedeutet, dass er diese Fesseln trägt, damit Israel Hoffnung haben kann. Sein Leiden, das sich an seine drei Missionsreisen anschließt, ist nun kein unhappy ending, das tragische Ende eines Gescheiterten, die Kapitulation vor der Welt. Vielmehr ist es ein fruchtbares Opfer, das viel Gnade nach sich ziehen wird. Und dies versteht Paulus, weshalb er diese Worte spricht. Wenn ich das Lebensende des Paulus betrachte, muss ich oft an Mutter Angelica denken, die Gründerin von EWTN. Auch sie hat ein großes Apostolat betrieben, um dann zwei Schlaganfälle zu erleiden und 15 ganze Jahre zu leiden, ohne weiterhin Sendungen produzieren zu können. Diese Jahre bis zu ihrem Tod waren aber alles andere als ein unrühmliches Ende. Durch ihr Leiden ist EWTN so sehr gewachsen und Gott hat diesem Sender sowie durch ihn so vielen Menschen Gnade erwiesen! Was sie am Ende durchgemacht hat, ist womöglich der Clou an der ganzen Sache gewesen. Und so stelle ich es mir bei Paulus vor, der nun nicht mehr reisen und evangelisieren, dafür aber wunderbare Briefe schreiben konnte. Ich denke auch an die vielen kranken, bettlägerigen und alten Menschen, die meinen, dass sie nichts Gutes in dieser Welt bewirken können. Das ist nicht wahr. Nur weil der Mensch physisch nicht dazu in der Lage ist, auf große Missionsreise zu gehen und Kirchen zu bauen, heißt das nicht, dass er vor Ort, in ihrer jeweiligen Situation, in Gegenwart ihrer Bezugspersonen nicht evangelisieren kann. Und die Art und Weise, wie sie ihr Kreuz tragen, wird die Menschen berühren. Gebe Gott, dass wir alle in Leidenssituationen so wie Paulus reagieren können, der sagt: „Um der Hoffnung willen trage ich die Fesseln“.
Paulus bleibt zwei Monate in einer Mietwohnung und empfängt viele Menschen. Es ist immer noch möglich, in der gegebenen Situation das Reich Gottes zu verkünden.
Über den Tod wird nichts mehr gesagt. Wir wissen durch andere Traditionen, dass er durch das Schwert umgekommen ist. So ist er hingerichtet worden. Warum wird so ein wichtiger Aspekt in der Apostelgeschichte einfach weggelassen, obwohl der Tod sonst immer entscheidend ist? Das deutet darauf hin, dass zur Zeit der Fertigstellung der Apostelgeschichte Paulus noch lebte!

Ps 11
4 Der HERR ist in seinem heiligen Tempel, der HERR hat seinen Thron im Himmel. Seine Augen schauen herab, seine Blicke prüfen die Menschen.
5 Der HERR prüft Gerechte und Frevler; wer Gewalttat liebt, den hasst seine Seele.
7 Denn gerecht ist der HERR, gerechte Taten liebt er. Redliche schauen sein Angesicht.

Als Antwort auf den Lebensausgang des Paulus beten wir heute einen Psalm Davids, der als Vertrauenspsalm bezeichnet werden kann. David betet darin als Einzelperson zum Herrn, was den Psalm eher als persönliches Gebet und nicht als ursprüngliches Lied in der Liturgie kennzeichnet.
Gott ist „in seinem heiligen Tempel, der HERR hat seinen Thron im Himmel.“ Die Zusammensetzung von diesen beiden Aussagen identifiziert scheinbar den Tempel als Gottes himmlischen Tempel. In diesem thron Gott, was ihn zum Herrscher über das Universum macht. Womöglich meint David aber diesen Zusammenhang gar nicht und so ist dann der irdische Tempel gemeint. Dort ist er gegenwärtig bei den Menschen.
Vom Himmel her schaut Gott auf die Menschen. Gott ist transzendent, der ganz Andere. Gott ist Geist. Und doch ist ihm unser eigenes Leben sowie die gesamte Schöpfung und Gesellschaft nicht egal. Er leitet die ganze Weltgeschichte, zugleich schaut er auf das Leben des Einzelnen. Das ist nichts Bedrohliches, sondern Ausdruck der Geborgenheit in ihm. Er kennt uns durch und durch. Er sieht auch ins Herz und verurteilt den Menschen nicht einfach nach seinen Werken.
Gott prüft den Menschen – um seinen Glauben zu testen und dadurch zu vertiefen oder um ihn zur Umkehr zu bewegen. Denn er möchte, dass alle Menschen leben, ewig leben bei ihm in seinem Reich. Wer aber Gewalttat liebt, hast seine „Seele“. נַפְשֹֽׁו nafscho meint, wie schon oft erklärt, nicht nur einen bestimmten getrennten Teil des Menschen, sondern seine gesamte Existenz. Mit „Gewalttat“ wird das hebräische Wort חָמָס chamas übersetzt. Es umfasst verschiedene Formen von bösen Taten wie Raub, Gewalt und Ungerechtigkeit. Wer aber so lebt, legt keinen Wert auf den Stand der Gnade und somit auf das ewige Leben. Er verabscheut sogar jene, die vor Gott gerecht sind. Wer sich nichts zuschulden kommen lässt, wird Gottes Angesicht schauen. Denn Gott liebt gerechte Taten.

Joh 21
20 Petrus wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus liebte und der beim Abendmahl an seiner Brust gelegen und ihm gesagt hatte: Herr, wer ist es, der dich ausliefert?
21 Als Petrus diesen sah, sagte er zu Jesus: Herr, was wird denn mit ihm?
22 Jesus sagte zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an? Du folge mir nach!
23 Da verbreitete sich unter den Brüdern die Meinung: Jener Jünger stirbt nicht. Doch Jesus hatte ihm nicht gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an?
24 Dies ist der Jünger, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.
25 Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat. Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen.

Gestern haben wir schon den wunderbaren Satz „liebst du mich?“ von Jesus gehört, der damit seinen schuldig gewordenen Freund konfrontiert. Am Ende des gestrigen Evangeliums ging es dann um das Lebensende des Petrus. Jesus deutete die Festnahme Petri und seine Hinrichtung an.
Heute hören wir die Fortsetzung und das Ende des Johannesevangeliums.
Petrus reagiert auf Jesu Worte sehr gelassen und macht keinen Aufruhr, wie man es sonst von ihm kennt. Entweder hat er die Andeutung nicht richtig verstanden oder er ist jetzt schon auf dem Weg der Veränderung zu einem neuen Menschen. Es ist bemerkenswert, dass Petrus sich zu Johannes umwendet und Jesus nach dessen Geschick fragt. Vielleicht fragt er ausgerechnet nach diesem, weil er der Jüngste ist, vielleicht auch, weil er der einzige Unverheiratete ist. Vielleicht tut er dies aber auch, weil Johannes sich um Jesu Mutter kümmern wird.
Jesus weist ihn dahingehend zurecht, dass er nicht nach dem Leben der anderen fragen, sondern sich um sein eigenes Seelenheil kümmern soll (Du folge mir nach). Anscheinend ist die Frage weniger von Sorge als vielmehr von Neugier getragen. Deshalb sagt Jesus auch zweimal: „Was geht das dich an?“ Dabei spricht Jesus diesen Satz zusammen mit dem Bedingungssatz: „Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme“.
Wegen dieser Aussage denken die anderen Jünger, dass Johannes nicht sterben werde. Doch Jesus meinte damit nicht, dass Johannes unsterblich sein werde. Die Grammatik des Bedingungssatzes weist auf einen prospektiven Fall hin, das heißt: Jesus geht als Sprecher dieses Satzes davon aus, dass dieser Fall in der Zukunft eintreten wird. Es ist kein Konditionalsatz irrealis, bei dem Jesus einen unwahrscheinlichen Fall anspricht im Sinne von „Und wenn ich sagen würde, dass er nicht sterbe, bis ich komme“. Jesus sagt nie etwas daher und selbst die Grammatik bestätigt, dass Johannes nicht sterben wird, bis Jesus kommt. Wir wissen, dass er als einziger Apostel nicht den Märtyrertod sterben wird, dass er aber zum heutigen Zeitpunkt gestorben ist, also bevor Jesus am Ende der Zeiten wiederkommen konnte. Das ist also nicht gemeint. Wenn man von einer Identität des Apostels und Evangelisten Johannes mit dem der Offenbarung ausgeht, könnte es meinen: bis Jesus in der Vision zu ihm kommt, um alles zu offenbaren.
Am Ende seines Buches schreibt Johannes, dass er dieser Jünger ist, den Jesus liebt. Er beteuert den Wahrheitsgehalt seines Evangeliums, das er als Zeugnis betrachtet.
Und dann sagt er im letzten Vers etwas Entscheidendes, das das reformatorische Sola Scriptura vernichtet: „Es gibt aber noch vieles andere, was Jesus getan hat.“ Er selbst erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und sagt selbst, dass gar nicht alles, was Jesus gesagt und getan hat, in ein Buch hineinpasst. Wollte man es versuchen, könnte die Welt diesen Haufen Bücher gar nicht fassen. Das sind deutliche Worte. Jesus ist mit seinem ganzen Wesen Exeget des Vaters. Wollte man jede Kleinigkeit, jeden Atemzug, jeden Blick, jede Lehre, jedes Gespräch literarisch festhalten, würde es die ganze Welt vom Umfang überfordern, aber auch vom Verstehen her. Jesus sagte in den Abschiedsreden zu seinen Aposteln, dass sie jetzt noch nicht alles verstehen und sie deshalb den Heiligen Geist brauchen. Er werde sie in alle Wahrheit leiten.

Heute enden zwei biblische Bücher, die uns in den letzten 49 Tagen begleitet haben, die ganze Osterzeit hindurch. Heute beenden wir sie, weil morgen Pfingsten ist, dieses große Geburtstagsfest der Kirche. Beten wir heute noch einmal intensiv um den Heiligen Geist. Öffnen wir unsere inneren Tore ganz weit, damit er mit seinen Gaben, Früchten und Charismen einziehen kann. Erneuert durch seinen Geist werden nicht nur wir als Einzelmenschen, sondern auch die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen erneuert. Das benötigen wir in unserer heutigen Zeit der absoluten Dekadenz unbedingt! Und möge der Geist auch auf die ganze Welt kommen, die so geplagt ist von bösen Mächten, Krankheiten, Angst und Panik, unglücklichen Menschen und Unfreiheiten.

Ihre Magstrauss

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