Dienstag der 6. Osterwoche

Apg 16,22-34; Ps 138,1-2b.2c-3.7c-8; Joh 16,5-11

Apg 16
22 Da erhob sich das Volk gegen sie und die obersten Beamten ließen ihnen die Kleider vom Leib reißen und befahlen, sie mit Ruten zu schlagen.
23 Sie ließen ihnen viele Schläge geben und sie ins Gefängnis werfen; dem Gefängniswärter gaben sie Befehl, sie in sicherem Gewahrsam zu halten.
24 Auf diesen Befehl hin warf er sie in das innere Gefängnis und schloss ihre Füße in den Block.
25 Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder; und die Gefangenen hörten ihnen zu.
26 Plötzlich begann ein gewaltiges Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Mit einem Schlag sprangen die Türen auf und allen fielen die Fesseln ab.
27 Als der Gefängniswärter aufwachte und die Türen des Gefängnisses offen sah, zog er sein Schwert, um sich zu töten; denn er meinte, die Gefangenen seien entflohen.
28 Da rief Paulus laut: Tu dir nichts an! Wir sind alle noch da.
29 Jener rief nach Licht, stürzte hinein und fiel Paulus und Silas zitternd zu Füßen.
30 Er führte sie hinaus und sagte: Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?
31 Sie antworteten: Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus.
32 Und sie verkündeten ihm und allen in seinem Haus das Wort des Herrn.
33 Er nahm sie in jener Nachtstunde bei sich auf, wusch ihre Striemen und ließ sich sogleich mit allen seinen Angehörigen taufen.
34 Dann führte er sie in sein Haus hinauf, ließ ihnen den Tisch decken und war mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war.

Zuletzt hörten wir von der Purpurhändlerin Lydia, die Paulus und seine Gefährten zu sich nach Hause einlud. Was wir dann nicht mehr gehört haben, ist die Begegnung mit einer Frau, die von einem Wahrsagegeist besessen ist. Diese läuft den Missionaren hinterher und bekennt öffentlich und laut: „Diese Menschen sind Knechte des höchsten Gottes; sie verkünden euch den Weg des Heils.“ Nach einigen Tagen reißt Paulus der Geduldsfaden und er befiehlt dem Dämon, die Frau zu verlassen. Dies hat nun folgende Konsequenz: Mit der Befreiung von dem Dämon endet auch ihre Wahrsagefähigkeit – sehr zum Unmut ihrer Herren, die aus ihrer „Gabe“ ein Geschäft gemacht haben. Aus diesem Grund klagen diese Paulus und Silas bei den Stadtbehörden an und hetzen die ganze Bevölkerung gegen sie auf. Dabei ist bemerkenswert, dass diese Männer Paulus und sein Gefolge als Juden anklagen, mit deren Glauben sie als Römer nichts anfangen können.
Heute hören wir nun die Auswirkungen dieser Stimmungsmache gegen die Missionare: Diese werden gewaltsam entkleidet und mit Ruten geschlagen, bevor sie ins Gefängnis geworfen werden. Hier wird betont, dass die Missionare in sicheren Gewahrsam gehalten werden. Konkret bedeutet dies, dass ihre Füße in einen Block gesteckt und sie im inneren Gefängnis gehalten werden. Wir sehen nun also folgendes Bild: Zwei Missionare, die für das Evangelium Jesu Christi nicht nur ins Gefängnis, sondern in ein unterirdisches Loch gesteckt und dann auch noch bewegungsunfähig gemacht worden sind durch Holzblöcke, in denen ihre Füße stecken.
Wenn Paulus und Silas nun menschlich denken würden, könnten sie vor den Widerständen kapitulieren. Doch das Gegenteil ist der Fall. Voller Gottvertrauen und Furchtlosigkeit beginnen sie, Gott zu loben und zu preisen. Die Mitgefangenen hören ihnen zu, ohne ihnen Schweigen zu gebieten.
Weil Paulus und Silas ihre ganze Hoffnung auf Gott setzen, selbst in einer ausweglosen Situation, wirkt Gott ein Wunder: Durch ein plötzliches Beben springen die Gefängnistüren und die Holzblöcke auf, in denen ihre Füße stecken. Es ist die Rede von abfallenden Fesseln. Hier muss betont werden, dass sich nicht nur die Türen und Fesseln des Paulus und Silas öffnen, sondern aller Gefangenen.
Betrachten wir diesen Vorgang ein wenig mehr: Die Missionare singen dem Herrn Loblieder. Dadurch lösen sich die Fesseln aller anwesenden Gefangenen. Dies ist über den wörtlichen Sinn hinaus geistlich zu verstehen: Die Apostel stoßen im Gefängnis auf offenherzige Gefangene. Sie lauschen ihren Liedern und diese sind gesalbter Gesang. Durch sie wirkt der Geist Gottes, der auch die Seelen der Menschen von inneren Fesseln befreien kann! Der Lobpreis Gottes darf nicht unterschätzt werden. In Erfahrungsberichten der Exorzisten lesen wir sehr oft davon, dass Dämonen mithilfe von Lobpreis gebunden werden können und Menschengruppen Exorzismen durch Lobpreis unterstützen. Diese weitere Lesart ist keineswegs aus den Fingern gesogen, wenn wir den weiteren Kontext der Ereignisse berücksichtigen: Paulus und Silas sind ja ins Gefängnis gekommen, weil sie eine Frau exorziert haben. Gott hat zugelassen, dass sie dafür nicht Lob, sondern Strafe geerntet haben, um zusätzlich die Seelen der Gefängnisinsassen zu retten. Dem so großen Wunder im Gefängnis von Philippi – nicht nur der äußeren, sondern vor allem der inneren Befreiung der Insassen! – geht ein großes Leiden vonseiten der Missionare aus. Wie oft hören wir von Sühneseelen, die die Bekehrung von Menschen durch Leiden begleiten. Von Pater Pio wissen wir, dass er viel für seine Pönitenten gelitten hat, damit sie eine gute Beichte und tiefe Bekehrung erfahren dürfen.
Was mit Paulus und Silas in Philippi passiert, ist also gar kein Misserfolg bei ihrer Mission, sondern ein besonders großer Erfolg durch Umwege.
Nachdem dieses unglaubliche Ereignis geschehen ist, wacht der Gefängniswärter auf und sieht die offenen Türen des Gefängnisses. In der Annahme, dass die Insassen alle geflohen seien, zückt er das Schwert, um sich umzubringen. Zu sehr fürchtet er die harte Strafe und den Verdacht, die Insassen aufgrund von Bestechung freigelassen zu haben. Vielleicht ist der Wärter ein städtischer Sklave, wie es bei diesem Beruf oft der Fall ist, zumindest ein Mann aus der Unterschicht.
Doch Paulus ruft ihm zu, sich nichts anzutun, da sich alle noch in ihren Zellen befinden. Zitternd stürzt er in das Loch der Missionare und fällt ihnen zitternd zu Füßen.
Die Geschehnisse haben dem Mann bewiesen, dass hier höhere Mächte am Werk sind. Der Gott der Missionare ist real! Und so fragt er, was er tun muss, um gerettet zu werden. Ihre Antwort ist: „Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus.“ Dies deutet an, dass das gesamte Haus des Wärters getauft wird – also auch seine Kinder!
Anscheinend nimmt der Wärter die Missionare mit zu sich nach Hause, wo sie seinem ganzen Haushalt das Evangelium Jesu Christi verkünden. Sie lassen sich tatsächlich alle taufen und der Wärter versorgt die Wunden der Missionare von den Schlägen. Auch erhalten sie etwas zu essen. Im Haus des Wärters kehrt Freude über den gewonnenen Glauben ein. Die Freude ist ein gängiger Begleiter bei Bekehrungs- und Taufgeschichten. Sie ist eine Frucht des Heiligen Geistes, der die Bekehrten erfüllt.

Ps 138
1 Von David. Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen, vor Göttern will ich dir singen und spielen. 2 Ich will mich niederwerfen zu deinem heiligen Tempel hin, will deinem Namen danken für deine Huld und für deine Treue. Denn du hast dein Wort größer gemacht als deinen ganzen Namen.

3 Am Tag, da ich rief, gabst du mir Antwort, du weckst Kraft in meiner Seele.
7 Du streckst deine Hand aus, deine Rechte hilft mir.
8 Der HERR wird es für mich vollenden. HERR, deine Huld währt ewig. Lass nicht ab von den Werken deiner Hände!

Der auf Umwegen gekommene Missionserfolg bei den Römern von Philippi veranlasst uns dazu, Gott dafür zu danken und ihn zu loben.
„Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen“. Wie gut ist unser Gott! Auch wenn wir seine Wege manchmal nicht verstehen, so hat er doch stets Pläne des Heils für uns. Auch wenn Paulus und Silas einiges durchmachen mussten, haben sie durch eben jene Umwege ein ganzes Haus gerettet – und dies hat einen Dominostein angestoßen, der wiederum weitere anstoßen würde.
Diese Worte können wir alle beten, denen uns das ewige Leben ermöglicht worden ist. Das sind Worte, die das Haus des Gefängniswärters als Dankgebet für die empfangene Taufe beten konnten.
„Vor Göttern will ich dir singen und spielen“ – genau dies haben die Missionare im Gefängnis getan. Sie haben inmitten der Römer den Lobpreis Gottes angestimmt. Von Herzen haben sie gebetet und der Geist Gottes hat diesen Gesang gesalbt.
„Ich will mich niederwerfen zu deinem heiligen Tempel hin“ – Diese Worte verraten uns, dass der Psalm in einem liturgischen Kontext gebetet worden ist. Das Loblied ist im Vorhof des Tempels gesungen worden. Seitdem es den Tempel aber nicht mehr gibt und Jesus den Anbetungsort mit seiner Person verknüpft hat (nämlich vor der Frau am Jakobsbrunnen in Joh 4), beten wir den Psalm nun, indem wir uns vor Jesus Christus niederwerfen, dem wahren Anbetungsort mit eucharistischer Gegenwart hier auf Erden. Und in der Ewigkeit braucht es dann nicht mal mehr einen Tempel, da Gott unverhüllt gegenwärtig sein wird.
„Am Tag, da ich rief, gabst du mir Antwort.“ Gott erhört Bitten, immer. Die Art und Weise ist uns nur nicht immer bewusst, ebenso der Zeitpunkt seiner Erhörung. Paulus und Silas haben Gottes Erhörung ziemlich schnell erfahren – durch wackelnde Gefängnismauern und aufspringende Zellentüren!
„Du streckst deine Hand aus, deine Recht hilft mir.“ Diese Geste ist auf Gott bezogen sinnbildlich zu verstehen, denn er ist Geist. Er hat keine Hand, die er ausstrecken kann. Doch als menschgewordener Gott zeigt er uns diese Geste wortwörtlich! Wie oft werden wir Zeugen von Heilungswundern Jesu Christi, bei denen er seine Hand ausstreckt und die Menschen berührt. Sehr oft ergreift er die rechte Hand der zu Heilenden, sodass diese sich erheben können – so die tote Tochter des Jairus oder die Gelähmten.
Die Aussage in Vers 8 ist eine tiefe Vertrauensbekundung, dass Gott dem Beter helfen wird. Schließlich endet der Psalm mit der Bitte, auf ewig sein göttliches Wirken walten zu lassen. Gottes Taten sind so groß! Er hat immer wieder Überraschungen für den Menschen bereit und überschüttet ihn mit seinem Heil.

Joh 16
5 Jetzt aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du?

6 Vielmehr hat Trauer euer Herz erfüllt, weil ich euch das gesagt habe.
7 Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden.
8 Und wenn er kommt, wird er die Welt der Sünde überführen und der Gerechtigkeit und des Gerichts;
9 der Sünde, weil sie nicht an mich glauben;
10 der Gerechtigkeit, weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht;
11 des Gerichts, weil der Herrscher dieser Welt gerichtet ist.

Gestern endete das Evangelium damit, dass Jesus seinen Aposteln wiederholt die kommenden Widerstände angekündigt hat, durch die sie aber nicht ins Straucheln kommen sollen.
Nun wendet sich Jesus erneut seinem Weggang zu.
Er konfrontiert die Apostel mit ihrer Traurigkeit über die Abschiedsstimmung. Sie sind von ihrer Trauer so vereinnahmt, dass sie sich gar nicht fragen, wohin Jesus eigentlich gehen will.
Er versichert ihnen aber, dass sein Weggang für seine Jünger gut ist. Nur so kann der Paraklet zu ihnen kommen, den Jesus vom Vater senden wird. Ohne diesen Geist werden sie als Leib Christi nicht zum Leben erweckt. Wir gehen mit großen Schritten auf das Pfingstfest zu, deshalb mehren sich die Aussagen über den Heiligen Geist. Jesus muss an Christi Himmelfahrt zum Vater heimkehren, damit er vom Vater aus den Geist senden kann.
Dessen Funktion wird unter anderem sein, die Sünde der Welt aufzudecken und Gerechtigkeit und Gericht zu bringen. Der Geist deckt auf – das heißt, er hat mit Erkenntnis zu tun. Erfüllt vom Heiligen Geist wird Petrus in der Halle Salomos z.B. die Schuld artikulieren, die die Anwesenden durch ihre Mitläuferschaft am Tod Jesu tragen. Er wird sie zur Umkehr aufrufen, was der Weg aus der Schuld ist. Auch im Falle Paulus ist der Geist Gottes am Werk. Er ist es, der die Gefängnismauern zum Wackeln bringt und die Türen und Fesseln aufspringen lässt. Er sorgt für Gerechtigkeit, wo Paulus und Silas ungerechterweise wie Schwerverbrecher behandelt werden.
Der Geist wird Gericht und Gerechtigkeit bringen, weil er der Geist der Wahrheit ist. So erklärte es Jesus zuvor in den Abschiedsreden. Wer zum Glauben kommt und sich taufen lässt, muss vor dem Gericht aber keine Angst haben, da die Erben, die ihrem Erbe treu geblieben sind, ein positives Gerichtsurteil empfangen werden. Wer aber nicht an Jesus Christus glaubt, den wird der Geist der Sünde überführen. Im Falle des Paulus und Silas haben wir das deutlich gehört: Sie haben das Wort Gottes in Philippi verkündet und den Geist gespendet. Dieser legt das Innenleben der Menschen offen, denn die mit dem Wahrsagegeist besessene Frau schreit tagelang ein Bekenntnis heraus, wer die Missionare sind. Auch das Verhalten der Ankläger stellt die Offenlegung dar, nämlich des Unglaubens. Christus scheidet zwar die Geister (indem man sich für oder gegen ihn entscheidet), doch der Geist offenbart diese Gespaltenheit. Bei Johannes sind „Gerechtigkeit“ und „Sünde“ ein Gegensatzpaar. Der Geist Gottes wird also aufdecken, ob ein Mensch gerecht oder sündig ist. Die Gerechtigkeit als Belohnung für die Standhaftigkeit im Glauben erwirkt Jesus dadurch, dass er beim Vater für seine Apostel einsteht. Deshalb wird es in Vers 10 als Begründung angeführt.
Der letzte Vers meint mit dem „Herrscher der Welt“ wie zuvor auch schon den Satan, den Widersacher Gottes. Seine Macht wird gebannt durch das Erlösungswirken Jesu Christi und so kann mit allen seinen menschlichen „Handlangern“ abgerechnet werden.


Man merkt, dass Jesus langsam auf das Endgericht zu sprechen kommt, von dem wir demnächst noch mehr hören werden. Mit ihm ist die Endzeit angebrochen und durch die Geistgabe wird diese letzte Phase der Welt, die immer schlimmer wird, von Gott getragen. Paulus und Silas sind in der Apostelgeschichte ein anschauliches Beispiel dafür. Die Widerstände sind teilweise sehr drastisch. Im Namen Jesu Christi werden sie geschlagen und gedemütigt sowie ihrer Freiheit beraubt. Doch der Geist Gottes steht ihnen bei. Er erwirkt mitten in der Ausweglosigkeit ein neues Pfingsten inmitten der Gefängnisinsassen. Gott lässt die Seinen wirklich nicht im Stich.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 2. Osterwoche

Apg 5,17-26; Ps 34,2-3.4-5.6-7.8-9; Joh 3,16-21

Apg 5
17 Da erhoben sich voll Eifersucht der Hohepriester und alle, die auf seiner Seite standen, nämlich die Partei der Sadduzäer.
18 Und sie legten Hand an die Apostel und nahmen sie in öffentlichen Gewahrsam.
19 Ein Engel des Herrn aber öffnete nachts die Gefängnistore, führte sie hinaus und sagte:
20 Geht, tretet im Tempel auf und verkündet dem Volk alle Worte dieses Lebens!
21 Sie gehorchten und gingen bei Tagesanbruch in den Tempel und lehrten. Währenddessen kam der Hohepriester mit seinen Begleitern. Sie riefen den Hohen Rat und alle Ältesten der Söhne Israels zusammen; man schickte Boten zum Gefängnis, um die Apostel vorführen zu lassen.

22 Die Diener gingen, fanden sie aber nicht im Gefängnis. Sie kehrten zurück und meldeten:
23 Wir fanden das Gefängnis sorgfältig verschlossen und die Wachen vor den Toren stehen; als wir aber öffneten, fanden wir niemanden darin.
24 Der Tempelhauptmann und die Hohepriester waren ratlos, als sie das hörten, und wussten nicht, was nun werden sollte.
25 Da kam jemand und meldete ihnen: Siehe, die Männer, die ihr ins Gefängnis geworfen habt, stehen im Tempel und lehren das Volk.
26 Da ging der Tempelhauptmann mit seinen Leuten hin und holte sie, allerdings nicht mit Gewalt; denn sie fürchteten, vom Volk gesteinigt zu werden.

Durch die Apostel geschehen viele Zeichen und Wunder. Es kommt immer mehr zu einer Volksbewegung um sie herum. Die Menschen kommen zum Glauben an Christus und strömen dorthin, wo die Apostel sich aufhalten, um selbst von ihren Schatten geheilt zu werden. Dies stellt die Vorgeschichte der heutigen Lesung dar. So verstehen wir nun, warum der Hohepriester und die gesamte Tempellobby eifersüchtig reagieren.
Sie haben sich bis zum öffentlichen Auftreten der Apostel endlich in Sicherheit gewähnt, als sie Jesus Christus ans Kreuz gebracht haben. Sie dachten, dass sie nun endlich wieder das alleinige Sagen und den religiösen Einfluss auf die Bevölkerung hätten. Doch sie haben die Rechnung ohne die Apostel und vor allem den Hl. Geist gemacht. Ganze Volksscharen hören nun wieder nicht auf sie, sondern auf die Anhänger dieses Jesus, den sie beseitigt haben! Diese sind furchtlos und treten weiterhin öffentlich auf, obwohl sie ihnen unter Drohungen eingeschärft haben, es nicht zu tun.
So nehmen sie sie fest.
Doch Gott steht ihnen bei und befreit sie durch einen Engel aus dem Gefängnis. Dieser entsendet sie zum Tempel, das Wort Gottes zu predigen. Wenn der Engel sagt: „Verkündet dem Volk alle Worte dieses Lebens“, dann meint er damit das ewige Leben, auf das hin die Apostel leben.
Die Apostel hören darauf, was der Engel ihnen gebietet, und stehen schon bei Tagesanbruch wieder im Tempel, um das Wort Gottes zu verkünden. Man könnte aus menschlicher Logik heraus denken: „Ganz schön leichtsinnig!“ Aber so ist es nicht, wenn es um die Sache Gottes geht! Wenn er einem vorschreibt, etwas vermeintlich Riskantes zu tun, dann ist es das einzig Richtige! Und wenn man sein eigenes Leben dabei riskiert, sichert man sich dafür das ewige Leben, was doch so viel mehr wert ist!
Während sie also im Tempel lehren, trifft der Hohepriester und der Sanhedrin ein, um die verhafteten Apostel zu vernehmen. Als man die Apostel holen lässt, findet man sie in ihren Zellen nicht, obwohl diese verschlossen sind und Wächter sie bewachen.
Es ist also unmöglich, dass die Apostel den Ort hätten verlassen können. Deshalb lässt es den ganzen Hohen Rat sowie den Tempelhauptmann ratlos.
Und dann kommt die Pointe – ihnen wird gemeldet, dass eben jene vermissten Gefängnisinsassen im Tempel das Wort Gottes verkünden! Da das ganze Volk versammelt ist, werden die Gesuchten gewaltlos abgeführt, um vom Volk nicht gesteinigt zu werden. Dieses ist nämlich begeistert von dem, was sie verkünden.
Die Episode ist bemerkenswert, weil sie zeigt, dass der Geist Gottes in den Aposteln alle möglichen Wunder vollbringt, sogar die Befreiung aus einem geschlossenen Raum! Es erinnert an den auferstandenen Christus, der durch verschlossene Türen einen Raum betreten kann. Bei Gott ist nichts unmöglich und er sorgt wirklich für den Menschen, wenn es ihm ganz und gar um sein Reich geht.

Ps 34
2 Ich will den HERRN allezeit preisen; immer sei sein Lob in meinem Mund. 

3 Meine Seele rühme sich des HERRN; die Armen sollen es hören und sich freuen. 
4 Preist mit mir die Größe des HERRN, lasst uns gemeinsam seinen Namen erheben! 
5 Ich suchte den HERRN und er gab mir Antwort, er hat mich all meinen Ängsten entrissen. 
6 Die auf ihn blickten, werden strahlen, nie soll ihr Angesicht vor Scham erröten. 
7 Da rief ein Armer und der HERR erhörte ihn und half ihm aus all seinen Nöten.
8 Der Engel des HERRN umschirmt, die ihn fürchten, und er befreit sie.
9 Kostet und seht, wie gut der HERR ist! Selig der Mensch, der zu ihm sich flüchtet!

Heute beten wir einen wunderbaren Lobpreispsalm, mit dem wir Gottes große Taten rühmen.
„Ich will preisen“ ist ein typischer Psalmenbeginn – die Selbstaufforderung zum Lob. David bekundet sein „Jawort“ gegenüber Gott durch einen andauernden Lobpreis.
Mit „meine Seele“ wird das hebräische Wort נַפְשִׁ֑י nafschi übersetzt, was eigentlich viel mehr als nur die Seele meint. Das biblische Menschenbild ist nicht geteilt, sodass man sagen kann, er hat einen Körper und eine Seele. Vielmehr ist der Mensch ein Körper und eine Seele. Das hebräische Wort ist also umfassender zu übersetzen im Sinne von „mein Leben“. Es meint die gesamte Existenz des Menschen, die sich des HERRN rühmen soll. David möchte Gott in allen Lebenslagen, mit seinem ganzen Sein preisen. Er möchte das tun, was wir Menschen in der Ewigkeit dauerhaft vornehmen werden – den Lobpreis Gottes.
„Die Armen sollen es hören und sich freuen“ – warum haben die Armen einen Grund zur Freude? Wenn ein Mensch Gott mit allem preist, was er ist und hat, dann tut er dies auch durch die gelebte Nächstenliebe. Und deshalb können die Armen aufatmen, das heißt die Randständigen, Rechtlosen, die Witwen und Waisen, die Fremden und Kranken. Hier geht es um das Doppelgebot der Liebe. Je mehr jemand in Gott lebt, desto mehr gibt er sich auch für den Nächsten hin.
Auch die Lobaufforderung in Vers 4 ist typischer Psalmenstil. Oft ist diese auch so formuliert, dass der Psalmist die ganze Schöpfung oder Bereiche der Schöpfung zum Lob auffordert.
„Ich suchte den HERRN und er gab mir Antwort“ ist, was Jesus in seiner Verkündigung aufgreift, wenn er sagt: „Wer sucht, der findet. Wer anklopft, dem wird aufgetan.“ Hier könnte man die Verbform דָּרַ֣שְׁתִּי daraschti mit „ich habe aufgesucht“ übersetzen, denn Gott antwortet dem Suchenden. Gott ist es, der auch unsere Ängste von uns nimmt. Angst ist nicht vom Hl. Geist und deshalb ist der Mut/die Tapferkeit auch eine Frucht des Hl. Geistes.
Vers 6 ist eine wunderbare Reflektion dessen, wen man eigentlich anschauen soll – nämlich Gott. Wenn man auf ihn schaut und von ihm aus dann auf die Menschen, dann ist es die richtige Haltung. Dann wird man nicht auf das Ansehen der Person achten und sich vom Strahlen des Reichen beeinflussen lassen. Denn Gottes Licht übertönt alles Andere. Es wird auch auf das eigene Gesicht zurückfallen, sodass das einzige Ansehen der Person, auf die wir bei unseren Mitmenschen beachten sollen, die Reflektion des Lichtes Gottes ist. Und da ist es dann egal, ob es das Gesicht eines Armen oder Reichen ist. Und wenn sie die Ärmsten sind, so werden sie keinen Grund zur Scham haben. Gottes Gnade zeichnet sich in ihrem Gesicht ab, was gibt es Höheres?
So lesen wir in Vers 7, dass Gott die Gebete eines Armen erhört und ihn aus seinen Nöten erlöst.
Bei Gott gibt es kein „Nein“, nur ein „Ja“, „Anders“ oder „Später“.
Vers 8 greift einen wichtigen Gedanken auf, der uns an die Lesung erinnert: „Der Engel des HERRN umschirmt, die ihn fürchten, und er befreit sie.“ Er hat die Apostel wortwörtlich befreit und beschützt. Weil die Apostel Gott fürchten und sich ganz seinem Willen unterstellen, ist ihnen eine so spektakuläre Befreiung geschenkt worden.
„Kostet und seht, wie gut der HERR ist! Selig der Mensch, der zu ihm sich flüchtet!“ Dieses Schriftwort wird vom Priester sehr oft direkt vor dem Kommunionempfang gebetet, also eucharistisch ausgelegt. Ja, wir können kosten, wie gut der HERR ist, wenn wir ihn in uns aufnehmen und uns mit ihm vereinen. Er ist wie Balsam für unsere Seele und umhüllt uns ganz mit seiner Liebe und Barmherzigkeit. Dann ist es wirklich ein Zufluchtnehmen im Meer seiner Barmherzigkeit, ein Eintauchen in den tiefsten Grund seines für uns durchbohrten Herzens. Das sehen wir bei den Aposteln, die von dort ausgehend in die Freiheit geführt worden sind – im wahrsten Sinne des Wortes!

Joh 3
16 Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.

17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.
18 Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat.
19 Denn darin besteht das Gericht: Das Licht kam in die Welt, doch die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse.
20 Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden.
21 Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.

Heute hören wir den Abschluss des Gesprächs Jesu mit Nikodemus. Dort werden mehrere wichtige Themen angeschnitten:
Zunächst geht es um die Liebe Gottes zu uns Menschen, aufgrund derer er sein Allerliebstes abgegeben hat – seinen einzigen Sohn. Gott möchte für uns alle, dass wir das ewige Leben haben, von dem wir schon in der Lesung gehört haben. Er möchte, dass wir alle gerettet werden, denn zu einem ewigen Leben bei ihm hat er uns alle ja berufen. Dafür sind wir geschaffen worden. Und für dieses Ziel ist ihm kein Mittel zu schade, auch wenn er das Kostbarste für den Menschen opfern muss. Das ist der Ausdruck der größten Liebe!
Jesus ist nicht in die Welt gekommen, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten. Hier muss man genau lesen. Das Verb κρίνω krino heißt tatsächlich „richten“, muss in diesem Kontext aber richtig verstanden werden. Jesus wird die ganze Welt richten, was wir ja auch im Glaubensbekenntnis beten. Doch es ist zu unterscheiden, wann er was tut. Mit seinem ersten Kommen soll das Erlösungswerk vollbracht werden. Das meint sein Wort „damit die Welt gerettet werde.“ Wenn er als verherrlichter Menschensohn wiederkommen wird, dann wird er als Weltenrichter wirken. Im Johannesevangelium sagt Jesus aber jetzt schon immer wieder, dass die Menschen durch die Ablehnung des Evangeliums und seiner Person schon gerichtet sind – weil sie sich selbst gerichtet haben. Aber die Chancen zur Umkehr sind jetzt noch gegeben, solange Jesus noch nicht wiedergekommen ist. Solange wird auch keiner endgültig verurteilt – bis zum letzten Atemzug. Wir wissen nicht, was ein sterbender Mensch bis zu seinem Tod im Herzen bedacht hat, ob er seine Sünden bereut und sich der Barmherzigkeit Gottes anvertraut hat.
Jesus erklärt daraufhin Nikodemus, worin das Gericht besteht. Dafür gebraucht er Metaphern, die diesem etwas sagen: „Das Licht kam in die Welt (er meint damit sich selbst!), doch die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse.“ Wer ins Licht kommt, der zeigt, wie dreckig er wirklich ist. Deshalb bevorzugt er die Finsternis, weil man den Dreck dann nicht sieht. Wer zu Jesus kommt, sieht sich in erster Linie selbst mit seinem Dreck. Das hält der Mensch aber nicht aus, weil er dann dazu gedrängt wird, sich zu säubern. Das heißt, wer Christus zulässt, wird zur Umkehr berufen. Man wird vor die Entscheidung gestellt, sein Leben zu ändern. Das ist anstrengend und kostet Überwindung. Dabei ist es viel einfacher, weiterzumachen wie bisher. Was Jesus hier sagt, betrifft vor allem die religiöse Elite Israels. Diese Menschen genießen vor dem Volk hohe Achtung, doch wenn Jesus mit seinem Licht sie anstrahlt, sieht man plötzlich, wie dreckig sie eigentlich sind – wie korrupt und unwahrhaftig, wie heuchlerisch und ungläubig.
Das wollen sie aber vermeiden und tun alles daran, das Licht auszulöschen, um nicht entlarvt zu werden. Dies geschieht auch nach dem Tod Jesu, als nämlich die Apostel das Licht weitertragen in die ganze Welt. Licht und Wahrheit sind dabei dasselbe. Die Apostel verkünden die Wahrheit, die Jesus Christus ist, und sind dadurch selbst das Licht der Welt. Jesus hat es ihnen schon angekündigt. Die Menschen nehmen es bereitwillig auf und so werden ihnen die Augen aufgetan. Mit diesem erhellten Blick schauen die Menschen aber auch anders auf die religiöse Elite, die ihre gesellschaftliche Stellung gefährdet sieht. Deshalb muss auch bei den Aposteln das Licht ausgelöscht werden, bevor sie entlarvt werden.
Jesus spricht zum Schluss davon, dass wer die Wahrheit tut, kein Problem mit dem Licht hat. Wer wahrhaftig lebt, bei dem wird nichts entlarvt, sondern höchstens anerkannt. Und das ist ja sogar etwas Erstrebenswertes.
Deshalb ist es auch für uns Menschen heute so wichtig, dass wir wahrhaftig leben, in erster Linie uns selbst gegenüber. Petrus musste das besonders intensiv lernen, indem er sein wahres Ich kennen lernen musste (seine feige Natur, die ängstlich um sich selbst kreist). Erst als er diese Ehrlichkeit zu sich selbst gelernt hat, wurde er zu einem Menschen, den Gott als sein Werkzeug des Heils in dieser Welt einsetzen konnte.
Es gibt nichts, was nicht ans Licht kommt. Deshalb ist es entscheidend, ehrlich zu leben, auch in den kleinsten Dingen. Was dann ans Licht kommt, ist unser reines Herz, dem ein aufrichtiges Verhalten entspringt. Dann werden wir keine Angst haben, entlarvt zu werden, da es nichts gibt, was entlarvt werden muss.

Jesus spricht vor Nikodemus sehr viel über Licht und Dunkel im Kontext eines Nachtgesprächs. Es sind Anregungen und Appelle an den Pharisäer, auf dass er von der Dunkelheit ins Licht komme. Nach Jesu Tod wird dieser Mensch immer mehr zum Licht kommen und sich bekehren.
So führt Jesus uns alle vom Dunkel ins Licht, das heißt zur Erkenntnis. Jesus lehrt uns alle, damit wir ihn immer besser begreifen und ausgehend davon immer mehr in Liebe zu ihm wachsen.

Er möchte, dass alle gerettet werden, dass ich gerettet werde. Dafür hat er sein ganzes Blut bis auf den letzten Tropfen für mich ausgeblutet.

Ihre Magstrauss

Samstag der 4. Woche der Fastenzeit

Jer 11,18-20; Ps 7,2-3.9-10.11-12; Joh 7,40-53

Jer 11
18 Der HERR ließ es mich wissen und so wusste ich es; damals ließest du mich ihr Treiben durchschauen.
19 Ich aber war wie ein zutrauliches Lamm, das zum Schlachten geführt wird, und ahnte nicht, dass sie gegen mich Böses planten: Wir wollen den Baum im Saft verderben; wir wollen ihn ausrotten aus dem Land der Lebenden, sodass seines Namens nicht mehr gedacht wird.
20 Aber der HERR der Heerscharen richtet gerecht, er prüft Nieren und Herz. Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen, denn dir habe ich meine Sache anvertraut.

Heute hören wir aus dem Propheten Jeremia, der im Kapitel 11 zuvor Gerichtsworte an Israel formuliert hat. Der heutige Ausschnitt ist sodann eine Unheilsbotschaft für die Bewohner von Anatot, einer benjaminitischen Stadt nordöstlich von Jerusalem. Er tut dies im Dialog mit Gott, den er mal direkt anspricht, mal in dritter Person über ihn spricht.
„Der HERR ließ es mich wissen“ – Gott ließ den Propheten über die Missetaten des auserwählten Volkes wissen, damit er zu ihnen gehe und sie wieder zur Vernunft bringe.
Er spricht Gott direkt an, wenn er sagt: „Damals ließest du mich ihr Treiben durchschauen.“ Gott hat ihm aufgezeigt, was sein Wille ist und wo die Menschen sich von diesem entfernt haben. Zu allen Zeiten hat Gott dies durch die Propheten getan und so den Menschen geholfen, seinen Willen zu tun. Er hätte die Menschen auch einfach ins offene Messer laufen lassen können, aber weil er seine Kinder liebt, tut er alles, damit sie umkehren können. So ist er auf dem Höhepunkt der Zeiten sogar selbst gekommen, um den Menschen seinen Willen zu offenbaren, damit sie umkehren und seine Gebote halten, dem Bund wieder treu werden, den er mit ihnen geschlossen hat. Auch heute noch sendet er den Menschen seine Propheten, öffentliche Gestalten, die den Willen Gottes in die heutige Zeit hinein verkündigen, damit die Menschen zur Einsicht kommen und umkehren.
Jeremia bezeichnet sich selbst als „zutrauliches Lamm, das zum Schlachten geführt wird.“ Er ahnte nicht, dass die Israeliten etwas Böses gegen ihn planten. Als Prophet ist er ihnen ein Dorn im Auge, denn allein seine Gegenwart drängt sie dazu, ihr Leben zu ändern. Dies wollen sie aber nicht. So wollen sie ihn loswerden. Er ist somit ein Typos Christi, der das ultimative Opferlamm ist, das zum Schlachten geführt wird. Dieser überbietet das Jeremia-Lamm jedoch bei weitem, denn er weiß ganz genau, was passieren wird. Er sieht alles in der Nacht vor seinem Tod und durchleidet deshalb im Garten Getsemani schlimme Todesangst. Er schwitzt sogar Blut.
Jeremia formuliert die Verschwörung der Israeliten mithilfe einer Metapher: „Wir wollen den Baum im Saft verderben.“ Das ist ein Bild, das oft für das Leben des Menschen gebraucht wird. In der Weisheitsliteratur wird der Mensch vermehrt als Baum bezeichnet, ebenso in Schriftstellen, die sehr paränetisch sind (also ein ethisches Verhalten vorschreiben). Den Baum im Saft verderben heißt dabei, ihn vom Ursprung her beschädigen.
Den Baum aus dem Land der Lebenden auszurotten, dass seines Namens nicht mehr gedacht werde, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass mit dem Baum die Person Jeremias gemeint ist. Sie wollen ihn aus dem Land der Lebenden verbannen, was aber Menschen nicht tun können. Gott entscheidet schließlich, wer im Land der Lebenden sein darf – wenn damit das Himmelreich gemeint ist. Irdisch verstanden ist damit das gelobte Land gemeint, in das Gott das Volk Israel geführt hat. Das Ironische ist, dass das Volk selbst dieses Land nur wenige Jahrzehnte später verlassen wird, wenn Nebukadnezzar II. von Babylon es ins Exil verbannt und den Tempel und die Stadt Jerusalem zerstören wird. Jeremia versucht alles, um das Unheil vom auserwählten Volk abzuwenden.
Es ist ein Bild des Fluchs, wenn der eigene Name vergessen wird, insbesondere wenn die Nachkommen sich nicht mehr an den Verstorbenen erinnern. Seine Gegner wollen also Fluch über ihn bringen. Doch da er ein Mann Gottes ist, wird dieser Fluch auf sie zurückfallen.
„Aber der HERR der Heerscharen richtet gerecht, er prüft Nieren und Herz.“ Er sieht alles und bringt Gerechtigkeit. Er setzt sich gegenüber allem Bösen durch. Gott wird für Jeremia einstehen. Er hofft ganz auf Gottes Rückendeckung und vertraut auf ihn („Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen, denn dir habe ich meine Sache anvertraut“). Er vertraut ganz darauf, dass wenn Gott ihn auf so besondere Weise beruft, ihn auch jetzt in Zeiten der Bedrängnis nicht im Stich lässt. So dürfen auch wir hoffen, dass wenn Gott seinen Bund mit uns geschlossen hat, diesen auch bis zum Schluss hält. Er ist wie ein perfekter Bräutigam, der wirklich immer treu ist, auch in den schlechten Tagen. Er wird uns aber auch zur Rechenschaft ziehen, wenn wir als seine Braut, die mit ihm einen Bund eingegangen sind, ihm untreu sind. Wir haben ihm ja auch unsere ganze Liebe versprochen. Das ist ja keine Einbahnstraße. Ein Bundesschluss heißt ja: „Ich gehöre ganz dir und du gehörst ganz mir.“ Nicht nur Gott schenkt sich uns ganz, sondern erwartet auch von uns, dass wir als seine Bündnispartner ihm uns ganz schenken.
Nicht nur Jeremia, sondern auch Israel ist Gottes Braut. Es benimmt sich aber zur Zeit des Jeremia ganz untreu (sie räuchern dem Baal, wie es im Abschnitt vor dem heute gehörten heißt). Das gefällt Gott nicht und er ruft seine Frau zu sich zurück. So ruft Gott auch uns in dieser Fastenzeit auf besondere Weise zu sich zurück, die wir durch die Taufe im neuen Bund mit ihm vereint sind.

Ps 7
2 HERR, mein Gott, ich flüchte mich zu dir; hilf mir vor allen Verfolgern und rette mich,
3 damit niemand wie ein Löwe mein Leben zerreißt, mich packt und keiner ist da, der rettet!
9 Der HERR richtet die Völker. Verschaffe mir Recht, HERR, nach meiner Gerechtigkeit, nach meiner Unschuld, die mich umgibt!
10 Die Bosheit der Frevler finde ein Ende, doch dem Gerechten gib Bestand, der du Herzen und Nieren prüfst, gerechter Gott!
11 Mein Schutz ist Sache Gottes, er ist Retter derer, die redlichen Herzens sind.
12 Gott ist ein gerechter Richter, ein Gott, der an jedem Tag zürnt.

Im Psalm betet König David ganz im Vertrauen auf Gott um Zuflucht. Auch er hat in seinem Leben mehrfach Bedrängnis erfahren. Diese hat er nicht immer selbst verschuldet. Er fiel zum Beispiel der Eifersucht Sauls zum Opfer. So betet David und wir gemeinsam mit ihm heute: „HERR, mein Gott, ich flüchte mich zu dir; hilf mir vor allen Verfolgern und rette mich“. David selbst wurde zuerst von Saul verfolgt, später sogar von seinem eigenen Sohn Abschalom. Wir denken an Jeremia, der später diese Worte wohl ganz auf sich bezogen und gebetet hat. Wir stellen uns auch vor, dass Jesus zu seinem Vater oft so gebetet hat, ebenso seine Familie auf der Flucht nach Ägypten. Auch wir dürfen so beten, denn Gott ist unsere einzige Zuflucht, die wirklich sicher ist. Er bewahrt uns nicht immer vor irdischen Gefahren, doch eines können wir uns sicher sein – seine Treue und das ewige Leben, wenn wir glauben und standhaft bleiben.
„Damit niemand wie ein Löwe mein Leben zerreißt“ – ja, sowohl David als auch Jeremia haben existenzielle Gefahren erlebt und auch Jesus hat im Garten Getsemani die Gefahr des Löwen gesehen, der umhergeht und schaut, wen er verschlingen kann, wie Petrus es in seinen Briefen schreibt. Das ist die eigentliche Gefahr – der Satan, der die Seelen von Gott wegführen will. Er ist der brüllende Löwe auch in unserer heutigen Zeit.
„Der HERR richtet die Völker“ – das Wort an der Stelle ist עַ֫מִּ֥ים ammim. Gott richtet unabhängig davon, ob die Stämme Israels gemeint sind oder andere Völker. Gott richtet jeden Menschen. Er sorgt überall für Gerechtigkeit, weil jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist. So bittet König David hier im Psalm um Gottes Gerechtigkeit. Das Gericht Gottes ist hier also etwas Positives, weil die ungerecht Behandelten endlich zu ihrem Recht kommen. Es ist also wie eine Erlösung. So dürfen auch wir Gott darum bitten, dass er für Gerechtigkeit sorgt. Das darf uns nicht als etwas Banales vorkommen. Wir müssen es zu Herzen nehmen: GOTT soll richten, nicht WIR. ER ist es, der Gerechtigkeit bringen kann. Kein Mensch kann ein wirklich gerechter Richter sein. Wir sehen schließlich nicht in die Herzen der Menschen, Gott aber schon. Wir haben schon bei Jeremia gehört, dass Gott auf Herz und Nieren prüft. Das kann nur er. Überlassen wir ihm also das Gericht und entlasten wir uns dadurch selbst! Das wird uns eine so überwältigende Freiheit schenken. Wir geschieht das? Indem wir den Menschen, die uns Unrecht tun, von Herzen vergeben. Das heißt nicht, dass wir ihre Untaten gut heißen. Das bedeutet vielmehr, dass wir nicht daran festhalten, es uns innerlich dann nicht vergiften und krank machen kann, wir vorankommen und das Richten Gott überlassen. Er wird schon alles vergelten.
Auch David sagt hier im Psalm, dass Gott nach Herz und Nieren prüft. Er soll das Herz des Unschuldigen anschauen und ihm Segen verleihen, was hier mit „Bestand“ ausgedrückt wird. Diejenigen, die aber böse sind, werden keinen Bestand haben. Sie werden nicht weit kommen, weil Gott ein gerechter Gott ist. So dürfen auch wir hoffen, dass die Bösen unserer Zeit nicht lange an der Macht sein werden. Ihr Weg führt in die Sackgasse und auf lange Sicht werden wir überleben.
Gottes Sache ist, seine geliebten Kinder zu beschützen. Das meint vor allem das Herz der Menschen, die ewige Seele. Er zürnt jeden Tag, das bedeutet, er reagiert immer auf die Ungerechtigkeit, die seinen Geliebten widerfährt. „Zürnen“ hat im Kontext Gottes weniger etwas Pathologisches im Sinne eines irrationalen, unkontrollierten und affekthaften Ausbruchs wie die Wut des Menschen. Der Zorn Gottes ist (bildhaft gesprochen) seine stete, absolut kontrollierte und absolut gerechte Reaktion auf die Ungerechtigkeit der Menschen. Er ist immer solidarisch mit uns. Das ist ein absoluter Trost und so dürfen wir vertrauensvoll beten, dass nicht eine Ungerechtigkeit, die an uns geschieht, bei Gott ungesehen bleibt.

Joh 7
40 Einige aus dem Volk sagten, als sie diese Worte hörten: Dieser ist wahrhaftig der Prophet.
41 Andere sagten: Dieser ist der Christus. Wieder andere sagten: Kommt denn der Christus aus Galiläa?
42 Sagt nicht die Schrift: Der Christus kommt aus dem Geschlecht Davids und aus dem Dorf Betlehem, wo David lebte?
43 So entstand seinetwegen eine Spaltung in der Menge.
44 Einige von ihnen wollten ihn festnehmen; doch keiner legte Hand an ihn.
45 Als die Gerichtsdiener zu den Hohepriestern und den Pharisäern zurückkamen, fragten diese: Warum habt ihr ihn nicht hergebracht?
46 Die Gerichtsdiener antworteten: Noch nie hat ein Mensch so gesprochen.
47 Da entgegneten ihnen die Pharisäer: Habt auch ihr euch in die Irre führen lassen?
48 Ist etwa einer von den Oberen oder von den Pharisäern zum Glauben an ihn gekommen?
49 Dieses Volk jedoch, das vom Gesetz nichts versteht, verflucht ist es.
50 Nikodemus aber, einer aus ihren eigenen Reihen, der früher einmal Jesus aufgesucht hatte, sagte zu ihnen:
51 Verurteilt etwa unser Gesetz einen Menschen, bevor man ihn verhört und festgestellt hat, was er tut?
52 Sie erwiderten ihm: Bist du vielleicht auch aus Galiläa? Lies doch nach und siehe, aus Galiläa kommt kein Prophet.
53 Dann gingen alle nach Hause.

Im Evangelium hören wir heute die Fortsetzung der gestrigen Episode. Jesus ist zur Wallfahrt nach Jerusalem im Verborgenen nach Jerusalem gekommen, obwohl die Juden dort gar nicht gut auf ihn zu sprechen sind. Sie haben ihn auch erkannt und er hat ja sogar öffentlich gesprochen. Sie haben ihn nicht festgenommen, weil Gott das nicht zugelassen hat. Jesu Stunde ist noch nicht gekommen.
Heute gehen die Gespräche weiter. Einige sagen über Jesu Worte bezüglich seines Verhältnisses zum Vater und seiner Berufung, er sei wirklich ein Prophet. Sie nehmen seine Worte an. So fühlen sich einige an die Propheten des Alten Testaments erinnert, denn Jesus hat unter anderem über Sendung gesprochen. Andere wiederum erkennen in ihm den Messias, da sie wohl die Messianität seiner Heilstaten verstanden haben. Ein großes Problem haben die Menschen aber mit Jesu Herkunft. Sie gehen davon aus, dass Jesus aus Galiläa stamme (, wo er ja auch aufgewachsen ist). Sie betrachten die messianischen Verheißungen und sagen, dass der Messias ja aus dem Stamm Davids erwartet werde und aus Betlehem komme. Das ist interessant, weil die Menschen Jesus anscheinend gar nicht gut genug kennen. Sonst würden sie wissen, dass Jesus sehr wohl Davidide und in Betlehem geboren ist.
Auch jetzt wollen einige ihn festnehmen, nämlich die Gerichtsdiener der Tempellobby, denn seine Worte sind für sie blasphemisch. Sie kehren aber ohne Jesus zu den Hohepriestern und Schriftgelehrten zurück. Diese wundern sich, denn es war wohl ihr Befehl, Jesus festnehmen zu lassen. Sie geben zur Antwort, dass Jesu Worte so einmalig sind, dass sie davon offensichtlich berührt worden sind. Die Pharisäer befürchten, dass die Gerichtsdiener von ihm manipuliert worden seien. Sie reagieren arrogant, indem sie sich besser darstellen als das Volk, das nicht so vertraut mit den Hl. Schriften seien wie sie. Das ist sehr ironisch, denn sie sind es, die in Wirklichkeit am wenigsten verstanden haben. Sie sehen stets nur die einzelnen Bäume, können sie aber nicht als Wald identifizieren. Das einfache Volk, das sie hier so schlecht reden, hat das, was sie von den Hl. Schriften kennen, korrekterweise auf Jesus als den Messias bezogen (sie machen sich wenigstens Gedanken, auch wenn sie noch oberflächlich denken). Die exegetische Ausbildung vereinfacht vielleicht das Verständnis auf gewisse Weise, doch das Entscheidende ist das offene Herz, dass die Lektionen Gottes annimmt. Darin sind die einfachen Juden in Jerusalem den Pharisäern heute vielfach voraus.
Nikodemus gehört zum Hohen Rat. Er ist ja Jünger Jesu und nimmt ihn beim Sanhedrin in Schutz. Er gibt den anderen zu verstehen, dass sie doch niemanden ohne Anhörung verurteilen können. Sie argumentieren mit der Hl. Schrift: Aus Galiläa komme kein Prophet. Dagegen ist aber zu sagen, dass die Hl. Schrift sehr wohl Propheten aus der nördlichen Provinz belegt. So kommt laut 2 Kön 14,25 Jona aus Gat-Hefer, einem Ort, der wohl um die 5 km nordöstlich von Nazaret lag! Die Hohepriester und Schriftgelehrten blamieren sich also durch ihre Besserwisserei bis auf die Knochen, weil sie so dermaßen falsch liegen…

Heute hören wir von vielen Bedrängnissen. Wer für Gott einsteht, damals wie heute, muss mit Anfeindungen rechnen. Dies musste Jeremia durchmachen, so musste auch David leiden. Und Jesus als Sohn Gottes hat am meisten dafür gelitten, dass er den Menschen den Willen des Vater kundgetan hat. Wenn wir heutzutage also für das Evangelium Jesu Christi einstehen, können wir nichts andere erwarten. Auch wir werden leiden. Aber auch da beschützt der Herr unser Herz davor, von ihm je getrennt zu werden. So dürfen auch wir Zuflucht bei ihm suchen und darauf vertrauen, dass er uns durch Leidenssituationen hindurch trägt.

Ihre Magstrauss