Dienstag der 16. Woche im Jahreskreis

Mi 7,14-15.18-20; Ps 85,2-3.5-6.7-8; Mt 12,46-50

Mi 7
14 Weide dein Volk mit deinem Stab, die Herde, die dein Erbbesitz ist, die einsam im Wald wohnt mitten im fruchtbaren Land! Sie sollen wieder im Baschan und in Gilead weiden wie in den Tagen der Vorzeit.

15 Wie in den Tagen, als du aus dem Land Ägypten auszogst, lass uns deine Wunder schauen!
18 Wer ist Gott wie du, der Schuld verzeiht und an der Verfehlung vorübergeht für den Rest seines Erbteils! Nicht hält er auf ewig fest an seinem Zorn, denn er hat Wohlgefallen daran, gütig zu sein.

19 Er wird sich unser wieder erbarmen, er wird niedertreten unsere Schuld. Ja, du wirst in die Tiefen des Meeres werfen alle ihre Sünden.
20 Du wirst Jakob Treue und Abraham Liebe erweisen, wie du unseren Vätern geschworen hast in den Tagen der Vorzeit.

Der heutige Ausschnitt aus dem Prophetenbuch Micha ist mit dem Titel „Jerusalems Gebet“ betitelt. Der Kontext der Worte ist ein Gebet Jerusalems, das Gott um seinen Segen bittet, der ihr aufgrund ihrer Vergehen verwehrt geblieben ist und wofür es büßen musste.
„Weide mein Volk mit deinem Stab, die Herde, die dein Erbbesitz ist“ – es ist wie ein Gebet der Herde, die ohne Hirte und bedroht ist, die sich ihren Hirten zurückwünscht. Wir bemerken in diesen Worten auch die starke Sehnsucht nach dem Messias, die immer deutlicher formuliert wird. Zur Zeit des Micha ist es noch ein politischer Befreier, ein Hirte, der irdisch weidet und die Katastrophe einer assyrischen Fremdherrschaft abwenden soll. Und doch lesen wir darüber hinaus schon mehr, nämlich die Erwartung einer Heilsgestalt, die umfassendes, über den Tod hinausgehendes Heil bringt. Und er wird wirklich kommen wie ein Hirte, er wird selbst sagen „ich bin der gute Hirte“. Er weidet seine Schafe und kennt sie durch und durch. Er ist pastoral im wahrsten Sinne des Wortes, so wie es auch Jesaja mit seinen messianischen Verheißungen angekündigt hat.
Dieses Gebet ist uns ein Vorbild, weil auch wir die Sehnsucht verspüren, zu den guten Zeiten zurückkehren zu wollen. Gehen wir dieser Sehnsucht nach und kehren wir zurück zur ersten Liebe!
„Lass uns deine Wunder schauen!“ – das Volk Israel hat Gottes große Taten bezeugt, weil es innig mit ihm verbunden war. Weil es von ihm abgekehrt ist, hat es diese Zeichen nicht mehr gesehen. So war es auch mit Abraham, als er selbst für einen Nachkommen über eine Nebenfrau sorgt, statt Gott zu vertrauen. Im Nachgang schweigt Gott ganze 13 Jahre Abraham an.
Auch Jesus musste Gottes Schweigen aushalten, nämlich am Kreuz. Es war eine große Glaubensprobe und Sühne, denn so hat Jesus das Schweigen Gottes im Leben aller Sünder gesühnt. Auch wir haben oft den Eindruck, dass Gott in unserem Leben schweigt. Zu einem großen Teil geschieht das aus demselben Grund wie bei Abraham oder wie hier im Buch Micha, auch wenn es nicht automatisch ist. Selbstverständlich kann es auch so sein wie bei Jesus – Gott erprobt unseren Glauben. So kann auch eine seelische Trockenheit große Früchte bringen – wir sehen es bei vielen Heiligen, zum Beispiel bei der Hl. Theresa von Kalkutta.
„Wer ist Gott wie du!“ – aus anderen Religionen kennen wir zwar auch den Begriff der Barmherzigkeit, aber eben in der Situation der Schuldlosigkeit (Islam). Wir kennen aus dem Hinduismus und Buddhismus (sowie in anderen Religionen) die Karmalehre, die einen vollkommenen Tun-Ergehen-Zusammenhang herausstellt. Da ist kein Platz für Barmherzigkeit. So können wir wirklich sagen: Unser Gott, unser Glaube ist etwas Besonderes. Kein Gott hat sich von seinen geliebten Geschöpfen umbringen lassen, um ihre Sünden zu sühnen. Das ist die absolute Barmherzigkeit, wie man sie nirgendwo sonst finden wird. Er verzeiht uns unsere Schuld, aber das kann er nur, wenn wir darum bitten und wirklich bereuen.
Gott ist gütig, auch im Alten Testament. Vertrauen auch wir heutzutage auf seine Vergebung. Er kann auch heute aus einem Sünder einen Heiligen machen, wenn dieser dazu bereit ist und von sich aus alles Nötige dafür tut – in erster Linie umkehrt.
Dieses Gebet lässt den Glauben durchblicken, dass Gott der Treue ist und seine Versprechen hält, obwohl sein Volk ihm untreu geworden ist. Gott ändert auch an uns nicht seine Meinung, die wir von ihm abkehren mit jeder Sünde. Er hält sein Versprechen, das er uns durch den Neuen Bund in der Taufe gemacht hat. Wenn wir von Herzen umkehren und gemäß unserer Berufung als Erben seines Reiches leben, dann wird er uns das Erbe nicht vorenthalten. Gott möchte uns die Schuld vergeben.

Ps 85
2 Du hast wieder Gefallen gefunden, HERR, an deinem Land, du hast Jakobs Unglück gewendet.

3 Du hast deinem Volk die Schuld vergeben, all seine Sünden zugedeckt.
5 Wende dich uns zu, du Gott unsres Heils, lass von deinem Unmut gegen uns ab!
6 Willst du uns ewig zürnen, soll dein Zorn dauern von Geschlecht zu Geschlecht?
7 Willst du uns nicht wieder beleben, dass dein Volk an dir sich freue?
8 Lass uns schauen, HERR, deine Huld und schenk uns dein Heil!

Als Antwort auf die Lesung beten wir einen liturgischen Psalm, der als Volksklagelied bezeichnet werden kann. Das Volk klagt die Missstände an und bittet Gott um Gerechtigkeit und Frieden.
„Du hast wieder Gefallen gefunden (…) du hast Jakobs Unglück gewendet.“ Diese Aussage ist eine Erinnerung Gottes an seine bereits in der Vergangenheit ergangenen Vergebungsbereitschaft. Wir könnten hier viele Ereignisse als Beispiel heranziehen, die das beweisen. So ist ganz prominent die Anbetung des goldenen Kalbs direkt am Gottesberg Sinai zu nennen. Nachdem Gott das Volk aus Ägypten herausgeführt hatte und bereit war, einen Ehebund mit ihm zu schließen, verfiel dieses direkt dem Götzendienst und wurde ihm bei nächster Gelegenheit untreu. Ein Schlag ins „Gesicht“ Gottes! Und doch war Gott bereit, seinem Volk zu verzeihen, das Unheil von ihm abzuwenden. Er hat seinem „Volk die Schuld vergeben, all seine Sünden zugedeckt.“ Das entspricht seinem Wesen als Liebe. Denn es heißt schon in Spr 10,12 „die Liebe deckt viele Sünden zu.“ Gott offenbart schon im Alten Testament im Verhältnis zu seinem Volk, dass er die Liebe ist. Das geschieht nicht erst mit Jesus Christus. Er knüpft vielmehr daran an. Die Erinnerung an Gottes vergangene Vergebungsbereitschaft und Barmherzigkeit dient der Vorbereitung der sich nun anschließenden Bitte: „Wende dich uns zu, du Gott unsres Heils, lass von deinem Unmut gegen uns ab!“ Das Volk bittet Gott, auch jetzt in der gegenwärtigen Situation zu vergeben und den Zustand der Gnade wiederherzustellen. Gott soll nicht nachtragend sein, deshalb schließt das Volk die rhetorische Frage an: „Willst du uns ewig zürnen, soll dein Zorn dauern von Geschlecht zu Geschlecht?“ Gottes Zorn ist seine Reaktion auf ergangenes Unrecht. Es ist nie eine affektive und überzogene Reaktion, die Gott die Kontrolle verlieren lässt, sondern eine ganz kontrollierte, willentlich gesteuerte und angemessene Reaktion. Gottes Zorn hält also so lange an, wie es der Sünde des Volkes angemessen ist. Eigentlich können sich die Beter diese Frage also sparen, aber sie drückt den Wunsch aus, dass Gottes angemessene Reaktion möglichst bald ein Ende findet, vor allem wegen der aufrichtigen Reue der Sünder. Gott soll seine Barmherzigkeit walten lassen und die Spanne des Zorns verkürzen. Um Gott gleichsam zu „überzeugen“, stellt das Volk noch eine rhetorische Frage: „Willst du uns nicht wieder beleben, dass dein Volk an dir sich freue?“ Die Beter versprechen indirekt, dass sie mit einer erneuerten Beziehung zu ihm leben werden, in der sie sich an Gottes Gegenwart erfreuen. Dies geht aber nur, wenn er den Stand der Gnade wiederherstellt.
Um der Bitte der Vergebung Nachdruck zu verleihen, wiederholen die Beter die Vergebungsbitte: „Lass uns schauen, HERR, deine Huld und schenke uns dein Heil!“ Sie möchten seine Huld wieder schauen, in erster Linie durch seine Heilstaten. Diese werden vor allem auf politischer Ebene ersehnt, denn die Bedrängnisse vonseiten der israelitischen Feinde sind groß. Heil und Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit sind Güter, die zu jener Zeit diesseitig und politisch verstanden werden. Die aufkommende Messiaserwartung bezieht sich auf eine menschliche Gestalt, die sich politisch gegen die Feinde durchsetzen wird. Es wird deshalb eine königliche Gestalt erwartet.

Mt 12
46 Als Jesus noch mit den Leuten redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und wollten mit ihm sprechen.

47 Da sagte jemand zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen.
48 Dem, der ihm das gesagt hatte, erwiderte er: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?
49 Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Siehe, meine Mutter und meine Brüder.
50 Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.

Im Evangelium hören wir heute eine Episode, die sehr oft missverstanden und instrumentalisiert wird. Jesus verleugnet seine Mutter und Familie nicht, wie gerne von Nichtkatholiken zur Beweisführung gegen die innige Beziehung zwischen Jesus und Maria behauptet wird, sondern er möchte die Priorität der geistlichen Familie herausstellen:
Es ist so, dass Jesus noch mit den Menschen redet, denen er direkt zuvor Rückfälle in die Sünde und Besessenheit erklärt hat. Dieser Ort muss mal wieder überfüllt sein, denn Jesu Mutter und „Geschwister“ stehen draußen und suchen Jesus. Die Suche ist entweder darauf zu beziehen, dass die Menschenmasse einen Überblick verunmöglicht, oder es ist ein Aufsuchen Jesu. Im griechischen Text steht das Wort ἀδελφός, das unter anderem den direkten Bruder meint. Wir befinden uns im orientalischen Kontext, wo mit „Bruder“ alle möglichen Personen bezeichnet werden, auch Cousins oder entferntere Verwandte. Die Perspektive von „Familie“ ist weitergefasst als unsere heutige. Im Hebräischen und auch im Griechischen gibt es zu jener Zeit auch nur einen Begriff für männliche Verwandte, ob Bruder oder Cousin. Diese „Brüder“, von denen wir hier lesen, werden an anderer Stelle namentlich erwähnt. An wiederum anderer Stelle werden aber auch deren Eltern genannt und die Mutter ist eben NICHT Maria, die Mutter Jesu, sondern die andere Maria, die Frau des Kleopas. Wahrscheinlich sind es Jesu Cousins (mindestens zweiten Grades!). Maria ist immerwährende Jungfrau, so glaubt es die Kirche. Sie hat nur diesen einen Sohn zur Welt gebracht und auf eine andere Art und Weise als sonst gewöhnlich. Ihre biologische Jungfräulichkeit ist auch durch die Geburt nicht genommen worden.
Es geht also um die Großfamilie Jesu hier im Evangelium. Sie sucht Jesus auf und er serviert sie nicht ab. Dies können wir aus der heutigen Schriftstelle nur dann schließen, wenn wir oberflächlich lesen. Es geht Jesus um mehr. Er nimmt ihre Anwesenheit zum Anlass, etwas zu erklären, nämlich die geistliche Familie, die die Kirche ist. Alle, die den Willen Gottes tun, sind Geschwister, nämlich im Glauben. Und darin sind sie viel mehr zusammengeschweißt als die biologische Zusammengehörigkeit. Das muss Jesus den anwesenden Juden ganz behutsam beibringen, denn es ist keineswegs selbstverständlich. Für die Juden ist die Biologie alles. Als Jude wird man geboren. Zum Judentum gehörig ist der Beschnittene am Körper. Für die Anwesenden ist es also eine ganz große Herausforderung über ihren „jüdischen Tellerrand“ hinauszuschauen.
Jesus kann es sich erlauben, diese Dinge zu sagen. Er weiß, dass seine Mutter ihn versteht. Er weiß, dass sie nicht beleidigt reagieren wird, wenn er die anwesenden Menschen, die gekommen sind, den Willen Gottes zu erfahren, als seine Familie, sogar als seine Mutter bezeichnet. Wer, wenn nicht Maria wird dies alles schon sehr früh gelernt haben! Sie ist durch ein Gelübde „unfruchtbar“ und ist doch Mutter geworden. Schon von Kindheit auf ist Jesus einerseits den Eltern gehorsam, andererseits lehrt er seine Eltern als Gott. Sie sind nicht nur seine Eltern, sie sind auch seine Schüler, seine Kinder im Glauben. Jesus ist Marias Rabbi und Maria ist eine erste und beste Jüngerin. Sie wird ihm im heutigen Evangelium also absolut Recht gegeben haben. Wir wissen nicht, wie es ausgegangen ist. Vielleicht ist er danach hinausgegangen oder hat seine biologische Familie hinzugeholt. Denn was Jesus im Laufe seiner Verkündigung immer wieder vorlebt, ist die perfekte Kombination von biologischer und geistlicher Familie: Er ehrt in allem seine Mutter und ist zugleich mit ihr als geistliche Familie vereint. In ihrer Beziehung sehen wir, wie es bei uns der Idealfall sein kann: Unsere Familien sollen nicht nur biologischen, sondern gleichzeitig einen geistlichen Zusammenhang bilden. Dann haben wir einen Vorgeschmack des Himmels auf Erden. Wie schön ist es, wenn Geschwister gut miteinander auskommen, zugleich aber auch im Glauben zusammen wachsen, sich über Gott unterhalten und zusammen bzw. füreinander beten! Leider sehen wir oft, dass Geschwister überhaupt nicht gut miteinander auskommen, biologisch zwar verwandt, doch innerlich Fremde sind. Gleichzeitig haben wir Freunde, die mit uns den Glauben teilen und denen wir deshalb viel näher stehen. Die geistliche Familie ist eine viel stärkere Bindung als die Blutsverbindung. In diesem Fall greift das Sprichwort nicht: „Blut ist dicker als Wasser.“ Denn in diesem Fall ist das Wasser dicker als das Blut, nämlich das lebendige Wasser, das der Hl. Geist ist, aus dem wir neugeboren sind in der Taufe!
Die ersten Christen haben diese geistliche Familie gelebt, indem sie einander als Brüder und Schwestern bezeichnet haben. Wir lesen dies immer wieder in den Briefen des Neuen Testaments. Dies verändert auch unser Verhalten heute, wenn wir uns immer bewusst sind, dass alle Getauften unsere Geschwister im Glauben sind. Dann werden wir die Verantwortung für sie spüren (vor allem für ihr Seelenheil). Wir werden sie dann nicht mehr schlecht behandeln, sondern werden ihnen mit einer geschwisterlichen Liebe begegnen, einer hingebenden und aufopfernden Liebe.

Und wenn wir uns so unseren Nächsten gegenüber verhalten, dann sieht Gott auch, dass wir es aufrichtig meinen, wenn wir ihn um Vergebung unserer Sünden bitten. Er möchte Barmherzigkeit im zwischenmenschlichen Bereich, statt unaufrichtige Opfer.

Ihre Magstrauss

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