Samstag der 3. Woche der Fastenzeit

Hos 6,1-6; Ps 51,3-4.18-19.20-21; Lk 18,9-14

Hos 6
1 Auf, lasst uns zum HERRN zurückkehren! Denn er hat gerissen, er wird uns auch heilen; er hat verwundet, er wird uns auch verbinden.
2 Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf und wir leben vor seinem Angesicht.
3 Lasst uns ihn erkennen, ja lasst uns nach der Erkenntnis des HERRN jagen! Er kommt so sicher wie das Morgenrot; er kommt zu uns wie der Regen, wie der Frühjahrsregen, der die Erde tränkt.
4 Was soll ich mit dir tun, Efraim? Was soll ich mit dir tun, Juda? Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht.
5 Darum habe ich durch die Propheten zugeschlagen, habe sie durch die Worte meines Mundes umgebracht. Dann wird mein Recht hervorbrechen wie das Licht.
6 Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.

Heute hören wir noch einmal aus dem Buch Hosea. Auch das heutige Kapitel stellt im Kern einen Aufruf zur Umkehr dar. So ist auch die erste Aussage ein Appell (Auf, lasst uns zum HERRN zurückkehren!“).
Wenn es dann heißt „Denn er hat gerissen“, dann meint das hebräische Wort טָרָ֖ף taraf mit „reißen“ das Reißen von Beute durch Raubtiere (alternative Übersetzung „verschlingen“). Anhand des Parallelismus erkennen wir die Aussage: Sinngemäß heißt es, dass Gott das Leiden zugelassen hat, den Menschen dann aber auch entschädigen wird. Hoseas Gottesbild ist ganz typisch für seine Zeit. Er drückt es so aus, dass Gott selbst dieses Leiden verursacht habe. Das heißt aber nicht, dass wir als Leser einer solchen alten Schrift hier einen tatsächlichen Beleg für Gottes Wirken haben. Gott ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Er ist der Gute, der nichts Böses tut.
Der nächste Vers ist total österlich! „Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf und wir leben vor seinem Angesicht.“ Die beiden Zeitangaben sind identisch, denn „am dritten Tag“ heißt „übermorgen“. So ist es auch im griechischen Kontext, wenn z.B. von der Hochzeit zu Kana berichtet wird. Da heißt „am dritten Tag“ auch „übermorgen“. Auf wörtlich-historischer Ebene möchte Hosea damit sagen, dass Gott nach und nach alles wieder in Ordnung bringen wird und sein Volk mit Segen beschenken wird. Das ist das dieses neue Leben, das den Menschen geschenkt wird. Wir lesen es aber schon weiter, nämlich allegorisch und auf Christus bezogen. Dieser hat Leiden und Auferstehung durchgemacht stellvertretend für uns. Das ist dann aber im wahrsten Sinne des Wortes geschehen und nicht sinnbildlich gemeint wie bei Hosea. Jesus ist der Erstgeborene der Toten, von uns, die wir das Angesicht Gottes schauen werden. Er ist uns zum Vater vorausgegangen. Wir, die wir auf seinen Namen getauft sind, werden auch so wie er nach dem Tod auferstehen. Zunächst wird nur unsere Seele weiterleben, aber am Ende der Zeiten wird sie sich mit ihrem Leib wieder vereinen.
Hosea ruft dazu auf, den HERRN zu erkennen, der Gotteserkenntnis gleichsam nachzujagen. Auch wir sollen ihn von ganzem Herzen suchen, dann wird er sich finden lassen. Jesus sagt es uns zu, wenn er formuliert: „Wer suchet, der findet. Wer anklopft, dem wird aufgetan.“ Und auch das Hohelied ist voll der Sehnsucht nach Gott, wenn es heißt „Ich suchte, den meine Seele liebt.“
„Er kommt so sicher wie das Morgenrot“ ist ein verbreitetes messianisches Motiv. Man erwartete, dass der Messias aus dem Osten komme, die Sonne der Gerechtigkeit mit dem Sonnenaufgang komme (Mal 4,2). Es ist also nicht nur ein Bild für das ganz sichere Kommen Gottes. Auch das Kommen als Regen ist messianische Motivik. In Ps 72,6 heißt es über ihn: „Er ströme wie Regen herab auf die Felder, wie Regenschauer, die die Erde benetzen.“
Gott spricht die Stämme Juda und Efraim an, deren Bundestreue vergänglich sind wie eine Wolke oder Morgentau (das hebräische Wort חֶסֶד chesed heißt „Treue“). Warum eigentlich werden diese beiden Stichworte genannt? Sie fassen das Nord- und Südreich zusammen, denn Israel ist zu jener Zeit ja zweigeteilt.
Weil Gott die Untreue sieht, hat er durch die Propheten immer wieder zugeschlagen. Dieses Zuschlagen geschieht dabei hauptsächlich durch das Wort Gottes, das wie ein zweischneidiges Schwert die Herzen der Menschen „seziert“. Es ist also in erster Linie eine spirituelle Waffe, mit der Gott durch die Propheten dreinschlägt. Wo sie nicht hörten, mussten sie auch am Leib die Konsequenzen zu spüren bekommen – durch die Fremdherrschaften, Kriege, manchmal auch durch Seuchen.
Das Recht Gottes wird „hervorbrechen wie das Licht“, weil es in der Finsternis aufleuchten wird. Dann werden sich die Menschen danach sehnen, dass endlich Gerechtigkeit kommt. So ist jede Gerichtsankündigung Gottes eine Erlösung für die ungerecht Behandelten damals und in unserer heutigen Zeit. Dieses Recht ist hervorgebrochen wie das Licht, als Gott Mensch geworden ist und sein Recht Person wurde. Jesus hat das wirklich das Recht gebracht, weil er den Menschen die Torah richtig erklärt und vor allem selbst vollkommen vorgelebt hat. Jesus hat dann auch den Beziehungsaspekt als den Kern hinter allen göttlichen Geboten herausgestellt – das Doppelgebot der Liebe. Und diese Liebe ist es, die Gott von uns verlangt, ebenso damals von seinen auserwählten Kindern Israels. Das ist es, was er will, die Rückkehr der Herzen zu ihm, eine persönliche Umkehr statt eine Besänftigung durch Schlachtopfer. Das ist auch für uns heute, die wir in der Fastenzeit stehen, absolut notwendig und heilsam. Das ist umso mehr für die heutige Welt vonnöten, die durch die Pandemie ganz und gar in Not gerät. Jetzt ist es höchste Zeit, zu Gott umzukehren und ihn um Vergebung zu bitten!

Ps 51
3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!
4 Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde!
18 Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie geben, an Brandopfern hast du kein Gefallen.
19 Schlachtopfer für Gott ist ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen.
20 Nach deinem Wohlgefallen tu Gutes an Zion, erbaue wieder die Mauern Jerusalems!
21 An Schlachtopfern der Gerechtigkeit, an Brandopfern und an Ganzopfern hast du Gefallen, dann wird man auf deinem Altar Stiere opfern.

Im heutigen Psalm bittet König David um Gottes Barmherzigkeit. Er nimmt genau die Haltung hier ein, die Hosea von den Israeliten des Nord- und Südreiches verlangt. Sie ist auch perfekt für jeden Einzelnen von uns, die wir uns vornehmen, in diesen Tagen in Vorbereitung auf Ostern ebenfalls diesen Bußmodus einzunehmen.
„Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde“, ist ein Vers, den die Priester bei der Gabenbereitung zum Schluss beten, während der Messdiener ihnen Wasser über die Hände gießt. Diese Worte sind ganz wichtig für jeden Büßer und wir stellen uns vor, wie die Israeliten angesichts der assyrischen Bedrohung die Hinwendung zum assyrischen Götzendienst vor Gott bereuen. Auch wir beten dies jedesmal, wenn wir uns in der Hl. Messe befinden, denn das kostbare Blut wäscht uns mehrfach rein. Wir beten es auch jedesmal, wenn wir Weihwasser verwenden und uns damit bekreuzigen.
„Erschaffe mir Gott ein reines Herz“ ist die Erkenntnis, dass der Mensch sich selbst nicht gut machen kann. Vor allem wenn man sich schuldig gemacht hat, kann man nicht selbstständig wieder den Zustand der Schuldlosigkeit zurückerlangen. Gott ist es, der uns wieder in den Stand der Gnade zurückversetzen kann, indem er uns die Schuld vergibt, uns reinigt, uns erneuert durch den Hl. Geist. Er kann unser Herz wieder rein machen und uns einen „neuen beständigen Geist“ schenken. Dies sollten auch die Israeliten lernen, die sich von Gott und ihrer Bundestreue entfernt haben.
David bittet Gott darum, die Freundschaft mit ihm nicht zu kündigen („verwirf mich nicht von deinem Angesicht“). Er bittet ihn darum, die Salbung nicht zurückzunehmen, seinen gesamten Heilsplan mit David („nimm deinen Hl. Geist nicht von mir“, denn Salbung bedeutet Geistgabe). Er bittet Gott insgesamt darum, den Bund mit ihm nicht zu kündigen wegen dem, was er ihm angetan hat. Gott hat ihm aber zugesagt, dass er treu ist und einen Bund nicht zurücknimmt. Er braucht keine Schlachtopfer und Brandopfer, wenn man sie tut, um Gott zu besänftigen, gleichzeitig aber ganz viele Leichen im Keller hat. Gerade König David hat schwere Sünden begangen und versteht, dass er die Beziehung zu Gott zerstört hat. Er konzentriert sich darauf, diese Beziehung wieder zu kitten, nicht einfach nur paar Opfer darzubringen und dann passt das schon. Das heißt nicht, dass wir das jetzt wortwörtlich nehmen müssen und David keine Opfer mehr darbringen soll. Wir sind hier in einem Psalm, einer poetischen Textgattung, die mit solchen rhetorischen Stilmitteln bestückt ist. Wir sehen an Davids Verhalten und an dem seines Sohnes Salomo, dass er diese Verse rhetorisch meint. Er hat den Festkalender mit all den Opfern ja noch ausgebaut und Salomo hat den Tempel gebaut, in dem weiterhin viele Opfer dargebracht wurden!
Es heißt vielmehr, dass Gott keine solchen Opfer braucht, wenn die Menschen ihr Leben nicht ändern wollen, wenn ihr Herz nicht umkehrbereit und reuevoll ist. Das ist sehr aktuell, denn auch heute locken viele Angebote aus der Esoterik damit, dass man Heil, Glück, Erfolg etc. haben kann ohne Umkehr: ob es Meditationen und körperliche Übungen sind (Yoga, Qigong etc), die Umstellung der Möbel im Haus für Glück im Leben (Fengshui) oder sogar Diäten für besseres Karma…
Vielmehr wünscht sich Gott einen zerbrochenen Geist und ein zerschlagenes Herz, das heißt eine innere Bußhaltung und Bereitschaft zur Umkehr. Das ist ihm viel wertvoller. David hat das wirklich vorgelebt und ist deshalb bis heute ein Vorbild im Prozess der Umkehr sowie im Gebet, auch wenn er schlimme Sünden begangen hat.
Für uns heißt das heute nicht, dass wir keine Messen besuchen sollen, dem einzigen Opfer, das wir als Christen noch haben, das alle anderen Opfer der Juden abgelöst hat. Das heißt vielmehr, dass hinter dem knienden Menschen in der Kirchenbank (oder momentan dem Knienden vor dem Livestream), dem Gläubigen, der sich ein Aschekreuz abholt und gesenkten Kopfes die Messe mitmacht, auch ein reuiges Herz stecken muss, ein zerschlagener Geist, der bereit zur Umkehr ist und dies auch durch Taten im Alltag zeigt. Wir alle sollen uns nicht einfach nur zurücknehmen – und schon gar nicht für eitle Gründe wie im säkularen Kontext für die Fastenzeit angepriesen wird! -, sondern dieses Minus auch durch ein Plus barmherziger Taten kompensieren! In der Fastenzeit muss man uns anmerken, dass wir uns darum bemühen, den anderen Menschen gegenüber netter zu sein, ihnen zu helfen, besonders das zu verschenken, das heutzutage zu den Wertvollsten Gütern zählt – unsere Zeit. Das tun wir momentan zum Beispiel dadurch, dass wir den Älteren, Angeschlagenen, Bedürftigen bei den Einkäufen helfen, selber auf Hamsterkäufe verzichten und Kleinunternehmen unterstützen. Tun wir alles aus Liebe zu Gott, weil wir ihm zuliebe ein besserer Mensch werden möchten, dann wird er uns segnen und verwandeln.

Lk 18
9 Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Gleichnis:
10 Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
11 Der Pharisäer stellte sich hin und sprach bei sich dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.
12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.
13 Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!
14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Heute hören wir im Evangelium von zwei Menschen mit ganz unterschiedlichen Haltungen. Jesus führt sie in einem Gleichnis an, um die Rechtfertigung vor Gott zu erklären. Er beobachtet nämlich die Selbstgerechtigkeit einiger Juden, die die anderen verachten.
Es handelt sich im Gleichnis um zwei Männer, die zum Gebet in den Tempel gehen. Er eine ist Pharisäer und betet: „Gott ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.“ Er verweist damit auf den zweiten Mann, der ganz hinten stehen bleibt. Doch zunächst zum Pharisäer. Was er hier zu Anfang betet, ist noch nicht das Falsche. Auch wir dürfen Gott danken, dass wir noch nicht gefallen sind. Aber der entscheidende Unterschied ist dabei, worauf wir diese Gerechtigkeit zurückführen – auf Gott, der uns die Gnade und Kraft geschenkt hat, der Versuchung zu widerstehen, oder auf uns selbst, die wir durch unsere eigenen Taten diese Gerechtigkeit erreicht haben. Und das ist der springende Punkt, weshalb Jesus den Pharisäer als Negativbeispiel anführt: Er zählt nämlich auf: „Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.“ Der Pharisäer zählt vor Gott auf, was er Gutes getan hat, und setzt dabei voraus, dass dies ihn vor Gott gerecht macht. Er gibt mit den guten Seiten an und blendet komplett aus, was er noch nicht gut gemacht hat. Vor allem aber zählt er Dinge auf, die nichts mit der Beziehung zu Gott zu tun haben. In Psalm und Lesung haben wir heute ja bereits gelernt, dass es Gott auf diese Beziehung ankommt. Also noch einmal: Wir dürfen beten: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht in schwere Sünde gefallen bin.“ Aber dann müssen wir anerkennen, dass es nicht allein unser Verdienst ist, sondern eine Kooperation mit der Gnade Gottes. Dabei können wir auch nicht stehenbleiben, sondern wir müssen uns ganz sehen, auch mit unserem Scheitern. Das vermissen wir beim Pharisäer. Er setzt nicht nach und bittet Gott um Verzeihung, wo er nicht nach dessen Willen gehandelt hat, so als ob er perfekt wäre und keiner Umkehr bedürfe.
Und da sehen wir nun den anderen Mann, der von Beruf Zöllner ist. Er kommt mit einer ganz anderen Haltung zu Gott. Er weiß genau, dass er Unrechtes getan hat. Er kommt mit einem absolut reumütigen Herzen. Er schämt sich seiner Sünde so wie Adam und Eva nach dem ersten Sündenfall, als sie sich vor Gott verstecken. Dieser Mann kommt mutig zu Gott, traut sich aber nicht, den Blick zu erheben. Er schlägt sich an die Brust und betet: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Dies ist eine Haltung, mit der Gott „arbeiten“ kann. Hier kommt jemand zu ihm, weil er sich von Gott verwandeln lassen will. Er kehrt aktiv um, er möchte sein Leben ändern und da kann Gott seine helfende Gnade fließen lassen. Er kann zu einem besseren Menschen werden, weil er sich von Gott helfen lässt.
Der Pharisäer dagegen meint, dass er keine Umkehr nötig hat, deshalb kann Gott ihm keine Gnade erweisen. Er öffnet sich gar nicht dafür und lässt sich nicht helfen, obwohl er ein Mensch ist wie der Zöllner auch. Kein Mensch ist ohne Sünde, nur dass die Sünden unterschiedlich verteilt sind. Der Pharisäer sündigt auch, nur anders als der Zöllner. Er erkennt seine Erlösungsbedürftigkeit nur nicht. Er ist blind und somit verweist das heutige Evangelium auf die Lesungen des morgigen Laetare-Fastensonntags. Dort wird es ebenfalls um biologische und innere Blindheit gehen…
Jesus schließt das Gleichnis damit, dass der Zöllner gerechtfertigt nach Hause geht, der Pharisäer aber nicht. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn einige Kapitel zuvor hat Jesus bereits erklärt, dass dem, der von Herzen bereut und umkehrt, Gott alles vergeben will. Er kann aber nur vergeben, wer um Vergebung bittet.
Und so sagt Jesus zum Schluss: „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Erniedrigung heißt aber nicht, dass der Mensch das „Aschenputtel-Syndrom“ bekommen soll, sondern dass der Mensch sich realistisch sieht, mit dem Guten UND vor allem dem Bösen. Erst wenn wir uns so sehen, wie wir wirklich sind – das nennen wir Demut: wissen, was man kann und was man nicht kann; erkennen, wo die Tugenden und die Laster sind – dann können wir Gott das hinhalten und ihn bitten, uns dabei zu helfen, die Schwächen, die Laster, das Schlechte an uns zu überwinden. Nur so können wir ihm immer ähnlicher werden. Wenn wir aber in der Selbstillusion eines unfehlbaren Menschen verharren, wird der Dreck unserer Seele nie zutage kommen, um gereinigt zu werden. Dann gibt es spätestens am Ende unseres Lebens eine böse Überraschung, denn im Angesicht Gottes wird der gesamte angesammelte Dreck auf einmal zutage treten. Dann werden wir selbst uns so sehr schämen und so einen überwältigenden Schmerz verspüren, dann werden wir die ultimative Erniedrigung verspüren. Ändern wir uns jetzt, solange es noch geht! Demütigen wir uns und bitten wir den Herrn um Verzeihung, dann werden wir am Ende unseres Lebens Ehrengäste im himmlischen Hochzeitsmahl sein!

Ihre Magstrauss

Samstag der 2. Woche der Fastenzeit

Mi 7,14-15.18-20; Ps 103,1-2.3-4.9-10.11-12; Lk 15,1-3.11-32

Mi 7
14 Weide dein Volk mit deinem Stab, die Herde, die dein Erbbesitz ist, die einsam im Wald wohnt mitten im fruchtbaren Land! Sie sollen wieder im Baschan und in Gilead weiden wie in den Tagen der Vorzeit.
15 Wie in den Tagen, als du aus dem Land Ägypten auszogst, lass uns deine Wunder schauen!
18 Wer ist Gott wie du, der Schuld verzeiht und an der Verfehlung vorübergeht für den Rest seines Erbteils! Nicht hält er auf ewig fest an seinem Zorn, denn er hat Wohlgefallen daran, gütig zu sein.
19 Er wird sich unser wieder erbarmen, er wird niedertreten unsere Schuld. Ja, du wirst in die Tiefen des Meeres werfen alle ihre Sünden.
20 Du wirst Jakob Treue und Abraham Liebe erweisen, wie du unseren Vätern geschworen hast in den Tagen der Vorzeit.

Heute hören wir aus dem Buch des Propheten Micha. Er gehört zu den zwölf kleinen Propheten, deren Botschaft aber nicht weniger wichtig ist als die der großen Propheten. Wir hören heute aus dem Gebet Jerusalems, das Gott um seinen Segen bittet, der ihr aufgrund ihrer Vergehen verwehrt geblieben ist und wofür sie büßen musste.
„Weide mein Volk mit deinem Stab, die Herde, die dein Erbbesitz ist“ – es ist wie ein Gebet der Herde, die ohne Hirte ist und bedroht ist, die sich ihren Hirten zurückwünscht. Wir bemerken in diesen Worten auch die starke Sehnsucht nach dem Messias, die immer deutlicher formuliert wird. Zur Zeit des Micha ist es noch ein politischer Befreier, ein Hirte, der irdisch weidet und die Katastrophe einer assyrischen Fremdherrschaft abwenden soll. Und doch lesen wir darüber hinaus schon mehr, nämlich die Erwartung einer Heilsgestalt, die umfassendes, über den Tod hinausgehendes Heil bringt. Und er wird wirklich kommen wie ein Hirte, er wird selbst sagen „ich bin der gute Hirte“. Er weidet seine Schafe und kennt sie durch und durch. Er ist pastoral im wahrsten Sinne des Wortes, so wie es auch Jesaja mit seinen messianischen Verheißungen angekündigt hat.
Dieses Gebet ist uns ein Vorbild, weil auch wir die Sehnsucht verspüren, zu den guten Zeiten zurückkehren zu wollen. Gehen wir dieser Sehnsucht nach und kehren wir zurück zur ersten Liebe!
„Lass uns deine Wunder schauen!“ – das Volk Israel hat Gottes große Taten bezeugt, weil es innig mit ihm verbunden war. Weil es von ihm abgekehrt ist, hat es diese Zeichen nicht mehr gesehen. So war es auch mit Abraham, als er selbst für einen Nachkommen über eine Nebenfrau sorgt, statt Gott zu vertrauen. Im Nachgang schweigt Gott ganze 13 Jahre Abraham an.
Auch Jesus musste Gottes Schweigen aushalten, nämlich am Kreuz. Es war eine große Glaubensprobe und Sühne, denn so hat Jesus das Schweigen Gottes im Leben aller Sünder gesühnt. Auch wir haben oft den Eindruck, dass Gott in unserem Leben schweigt. Zu einem großen Teil geschieht das aus demselben Grund wie bei Abraham oder wie hier im Buch Micha, auch wenn es nicht automatisch ist. Selbstverständlich kann es auch so sein wie bei Jesus – Gott erprobt unseren Glauben. So kann auch eine seelische Trockenheit große Früchte bringen – wir sehen es bei vielen Heiligen, zum Beispiel bei der Hl. Theresa von Kalkutta.
„Wer ist Gott wie du!“ – aus anderen Religionen kennen wir zwar auch den Begriff der Barmherzigkeit, aber eben in der Situation der Schuldlosigkeit (Islam). Wir kennen aus dem Hinduismus und Buddhismus (sowie in anderen Religionen) die Karmalehre, die einen vollkommenen Tun-Ergehen-Zusammenhang herausstellt. Da ist kein Platz für Barmherzigkeit. So können wir wirklich sagen: Unser Gott, unser Glaube ist etwas Besonderes. Kein Gott hat sich von seinen geliebten Geschöpfen umbringen lassen, um ihre Sünden zu sühnen. Das ist die absolute Barmherzigkeit, wie man sie nirgendwo sonst finden wird. Er verzeiht uns unsere Schuld, aber das kann er nur, wenn wir darum bitten und wirklich bereuen.
Gott ist gütig, auch im Alten Testament. Vertrauen auch wir heutzutage auf seine Vergebung. Er kann auch heute aus einem Sünder einen Heiligen machen, wenn dieser dazu bereit ist und von sich aus alles Nötige dafür tut – in erster Linie UMKEHRT.
Dieses Gebet lässt den Glauben durchblicken, dass Gott der Treue ist und seine Versprechen hält, obwohl sein Volk ihm untreu geworden ist. Gott ändert auch an uns nicht seine Meinung, die wir von ihm abkehren mit jeder Sünde. Er hält sein Versprechen, das er uns durch den Neuen Bund in der Taufe gemacht hat. Wenn wir von Herzen umkehren und gemäß unserer Berufung als Erben seines Reiches leben, dann wird er uns das Erbe nicht vorenthalten. Gott möchte uns die Schuld vergeben.

Ps 103
1 Von David. Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen! 
2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! 
3 Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, 
4 der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt,
9 Er wird nicht immer rechten und nicht ewig trägt er nach. 
10 Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld.
12 So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er von uns unsere Frevel. 

Heute beten wir einen Lobpreispsalm, bei dem der heilige Name Gottes gepriesen werden soll. Der Psalmist fordert die eigene Seele auf, was typischer Psalmenstil ist. Dabei müssen wir berücksichtigen, was mit „Seele“ gemeint ist. Vor einigen Tagen sprach ich bereits an, dass es sich dabei um das hebräische Wort נַפְשִׁי nafschi handelt, was mehr als nur einen begrenzten Teil des Menschen umfasst. Es meint vielmehr den ganzen Menschen in seiner Existenz, sein ganzes Leben. Der Herr soll das ganze Leben über gepriesen werden und deshalb soll es auch keinen Moment geben, in dem man die guten Taten Gottes vergisst. Wenn das ganze Leben einen einzigen Lobpreis darstellt, dann ist es auch unmöglich, Gottes Güte zu vergessen.
Beziehen wir das auf die Kirche, gilt dasselbe: Würde die Kirche aufhören, den Lobpreis Gottes durchgängig zu praktizieren, würde sie sehr schnell seine Güte vergessen und sich anderem zuwenden. Dann würde sie aber auch aufhören, Sakrament der Liebe Gottes zu sein, das die Ewigkeit in dieser Welt vorwegnimmt. Deshalb steht die Eucharistie an erster Stelle im kirchlichen Leben sowie im geistlichen Leben des Einzelnen. Für Geistliche gilt sodann an zweiter Stelle das Stundengebet, denn diese sind es, die den Lobpreis auf besondere Weise als Berufung leben. Sie sind ungeteilt dazu fähig, weil sie keine Familie haben, um die sie sich kümmern müssen.
Der Psalm zählt einige dieser guten Taten auf, die Gott uns Menschen erweist: Er heilt die Gebrechen – ob physisch, psychisch oder seelisch. Er rettet unser Leben vor dem Untergang, denn er hat uns erlöst und uns zu Erben in seinem Reich eingesetzt. Hier ist das Verb für „retten“ ein Partizip, das heißt Gott rettet nicht nur einmalig durch die Taufe, sondern immer wieder, dauerhaft, das ganze Leben hindurch. Er ist es, der uns immer wieder vor dem moralischen Abfall rettet und uns zurückholt, wenn wir vom Weg abgekommen sind. Er ist barmherzig mit seinen Kindern, die von Herzen bereuen, wenn sie von Gottes Geboten abgerückt sind. Er vergibt ihnen die Schuld.
Diese Barmherzigkeit Gottes wird vor allem ab Vers 9 thematisiert: Gott richtet als gerechter Richter, aber es ist bei ihm mehr als nur ein Kausalschluss wie bei der Karmalehre („du kriegst, was du verdient hast“). Gott ist keine Rechenmaschine, sondern er schaut auf das Herz und dessen Reue. Deshalb wird er „nicht immer rechten“ und auch „nicht ewig nachtragen“. Dieser Psalm ist ein wunderbares Zeugnis dafür, dass auch schon das Alte Testament einen barmherzigen und vergebenden Gott kennt.
Dass Gott nicht mathematisch richtet, sehen wir an Vers 10: Er handelt am Menschen nicht nach seinen Sünden im Sinne von „er rächt sich an ihm für alles, was er ihm angetan hat.“ So ist Gott nicht. Wir müssen für unsere Sünden Rechenschaft ablegen und den entstandenen Schaden wieder gut machen. Wir müssen auch die Konsequenzen unserer Vergehen tragen, aber das hat nichts mit Rache zu tun. Nur so können wir zur Einsicht kommen und das gehört zur Verantwortung dazu, die einem von Gott verliehen worden ist.
Was in Vers 10 ausgedrückt wird, ist also nicht: „Es ist egal, wie du lebst, da Gott dich nicht nach deinen Sünden richten wird.“ Es heißt, dass Gott mehr als nur deine Handlungen selbst betrachten wird. Und wenn du deine Sünden von Herzen bereust, sie bekennst und dir vornimmst, sie nicht mehr zu tun, dann vergibt er sie dir. Die Vergebung ist ein Geschenk Gottes und Geschenke bekommt man unabhängig davon, ob man sie verdient hat oder nicht. Was wir für diese unverdiente Vergebung tun können, ist aufrichtig zu sein, ehrlich zu uns selbst und demütig im Licht seines Angesichts. Und mit dieser Einstellung öffnen wir uns für die Gnade Gottes so sehr, dass er auch aus einem großen Sünder einen Heiligen machen kann, solange er sich bekehrt. Dies zeigt uns Vers 12, der mit einem sehr romantisch-poetischen Ausdruck diese Verwandlung Gottes umschreibt: Gott entfernt unsere Sündhaftigkeit so weit von uns, wie es nur geht – eben „so weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang“. Der Psalm greift die Gedanken des Gebets im Buch des Propheten Micha auf. So ist Gott und so sollen wir Menschen beten, auch gerade jetzt in der Fastenzeit.

Lk 15
1 Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.
2 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.
3 Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:
11 Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne.
12 Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf.

13 Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.
14 Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden.
15 Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.
16 Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.
17 Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um.
18 Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.
19 Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner!
20 Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
21 Da sagte der Sohn zu ihm: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.
22 Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße!

23 Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.
24 Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern.
25 Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz.
26 Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle.
27 Der Knecht antwortete ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederbekommen hat.
28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.
29 Doch er erwiderte seinem Vater: Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.
30 Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.
31 Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein.
32 Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Heute hören wir eines der ergreifendsten Gleichnisse, das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Jesus erzählt es deshalb, weil die Pharisäer und Schriftgelehrten auf Jesu Gemeinschaft mit den Zöllnern und Sündern mit Missgunst reagieren wie der ältere Bruder des verlorenen Sohns auf dessen Wiederkehr. Gehen wir das Gleichnis einmal von Anfang an durch:
Ein Vater hat zwei Söhne und eines Tages fordert der Jüngere sein Erbteil. Auch im Evangelium haben Vergebung, Sünde und Erbe miteinander zu tun. Der Jüngere bekommt sein Erbteil und verprasst es durch ein sündhaftes Leben, bis eine Hungersnot kommt, er nichts mehr hat und ausgerechnet Schweine hüten muss – unreine Tiere für Juden. Er darf nicht mal die Schoten der Schweine essen und merkt, in welches Leben er sich durch sein Verhalten gebracht hat. Was Jesus hier schildert, ist der Verlauf eines jeden Menschen, der sein von Gott zuerdachtes Erbe nimmt und verprasst (das Erbe des Alten Bundes für die Juden, das Erbe des Neuen Bundes für uns heute). Das Ziehen in ein fernes Land ist besonders ersichtlich – wir gehen weit weg von Gott, vor allem moralisch (so wie der Sohn sündigen wir und tilgen alle Gnaden, bis nichts mehr da ist). Ohne Gott können wir aber nur eingehen wie eine Pflanze. Jesus meint im Kontext des Evangeliums mit diesem jüngeren Bruder die Sünder und Zöllner, mit denen er sich gerade abgibt, als die Pharisäer und Schriftgelehrten über ihn murren.
Der jüngere Sohn geht in sich und kehrt von seinen Sünden um. Er schämt sich so dafür, dass er bereit ist, zu seinem Vater als Tagelöhner zurückzukehren. Wir sehen an ihm die absolut richtige Haltung: in sich gehen (Gewissenserforschung), Entschluss zur Rückkehr zum Vater (Reue), Entschluss, als Tagelöhner bei ihm zu arbeiten (Buße und Vorsatz). All diese Dinge sind wichtig und entscheidend für eine gültige und gnadenreiche Beichte. Jesus möchte mit diesem Gleichnis verdeutlichen, dass die Sünder bei ihm mit genau dieser Haltung zu ihm gekommen sind.
Der verlorene Sohn kehrt im Gleichnis zum Vater zurück, dieser wartet voller Sehnsucht auf ihn und sieht ihn schon von Weitem. Er läuft ihm entgegen und empfängt ihn mit offenen Armen. So ist Jesus zu den Zöllnern und Sündern im Evangelium. Er kommt ihnen mit seiner barmherzigen Liebe entgegen, was nichts von ihren Sünden relativiert, sondern sie zum nächsten Schritt ermutigt: zum Bekenntnis! So ist es nämlich auch im Gleichnis: Der Vater umfängt den Sohn mit seiner väterlichen Liebe nicht, um alles ungeschehen zu machen, was passiert ist. Er lässt ihn ausreden. Und was sagt der Sohn? „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.“ Er bekennt ihm seine Sünden! Er spricht aus, was der Vater im Grunde schon weiß. Und erst nach diesem Bekenntnis kommt der entscheidende Schritt. Der Vater sagt: „Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße! Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern.“ Was der Vater ihm zusagt, ist die Wiedereingliederung des Sohnes zum Erben! Der Ring am Finger ist ein Zeichen dafür. Wir sehen an diesen Worten, wie Gott auch mit uns verfährt, wenn wir mit derselben Haltung und denselben Schritten zur Umkehr handeln wie der verlorene Sohn: Er wird auch uns ein neues Gewand anziehen – das Gewand der Taufe ist so ein neues Gewand und jedesmal, wenn wir beichten, reinigen wir unser verdrecktes Gewand wieder. Er steckt auch uns wieder den Ring an den Finger, das heißt auch wir werden wieder zu Erben, zu denen wir in der Taufe eingesetzt werden. Und auch wir dürfen nach dieser Versöhnung wieder ein Fest feiern, nämlich die Eucharistie, das Hochzeitsmahl des Lammes auf Erden! Was Jesus hier also primär im Evangelium sagen möchte: Diese von den Pharisäern und Schriftgelehrten beschimpften Sünder und Zöllner halten mit Jesus offensichtlich Mahl, weil sie all diese Schritte schon durchlaufen haben! Und jetzt kommt die eigentliche Pointe des Gleichnisses im Kontext des Evangeliums: Der ältere Bruder kommt im Gleichnis vom Feld und bemerkt die Feier. Als er erfährt, dass der Bruder heimgekehrt ist und der Vater ihm vergeben hat, ihm den Ring wieder angesteckt und das Mastkalb für ihn geschlachtet hat, wird er wütend. Er weigert sich, hineinzugehen und mitzufeiern. Dieser ältere Bruder steht für die Pharisäer und Schriftgelehrten, die es den umgekehrten Sündern nicht gönnen, wieder mit Gott versöhnt zu sein! Sie sehen nur, dass Gott ihnen besondere Gnaden schenkt, weil sie umgekehrt sind. Sie sehen nur, dass sie diese Geschenke nicht bekommen. Aber auch jene sind Söhne des Vaters und so erzählt Jesus im Gleichnis, dass der Vater zu seinem anderen Sohn nach draußen kommt. Er redet ihm gut zu, denn auch mit ihm möchte er versöhnt sein. Dieser macht ihm Vorwürfe, weil sein Bruder barmherzig behandelt worden ist und dabei solche Dinge bekam, die nicht mal ihm, dem braven heimgebliebenen Sohn zuteil wurden. Er sieht nicht, dass er in steter Gemeinschaft mit dem Vater sein darf, alles mitbenutzen darf, direkt an der Quelle sitzt. Er denkt, dass die Gunst des Vaters vom Tun des Sohnes abhängt und versteht deshalb nicht, warum der jüngere Sohn nach solchen Vergehen so eine Feier bekommt, er selbst als Gerechter aber nicht. Der Punkt ist: Es geht nicht um den älteren Sohn, es geht nicht um eine Werksgerechtigkeit, sondern um Umkehr und Vergebung. Der ältere Bruder sieht nur, was ihm nicht gegeben wird, dass er sich nicht an seinem Bruder freuen kann. Er ist sein eigenes Fleisch und Blut und war tot! Jetzt ist er aber wieder lebendig und das ist doch ein Grund zur Freude! Das ist es, was Jesus an den Pharisäern und Schriftgelehrten kritisiert – sie freuen sich nicht daran, dass die Zöllner und Sünder sich bekehren. Sie sehen auch nicht, dass sie einer Gesetzestreue verfallen sind, die nicht zielführend ist: Es muss mehr sein als nur die Treue zur Torah, es muss um stete Umkehr und Versöhnung gehen, auch für sie! Kein Mensch kann von sich behaupten, ganz vollkommen zu sein. Wir alle müssen jeden Tag immer wieder zu Gott umkehren und von vorne beginnen.
Wir wissen nicht, wie der ältere Bruder im Gleichnis reagiert. Es bleibt offen, damit die Pharisäer und Schriftgelehrten die Entscheidung selbst treffen. Und so sollen auch wir uns die Frage beantworten: Können wir uns für jene freuen, die nach so vielen Jahren in schwerer Sünde wieder lebendig werden? Es heißt nicht umsonst Todsünde, was uns den seelischen Tod bringt. Gönnen wir anderen Menschen die Barmherzigkeit Gottes? Handeln wir wie der barmherzige Vater und sind selbst so barmherzig mit jenen, die wirklich von Herzen bereuen und uns um Verzeihung bitten?

Was Jerusalem in der Lesung betet, entspricht dem Bekenntnis des zurückgekehrten Sohnes. Möge es auch unser Gebet in dieser Fastenzeit sein, damit der Vater auch für uns ein Fest veranstalten kann!

Ihre Magstrauss

Freitag der 2. Woche der Fastenzeit

Gen 37,3-4.12-13a.17b-28; Ps 105,16-17.18-19.20-21; Mt 21,33-43.45-46

Gen 37
3 Israel liebte Josef mehr als alle seine Söhne, weil er ihm in hohem Alter geboren worden war. Er ließ ihm einen bunten Rock machen.

4 Als seine Brüder sahen, dass ihr Vater ihn mehr liebte als alle seine Brüder, hassten sie ihn und konnten mit ihm kein friedliches Wort mehr reden.
12 Als seine Brüder fortgezogen waren, um die Schafe und Ziegen ihres Vaters bei Sichem zu weiden,
13 sagte Israel zu Josef: Weiden nicht deine Brüder bei Sichem? Geh, ich will dich zu ihnen schicken.Da ging Josef seinen Brüdern nach und fand sie in Dotan.
18 Sie sahen ihn von Weitem. Bevor er jedoch nahe an sie herangekommen war, fassten sie den Plan, ihn umzubringen.
19 Sie sagten zueinander: Siehe, da kommt ja dieser Träumer.
20 Jetzt aber auf, erschlagen wir ihn und werfen wir ihn in eine der Zisternen. Sagen wir, ein wildes Tier habe ihn gefressen. Dann werden wir ja sehen, was aus seinen Träumen wird.
21 Ruben hörte das und wollte ihn aus ihrer Hand retten. Er sagte: Begehen wir doch keinen Mord.
22 Und Ruben sagte zu ihnen: Vergießt kein Blut! Werft ihn in die Zisterne da in der Steppe, aber legt nicht Hand an ihn! Das sagte er, um ihn aus ihrer Hand zu retten und zu seinem Vater zurückzubringen.
23 Als Josef bei seinen Brüdern angekommen war, zogen sie ihm seinen bunten Rock aus, den Ärmelrock, den er anhatte,
24 packten ihn und warfen ihn in die Zisterne. Die Zisterne war leer; es war kein Wasser darin.
25 Sie saßen beim Essen und erhoben ihre Augen und sahen, siehe, eine Karawane von Ismaelitern aus Gilead kam. Ihre Kamele waren mit Tragakant, Mastix und Ladanum beladen. Sie waren unterwegs nach Ägypten.
26 Da sagte Juda seinen Brüdern: Was haben wir davon, wenn wir unseren Bruder erschlagen und sein Blut zudecken?
27 Kommt, verkaufen wir ihn den Ismaelitern. Wir wollen aber nicht Hand an ihn legen, denn er ist doch unser Bruder und unser Fleisch. Seine Brüder hörten auf ihn.
28 Midianitische Kaufleute kamen vorbei. Da zogen sie Josef aus der Zisterne herauf und verkauften ihn für zwanzig Silberstücke an die Ismaeliter. Sie brachten Josef nach Ägypten.

Heute hören wir von einer unerfreulichen Geschichte, die Gott im Nachhinein aber genutzt hat, um Heil zu bringen. Josef wird von seinen eigenen Brüdern nach Ägypten verkauft, weil sie so eifersüchtig auf ihn sind. Ihr Vater Jakob/Israel bevorzugt Josef und schenkt ihm einen bunten Ärmelrock. Das ist ein Anlass für die Brüder, ihn so zu hassen, dass sie ihn umbringen möchten. Der Älteste Ruben kann die Brüder noch davon abhalten, Blut zu vergießen, und so werfen sie ihren jüngsten Bruder in eine leere Zisterne, bevor sie ihn an eine Karawane mit Kaufleuten verkaufen, die Richtung Ägypten zieht. Dass sie dann doch keine Hand an ihn gelegt haben, ist auch Juda zu verdanken. Jakob schwindeln sie vor, dass Josef von einem wilden Tier getötet worden sei. So inszenieren sie seinen Tod mithilfe des bunten Ärmelrocks.
Was passiert ist, ist absolut tragisch und wir sehen so ein Verhalten tagtäglich in unserer heutigen Zeit. Wie viele Kriege werden geführt aufgrund von Neid, Eifersucht und Missgunst unter Geschwistern? Diese bösen Antriebe zerstören so viel. Und auch die Bevorzugung bestimmter Kinder ist ein Grund, weshalb viele Familien zugrunde gehen. Was wir heute lesen, wird wertfrei erzählt. Es wird weder für gut befunden, dass Jakob Josef bevorzugt hat, noch die Intrige seiner Brüder. Und die Fortsetzung der Geschichte zeigt uns, dass Gott auf krummen Seiten gerade schreibt. Die Verbannung Josefs durch seine Brüder wird später zu ihrem Rettungsanker, denn in der Hungersnot werden sie nach Ägypten reisen, um dort Nahrung zu erhalten. Josef hat seine ganze Familie gerettet und den Brüdern vergeben.
All das können wir allegorisch weiter betrachten, vor allem auch typologisch auf Jesus hin: Josef wird von seinen eigenen Brüdern verkauft. So wird auch Jesus von seinen eigenen Leuten ausgeliefert und hingerichtet. Und auch diese schreckliche Untat wird den Menschen zum Heil werden. Jesus wird den Hungernden die Nahrung geben, die Eucharistie! Auch unsereins darf von dieser Nahrung essen, nachdem sie sich mit Jesus wieder versöhnt haben im Sakrament der Beichte. Auch Jesu Leben wurde bedroht, sodass er nach Ägypten floh. Neidisch und eifersüchtig war nicht nur König Herodes, sondern später die Tempelelite, die Sadduzäer und die Ältesten des Volkes. Auch die Pharisäer und Schriftgelehrten streiten sich mit ihm, weil er mit einer größeren Vollmacht predigt als sie. Während Josef zwar verkauft wird so wie Jesus von Judas Iskariot, aber am Leben bleibt, wird Jesu Tod nicht inszeniert. Ihm wird das kostbare durchwebte Gewand vom Leib gerissen, nur damit Jesus ans Kreuz geschlagen werden konnte und so den schändlichsten Tod starb. Und dieses Gewand bekam seine Mutter Maria nicht zurück so wie Jakob, sondern musste mit ansehen, wie die Soldaten es unter sich auslosten.
Josef ist für zwanzig Silberstücke verkauft worden, also als Sklave. Zu seiner Zeit war das nämlich der Preis, den man für Sklaven zahlte. Auch Jesus ist von Judas für einen Sklavenlohn verkauft worden (zu seiner Zeit waren es dann dreißig Silberstücke), hat dafür aber uns alle losgekauft von unserer Sklaverei der Sünde! Am Ende hat Gott diese scheinbare Niederlage in den Augen der Juden („ein Gehenkter ist ein von Gott Verfluchter“) zum ultimativen Sieg gewendet.

Ps 105
16 Dann aber rief er den Hunger ins Land, entzog ihnen allen Vorrat an Brot.

17 Doch hatte er ihnen einen Mann vorausgesandt: Josef wurde als Sklave verkauft.
18 Man spannte seine Füße in Fesseln und zwängte seinen Hals ins Eisen
19 bis zu der Zeit, als sein Wort sich erfüllte und der Spruch des HERRN ihm Recht gab.
20 Er sandte einen König, der ließ ihn frei, einen Herrscher der Völker, der ließ ihn heraus.
21 Er bestellte ihn zum Herrn über sein Haus, zum Herrscher über seinen ganzen Besitz.

Der Psalm erzählt und reflektiert die Fortsetzung dessen, was wir in der Lesung gehört haben. Gott ließ zu, dass in ganz Israel eine Hungersnot ausbrach. So mussten auch die Brüder Josefs nach Ägypten ziehen, wo ein besonders kluger Verwalter dafür sorgte, dass die Israeliten in der Hungersnot am Leben bleiben können. Josef war eigentlich als Sklave nach Ägypten gebracht worden, doch seine großen Begabungen erregten die Aufmerksamkeit der Anderen. Durch Intrigen ist er ins Gefängnis gekommen, doch auch dort hat er mit seinen Talenten den Menschen geholfen, sodass er sogar vor dem Pharao großes Ansehen gewann und dieser ihm schließlich so einen hohen Posten verlieh, der eine große Verantwortung mit sich bringt. Dass er vor dem Pharao so eine Gunst erlangte, hängt mit den Traumdeutungen Josefs zusammen, durch die er dem Pharao im Gegensatz zu dessen Zauberern und Wahrsagern endlich Klarheit verschaffte („als sein Wort sich erfüllte und der Spruch des HERRN ihm Recht gab“). So wurde er aus seiner Gefangenschaft befreit („der ließ ihn frei“) und erlangte das Vertrauen des Herrschers („er bestellte ihn zum Herrn über sein Haus…über seinen ganzen Besitz“). Josef hat immer ganz auf Gott vertraut und ihm alles überlassen. Weil er dadurch so großen Segen hatte, gelang ihm alles, was er anpackte. Er schaffte nicht nur alles mit Ach und Krach, sondern brillierte in allem. So großzügig gibt Gott dem Menschen, der ganz auf ihn vertraut! So können auch wir ganze Berge versetzen. Wir werden nicht nur alles irgendwie überstehen, sondern mit Bravour meistern, wenn Gottes Segen auf uns liegt. Unser Segen wird dann auch auf andere übergehen. So hat Josef viele Jahre für die Taten seiner Brüder gesühnt und am Ende hat Gott den schweren Sündern Erbarmen erwiesen. Gewiss haben diese ihre schreckliche Tat auch bereut und sie vor Josef bekannt. Deshalb konnte dieser sowie Gott mit ihm barmherzig an ihnen handeln. Auch wir dürfen Gottes Barmherzigkeit in Anspruch nehmen, aber unter der Voraussetzung, dass wir unsere Sünden wirklich bereuen, sie vor ihm bekennen und unser Leben aufrichtig ändern wollen. Dann kann es auch in unserem Leben eine wunderbare Versöhnung geben. Dann können auch wir aus der Hungersnot in die Sättigung übergehen. Es ist kein Zufall, dass sowohl die Brüder Josefs als auch der verlorene Sohn im Gleichnis Jesu aus der Hungersnot heraus umkehren. Unsere Hungersnot ist das Hungern der Seele, die fern von Gott ist, die Seele, die den Segen Gottes vermisst und Entzugserscheinungen hat. Sie schreit in unserem Innern nach dem Heil, zu dem der Mensch eigentlich berufen ist. Hören wir auf den Schrei unserer eigenen Seele jetzt in dieser Fastenzeit, in der wir bewusst auf Essen verzichten, damit wir diesen Hunger überhaupt wieder wahrnehmen können – den eigentlichen inneren Hunger!

Mt 21
33 Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land.

34 Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seine Früchte holen zu lassen.
35 Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, wieder einen anderen steinigten sie.
36 Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso.
37 Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.
38 Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn umbringen, damit wir sein Erbe in Besitz nehmen.
39 Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.
40 Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt: Was wird er mit jenen Winzern tun?
41 Sie sagten zu ihm: Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist.
42 Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; vom Herrn ist das geschehen und es ist wunderbar in unseren Augen?
43 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die Früchte des Reiches Gottes bringt.
45 Als die Hohepriester und die Pharisäer seine Gleichnisse hörten, merkten sie, dass er von ihnen sprach.
46 Sie suchten ihn zu ergreifen; aber sie fürchteten die Menge, weil sie ihn für einen Propheten hielt.

Jesus spricht mit den Hohepriestern und Pharisäern, also mit der religiösen Elite seiner Zeit. In diesem Gespräch bringt er ein wichtiges Gleichnis, das zugleich sehr provokant ist.
Es geht um einen Weinberg, der angelegt und verpachtet wird. Der Besitzer des Weinbergs geht dann in ein anderes Land, ist also abwesend und muss auf seine Mitarbeiter vertrauen. Als die Zeit der Ernte kommt, werden die Mitarbeiter, die die Früchte einsammeln wollen, umgebracht. Auch die anderen Knechte, die dort hingesandt werden, werden von den Arbeitern dort umgebracht. Als dann schließlich der eigene Sohn des Weinbergs dort hinkommt, erfahren wir die Absicht der dortigen Arbeiter, mit der sie diese Gewalttaten vollbringen – sie wollen selbst den Erbbesitz des Weinbergs. Sie haben also keine Achtung vor dem Sohn des Besitzers, der ja aufgrund seiner besonderen Autorität dort hingeschickt wird. Stattdessen bringen sie selbst den eigenen Sohn des Besitzers um.
Jesus überlässt jenen, denen er das Gleichnis erzählt, den Ausgang der Geschichte, wenn nämlilch der Weinbesitzer selbst zurückkehrt. Sie antworten selbst, dass dieser den Pächtern den Weinberg wegnehmen und anderen geben wird. Sie haben damit ihr eigenes Gerichtsurteil ausgesprochen, das Jesus daraufhin bestätigt: Ja, euch wird der Weinberg weggenommen und einem anderen Volk gegeben, das Früchte bringt.
Das Bildfeld des Weinbergs, des Früchtetragens und der Ernte sind wichtige Metaphern in Bezug auf das Reich Gottes, die Heilsgeschichte und die Endzeit. Einerseits legen wir das Gleichnis wörtlich aus, wie es also Jesus in der Erzählung ursprünglich meint: Gott ist der Weinbergbesitzer, der das verheißene Land für sein auserwähltes Volk anlegt. Er schließt einen Bund mit dem Volk Israel, was sozusagen das Beschäftigungsverhältnis im Gleichnis darstellt. In seiner Abwesenheit (Gott ist ja Geist und wandelt nicht auf Erden) habt das Volk die Verantwortung, gemäß ihres Bundesschlusses zu leben. Doch es entfernt sich von Gott, indem es anderen Göttern nachläuft und viele Sünden begeht. Gott schickt zu ihnen seine Knechte, das sind die Propheten, die das Volk wieder zur Besinnung führen soll, denn die Früchte sind nicht da. Doch die Pächter sind absolut uneinsichtig. All die Propheten sind am Ende für ihre Botschaft umgebracht worden. Das Volk hat ihre Worte der Umkehr nicht ausgehalten und die Knechte Gottes deshalb mundtot gemacht. Immer wieder schickt Gott Knechte zu den Pächtern, doch es geschieht immer wieder das Gleiche. Schließlich schickt er seinen eigenen Sohn zum Volk Israel, nämlich Jesus Christus. Seine Autorität und Vollmacht ist göttlich und somit unvergleichlich größer als die der bisherigen Knechte. Er ist der Erbe des Weinbergs. Doch auch ihn hält das Volk nicht aus, sondern tötet ihn. Jesus hat seinen eigenen Tod in dem Gleichnis vorweggenommen. Doch Gott lässt das alles nicht bis zum Schluss mit sich machen. Er greift ein und nimmt den Pächtern seinen Weinberg weg und gibt sie einem anderen Volk. Das sind harte Worte und Jesus sagt das zu den Sadduzäern und Pharisäern nicht, weil er eine Kollektivstrafe verhängen möchte. Er sagt es ihnen, damit sie endlich aufwachen. Wer Christus und seine Erlösung annimmt, gehört ja zum neuen Volk. Und selbstverständlich läuft der alte Bund weiter. Gott ist treu und nimmt sein Versprechen nicht einfach zurück. Alles Andere würde seinem Wesen ganz widersprechen, also sagen wir auch nicht, dass Gott das Volk Israel verworfen und den Alten Bund abgebrochen hat. Wir müssen Jesu Aussage mit allen anderen Aussagen vergleichen und auch den Kontext seiner Worte hier berücksichtigen. Das „Volk“, dem hier der Weinberg genommen wird, sind nun also alle, die Jesus nicht annehmen, und das „Volk“, dem der Weinberg stattdessen gegeben wird, sind nun alle, die Christus annehmen. Deshalb heißt es auch im Griechischen ἔθνει ethnei, denn dieser Begriff bezieht sich nun nicht mehr auf das auserwählte Volk Israel, sondern auf alle Völker, auch die nichtjüdischen. Das sagt Jesus alles, um nicht das ganze Volk Israel zu kritisieren, sondern um die Tempelelite und die selbstgerechten Pharisäer zu provozieren. Es dient ihrer Umkehr, aber sie sind verstockt und empören sich stattdessen über Jesu Worte. Jesus provoziert sie mit so einem Gleichnis, weil sie sich darauf ausruhen, zum auserwählten Volk zu gehören, ohne die entsprechenden Früchte zu bringen. Das garantiert ihre Rechtfertigung vor Gott aber nicht. Und auch wir können uns auf unserer Taufe nicht ausruhen. Wenn wir das Gleichnis auf uns beziehen, kritisiert Jesus auch unsere falschen Haltungen: Gott legt einen Weinberg an, der unsere Seele ist. Er hat uns geschaffen und durch die Taufe ein Beschäftigungsverhältnis zu uns begonnen. Dass wir nun getauft sind, heißt also nicht, dass wir uns auf die faule Haut legen können, sondern im Weinberg arbeiten. Er wird nämlich nach Früchten verlangen und dafür seine Knechte senden. Das können verschiedene Mitmenschen sein, die Gott uns schickt. Wenn wir ihre Kritik an unserem gottlosen Leben dann mundtot machen, sind wir nicht besser als die Knechte im Gleichnis Jesu. Wir töten sie, statt kritikfähig und einsichtig zu sein. Wir kehren nicht um, sondern zertreten Gottes Ruf zur Umkehr mit den Füßen. Immer wieder ruft er uns zur Umkehr auf – durch Mitmenschen, durch sein Wort in der Bibel, durch Ereignisse, durch unser eigenes Gewissen. Doch wo wir uns demgegenüber taub stellen, verhalten wir uns wie die Pächter im Gleichnis Jesu. Wenn wir dann sterben und am Ende unseres Lebens vor Gott stehen, dann wird er uns dafür zur Verantwortung ziehen, dass wir den Weinberg nicht so gepflegt haben wie versprochen (und das versprechen wir ja bei der Taufe!). Dann wird er uns unser ewiges Leben wegnehmen und wir werden ewig von ihm abgeschnitten sein. Und dies gilt auch für das Ende der Zeiten: Wenn Gott dann kommt, um seinen Weinberg zurückzufordern, wird er ebenfalls den fruchtlosen Pächtern den Weinberg nehmen und jenen geben, die Frucht bringen. Dann ist dieser Weinberg das Reich Gottes, das sich am Ende der Zeiten durchsetzt und offenbar wird. Die Fruchtlosen werden dann nicht Teil des Reiches sein. Dann werden die verantwortungsvollen Pächter wie Josef in Ägypten nicht mehr nur Pächter sein, sondern zu Erben eingesetzt. Sie werden in dem Land wohnen und nie mehr hungern. Denn sie werden ganz bei Gott sein.

Jesus möchte niemandem Angst einjagen, hat aber immer harte Worte für die besonders verstockten Menschen. Dies tut er ihnen zuliebe, denn auch sie sollen nicht verloren gehen. Wenn wir solche Worte hören, dann sollen wir in uns gehen und unsere eigene Arbeit im Weinberg hinterfragen. Sind wir verantwortungsvolle Pächter so wie Josef oder sind wir schlechte Pächter voller Neid und Missgunst gegenüber dem Erben so wie die Brüder Josefs und die Pächter im Gleichnis Jesu? Der springende Punkt ist: Es ist noch nicht zu spät. Wir dürfen umkehren und von nun an gute Arbeiter sein. Die Fastenzeit ist für uns eine wunderbare, gnadenvolle Gelegenheit, eine selbstkritische Intervention duchzuführen. Wollen wir am Ende eine Beförderung vom Knecht zum Erben bzw. wollen wir am Ende das Erbe nicht mehr verlieren (das uns durch die Taufe geschenkt worden ist), müssen wir entsprechend leben und Frucht bringen. Dabei sind wir nicht allein, denn Jesus sagt selbst, er ist der wahre Weinstock. Getrennt von ihm können wir nichts tun, also bleiben wir mit ihm stets verbunden! Dann werden wir einen Segen haben und es wird uns alles gelingen wie Josef in der Lesung!

Ihre Magstrauss