Freitag der Osteroktav

Apg 4,1-12; Ps 118,1 u. 4.22-23.24 u. 26-27a; Joh 21,1-14

Apg 4
1 Während sie zum Volk redeten, traten die Priester, der Tempelhauptmann und die Sadduzäer zu ihnen.

2 Sie waren aufgebracht, weil die Apostel das Volk lehrten und in Jesus die Auferstehung von den Toten verkündeten.
3 Und sie legten Hand an sie und hielten sie bis zum nächsten Morgen in Haft. Es war nämlich schon Abend.
4 Viele aber von denen, die das Wort gehört hatten, wurden gläubig; und die Zahl der Männer stieg auf etwa fünftausend.
5 Es geschah: Am anderen Morgen versammelten sich ihre Oberen sowie die Ältesten und die Schriftgelehrten in Jerusalem,
6 dazu Hannas, der Hohepriester, Kajaphas, Johannes, Alexander und alle, die aus dem Geschlecht der Hohepriester stammten.
7 Sie stellten die beiden in die Mitte und forschten sie aus: Mit welcher Kraft oder in wessen Namen habt ihr das getan?
8 Da sagte Petrus, erfüllt vom Heiligen Geist, zu ihnen: Ihr Führer des Volkes und ihr Ältesten!
9 Wenn wir heute wegen einer guten Tat an einem kranken Menschen darüber vernommen werden, durch wen er geheilt worden ist,
10 so sollt ihr alle und das ganze Volk Israel wissen: im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, den ihr gekreuzigt habt und den Gott von den Toten auferweckt hat. Durch ihn steht dieser Mann gesund vor euch.
11 Dieser Jesus ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde, der aber zum Eckstein geworden ist.
12 Und in keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen.

Heute hören wir die nachfolgenden Ereignisse, nachdem Petrus seine Bekenntnisrede in der Halle Salomos gehalten hat.
Die religiöse Elite bestehend aus dem Tempelhauptmann, den Sadduzäern und Hohepriestern tritt herzu und regt sich über die ganze Aktion auf.
Es passt ihnen überhaupt nicht, dass Petrus und Johannes die Auferstehung Jesu predigen, den sie nach umfassender Intrige endlich ans Kreuz bekommen haben.
So werden die beiden festgenommen und über Nacht gefangen gehalten. Das ist ihre erste Erfahrung mit Anfeindungen, weil sie im Namen Jesu gepredigt haben. Auch wenn sie festgehalten werden, kann die Tempellobby nichts dagegen tun, dass eine riesige Menge sich dem Glauben anschließt und die Zahl der Jerusalemer Urgemeinde auf 5000 ansteigt.
Am nächsten Tag werden die Apostel ähnlich wie Jesus damals verhört.
Es sind dieselben Hohepriester versammelt, die ähnliche Fragen stellen wie damals bei Jesus. Ihnen geht es um die Kraft, mit der die Apostel das Wunder vollbracht haben.
Auch jetzt ist Petrus nicht eingeschüchtert, sondern erfüllt vom Hl. Geist, der ihm den Mut verleiht, bekennt er Christus: In seinem Namen ist diese gute Tat an einem kranken Menschen vollzogen worden, den eben jene Hohepriester ans Kreuz gebracht haben, den der Tod aber nicht festhalten konnte. Jesus ist von den Toten auferstanden, so hat er den Tod und die Intrige der Hohepriester besiegt.
Genau diese Aussage untermauert Petrus mit dem sehr bekannten und viel verwendeten Zitat aus Ps 118: „Dieser Jesus ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde, der aber zum Eckstein geworden ist.“ Er zitiert die Hl. Schrift, weil er in der Sprache der Gelehrten sprechen möchte und die Erfüllung der Verheißungen unterstreichen möchte. Er versucht, ihnen den Wald begreiflich zu machen, von dem sie bisher nur die einzelnen Bäume betrachtet haben.
Petrus ist wie ausgewechselt. Er spricht freimütig, er zitiert dabei die Schrift und bezieht sie auf Christus. All dies verstand er zuvor nicht und er fürchtete sich davor, irgendeinen Nachteil zu erleiden dafür, dass er Jünger Jesu ist. Doch der Geist Gottes ist auf die Apostel hinabgestiegen und wirkt nun auch durch ihn. Er nimmt es sehr ernst, dass Christus ihn zum Felsen seiner Kirche gemacht hat. Wahrlich, er ist wirklich ein Fels in der Brandung, der die aufkommende Kirche mit allen Mitteln verteidigt! An ihm sehen wir, was möglich ist, wenn wir uns ganz und gar dem Wirken Gottes hingeben. Wenn wir uns ihm anbieten und ihm wirklich sagen: „Tue mit mir, was du willst! Nimm mein Leben hin!“, dann wird er aus uns glänzende Diamanten machen. Er wird uns schleifen, sodass wir unvorstellbar über uns selbst hinauswachsen. Wir werden selbst erstaunt sein, zu was Gott fähig ist mit uns!
Gott liebt auch die Hohepriester, die Sadduzäer, die Schriftgelehrten, alle, die ihn ablehnen. Er möchte, dass alle Menschen gerettet werden. Und so ist die ganze Situation für sie eine einzige Lektion. Sie sollen die Chance bekommen, die Ablehnung Jesu wieder gut zu machen. Stattdessen geht ihre Sturheit mit seinen Jüngern weiter.
So ist Gott. Er gibt uns immer wieder Chancen zur Umkehr. Er versucht einfach alles, um unsere Liebe zu erhalten. Er hat aus Liebe alle Menschen ins Dasein gerufen und möchte, dass jeder ihn zurückliebt. Deshalb wirbt er um jeden, deshalb versucht er, sich begreiflich zu machen. Bis zur letzten Sekunde unseres Lebens versucht er alles, damit wir nicht verloren gehen!

Ps 118
1 Dankt dem HERRN, denn er ist gut, denn seine Huld währt ewig!
4 So sollen sagen, die den HERRN fürchten: Denn seine Huld währt ewig.
22 Ein Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden.

23 Vom HERRN her ist dies gewirkt, ein Wunder in unseren Augen.
24 Dies ist der Tag, den der HERR gemacht hat; wir wollen jubeln und uns über ihn freuen.
26 Gesegnet sei, der da kommt im Namen des HERRN! Wir segnen euch vom Haus des HERRN her.

27 Gott ist der HERR. Er ließ Licht für uns leuchten.

Im Kontext der Osteroktav beten wir wiederholt Psalm 118. Er wird uns die nächsten Tage immer wieder begleiten – wir haben ihn schon in der Osternacht gebetet. Es gibt kaum einen Psalm, der besser in die Osterzeit passt.
Gottes große Heilstaten verdienen stets unser Lob und unseren Dank. Wir können gar nicht genug danken für alles, was Gott uns Gutes tut! Und im Anschluss an den Mut des Petrus, der zur Heilung des Gelähmten steht, der die Chance für eine Bekenntnisrede nutzt und weitere 2000 Männer zum Glauben an Christus führt, können wir wirklich nur in einen Lobpreis verfallen!
Ganz im Psalmenstil beginnt das Danklied mit einer Aufforderung zum Dank, denn Gottes „Huld währt ewig!“
Alle Gottesfürchtigen sollen dies gläubig bekennen. Heute sind ganze 2000 Männer hinzugekommen, die gottesfürchtig geworden sind – sie waren es schon vorher, nun aber sind sie zugleich christusfürchtig geworden!
Dann beten wir Vers 22, den Petrus vor der Tempelelite auf Christus bezieht, auf ihn, dessen Verwerfung und Hinrichtung am Kreuz die Erlösung aller Menschen gebracht hat!
Gott hat diese Erlösung erwirkt, indem er selbst am Kreuz gestorben und auferstanden ist. Kein anderer Gott hat auf diese Weise die Menschheit erlöst und so können wir nicht anders, als zu jubeln und uns über ihn zu freuen. Diese Freude ist mehr als nur eine situative Emotion. Es handelt sich um eine innere Gewissheit, dass am Ende der Zeiten das Heil Gottes steht. Diese Gewissheit trägt den österlichen Menschen durch alles Leid hindurch, sodass er nicht anders kann, als optimistisch zu sein. Das hat nichts mit billiger Jenseitsvertröstung zu tun, sondern ist vielmehr ein gewandeltes irdisches Dasein mit einem österlichen Blick.
„Gesegnet sei, der kommt im Namen des HERRN!“ Diesen Ausruf haben die Jünger Jesu bei seinem Einzug in Jerusalem gesungen, als er auf einer Eselin hineingeritten kam und so als Messias die Hl. Schrift erfüllt hat. Wir beten diesen Ausruf in der Messe im sogenannten Benedictus, das heutzutage mit dem Sanctus gekoppelt ist.
„Wir segnen euch vom Haus des HERRN her“ ist für die Juden die höchste Form von Segen. Im Haus des HERRN, das heißt im Jerusalemer Tempel, ist Gott gegenwärtig. Der Tempel existiert heute nicht mehr. Dieser Vers ist für uns Christen nun auf den eucharistischen Segen zu beziehen, der die höchste Form von Segen darstellt. Gott wohnt im Haus des HERRN, das heißt jetzt in jedem Tabernakel der Kirche. Von dort aus geht ein Segen aus, der gleichzusetzen ist mit dem Segen Christi, den er den Menschen durch seine Heilstaten erwiesen hat. Er ist genauso leibhaftig anwesend wie vor seinem Tod und seiner Auferstehung, als er in Menschengestalt auf Erde wandelte.
Gott ist der HERR und er hat uns Licht geleuchtet – Christus, das Licht der Welt. Er ist der Messias, der die Finsternis erleuchtet hat, wie Jesaja schon 700 Jahre vor Christi Geburt angekündigt hat und wie Christus selbst über sich gesagt hat.

Joh 21
1 Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal, am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise.

2 Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen.
3 Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts.
4 Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.
5 Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr keinen Fisch zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.
6 Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es.
7 Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See.
8 Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot – sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her.
9 Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot liegen.
10 Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt!
11 Da stieg Simon Petrus ans Ufer und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht.
12 Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu befragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.
13 Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.
14 Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.

Im Evangelium hören wir nun von einer dritten Erscheinung Christi vor seinen Aposteln.
Die Apostel sind am See von Tiberias, womit der See Gennesaret gemeint ist. Bevor der Hl. Geist auf sie herabkommt, sind sie unschlüssig, wie sie ihr Leben fortsetzen sollen. Zwar hat Jesus ihnen gesagt: „Wie mich der Vater sendet, so sende ich euch!“ Doch sie verstehen das alles noch nicht. Deshalb tun sie das, was sie kennen und was sie vor ihrer Berufung als Jünger Jesu getan haben – fischen.
Petrus ist es ausgerechnet, der wieder als erstes das Wort ergreift und die anderen mitzieht. Er sagt kurzerhand „ich gehe fischen“. Die anderen anwesenden Apostel sagen daraufhin: „Wir kommen auch mit!“ Sie tun, worin sie am besten sind. In einer Situation der Ungewissheit bringt es einem Sicherheit, wenn man alte Gewohnheiten aufleben lässt.
Gott nutzt diese Situation, um ihnen wieder etwas Wichtiges beizubringen. Er lässt zu, dass sie in der gesamten Nacht nichts fangen.
Gegen Morgen erscheint ihnen Jesus am Ufer und fragt sie nach Fisch. Er weiß ganz genau, dass sie nichts gefangen haben, doch er möchte, dass sie dies von sich aus selbst sagen.
Währenddessen erkennen sie Jesus noch nicht. Man könnte annehmen, dass sie es langsam verstanden haben sollten, dass es der Auferstandene sein muss. Seine Wundmale an Händen und Füßen sind ja mehr als eindeutig. Man kann es vielleicht auf die Tageszeit beziehen. Die Sonne geht gerade erst auf und so ist es noch zu dunkel, Jesus zu erkennen. Wir können es auch auf das besorgte Kreisen der Apostel um sich selbst beziehen, die so von ihren Zukunftsängsten geplagt sind, dass sie gar nicht darauf achten, wer hier mit ihnen spricht.
Eines ist eindeutig: Es ist kein Zufall, dass Jesus ausgerechnet im Morgengrauen zu ihnen tritt. Für die Juden ist es verbreitet, den Messias vom Osten kommend zu erwarten. Im Osten geht die Sonne auf. Christus ist die Sonne der Gerechtigkeit. Er kommt im Morgengrauen. Dies haben wir auch schon beim Osterereignis selbst gemerkt! Er ist im Morgengrauen auferstanden und hat somit die Schrift erfüllt! Und nun kommt er wieder im Morgengrauen zu jenen, für die Nacht ist – die in ihrer Hoffnungslosigkeit und Orientierungslosigkeit dahinleben, die nicht wissen, wie es weitergeht. Er ist ihre Sonne, ihre Hoffnung, ihre Orientierung, ihr Segen. Und deshalb gibt er ihnen dann den Rat, nochmal die Netze auszuwerfen.
Er gibt ihnen Anweisungen, obwohl sie die Profis sind. Womöglich merken sie schon, dass hier etwas passiert, und werfen deshalb nochmal die Netze auf der rechten Seite des Bootes aus.
Als sie es wieder einholen wollen, ist es so brechend voll, dass die Netze zu reißen drohen!
So ist Gottes Gnade. Wenn er gibt, dann im Überfluss!
Wir können diese ganze Szene bis hierhin absolut auf unser eigenes Leben beziehen: Wenn Christus mit uns ist und wir alles tun, was er uns aufträgt, dann gelingt unser Leben. Wenn wir nach Gottes Willen leben und Hand in Hand mit ihm unser Leben leben, wird er uns überreich segnen. Dann werden wir große Zeichen in unserem Leben erkennen und die Größe Gottes mit eigenen Augen erfahren.
Johannes, der Jesu Herz am besten verstanden hat, der an diesem Herzen geruht hat im Abendmahlssaal und unter dem Kreuz bei der Durchbohrung, er ist der erste, der Jesus erkennt.
Als Petrus das erfährt, zieht er sich das Obergewand an, weil er nackt ist, und springt in den See. Was soll diese seltsame Reaktion? „Nackt sein“ bedeutet in diesem Fall nicht das Splitternacktsein, sondern die fehlende Oberbekleidung. Petrus fühlt sich bloßgestellt. Die eigentliche Nacktheit, die er verspürt, ist das Offenliegen seiner Ohnmacht vor dem Herrn. Er vermag nichts ohne ihn. Die ganze Nacht hat er versucht, das zu tun, was er am besten kann. Und selbst das hat nicht funktioniert. Seine ganze Armut liegt hier vor dem Auferstandenen bloß. Er springt in den See vor lauter Beschämung. Was ist denn daran so schlimm, sich vor Gott so hilflos zu fühlen, wenn dieser einem alles schenken kann? Für Petrus ist das ein Prozess der Demütigung. Er hat noch vor dem Leiden, dem Tod und der Auferstehung Jesu große Töne gespuckt. Er hat sich ganz weit aus dem Fenster gelehnt und sich grenzenlos überschätzt, als er zu Jesus sagte: „Mein Leben will ich für dich geben!“ DAS hier ist nun der echte Petrus. Ein einfacher Fischer, der selbst bei seinem Beruf nicht große Töne spucken kann. Der Mensch ist selbst bei den kleinsten Dingen auf Gott angewiesen. Petrus lernt endlich seine eigene Armut und Erlösungsbedürftigkeit kennen. Er lernt, endlich echt zu werden, authentisch. So lässt Gott auch in unserem Leben zu, dass wir lernen, uns im Angesicht Gottes so zu sehen, wie wir wirklich sind – mit allen Ecken und Kanten, mit allen Begrenzungen, mit Stärken und Schwächen. Erst wenn wir uns richtig erkannt haben, was Demut heißt, können wir Arbeiter in seinem Weinberg sein oder mit dem Bild dieses Evangeliums – Menschenfischer sein.
Petrus schämt sich vor Jesus, weil er ihn dreimal verleugnet hat. Im weiteren Verlauf, den wir heute nicht mehr hören, wird Christus ihn dreimal fragen, ob er ihn liebt. Er wird ihn konfrontieren und eine tiefe Versöhnung herbeibringen.
Es hat übrigens eine tiefe Bedeutung, dass sie am Ende die Fische zählen und es sich um 153 Exemplare handelt. So viele Länder sind zu jenem Zeitpunkt bekannt. Es zählt die Weltkarte, was für die Jünger ein Hinweis darauf sein soll, dass sie bald zu Menschenfischern in der ganzen Welt werden!
Jesus nimmt von den Fischen und bereiten den Jüngern ein Mahl. Ja, Jesus ist der Gastgeber auch der Eucharistie, zu der er uns immer wieder einlädt. Er ist es, der die Gaben wandelt und sich darin selbst opfert. Er ist es, der uns in unserem Leben nährt und Kraft schenkt. Er wird uns am Ende der Zeiten alle der Reihe nach bedienen bei der Hochzeit des Lammes. Es wird ein einziges Festmahl sein!
Das ist also die dritte Erscheinung des Auferstandenen. Petrus wird all dies in sich aufgenommen und nach der Spendung des Hl. Geistes begriffen haben. Von seiner Beschämung, von seinem gekränkten Ego, von seiner Furcht wird nichts mehr bleiben. Er wird voll von Erkenntnis und Weisheit freimütig für Christus einstehen und wahrlich ein vorbildlicher Menschenfischer werden. Wir sehen, dass dieser Petrus und der spätere Petrus das großartige Werk Gottes ist. So kann es auch mit uns gehen. Der Hl. Ignatius von Loyola hat es ganz trefflich ausgedrückt, als er sagte: „Die meisten Menschen ahnen nicht, was Gott aus ihnen machen könnte, wenn sie sich ihm nur zur Verfügung stellen würden.“ Genau so ist es. Petrus hat es gewagt und Gott sein Ja gegeben. So hat er eine unglaubliche Entwicklung durchlaufen mithilfe der Gnade Gottes. Und so können auch wir zu ganz neuen Menschen werden, die Tag für Tag über sich hinauswachsen, wenn wir ihm nur täglich unser Ja geben.

Das ist eine österliche Freudenbotschaft für alle Getauften und die, die es werden wollen! Es ist nicht zu spät, selbst wenn wir sehr große Sünder sind. Wenn wir den Mut aufbringen, umzukehren und auch den Demütigungsprozess zu durchlaufen, dann kann Gott auch uns ein neues Leben schenken.

Ihre Magstrauss

Dienstag der Karwoche

Jes 49,1-6; Ps 71,1-2.3.5-6.15 u. 17; Joh 13,21-33.36-38

Jes 49
1 Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der HERR hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.
2 Er machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zu einem spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher.
3 Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will.
4 Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft für Nichtiges und Windhauch vertan. Aber mein Recht liegt beim HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.
5 Jetzt aber hat der HERR gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht geformt hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammelt werde. So wurde ich in den Augen des HERRN geehrt und mein Gott war meine Stärke.
6 Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht der Nationen; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.

Die heutige Lesung, die wir hören, ist wieder einem der Gottesknechtslieder entnommen, diesmal dem zweiten.
Es beginnt mit einer Aufforderung zum Hören auf den Propheten. Er spricht die „Inseln“ an und erklärt direkt im Anschluss, dass damit die „Völker in der Ferne“ gemeint sind. Das hebräische Wort לְאֻמִּ֖ים l’ummim bezieht sich dabei auf keine bestimmte Art von Volk (gemäß der sonstigen Abgrenzung von jüdisch und nichtjüdisch). Es heißt, dass nun eine universale Botschaft kommt, die allen gilt, auch jenen in der absoluten Peripherie.
„Der HERR hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.“ Es bezieht sich wörtlich verstanden zunächst auf den Propheten selbst, denn Gott hat so wie für jeden Menschen schon einen Heilsplan bereit, bevor er überhaupt erst geboren wird. Es bezieht sich auch auf Gottes auserwähltes Volk, auf Israel. Das ist eine absolute Vertrauensbekundung und Trostbotschaft des Geborgenseins ganz in Gott. Es ist aber auch auf Jesus zu beziehen, der vor Anfang der Schöpfung schon Sohn Gottes war und schon vor Beginn der Zeit sein Erlösungsplan feststand. Es bezieht sich auf die gesamte Menschheit, deren Erlösungsplan schon vor ihrem Hervorgehen feststand, vor allem der Neue Bund war schon längst geplant, durch den wir alle die Herrlichkeit Gottes schauen dürfen – durch den Taufbund. Deshalb ist sie heilsnotwendig. Und es bezieht sich auf jeden einzelnen Menschen, mit dem Gott seinen ganz besonderen Plan hat.
Gott hat uns schon beim Namen genannt, bevor unsere Eltern es getan haben. Er kennt uns schon, bevor wir beginnen, zu existieren. Das ist so eine tröstliche Botschaft, weil wir uns dann auf seinen absoluten Heilswillen verlassen können. Er wird uns deshalb nichts aufbürden oder geben, was uns nicht passt oder was uns zu viel ist.
„Er machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert“ – an dieser Stelle werden verschiedene Waffenbilder verwendet, um zu umschreiben, dass zunächst wörtlich verstanden der Prophet Jesaja zum Werkzeug des Kampfes Gottes wird. Dieser Kampf ist vor allem ein geistiger. Das scharfe Schwert ist dahingehend besonderes auffällig, weil es uns in der gesamten Bibel immer wieder begegnet und eine typologische Entsprechung mit Christus selbst erhält. In der Johannesoffenbarung sieht Johannes sogar, dass aus Jesu Mund dieses Schwert herauskommt und zum Ende hin sieht er Jesus als Feldherrn mit dem Namen „das Wort Gottes“. Das Wort Gottes ist die Waffe, kein echtes Schwert, mit dem man Menschen tötet. Das Wort Gottes spaltet alles bis ins innerste Mark. Damit ist aber die Seele gemeint. Denn es bewirkt einen inneren Kampf. So kämpft Jesaja durch die Hl. Schrift gegen jene, die sich nicht daran halten. Er deckt die Missstände auf, die verdorbenen Herzen und die schweren Sünden des Volkes. Und so wird es auch Jesus tun. Er ist das fleischgewordene Wort Gottes. Seine bloße Anwesenheit provoziert jene, die sich hinter dem Gesetz verstecken und ihre Verdorbenheit bisher gut verbergen konnten. Jesus „seziert“ die Seelen der Menschen und so wird alles offengelegt. Es schmerzt vor allem da, wo entzündetes Gewebe, kranke Organe, ein kranker Organismus ist. Wer die Heilung annimmt, wird gesund, wer es nicht annimmt, stirbt an einer seelischen Sepsis. Mit seinem Heimgang zum Vater hinterlässt Jesus dieses Schwert seiner Kirche in Wort und Sakrament. Sie kämpft bis heute mit dieser Waffe und seziert die Seelen der Menschen. Damit ist sie der Gesellschaft zu jeder Zeit ein Dorn im Auge, denn der Mensch möchte seine Verdorbenheit nicht preisgeben. Er möchte auch nicht geheilt werden, weil die Behandlung schmerzhaft ist und er seine Lebensgewohnheiten umstellen muss. Lieber stirbt er den seelischen Tod, als sich behandeln zu lassen. Wir sehen an den schlimmen Christenverfolgungen unserer heutigen Zeit, dass die Abwehr gegen das Wort-Gottes-Schwert heutzutage besonders stark ist. Tendenz steigend. Am Ende der Zeiten wird es zum ultimativen Kampf kommen, doch es wird eher eine Abrechnung Christi mit den bösen Mächten sein, die blitzschnell überwältigt und besiegt werden. Dann wird es keiner Waffen mehr bedürfen, denn dann wird ewige Triumphfeier sein.
Vers 3 erinnert uns an die Worte, die wir am Fest der Taufe des Herrn gehört haben. Anders ist an dieser Stelle die direkte Adressierung des Gottesknechts („du bist“ statt „das ist“). Es wird auch expliziter gesagt, wer damit gemeint ist: „Du….Israel“. An dieser Stelle wird es auf Jakob bezogen, der den Namen Israel erhalten hat. Man kann darunter auch das Kollektiv Israel verstehen, d.h. die zwölf Stämme Israels. In dieser wörtlichen Leserichtung möchte Gott seinem auserwählten Volk seine Herrlichkeit zeigen. Das ist es, was Gott immer wieder tut und was für ihn bezeichnend ist – die Selbstoffenbarung. Diese gipfelt auf dem Höhepunkt der Heilsgeschichte mit dem Kommen seines Sohnes, der schließlich am Kreuz sterben wird. Nach drei Tagen wird er auferstehen und dadurch Gottes Herrlichkeit offenbaren. Am Ende der Zeiten wird er in Herrlichkeit wiederkommen, um die Lebenden und die Toten zu richten. Dann wird Gott seine Herrlichkeit unverschleiert offenbaren, wie sie ist. Lesen wir den Knecht Israel christologisch, dann ist es Jesus, dem Gott durch die Auferstehung seine Herrlichkeit zeigt.
Im Laufe der Heilsgeschichte wird der Adressat der göttlichen Offenbarung immer weiter ausgeweitet, sodass mit Jesus die ganze Welt zum Zeugen wird. Das auserwählte Volk, „Israel“ meint dann nicht mehr wörtlich die zwölf Stämme, sondern die ganze Welt.
In Vers 4 spricht das Volk Israel nun eine Art Bekenntnis, in dem es heißt: „Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft für Nichtiges und Windhauch vertan. Aber mein Recht liegt beim HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.“ Bezieht man es auf das Volk Israel, kann man es als reumütiges Bekenntnis verstehen, in dem das Volk die Verschwendung der Ressourcen für Unwichtiges zugibt. Es kann aber auch die Klage darüber sein, dass Israel vermeintlich erfolglos für die Sache Gottes gewesen ist. In diesem Sinne kann man es vor allem auf Jesaja beziehen und weitergedacht auf Jesus, den leidenden Gottesknecht, der scheinbar verliert. Mit Ostern wird sich das Blatt aber wenden und wir erkennen, dass garnichts umsonst war! Und so können wir dieses Bekenntnis auch auf die Kirche anwenden, die einerseits ihr Leid über die ausbleibenden Früchte klagt, andererseits vor Gott bekennt, ihre Energie in die falschen Dinge gesteckt zu haben. Zweiteres müsste sie heutzutage besonders laut tun…
Ab Vers 5 wechselt die Perspektive, sodass der Gottesknecht selbst spricht. Der Knecht ist im Mutterleib von Gott geformt worden, d.h. er ist auserwählt von Anfang an. Sein Auftrag besteht dabei in der Heimführung Israels/Jakobs zu Gott. Lesen wir dies wörtlich-historisch, denken wir an einen König oder noch eher an einen Propheten, der zur Umkehr des auserwählten Volkes beiträgt. Seine Berufung steht schon fest, noch bevor er geboren wird. In dieser Hinsicht findet er beim HERRN Ehre und hat seine Stärke in Gott. Während die Ehre bei Gott durch eine Zukunftsform ausgedrückt wird (וְאֶכָּבֵד we’ekaved), stellt das Haben der Stärke in Gott eine Vergangenheitsform dar (הָיָ֥ה hajah). Gott WAR also die Stärke des Knechts, aber er wird ihn noch verherrlichen (es ist im Hebräischen dasselbe Wortfeld, das auch sonst für „Ehre“ gebraucht wird und im Griechischen durch δόξα doxa ausgedrückt wird, lateinisch gloria). Dies alles macht also Sinn, wenn wir mit dem Gottesknecht Jesus Christus identifizieren. Er wird am Ende der Zeiten als verherrlichter Menschensohn wiederkommen. Er ist zum Vater heimgekehrt, um verherrlicht zu werden. Zur Zeit des zweiten Gottesknechtsliedes steht es aber noch aus. Auch uns gelten diese Worte. Wir sind Knechte und Mägde des Herrn, die wir getauft worden sind. Auch uns hat der HERR dadurch schon verherrlicht, was wir aber erstens im Laufe unseres Lebens verlieren können, zweitens wird unsere Herrlichkeit erst am Ende der Zeiten offenbar.
Versuchen wir, die wörtliche Bedeutung des Verses 5 noch weiter zu verstehen, damit wir die Hoffnungsbotschaft für die Juden erkennen: Israel heimzuführen meint wörtlich gelesen zunächst die Heimführung aus dem babylonischen Exil. Die Juden haben also auch an dieser Stelle an eine königliche Figur gedacht, die eine politische Befreiung erzielen soll. Die Heimführung zu Gott bezieht sich dann auf sein gelobtes Land, also auf einen irdischen Ort. Christologisch gesehen gehen wir aber darüber hinaus: Jesus ist gekommen, um das auserwählte Volk zu Gott zurückzuführen. Er hat Sühne geleistet, um das Exil Israels zu beenden – nicht nur aus dem babylonischen Exil, sondern das viel schlimmere und aussichtslosere Exil außerhalb des Paradieses! Er ist gekommen, um die Söhne Israels zu Gott ins Himmelreich heimzuführen! Er macht damit wieder gut, was der erste Mensch verschuldet hat.
In Vers 6 legt das Gottesknechtslied noch einen drauf. Spätestens jetzt merkt man, dass der Gottesknecht nicht einfach ein politischer Herrscher oder ein Prophet sein kann. Denn er wird nicht nur zum Heimführer der „Verschonten“ Israels (die das Exil und die Fremdherrschaft bis dahin überlebt haben), sondern zum „Licht der Nationen“ (לְאֹ֣ור גֹּויִ֔ם le’or gojim). Der Gottesknecht bringt das Heil ALLEN Menschen, auch den Nichtjuden! Jesus ist wirklich das Licht, von dem vor allem das Johannesevangelium immer wieder spricht. Gott hat einen wunderbaren Plan und dieser wird schon 700 Jahre vor der eigentlichen Umsetzung dem Propheten Jesaja eingegeben! Gott will sein Heil יְשׁוּעָתִ֖י jeschuato – seinen Jesus – bis an die Enden der Erde bringen. Dazu möchte er die Menschen miteinbeziehen, die seine Jünger sind. Jesus wird vor seinem Heimgang zum Vater zu den Aposteln sagen: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19). Jesus führte schon zu seinen Lebzeiten die Menschen zum Vater, indem sie umkehrten. Er trug seinen Jüngern auf, die Gemeinschaft der Gläubigen zu sammeln, dass sie zum Vater „heimkommen“ in die Kirche, die das angebrochene Reich Gottes auf Erden darstellt. Durch die Kirche steht ihnen die Heimführung zum Vater nach ihrem Tod bereit und am Ende der Zeiten werden alle Menschen, die den Herrn angenommen haben, auf ewig im himmlischen Jerusalem zuhause sein. Das Heil Gottes ist dann an den Grenzen/Enden der Erde auch im eschatologischen Sinn: das Ende der alten Schöpfung und der Anfang der neuen, die Johannes in der Offenbarung schon gesehen hat.

Ps 71
1 Bei dir, o HERR, habe ich mich geborgen, lass mich nicht zuschanden werden in Ewigkeit!
2 Reiß mich heraus und rette mich in deiner Gerechtigkeit! Neige dein Ohr mir zu und hilf mir!
3 Sei mir ein schützender Fels, zu dem ich allzeit kommen darf! Du hast geboten, mich zu retten, denn du bist mein Fels und meine Festung.
5 Denn du bist meine Hoffnung, Herr und GOTT, meine Zuversicht von Jugend auf.
6 Vom Mutterleib an habe ich mich auf dich gestützt, aus dem Schoß meiner Mutter hast du mich entbunden, dir gilt mein Lobpreis allezeit.
15 Mein Mund soll von deiner Gerechtigkeit künden, den ganzen Tag von deinen rettenden Taten, denn ich kann sie nicht zählen.
17 Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf und bis heute verkünde ich deine Wunder.

Der heutige Psalm ist ein Bittpsalm, bei dem Gott um Schutz und Rettung gebeten wird. Er beginnt jedoch mit einer Vertrauensbekundung („Bei dir, o HERR, habe ich mich geborgen“). Es ist die Zusage König Davids, der wirklich in jeder Lebenslage Gott vertraut hat. Wir können es weiterlesen und auf Jesus Christus beziehen, der mit den Psalmworten zu seinem Vater gebetet hat vor seinem Tod. Er hat während seines gesamten irdischen Daseins immer wieder seine innige Beziehung zum Vater gezeigt, der ihn nun nicht im Stich lassen soll. Dies wird sein Gebet im Garten Getsemani vor seiner Verhaftung gewesen sein. Es wird seine Lippen bis zum letzten Atemzug am Kreuz nicht verlassen haben, selbst als er sich ganz alleingelassen fühlte. Wir lesen im Lukasevangelium, dass Jesus dann sagen wird: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Es ist ein weiteres Psalmwort, das Jesu absolute Vertrauensbekundung ausdrückt. Und auch wir dürfen so beten, vor allem durch das Gebet, das Jesus uns beigebracht hat – das Vaterunser. Da bitten wir ja zunächst nicht, sondern preisen den Vater. Erst dann kommen die Bitten, die unser Leben betreffen. Dort heißt es ja: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von den Bösen. Dies ist natürlich nicht nur auf die Erdenzeit beschränkt, sondern es soll eine umfassende Erlösung sein, damit wir auf ewig nicht zuschanden werden.
„Reiß mich heraus“ bezieht sich auf allerlei Nöte. David selbst hat so einige existenzielle Nöte erfahren, von der Verfolgung Sauls bis hin zur Verfolgung seines eigenen Sohnes Abschalom. Jesus Christus wird diese Worte ein wenig anders formulieren und zugleich seinen eigenen Willen dem des Vaters unterstellen: Herr, nimm diesen Kelch von mir, aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe. So sollen auch wir beten. Selbstverständlich sollen wir Bittgebete formulieren, immer wieder. Jesus hat uns ermutigt mit den Worten: „Bittet, dann wird euch gegeben.“ Gleichzeitig sollen wir das letzte Wort Gott überlassen, auch das Wann und das Wie. Wir sollen also bitten unter dem Vorbehalt, „wenn du willst“. So hat schon der Aussätzige im Evangelium gebetet, als er Jesus um Heilung bat. „Neige dein Ohr mir zu“ ist bildhaft zu verstehen, da Gott kein Ohr hat. Es meint Gottes Gehör, das keinen Klageschrei überhört – weder damals in Ägypten noch in Babylon, noch in heutiger Zeit! Gottes Zorn und sein gerechtes Gericht sind ein Beweis dafür, dass Gott das Leiden seiner geliebten Menschen nicht ignoriert. Allem wird er in seiner Gerechtigkeit nachgehen und richtigstellen. Gericht ist also nichts Schlechtes, sondern Zeichen der Barmherzigkeit Gottes!
Das Wortfeld „retten“ wird auch hier wiederum mit der hebräischen Wurzel ישׁע ausgedrückt wie der Name Jesu. Dieser Psalm umfasst die Bitte um die Befreiung des Volkes aus der Hand des Feindes. Das Volk schreit um Erlösung und Gott ist so barmherzig, dass er sein Schreien hört. Obwohl die Propheten erklären, dass die Zeiten der Fremdherrschaft Konsequenz ihrer eigenen Sünden, vor allem ihres Götzendienstes sind. Und doch lässt Gott seine untreue Braut nicht im Stich, sondern sendet ihr Menschen wie Simson oder David, die die Feinde besiegen. Letztendlich sind solch heilsgeschichtliche Gestalten Gottes Antwort auf die Bitten des Volkes. Gott selbst vollbringt hier seine göttlichen Heilstaten.
Für Bittpsalmen ist bezeichnend, dass der Beter die Gründe aufzählt, weshalb Gott helfen soll, besonders auch die vergangenen Heilstaten. „Vom Mutterleib an habe ich mich auf dich gestützt“ zeigt, dass der Beter um Gottes Beistand ruft, weil er seine Gebote befolgt. Wir denken an die Worte des Gottesknechtsliedes, wo Gott diese Zusage dem Propheten Jesaja und dem gesamten Volk Israel macht. Wir denken auch an König David, dem wir diesen Psalm zuschreiben und der von Anfang an in der Gunst Gottes stand. Dass wir im Stand der Gnade alles von Gott erbitten dürfen, wird uns später auch Jesus erklären (als Rebe am Weinstock, dem Bild für diesen Stand der Gnade): Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten (Joh 15,7).
Unser Auftrag ist es, Gottes große Taten zu verkünden, wie es der Psalm auch sagt. Er ist es, der uns alles lehrt und dem wir unser Leben lang zurückgeben sollen, nicht aus Zwang, sondern aus Liebe.

Joh 13
21 Nach diesen Worten wurde Jesus im Geiste erschüttert und bezeugte: Amen, amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern.
22 Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte.
23 Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte.
24 Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche.
25 Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es?
26 Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.
27 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn. Jesus sagte zu ihm: Was du tun willst, das tue bald!
28 Aber keiner der Anwesenden verstand, warum er ihm das sagte.
29 Weil Judas die Kasse hatte, meinten einige, Jesus wolle ihm sagen: Kaufe, was wir zum Fest brauchen! oder Jesus trage ihm auf, den Armen etwas zu geben.
30 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.
31 Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht.
32 Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen und er wird ihn bald verherrlichen.
33 Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ihr werdet mich suchen, und was ich den Juden gesagt habe, sage ich jetzt auch euch: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.
36 Simon Petrus fragte ihn: Herr, wohin gehst du? Jesus antwortete ihm: Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen.
37 Petrus sagte zu ihm: Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich hingeben.
38 Jesus entgegnete: Du willst für mich dein Leben hingeben? Amen, amen, ich sage dir: Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

Das Evangelium führt uns in diesen Tagen immer näher zum Kreuz. Heute hören wir eine Perikope, die sich direkt an die Fußwaschung im Abendmahlssaal anschließt. Jesus spricht Abschiedsworte, die die Apostel noch nicht ganz verstehen, aber sehr bald schmerzlich realisieren werden.
Jesus ist erschüttert. Die grammatikalische Form zeigt, dass er es zuerst nicht ist und dann in Bestürzung gerät. Es bricht ihm das Herz und deshalb bestürzt es ihn, was er nun auch ankündigt: Einer seiner engsten Freunde wird ihn verraten. Wir müssen uns Jesu emotionale Reaktion sehr zu Herzen nehmen. So reagiert Jesus auf jeden Menschen, der sich gegen Gott versündigt. Es ist jedesmal ein Verrat Gottes. Und auch dann ist er bestürzt, weil wir alle durch den Taufbund zu seinen ganz engen Freunden werden, ja zu seinen Familienmitgliedern. Je näher man sich steht, desto mehr trifft der Verrat den Menschen. Jesus weint auch über mich und ist ganz erschüttert über jede einzelne Liebesablehnung.
Die Jünger sind verwirrt und wissen nicht, wer von ihnen so etwas Schreckliches tun sollte. Petrus gibt Johannes ein Zeichen, der sich mit Jesus eine Liege teilt und der auch sonst ganz nah an Jesu Herz weilt im übertragenen Sinn. Er fragt ihn und dieser antwortet mit einem Code, den alle verstehen: „Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde.“ Jesus tut es und gibt das Stück Judas Iskariot, der es entgegennimmt. Diese Geste muss schriftkundigen Juden bekannt sein, denn es ist eine Anspielung an Ps 41,10: „Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, hat die Ferse gegen mich erhoben.“ Warum antwortet Jesus mit so einem Schriftwort, statt einfach zu sagen: „Judas wird mich verraten“? Schließlich wird er dies am Ende des Evangeliums unverblümt zu Petrus sagen. Er tut es, weil er den Aposteln die Erfüllung der Hl. Schrift verdeutlichen möchte und dass alles, was nun kommt, so geschehen muss.
Jesus gibt Judas eine letzte Chance, als er ihm den Bissen hinhält. Er hat Judas‘ böse Absichten ja freigelegt und dieser könnte in diesem Augenblick bereuen und alles ablegen. Der Satan hat ihn aber schon so sehr bearbeitet, dass dieser die letzte Chance nicht mehr nutzt, sondern den Bissen bereitwillig annimmt. Weil er hartnäckig an der schweren Sünde festhält, fährt der Satan in ihn. Lesen Sie, was Exorzisten über die häufigsten Ursachen von Besessenheit schreiben. Ein ganz großer Faktor besteht in genau diesem verstockten Zustand des Festhaltens an der Todsünde.
Wenn Jesus nun sagt: „Was du tun willst, das tue bald!“, dann kann man es entweder auf Judas selbst beziehen oder auf den Satan in ihm! Jesus kann diesem ja Befehle erteilen und schließlich bewegt sich der Teufel im Heilsradius Gottes. Selbst seine Machenschaften wendet Gott zum Heil. Würde die folgende Auslieferung nicht geschehen, könnte Jesus die Welt nicht erlösen.
Die anderen Aposteln verstehen Jesu Worte nicht und denken, Judas soll sich als Kassenwart mit irgendwelchen Einkäufen beeilen. Haben die Apostel die Geste Jesu nicht verstanden, als er Judas den Bissen überreichte oder wollten sie es nicht wahrhaben, was so unvorstellbar grausam sein musste?
Als Judas hinausgeht, ist es Nacht. Diese Bemerkung ist nicht einfach auf die Tageszeit zu beziehen, denn wir wissen ja, dass es sich um ein Abendmahl handelt. Das heißt, es muss schon dunkel sein, als sie mit dem Mahl fertig sind. Es geht vielmehr um die seelische Nacht des abgefallenen Apostels. Seine Seele gehört dem Satan, der die Nacht ist. Jesus dagegen ist der Messias, der aus dem Osten aufsteigt und somit die Sonne der Gerechtigkeit ist, die Morgenröte.
Als Judas weg ist, spricht Jesus von seiner Verherrlichung durch den Vater. Er spricht davon, weil sie unmittelbar bevorsteht und Jesus ja schon längst verherrlicht ist. Diese Verherrlichung ist nur verborgen und wird an Ostern offenbar – aber selbst da ist es noch nicht die vollkommene Offenbarung seiner Herrlichkeit. Diese wird erst am Ende der Zeiten mit seiner Rückkehr vonstatten gehen.
„Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ihr werdet mich suchen, und was ich den Juden gesagt habe, sage ich jetzt auch euch: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.“ Jesus will seine Apostel schon für seinen Tod sensibilisieren. Mit seinem Tod wird seine Seele von der irdischen Welt gehen und deshalb können seine Jünger ihm dorthin nicht folgen, zumindest noch nicht. Petrus fragt nach (Vers 36) und Jesus wird ihm ankündigen, dass er diesen Weg später auch gehen wird (wenn er nämlich stirbt. Petrus lässt aber nicht locker, denn er ist immer ganz schnell im Sprechen und nimmt auch manchmal den Mund zu voll in seiner Selbstüberschätzung. Er sagt sogar, dass er Jesus sein Leben hingeben will. An sich sind das sehr lobenswerte Worte, doch Jesus sieht, dass es anders kommen wird. So sagt er ihm unverblümt ins Gesicht: „Amen, amen, ich sage dir: Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Jesus tut es, um Petrus aus seiner Selbstüberschätzung herauszuholen. Petrus braucht das, um demütig zu werden und seine eigene Erlösungsbedürftigkeit zu erkennen. Dies fiel ihm schon bei der Fußwaschung schwer, weil sein Hochmut ihn daran hindert. Er braucht einen Fall, um vom hohen Ross herunter zu kommen. So wird passieren, was Jesus ihm vorhergesagt hat. Petrus wird es auch sofort erkennen und bitterlich weinen – nicht nur in dieser Situation, sondern sein ganzes restliches Leben lang. Er wird es von Herzen bereuen und endlich realisieren, wie er wirklich ist. Und dann wird er demütigen Herzens wirklich sein Leben für Jesus hingeben. Er wird sogar wie Jesus gekreuzigt werden, sogar kopfüber.

Jesus ist das Herz so sehr gebrochen worden. Er musste so viele Verrate erleiden und wird sich bis zum Kreuz im Stich gelassen gefühlt haben. Aber auch dies ist Bestandteil seiner Sühne. Jesus sühnt auch für die Sünde des Verrats. Er erlöst uns von den Hinterhalten unserer eigenen Freunde. Er erlöst die Sünde aller Brutusse bis in die heutige Zeit. All das musste geschehen, aber schmerzhaft ist es trotzdem, sowohl für Jesus als auch für uns, die wir es nachempfinden. Jesus hat heute im Abendmahlssaal wirklich mithilfe des Wortes Gottes, das ein scharfes Schwert ist, die verborgenen bösen Pläne des Judas aufgedeckt – nämlich mithilfe von Psalm 41. Er hat allerdings falsch reagiert, nämlich wie die Pharisäer und Schriftgelehrten lieber an dem Bösen festgehalten.

Denken wir heute darüber nach, wo wir zu Judas und wo wir zu Petrus werden in unserem Alltag. Wann verraten wir Jesus? Versuchen wir dann so zu reagieren wie Petrus, der bereut und die Barmherzigkeit Gottes angenommen hat. Werden wir nicht so wie Judas, der die Barmherzigkeit abgelehnt und stur an der Sünde festgehalten hat. Dies schadet unserer Seele auf ewig. Seien wir Petrus und sehen wir unsere Sünde im Nachhinein als Herabsteigen vom hohen Ross zu einem Wachsen in Demut!

Ihre Magstrauss

Montag der 6. Woche im Jahreskreis

Jak 1,1-11; Ps 119,67-68.71-72.75-76; Mk 8,11-13

Jak 1
1 Jakobus, Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus, grüßt die zwölf Stämme in der Diaspora. 

2 Nehmt es voll Freude auf, meine Brüder und Schwestern, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet! 
3 Ihr wisst, dass die Prüfung eures Glaubens Geduld bewirkt. 
4 Die Geduld aber soll zu einem vollkommenen Werk führen, damit ihr vollkommen und untadelig seid und es euch an nichts fehlt. 
5 Fehlt es aber einem von euch an Weisheit, dann soll er sie von Gott erbitten; Gott wird sie ihm geben, denn er gibt allen gern und macht niemandem einen Vorwurf. 
6 Wer bittet, soll aber im Glauben bitten und nicht zweifeln; denn wer zweifelt, gleicht einer Meereswoge, die vom Wind hin und her getrieben wird. 
7 Ein solcher Mensch bilde sich nicht ein, dass er vom Herrn etwas erhalten wird: 
8 Er ist ein Mann mit zwei Seelen, unbeständig auf all seinen Wegen. 
9 Der Bruder, der in niederem Stand lebt, rühme sich seiner hohen Würde, 
10 der Reiche aber seiner Niedrigkeit; denn er wird dahinschwinden wie die Blume im Gras. 
11 Denn die Sonne geht auf mit ihrer Hitze und versengt das Gras; die Blume verwelkt und ihre Pracht vergeht. So wird auch der Reiche vergehen in allem, was er unternimmt. 

Heute beginnen wir eine Reihe von Lesungen aus dem Jakobusbrief, einem der katholischen Briefe, der der Tradition der Kirche nach von Jakobus dem Jüngeren abgefasst worden ist, dem Sohn des Alphäus, der wiederum ein Verwandter bzw. deren Frau eine Verwandte der Eltern Jesu war. Deshalb wird Jakobus auch der Herrenbruder Jesu genannt. Seine Schrift zeugt von einer sehr guten Kenntnis jüdischer Weisheitstraditionen, weshalb er viel aus den weisheitlichen Schriften zitiert, ebenso die anderen Schriften des AT.
Der Briefbeginn ist klassisch aufgebaut wie jeder antike Brief und auch die Paulusbriefe. Jakobus nennt sich selbst als Absender („Jakobus, Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus“). Danach wird der Empfänger des Briefes genannt („die zwölf Stämme in der Diaspora“). Das Ganze ist als Grußwort gestaltet, wie antike Präskripte es so an sich haben. Bemerkenswert ist, wie Jakobus die Adressaten hier bezeichnet. Das Motiv der „zwölf Stämme“ ist eindeutig dem alten Bund Gottes mit den zwölf Stämmen Israels angelehnt, meint nun aber die Stämme des neuen Bundes. Durch den Zusatz „in der Diaspora“ wird deutlich, dass Jakobus seinen Brief an verschiedene Gemeinden verstreut im ganzen römischen Reich richtet. Dies kennzeichnet seinen Brief als katholisch im wörtlichen Sinn „umfassend“. In diesem Sinne werden diese Schrift sowie die des Petrus, Johannes und Judas als katholisch bezeichnet.
Jakobus möchte mit seinem Schreiben die Christen in der Zerstreuung in ihrer schwierigen Lage trösten und stellt in der Krise die Chance heraus: „Ihr wisst, dass die Prüfung eures Glaubens Geduld bewirkt“ und deshalb ist die Versuchung sogar ein Grund zur Freude. Wenn Jakobus das hier schreibt, ist sein Wort nicht nur für die damaligen Christen relevant, sondern auch für uns! Gott lässt zu, dass wir allerlei Versuchungen durchstehen müssen. Er gibt uns auch die Kraft und den Trost, es durchzuhalten. Und danach werden wir merken, dass unser Glaube gestärkt worden und unser Geduldsfaden dicker geworden ist. Umgekehrt ist es dann sogar noch so, dass wir uns fragen müssen, was schief läuft, wenn wir nicht versucht werden. Das griechische Wort für „Geduld“ ist ὑπομονή hypomone und kann auch mit „Standhaftigkeit“ übersetzt werden. Durch die Versuchungen wird unsere Standhaftigkeit also immer stärker und so werden Krisen zu Chancen.
Diese Geduld oder Standhaftigkeit als gewonnene Tugend soll zu einem vollkommenen Werk führen – wir verstehen es moralisch als Heiligkeit, anagogisch als Voraussetzung für den Himmel. Beide Ebenen zeigen sich auch am Nebensatz: „Damit ihr vollkommen und untadelig seid und es euch an nichts fehlt.“ Einerseits wird hier mit dem griechischen Wort für „vollkommen“ τέλειοι teleioi die Erlangung von Heiligkeit ausgedrückt, andererseits ist eine andere Übersetzung „vollbracht, vollendet“. Dann wird die anagogische Ebene betont, dass wenn die Christen bis zum Ende standhaft geblieben sind, Gottes Herrlichkeit schauen dürfen wie Jesus, der am Kreuze zum Schluss sagte „es ist vollbracht“ (Joh 19,30). Der zweite Teil des Nebensatzes ist etwas ungünstig übersetzt. Man müsste wörtlich formulieren „in nichts zurückbleibend“. So ist es moralisch zu verstehen als „sie können sich dann mit den anderen Heiligen messen, sie stehen ihnen von der Tugendhaftigkeit in nichts nach.“ Die alternative Übersetzungsmöglichkeit „verlassen, zurücklassen“ bringt die anagogische Bedeutung des Verses wieder zum Vorschein in dem Sinne, dass die Vollendeten in nichts zurückgelassen werden wie die törichten Jungfrauen im Gleichnis Jesu. Sie werden mitgenommen ins Himmelreich.
In Vers 5 wird die moralische Ebene weitergeführt, indem es heißt: „Fehlt es aber einem von euch an Weisheit“ (griechisch σοφία sofia). Das erinnert uns an Paulus gestern, der in 1 Kor 2 über den Gegensatz von göttlicher und weltlicher Weisheit spricht. Hier geht es um die Weisheit Gottes, die dem Menschen durch den Hl. Geist als Gabe geschenkt wird. Wie auch an anderer Stelle wird dadurch ausgedrückt, dass wir die Gnadengaben Gottes erbitten müssen bzw. dürfen.
Was Jakobus hier schreibt, entkräftet die Vorwürfe Luthers, der eine Werksgerechtigkeit in den Brief hineingelesen hat. Einerseits soll man tugendhaft sein wie es die vorherigen Verse deutlich machen. Andererseits kann man aus eigener Kraft nicht perfekt werden. Man muss von Gott erbitten, was an einem dennoch mangelhaft bleibt. Hier kristallisiert sich ein Teamwork heraus, das aus den menschlichen Bemühungen und den Gnadengaben Gottes besteht. Die Art und Weise, wie Gott dann gibt, ist allen, einfach/gern (ἁπλός haplos) und ohne zu tadeln. Dieser Nebensatz ist eine Partizipialkonstruktion, die gewählt wird, um Gottes anhaltende Freigiebigkeit und Güte auszudrücken. Gott gibt die Gnade deshalb gern, weil er die Bemühungen des Bittenden sieht. Sein Mangel ist ja nicht selbst verschuldet und so gibt es keinen Grund zu Vorwürfen.
Die Voraussetzung ist aber, dass man nicht zweifelnd bittet (μηδὲν διακρινόμενος meden diakrinomenos). Vielmehr soll man in Glauben bitten (ἐν πίστει en pistei). Sonst ist man wie eine hin und her getriebene Meereswoge. Dieser Vergleich mit einem Naturphänomen erinnert uns an die weisheitlichen Schriften des AT und auch an Jesu Gleichnisse, die ebenfalls an die Weisheit des AT angelehnt sind. Mit so einer Mentalität wird man von Gott aber nichts bekommen. Wir müssen hier verstehen warum: Gott verweigert uns keine Gnade oder stellt Bedingungen. Wir können sie nur dann empfangen, wenn wir fest dazu stehen. Wir selbst stellen uns in den Weg, sodass Gott uns die Gnade nicht schenken kann. Man ist wie ein Mensch mit zwei Seelen (δίψυχος dipsychos). Das Herz soll aber nicht geteilt sein, sondern ganz Gott gehören und so auch die Entscheidungen. Die Unbeständigkeit „auf all seinen Wegen“ ist ein typisch moralischer Ausdruck. Die Wege sind auf den moralischen Lebenswandel zu beziehen. Ein Mensch, der innerlich gespalten ist, wird dieses Hin und Her in alle Entscheidungen und Verhaltensweisen übertragen (ἀκατάστατος akatastatos „nicht stabil, unstet“). Vor einigen Tagen beteten wir im Psalm „ach wären doch meine Schritte fest“, was genau diese fehlende Stabilität sicheren Fußes auf dem Weg ins Himmelreich meint.
Wer niedrig ist, kann sich der hohen Würde freuen, wohingegen der Hochstehende vergehen wird. Es ist wie Jesu Aussage „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden und wer sich selbst erniedrigt wird erhöht werden.“ (z.B. Mt 23). Die Zustände werden sich im Reich Gottes umkehren, sodass die Demütigen (wer sich selbst erniedrigt) am Ende die Großen sind, die Hochmütigen (wer sich selbst erhöht) aber den Kürzeren ziehen. Dies wird ansatzhaft schon in diesem Leben deutlich, was wir an dem Sprichwort sehen können „Hochmut kommt vor dem Fall“. Einen solchen erfährt man durchaus schon in diesem Leben. Aber wie muss man das verstehen? Soll man als Demütiger wirklich angeben? Verliert man dann nicht die Gnade? Das griechische Verb ist hier καυχάομαι kauchaomai, was tatsächlich „sich rühmen, prahlen“ heißt. Wir müssen aber die jeweiligen Bezugswörter beachten, dann werden wir es richtig verstehen: Wir rühmen uns nicht unserer eigenen, selbst verdienten Würde, sondern der Gnade Gottes. Es ist wie ein Lobpreis und eine Anerkennung Gottes, der den Menschen vervollkommnet hat, wo er Mangel hat. Demütig zu sein, heißt nicht, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Vielmehr soll man Gottes Wirken laut preisen und zugleich zugeben, dass es SEIN Werk ist, nicht das eigene. Mithilfe eines weiteren Naturvergleichs stellt Jakobus heraus, wie es aber mit dem Reichen ist (πλούσιος plusios „reich an etwas, vornehm“). Er ist wie eine Blume, die von der Hitze versengt wird. Was ist denn mit „reich“ gemeint? Es ist weniger der finanzielle Reichtum, vielmehr das Erfülltsein vom eigenen Ego oder Stolz. Wer sein Gutsein auf sich selbst bezieht und nicht die Gnade Gottes anerkennt, der verliert das Gutsein ganz schnell wieder. Gott kompensiert den eigenen Mangel nicht, damit man sich mit fremden Federn schmücken kann.
Der Reiche wird keinen Segen mehr haben in dem, was er tut. Das wird durch den letzten Vers ausgesagt.

Ps 119
67 Ehe ich gedemütigt wurde, ging ich in die Irre, nun aber will ich deinen Spruch beachten. 
68 Gut bist du und tust Gutes. Lehre mich deine Gesetze!
71 Dass ich gedemütigt wurde, ist für mich gut, damit ich deine Gesetze lerne. 
72 Gut ist für mich die Weisung deines Munds, mehr als große Mengen von Gold und Silber.
75 Ich habe erkannt, HERR, dass deine Entscheide gerecht sind und dass es Treue ist, wenn du mich beugst. 
76 Tröste mich in deiner Liebe, nach dem Spruch für deinen Knecht!

Gerade der letzte Teil des Jakobusbriefes wird nun im Psalm reflektiert, wobei der Abschnitt erneut aus Ps 119 entnommen ist. Es handelt sich dabei um den längsten Psalm des gesamten Psalters.
„Ehe ich gedemütigt wurde, ging ich in die Irre“ erklärt schon den Sinn der Demütigung. Gott rüttelt den Menschen wach, der sich verirrt. Er tut es, um ihn zurückzuholen. Gott ist weder Sadist noch schadenfroh. Er möchte, dass wir glücklich werden und Überheblichkeit macht uns unglücklich. Der Beter hat Gottes Lektion auch erkannt und sagt deshalb „nun aber will ich deinen Spruch beachten“. Wie oft verstehen wir Gottes Lektionen aber nicht! Wir bleiben so oft auf dem Holzweg, obwohl uns Gott wiederholt Warnsignale schickt. Diese werden immer lauter und doch wollen wir sie nicht hören. Wie gut, wenn wir dann doch Einsicht haben, denn je später wir unseren Irrweg erkennen, desto schmerzhafter ist der Weg der Umkehr. Schließlich wird es immer anstrengender, je länger der Weg ist, den wir wieder zurücklaufen müssen zur richtigen Route.
Gestern haben wir bedacht, dass Gott nicht schuld für unsere Vergehen ist. Wir selbst schlagen die Irrwege ein. Und dies betont auch der Psalm hier, wenn es heißt: „Gut bist du und tust Gutes.“ Gott ist nicht böse und auch kein Verführer. Er lässt zu, dass wir die Konsequenzen unserer falschen Entscheidungen tragen, aber diese müssen wir uns selbst zuschreiben. Alles, was er tut, dient uns zum Heil und deshalb bittet der Psalmist Gott um seine Unterweisung.
Er versteht sogar, dass die Demütigungen auf seinem Lebensweg heilsam und notwendig und Teil der Einweisung in Gottes Gesetze sind. Wie glücklich wären wir Menschen doch, wenn wir hinter so manchen Krisen unseres Lebens Gottes lehrende Hand erkennen würden! Denn was uns oft Angst bereitet, ist die Gefährdung unseres Egos, unseres guten Rufes etc. Dies erinnert auch an den Beginn des Jakobusbriefs, wo Versuchungssituationen sogar Grund zur Freude sein sollen.
Gottes Lektionen, seine Schulungen und Einweisungen in die Gebote sind viel mehr wert als Gold und Silber. Sie sind ja Güter bis in die Ewigkeit hinein. Gold und Silber können wir dort nicht mit hinnehmen.
„Ich habe erkannt“ freut uns für den Psalmisten und wir beten ja darum, ebenfalls solche Einsicht zu erhalten. Wie heilsam ist es doch, wenn wir die Umwege unseres Lebens aus der Sicht Gottes bewerten können und seine Handschrift in unserem Leben entdecken. Wenn Gott uns Menschen in demütigende Situationen führt, ist es gut für uns, weil wir dadurch zu besseren Menschen werden – aber nur unter der Voraussetzung, dass wir daraus lernen. Es kann genauso sein, dass es uns verbittern lässt und wir mit Gott hadern. Dann hat die Lektion nicht gefruchtet, weil sie als solche nicht erkannt worden ist. Gott könnte uns dem „Schicksal überlassen“, aber er formt uns nach seinem Bild. Deshalb ist es ein Zeichen seiner Treue, wenn er Demütigungen an uns zulässt. Er möchte, dass wir ihm immer ähnlicher werden. Deshalb müssen wir immer wieder vom hohen Ross heruntergeholt werden.
Dass es schmerzhaft ist, gedemütigt zu werden, gibt der Psalm durch den letzten Vers zu, den wir hier beten: „Tröste mich in deiner Liebe“. Es ist schmerzhaft, wenn auch notwendig. Gott ist aber auch wie eine liebende Mutter, die das verletzte Kind auf den Schoß nimmt und die Schramme liebevoll anpustet. Wenn einem das Fahrradfahren beigebracht wird, fällt man auch immer wieder hin. Es ist normal im Lernprozess. Nichtsdestotrotz trösten die Eltern einen auch, wenn man sich verletzt hat. So können wir uns Gottes Pädagogik vorstellen. Er lässt uns fallen, tröstet uns aber auch in unserem Schmerz. So werden wir dann nicht zu verbitterten Seelen, die mit Gott hadern, sondern erkennen seine liebevolle Beziehung zu uns, die wir seine geliebten Kinder sind.

Mk 8
11 Da kamen die Pharisäer und begannen ein Streitgespräch mit ihm; sie forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel, um ihn zu versuchen. 
12 Da seufzte er im Geist auf und sagte: Was fordert diese Generation ein Zeichen? Amen, ich sage euch: Dieser Generation wird niemals ein Zeichen gegeben werden. 
13 Und er verließ sie, stieg in das Boot und fuhr ans andere Ufer.

Das Evangelium ist heute sehr kurz. Warum? Weil die Pharisäer, denen Jesus heute begegnet, die ganze Sache abkürzen.
Jesus hat die Menge gespeist und ist direkt im Anschluss mit dem Boot nach Dalmanuta gefahren. Dort hat er nun angelegt und trifft dort auf die ansässigen Pharisäer. Das Problem ist nicht, dass es ein Streitgespräch gibt, denn das griechische Wort συζητεῖν syzetein meint zunächst eine Debatte und nichts Verwerfliches. Das Problem ist vielmehr, dass sie Gott auf die Probe stellen wollen wie der Satan Jesus in der Wüste versucht: Sie fordern ein Zeichen vom Himmel von Jesus. Das ist insofern eine Versuchung, weil sich Jesus bei seiner Menschwerdung entäußert hat. Gott verzichtet auf seine göttliche Allmacht, verbirgt seine Weisheit, wird den Menschen gleich und ist derjenige, der sich maximal gedemütigt hat. Er könnte mit einem Schnips alles umwerfen und die Welt zusammenbrechen lassen. Stattdessen lässt er sich verspotten, sogar noch am Kreuz. Er tut es, um die Menschheit zu erlösen. Und wenn die Pharisäer nun ein Zeichen vom Himmel wollen, dann fordern sie ihn heraus, seine Göttlichkeit zu offenbaren, die Entäußerung aufzugeben. Wer eigentlich dahintersteckt, das erkennt Jesus sofort. Es ist der Böse, der sich der Pharisäer hier bedient, um Jesus anzugreifen.
Die Pharisäer von Dalmanuta haben die Zeit der Gnade nicht erkannt. Jesus hätte sie so viel lehren können, doch sie sitzen auf einem zu hohen Ross. Jesus spricht harte Worte zu ihnen, damit sie von dort oben heruntergeholt werden („Dieser Generation wird niemals ein Zeichen gegeben“). Er tut es nicht, weil er sie nicht ausstehen kann, sondern gerade weil er auch sie liebt. Er möchte, dass auch sie gerettet werden. Deshalb rüttelt er an ihrem Ego. Sie sind zu verstockt, sodass Jesus sich auf den Rückweg machen muss. Wir wissen nicht, was aus diesen Menschen geworden ist. Womöglich haben sie sich dann doch noch bekehrt. Dafür ist es ja noch nicht zu spät.
Mit den Pharisäern haben wir heute ein Negativbeispiel und einen Gegensatz zur Haltung des Psalmisten. Er durchschaut die Lektionen Gottes und bewertet Gottes Demütigungen positiv. Er weiß, dass er so zu einem besseren Menschen wird. Die Pharisäer sind im heutigen Evangelium leider noch nicht so weit.
Jesus steigt wieder ins Boot und fährt ans andere Ufer. Er geht zu jenen, die ihn annehmen, denn Gott ist ein Gentleman. Er drängt sich nicht auf, sondern zieht sich zurück, wo wir ihn ablehnen. Dann muss er schmerzhaft zusehen, wie wir die Konsequenzen dieser Ablehnung tragen müssen. Er wird dann wieder ein Lebenszeichen geben, hier und da nach uns rufen und immer wieder um uns werben. Und nach und nach wird er die Versteinerung unseres Herzens abbauen wie in einem Steinbruch, um Edelsteine zutage zu fördern, die wir nicht einmal selbst dort erwartet haben. Gott gibt uns nicht auf, selbst wenn er sich manchmal zurückzieht. Denn wir alle sind seine geliebten Kinder.

Ihre Magstrauss