27. Sonntag im Jahreskreis

Jes 5,1-7; Ps 80,9 u. 12.13-14.15-16.19-20; Phil 4,6-9; Mt 21,33-44

Jes 5
1 Ich will singen von meinem Freund, das Lied meines Liebsten von seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe.

2 Er grub ihn um und entfernte die Steine und bepflanzte ihn mit edlen Reben. Er baute in seiner Mitte einen Turm und hieb zudem eine Kelter in ihm aus. Dann hoffte er, dass der Weinberg Trauben brächte, doch er brachte nur faule Beeren.
3 Und nun, Bewohner Jerusalems und Männer von Juda, richtet zwischen mir und meinem Weinberg!
4 Was hätte es für meinen Weinberg noch zu tun gegeben, das ich ihm nicht getan hätte? Warum hoffte ich, dass er Trauben brächte? Und er brachte nur faule Beeren!
5 Jetzt aber will ich euch kundtun, was ich mit meinem Weinberg mache: seine Hecke entfernen, sodass er abgeweidet wird; einreißen seine Mauer, sodass er zertrampelt wird.
6 Zu Ödland will ich ihn machen. Nicht werde er beschnitten, nicht behackt, sodass Dornen und Disteln hochkommen. Und den Wolken gebiete ich, keinen Regen auf ihn fallen zu lassen.
7 Denn der Weinberg des HERRN der Heerscharen ist das Haus Israel und die Männer von Juda sind die Pflanzung seiner Lust. Er hoffte auf Rechtsspruch – doch siehe da: Rechtsbruch, auf Rechtsverleih – doch siehe da: Hilfegeschrei.

Heute hören wir in der ersten Lesung das Lied vom Weinberg. Es kennzeichnet für uns das Thema des heutigen Sonntags – die Beziehung des Volkes Israels zu Gott im Bild des Weinbergs. Das Lied ist zutiefst gesellschaftskritisch und beinhaltet einen Umkehrruf an das Haus Israel.
Jesaja singt hier von einem Mann, der einen Weinberg liebevoll anlegt. Alles Steine entfernt und sehr gute Reben anplfanzt. Er setzt sogar einen Turm in die Mitte und hebt eine Kelter zur Produktion von Wein aus. Doch als die Ernte gekommen ist, bringt sie nur faule Beeren ein. Was für eine Enttäuschung für den Weinbauer!
Die Bewohner Jerusalems, die als Adressaten des Liedes gelten, werden nun direkt angesprochen mit mehreren rhetorischen Fragen. Sie sollen sich selbst ein Urteil über die Situation bilden, deshalb sagt Jesaja hier „richtet zwischen mir und meinem Weinberg“.
Dann setzt er das Lied fort, wobei nun nicht mehr der „Freund“ und „Liebste“ Jesajas der Protagonist ist, sondern Jesaja in der Ich-Form spricht, als ob er selbst zum Protagonisten wird. Vielmehr müssen wir uns das so vorstellen, dass das Folgende einen Gottesspruch darstellt, dieser es selbst ist, der hier nun die Worte in der Ich-Form über Jesaja an das Volk vermittelt. Und damit habe ich bereits die entscheidende Deutung gegeben – der Weinbauer ist Gott und die faulen Beeren sind das Volk Israel.
Was Jesaja hier nun besingt, ist das Gottesgericht: „Jetzt aber will ich euch kundtun, was ich mit meinem Weinberg mache: seine Hecke entfernen, sodass er abgeweidet wird; einreißen seine Mauer, sodass er zertrampelt wird.“ Wir müssen diese Worte zunächst historisch verstehen. Es ist für die Israeliten eine Gerichtsankündigung politischer oder irdischer Art. Gott lässt zu, dass die Grenzen des verheißenen Landes fallen werden und die Feinde eindringen können. Was Jesaja hier ankündigt, ist also zunächst eine kommende Fremdherrschaft. Ganz aktuell bezieht es sich auf den Einfall der Assyrer ins Nordreich. Gottes Schutz verschwindet, weil das Volk faule Früchte trägt. Und Früchte sind ein gängiges Bild für das Verhalten des Menschen. Wer schlecht lebt, also die Gebote Gottes nicht hält, der trägt schlechte Früchte.
Die Gerichtsworte sind sehr hart, denn Gott ist sogar bereit, seinen Weinberg zu Ödland verkommen zu lassen. Vom verheißenen Land soll nur noch eine Ruine übrig bleiben. Schließlich löst Jesaja selbst auf, dass der Weinberg das Haus Israel darstellt und die angepflanzten Reben die Männer von Juda sind. Damit ist gemeint, dass es die Israeliten selbst sind, denn Juda ist nicht ausschließlich gemeint, sondern als pars pro toto. Es meint im Grunde das ganze Volk Israel, nicht nur den einen Stamm. So werden die Nordstämme zuerst fallen, bevor die Babylonier den Süden einnehmen werden. Gott hoffte auf Rechtsspruch, „doch siehe da: Rechtsbruch“. Er hat gehofft, dass seine wunderbaren Reben gute Früchte tragen würden, doch das Unrecht herrscht im ganzen Land. Stattdessen ist das Hilfegeschrei der Unterdrückten und Ausgegrenzten zu ihm vorgedrungen.
Diese ganze Gerichtsankündigung bezieht sich nicht nur auf das Volk Israel und seine konkrete politische Situation. Wir müssen darüber hinaus geistlich weiterdenken. Weiten wir unseren Blick auf die gesamte heilsgeschichtliche Situation der Menschheit: Gott hat den Menschen als sein Abbild geschaffen und in den Garten Eden gesetzt. Er ist die wunderbare Krone der Schöpfung, der eine große Verantwortung übertragen wird. Doch was macht der Mensch aus sich? Er sündigt, wird ungehorsam gegen Gott und dadurch eine gefallene Schöpfung. Er bringt faule Beeren hervor und muss dafür bezahlen. Er wird aus dem Paradies verbannt ins Exil der Gottesferne. So sehr er sich auch danach sehnt, er kann das Angesicht Gottes nicht schauen. Erst mit der Erlösung Jesu Christi wird dieser Zustand überwunden. Alle, die sich zu ihm bekennen und sich auf seinen Namen taufen lassen, gehen den Neuen Bund mit Gott ein. Eine neue Schöpfung entsteht durch den Hl. Geist! Doch was ist, wenn der Mensch nach diesem Bundesschluss untreu wird und wiederum faule Beeren hervorbringt in der neuen Schöpfung? Auch diese ist ein wunderbar angelegter Weinberg, den wir das Reich Gottes nennen und dessen sichtbarer Teil hier auf Erden die Kirche darstellt. Und wenn die Menschen dieser neuen Schöpfung faule Beeren hervorbringen, dann erwartet sie ebenfalls das Gericht Gottes, wie es Jesaja hier beschreibt! Das betrifft auch jeden einzelnen Menschen. Wir sind von Gott biologisch geschaffen und im Geist neugeboren. Das ist aber erst der Anfang! Wenn wir im Laufe unseres Wachstums zu faulen Beeren werden und die Ernte kommt – ein gängiges Bild für das Gericht Gottes am Ende des Lebens und am Ende der Zeiten -, werden wir ein schlechtes Gerichtsurteilt erhalten. Gott hat so eine gute Pflanze angebaut, was haben wir daraus gemacht? So wird auch die ganze Welt gerichtet werden am Ende der Zeiten und Gott wird uns Menschen fragen, was wir aus seiner wunderbaren Schöpfung gemacht haben.

Ps 80
9 Einen Weinstock hobst du aus in Ägypten, du hast Völker vertrieben und ihn eingepflanzt.
12 Seine Ranken trieb er bis zum Meer und seine Schösslinge bis zum Eufrat!

13 Warum rissest du seine Mauern ein? Alle, die des Weges kommen, plündern ihn.
14 Der Eber aus dem Wald wühlt ihn um, es fressen ihn ab die Tiere des Feldes.
15 Gott der Heerscharen, kehre doch zurück,/ blicke vom Himmel herab und sieh, sorge für diesen Weinstock!
16 Beschütze, was deine Rechte gepflanzt hat, und den Sohn, den du dir stark gemacht!
19 Wir werden nicht von dir weichen. Belebe uns und wir rufen deinen Namen an.

20 HERR, Gott der Heerscharen, stelle uns wieder her, lass dein Angesicht leuchten und wir sind gerettet.

Auch in der Lesung wird das Bild des Weinbergs bzw. Weinstocks für Israel aufgegriffen. Wir merken: Wenn Jesus das im Johannesevangelium tut, hat dies eine lange Tradition.
Psalm 80 greift viele Aspekte der Lesung auf. Hier ist der Weinstock in Ägypten angelegt. Es bezieht sich auf die Zeit, als das Volk Israel in Ägypten lebte. Doch Gott vertrieb Völker, damit das Volk Israel bis zum Eufrat kommen konnte, das heißt ins verheißene Land. Es deutet den Exodus und die Landnahme an, die nach so vielen Irrungen und Wirrungen, nach vielen Jahrzehnten endlich klappte.
Es war so ein glorreicher Beginn. Das Volk hatte alles, es war fast wie das Paradies, doch der springende Punkt – die Menschen waren es nicht. Das Herz war zutiefst verdorben durch die Erbsünde. Und so lebten die Israeliten nicht nach den Geboten Gottes. Sie wurden ihrem Bund mit Gott untreu und verfielen sogar dem Götzendienst. Absolut „ehebrecherisch“ in Gottes Augen!
Die guten Früchte sind verfault und so riss Gott, der Winzer, die Mauern seines Weinbergs ein, wie es Jesaja im Lied besungen hat. Der Weinberg wurde geplündert von allen, die des Weges kamen. Auch die wilden Tiere kommen und fressen die Früchte ab. Sie zerwühlen alles, sodass nur noch ein einziges Chaos übrigbleibt. Beide Bilder erklären die Eroberungen der Feinde, die Philister und wie sie alle heißen. Dass Israel bekriegt wird, ist auf die Sünde Israels zurückzuführen. Diese wichtige theologische Schlussfolgerung möchte der Psalm uns heute vermitteln. Und das betrifft nicht nur die Probleme damals, sondern auch die Zustände in unserer heutigen Welt. Wie vieles von dem, was in unserer Welt passiert, kommt von unseren vielen Sünden! Allein der Genozid an den Millionen von Ungeborenen schreit zum Himmel! Gott lässt das nicht auf sich sitzen, was der Mensch hier tut. Dafür hat Gott ihn nicht geschaffen. Er hat ihm die Sorge für die Schöpfung anvertraut. Stattdessen wird der Mensch zum Massenmörder, der Leben auslöscht. Das ist eines von vielen Beispielen, die man hier anbringen kann.
Wichtig ist bei all dem: Es ist nicht zu spät, umzukehren. Beten auch wir heute wie die Israeliten damals: „Gott der Heerscharen, kehre doch zurück, blicke vom Himmel herab und sieh, sorge für diesen Weinstock!“ Bitten wir Gott um Verzeihung und kehren wir ab von den bösen Taten. Ändern wir unser Leben, angefangen bei uns selbst. Von dort aus kann die Familie, die Gesellschaft, alles wieder neu aufblühen. Wenn wir das Ödland in unserem Herzen wieder aufräumen und neu beleben mithilfe des Hl. Geistes, dann wird diese neue Fruchtbarkeit auch auf die Mitmenschen, auf das gesamte Lebensumfeld und die ganze Gegenwart übergehen.
Dann sollen auch wir Gott versprechen, von nun an ein besseres Leben zu führen, wieder gute Früchte zu tragen, zusammengefasst: unser Bundesversprechen zu erneuern und wieder treu zu leben. Dies ist nicht nur ein Versprechen, das die Israeliten JHWH gemacht haben. Gewiss brechen wir dieses Versprechen mit jeder Sünde, aber doch bemühen wir uns. Gott ist so barmherzig mit uns, dass er uns die Schuld vergibt, wenn wir ihn aufrichtig um Vergebung bitten.
Bemerkenswert ist auch der nächste Satz: Wir bitten um Belebung. Dies lesen wir sehr ekklesiologisch: Wir bitten als Christen um den Hl. Geist, der uns belebt, sodass wir seinen Namen anrufen können. Die Belebung verstehen wir sakramental als die Wiedergeburt im Hl. Geist, die Taufe! Zugleich lässt es uns an die Firmung denken, das ein persönliches Pfingsten in der Seele des Menschen ist. Diese beiden Sakramente waren ursprünglich eines. So verwundert das nicht. Wir bitten auch um Belebung der Kirche. Wir beten um Erneuerung durch den Geist Gottes, der das Feuer neu aufflammen lässt. Diese Erneuerung wird den angemessenen Lobpreis Gottes mit sich bringen. Dieser Satz ist auch auf die persönliche Umkehr jedes Menschen zu beziehen: Durch die (sakramentale) Umkehr erlangt der Mensch den Stand der Gnade, was eine Belebung der Seele ist. Der Zustand der Todsünde wird nicht umsonst in der Bibel Tod der Seele bezeichnet. Und am Ende der Zeiten werden wir belebt zum ewigen Leben, eines Tages sogar mit Leib und Seele! Dann werden wir auf ewig den Namen Gottes anrufen, in dessen Gegenwart wir leben werden.
Auch der Begriff der Wiederherstellung ist in dieser Hinsicht zu verstehen. Wenn Gott sein Angesicht wieder aufleuchten lässt, sich seinem Volk wieder zuwendet, dann wird alles gut. Dafür müssen wir aber wieder zu ihm kommen und ihn bitten. Denn Gott möchte, dass wir das aus freiem Willen selbst entscheiden.

Phil 4
6 Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!

7 Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren.
8 Im Übrigen, Brüder und Schwestern: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!
9 Und was ihr gelernt und angenommen, gehört und an mir gesehen habt, das tut! Und der Gott des Friedens wird mit euch sein.

In der zweiten Lesung hören wir aus dem letzten Kapitel des Philipperbriefes. Es handelt sich dabei um letzte Ermahnungen, die Paulus den Philippern mitgibt. Er möchte, dass sie sorglos leben. Das heißt nicht, dass das Christsein keine Sorgen mit sich bringt. Im Gegenteil. Es ist ein schwerer und steiniger Weg, gegen den Strom zu schwimmen und Gott treu zu bleiben, wenn der Rest der Welt es nicht mehr ist. Aber wichtig ist, dass der Mensch diese Sorge Gott übergibt. Er ist es, der Kraft verleiht, der inneren Frieden schenken kann und die Herzen und Gedanken bewahrt. Das Herz ist es, was der Mensch von den Versuchungen der Entmutigung und Verzweiflung bewahren soll. Wir sind als Christen nicht allein, sondern können Gottes Gnade stets in Anspruch nehmen. Aber nicht nur mit Bitten sollen wir zu ihm kommen, sondern auch mit Dank! Denn wie viel Gutes tut er uns tagtäglich, wenn wir auf seinen Wegen wandeln! Das einzige, um das wir Christen uns sorgen sollen, ist das Reich Gottes. Jesus selbst hat es gesagt. Alles andere wird uns dazugegeben. Und wenn wir in einer Notlage sind, sollen wir damit zu Gott kommen, denn auch die Lösung dieses Problems wird uns dazugegeben!
Um den Frieden Gottes im Herzen zu erfahren, müssen wir nicht alles verstehen. Viele Situationen im Leben sind uns unbegreiflich, aber erst im Nachhinein wird uns klar, warum es so gekommen ist.
Die Philipper sollen also nicht ihr Herz beunruhigen lassen, sondern an Christus glauben, um es mit Jesu Worten der Abschiedsrede in Joh 14 zu sagen. Sie sollen nicht ins Grübeln kommen, sondern ihre Gedanken dem Herrn übergeben. Das ist wichtig, denn wenn wir unsere Gedankenwelt kontrollieren, dann haben wir uns selbst in der Hand. Was wir denken, bringen wir nämlich irgendwann zur Sprache und was wir sagen, werden wir irgendwann in die Tat umsetzen.
Stattdessen sollen die Philipper die Tugenden vor Augen haben. Sie sollen sich darum bemühen, den Willen Gottes umzusetzen. Was sie vom Evangelium Jesu Christi verstanden haben, was sie von den Missionaren gehört und angenommen haben, das sollen sie umsetzen. Wenn sie das tun, werden sie im Stand der Gnade bleiben und dies wiederum bedeutet, dass der Friede Gottes in ihren Herzen bleibt.

Mt 21
33 Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land.
34 Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seine Früchte holen zu lassen.
35 Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, wieder einen anderen steinigten sie.
36 Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso.
37 Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.
38 Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn umbringen, damit wir sein Erbe in Besitz nehmen.
39 Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.
40 Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt: Was wird er mit jenen Winzern tun?
41 Sie sagten zu ihm: Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist.
42 Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; vom Herrn ist das geschehen und es ist wunderbar in unseren Augen?
43 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die Früchte des Reiches Gottes bringt.
44 Und wer auf diesen Stein fällt, wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen.

Jesus spricht im Evangelium mit den Hohepriestern und Pharisäern, also mit der religiösen Elite seiner Zeit. In diesem Gespräch bringt er ein wichtiges Gleichnis, das zugleich sehr provokant ist. Auch hier wird das Bild des Weinbergs aufgegriffen und Jesus möchte ganz bewusst auf das Lied bei Jesaja verweisen.
Es geht wieder um einen Weinberg, der angelegt und diesmal verpachtet wird. Der Besitzer des Weinbergs geht dann in ein anderes Land, ist also abwesend und muss auf seine Mitarbeiter vertrauen. Als die Zeit der Ernte kommt, werden die Mitarbeiter, die die Früchte einsammeln wollen, umgebracht. Auch die anderen Knechte, die dort hingesandt werden, werden von den Arbeitern dort umgebracht. Als dann schließlich der eigene Sohn des Weinbergs dort hinkommt, erfahren wir die Absicht der dortigen Arbeiter, mit der sie diese Gewalttaten vollbringen – sie wollen selbst den Erbbesitz des Weinbergs. Sie haben also keine Achtung vor dem Sohn des Besitzers, der ja aufgrund seiner besonderen Autorität dort hingeschickt wird. Stattdessen bringen sie selbst den eigenen Sohn des Besitzers um.
Jesus überlässt jenen, denen er das Gleichnis erzählt, den Ausgang der Geschichte, wenn nämlich der Weinbesitzer selbst zurückkehrt. Sie antworten selbst, dass dieser den Pächtern den Weinberg wegnehmen und anderen geben wird. Sie haben damit ihr eigenes Gerichtsurteil ausgesprochen, das Jesus daraufhin bestätigt: Ja, euch wird der Weinberg weggenommen und einem anderen Volk gegeben, das Früchte bringt.
Das Bildfeld des Weinbergs, des Früchtetragens und der Ernte sind wichtige Metaphern in Bezug auf das Reich Gottes, die Heilsgeschichte und die Endzeit. Einerseits legen wir das Gleichnis wörtlich aus, wie es also Jesus in der Erzählung ursprünglich meint: Gott ist der Weinbergbesitzer, der das verheißene Land für sein auserwähltes Volk anlegt. Er schließt einen Bund mit dem Volk Israel, was sozusagen das Beschäftigungsverhältnis im Gleichnis darstellt. In seiner Abwesenheit (Gott ist ja Geist und wandelt nicht auf Erden) hat das Volk die Verantwortung, gemäß ihres Bundesschlusses zu leben. Doch es entfernt sich von Gott, indem es anderen Göttern nachläuft und viele Sünden begeht. Gott schickt zu ihnen seine Knechte, das sind die Propheten, die das Volk wieder zur Besinnung führen soll, denn die Früchte sind nicht da. Doch die Pächter sind absolut uneinsichtig. All die Propheten sind am Ende für ihre Botschaft umgebracht worden. Das Volk hat ihre Worte der Umkehr nicht ausgehalten und die Knechte Gottes deshalb mundtot gemacht. Immer wieder schickt Gott Knechte zu den Pächtern, doch es geschieht immer wieder das Gleiche. Schließlich schickt er seinen eigenen Sohn zum Volk Israel, nämlich Jesus Christus. Seine Autorität und Vollmacht ist göttlich und somit unvergleichlich größer als die der bisherigen Knechte. Er ist der Erbe des Weinbergs. Doch auch ihn hält das Volk nicht aus, sondern tötet ihn. Jesus hat seinen eigenen Tod in dem Gleichnis vorweggenommen. Doch Gott lässt das alles nicht bis zum Schluss mit sich machen. Er greift ein und nimmt den Pächtern seinen Weinberg weg und gibt sie einem anderen Volk. Das sind harte Worte und Jesus sagt das zu den Sadduzäern und Pharisäern nicht, weil er eine Kollektivstrafe verhängen möchte. Er sagt es ihnen, damit sie endlich aufwachen. Wer Christus und seine Erlösung annimmt, gehört ja zum neuen Volk. Und selbstverständlich läuft der alte Bund weiter. Gott ist treu und nimmt sein Versprechen nicht einfach zurück. Alles Andere würde seinem Wesen ganz widersprechen, also sagen wir auch nicht, dass Gott das Volk Israel verworfen und den Alten Bund abgebrochen hat. Wir müssen Jesu Aussage mit allen anderen Aussagen vergleichen und auch den Kontext seiner Worte hier berücksichtigen. Das „Volk“, dem hier der Weinberg genommen wird, sind nun also alle, die Jesus nicht annehmen, und das „Volk“, dem der Weinberg stattdessen gegeben wird, sind nun alle, die Christus annehmen. Deshalb heißt es auch im Griechischen ἔθνει ethnei, denn dieser Begriff bezieht sich nun nicht mehr auf das auserwählte Volk Israel, sondern auf alle Völker, auch die nichtjüdischen. Das sagt Jesus alles, um nicht das ganze Volk Israel zu kritisieren, sondern um die Tempelelite und die selbstgerechten Pharisäer zu provozieren. Es dient ihrer Umkehr, aber sie sind verstockt und empören sich stattdessen über Jesu Worte. Jesus provoziert sie mit so einem Gleichnis, weil sie sich darauf ausruhen, zum auserwählten Volk zu gehören, ohne die entsprechenden Früchte zu bringen. Das garantiert ihre Rechtfertigung vor Gott aber nicht. Und auch wir können uns auf unserer Taufe nicht ausruhen. Wenn wir das Gleichnis auf uns beziehen, kritisiert Jesus auch unsere falschen Haltungen: Gott legt einen Weinberg an, der unsere Seele ist. Er hat uns geschaffen und durch die Taufe ein Beschäftigungsverhältnis zu uns begonnen. Dass wir nun getauft sind, heißt also nicht, dass wir uns auf die faule Haut legen können, sondern im Weinberg arbeiten. Er wird nämlich nach Früchten verlangen und dafür seine Knechte senden. Das können verschiedene Mitmenschen sein, die Gott uns schickt. Wenn wir ihre Kritik an unserem gottlosen Leben dann mundtot machen, sind wir nicht besser als die Knechte im Gleichnis Jesu. Wir töten sie, statt kritikfähig und einsichtig zu sein. Wir kehren nicht um, sondern zertreten Gottes Ruf zur Umkehr mit den Füßen. Immer wieder ruft er uns zur Umkehr auf – durch Mitmenschen, durch sein Wort in der Bibel, durch Ereignisse, durch unser eigenes Gewissen. Doch wo wir uns demgegenüber taub stellen, verhalten wir uns wie die Pächter im Gleichnis Jesu. Wenn wir dann sterben und am Ende unseres Lebens vor Gott stehen, dann wird er uns dafür zur Verantwortung ziehen, dass wir den Weinberg nicht so gepflegt haben wie versprochen (und das versprechen wir ja bei der Taufe!). Dann wird er uns unser ewiges Leben wegnehmen und wir werden ewig von ihm abgeschnitten sein. Und dies gilt auch für das Ende der Zeiten: Wenn Gott dann kommt, um seinen Weinberg zurückzufordern, wird er ebenfalls den fruchtlosen Pächtern den Weinberg nehmen und jenen geben, die Frucht bringen. Dann ist dieser Weinberg das Reich Gottes, das sich am Ende der Zeiten durchsetzt und offenbar wird. Die Fruchtlosen werden dann nicht Teil des Reiches sein. Dann werden die verantwortungsvollen Pächter nicht mehr nur Pächter sein, sondern zu Erben eingesetzt. Sie werden in dem Land wohnen und nie mehr hungern. Denn sie werden ganz bei Gott sein.
Im Gegensatz zum Bild bei Jesaja geht es Jesus nicht um die Früchte selbst, sondern um die Pächter des Weinbergs. Das ist ein kleiner aber entscheidender Unterschied! Es geht nicht nur um den einzelnen Israeliten bzw. Christen, sondern im Evangelium vor allem um jene, die religiöse Verantwortung für sie tragen. Jesus möchte die Kritik des Jesajaliedes nun auf jene lenken, die für die Früchte zuständig sind. Der Kontext besteht ja in dem Streitgespräch Jesu mit den Sadduzäern und Pharisäern. Deshalb diese kleine Verschiebung, die auch heute bedeutet: Es ist nicht nur ein allgemeiner Umkehrruf an uns alle, die wir getauft sind, sondern vor allem ein Umkehrruf der Geistlichen, die für uns Sorge tragen.

Jesus möchte niemandem Angst einjagen, hat aber immer harte Worte für die besonders verstockten Menschen. Dies tut er ihnen zuliebe, denn auch sie sollen nicht verloren gehen. Wenn wir solche Worte hören, dann sollen wir in uns gehen und unsere eigene Arbeit im Weinberg hinterfragen. Sind wir verantwortungsvolle Pächter oder sind wir schlechte Pächter voller Neid und Missgunst gegenüber dem Erben? Der springende Punkt ist: Es ist noch nicht zu spät. Wir dürfen umkehren und von nun an gute Arbeiter sein. Wollen wir am Ende eine Beförderung vom Knecht zum Erben bzw. wollen wir am Ende das Erbe nicht mehr verlieren (das uns durch die Taufe geschenkt worden ist), müssen wir entsprechend leben und Frucht bringen. Dabei sind wir nicht allein, denn Jesus sagt selbst, er ist der wahre Weinstock. Getrennt von ihm können wir nichts tun, also bleiben wir mit ihm stets verbunden!

Ihre Magstrauss

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