Mittwoch der 32. Woche im Jahreskreis

Weish 6,1-11; Ps 82,3-4.6-7; Lk 17,11-19

Weish 6
1 Hört also, ihr Könige, und seid verständig, / lernt, ihr Richter der Enden der Erde!

2 Horcht, ihr Herrscher der Massen, / die ihr stolz seid auf Völkerscharen!
3 Der Herr hat euch die Gewalt gegeben, / der Höchste die Herrschaft, / er, der eure Taten prüft und eure Pläne durchforscht.
4 Ihr seid Diener seines Reichs, aber ihr habt nicht richtig Recht gesprochen, / das Gesetz nicht gewahrt / und den Willen Gottes nicht befolgt.
5 Schnell und furchtbar wird er kommen und euch bestrafen; / denn über die Großen ergeht ein strenges Gericht.
6 Der Geringste erfährt Nachsicht und Erbarmen, / doch die Mächtigen werden geprüft mit Macht.
7 Denn der Gebieter über alles scheut niemand / und weicht vor keiner Größe zurück. Er hat Klein und Groß erschaffen / und trägt gleiche Sorge für alle;
8 den Mächtigen aber droht strenge Untersuchung.
9 An euch also, ihr Gewalthaber, richten sich meine Worte, / damit ihr Weisheit lernt und euch nicht verfehlt.
10 Wer das Heilige heilig hält, wird geheiligt, / und wer sich darin unterweisen lässt, findet Rechtfertigung.
11 Verlangt also nach meinen Worten, / sehnt euch danach und ihr werdet Bildung erwerben!

Heute hören wir wieder Worte, die an die Mächtigen der Welt gerichtet werden. Die ersten sechs Kapitel des Buches haben eine Ringstruktur, sodass das erste Kapitel und das sechste Kapitel als Mahnung an die Mächtigen der Welt zu verstehen sind. Sie sollen ein gerechtes Leben führen.
Die Könige und Richter sollen verständig sein. Gott hat ihnen die Macht gegeben, sodass sie es ihm zu verdanken haben, überhaupt etwas zu sagen zu haben. Gott hat ihnen die Macht verliehen, damit sie seinen Willen tun. Weil mit der Macht auch die Verantwortung verliehen worden ist, werden sie von ihm besonders zur Rechenschaft gezogen. Letztendlich stehen nicht sie ganz oben, sondern Gott. Könige sind Diener des einen Königs des Himmelreichs. Richter sind Diener des gerechten Weltrichters. Sie haben in ihrem Aufgabenbereich mehr Erkenntnis als andere. Deshalb werden sie in ihrer Aufgabe besonders geprüft und Gott geht besonders streng mit ihnen um. Wer nämlich viel begreift und dennoch nicht den Willen Gottes erfüllt, wird umso strenger gerichtet.
Der „Geringste“ wird dagegen barmherzig behandelt, weil von ihm weniger erwartet wird. Das meint in diesem Zusammenhang jene, die bezüglich Herrschaft und Gerichtswesen nichts zu sagen haben. Das ist aber auch etwas, das wir uns zu Herzen nehmen müssen: Wer viel versteht, wird auch viel Rechenschaft ablegen müssen. Wer gar nicht weiß, was Sache ist, wird milder gerichtet werden. Deshalb betet Jesus am Kreuz auch: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Gott wird nicht deshalb unterschiedlich verfahren, weil er zwischen seinen Geschöpfen Unterschiede macht. Er hat gleichermaßen Klein und Groß geschaffen und liebt sie alle gleich. Wer jedoch wie zur Verantwortung gezogen wird, hängt davon ab, wie das überhaupt möglich ist.
Diese Worte werden her formuliert, um in einen Appell zusammen zu fließen: Weil ihr Macht habt, müsst ihr euch umso mehr um Weisheit bemühen. Ihr werdet besonders streng gerichtet werden!
Das gilt auch für die Kirche und Jesus hat es seinen Aposteln immer wieder klargemacht: Wer besonders viel zu sagen hat, muss sich umso mehr um Heiligkeit bemühen. Denn wer sich schlecht verhält, obwohl er es besser weiß, sorgt für besonders viel Anstoß. Wenn ein Geistlicher durch sein Fehlverhalten den Glauben eines Menschen getötet hat, wird er vor Gott besonders große Verantwortung tragen müssen.
Je höher man steht – und das gilt besonders im Reich Gottes, muss besonders demütig sein. Jesus sagt: Wer der Größte sein will, muss der Letzte von allen und der Diener aller sein.
Die Mächtigen in Welt und Kirche müssen Gott ins Herz schreiben, ihn ersehnen, die Heiligkeit anstreben und sich darin auch immer wieder etwas sagen lassen.

Ps 82
3 Verhelft zum Recht den Geringen und Waisen, dem Elenden und dem Bedürftigen schafft Gerechtigkeit!
4 Befreit den Geringen und Armen, entreißt sie der Hand der Frevler!
6 Ich habe gesagt: Ihr seid Götter, ihr alle seid Söhne des Höchsten.
7 Doch nun sollt ihr sterben wie Menschen, sollt stürzen wie einer der Fürsten.

Als Antwort beten wir Psalm 82, einen Asafpsalm. Das Thema ist das Gericht über die Götter. Dabei wird lang und breit diskutiert, wer damit gemeint ist, weil einerseits „Götter“, andererseits „Söhne des Höchsten“ und „Fürsten“ die Rede ist. Bei allem müssen wir berücksichtigen, dass es ein poetischer Text ist und Götter bildhaft gemeint sein könnte. Zugleich müssen wir uns bewusst sein, dass es durchaus wörtlich gemeint sein könnte aufgrund des religiösen Kontexts: Der klassische Monotheismus, wie es das Judentum vor allem ab dem Exil begriffen und vertreten hat, war damals noch nicht gegeben. Vielmehr verstand Israel einen Monolatrismus, also einen Ein-Gott-Glauben, bei dem die Existenz anderer Götter nicht ausgeschlossen wurde. In diese Beobachtungen hinein müssen wir also über den Psalm nachdenken. Im Anschluss an die Lesung tendiert die Deutung Richtung menschliche Gewalthaber, die also bildhaft als Götter bezeichnet werden. Gunkel hat mit Blick auf das Danielbuch eine weitere Deutung angebracht: Damals bestand die Vorstellung, dass die heidnischen Völker Nationalgötter besaßen und sie sich selbst auf diese göttlichen Urbilder zurückbezogen. Darin werden beide Deutungen vereint, weil das Gericht Gottes dann nicht nur über die Urgötter, sondern auch ihre entsprechenden menschlichen Fürsten ergehen soll.
Es ist ein Appell an diese, Ungerechtigkeit zu beenden. Das wird anhand von verschiedenen Beispielen entfaltet: Sie sollen endlich den Rechtlosen Recht verschaffen, im Alten Israel sind das vor allem die Witwen und Waisen, letzteres wird auch genannt. Die Machthaber sollen eine Option für die Armen vertreten, gleichsam barmherzig mit den „Kleinen“ oder den „Geringsten“ sein – ganz wie Gott in der Lesung.
Wer nicht reagiert, wird gestürzt. Gott sorgt für Gerechtigkeit. Hochmut kommt vor dem Fall und die Ersten werden die Letzten sein.

Lk 17
11 Und es geschah auf dem Weg nach Jerusalem: Jesus zog durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa.

12 Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen
13 und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!
14 Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und es geschah, während sie hingingen, wurden sie rein.
15 Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme.
16 Er warf sich vor den Füßen Jesu auf das Angesicht und dankte ihm. Dieser Mann war ein Samariter.
17 Da sagte Jesus: Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind die neun?
18 Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden?
19 Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.

Im Evangelium erklärt Jesus heute, wie wichtig die Dankbarkeit ist. Zugleich sehen wir anhand einer Heilungsgeschichte, wie Gottes Barmherzigkeit ist.
Jesus ist unterwegs nach Jerusalem und zieht durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa, also durch den nördlichen Teil des Hl. Landes. Als er in ein Dorf hinein möchte, kommen ihm zehn Aussätzige entgegen. Aussätzige hatten entweder eine Glocke bei sich, um die Menschen schon von Weitem zu warnen, oder sie riefen „Aussatz, Aussatz!“ Die Krankheit war höchst ansteckend, weshalb sie diese Maßnahmen ergreifen und isoliert vom Rest der Bewohner leben mussten.
Von Weitem rufen sie nun „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ Sie rufen also nicht das Übliche, um Jesus vorzuwarnen, sondern sie rufen voller Sehnsucht und Glauben den Messias um Heilung an.
Es ist der Wille Gottes, dass sie geheilt werden. So sagt Jesus zu ihnen: „Geht, zeigt euch den Priestern!“ Was hat es damit auf sich? In Lev 14 werden verschiedene rituelle Anordnungen zusammengefasst, die von Aussatz Geheilte betreffen. Wer wieder rein ist, das wird offiziell von einem Priester festgestellt. Dann muss sich die Person einigen Riten unterziehen, um rituell wieder eingegliedert und kultfähig zu werden.
„Reinheit“ ist also kultisch zu verstehen, doch Jesus erklärt in seinem öffentlichen Wirken, dass wir uns um eine moralische Reinheit bemühen müssen. Diese erlangen wir durch Taufe und Beichte, wenn uns die Sünden vergeben werden. Reinheit ist im Neuen Bund nichts Äußerliches mehr, sondern betrifft das Innere des Menschen. Zwar wird äußerlich das „Bad der Wiedergeburt“ vorgenommen, also die Taufe in echtem Wasser vollzogen, doch geht es dabei nicht um die Säuberung des Körpers. Ob die Haut rein ist, ob irgendwelche körperlichen Symptome vorliegen, spielt keine Rolle mehr. „Kultunfähig“ ist nun nur noch, wer moralisch gesehen unrein ist.
Das Bemerkenswerte ist: Jesus behandelt die zehn Aussätzigen so, als ob sie bereits geheilt wären. Sonst würde er sie nicht zu einem Priester schicken. Das wird auch den Aussätzigen nicht entgangen sein. Doch ihr Glaube ist so stark, dass sie sich auf den Weg machen. Womöglich haben sie einen bereits einsetzenden Heilungsprozess angenommen. Jesus zeigt ihnen durch seine Anordnung darüber hinaus, dass er sich der Torah unterstellt. Er ist ein gesetzestreuer Jude und das soll den Menschen zum Zeichen dienen. Er ist nicht gekommen, die Torah zu entkräften. Gewiss hat er sie erfüllt mit seiner ganzen Person, doch er wollte keinen Bruch.
Die Aussätzigen haben ihren Glauben bewiesen dadurch, dass sie als Aussätzige den Weg zum Priester aufgenommen haben, obwohl sie noch nicht geheilt sind, zumindest noch nicht sichtbar. Deshalb erhört Gott ihre Bitte und sie werden unterwegs zum Priester geheilt.
Wir führen uns vor Augen: Die Heilung von Aussatz macht den Menschen in Israel wieder kultfähig. Aber nur ein einziger der Geheilten kehrt um für den Lobpreis.
Dieses Umkehren können wir auf verschiedene Weise verstehen. Es kann die Umkehr zu Christus meinen, und zwar lokal. Der eine Aussätzige ist zu Jesus zurückgekommen, um sich bei ihm zu bedanken. Wir können es aber auch moralisch verstehen: Der Mensch ist moralisch gesehen umgekehrt. Vielleicht war er weit weg von Gott, hat mit ihm gehadert, weil er mit so einer Krankheit geschlagen worden ist. Vielleicht hat ihm diese Heilung von Neuem gezeigt, dass Gott wirklich da ist und nur das Beste für ihn will. Vielleicht ist ihm ein neuer Glaube geschenkt worden, wenn er vorher nicht existierte. So kommt dieser Mensch also innerlich zurück, um Gott anzubeten. Vielleicht kehrt er zurück zum Kultort, um Opfer darzubringen, die vorgeschrieben sind. Er ist vielleicht der Einzige, der seine wiedergewonnene Kultfähigkeit nutzt, um Gott zu danken für die Gnade, die dieser ihm geschenkt hat. Er kommt zu Jesus und wirft sich vor ihm nieder. Das ist eine Anbetungsgeste. Womöglich hat er verstanden, dass dieser Mann der Messias ist. Wir erfahren, dass dieser eine dankbare Geheilte ein Samariter ist. Auch die Samariter haben den Messias erwartet.
Jesus thematisiert die Undankbarkeit der anderen, die zwar dieselbe Gnade erhalten haben, doch keine Reaktion zeigen. Und so fragt Jesus wie Gott in der Genesis nach dem Sündenfall: „Wo sind die neun?“ Gott sucht jeden Menschen. Er fragt immer wieder: „Wo bist du?“ Insbesondere dann stellt er die Frage, wenn der Mensch sich von ihm entfernt, wenn er gesündigt hat, wenn er nicht dankbar die Gaben Gottes empfängt, sondern sich gierig nimmt wie im Garten Eden.
Er sucht jedes verlorene Schaf wie der gute Hirte in dem Gleichnis. Die anderen sind trotz dieser spektakulären Heilung nicht umgekehrt, um Gott zu loben. Wenn wir das moralisch betrachten, erkennen wir einen wichtigen Aspekt bezüglich der Wunder Jesu: Sehr oft vollbringt er die Wundertaten, damit die Menschen zum Glauben kommen oder um den Glauben der Menschen zu stärken. Das ist aber keine Garantie dafür, dass es wirklich klappt. Zu glauben ist nicht nur ein Geschenk, sondern auch eine Entscheidung. Selbst wenn alles auf einem Silbertablett serviert wird, kann es abgelehnt werden.
Zum Samariter sagt Jesus: „Steh auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen.“ Er soll aufstehen, weil er sich ja vor Christus niedergeworfen hat. Es ist aber auch so zu verstehen, dass Jesus ihn zum Aufbruch in das neue Leben auffordert. Er ist nun reich beschenkt worden. Nun liegt es an ihm, aus dem neu gewonnenen Leben etwas zu machen. Es ist wie mit der Taufe, die eine Reinheit und „Kultfähigkeit“ vor Gott ermöglicht hat. Selbst konnte sich der Aussätzige nicht heilen. Es war die Gnade Gottes, die ihn geheilt hat. Doch was er nun mit seinem Leben anfängt, liegt in seiner Hand.
Wie wichtig ist es doch, dankbar zu sein! Wir lesen immer wieder im Alten Testament, wie das Volk Israel undankbar wird, Gottes Heilstaten vergisst und sich dann anderen Göttern zuwendet. Und das geht immer schlecht aus, denn Gott lässt das nicht mit sich machen. Seine Braut soll ihm nicht fremdgehen. Er kämpft um sie, um ihre Liebe, darum, dass sie zurückkommt. Und so heißt es schon in den Psalmen Davids immer wieder „vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“. Wir Christen wirken einer solchen „Amnesie“ entgegen durch die tägliche Eucharistie, der „Danksagung“. Das Kreuzesopfer Jesu Christi, das uns die Taufe und damit verbundene Gnade, das ewige Leben und die Erbschaft im Reiche Gottes ermöglicht hat, wird immer wieder vergegenwärtigt. Immer wieder danken wir dem Herrn dafür, dass er so weit gegangen ist, um uns zu retten. Und aus der Kraft dieses Sakraments heraus führen wir ein Leben, das der Dankbarkeit gegenüber Gott auch wirklich gerecht wird: ein Leben nach den Zehn Geboten, ein Leben nach dem Evangelium Jesu Christi.

Ihre Magstrauss

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