Mittwoch der 6. Woche im Jahreskreis

Jak 1,19-27; Ps 15,2-3.4.5; Mk 8,22-26

Jak 1
19 Wisset, meine geliebten Brüder und Schwestern: Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn; 

20 denn der Zorn eines Mannes schafft keine Gerechtigkeit vor Gott. 
21 Darum legt alles Schmutzige und die viele Bosheit ab und nehmt in Sanftmut das Wort an, das in euch eingepflanzt worden ist und die Macht hat, euch zu retten! 
22 Werdet aber Täter des Wortes und nicht nur Hörer, sonst betrügt ihr euch selbst! 
23 Wer nur Hörer des Wortes ist und nicht danach handelt, gleicht einem Menschen, der sein eigenes Gesicht im Spiegel betrachtet: 
24 Er betrachtet sich, geht weg und schon hat er vergessen, wie er aussah. 
25 Wer sich aber in das vollkommene Gesetz der Freiheit vertieft und an ihm festhält, wer es nicht nur hört und es wieder vergisst, sondern zum Täter des Werkes geworden ist, wird selig sein in seinem Tun. 
26 Wenn einer meint, er diene Gott, aber seine Zunge nicht im Zaum hält, sondern sein Herz betrügt, dessen Gottesdienst ist wertlos. 
27 Ein reiner und makelloser Gottesdienst ist es vor Gott, dem Vater: für Waisen und Witwen in ihrer Not zu sorgen und sich unbefleckt von der Welt zu bewahren.

Die Fortsetzung des ersten Kapitels aus dem Jakobusbrief ist sehr paränetisch, also ethisch vorgebend. Es zeigt verschiedene Verhaltensweisen auf, die die Adressaten des Briefes übernehmen sollen sowie jeder Mensch: Sie sollen „schnell zum Hören“ sein, d.h. gehorsam und aufmerksam für das Gesagte. Sie sollen „langsam zum Reden“ sein, d.h. zurückhaltend im Urteilen, diskret, nicht vorlaut, darauf achtend, was ihre Worte anrichten können. „Langsam zum Zorn“ (ὀργή orge) meint die negative Konnotation von Zorn im Sinne von Gefühlsausbruch, affektive Wut und somit sollen die Angesprochenen langmütig sein, selbstbeherrscht und geduldig und sich nicht direkt aufregen. Wer nämlich zornig ist, „schafft keine Gerechtigkeit vor Gott.“ Wo wir uns aufregen, verlieren wir die Gnade.
Wenn Jakobus die Adressaten auffordert: „Legt alles Schmutzige und die viele Bosheit ab und nehmt in Sanftmut das Wort an, das in euch gepflanzt worden ist“, dann ruft er zur Umkehr auf. Die Angesprochenen sind ja Gemeindemitglieder der Diaspora, also schon getaufte Christen. Womöglich hat er von Wutausbrüchen und Streits gehört, weshalb er hier so großen Wert auf Sanftmut legt. Jedenfalls möchte er, dass die Getauften sich auf ihre Berufung zurückbesinnen, die mit der Taufe entstanden ist – die Berufung zur Heiligkeit. Diese verträgt sich nicht mit dem Schmutzigen und der vielen Bosheit, von der er hier spricht. Das Wort, das in die Menschen gepflanzt ist „und die Macht hat, [sie] zu retten“, ist Jesus Christus, der Logos. Er hat nicht nur die Macht, die Menschen zu retten, er hat sie schon erlöst. An den Menschen liegt es nun, die Erlösung anzunehmen und ein entsprechendes Leben zu führen.
Und dieses entsprechende Leben kann nicht nur von passivem Hören geprägt sein, sondern muss auch Tätigkeit aufweisen: „Werdet aber Täter des Wortes und nicht nur Hörer“. Dies stellt sonst einen Selbstbetrug dar, denn man ist durch die Taufe vom Wesen her so geschaffen, dass man das eingepflanzte Wort Gottes auch tut. Deshalb greift Jakobus den Vergleich mit dem Spiegelbild auf. Man vergisst beim Verzicht auf das Tun des Wortes sein eigenes Aussehen, auf die Taufe bezogen müssten wir sagen „seine Berufung“.
Wenn man sich dagegen in das Gesetz hineinbeugt, so die wörtliche Bedeutung von παρακύπτω parakypto, und zwar dauerhaft (das Hineinbeugen wird als Partizip ausgedrückt, das einen anhaltenden Zustand betont), der wird Segen bei seinem Tun haben. Wer von Herzen alles ihm mögliche unternimmt, um am Gesetz festzuhalten und es umzusetzen, der bekommt von Gott auch die Gnade dafür. Das ist ein wichtiger Aspekt, denn dem Jakobusbrief wird oft eine Werksgerechtigkeit zugeschrieben, die nicht existiert. Der „Täter des Werkes“ wird selig gepriesen, was auch zeigt, dass die Gebote zu halten glücklich macht.
Das Tun des Wortes wird hier gleichgesetzt mit dem „vollkommenen Gesetz der Freiheit“. Das Wort für Gesetz ist νόμος nomos, was im Griechischen unter anderem die Torah meint. Hier befinden wir uns im christlichen Kontext, wo damit nun die erfüllte Torah gemeint ist, die Jesus Christus in Person ist. Deshalb können wir das Gesetz der Freiheit auf das vorhin genannte eingepflanzte Wort beziehen. Jesus führt uns in die Freiheit, denn wenn wir die Gebote halten, sind wir keine Sklaven der Sünde mehr. Dieses Gesetz ist vollkommen, weil Jesus es erfüllt hat, es ist nun das Gesetz, das aus Liebe gehalten wird.
Ab Vers 26 wird eine Haltung beschrieben, von der wir letzten Sonntag und auch in der vergangenen Woche mehrfach gehört haben: Man kann Gott nicht dienen, z.B. im Gottesdienst, wenn man zugleich Böses tut, spricht oder denkt. Hier wird das Beispiel genannt, dass der Gottesdienst desjenigen mit unkontrollierter Zunge wertlos ist. Gemeint ist, dass diese Person böse Dinge sagt und damit das eigene Herz betrügt. Warum? Weil dort das Wort eingepflanzt ist, Jesus dort wohnt. Sein Gesetz ist somit auch in uns eingepflanzt und bestimmt unser Wesen als Neugeschaffene. Wenn wir nun böse sprechen, tun wir etwas „Widernatürliches“, das unserem Wesen nicht entspricht. Deshalb ist es ein Herzensbetrug.
Jesus hat gesagt, dass wenn wir noch eine ausstehende Versöhnung haben, sollen wir diese erst einmal durchführen, bevor wir ein Opfer darbringen können. Und hier heißt es nun im letzten Vers, dass Gott ein Opfer gefällt, bei dem man sich um die Randständigen und Hilflosen der Gesellschaft kümmert (Witwen und Waisen) und heilig lebt („sich unbefleckt von der Welt zu bewahren“). Mit „Welt“ ist die gefallene Schöpfung gemeint, nicht die Welt, wie sie Gott geschaffen hat. Heilig sein heißt, nicht jeden Dreck mitmachen, selbst wenn die Sünde auch in Mode ist und jeder sie tut. Wir sind aber zur Heiligkeit berufen und das heißt, dass wir unbefleckt sein sollen, frei von diesen Sünden. Gott schaut bei unserem Gottesdienst darauf, wie wir leben. Das gilt auch für uns heute: Wir können nicht in der Kirche ganz fromm dastehen, sodass uns die Menschen bewundern, und dann nach Hause kommen und weltlich leben. Wir können Jesus nicht in der Kirche zurücklassen und den Rest der Zeit so tun, als ob es ihn nicht gebe. Er möchte uns ganz und wenn wir es ernst meinen, sind wir in der Liturgie und im alltäglichen Leben gleich. Dann ist unser Innenleben so wie unser äußeres Erscheinungsbild, dann bestimmt Gott unser ganzes Leben, auch wo uns keiner mehr sieht und bewundert. Wir können uns selbst etwas vormachen, aber nicht Gott. Er sieht alles und er möchte, dass unser ganzes Leben ein Gottesdienst ist.

Ps 15
2 Der makellos lebt und das Rechte tut, der von Herzen die Wahrheit sagt, 

3 der mit seiner Zunge nicht verleumdet hat,/ der seinem Nächsten nichts Böses tat und keine Schmach auf seinen Nachbarn gehäuft hat. 
4 Der Verworfene ist in seinen Augen verachtet, aber die den HERRN fürchten, hält er in Ehren. Er wird nicht ändern, was er zum eigenen Schaden geschworen hat. 
5 Sein Geld hat er nicht auf Wucher verliehen und gegen den Schuldlosen nahm er keine Bestechung an. Wer das tut, der wird niemals wanken.

Im Psalm geht es mit den obigen Gedanken weiter. Die Paränetik, das Aufzeigen richtiger Verhaltensweisen, die man übernehmen soll, ist auch im Psalm dominierend: Es geht um die makellose Lebensführung analog zur unbefleckten Bewahrung. Damit ist die Haltung der Gebote gemeint, frei von den Sünden der Welt. Das Rechte zu tun, heißt die Torah zu halten. Die Wahrheit zu sagen, ist ein Kern der Gebote Gottes, denn es heißt im Dekalog „du sollst nicht lügen“. Der Zusatz „von Herzen“ heißt wörtlich eigentlich „in seinem Herzen“ und bezieht sich darauf, dass das Gesagte, mit dem Herzen übereinstimmt. Es geht um die Deckungsgleichheit von dem, was im Inneren ist und was man ausspricht.
Auch hier im Psalm wird herausgestellt, dass mit Worten viel angerichtet werden kann. Auch der Psalm sagt aus, dass man mit der Zunge sündigen kann (Vers 3), nämlich verleumden, den Nächsten in Verruf bringen kann.
Vers 4 ist etwas schwierig zu verstehen und muss genau gelesen werden: „Der Verworfene“ bezieht sich auf jene Menschen, die Gott ablehnen. Gut ist, wer solche Menschen meidet, was mit „ist in seinen Augen verachtet“ ausgesagt wird. Er hält stattdessen die Gottesfürchtigen in Ehren.
Vorbildlich ist, wer sein Versprechen hält („was er …. geschworen hat“). Es bezieht sich vor allem auf den Bund mit Gott, auf das Gelübde, das er vor Gott abgelegt hat.
So ein Mensch ist nicht skrupellos und habgierig („nicht auf WUcher verliehen“) und auch nicht korrupt („nahm er keine Bestechung an“).
Die Aufzählung vieler guter Verhaltensweisen soll dem Beter vor Augen führen, wie man festen Schrittes den Weg Gottes geht. Denn „wer das tut, der wird niemals wanken“.
Der Psalm hat mit dem Jakobusbrief heute diesen Katalog guter Taten gemeinsam. Es geht in beiden Fällen um die Dinge, die wir Menschen von uns aus tun können, um vor Gott gerecht zu sein. Dabei wird aber schon im Jakobusbrief die reine Tugendebene überboten, indem es heißt, dass jener Mensch selig sein wird. Dies ist etwas, das der Mensch sich nicht selbst geben kann. Selig ist, wer von Gott diese Seligkeit geschenkt bekommt.

Mk 8
22 Sie kamen nach Betsaida. Da brachte man einen Blinden zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. 

23 Er nahm den Blinden bei der Hand, führte ihn vor das Dorf hinaus, bestrich seine Augen mit Speichel, legte ihm die Hände auf und fragte ihn: Siehst du etwas? 
24 Der Mann blickte auf und sagte: Ich sehe Menschen; denn ich sehe etwas, das wie Bäume aussieht und umhergeht. 
25 Da legte er ihm nochmals die Hände auf die Augen; nun sah der Mann deutlich. Er war wiederhergestellt und konnte alles ganz genau sehen. 
26 Jesus schickte ihn nach Hause und sagte: Geh aber nicht in das Dorf hinein!

Heute hören wir von einer Blindenheilung. Bisher hat Jesus viele Menschen geheilt und vor allem jede Menge Exorzismen vollzogen. Gestern fuhr Jesus mit seinen Jüngern von Dalmanuta ans andere Ufer des Sees Gennesaret. Heute kommen sie nach Betsaida, wo Jesus dem Blinden begegnet. Er wird von anderen Menschen zu Jesus geführt. Jesus tut, was er immer wieder tut – den zu Heilenden bei der Hand nehmen. Nun führt Jesus den Blinden aber aus der Stadt hinaus. Warum? Und warum darf der Geheilte nachher nicht mehr in die Stadt hinein? Es hat mit dem sogenannten Messiasgeheimnis zu tun. Es ist wie bei vielen anderen Ereignissen, bei denen Jesus den Geheilten untersagt, von der Heilung zu sprechen. Deshalb soll der Geheilte nicht zurück ins Dorf. Seine Heilung ist so offensichtlich, dass es sofort überall bekannt werden würde. Jesus möchte die Menschen etwas lehren. Und vielleicht haben die Juden von Betsaida Jesu Verkündigung abgelehnt. Dann wäre es noch kontraproduktiver, den Menschen die Blindenheilung bekannt zu machen. Jesus führt den Blinden vor die Stadt und heilt ihn mit Speichel. Das ist ein gängiges Mittel, das Jesus benutzt, um den Zeugen zu verdeutlichen, dass er heilt. Gott greift in seiner feinfühligen Art immer wieder Elemente auf, mit denen die Menschen vertraut sind. Er nutzt die Konventionen, um seine Lektion zu erteilen. Jesus hätte dem Blinden auch einfach die Hände auflegen können, doch er kommt den Juden seiner Zeit entgegen.
Wir hören heute von den Schritten der Heilung. Diese beweisen nicht, dass Jesus zu schwach für eine Direktheilung ist, sondern dass Heilung unterschiedlich aussehen kann. Manchmal ist es eine Sache von einer Sekunde auf die andere. Manchmal ist es ein stufenartiger Prozess. Es kommt auf den Menschen an. Der Blinde aus der heutigen Erzählung erlebt eine stufenweise Heilung. Zuerst sieht er unscharf und vergleicht die Menschen mit Bäumen. Das zeigt uns, dass der Mann nicht von Geburt an blind ist, denn er weiß, wie Bäume aussehen. Im nächsten Schritt kann er alles scharf sehen und ist komplett geheilt. Daraufhin schickt Jesus den Mann heim und untersagt ihm den Gang ins Dorf. Das heißt, dass der Mann nicht direkt in Betsaida lebt und was er erlebt hat, nur in seinem Haus bekannt sein darf.
Warum macht Jesus das alles heute? Wir haben gestern von der Verstocktheit der Jünger gehört, die sich lieber damit befassen, dass sie auf dem Boot genug zu essen haben, anstatt Jesu wichtigen Worten über die Pharisäer zu lauschen. Und da sagte Jesus zu ihnen „Habt ihr denn keine Augen zu sehen und keine Ohren zu hören?“ Dadurch dass Jesus den Blinden in Betsaida heute vor ihren Augen heilt, hält er ihnen einen Spiegel vor. Die biologischen Blindenheilungen zielen immer auf die Heilung innerer Augen ab, vor allem jener, die das Wunder bezeugen. Jesus sagt den Jüngern heute, dass er der Messias ist, denn die Blindenheilung ist typisch messianische Heilstat. Ihnen sollen bei diesem Wunder die Augen aufgehen, damit sie erkennen, wer Jesus ist und wozu er fähig ist.

Jesus lehrt seine Jünger heute etwas über Blindheit. Im Jakobusbrief ist erklärt worden, wie diese Blindheit aussehen kann – nämlich wie das Vergessen des eigenen Spiegelbildes. So wie jemand, der die Gebote nicht hält, seine Berufung vergessen hat, so ist es mit den Jüngern Jesu, die ihm nicht zuhören und im Grunde ihre Berufung vergessen haben. Jesus hat ihnen gesagt, er wolle sie zu Menschenfischern machen, stattdessen meckern sie über den mangelnden Proviant auf dem Boot. Doch das Schöne ist: Gott ist so geduldig und barmherzig mit uns Menschen, dass er uns unser Spiegelbild immer wieder zeigt, um uns zu erinnern. Dann liegt es an uns, die Berufung wieder zu leben und neu anzufangen. Wie wir im weiteren Verlauf des Evangeliums sehen werden, hat Jesu Vorhalten des Spiegels gefruchtet. Davon werden wir die nächsten Tage hören.

Ihre Magstrauss

Montag der 6. Woche im Jahreskreis

Jak 1,1-11; Ps 119,67-68.71-72.75-76; Mk 8,11-13

Jak 1
1 Jakobus, Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus, grüßt die zwölf Stämme in der Diaspora. 

2 Nehmt es voll Freude auf, meine Brüder und Schwestern, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet! 
3 Ihr wisst, dass die Prüfung eures Glaubens Geduld bewirkt. 
4 Die Geduld aber soll zu einem vollkommenen Werk führen, damit ihr vollkommen und untadelig seid und es euch an nichts fehlt. 
5 Fehlt es aber einem von euch an Weisheit, dann soll er sie von Gott erbitten; Gott wird sie ihm geben, denn er gibt allen gern und macht niemandem einen Vorwurf. 
6 Wer bittet, soll aber im Glauben bitten und nicht zweifeln; denn wer zweifelt, gleicht einer Meereswoge, die vom Wind hin und her getrieben wird. 
7 Ein solcher Mensch bilde sich nicht ein, dass er vom Herrn etwas erhalten wird: 
8 Er ist ein Mann mit zwei Seelen, unbeständig auf all seinen Wegen. 
9 Der Bruder, der in niederem Stand lebt, rühme sich seiner hohen Würde, 
10 der Reiche aber seiner Niedrigkeit; denn er wird dahinschwinden wie die Blume im Gras. 
11 Denn die Sonne geht auf mit ihrer Hitze und versengt das Gras; die Blume verwelkt und ihre Pracht vergeht. So wird auch der Reiche vergehen in allem, was er unternimmt. 

Heute beginnen wir eine Reihe von Lesungen aus dem Jakobusbrief, einem der katholischen Briefe, der der Tradition der Kirche nach von Jakobus dem Jüngeren abgefasst worden ist, dem Sohn des Alphäus, der wiederum ein Verwandter bzw. deren Frau eine Verwandte der Eltern Jesu war. Deshalb wird Jakobus auch der Herrenbruder Jesu genannt. Seine Schrift zeugt von einer sehr guten Kenntnis jüdischer Weisheitstraditionen, weshalb er viel aus den weisheitlichen Schriften zitiert, ebenso die anderen Schriften des AT.
Der Briefbeginn ist klassisch aufgebaut wie jeder antike Brief und auch die Paulusbriefe. Jakobus nennt sich selbst als Absender („Jakobus, Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus“). Danach wird der Empfänger des Briefes genannt („die zwölf Stämme in der Diaspora“). Das Ganze ist als Grußwort gestaltet, wie antike Präskripte es so an sich haben. Bemerkenswert ist, wie Jakobus die Adressaten hier bezeichnet. Das Motiv der „zwölf Stämme“ ist eindeutig dem alten Bund Gottes mit den zwölf Stämmen Israels angelehnt, meint nun aber die Stämme des neuen Bundes. Durch den Zusatz „in der Diaspora“ wird deutlich, dass Jakobus seinen Brief an verschiedene Gemeinden verstreut im ganzen römischen Reich richtet. Dies kennzeichnet seinen Brief als katholisch im wörtlichen Sinn „umfassend“. In diesem Sinne werden diese Schrift sowie die des Petrus, Johannes und Judas als katholisch bezeichnet.
Jakobus möchte mit seinem Schreiben die Christen in der Zerstreuung in ihrer schwierigen Lage trösten und stellt in der Krise die Chance heraus: „Ihr wisst, dass die Prüfung eures Glaubens Geduld bewirkt“ und deshalb ist die Versuchung sogar ein Grund zur Freude. Wenn Jakobus das hier schreibt, ist sein Wort nicht nur für die damaligen Christen relevant, sondern auch für uns! Gott lässt zu, dass wir allerlei Versuchungen durchstehen müssen. Er gibt uns auch die Kraft und den Trost, es durchzuhalten. Und danach werden wir merken, dass unser Glaube gestärkt worden und unser Geduldsfaden dicker geworden ist. Umgekehrt ist es dann sogar noch so, dass wir uns fragen müssen, was schief läuft, wenn wir nicht versucht werden. Das griechische Wort für „Geduld“ ist ὑπομονή hypomone und kann auch mit „Standhaftigkeit“ übersetzt werden. Durch die Versuchungen wird unsere Standhaftigkeit also immer stärker und so werden Krisen zu Chancen.
Diese Geduld oder Standhaftigkeit als gewonnene Tugend soll zu einem vollkommenen Werk führen – wir verstehen es moralisch als Heiligkeit, anagogisch als Voraussetzung für den Himmel. Beide Ebenen zeigen sich auch am Nebensatz: „Damit ihr vollkommen und untadelig seid und es euch an nichts fehlt.“ Einerseits wird hier mit dem griechischen Wort für „vollkommen“ τέλειοι teleioi die Erlangung von Heiligkeit ausgedrückt, andererseits ist eine andere Übersetzung „vollbracht, vollendet“. Dann wird die anagogische Ebene betont, dass wenn die Christen bis zum Ende standhaft geblieben sind, Gottes Herrlichkeit schauen dürfen wie Jesus, der am Kreuze zum Schluss sagte „es ist vollbracht“ (Joh 19,30). Der zweite Teil des Nebensatzes ist etwas ungünstig übersetzt. Man müsste wörtlich formulieren „in nichts zurückbleibend“. So ist es moralisch zu verstehen als „sie können sich dann mit den anderen Heiligen messen, sie stehen ihnen von der Tugendhaftigkeit in nichts nach.“ Die alternative Übersetzungsmöglichkeit „verlassen, zurücklassen“ bringt die anagogische Bedeutung des Verses wieder zum Vorschein in dem Sinne, dass die Vollendeten in nichts zurückgelassen werden wie die törichten Jungfrauen im Gleichnis Jesu. Sie werden mitgenommen ins Himmelreich.
In Vers 5 wird die moralische Ebene weitergeführt, indem es heißt: „Fehlt es aber einem von euch an Weisheit“ (griechisch σοφία sofia). Das erinnert uns an Paulus gestern, der in 1 Kor 2 über den Gegensatz von göttlicher und weltlicher Weisheit spricht. Hier geht es um die Weisheit Gottes, die dem Menschen durch den Hl. Geist als Gabe geschenkt wird. Wie auch an anderer Stelle wird dadurch ausgedrückt, dass wir die Gnadengaben Gottes erbitten müssen bzw. dürfen.
Was Jakobus hier schreibt, entkräftet die Vorwürfe Luthers, der eine Werksgerechtigkeit in den Brief hineingelesen hat. Einerseits soll man tugendhaft sein wie es die vorherigen Verse deutlich machen. Andererseits kann man aus eigener Kraft nicht perfekt werden. Man muss von Gott erbitten, was an einem dennoch mangelhaft bleibt. Hier kristallisiert sich ein Teamwork heraus, das aus den menschlichen Bemühungen und den Gnadengaben Gottes besteht. Die Art und Weise, wie Gott dann gibt, ist allen, einfach/gern (ἁπλός haplos) und ohne zu tadeln. Dieser Nebensatz ist eine Partizipialkonstruktion, die gewählt wird, um Gottes anhaltende Freigiebigkeit und Güte auszudrücken. Gott gibt die Gnade deshalb gern, weil er die Bemühungen des Bittenden sieht. Sein Mangel ist ja nicht selbst verschuldet und so gibt es keinen Grund zu Vorwürfen.
Die Voraussetzung ist aber, dass man nicht zweifelnd bittet (μηδὲν διακρινόμενος meden diakrinomenos). Vielmehr soll man in Glauben bitten (ἐν πίστει en pistei). Sonst ist man wie eine hin und her getriebene Meereswoge. Dieser Vergleich mit einem Naturphänomen erinnert uns an die weisheitlichen Schriften des AT und auch an Jesu Gleichnisse, die ebenfalls an die Weisheit des AT angelehnt sind. Mit so einer Mentalität wird man von Gott aber nichts bekommen. Wir müssen hier verstehen warum: Gott verweigert uns keine Gnade oder stellt Bedingungen. Wir können sie nur dann empfangen, wenn wir fest dazu stehen. Wir selbst stellen uns in den Weg, sodass Gott uns die Gnade nicht schenken kann. Man ist wie ein Mensch mit zwei Seelen (δίψυχος dipsychos). Das Herz soll aber nicht geteilt sein, sondern ganz Gott gehören und so auch die Entscheidungen. Die Unbeständigkeit „auf all seinen Wegen“ ist ein typisch moralischer Ausdruck. Die Wege sind auf den moralischen Lebenswandel zu beziehen. Ein Mensch, der innerlich gespalten ist, wird dieses Hin und Her in alle Entscheidungen und Verhaltensweisen übertragen (ἀκατάστατος akatastatos „nicht stabil, unstet“). Vor einigen Tagen beteten wir im Psalm „ach wären doch meine Schritte fest“, was genau diese fehlende Stabilität sicheren Fußes auf dem Weg ins Himmelreich meint.
Wer niedrig ist, kann sich der hohen Würde freuen, wohingegen der Hochstehende vergehen wird. Es ist wie Jesu Aussage „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden und wer sich selbst erniedrigt wird erhöht werden.“ (z.B. Mt 23). Die Zustände werden sich im Reich Gottes umkehren, sodass die Demütigen (wer sich selbst erniedrigt) am Ende die Großen sind, die Hochmütigen (wer sich selbst erhöht) aber den Kürzeren ziehen. Dies wird ansatzhaft schon in diesem Leben deutlich, was wir an dem Sprichwort sehen können „Hochmut kommt vor dem Fall“. Einen solchen erfährt man durchaus schon in diesem Leben. Aber wie muss man das verstehen? Soll man als Demütiger wirklich angeben? Verliert man dann nicht die Gnade? Das griechische Verb ist hier καυχάομαι kauchaomai, was tatsächlich „sich rühmen, prahlen“ heißt. Wir müssen aber die jeweiligen Bezugswörter beachten, dann werden wir es richtig verstehen: Wir rühmen uns nicht unserer eigenen, selbst verdienten Würde, sondern der Gnade Gottes. Es ist wie ein Lobpreis und eine Anerkennung Gottes, der den Menschen vervollkommnet hat, wo er Mangel hat. Demütig zu sein, heißt nicht, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Vielmehr soll man Gottes Wirken laut preisen und zugleich zugeben, dass es SEIN Werk ist, nicht das eigene. Mithilfe eines weiteren Naturvergleichs stellt Jakobus heraus, wie es aber mit dem Reichen ist (πλούσιος plusios „reich an etwas, vornehm“). Er ist wie eine Blume, die von der Hitze versengt wird. Was ist denn mit „reich“ gemeint? Es ist weniger der finanzielle Reichtum, vielmehr das Erfülltsein vom eigenen Ego oder Stolz. Wer sein Gutsein auf sich selbst bezieht und nicht die Gnade Gottes anerkennt, der verliert das Gutsein ganz schnell wieder. Gott kompensiert den eigenen Mangel nicht, damit man sich mit fremden Federn schmücken kann.
Der Reiche wird keinen Segen mehr haben in dem, was er tut. Das wird durch den letzten Vers ausgesagt.

Ps 119
67 Ehe ich gedemütigt wurde, ging ich in die Irre, nun aber will ich deinen Spruch beachten. 
68 Gut bist du und tust Gutes. Lehre mich deine Gesetze!
71 Dass ich gedemütigt wurde, ist für mich gut, damit ich deine Gesetze lerne. 
72 Gut ist für mich die Weisung deines Munds, mehr als große Mengen von Gold und Silber.
75 Ich habe erkannt, HERR, dass deine Entscheide gerecht sind und dass es Treue ist, wenn du mich beugst. 
76 Tröste mich in deiner Liebe, nach dem Spruch für deinen Knecht!

Gerade der letzte Teil des Jakobusbriefes wird nun im Psalm reflektiert, wobei der Abschnitt erneut aus Ps 119 entnommen ist. Es handelt sich dabei um den längsten Psalm des gesamten Psalters.
„Ehe ich gedemütigt wurde, ging ich in die Irre“ erklärt schon den Sinn der Demütigung. Gott rüttelt den Menschen wach, der sich verirrt. Er tut es, um ihn zurückzuholen. Gott ist weder Sadist noch schadenfroh. Er möchte, dass wir glücklich werden und Überheblichkeit macht uns unglücklich. Der Beter hat Gottes Lektion auch erkannt und sagt deshalb „nun aber will ich deinen Spruch beachten“. Wie oft verstehen wir Gottes Lektionen aber nicht! Wir bleiben so oft auf dem Holzweg, obwohl uns Gott wiederholt Warnsignale schickt. Diese werden immer lauter und doch wollen wir sie nicht hören. Wie gut, wenn wir dann doch Einsicht haben, denn je später wir unseren Irrweg erkennen, desto schmerzhafter ist der Weg der Umkehr. Schließlich wird es immer anstrengender, je länger der Weg ist, den wir wieder zurücklaufen müssen zur richtigen Route.
Gestern haben wir bedacht, dass Gott nicht schuld für unsere Vergehen ist. Wir selbst schlagen die Irrwege ein. Und dies betont auch der Psalm hier, wenn es heißt: „Gut bist du und tust Gutes.“ Gott ist nicht böse und auch kein Verführer. Er lässt zu, dass wir die Konsequenzen unserer falschen Entscheidungen tragen, aber diese müssen wir uns selbst zuschreiben. Alles, was er tut, dient uns zum Heil und deshalb bittet der Psalmist Gott um seine Unterweisung.
Er versteht sogar, dass die Demütigungen auf seinem Lebensweg heilsam und notwendig und Teil der Einweisung in Gottes Gesetze sind. Wie glücklich wären wir Menschen doch, wenn wir hinter so manchen Krisen unseres Lebens Gottes lehrende Hand erkennen würden! Denn was uns oft Angst bereitet, ist die Gefährdung unseres Egos, unseres guten Rufes etc. Dies erinnert auch an den Beginn des Jakobusbriefs, wo Versuchungssituationen sogar Grund zur Freude sein sollen.
Gottes Lektionen, seine Schulungen und Einweisungen in die Gebote sind viel mehr wert als Gold und Silber. Sie sind ja Güter bis in die Ewigkeit hinein. Gold und Silber können wir dort nicht mit hinnehmen.
„Ich habe erkannt“ freut uns für den Psalmisten und wir beten ja darum, ebenfalls solche Einsicht zu erhalten. Wie heilsam ist es doch, wenn wir die Umwege unseres Lebens aus der Sicht Gottes bewerten können und seine Handschrift in unserem Leben entdecken. Wenn Gott uns Menschen in demütigende Situationen führt, ist es gut für uns, weil wir dadurch zu besseren Menschen werden – aber nur unter der Voraussetzung, dass wir daraus lernen. Es kann genauso sein, dass es uns verbittern lässt und wir mit Gott hadern. Dann hat die Lektion nicht gefruchtet, weil sie als solche nicht erkannt worden ist. Gott könnte uns dem „Schicksal überlassen“, aber er formt uns nach seinem Bild. Deshalb ist es ein Zeichen seiner Treue, wenn er Demütigungen an uns zulässt. Er möchte, dass wir ihm immer ähnlicher werden. Deshalb müssen wir immer wieder vom hohen Ross heruntergeholt werden.
Dass es schmerzhaft ist, gedemütigt zu werden, gibt der Psalm durch den letzten Vers zu, den wir hier beten: „Tröste mich in deiner Liebe“. Es ist schmerzhaft, wenn auch notwendig. Gott ist aber auch wie eine liebende Mutter, die das verletzte Kind auf den Schoß nimmt und die Schramme liebevoll anpustet. Wenn einem das Fahrradfahren beigebracht wird, fällt man auch immer wieder hin. Es ist normal im Lernprozess. Nichtsdestotrotz trösten die Eltern einen auch, wenn man sich verletzt hat. So können wir uns Gottes Pädagogik vorstellen. Er lässt uns fallen, tröstet uns aber auch in unserem Schmerz. So werden wir dann nicht zu verbitterten Seelen, die mit Gott hadern, sondern erkennen seine liebevolle Beziehung zu uns, die wir seine geliebten Kinder sind.

Mk 8
11 Da kamen die Pharisäer und begannen ein Streitgespräch mit ihm; sie forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel, um ihn zu versuchen. 
12 Da seufzte er im Geist auf und sagte: Was fordert diese Generation ein Zeichen? Amen, ich sage euch: Dieser Generation wird niemals ein Zeichen gegeben werden. 
13 Und er verließ sie, stieg in das Boot und fuhr ans andere Ufer.

Das Evangelium ist heute sehr kurz. Warum? Weil die Pharisäer, denen Jesus heute begegnet, die ganze Sache abkürzen.
Jesus hat die Menge gespeist und ist direkt im Anschluss mit dem Boot nach Dalmanuta gefahren. Dort hat er nun angelegt und trifft dort auf die ansässigen Pharisäer. Das Problem ist nicht, dass es ein Streitgespräch gibt, denn das griechische Wort συζητεῖν syzetein meint zunächst eine Debatte und nichts Verwerfliches. Das Problem ist vielmehr, dass sie Gott auf die Probe stellen wollen wie der Satan Jesus in der Wüste versucht: Sie fordern ein Zeichen vom Himmel von Jesus. Das ist insofern eine Versuchung, weil sich Jesus bei seiner Menschwerdung entäußert hat. Gott verzichtet auf seine göttliche Allmacht, verbirgt seine Weisheit, wird den Menschen gleich und ist derjenige, der sich maximal gedemütigt hat. Er könnte mit einem Schnips alles umwerfen und die Welt zusammenbrechen lassen. Stattdessen lässt er sich verspotten, sogar noch am Kreuz. Er tut es, um die Menschheit zu erlösen. Und wenn die Pharisäer nun ein Zeichen vom Himmel wollen, dann fordern sie ihn heraus, seine Göttlichkeit zu offenbaren, die Entäußerung aufzugeben. Wer eigentlich dahintersteckt, das erkennt Jesus sofort. Es ist der Böse, der sich der Pharisäer hier bedient, um Jesus anzugreifen.
Die Pharisäer von Dalmanuta haben die Zeit der Gnade nicht erkannt. Jesus hätte sie so viel lehren können, doch sie sitzen auf einem zu hohen Ross. Jesus spricht harte Worte zu ihnen, damit sie von dort oben heruntergeholt werden („Dieser Generation wird niemals ein Zeichen gegeben“). Er tut es nicht, weil er sie nicht ausstehen kann, sondern gerade weil er auch sie liebt. Er möchte, dass auch sie gerettet werden. Deshalb rüttelt er an ihrem Ego. Sie sind zu verstockt, sodass Jesus sich auf den Rückweg machen muss. Wir wissen nicht, was aus diesen Menschen geworden ist. Womöglich haben sie sich dann doch noch bekehrt. Dafür ist es ja noch nicht zu spät.
Mit den Pharisäern haben wir heute ein Negativbeispiel und einen Gegensatz zur Haltung des Psalmisten. Er durchschaut die Lektionen Gottes und bewertet Gottes Demütigungen positiv. Er weiß, dass er so zu einem besseren Menschen wird. Die Pharisäer sind im heutigen Evangelium leider noch nicht so weit.
Jesus steigt wieder ins Boot und fährt ans andere Ufer. Er geht zu jenen, die ihn annehmen, denn Gott ist ein Gentleman. Er drängt sich nicht auf, sondern zieht sich zurück, wo wir ihn ablehnen. Dann muss er schmerzhaft zusehen, wie wir die Konsequenzen dieser Ablehnung tragen müssen. Er wird dann wieder ein Lebenszeichen geben, hier und da nach uns rufen und immer wieder um uns werben. Und nach und nach wird er die Versteinerung unseres Herzens abbauen wie in einem Steinbruch, um Edelsteine zutage zu fördern, die wir nicht einmal selbst dort erwartet haben. Gott gibt uns nicht auf, selbst wenn er sich manchmal zurückzieht. Denn wir alle sind seine geliebten Kinder.

Ihre Magstrauss