Dienstag der 5. Woche der Fastenzeit

Num 21,4-9; Ps 102,2-3.16-17.18-19.20-21; Joh 8,21-30

Num 21
4 Die Israeliten brachen vom Berg Hor auf und schlugen die Richtung zum Roten Meer ein, um Edom zu umgehen. Das Volk aber verlor auf dem Weg die Geduld,
5 es lehnte sich gegen Gott und gegen Mose auf und sagte: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser und es ekelt uns vor dieser elenden Nahrung.
6 Da schickte der HERR Feuerschlangen unter das Volk. Sie bissen das Volk und viel Volk aus Israel starb.
7 Da kam das Volk zu Mose und sagte: Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den HERRN und gegen dich aufgelehnt. Bete zum HERRN, dass er uns von den Schlangen befreit! Da betete Mose für das Volk.
8 Der HERR sprach zu Mose: Mach dir eine Feuerschlange und häng sie an einer Stange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht.
9 Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Stange auf. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben.

Heute hören wir von einem Zwischenfall des Volkes Israel zur Zeit der Wüstenwanderung. Die Israeliten sind unterwegs zum Roten Meer und umgehen dabei das Gebiet Edom. Gott führt es in der Wüste umher und so murrt das Volk Mose gegenüber: „Warum habt ihr uns auf Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser und es ekelt uns vor dieser elenden Nahrung.“ Was hier passiert, ist nicht einfach nur Unzufriedenheit. Das Volk hadert mit Gott, der ihm doch nur das Beste möchte, der den Israeliten das Heil schenken will. Doch stattdessen stellen sie den Willen Gottes infrage. Gott hat an ihnen bereits so große Heilstaten erwiesen und spektakuläre Zeichen gewirkt. Sie tun so, als wäre dies nie gewesen, als hätten sie schon längst all dies vergessen. Dieses Vergessen ist aber fatal, weil auch wir Menschen dann undankbar gegenüber Gott werden. Die Erinnerung der Heilstaten Gottes ist also auch für uns Christen heute heilsam. So sollen wir die Eucharistie zu seinem Gedächtnis tun, wie es Jesus seinen Aposteln im Abendmahlssaal aufgetragen hat. Auch im persönlichen Gebetsleben ist der dankende Lobpreis über vergangene Gnaden, die Gott einem geschenkt hat, unerlässlich. So bleibt der Mensch Gott gegenüber dankbar und erhebt sich nicht über ihn.
Gott möchte seinem auserwählten Volk die Chance geben, diese Fehlhaltung abzulegen, und so lässt er zu, dass die Israeliten von Schlangen gebissen werden. Viele sterben sogar an dem Schlangengift.
Hier heißt es in Vers 6, dass Gott diese Schlangen zum Volk schickte. Wir müssen hier wieder bedenken, dass Gott aktiv nichts Böses tut. Er ist der gute Gott und tut nur Gutes, was dem Menschen nicht schadet. Hier haben wir wieder eine Bibelstelle, die ein gutes Beispiel für die menschlichen Einflüsse in der Bibel darstellt. Gott hat sich zu allen Zeiten der menschlichen Fähigkeiten, kulturellen Verständnisse und dem historischen Kontext der Autoren bedient, als er durch sie das ewige Gotteswort in Menschenworte gefasst hat. Und so lesen wir hier die Vorstellung heraus, dass die bösen Dinge, die dem Menschen widerfahren, von Gott aktiv gewirkt werden. Später werden Propheten und schließlich Jesus selbst dieses Missverständnis klarstellen, sodass wir solche Bibelstellen vor dem Hintergrund jenes Verständnisses lesen müssen. Hier wird es bewusst so stehen gelassen, denn es ist ein Lernprozess der Menschheit. So ist es ja auch mit dem Monotheismus, dessen Entwicklungsstufen im Laufe des Alten Testaments ganz unterschiedlich sind und bewusst so stehen gelassen werden. So können wir den Verstehensprozess des Volkes Israel nachlesen.
Zurück zu Mose, dem Volk und den Giftschlangen: Das Volk ist zwar stur und beginnt schnell zu murren, doch genauso schnell erkennt es die Missetaten. Es kommt zu Mose in der akuten Leidenssituation und bekennt die Sünde: „Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den HERRN und gegen dich aufgelehnt.“ Sie haben die Chance sofort genutzt, die Gott ihnen geschenkt hat. Sie erkennen sofort, was sie falsch gemacht haben, und bitten Gott um Verzeihung. Er zögert auch nicht, ihnen auf das Fürbittgebet des Mose hin sofort aus dem Leiden heraus zu helfen: Mose soll eine Kupferschlange herstellen und auf eine Stange aufhängen. Das Gebilde soll aufgestellt werden und wenn jemand von einer Schlange gebissen wird, soll er sie anschauen.
Es geschieht so, wie Gott es vorgegeben hat: Mose stellt die Schlange her und stellt sie auf. Wer nun gebissen wird, schaut die Schlange an und bleibt am Leben.
Gottes wunderbare Vorsehung hat immer einen tieferen Sinn. Wir erahnen vielleicht schon, worauf Gott sein auserwähltes Volk vorbereiten will: Mose soll ein Gebilde herstellen, das den schadenden Schlangen gleich ist, eben auch eine Schlange. Das Sehen auf dieses Bild rettet die Gebissenen, auch wenn die Schlangen immer noch da sind und beißen.
So ist Jesus für uns zur Sünde geworden – dem, was uns den Tod bringt (nämlich den ewigen Tod fernab von der Herrlichkeit Gottes). Er ist selbst zur Sünde geworden, indem er den schändlichsten Tod gestorben ist, nämlich ans Kreuz geschlagen. Die Sünde ist noch weiterhin in der Welt so wie die Schlangen beim Volk Israel, doch sie bringen dem Menschen keinen ewigen Tod mehr, wenn sie auf das Kreuz schauen – und so wie das Volk ihre Sünden bekennen!
Es ist natürlich auch kein Zufall, dass das Volk Israel ausgerechnet durch Schlangen heimgesucht werden und dass die Schlange zum Typos des Kreuzes Christi wird: Sie ist der Inbegriff der Sünde, da der Satan das erste Menschenpaar durch ausgerechnet dieses Tier zur Sünde verführt hat. Dadurch, dass Jesus Christus selbst zur Sünde geworden ist – die ganze Sünde auf sich genommen hat – hat er der Schlange den Kopf zertreten (Gen 3,15: „Er trifft dich am Kopf“). Gemeint ist natürlich nicht das Tier an sich, sondern der Satan, der Widersacher Gottes! Durch die Taufe hat er die Giftschlangen unseres Lebens entmachtet, sodass ihr Gift uns nicht mehr zum ewigen Tod führen können. Es ist aber so wie in der Wüste zur Zeit des Mose: Die Kupferschlange ist da, Jesus ist für uns gestorben, aber das Heilmittel des Anschauens muss von uns ausgehen! Uns ist alles auf einem Silbertablett angerichtet. Nun müssen wir die Erlösung gläubig annehmen und durch den Bundesschluss der Taufe auch treu dazu stehen. Sonst werden die Schlangen uns auch weiterhin zum ewigen Tod führen.
Gott hat mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen, doch nach einiger Zeit hat es diesen Bund wieder vergessen. Es hat Gottes Güte infrage gestellt und so schwer gegen ihn gesündigt. Das Volk musste die Konsequenzen dieser Sünde tragen und kam so in die Notlage durch die Giftschlangen. Das Volk hat sofort verstanden, warum das passiert. Auch in unserer heutigen Zeit müssen wir uns fragen, warum wir jetzt so eine globale Not erleiden müssen. Nutzen auch wir heutzutage diese Chance zur Umkehr und bekennen wir dem HERRN unsere Sünde! Dann wir er auch heute nicht zögern, uns aus de Not zu befreien.

Ps 102
2 HERR, höre mein Bittgebet! Mein Schreien dringe zu dir!
3 Verbirg dein Angesicht nicht vor mir! Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu! Wenn ich dich rufe, eile und erhöre mich!
16 Dann fürchten die Völker den Namen des HERRN und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit.
17 Denn der HERR hat Zion dann wieder aufgebaut, er ist erschienen in seiner Herrlichkeit.
18 Er hat sich dem Bittgebet der verlassenen Stadt zugewandt, ihre Bittgebete hat er nicht verschmäht.
19 Dies sei aufgeschrieben für das kommende Geschlecht, damit den HERRN lobe das Volk, das noch erschaffen wird.
20 Denn herabgeschaut hat der HERR aus heiliger Höhe, vom Himmel hat er auf die Erde geblickt,
21 um das Seufzen der Gefangenen zu hören, zu befreien, die dem Tod geweiht sind
.

Wir beten heute aus dem Psalm 102 als Antwort auf die Lesung. Es handelt sich um ein Bittgebet in Notlage:
„Mein Schreien dringe zu dir!“ Ja, das Volk Israel hat sehr oft zum HERRN geschrien in der Sklaverei Ägyptens, später im babylonischen Exil, es hat immer wieder in den verschiedenen Fremdherrschaften geschrien und so schreit das Volk Israel auch jetzt in der Wüste bei den vielen Giftschlangen, die das Volk ausrotten.
„Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu!“ Gott hat ein Gehör, kein Klageschrei seiner geliebten Kinder bleibt unerhört. Er greift immer ein – nur zu seiner Zeit und auf seine Weise. Eines können wir ganz sicher sagen: Es tut ihm immer weh, uns leiden zu sehen, denn Gott hat Mitleid mit uns Menschen. Ein anderes Wort für dieses Mitleid heißt Barmherzigkeit. Im Griechischen ist es ein und dasselbe Wort, wenn wir es im Neuen Testament lesen.
„Wenn ich dich rufe, eile und erhöre mich!“ Gott hat immer wieder geholfen. Die ganze Heilige Schrift ist ein einziges Zeugnis für Gottes Hilfe. Er hat ein ganzes Volk aus Ägypten ausziehen lassen, er hat dieses gesamte Volk durch ein Meer geführt. Er hat es vierzig Jahre am Leben erhalten, um es dann in das verheißene Land zu führen. Er hat es immer wieder von den Fremdherrschern und Feinden gerettet und sogar aus dem Exil wieder zurück in die Heimat geführt. Er hat die ultimative Rettungsaktion eingeleitet, als er seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, der allen Menschen gestern, heute und morgen die Erlösung erwirkt hat!
„Dann fürchten die Volker den Namen des HERRN und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit.“ Durch die spektakulären Heilstaten Gottes zum Beispiel bei dem Auszug aus Ägypten haben die  גֹ֭ויִם gojim, die heidnischen Völker, die Macht des Gottes der Israeliten anerkannt. Ein Beispiel für Könige sehen wir zur Zeit des Salomo, als die Königin von Saba sein Reich begutachtet. Spätestens mit der Geburt Jesu Christi wird sich dieses Schriftwort noch einmal deutlicher erfüllen, wenn die Repräsentanten der östlichen Könige vor dem neugeborenen Messias niederknien werden.
„Denn der HERR hat Zion wieder aufgebaut, er ist erschienen in seiner Herrlichkeit.“ Dies ist zunächst wörtlich auf die Situation der Israeliten zu beziehen, als der Psalm geschrieben worden ist. Es geht um den Wiederaufbau der Stadt Jerusalem nach dem babylonischen Exil. Gottes Herrlichkeit wurde durch seine Gegenwart im Tempel wieder geschaut. Wir lesen es noch weiter, denn bei der Tempelreinigung sagt Jesus zu den Menschen: Reißt den Tempel nieder. Ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen. Es geht nicht mehr um ein Gebäude, sondern um den Tempel seines Leibes. Er ist es. Mit diesem Leib, der dann sakramental weitergeführt die Kirche wird, ist das Reich Gottes ganz eng verbunden, der das neue Zion ist. Die sakramentale Antizipation dieses Reiches ist mit der Gemeinschaft der Gläubigen gegeben, die die Kirche ist. In ihr sehen die Gläubigen die Herrlichkeit Gottes verborgen in der Eucharistie. Die Kirche nimmt die endzeitliche Durchsetzung des Gottesreiches vorweg, die mit der Rückkehr des verherrlichten Menschensohnes einsetzen wird. Dann werden es alle sehen, dass Gott die Herrlichkeit ist.
„Er hat sich dem Bittgebet der verlassenen Stadt zugewandt, ihre Bittgebete hat er nicht verschmäht.“ Auch hier bezieht es sich wörtlich-historisch auf Jerusalem, das durch die Babylonier zerstört worden ist, aber auch dieser Vers ist in seinem geistigen Sinn weiterzudenken: Die verlassene Stadt ist zurückverwiesen auf Mose und das Volk Israel auf das Wohlergehen des Volkes und dessen Bund mit Gott zu beziehen. Durch die Leidenssituation mit den Giftschlangen ist das Volk zur Besinnung gekommen und hat sich wieder mit Gott versöhnt. In dieser Hinsicht ist die verlassene Stadt wieder zurückgekehrt. Wir müssen es vor allem auf Jesus Christus zu beziehen, der durch sein Erlösungswirken das Paradies wieder ermöglicht hat. Es war wie eine verlassene Stadt, aus der die Menschheit verbannt wurde. Sie lebte bis zur Erlösung im Exil, doch nun können die Menschen die Stadt wieder beziehen. Es gilt für jeden von uns auf moralischer Ebene: In jedem getauften Christen hat Gott Wohnung bezogen. Unsere Seele wird zum inneren Zion, in dem die Herrlichkeit Gottes wohnt. Das nennen wir moralisch auch den Stand der Gnade. Mit jeder Sünde verbannen wir uns selbst aus diesem Zustand und so wird die Seele zu einer verlassenen Stadt. Dies geschieht nicht sofort mit jeder lässlichen Sünde, sondern natürlich erst mit der Todsünde, doch auch die kleinen Beleidigungen und Lieblosigkeiten gegenüber Gott und dem Nächsten lassen die Stadtmauer immer mehr zerfallen und angreifbar werden. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis alles in sich zusammenfällt und der Feind uns aus der Stadt hinausjagt.
Am Ende der Zeiten werden wir voller Dankbarkeit in der Anschauung Gottes sagen: „Er hat sich unserem Bittgebet zugewandt und uns aus dem Exil des sündhaften und untergehenden irdischen Daseins herausgeholt und in die verlassene Stadt gebracht, die wir nun beziehen dürfen – das himmlische Jerusalem, das der Himmel ist!
„Dies sei aufgeschrieben für das kommende Geschlecht“ – der Psalm gibt selbst preis, dass die Worte nicht nur historisch-wörtlich zu verstehen sind und nur für eine bestimmte Generation gelten. Es bestätigt, was wir zum vorherigen Vers bedacht haben.
„Das Volk, das noch erschaffen wird“, wird Gott loben. Das sind wir, die wir im Neuen Bund mit Gott leben! Wir gehören schon zu der neuen Schöpfung, die Jesus begründet hat! Wir werden am Ende der Zeiten aber noch vollendet, wenn wir mit Leib und Seele bei Gott sein werden.
Gott hat aus der Höhe herabgeschaut – so hat er die Israeliten von den Giftschlangen gerettet, er hat das Volk Israel aus dem babylonischen Exil gerettet, er hat die ganze Menschheit vor der Verderbnis der Erbsünde gerettet, indem er seinen Sohn dahingegeben hat! Er rettet uns aus der Verderbnis durch die Taufe, aber auch immer wieder durch das Sakrament der Buße. Er wird uns am Ende aus den Wirren dieser Welt retten, wenn wir sterben und vor ihm stehen, aber auch am Ende der Zeiten, wenn er in die Weltgeschichte eingreifen wird, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.
Die Gefangenen, die dem Tod geweiht sind, betrifft einerseits die Gebissenen in der heutigen Lesung, andererseits die ganze Menschheit, die nicht mehr ins Paradies durfte wegen der Sünde des ersten Menschenpaares, es betrifft die Gerechten des Alten Testaments, die bis zur Erlösung Jesu Christi auf die Anschauung Gottes warten mussten, was wir die „Vorhölle“ nennen. Es betrifft auch uns, die wir gefangen sind in unserer eigenen Sünde, die uns dem Tod weiht (nämlich dem seelischen Tod ganz von Gott abgeschnitten!).
Der heutige Psalm ist so reich und so tief in seiner Bedeutung. Was wir über die Buchstaben hinaus erkennen reicht ganz weit zurück bis in den Garten Eden und ganz weit voraus bis zum Leben in der ewigen Glückseligkeit des Himmelreiches!

Joh 8
21 Ein andermal sagte Jesus zu ihnen: Ich gehe fort und ihr werdet mich suchen und ihr werdet in eurer Sünde sterben. Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.
22 Da sagten die Juden: Will er sich etwa umbringen? Warum sagt er sonst: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen?
23 Er sagte zu ihnen: Ihr stammt von unten, ich stamme von oben; ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt.
24 Ich habe euch gesagt: Ihr werdet in euren Sünden sterben; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.
25 Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Jesus antwortete: Warum rede ich überhaupt noch mit euch?
26 Ich hätte noch viel über euch zu sagen und viel zu richten, aber er, der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt.
27 Sie verstanden nicht, dass er damit den Vater meinte.
28 Da sagte Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, dass Ich es bin. Ihr werdet erkennen, dass ich nichts von mir aus tue, sondern nur das sage, was mich der Vater gelehrt hat.
29 Und er, der mich gesandt hat, ist bei mir; er hat mich nicht alleingelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt.
30 Als Jesus das sagte, kamen viele zum Glauben an ihn.

Der heutige Abschnitt aus dem Evangelium steht im Kontext verschiedener Streitgespräche, die Jesus mit den Juden in Jerusalem führt. Der Ort des Geschehens ist die Stadt, die so eine tiefe Bedeutung hat: Sie war verlassen während des Exils, sie ist es, wo das davidische Königreich sich etablierte, die Stadt, in der die Herrlichkeit Gottes im Tempel wohnhaft geworden ist, die Stadt, in der die Erlösung erwirkt werden sollte. Schließlich wird sich hier der Kreis schließen, der mit der Kupferschlange aus der Lesung begonnen worden ist:
Jesus kündigt den Menschen an: „Ich gehe fort und ihr werdet mich suchen und ihr werdet in eurer Sünde sterben.“ Er sagt es nicht, weil er die Juden verwirft. Er möchte sie wachrütteln, damit sie umkehren. Wenn sie ihn nämlich weiterhin so ablehnen, wird eintreffen, was er hier sagt. Wer die Erlösung und somit die Vergebung Gottes nicht annimmt, wird in den eigenen Sünden ertrinken. Dann wird die Konsequenz dieser Ablehnung die ewige Abgeschnittenheit von Gott sein, was wir Hölle nennen.
„Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.“ Die Juden verstehen überhaupt nicht, was Jesus ihnen erklärt. Er meint, dass er sterben und dann zum Vater heimkehren werde ins Himmelreich. Und wenn sie ihn bis zum Schluss ablehnen werden, dann können sie ihm dorthin nicht folgen. Er sagt ihnen also, dass er der Weg zum Vater ist! Stattdessen interpretieren sie Jesu Worte als Suizidgedanken.
Jesus erklärt die Banalität ihrer Gedankengänge damit, dass sie von unten sind, er aber von oben. Das meint zunächst einmal die Natur: Er ist vom Vater, er ist zuerst Gott, der er schon immer war, bevor er Mensch geworden ist. Diese göttliche Herkunft macht ihn gegenüber der Menschen kategorisch anders. Sie sind von Anfang an Menschen und nur Menschen. Wir könnten jetzt einwenden, dass wir Menschen ja eine ewige Seele haben und dadurch ja auch ein wenig „von oben“ sind. Ja, aber die gefallene Natur des Menschen, die noch nicht erlöst ist, ist noch sehr viel „unten.“ Sie hat die Gnade verloren und die Denkweise ist dem „unteren“ sehr verhaftet. Es ist also auch heilsgeschichtlich zu deuten: Jesus ist „von oben“, weil er voll der Gnade ist. Die Menschheit ist „von unten“, weil sie die ganze Gnade verloren hat.
„Ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt“ – muss in demselben Sinne verstanden werden. Einerseits betrifft es die Natur, andererseits das Maß an Gnade, schließlich auch die Denkweise, die sich daraus ergibt. Jesus denkt göttlich, er denkt vom Willen Gottes aus, der er ja ist. Die Menschen denken weltlich, sie denken nicht von dem aus, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Letztendlich wissen wir ja, dass dieses aber vom Satan kommt (denn Jesus hat diesen von Petrus weggejagt, der ihm gegenüber forderte, „was die Menschen wollen“. Mt 16).
Jesus hat viel Geduld mit den hartherzigen Juden. Er erklärt noch genauer, was er mit dem Appell meint. Er rüttelt sie mit Nachdruck auf: „Denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.“ – Er erläutert, dass es mit dem Glauben an ihn zusammenhängt, ob die Menschen das ewige Leben haben oder nicht. Dieser Glaube an ihn ist der Glaube an die Messianität Jesu, die sie ja die ganze Zeit nicht erkennen. Deshalb echauffieren sie sich ja über seine Heilstaten, statt sie auf die Verheißungen des Alten Testaments zu beziehen.
Sie fragen ihn immer noch ahnungslos oder vielleicht bewusst gestellt ahnungslos (?), wer er denn sei, so als ob sie ihn dazu bringen wollen, die „Gotteslästerung“ aus dem eigenen Mund auszusprechen. Jesus lässt sich von dieser Provokation überhaupt nicht beeindrucken, sondern sagt vielmehr zu sich selbst: „Warum rede ich überhaupt noch mit euch? Ich hätte noch viel über euch zu sagen, aber …was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt.“ Jesus tut alles in vollem Gehorsam und in Einheit mit dem Vater. Die Juden verstehen das aber gar nicht.
Und dann sagt Jesus etwas, das die frommen und schriftkundigen Juden eigentlich mit dem Buch Numeri in Verbindung bringen sollten, so wie wir bei folgenden Worten einen Aha-Effekt haben:
„Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, das Ich es bin.“ Der Menschensohn ist er selbst. Er ist der Sohn des Menschen, zu Hebräisch Adam. Er ist der Nachkomme Adams und so ebenfalls der erste Mensch, nun aber der neuen Schöpfung. Und so wie die Schlange in der Wüste werden die Menschen ihn erhöhen – am Kreuz auf Golgota. Und dann werden sie erkennen, dass Er es ist – dass er der Messias ist, den die Propheten schon so lange angekündigt haben! Doch es werden nicht die Juden sein, die dies zuerst bekennen werden, sondern der Hauptmann beim Kreuz, der dann sagen wird: „Wahrlich, dieser war Gottes Sohn.“
Jesus sagt auch „er hat mich nicht alleingelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt.“ Ja, Gott hat ihn auch in der dunkelsten Stunde am Kreuz nicht alleingelassen, auch wenn Jesus als Teil des Leidens und der Versuchungen die absolute Gottverlassenheit verspüren musste. Er hat weiterhin mit seinem Vater Kontakt gehalten, indem er zu ihm gebetet hat „Eli, Eli, lema sabachtani“, das im Laufe des Psalms in einen Lobpreis umschwingt. Der Vater hat den Sohn nie allein gelassen und ihn am dritten Tag von den Toten auferweckt! Gott lässt auch uns nie allein, selbst in der dunkelsten Stunde nicht. Wenn wir uns ganz an ihn klammern und uns selbst nicht von ihm entfernen, ist er immer da. Wenn wir ihn dagegen von uns wegschieben, dann schätzt er unseren freien Willen, auch wenn es ihn sehr schmerzt. Und doch geht er uns dann nach und ruft uns, wirbt um uns, tut alles, damit wir unsere Meinung noch ändern, bevor es zu spät ist.
Es ist sehr bemerkenswert, was wir am Ende lesen: Viele Menschen kommen bei diesen Worten Jesu zum Glauben an ihn. Es gibt also durchaus Menschen, bei denen es zu einem Aha-Effekt gekommen ist. Sie verstehen, dass Jesus die Verheißungen der Propheten erfüllt, dass er der Messias ist.
Auch wenn Jesus immer wieder angefeindet wird, bringen seine Worte vor seinem Tod schon reiche Frucht. Sein Tod und seine Auferstehung werden dagegen dann aber ein regelrechter Weinberg voller Früchte sein.

Was Jesus den Juden heute sagt, gilt auch uns: Fühlen auch wir uns angesprochen durch seine Worte! Glauben wir an ihn und leben wir entsprechend, damit wir nicht in unseren Sünden sterben. Das meint nicht nur den biologischen Tod auf moralischer Ebene (dass wir im Zustand der Todsünde sterben), das meint vor allem den seelischen Tod der Hölle nach unserem biologischen Tod! Mit den Bildern des Psalms könnten wir sagen, dann sterben wir im Exil und bleiben auf ewig in diesem Exil außerhalb des Himmels. Nur Jesus ist es, der uns aus dem Exil ins verheißene Land zurückführen kann, das das Himmelreich ist. Nutzen auch wir die Zeit der Gnade und kehren wir um von unserem sündigen Leben. Dieser Umkehr bedarf jeder Mensch, denn tagtäglich beleidigen wir den Herrn durch größere und kleinere Dinge. Und auch die kleinen Dinge können auf Dauer die Mauer zum Einreißen bringen…nehmen wir auch die kleinen Dinge ernst und vertrauen wir uns bei allem immer der Barmherzigkeit Gottes an, mit der er uns umarmen will!

Ihre Magstrauss

Montag der 5. Woche der Fastenzeit

Dan 13,1-9.15-17.19-30.33-62; Ps 23,1-3.4.5.6; Joh 8,1-11 oder Joh 8,12-20

Dan 13
1 In Babylon wohnte ein Mann mit Namen Jojakim.

2 Er hatte Susanna, die Tochter Hilkijas, zur Frau; sie war sehr schön und gottesfürchtig.
3 Und ihre Eltern waren gerecht und hatten ihre Tochter nach dem Gesetz des Mose unterwiesen.
4 Jojakim war sehr reich; er besaß einen Garten nahe bei seinem Haus. Die Juden pflegten bei ihm zusammenzukommen, weil er der Angesehenste von allen war.
5 Als Richter amtierten in jenem Jahr zwei Älteste aus dem Volk, von denen galt, was der Herr gesagt hat: Ungerechtigkeit ging von Babylon aus, von den Ältesten, von den Richtern, die als Leiter des Volkes galten.
6 Sie hielten sich regelmäßig im Haus Jojakims auf und alle, die eine Rechtssache hatten, kamen zu ihnen.
7 Hatten sich nun die Leute um die Mittagszeit wieder entfernt, dann kam Susanna und ging im Garten ihres Mannes spazieren.
8 Die beiden Ältesten sahen sie täglich kommen und umhergehen; da regte sich in ihnen die Begierde nach ihr.
9 Ihre Gedanken gerieten auf Abwege und sie wandten ihre Augen davon ab, zum Himmel zu schauen und an die gerechten Strafen zu denken.
15 Während sie auf einen günstigen Tag warteten, kam Susanna eines Tages wie gewöhnlich in den Garten, nur von zwei Mädchen begleitet, und wollte baden; denn es war heiß.
16 Niemand war dort außer den beiden Ältesten, die sich versteckt hatten und ihr auflauerten.
17 Sie sagte zu den Mädchen: Holt mir Öl und Salben und verriegelt das Gartentor, damit ich baden kann!
19 Als die Mädchen weg waren, standen die beiden Ältesten auf, liefen zu Susanna hin
20 und sagten: Das Gartentor ist verschlossen und niemand sieht uns; wir sind voll Begierde nach dir: Sei uns zu Willen und gib dich uns hin!
21 Weigerst du dich, dann bezeugen wir gegen dich, dass ein junger Mann bei dir war und dass du deshalb die Mädchen weggeschickt hast.
22 Da seufzte Susanna und sagte: Ich bin bedrängt von allen Seiten: Wenn ich es tue, so droht mir der Tod; tue ich es aber nicht, so werde ich euch nicht entrinnen.
23 Es ist besser für mich, es nicht zu tun und euch in die Hände zu fallen, als gegen den HERRN zu sündigen.
24 Da schrie Susanna mit lauter Stimme auf. Aber zugleich mit ihr schrien auch die beiden Ältesten
25 und einer von ihnen lief zum Gartentor und öffnete es.
26 Als die Leute im Haus das Geschrei im Garten hörten, eilten sie durch die Seitentür herbei, um zu sehen, was ihr zugestoßen sei.
27 Als die Ältesten ihre Erklärung gaben, schämten sich die Diener sehr; denn noch nie war so etwas über Susanna gesagt worden.
28 Als am nächsten Morgen das Volk bei Jojakim, ihrem Mann, zusammenkam, erschienen auch die beiden Ältesten. Sie kamen mit der verbrecherischen Absicht, gegen Susanna die Todesstrafe zu erwirken. Sie sagten vor dem Volk:
29 Schickt nach Susanna, der Tochter Hilkijas, der Frau Jojakims! Man schickte nach ihr.
30 Und sie kam, begleitet von ihren Eltern, ihren Kindern und allen Verwandten.
33 Ihre Angehörigen aber und alle, die sie erblickten, weinten.
34 Die beiden Ältesten aber standen auf inmitten des Volkes und legten ihre Hände auf den Kopf Susannas.
35 Sie aber blickte weinend zum Himmel auf; denn ihr Herz vertraute dem HERRN.
36 Die Ältesten sagten: Während wir allein im Garten spazieren gingen, kam diese Frau mit zwei Mägden herein. Sie ließ das Gartentor verriegeln und schickte die Mägde fort.
37 Dann kam ein junger Mann zu ihr, der sich versteckt hatte, und legte sich zu ihr.
38 Wir waren gerade in einer abgelegenen Ecke des Gartens; als wir aber die Sünde sahen, eilten wir zu ihnen hin
39 und sahen, wie sie zusammen waren. Den Mann konnten wir nicht festhalten; denn er war stärker als wir; er öffnete das Tor und entkam.
40 Aber diese da hielten wir fest und fragten sie, wer der junge Mann war.
41 Sie wollte es uns aber nicht verraten. Das alles können wir bezeugen. Die versammelte Gemeinde glaubte ihnen, weil sie Älteste des Volkes und Richter waren, und verurteilte Susanna zum Tod.
42 Susanna aber schrie auf mit lauter Stimme und sagte: Ewiger Gott, du kennst auch das Verborgene; du weißt alles, noch bevor es geschieht.
43 Du weißt auch, dass sie eine falsche Aussage gegen mich gemacht haben. Darum muss ich jetzt sterben, obwohl ich nichts von dem getan habe, was diese Menschen mir vorwerfen.
44 Der HERR erhörte ihr Rufen.
45 Als man sie zur Hinrichtung führte, erweckte Gott den heiligen Geist in einem jungen Mann namens Daniel.
46 Dieser schrie mit lauter Stimme: Ich bin unschuldig am Blut dieser Frau.
47 Da wandten sich alle Leute nach ihm um und fragten ihn: Was soll das heißen, was du da gesagt hast?
48 Er trat mitten unter sie und sagte: Seid ihr so töricht, ihr Söhne Israels? Ohne Verhör und ohne Prüfung der Beweise habt ihr eine Tochter Israels verurteilt.
49 Kehrt zurück zum Ort des Gerichts! Denn diese Ältesten haben eine falsche Aussage gegen Susanna gemacht.
50 Eilig kehrten alle Leute wieder um und die Ältesten sagten zu Daniel: Setz dich hier mitten unter uns und sag uns, was du zu sagen hast! Denn dir hat Gott den Vorsitz verliehen.
51 Daniel sagte zu ihnen: Trennt diese beiden Männer, bringt sie weit auseinander! Ich will sie verhören.
52 Als man sie voneinander getrennt hatte, rief er den einen von ihnen her und sagte zu ihm: In Schlechtigkeit bist du alt geworden; doch jetzt kommt die Strafe für die Sünden, die du bisher begangen hast.
53 Ungerechte Urteile hast du gefällt, Schuldlose verurteilt, aber Schuldige freigesprochen; und doch hat der HERR gesagt: Einen Schuldlosen und Gerechten sollst du nicht töten.
54 Wenn du also diese Frau wirklich gesehen hast, sage: Unter welchem Baum hast du sie miteinander verkehren sehen? Er aber sagte: Unter einem Mastixbaum.
55 Da sagte Daniel: Mit deiner Lüge hast du dein eigenes Haupt getroffen. Der Engel Gottes wird dich zerspalten; schon hat er von Gott den Befehl dazu erhalten.
56 Dann ließ er ihn wegbringen und befahl, den andern vorzuführen. Zu ihm sagte er: Du Sohn Kanaans, nicht Judas, dich hat die Schönheit verführt, die Leidenschaft hat dein Herz verdorben.
57 So tatet ihr an den Töchtern Israels und jene verkehrten mit euch, weil sie sich fürchteten; aber eine Tochter Judas duldete eure Gesetzlosigkeit nicht.
58 Nun sag mir: Unter welchem Baum hast du sie ertappt, während sie miteinander verkehrten? Er sagte: Unter einer Eiche.
59 Da sagte Daniel zu ihm: Mit deiner Lüge hast auch du dein eigenes Haupt getroffen. Der Engel Gottes wartet schon mit dem Schwert in der Hand, um dich mitten entzweizuhauen. So wird er euch beide vernichten.
60 Da schrie die ganze Gemeinde laut auf und pries Gott, der alle rettet, die auf ihn hoffen.
61 Dann erhoben sie sich gegen die beiden Ältesten, die Daniel durch ihre eigenen Worte als falsche Zeugen entlarvt hatte. Das Böse, das sie ihrem Nächsten hatten antun wollen, tat man
62 nach dem Gesetz des Mose ihnen an: Man tötete sie. So wurde an jenem Tag unschuldiges Blut gerettet.

Heute hören wir aus dem Buch Daniel. Dabei handelt es sich nicht um einen prophetischen Abschnitt, sondern um eine Erzählung.
Es geht um die Frau Jojakims namens Susanna. Sie ist schön und fromm. Ihre Eltern haben sie zur Gottesfurcht erzogen und in der Torah unterwiesen. Was nun passiert, spielt sich zur Zeit des babylonischen Exils ab. Jojakim ist ein reicher Mann, bei dem viele Juden einkehren, unter anderem in Rechtsdingen. Es gibt nun zwei Älteste, die regelmäßig zu Jojakim kommen und nach seiner Frau begehren. Sie spannen sie regelmäßig aus, wenn sie um die Mittagszeit im Garten spazieren geht. Eines Tages möchte sie in der besonders heißen Mittagshitze baden und bittet ihre Bediensteten, die Türen abzuschließen. Die beiden Ältesten erkennen ihre Chance in dieser Situation des absoluten Ausgeliefertseins Susannas und bedrängen die Frau. Sie erpressen sie damit, dass sie sich ihren Gelüsten hingeben soll oder sie würden vor den anderen behaupten, sie hätte mit einem jungen Mann Ehebruch begangen. Sie ist „von allen Seiten bedrängt“, wie sie selbst es ausdrückt. Und doch reagiert sie in dieser Situation geistesgegenwärtig und gottesfürchtig: Sie fällt lieber den Machenschaften von Menschen zum Opfer, als Gott durch so eine schwere Sünde zu beleidigen. Durch diese Entscheidung können wir als Zuhörer schon erahnen, dass Gott sie reichlich segnen wird. Es ist wie eine Glaubensprüfung für sie und zugleich sollen viele weitere Menschen in dieser Situation die Herrlichkeit Gottes bezeugen.
Susanna schreit auf, um die Bediensteten im Haus auf sich aufmerksam zu machen. Blitzschnell reagieren auch die beiden Ältesten, indem auch sie laut aufschreien und den „Tatort“ inszenieren (das Gartentor öffnen). Als die Dienerinnen angelaufen kommen, behaupten die Männer, dass sie Susanna beim Ehebruch ertappt hätten, was die Bediensteten beschämt. Es wird betont, dass Susanna bisher noch nie negativ aufgefallen ist. Zu Anfang der Erzählung hörten wir ja auch, dass sie eigentlich eine sehr fromme Person ist.
Am nächsten Morgen findet ein Gerichtsprozess statt, bei dem die beiden Ältesten gegen die Frau aussagen. Alle Angehörigen und Susanna selbst weinen und sie schaut zum Himmel, denn sie vertraut auf Gott, dem sie durch ihre gestrige Entscheidung die Treue gehalten hat. Die beiden Männer denken sich eine Lüge aus und behaupten, ein junger Mann sei zu ihr gekommen, um mit ihr Ehebruch zu treiben. Er sei entkommen, weil er den Ältesten physisch überlegen gewesen sei. Diese beiden Männer nutzen ihre Position als Älteste, um einer unschuldigen Frau die Todesstrafe zu bringen. Weil die beiden Männer Älteste sind, glauben die Menschen ihnen auch. So wird sie zum Tode verurteilt und schreit ein ganz drastisches Bittgebet zum Herrn. Dieser erhört sie am Tag ihrer Hinrichtung, denn er erfüllt einen jungen Mann namens Daniel mit dem Hl. Geist, sodass dieser laut aufruft: „Ich bin unschuldig am Blut dieser Frau.“ Diese Aussage scheint für die Umstehenden rätselhaft und sie fragen ihn, was das zu bedeuten habe. Wir müssen es so verstehen, dass er sich der Blutschuld der Israeliten gegenüber distanziert, die im Begriff ist, aufgeladen zu werden. Diese lädt sich Israel nämlich dadurch auf, dass sie Susanna unschuldig zum Tod verurteilt. Er spricht die Worte also, bevor es zu spät ist und Israel sich diese Blutschuld aufbürdet. Wir müssen an dieser Stelle innehalten und weiter betrachten: Es ist auch so, dass Gott selbst diese Worte durch den jungen Daniel von sich gibt. Er ist unschuldig an diesem Blutvergießen. Gott ist nicht böse. Er verlangt nicht, dass wir etwas Böses tun. Er ist unschuldig und er ist gut, nur gut. Gott selbst distanziert sich also von dem menschlichen Gericht, das zu einem ungerechten Urteil gekommen ist, das insgesamt falsch abgelaufen ist.
Er erklärt ihnen, dass sie eine Tochter Israels ohne richtige Anhörung verurteilt haben und die Beweise bzw. Zeugnisse nicht richtig geprüft haben. Die Reaktion der Israeliten zeigt, dass sie nicht böse sind, sondern auf die Intrige der Ältesten hereingefallen sind. Sie nehmen Daniels Worte sofort an und erkennen, dass Gott durch ihn spricht. Woher sonst soll er auch wissen, dass die Ältesten eine Falschaussage gemacht haben?
Kurzerhand wird der Gerichtsprozess noch weiter fortgesetzt und Daniel zum Anhörer der Zeugnisse beauftragt. Er hat eine sehr kluge Idee, denn er trennt die beiden Männer voneinander, um sie einzeln anzuhören.
Daniel hört zunächst den ersten Ältesten an und wirft ihm vor, ihn Schlechtigkeit alt geworden zu sein. Er sagt ihm, dass es in der Schrift ja heißt, man solle keinen Menschen unschuldig verurteilen. Er wirft ihm sogar vor, Schuldige freigesprochen zu haben. Und dann stellt er die entscheidende Frage: „Unter welchem Baum hast du sie miteinander verkehren sehen?“ Der Älteste antwortet: „Unter einem Mastixbaum.“
Daraufhin spricht er mit dem zweiten Ältesten und wirft auch ihm Sünden vor. Dabei stellt sich heraus, dass dieser gar kein Israelit, sondern Kanaaniter ist. Er wirft ihm sogar vor, dass er schon zuvor mit anderen Frauen so verfahren hat wie mit Susanna, nur dass sie sich im Gegensatz zu den anderen nicht erpressen ließ. Auf die entscheidende Frage nach der Baumart hin antwortet der zweite Älteste mit einer Eiche. So hat er die Falschaussage und Intrige der beiden Männer selbst offenbart. Das ganze versammelte Volk realisiert, dass durch Daniel unschuldiges Blut gerettet worden ist. Sie preisen Gott und bestrafen die beiden Männer mit der Todesstrafe.
Daniel hat Susanna gerettet, doch es ist Gott selbst, der durch ihn gewirkt hat. Susannas Gebet ist erhört worden. Wir erkennen an dieser Geschichte, dass wir wirklich ganz auf Gott vertrauen dürfen. Wenn Jesus später sagt, dass es uns immer zuerst um das Reich Gottes gehen soll und Gott uns alles Andere dazugeben wird, dann dürfen wir das ganz wörtlich nehmen. Susanna ging es um den Willen Gottes, dem zuliebe sie sich den beiden bösen Männern ausgeliefert hat. Sie weiß, dass Gott stärker ist und für Gerechtigkeit sorgt. So hat er sie nicht im Stich gelassen und nicht nur vor der Todesstrafe gerettet, sondern die schon länger anhaltenden Missetaten der beiden Männer aufgedeckt. Susanna ist so zu einem Werkzeug geworden, ebenso wie Daniel, mithilfe derer Gott ein großes Übel aus seinem Volk entfernen konnte. Hinter jeder Krise können wir Menschen zu allen Zeiten eine Chance und einen Segen erkennen. Susanna musste leiden so wie auch der Blindgeborene im Johannesevangelium zum Beispiel leiden musste. Doch durch ihr Leiden ist ganz viel Segen auf die Menschen gekommen, der alles nicht nur entschädigt, sondern noch viel mehr darüber hinaus den Menschen geschenkt worden ist. Susanna ist nach diesem Ereignis womöglich noch viel mehr Ehre geschenkt worden als zuvor. Auch Daniel ist so zu einer großen Ehre gekommen. Werfen auch wir in unserem Leben nicht sofort das Handtuch, wenn es schwer wird. Versuchen wir in allem immer die Chance zu erkennen und so geistesgegenwärtig wie Susanna und Daniel zu handeln. Behalten wir die oberste Priorität im Blick und vertrauen wir ganz auf Gott, der uns nicht ins offene Messer laufen lassen wird. Im Nachhinein werden wir verstehen, warum Gott Krisen und Leiden in unserem Leben zugelassen hat.

Ps 23
1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.

2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen.
4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.
5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher.
6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Heute beten wir den berühmten Psalm 23. Er passt perfekt zur Lesung, weil in diesem Vertrauenspsalm Gott als Hirte beschrieben wird. Zuvor hörten wir davon, dass Gott sich ganz um seine Schäfchen kümmert und Susannas unschuldiges Blut vor der Todesstrafe bewahrt hat.
König David hat diesen Psalm gedichtet und man spürt, dass er sich ganz mit Hirt und Herde identifizieren kann. Gottes wunderbare Vorsehung hat alles so gefügt, dass er mit David tatsächlich einen Hirten zum König erwählt hat.
Gott ist unser Hirte, der uns alles gibt, was wir brauchen. Es mangelt uns an nichts, wenn wir zuerst sein Reich suchen. Das sagt Jesus später nicht umsonst. Es ist vor dem Hintergrund des Psalms absolut nachvollziehbar. Gott lässt uns, seine Schafe, auf grünen Auen lagern. Dies tut er auch mit Susanna. Er führt uns nicht ins Verderben, sondern nährt uns immer ausreichend, damit wir auf dem Weg durchs Leben hin zu ihm nicht zugrunde gehen. Er bewahrt die junge Frau vor einem unschuldigen und ehrlosen Tod. Auch wenn es zeitweise Wüstenlandschaften sind und nicht die grünen Auen, ist es für uns heilsam, damit wir die Auen wieder mehr zu schätzen lernen, in unserem Glauben gestärkt und in unserer Wachsamkeit geschärft werden. So muss Susanna zeitweise die trockene Wüste zu spüren bekommen, doch wird sie am Ende mit umso grüneren Auen beschenkt!
Für uns heute heißt dies, dass Gott uns mit allen irdischen Gaben (Finanzen, Gesundheit, Nahrung und sauberes Trinkwasser, Frieden, Erfolg etc.), aber auch mit allen überirdischen Gaben ausstattet, die wir durch die Heilsmittel der Kirche erhalten. Dazu gehören die Sakramente, allen voran die Eucharistie, und die Sakramentalien, durch die er uns den Hl. Geist senden möchte. Nicht umsonst betet David zuerst „er lässt mich lagern auf grünen Auen“ und dann „und führt mich zum Ruheplatz am Wasser“. Es sind einerseits zwei Bilder für das Essen und Trinken des Menschen, andererseits die Bilder für die wichtigsten überirdischen Güter – die Eucharistie und der Hl. Geist, das lebendige Wasser.
Gott bringt die Lebenskraft zurück. Das hebräische Stichwort ist an dieser Stelle ist wie so oft nefesch. Gott bringt das ganze Leben zurück. Wir dürfen es sowohl moralisch als auch anagogisch verstehen, das heißt einerseits die Rückführung in den Stand der Gnade und zugleich die Rettung des ewigen Lebens. Vor allem die moralische Ebene wird uns klar, wenn wir danach lesen: „Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit.“ All dies ist auch auf Susanna zu übertragen, deren nefesch Gott gerettet hat. Ihre ganze Existenz stand auf dem Spiel, denn nicht nur ihr irdisches Dasein sollte durch die Todesstrafe beendet werden, sondern auch ihre Ehre und ihr Ansehen vor Gott.
Selbst der Psalm 23 greift die Situation auf, dass es nicht immer die ruhigen grünen Auen sind, auf denen die Herde sich bewegt, sondern auch mal das finstere Tal. So ist das Leben. Es gibt nicht nur schöne Tage, sondern auch die Krisen und dunklen Stunden, von denen wir in der Lesung ein besonders drastisches Beispiel gehört haben. Doch selbst da begleitet Gott einen hindurch und hinaus. Auch David hat dunkle Stunden gehabt, doch gerade in diesen hat er sich umso mehr an Gott geklammert. Er wusste, wie entscheidend sich die Qualität eines Hirten in finsteren Tälern herausstellte. Er wusste auch, wie sicher sich ein Schaf bei einem guten Hirten fühlen konnte. Er ist in dieser Hinsicht nicht nur der Typos des guten Hirten Christus, sondern auch des Lammes Gottes, das sich ganz und gar in die Hände Gottes übergab und selbst am Kreuz noch betete: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Von David können wir das absolute Gottvertrauen lernen und mit ihm zusammen beten: „Dein Stock und dein Stab trösten mich.“
Gott beschenkt uns, seine Kinder. Er hat nur Gutes für uns bereit. All der Segen Gottes wird hier mit verschiedenen Bildern umschrieben wie dem Decken des Tisches, dem Salben des Hauptes und dem übervollen Becher. All dies können wir zusammenfassen mit den darauffolgenden Worten: „Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang.“
Ins Haus des Herrn heimzukehren, bedeutet in diesem Kontext wörtlich den Tempel Gottes, der zu Davids Zeiten noch in Form des Offenbarungszeltes bestand. Wir lesen es auch vor dem Hintergrund der Lesung als Heimkehr aus dem babylonischen Exil, währenddessen der heutige Zwischenfall in der Lesung passiert ist. Wir lesen dies allegorisch weiter als das Reich Gottes und die Kirche. Moralisch verstehen wir damit unsere eigene Seele, die der Tempel Gottes ist und von wo aus die Entscheidungen zu einem Verhalten nach seinen Geboten getroffen werden. Schließlich kehren wir am Ende unseres Lebens heim in das Haus Gottes, den Himmel.

Joh 8
1 Jesus aber ging zum Ölberg.

2 Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.
3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte
4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.
5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
6 Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.
8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
9 Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.
10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?
11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Im Evangelium hören wir erneut von einem Fall von Ehebruch. Jesus ist in Jerusalem und kommt am frühen Morgen in den Tempel, um dort das Volk zu lehren. Plötzlich kommen Schriftgelehrte und Pharisäer mit einer Frau zu ihm, die diesmal tatsächlich in flagranti beim Ehebruch erwischt worden ist. Sie haben nicht im Sinn, einen gerechten Gerichtsprozess einzuleiten, sondern ihnen geht es darum, die Frau zu instrumentalisieren. Denn ihre Absicht ist es, Jesus auf die Probe zu stellen. Sie kommen mit der „Mose-Keule“, die sie immer wieder schwingen, um Jesus in die Bredouille zu bringen. Sie sagen zu ihm: „Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?“ Sie möchten ihn dazu bringen, sich gegen Mose zu stellen und so angreifbar zu werden. Jesus lässt sich von dieser ganzen Provokation und Intrige aber überhaupt nicht beeindrucken. Stattdessen tut er etwas auf den ersten Blick Befremdliches: Er bückt sich und schreibt etwas auf die Erde. Wir müssen uns an dieser Stelle wieder daran erinnern, dass Jesus nie, wirklich nie etwas sagt oder tut, das nicht einen tieferen Sinn hat. Er nimmt diese Geste also vor, damit die Menschen sie als Signal erkennen. Es handelt sich also um eine prophetische Zeichenhandlung!
Vor dem Hintergrund der Schriften der Juden (unserem Alten Testament) fallen uns gleich mehrere Bibelstellen ein, in denen diese Geste erklärt wird. Erstens denken wir an Jeremia 17,13: „Alle, die dich verlassen, werden zuschanden. Die sich von mir abwenden, werden in den Staub geschrieben, denn sie haben den HERRN verlassen, den Quell lebendigen Wassers.“ Jesus kündigt somit ein Gerichtsurteil Gottes an! Dieser schreibt jene in den Staub, die sich von seinem Willen entfernt haben. Dies soll den Umstehenden zunächst als Warnung gelten. Es ist noch nicht zu spät, umzukehren. Jesus ist Gott und ruft allen Anwesenden dazu auf, umzukehren. Dieses Signal sollte den Pharisäern und Schriftgelehrten eigentlich als erstes auffallen, da sie sich mit der Schrift ja besonders gut auskennen. Sie sollten auch die Ersten sein, die an Gen 3,19 denken, wo Gott dem Menschen nach dem Sündenfall sagt: Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ JEDER Mensch ist von der Sünde betroffen. Alle Menschen neigen zum Bösen und können nicht sagen, dass sie von der ersten Sünde des Menschenpaares unberührt geblieben sind.
Doch eben jene, die diesen Code verstehen sollten, bleiben verständnislos. Sie haken vielmehr hartnäckig nach.
Und so richtet Jesus sich auf und sagt es nochmal mit deutlichen Worten: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Nicht nur die Worte an sich werden sie tief getroffen haben, sie werden es mit seiner Geste zusammengebracht haben, die er nach diesem einen Satz weiter fortgesetzt hat. Und so geht ein Ältester nach dem Anderen fort und lässt den Stein fallen, den er in der Hand gehalten hat, bereit zum Wurf. Vor dem Hintergrund der Lesung fällt uns auf, dass Johannes hier besonders betont, dass zuerst die Ältesten die Szene verlassen. Womöglich werden sie an die Episode aus dem Buch Daniel gedacht haben, die die Begierde und Schuld der Ältesten zutage gefördert hat. Sie entfernen sich beschämt, weil sie erstens ihre eigene Schuldhaftigkeit erkannt, zweitens eine öffentliche Entehrung im Stil des Daniel befürchtet haben.
Am Ende steht die beschuldigte Ehebrecherin alleine bei Jesus. Er richtet sich nach einiger Zeit auf und fragt sie: „Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?“ Er sagt es, damit sie antwortet: „Keiner, Herr.“ Sie soll sehen, dass sie nicht die einzige ist, die sündigt. Zugleich soll es aber nicht heißen, dass ihre Sünde relativiert wird. Jesus sagt nämlich zu ihr: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Jesus hat ihr die Schuld vergeben und an ihr barmherzig gehandelt. Er sagt ihr aber auch, dass sie ausgehend von dieser zweiten Chance von nun an ein Leben nach Gottes Geboten führen soll. So spricht Jesus auch zu uns, wenn wir voller Reue und aufrichtig zu ihm kommen im Sakrament der Beichte: Ich verurteile dich nicht. Gehe und sündige von nun an nicht mehr! Welch große Barmherzigkeit dürfen wir immer wieder erfahren! Gott liebt uns und er möchte nicht, dass wir verloren gehen. Unser Part ist es, immer wieder von unseren Sünden umzukehren, von denen auch wir nicht verschont sind. Wir sind als getaufte Christen von der Erbsünde zwar erlöst, doch die Folgen dieser Sünde sind noch da. Wir neigen immer noch zum Bösen und müssen deshalb immer wieder zum Herrn umkehren. Auch in unserem Fall schreibt Jesus in den Sand, damit an uns der Appell ergeht: „Kehr um, bevor es zu spät ist!“ Er schreibt zugleich unsere Sünden in den Sand, damit der Wind sie wegtrage, der Wind des Hl. Geistes, durch den wir in den Stand der Gnade zurückversetzt werden im Sakrament der Versöhnung! In Stein ist dagegen nur eines geschrieben – die Gebote Gottes! Sie bleiben auf ewig bestehen und ändern sich auch nicht. Jesus hat dies immer wieder betont. Wie soll man diese Episode dann richtig verstehen? Schließlich hat Jesus gegen das mosaische Gesetz gehandelt!
Wie bei der Frage nach der Ehescheidung kommen die Pharisäer und Schriftgelehrten mit einem mosaischen Gesetz zu ihm. Wie auch dort geht Jesus noch weiter zurück, nämlich zur Genesis, um nicht Mose zu zitieren, sondern Gott selbst. Dieser hat selbstverständlich eine höhere Autorität als Mose. Zu Jesu Zeit gibt es in der jüdischen Gelehrsamkeit die Tendenz, innerhalb der Torah unterschiedliche Prioritäten zu setzen. Und Jesus liegt ganz auf dieser Linie, wenn er eben jene Priorisierung vornimmt: Es heißt in dieser jüdischen Tradition, dass Gottes Gebote die höchste Priorität haben, das heißt die Zehn Gebote, die Mose den Berg hinuntergebracht hat. Und als die Israeliten dann das Goldene Kalb angebetet haben, musste Mose noch weitere Gebote erlassen, weil er merkte, dass das Volk nicht so weit ist, die Zehn Gebote richtig umzusetzen. So erließ er die vielen weitere Gebote, die natürlich auch sehr hohe Autorität besitzen, aber eben NACH dem Dekalog kamen. Jesus plädiert bei den Fallen, für die die Pharisäer ständig das mosaische Gesetz missbrauchen, immer wieder auf den Anfang, auf die Genesis, auf die Zehn Gebote, auf die Gottesreden, die uns aus den fünf Büchern Mose bekannt sind. Er stellt die Prioritäten wieder richtig. Es ist also nicht Gesetz gegen Gesetz („Steinige die Ehebrecherin“ gegen „Du sollst nicht töten“), sondern die Überbietung des mosaischen Gesetzes durch Gottes eigene Worte.

Welch Privileg dürfen die Pharisäer und Schriftgelehrten genießen, dass Jesus ihnen das richtige Verständnis der Schriften erklärt! Und doch lassen sie sich keinesfalls belehren, sondern eher provozieren. Sie erkennen nicht, dass er der Messias, dass er der Sohn Gottes ist, der in die Welt kommen soll. Sie erkennen seine göttliche Autorität nicht, die ihnen solche wertvollen Schätze mit auf den Weg geben will. Sie nutzen auch den Appell zur Umkehr nicht, der an alle Anwesenden ergeht.

Heute haben wir viel von Anschuldigungen, Gerichtsprozessen und Exekutionen gehört. Während die erste Frau tatsächlich unschuldig ist, handelt es sich bei der zweiten Frau tatsächlich um eine Ehebrecherin. Es geht heute um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes zugleich. Er sorgt dafür, dass die Unschuldigen gerettet werden und den Schuldigen, die von Herzen bereuen, vergeben wird. Was wir aus all dem lernen: Kein Mensch kann von sich aus sagen, er sei ohne Sünde. Jeder muss sich zuerst an die eigene Nase fassen und jederzeit umkehren. Das heißt natürlich nicht, dass jene, die die Aufgabe der Gerichtsbarkeit besitzen, diese nicht ausführen dürfen, weil sie selbst Sünde haben. Das Problem in beiden Fällen besteht ja darin, dass die Ältesten die Gerichtsbarkeit mit bösen Absichten ausführen. Im ersten Fall geht es um die Verurteilung einer Unschuldigen und Vertuschung der eigenen Schuld. Im zweiten Fall soll eine echte Täterin instrumentalisiert werden, um Jesus auf die Probe zu stellen. In beiden Fällen geht es also gar nicht um ein gerechtes Gericht. Uns Menschen, die wir keine Richter von Beruf sind, sagt Jesus sogar: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Menschen können gar kein gerechtes Gerichtsurteil im moralischen Sinne vornehmen, da sie das Herz des Anderen ja nicht erkennen. Sie sehen die Absichten nicht und können gar nicht richtig beurteilen, wie es zu der Sünde gekommen ist. Wir sollen das Richten Gott überlassen, der in die Erde schreibt. Wir sollen uns selbst von dieser überfordernden Bürde befreien und es ihm überlassen, der die Kompetenz hat. Nehmen wir diesen Gedanken mit in die restliche Fastenzeit.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 6. Woche im Jahreskreis

Jak 1,12-18; Ps 94,12-13.14-15.18-19; Mk 8,14-21

Jak 1
12 Selig der Mann, der in der Versuchung standhält. Denn wenn er sich bewährt, wird er den Kranz des Lebens erhalten, der denen verheißen ist, die Gott lieben. 

13 Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung. 
14 Vielmehr wird jeder von seiner eigenen Begierde in Versuchung geführt, die ihn lockt und fängt. 
15 Wenn die Begierde dann schwanger geworden ist, bringt sie die Sünde zur Welt; ist die Sünde reif geworden, bringt sie den Tod hervor. 
16 Lasst euch nicht irreführen, meine geliebten Brüder und Schwestern: 
17 Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, vom Vater der Gestirne, bei dem es keine Veränderung oder Verfinsterung gibt. 
18 Aus freiem Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit geboren, damit wir eine Erstlingsfrucht seiner Schöpfung seien.

Wir haben gestern bereits von der Versuchung als Geduldsprobe gehört. Heute wird die Rede davon fortgesetzt. Die Bewährung in der Versuchungssituation wird letztendlich mit dem Kranz des Lebens“ belohnt. Das ist ein ganz verbreitetes Bild für den Lohn des Himmels. Es kommt aus dem Sport, denn die Sieger bei Wettkämpfen sind mit Kränzen, z.B. aus Lorbeerblättern, bekränzt worden. Diese sportliche Metapher wird auch in der Johannesoffenbarung verwendet und ist in der Paulusliteratur regelmäßig zu lesen.
Jakobus stellt heraus, was wir letzten Sonntag aus dem Buch Jesus Sirach gehört haben: Gott ist nicht der Versucher. Gott ist nicht böse und tut selbst auch nichts Böses. Er ist nur gut und lässt sich nicht verführen. Jakobus muss dies hier klarstellen, weil Menschen schnell dazu verleitet werden, Gott für alles die Schuld zu geben.
Der Ursprung der Versuchungen ist dabei die eigene Begierde (ἐπιθυμία epithymia). Diese ist etwas, das vor dem Sündenfall nicht vorhanden war. Es ist ein Habenwollen, statt sich von Gott beschenken zu lassen. Und so beginnt mit der Begierde der Weg hin zur Sünde. Diesen Weg beschreibt Jakobus von Vers 14 an wie folgt: Die Begierde lockt den Menschen und nimmt ihn gefangen. Wenn er sie zulässt, wird sie „schwanger“ und „gebiert“ die Sünde, die ausgewachsen dann den Tod bringt. In dieser Bildsprache ausgedrückt meint Jakobus, dass die Begierde das Herz voll macht und von dort aus die Sünde in Gedanken, Worte und Werke „hineingeboren“ wird, d.h. als Ergebnis dieser zugelassenen Begierde zu betrachten ist. So wird die Sünde dann auf allen Ebenen tatsächlich ausgeführt, das Habenwollen wird tatsächlich umgesetzt. Dabei kann es sich ja erst einmal um eine lässliche Sünde handeln, doch wird diese nicht ausgemerzt und wächst, so kann aus ihr eine Todsünde werden. Und diese heißt so, weil sie den Tod bringt, den seelischen Tod.
Mit „lasst euch nicht irreführen“ ist dieser Weg von der Begierde zur Todsünde gemeint. Jakobus möchte, dass man sich nicht vom Weg abbringen lassen soll, den Gott aufzeigt, den Weg der Gebote.
Er erklärt, dass alles von Gott geschenkt ist, weshalb man dieses Habenwollen, die Begierde nicht zulassen soll. Gott sorgt schon dafür, dass wir bekommen, was uns guttut.
Gott hat für uns einen besonderen Heilsplan, den man durch die Begierde zerstört. Wir sollen unsere Berufung leben, denn Gott hat uns ja „aus freiem Willen“ geschaffen. Der Sinn unserer Existenz ist, die Erstlingsfrucht seiner Schöpfung zu sein. Es geht um die geistige Schöpfung, der wir durch die Taufe angehören. Wenn Jakobus die Getauften aber als Erstlingsfrucht bezeichnet, betont er, dass wir Gott gehören wie die Erstgeborenen, die im Tempel dargestellt worden sind. Wir gehören Gott und von dort aus sollen wir unsere Berufung leben. Da können wir nicht voller Begierde sein, die das Gegenteil der Gnade Gottes ist. Was ist schließlich mit „Wort der Wahrheit“ gemeint, durch die Gott uns geschaffen hat? Es ist ein und derselbe bei der ersten Schöpfung wie auch bei der zweiten – Jesus Christus. Er ist das Wort und er ist die Wahrheit. Durch ihn hat der Vater alles hervorgebracht, durch ihn hat er auch den Neuen Bund mit den Menschen geschlossen, durch den Gott seine neue Schöpfung jetzt schon begründet. Durch Christus hat der Vater uns freiwillig erlöst und so zu einer neuen Schöpfung wiedergeboren in der Taufe, damit wir ihm gehören als seine geliebten Kinder und Erben in seinem Reich.

Ps 94
12 Selig der Mann, den du, HERR, erziehst, den du mit deiner Weisung belehrst, 

13 um ihm Ruhe zu schaffen vor bösen Tagen, bis dem Frevler die Grube gegraben ist. 
14 Denn der HERR lässt sein Volk nicht im Stich und wird sein Erbe nicht verlassen. 
15 Nun spricht man wieder Recht nach Gerechtigkeit; ihr folgen alle Menschen mit redlichem Herzen.
18 Wenn ich sage: Mein Fuß gleitet aus, dann stützt mich, HERR, deine Huld. 
19 Mehren sich die Sorgen in meinem Innern, so erquicken deine Tröstungen meine Seele.

Im Psalm werden viele Gedanken des Jakobus aufgegriffen sowie die Gedanken der vergangenen zwei Tage: Es kann sich jener glücklich schätzen, der von Gott Lektionen aufgetragen bekommt und dem die Torah, die Weisung vorgelegt wird. Diese wird nicht als Bürde den Menschen gegeben, sondern zur „Ruhe (…) vor bösen Tagen“. Diese sind gezählt und begrenzt. Es muss so kommen, aber dann wird dem „Frevler die Grube gegraben“. Der Böse hat nur eine begrenzte Zeit, in der er die Menschen versucht und von Gott abbringen will. Dann wird Gott den Bösen ganz entmachten und das Leid hat ein Ende. Für diese Zeit der Bedrängnis ist die Torah ein Schutzschild – denn wer mit festen Schritten den Weg der Gebote Gottes geht, fällt auf die Versuchungen des Teufels nicht so schnell herein. Die Torah ist eine Ruhestatt. Das unruhige und leidende Herz kann sich bei Gottes Geboten erholen und stärken. Gott gibt uns seine Gebote, damit wir in schweren Zeiten durchhalten können. Sie sollen uns nicht belasten, sondern entlasten. Ohne seine Gebote würde er uns aber unserem Schicksal überlassen. Aber das Gegenteil ist der Fall, er „lässt sein Volk nicht im Stich und wird sein Erbe nicht verlassen“. Gott ist treu und auch wir, die wir nun im Neuen Bund mit ihm vereint sind, können auf seine Treue vertrauen. Gott lässt uns nicht im Stich und bietet uns unser Erbe an. Wir sind es, die es verspielen können, in dem wir einen anderen Weg einschlagen.
Gott musste sein auserwähltes Volk immer wieder lehren und auch züchtigen, damit es wieder zur Besinnung kommt. Wie oft sind die Israeliten vom Weg abgekommen, indem sie sich anderen Göttern zugewandt und Götzendienst getrieben haben. Gott überlässt seine untreue Braut aber nicht dem Schicksal, sondern rüttelt sie immer wieder wach.
Und wenn sie es verstanden hat, kehrt die Braut um und beginnt von vorne. Das wird in Vers 15 angedeutet: „Nun spricht man wieder Recht nach Gerechtigkeit“. Die Herzen der Menschen sind wieder Gott zugewandt, worum es eigentlich geht. Das Herz ist wieder dort, wo es sein sollte, beim Bundespartner, beim Bräutigam.
Und wenn man den Weg mit Gott geht, stützt und trägt er einen in schweren Zeiten. Wo der Fuß ausgleitet, ist Gott eine Stütze. Wo die Sorgen einen belasten, tröstet Gott den Menschen. Der Weg in Gemeinschaft mit Gott ist viel leichter als der Irrweg von Gott weg, auf dem man alleine unterwegs ist. Dann fehlt nämlich die Gnade. Jesus sagt im Johannesevangelium „getrennt von mir könnt ihr nichts tun.“ Das ist sehr deutlich gesagt, wirklich gar nichts! Man wird nicht weit kommen und das Gefühl haben, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Machen wir es uns nicht unnötig schwer, indem wir unser eigenes Gesetz sein wollen. Gehen wir den Weg, der auf uns abgestimmt ist, weil Gott uns, seine geliebten Geschöpfe, durch und durch kennt.

Mk 8
14 Die Jünger hatten vergessen, Brote mitzunehmen; nur ein einziges hatten sie im Boot dabei. 

15 Und er warnte sie: Gebt Acht, hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und dem Sauerteig des Herodes! 
16 Sie aber machten sich Gedanken, weil sie keine Brote bei sich hatten. 
17 Als er das merkte, sagte er zu ihnen: Was macht ihr euch darüber Gedanken, dass ihr keine Brote habt? Begreift und versteht ihr immer noch nicht? Ist denn euer Herz verstockt? 
18 Habt ihr denn keine Augen, um zu sehen, und keine Ohren, um zu hören? Erinnert ihr euch nicht: 
19 Als ich die fünf Brote für die Fünftausend brach, wie viele Körbe voll Brotstücke habt ihr da aufgehoben? Sie antworteten ihm: Zwölf. 
20 Und als ich die sieben Brote für die Viertausend brach, wie viele Körbe voll habt ihr da aufgehoben? Sie antworteten: Sieben. 
21 Da sagte er zu ihnen: Versteht ihr immer noch nicht?

Gestern hatte Jesus einen kurzen Aufenthalt in Dalmanuta, der vorzeitig abgebrochen wurde aufgrund der verstockten Pharisäer. Jesus stieg zurück ins Boot und fuhr wieder zurück zum anderen Ufer. Vielleicht liegt es an der unerwarteten Rückfahrt, jedenfalls vergessen die Jünger, Proviant mit ins Boot zu nehmen, als sie sich auf den Rückweg machen. Nun haben sie nur ein einziges Brot mit an Bord. Jesus nimmt dies zum Anlass, ihnen etwas zu erklären. Oft greift er Bilder auf, mit denen seine Jünger etwas anfangen können und die gerade aktuell sind. Deshalb spricht er über den Sauerteig der Pharisäer. Jesus warnt die Jünger vor der Selbstgerechtigkeit und der Einstellung der Pharisäer, die sich nichts mehr erklären lassen. Sie denken, sie wüssten schon alles. Das Bild des Sauerteigs ist dabei besonders passend, denn man mischt Sauerteig ungesäuertem Teig unter. Wenn man es so stehen lässt, wird der gesamte Teig durchgesäuert. Ebenso nennt er Herodes als Sauerteig, der ebenfalls falsche Einstellung vertritt. Die Jünger sollen sich davor hüten, weil sie Teil des ungesäuerten Teigs sind. Sie sollen sich nicht beeinflussen lassen von diesen falschen Einstellungen und Lehren, damit sie nicht auch so werden. Jesus kommt ihnen schon so entgegen und wendet dieses Bild an, doch sie verstehen überhaupt, wovon er spricht. Stattdessen machen sie sich Gedanken wegen des fehlenden Proviants.
Deshalb tadelt Jesus sie und fragt: „Was macht ihr euch Gedanken, dass ihr keine Brote habt? Begreift und versteht ihr immer noch nicht? Ist denn euer Herz verstockt?“ Jesus stellt ihnen zwar solche Fragen, kennt die Antwort aber schon. Er tut es, um sie wachzurütteln. Er möchte ihnen damit sagen, dass sie sich gerade genauso verhalten wie die Pharisäer, wegen denen sie wieder zurückfahren müssen. Sie sind verstockt und lassen Jesu entscheidenden Worte an sich abprallen. Die Verbform für die Verstockung ist das Partizip πεπωρωμένην. Das Verb wird ist dasselbe, das für die Pharisäer und Schriftgelehrten immer wieder verwendet wird, um die Herzenshärte auszudrücken. Verstockte sind diejenigen, die das Evangelium Jesu Christi nicht an ihr Herz heranlassen. Das Herz der Jünger hier hängt an dem leiblichen Wohl und nicht am Wesentlichen.
Die nicht verstockte Haltung drückt Jesus hier wieder aus wie an anderer Stelle: Ohren zu hören und Augen zu sehen. Er wirft ihnen vor, gar nicht richtig hinzusehen und hinzuhören auf das, was Jesus ihnen sagen will.
Er wirft ihnen vor, dass sie aus Jesus wunderbaren Speisungen nichts gelernt haben. Vor ihren Augen geschahen solch spektakuläre Wunder und Gott ließ sie ganze zwölf und ganze sieben Körbe voll Reste einsammeln, um ihnen die Fülle seines Überflusses zu verdeutlichen. Und doch lernen sie daraus nichts für ihre eigene Situation. Hätten sie daraus gelernt, würden sie jetzt auf die Vorsehung Gottes vertrauen und dass Jesus auch in ihrer Situation ein Wunder wirken kann.
Deshalb schließt Jesus das Gespräch heute auch mit der Frage: „Versteht ihr immer noch nicht?“ Sie haben dieselbe Lektion schließlich mehrmals erhalten.

Was Jakobus heute erklärt hat, vergessen die Jünger im Boot: Alles Gute kommt von oben und wir werden von Gott so reich beschenkt, dass die Begierde sinnlos ist. Gott gibt alles, was wir brauchen. Er gibt im Falle der Jünger Jesu im Boot auch genügend Proviant, damit sie nicht hungern müssen. Sich dennoch Sorgen zu machen, entspringt derselben Fehlannahme wie die Habgier oder andere Formen von Begierde: dem Misstrauen gegenüber Gott. Er ist es doch, dem die Jünger ganz und gar vertrauen können so auch wir Gott vertrauen können. Wo Misstrauen beginnt, da beginnt der Weg der Sünde. Deshalb ist es auch so wichtig, das mangelnde Gottvertrauen zu beichten. Wo wir nicht an seine Allmacht glauben, entspringen viele weitere Sünden, nicht nur die der Begierde. Am schlimmsten ist es, wenn wir nicht an seine Barmherzigkeit glauben, weil wir uns selbst die Vergebung vorenthalten (Sünde gegen den Hl. Geist). Unterschätzen wir Gottes Großzügigkeit nicht und glauben wir wirklich an seine gute Vorsehung. Lassen wir uns dabei auch nicht von den schmerzhaften Erfahrungen im Leben in die Irre führen.

Ihre Magstrauss

Freitag der 3. Woche im Jahreskreis

2 Sam 11,1-4a.c.5-10a.13-17; Ps 51,3-4.5-6b.6c.-7.10-11; Mk 4,26-34

2 Sam 11
1 Um die Jahreswende, zu der Zeit, in der die Könige in den Krieg ziehen, schickte David Joab mit seinen Knechten und ganz Israel aus und sie verwüsteten das Land der Ammoniter und belagerten Rabba. David selbst aber blieb in Jerusalem. 

2 Als David einmal zur Abendzeit von seinem Lager aufstand und auf dem Flachdach des Königspalastes hin- und herging, sah er von dort aus eine Frau, die badete. Die Frau war sehr schön anzusehen.
3 David schickte jemand hin, erkundigte sich nach ihr und sagte: Ist das nicht Batseba, die Tochter Ammiëls, die Frau des Hetiters Urija? 
4 Darauf schickte David Boten zu ihr und ließ sie holen. Dann kehrte sie in ihr Haus zurück.
5 Die Frau war aber schwanger geworden und schickte deshalb zu David und ließ ihm mitteilen: Ich bin schwanger. 
6 Darauf sandte David zu Joab und ließ ihm sagen: Schick den Hetiter Urija zu mir! Und Joab schickte Urija zu David. 
7 Als Urija zu ihm kam, fragte David, ob es Joab und dem Volk gut gehe und wie es mit dem Kampf stehe. 
8 Dann sagte er zu Urija: Geh in dein Haus hinab und wasch dir die Füße! Urija verließ das Haus des Königs und es wurde ihm ein Geschenk des Königs nachgetragen. 
9 Urija aber legte sich am Tor des Königshauses bei den Knechten seines Herrn nieder und ging nicht in sein Haus hinab. 
10 Man berichtete David: Urija ist nicht in sein Haus hinabgegangen.
13 David lud ihn ein, bei ihm zu essen und zu trinken, und machte ihn betrunken. Am Abend aber ging Urija weg, um sich wieder auf seinem Lager bei den Knechten seines Herrn niederzulegen; er ging nicht in sein Haus hinab. 
14 Am anderen Morgen schrieb David einen Brief an Joab und ließ ihn durch Urija überbringen. 
15 Er schrieb in dem Brief: Stellt Urija nach vorn, wo der Kampf am heftigsten ist, dann zieht euch von ihm zurück, sodass er getroffen wird und den Tod findet! 
16 Joab hatte die Stadt beobachtet und er stellte Urija an einen Platz, von dem er wusste, dass dort besonders tüchtige Krieger standen. 
17 Als dann die Leute aus der Stadt einen Ausfall machten und gegen Joab kämpften, fielen einige vom Volk, das heißt von den Kriegern Davids; auch der Hetiter Urija fand den Tod.

Heute lesen wir schließlich von dem, was ich die letzten Tage immer wieder angekündigt habe: von dem größten Fehltritt Davids in seinem Leben.
An seinem Beispiel sehen wir, wie eine Sünde gleich mehrere andere Sünden nach sich zieht. Wir lesen auch, wie Begierde funktioniert, wie sie den moralischen Tod bringt.
Alles beginnt mit einem Abendspaziergang auf dem Dach. König David läuft auf dem Flachdach seines Palastes auf und ab. Dabei sieht er, wie eine Frau sich badet. Er sieht sie. Die richtige Reaktion darauf wäre gewesen, direkt wieder wegzuschauen. Er konnte ja nicht ahnen, dass er so etwas zu Gesicht bekommen würde. Durch das Sehen der Augen wird sehr schnell die Begierde im Herzen entfacht. Deshalb ist das Wegschauen die gesunde schamhafte Reaktion. Im Garten Eden war es noch so, dass Adam und Eva sich voreinander nicht schämen mussten, obwohl sie nackt waren. Die Begierde war auch noch nicht in ihren Herzen, sodass die Scham als Schutzmechanismus noch nicht notwendig war. Nun ist es aber König David, ein Mensch, der mit der Erbsünde des ersten Menschenpaares belastet ist. Er schaut nicht weg. Er erkundigt sich sogar, wer diese Frau ist. Er lässt zu, dass die Begierde in seinem Herzen die Oberhand gewinnt. Die bösen Gedanken, die in ihm aufkeimen, werden zur Sprache gebracht. Er möchte ihre Identität wissen und lässt schließlich nach ihr rufen. Letztendlich setzt er seine bösen Absichten in die Tat um und begeht mit ihr Ehebruch. So funktioniert die Sünde in jedem Menschen. Zuerst wird der Mensch durch seine Sinne oder andere Faktoren getriggert. Dies nennen wir Versuchung. Das geschieht tagtäglich und ist noch nichts Verwerfliches. Dies wird sie erst dadurch, dass man sie nicht direkt ausmerzt oder ablehnt. David schaut nicht weg. Er starrt die Frau an, denn es heißt „die Frau war sehr schön anzusehen“. Er schaut zumindest so lange hin, dass er trotz der Tageszeit etwas Genaueres über ihr Aussehen sagen kann. Er lässt zu, dass die Versuchung ihn besiegt. Er lässt die bösen Gedanken zu. Wenn uns irgendetwas Sündiges in den Sinn kommt, sollen wir den Gedanken abstreifen. Das ist die richtige Reaktion auf die Versuchung. Denn nur so verhindern wir, dass die Gedanken zu Worten werden und die Worte dann schließlich zur Tat übergehen. David lässt es aber zu. Noch mehr. Er erkundigt sich nach ihr. Spätestens jetzt sollte er von alledem die Finger lassen, denn er weiß jetzt erstens, dass sie verheiratet ist, zweitens dass sie keine Israelitin ist. Zumindest ist Urija, ihr Mann, ein Hethiter. Die Hethiter wiederum glauben an tausende Götter und nehmen den Gott Israels nicht an. Spätestens jetzt hätte David einen Schlussstrich ziehen müssen. Aber nein, mit seinem erlangten Wissen setzt er dennoch die böse Tat um, er holt sie zu sich und schläft mit ihr. Was er begeht, ist eine der schwersten Todsünden. Er weiß genau, dass seine Tat eine Sünde gegen das sechste Gebot ist, er tut es in vollem Wissen, nicht spontan, sondern vorbereitet, er tut es freiwillig. Alle klassischen Kriterien für eine Todsünde sind in seinem Fall gegeben. Das Hinterhältige an der Tat ist noch, dass er die Situation ausnutzt, dass Urija gerade gegen die Ammoniter kämpft.
Nach dem Ehebruch entlässt er sie nach Hause, als wäre nichts gewesen.
Sünden haben immer Konsequenzen. Je schwerwiegender sie sind, desto mehr Sünden ziehen sie wiederum nach sich. Batseba wird schwanger. Davids unverantwortliche Tat kann nicht mehr verborgen bleiben. Spätestens jetzt hätte er sich entscheiden müssen, die Sünde zu gestehen und alles aufzuklären. Aber nein, er denkt sich eine Intrige aus, um seine Tat weiterhin zu verdecken. Als Urija von der Schlacht zurückkehrt, macht er ihn betrunken. Er erhofft sich, dass er nach Hause gehen und mit seiner Frau schlafen würde. So würde ihre Schwangerschaft auf ihn selbst zurückgeführt werden. Doch Urija ist zu gottesfürchtig. Das ist übrigens sehr bemerkenswert. Als Hetiter respektiert er die Bundeslade so sehr, dass er ihr zuliebe nicht nach Hause geht. Diese muss nämlich unter freiem Himmel stehen. Sehr ironisch und für uns Hörer noch schmerzhafter. Dieser arme Mann hat es nicht verdient, so einer Intrige anheim zu fallen!
Davids Plan scheitert an der Gottesfurcht eines Hetiters. Kurzerhand muss er umdisponieren und entschließt sich zu einer noch größeren Katastrophe. Er will es darauf anlegen lassen, dass Urija im Krieg ganz sicher fällt. Er verfasst sogar einen Brief an den Feldherrn Joab, indem er ihm aufträgt, Urija an die Spitze zu stellen und ihm im hitzigen Gefecht nicht zu helfen, sodass er stirbt. Das ist eine weitere sehr schwerwiegende Sünde. Man kann es sogar (Auftrags-)Mord nennen, weil es ein sorgfältig vorbereitetes Tötungsdelikt ist. Auch hier erfüllt David alle Kriterien für eine Todsünde. Er kennt die zehn Gebote und tut sie dennoch. Er tut es auch freiwillig, denn Batseba setzt ihm keine „Pistole auf die Brust“. Er zieht auch nicht die Möglichkeit in Betracht, seine Sünde einfach einzugestehen. Gott hat ihm ja die Chance gegeben, indem er die Schwangerschaft Batsebas zugelassen hat.
Urija stirbt und David nimmt dessen Frau offiziell zur Frau. Ich spoilere jetzt einfach mal: Das Kind wird leider sterben. David und Batseba werden aber noch ein weiteres Kind bekommen und dieses wird Gott zu seinem Werkzeug machen – Salomo. Wir sehen also, dass Gott selbst auf krummen Seiten gerade schreiben kann. Gott benutzt unsere armselige sündhafte Natur und kann alles zu Gold wandeln.
Was David heute gemacht hat, ist sehr schrecklich. Er hat nicht nur eine Todsünde begangen, sondern gleich mehrere. Er hat intrigant gehandelt und somit mehrfach gegen das achte Gebot verstoßen (du sollst nicht lügen). Der Ehebruch und der Mord haben ihn in einen tiefen Abgrund gezogen.
Gott wird sich das nicht gefallen lassen. Er wird ihn durch den Propheten Natan konfrontieren und David wird von Herzen bereuen, was er getan hat. Das ist das Entscheidende, weshalb Gott ihn als König nicht verwerfen wird. Gott ist treu und David, möge die Sünde noch so groß sein, liebt Gott. Er hat sich von seiner Begierde leiten lassen, aber im Nachhinein hat er es abgrundtief bereut. An dieser Geschichte sehen wir, dass Gott uns alles vergeben möchte, wenn wir wirklich aufrichtig bereuen, umkehren und uns vornehmen, die Sünden nicht mehr zu tun.

Ps 51
3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! 
4 Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde! 
5 Denn ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen.
6 Gegen dich allein habe ich gesündigt, ich habe getan, was böse ist in deinen Augen. So behältst du recht mit deinem Urteilsspruch, lauter stehst du da als Richter.
7 Siehe, in Schuld bin ich geboren und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen.
10 Lass mich Entzücken und Freude hören! Jubeln sollen die Glieder, die du zerschlagen hast. 
11 Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden, tilge alle Schuld, mit der ich beladen bin! 

Der Psalm 51 eröffnet uns Davids Herz, das durch und durch von Reue erfüllt ist. Er betet „Gott, sei mir gnädig“. Er vertraut auf die Barmherzigkeit Gottes, obwohl er so schlimme Dinge getan hat. Er glaubt, dass Gottes Liebe größer ist als seine schlimmsten Sünden. Er bittet den Herrn, dass er in seiner Barmherzigkeit seine Sünden tilgt, dass er seine Schuld abwasche. Er bekennt seine Sünden und ist sich ihrer stets bewusst. Er vergisst zeitlebens nie, was er Gott und den Menschen angetan hat.
Er bekennt und das ist für uns genau die vorbildliche Haltung: Wenn wir gesündigt haben, möchte Gott uns mit seiner Barmherzigkeit umfangen. Wie der verlorene Sohn können wir jederzeit zum Vater zurückkehren. Mit welcher Haltung? Wir zeigen unsere tiefe Reue und bekennen, was wir Böses getan haben. Der Vater weiß es schon längst, aber wir sollen es mit eigenen Worten kundtun, uns und ihm eingestehen, was wir getan haben. Dies tun wir Katholiken im Beichtsakrament. Durch den Priester vergibt uns Jesus dann, er tilgt unsere Sünden, er wäscht uns rein in seiner Barmherzigkeit. Wir bekunden vor ihm, dass wir uns von Herzen vornehmen, von nun an anders zu leben und diese Sünden nicht mehr zu tun. Wir signalisieren ihm, dass wir die Sünden auch wieder gut machen.
David bekennt seine Sünden, er weiß, dass er vor Gott gesündigt hat. Er versteht sich mit diesem Gebet vor Gott dem gerechten Richter und klagt sich selbst an.
Dann kommt etwas Bemerkenswertes in Vers 7. „In Schuld bin ich geboren und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen.“ Als Worte Davids ist dies nicht zu erklären, denn von seiner Herkunft wissen wir nichts über sündhafte Beziehungen. Er ist kein uneheliches Kind. Man könnte diese Worte eher verstehen, wenn sie aus dem Mund des Salomo ertönen würden.
Wir müssen den geistigen Sinn mit einbeziehen: Es ist eine gesamtmenschliche Beobachtung, die er hier zum Ausdruck bringt: Menschen sündigen. Sie sind schon im Zustand der Sünde empfangen worden. Das heißt, nicht die Empfängnis selbst ist Sünde, so als ob der Akt sündhaft wäre, sondern gemeint ist „im Zustand der Sünde“. Und dies ist sowohl auf die Mutter Davids zu beziehen als auch auf das gezeugte Kind David. Was er hier ausdrückt, nennen wir theologisch die Erbsünde. Der Mensch wird schon als gefallene Natur gezeugt, ohne dass er etwas dafür kann. Er ist schon zerbrochen, bevor er geboren wird. Es ist wie ein Virus, das alle Menschen im Griff hat. Er möchte damit sagen: „Herr, du weißt, dass es wie eine weitverbreitete Epidemie ist, dass Menschen nicht tun, was sie wollen, und tun, was sie nicht wollen.“ David wird sich selbst im Nachhinein fremd vorkommen und nicht wiedererkennen. Das ist, was Paulus in Röm 7,19 beschreibt.
David sagt dies nicht, um eine Ausrede für seine Sünden zu haben, sondern er klagt Gott diese allmenschliche Sündhaftigkeit, weil sie ihn belastet. Er hält Gott immer alles hin, was ihn beschäftigt. So haben wir bis heute einen Einblick dessen, was dieser Mensch gedacht und geglaubt hat.
Er sehnt sich nach Versöhnung mit Gott. Er hat sich bei ihm entschuldigt und um Verzeihung gebeten. Er weiß, dass es nun an Gott ist, ihm die Schuld zu vergeben. Deshalb bittet er ihn um „Entzücken und Freude“. Er möchte sozusagen zurück in den Stand der Gnade. Anstatt an seiner Sünde zu zerbrechen, möchte er Gott loben und preisen, wie er ist („jubeln sollen die Glieder, die du zerschlagen hast“).
Der letzte Vers drückt aus, was im Buch der Sprichwörter steht und sowohl der erste Petrusbrief als auch der Jakobusbrief aufgreifen: „Die Liebe deckt viele Sünden zu.“ (Spr 10,12; Jk 5,20; 1 Petr 4,8). Er möchte nicht, dass Gott „ein Auge zudrückt“, um sich vor den Konsequenzen seiner Sünde zu drücken. Er hat sie klar bekannt und nichts beschönigt. Gott hat ihn auch dafür zur Rechenschaft gezogen. Er hat schon seine Strafe bekommen und würde seine Vergehen ein Leben lang nicht vergessen. Was er möchte, ist Gottes Vergebung. Er möchte zur früheren, innigen Beziehung zu Gott zurückkehren. So sollen wir beten: Ganz klar unsere Sünden erkennen und zugeben, sie bereuen und vornehmen, sie nie mehr zu tun. Und doch dürfen und sollen wir Gottes Barmherzigkeit annehmen. Wir dürfen glauben, dass Gott uns alles vergibt, was wir bereuen. Gott „löscht“ diese Vergehen auch aus seinem „Gedächtnis“, auch wenn wir den entstandenen Schaden noch begleichen müssen. Von Exorzismen wissen wir, dass Dämonen die Anwesenden gerne bloßstellen, indem sie ihnen ihre Sünden vor allen Leuten aufsagen. Sie können dabei aber nur das ansprechen, was noch nicht gebeichtet ist. Alles Gebeichtete ist weg. Auch Gott wird uns keine der Sünden vorhalten, die schon gebeichtet und gesühnt ist. So groß ist Gottes Barmherzigkeit, dass er das gar nicht einmal mehr thematisiert, was komplett versöhnt ist. Und doch müssen wir aus unseren Vergehen Konsequenzen ziehen. Ein Heiliger meinte einmal zum Thema „Wie bleibe ich auf dem Boden und werde nicht überheblich?“: Man soll immer wieder an die schlimmste Sünde denken, die man jemals begangen hat. Dann wird man immer demütig bleiben. Von Petrus wissen wir ja, dass er Jesus verleumdet hat, ausgerechnet er, dem Jesus so sehr vertraut hat! Und er hat alles bereut und sein Leben lang nicht vergessen, was er getan hat. Warum? Nicht weil er der Barmherzigkeit Gottes nicht glauben wollte. Nicht weil er sich selbst nicht vergeben konnte. Sondern weil er seine eigene Schuldhaftigkeit, seine wahre Identität vor Gott nie vergessen wollte. In der Kunst wird Petrus deshalb sehr oft mit zwei Linien im Gesicht dargestellt: Es sind die Einkerbungen der abertausend Tränen, die er zeitlebens über die Verleumdung Jesu geweint hat. In dieser Hinsicht ist er mit König David sehr gut vergleichbar. Und wenn man Saul und David mit Petrus und Judas vergleicht, wird auch klar, was bei Gott entscheidend ist: Jeder Mensch fällt, sogar der vermeintlich beste. Entscheidend ist aber, dass er wieder aufsteht. David und Petrus haben dies getan. Saul und Judas nicht.

Mk 4
26 Er sagte: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; 
27 dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie. 
28 Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre. 
29 Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.
30 Er sagte: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? 
31 Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. 
32 Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, sodass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.
33 Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten. 
34 Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.

Im Evangelium hören wir heute weitere Gleichnisse, die das Reich Gottes umschreiben.
Zunächst hören wir vom Samen auf dem Acker. Es ist vergleichbar mit dem Gleichnis vom Sämann. Dieses landwirtschaftliche Bildfeld ist für die Zuhörer Jesu einfach sehr lebensnah und wird deshalb mehrfach verwendet.
Das Säen von Samen auf einen Acker ist das Säen des Wortes Gottes auf die Menschen. Der Mann ist in dieser Situation Jesus, der seine Verkündigung an die gekommenen Menschen richtet. Diese sind somit der Acker. Später werden Jesu Jünger zu den säenden Menschen und Jesu Testament wird der Same sein, den sie auf den Acker der ganzen Welt streuen. Wir können dieses Bild auch auf Gott übertragen. Er ist der säende Landwirt, der seinen Sohn, das fleischgewordene Wort Gottes auf die Erde sät, damit er Frucht bringe in der Welt, die der Acker ist. So bricht das Reich Gottes auf dem Acker an. Dabei muss das Korn sterben, damit es reiche Frucht bringt. Es könnte also schon als Passionsbild gedeutet werden: Gott hat seinen einzigen Sohn für uns, den Acker hingegeben, damit wir gerettet werden. Jesus ist ja das Reich Gottes in Person. Es ist auch moralisch deutbar: Wir alle werden so zu säenden Menschen. Was wir säen, wächst, entwickelt sich und trägt Früchte, ohne dass wir nach dem Säen den weiteren Verlauf beeinflussen können. Die Früchte, die wir ernten, können dabei gut oder schlecht sein. Nicht umsonst heißt es, „ernten, was wir säen“. Das Wort, das wir zu anderen sprechen, kann so vieles bewirken – sowohl Gutes als auch Schlechtes. Was wir Gutes säen und was sich vermehrt, ist der Aufbau des Reiches Gottes. Schließlich ist es anagogisch zu deuten: Gott sät uns in diese Welt, die der Acker ist. Am Ende wird er uns ernten und je nachdem, ob wir gute oder schlechte Früchte geworden sind, trägt er uns in die Scheune oder ins Feuer. Die Sammlung der guten Früchte und das Erntefest, das nun gefeiert werden kann mit diesen Früchten, ist das Reich Gottes, das Himmelreich. Das Bild der Ernte ist in der Bibel oft eine Metapher für die Endzeit.
In der Evangelisierung ist es oft so, dass wir den Anfang machen, aber den weiteren Verlauf nicht mehr mitbekommen. Vielleicht erfahren wir noch von den Früchten, vielleicht aber auch nicht. Ich habe viele solcher Fälle erlebt. Da hat man eine Bemerkung gemacht oder ein kurzes Wort mit jemandem gesprochen und nicht geahnt, wie viel es bei dem Anderen ins Rollen gebracht hat. Eine lange Zeit später hat man diese Person wieder getroffen und sie ist ein ganz anderer Mensch geworden – ein brennender Christ. Wie es sich in der Zwischenzeit entwickelt hat, hat man nicht mitbekommen.
Ab Vers 30 bringt Jesus dann ein weiteres Gleichnis aus dem landwirtschaftlichen Bereich. Das Reich Gottes ist wie ein Senfkorn. Sie werden ein solches vielleicht schon einmal in Händen gehalten haben. Es ist wirklich sehr klein und steht im Gegensatz zu der imposanten Größe der ausgewachsenen Staude, das anderen Lebewesen noch Schatten bietet. Mit diesem Bild möchte Jesus verdeutlichen, dass seine Verkündigung alles andere als imposant beginnt. Er ist zunächst allein, die ersten Jünger sind seine Eltern. Dann kommen nach und nach Menschen hinzu. Die Art und Weise, wie Jesus verkündet, ist schlicht und unkompliziert. Sein Kommen in diese Welt ist schon so unscheinbar gewesen, dass Herodes bei der Erwähnung seiner Geburt aus allen Wolken gefallen ist. Jesus wurde in einem armen Stall geboren. Der große Gott hat sich so klein gemacht, dass er als bedürftiges Baby den Menschen erschienen ist! Wenn das keine Senfkorn-Mentalität ist, was dann? Jesus ist nicht mit Pomp gekommen, er hat seine Verkündigung auch nicht spektakulär betrieben. Er kam einfach zum Jordan und stellte sich zu den anderen Menschen. Johannes sagte sogar: „Unter euch steht einer, den ihr nicht kennt.“ Er ging zu einzelnen Menschen und sagte „komm und folge mir nach“. Wer ihn ansprach, den nahm er kurzerhand mit nach Hause. Mit dieser Schlichtheit und Demut sollen auch seine Jünger evangelisieren. So ist auch das Christentum im ganzen Römischen Reich verbreitet worden. Es war ein Erzählen von Jesus Christus zwischen Tür und Angel, oft waren es Soldaten, Kaufmänner, Sklaven. Es war eine Weitergabe von Mensch zu Mensch, ganz unscheinbar. Und es ist so herangewachsen, dass es im 4. Jh. zur Staatsreligion im Römischen Reich geworden ist! Bis heute ist es die weltweit größte Religion der Welt mit den meisten Mitgliedern. Es ist wirklich zu einer riesigen Senfpflanze geworden. Was mit ein paar Jüngern begann, ist jetzt zur Weltreligion geworden. Das Evangelium von Jesus Christus ist wirklich bis an die Enden der Welt gekommen.

Ihre Magstrauss

Freitag der 1. Woche im Jahreskreis

1 Sam 8, 4-7.10-22a; Ps 89,16-17.18-19; Mk 2, 1-12

1 Sam 8
4 Deshalb versammelten sich alle Ältesten Israels und gingen zu Samuel nach Rama. 
5 Sie sagten zu ihm: Du bist nun alt und deine Söhne gehen nicht auf deinen Wegen. Darum setze jetzt einen König bei uns ein, der uns regieren soll, wie es bei allen Völkern der Fall ist! 
6 Aber Samuel missfiel es, dass sie sagten: Gib uns einen König, der uns regieren soll! Samuel betete deshalb zum HERRN 
7 und der HERR sagte zu Samuel: Hör auf die Stimme des Volkes in allem, was sie zu dir sagen! Denn nicht dich haben sie verworfen, sondern mich haben sie verworfen: Ich soll nicht mehr ihr König sein. 
10 Samuel teilte dem Volk, das einen König von ihm verlangte, alle Worte des HERRN mit. 
11 Er sagte: Das werden die Rechte des Königs sein, der über euch herrschen wird: Er wird eure Söhne holen und sie für sich bei seinen Wagen und seinen Pferden verwenden und sie werden vor seinem Wagen herlaufen.
12 Er wird sie zu Obersten über Tausend und zu Führern über Fünfzig machen. Sie müssen sein Ackerland pflügen und seine Ernte einbringen. Sie müssen seine Kriegsgeräte und die Ausrüstung seiner Streitwagen anfertigen.

13 Eure Töchter wird er holen, damit sie ihm Salben zubereiten und kochen und backen. 
14 Eure besten Felder, Weinberge und Ölbäume wird er euch wegnehmen und seinen Beamten geben. 
15 Von euren Äckern und euren Weinbergen wird er den Zehnten erheben und ihn seinen Höflingen und Beamten geben. 
16 Eure Knechte und Mägde, eure besten jungen Leute und eure Esel wird er holen und für sich arbeiten lassen. 
17 Von euren Schafherden wird er den Zehnten erheben. Ihr selber werdet seine Sklaven sein. 
18 An jenem Tag werdet ihr wegen des Königs, den ihr euch erwählt habt, um Hilfe schreien, aber der HERR wird euch an jenem Tag nicht antworten. 
19 Doch das Volk wollte nicht auf Samuel hören, sondern sagte: Nein, ein König soll über uns herrschen. 
20 Auch wir wollen wie alle anderen Völker sein. Unser König soll uns Recht sprechen, er soll vor uns herziehen und soll unsere Kriege führen. 
21 Samuel hörte alles an, was das Volk sagte, und trug es dem HERRN vor. 
22 Und der HERR sagte zu Samuel: Hör auf ihre Stimme und setz ihnen einen König ein!

Heute hören wir ein weiteres Indiz, das uns das gestrige Leiden der Israeliten besser verstehen lässt. Gestern habe ich ja schon darüber gesprochen, dass wir das große Bild, den gesamten Heilsplan nicht auf einmal sehen können und deshalb oft nicht verstehen, wenn in unserem Leben schlimme Dinge passieren. Heute lesen wir davon, dass ein König für alle zwölf Stämme Israels vonnöten wird. Bisher haben Richter die zwölf Stämme regiert. Samuel ist zwar Prophet, also mit dem heiligen Geist begabt, aber er fungiert auch als Richter.
Irgendwann ist er sehr alt geworden und übergibt sein Amt den beiden Söhnen Joel und Abija. Diese beiden sind aber sehr korrupt, also alles andere als gerechte Richter. Sie lassen sich bestechen und brechen selbst die Gesetze. Aufgrund dessen kommt nun, was wir in der heutigen Lesung hören: Die Ältesten Israels beschweren sich bei Samuel und bitten ihn um die Salbung eines Königs, der ganz Israel beherrschen soll.
Bis dato ist wie gesagt ein Richter bestellt worden. Warum eigentlich gibt es so lange keinen König? Das ist alles im Plan Gottes und wir hören heute, dass dieser einen irdischen König bewusst nicht eingesetzt hat. Er wollte, dass die Israeliten ihn selbst als König anerkennen. Das ist aber gescheitert („Ich soll nicht mehr ihr König sein“). Einen gemeinsamen Herrscher zu fordern ist zunächst nichts Verwerfliches. Was sie aber hier durchblicken lassen, ist ihr Seinwollen wie die anderen Völker (Vers 5 „wie es bei allen Völkern der Fall ist“). Sie vergessen, dass sie ein auserwähltes Volk sind, das eben anders ist als die „Völker“ (הַגֹּויִֽם haggojim, die heidnischen Völker). Sie wollen dabei auch nicht Gottes Willen befragen, sondern sagen: „Gib uns einen König“, so als ob Samuel dies entscheiden könne. Ein König für das auserwählte Volk muss von Gott gewollt, berufen und eingesetzt sein. Sonst bringt auch die Salbung Samuels nichts.
Der Prophet hält Zwiesprache mit Gott und dieser entgegnet ihm, den Israeliten ihren Wunsch zu erfüllen (Gott wird durch ihn tatsächlich jemanden zum König salben). Sie werden einen König bekommen, der aber zum Tyrann wird. Es wird kein König „in Gottes Gnaden“ sein, sondern den Israeliten eine Lehre. „Wer nicht hören will, muss fühlen“ kündigt Samuel den Ältesten ganz deutlich an. Er warnt sie vor, dass sie Gott in seinem Heilsplan nicht unter die Arme greifen sollen. Er zählt viele Missstände auf, die sie erwarten wird (von Enteignung bis zur Sklaverei). Sie werden dann zu Gott schreien, aber er wird nicht eingreifen, denn SIE HABEN ES SICH SELBST EINGEBROCKT TROTZ DER WARNUNG. Es ist ihre FREIE ENTSCHEIDUNG, deren KONSEQUENZEN sie dann tragen werden.
Die Israeliten lässt es kalt und sie bleiben dabei: „Nein, ein König soll über uns herrschen. Auch wir wollen wie alle anderen Völker sein.“ Ihnen ist wichtiger, mit den umliegenden Völkern mithalten zu können. Ihnen ist wichtiger, was die anderen Völker von ihnen halten, als wie sie vor Gott dastehen.
Samuel hört auf sie. Das wird weitreichende Konsequenzen haben. Sie werden König Saul bekommen.
Diese Geschichte ist wieder einmal aktuell. Wie oft wollen wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen, weil uns Gott zu langsam ist. Dann stürzen wir uns in ein Abenteuer, das vorne und hinten nicht passt, uns von Gott wegführt und uns total unglücklich macht. Ich denke an so manche Beispiele in meinem Umfeld, die auf diese Weise bei der Suche nach einem Ehepartner kläglich gescheitert sind. Besagte Personen hatten es satt zu warten, bis Gott ihnen den richtigen Partner an die Seite stellt, und suchten sich selbst jemanden aus. Diese Partner waren aber überhaupt nicht für sie gemacht und doch heirateten sie sie. Ihnen war wichtiger, nicht mehr blöd dazustehen so als Single, als nach Gottes wunderbarem Heilsplan für sich zu fragen. So begannen sie ein unglückliches Eheleben und müssen nun ihr selbstgemachtes Kreuz tragen. Es war ihre freie Entscheidung.
Und so ist es auch mit den Israeliten zur Zeit Jesu. Sie wählen lieber Barabbas als Jesus – Bar abbas „Sohn des Vaters“, einen Gegenmessias, der lieber mit politischen Mitteln, mit Gewalt und aus eigener Kraft die Befreiung aus der „Knechtschaft“ der Römer erzwingen wollte. Sie fragten nicht nach Gottes Willen, sondern richteten sich nach ihrem eigenen Willen. Doch das Schöne ist: Auch dann kann Gott aus dem Fehler etwas Heilsames machen. Er kann eine schlechte Ehe zu einer guten Ehe erwachsen lassen, in der im Nachhinein eine Berufung entsteht. Er nimmt die Ablehnung der Juden am Karfreitag zum Anlass, die ganze Welt zu erlösen. Er nimmt auch die Meuterei der Israeliten bei Samuel zum Anlass, den wahren König vorzubereiten, nämlich König David. Wichtig ist, dann wirklich umzukehren. Denn das sind Zeiten der Gnade.

Ps 89
16 Selig das Volk, das den Jubelruf kennt, HERR, sie gehen im Licht deines Angesichts. 
17 Sie freuen sich allezeit über deinen Namen und sie jubeln über deine Gerechtigkeit. 
18 Denn du bist ihre Schönheit und Stärke, du erhöhst unsre Kraft in deiner Güte. 
19 Ja, dem HERRN gehört unser Schild, dem Heiligen Israels unser König. 

Der heutige Psalm greift das Königtum Gottes auf. Wir beten, dass das auserwählte Volk (הָ֭עָם ha’am) sich freuen kann, das den Jubelruf kennt (תְרוּעָה teru’ah heißt auch „Kriegsgeschrei“). „Im Licht deines Angesichts“ ist eine Umschreibung für den Stand der Gnade. Das auserwählte Volk hat den Segen Gottes, wenn es ihn stets lobt und preist, in seinem Namen jauchzt und Gottes Gerechtigkeit anerkennt. Das tun die Israeliten in der heutigen Lesung gerade nicht. Sie sind unzufrieden mit Gottes Wirken, weil er ihnen die ganze Zeit keinen menschlichen König an die Seite stellt. Sie wandeln nicht im „Licht seines Angesichts“, sondern nehmen die heidnischen Völker zum Vorbild. Sie loben und preisen nicht, sondern beschweren sich.
Dabei ist Gott „ihre Schönheit und Stärke“. Sie wollen einen König schließlich, damit dieser im Krieg vor ihnen herzieht. Die Macht und Stärke, die sie brauchen, speist sich aber aus der Gnade Gottes, die sie ablehnen. Sie verstehen das nicht. Hier im Psalm wird dies im Vers 18 deutlich gesagt: Schönheit, Stärke und Kraft kommen von Gott. Es ist also entscheidend, im Stand seiner Gnade zu sein, um all das zu erlangen, was sie sich wünschen. Er ist dann ihr „Schild“, ihre Verteidigung, weil ER ihr König ist.
Gott soll der Herrscher auch in unserem Leben sein. Wo wir seinen Geboten nicht folgen, begeben wir uns jenseits des Gnadenstroms, und zwar von uns aus, freiwillig. Er hat nur Pläne des Heils für uns, weshalb wir ihm ruhig vertrauen dürfen. Seine Gebote sind da, um uns zu befreien, nicht um uns einzuschränken. Aber auch wir kümmern uns mehr darum, was andere denken.
Dieser Gefahr ist auch die Kirche von heute ausgesetzt: Oft schauen wir in der Pastoral darauf, was die Menschen wollen, nicht darauf, was Gott will. Das hat Jesus schon damals aufs Schärfste verurteilt und zu Petrus gesagt: „Hinweg mit dir Satan, denn du hast nicht im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“
Wir lesen im letzten Vers noch einen Hinweis, der messianische Bedeutung hat: der Titel „der Heilige Israels“. Dieser wird nämlich von den Dämonen aufgegriffen, wenn sie in Exorzismussituationen Jesu messianische Identität preisgeben. Jesus ist Gott und deshalb erhält er denselben Titel wie Gott Vater.

Mk 2
1 Als er nach einigen Tagen wieder nach Kafarnaum hineinging, wurde bekannt, dass er im Hause war. 

2 Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort. 
3 Da brachte man einen Gelähmten zu ihm, von vier Männern getragen. 
4 Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen die Decke durch und ließen den Gelähmten auf seiner Liege durch die Öffnung hinab. 
5 Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! 
6 Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten in ihrem Herzen: 
7 Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott? 
8 Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr in euren Herzen? 
9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben! oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Liege und geh umher? 
10 Damit ihr aber erkennt, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben – sagte er zu dem Gelähmten: 
11 Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Liege und geh nach Hause! 
12 Er stand sofort auf, nahm seine Liege und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle in Staunen; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen.

Jesus zieht durch ganz Galiläa. So endete das gestrige Evangelium. Heute kehrt er nach Kafarnaum zurück. Es scheint eine Art „Basis“ in der Galiläamission zu sein. Die Menschen erfahren davon und versammeln sich erneut um seinen Aufenthaltsort. Dieser bleibt unbestimmt, aber wir können vermuten, dass es wieder das Haus des Petrus ist.
Es sind so viele Menschen anwesend, dass sie gar nicht ins Haus passen. Sie versammeln sich um das Haus, um „das Wort“ zu hören, das Jesus ihnen verkündet. Er selbst ist das fleischgewordene Wort, das vollständig umsetzt, was es verkündet.
Es ist so voll, dass man einen Gelähmten nebst Trage nicht durch die Tür bekommt. „Not macht erfinderisch“ und diese Menschen meinen es sehr ernst. Sie tun alles, um zu Jesus vorzudringen. Kurzerhand entfernen sie einen Teil des Daches, um Jesus zu erreichen. Sie unternehmen wirklich einiges, um zu Jesus kommen zu können. Dieser sieht, dass ihr Glaube groß ist.
Daraufhin sagt Jesus etwas Unerwartetes: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Die Anwesenden werden sehr irritiert reagiert haben. Erstens werden sie sich gewundert haben, warum Jesus einen Gelähmten nicht heilt, sondern über Sündenvergebung spricht, zweitens kann nur Gott die Sünden vergeben. Jesu Aussage ist also sehr provokativ.
Dementsprechend reagieren einige Schriftgelehrte auch mit Unmut und empfinden Jesu Worte als Blasphemie. Sie haben Jesu Gottheit nicht erkannt und reagieren deshalb so ablehnend. Jesus sieht ihr Herz und möchte sie lehren. Er erklärt ihnen, dass die Sündenvergebung schwieriger ist als die körperliche Heilung. Hier geht es um etwas Existenzielleres, nämlich um das ewige Leben.
Jesus möchte den Anwesenden zeigen, dass er der Messias ist, der Sünden vergeben kann. Er hat dazu die Vollmacht vom Vater erhalten. Dies ist wichtiger als alles andere, denn die Sünde schneidet uns von Gott ab, sodass wir das ewige Leben verlieren. Jesus geht es immer, wirklich immer zuerst um das Reich Gottes (so wie er es uns verkündet, lebt er es vor). Dann erst kommt als „Bonus“ körperliche Heilung – auch gerade dann, wenn diese vom seelischen Zustand des Betreffenden abhängt.
Jesus möchte diese Reihenfolge den Menschen verdeutlichen und heilt deshalb zunächst die Seele, die Gottesbeziehung des Gelähmten, und erst dann die Lähmung selbst.
Diese Heilung ist wirklich wörtlich zu nehmen. Bis heute heilt Jesus Menschen, auch Gelähmte. Ich habe selbst mit eigenen Augen gesehen, wie ein Mann, der einen Motorradunfall hatte und kaum beweglich war – also halb gelähmt – von einem Moment auf den anderen ganz gesund war. Er konnte sich wieder ganz bewegen. Dies geschah erst, nachdem er eine gute Beichte abgelegt hat. Es war genauso wie im heutigen Evangelium. Darüber hinaus können wir die Lähmung des Mannes auf moralischer Ebene betrachten, ohne die wörtliche zu entkräften: Die Sünde legt den Menschen lahm. Er kann nicht mehr gegen den Bösen ankämpfen, sondern ist eigentlich ein Fall für das Lazarett. Der Böse ist aber nicht so fair und verschont ihn, sondern macht den Menschen ja gerade so hilflos. Gott richtet uns auf, wenn wir das Sakrament der Versöhnung in Anspruch nehmen. Dann tut er mit unserer Seele genau das, was wir immer wieder von Jesus lesen: Er fasst uns bei der Hand und richtet uns auf. Wenn wir durch die Beichte wieder mit Gott versöhnt sind, sagt er zu uns „geh nach Hause“, das heißt zurück in die Gemeinschaft der Kirche. Und wenn wir im Stand der Gnade sterben, kann Gott auch uns am Ende unseres Lebens sagen: „Geh nach Hause“, nämlich zu ihm in sein himmlisches Reich.
Gerade mit Blick auf die anderen Lesungen des heutigen Tages ist hier noch etwas Wichtiges herauszustellen, nämlich warum die Sündenvergebung Priorität hat: Der Mensch kann nur dann „Frucht bringen“, ganz konkret sein Tun, seine Bitten etc., wenn er im Stand der Gnade ist. Der Gelähmte greift Gott im heutigen Evangelium nicht so unter die Arme wie die Israeliten bei Samuel. Er hat einen starken Glauben und tut alles für die Begegnung mit Jesus. Erst die Sündenvergebung bringt ihn wieder in den Stand der Gnade. Erst dann kann seine Bitte, geheilt zu werden, erfüllt werden. Jesus demonstriert heute, was er an anderer Stelle mit der Weinstockrede meint.

Bemühen auch wir uns stets um den Stand der Gnade, damit auch unsere Gebete Wirkung haben. Die Gemeinschaft mit Gott sollte immer unsere oberste Priorität darstellen, dann wird alles Andere auch gut werden.

Ihre Magstrauss