Mariä Heimsuchung (Fest)

Zef 3,14-18; Jes 12,2.3 u. 4bcd.5-6; Lk 1,39-56

Heute feiern wir das Fest Mariä Heimsuchung. Dabei geht es um die Begegnung zwischen Maria und Elisabet, die sie heimsucht. Dieses Ereignis hat eine lange heilsgeschichtliche Vergangenheit, deren Kreis sich nun schließt. Wir betrachten Maria an diesem Festtag also vor allem aus heilsgeschichtlicher Perspektive und als Archetypen Israels.

Zef 3
14 Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem!
15
 Der HERR hat das Urteil gegen dich aufgehoben und deine Feinde zur Umkehr gezwungen. Der König Israels, der HERR, ist in deiner Mitte; du hast kein Unheil mehr zu fürchten.
16 An jenem Tag wird man zu Jerusalem sagen: Fürchte dich nicht, Zion! Lass die Hände nicht sinken!
17 Der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er schweigt in seiner Liebe, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag.
18 Ich mache deinem Unglück ein Ende, dass du seinetwegen nicht mehr Schmach tragen musst.

In der ersten Lesung hören wir aus dem Propheten Zefanja. Er gehört zu den „kleinen Propheten“, deren Botschaft aber mindestens genauso bedeutsam ist wie die der großen: Es ist fast schon ein Freudengesang, den wir bei ihm lesen. Die Tochter Zion wird zum Lobpreis aufgefordert, weil der Tag der Freude gekommen ist. Historisch gelesen erkennen wir das Ende der assyrischen Fremdherrschaft. Zefanja wirkt in Jerusalem um das Jahr 630 v.Chr. Wie viele Propheten vor und nach ihm hat er das Leiden des Volkes durch die Assyrer als Urteil Gottes gedeutet, das Israel durch die eigenen Sünden verdient hat. Er sagt in diesem heutigen Abschnitt nun, dass Gott das Urteil aufgehoben hat. Die Zeit der Bedrängnis ist vorbei. Stattdessen wohnt der König Israels nun in ihrer Mitte. Es ist bemerkenswert, dass Gott nun als König bezeichnet wird. Das ist eine Metapher, die wir mit Jesus, dem Messias wiedererkennen werden. Er, der sogar ans Kreuz geschlagen wird als König der Juden. Gott ist der Herrscher der Welt und er ist es, der Israel leitet.
Gott wird auch als Held bezeichnet, der Rettung bringt. Bei solchen messianischen Aussagen wird stets das hebräische Wortfeld um יֹושִׁיעַ joschia „Rettung“ verwendet. Gott bringt uns Jesus, den Heiland.
Wenn es dann heißt: „Er freut sich und jubelt über dich“, ist das typologisch mit Maria in Verbindung zu setzen. Sie ist der Antitypos der Tochter Zion. Sie personifiziert das Warten und die Freude über den kommenden Messias. Und Gott freut sich mit ihr, denn in ihr hat er ein perfektes Instrument erkannt, das das Heil in die Welt bringt.
Gott freut sich und sehnt sich nach seiner Braut. Er freut sich besonders, wenn sie umkehrt von den Götzen und ihren Blick wieder Gott zuwendet. Womöglich kann man diesen letzten Vers schon als Hochzeit deuten, die der Anlass der größten Freude darstellt. Dann klingt hier prophetisch schon die Hochzeit des Lammes an. Auf Maria bezogen verstehen wir dann umso mehr, dass Maria wirklich Antitypos der makellosen Braut am Sinai ist, wie uns in Exodus berichtet wird. Sie ist ohne Sünde und würdig, den Sohn Gottes in die Welt zu bringen. Sie ist wirklich Braut Gottes, denn sie lebt in einem kontinuierlichen Jungfräulichkeitsgelübde. Sie verkörpert die Brautschaft für Gott wirklich vollkommen, vollkommener als das Volk Israel es jemals zustande gebracht hat. Welch große Gnade hat Gott ihr erwiesen!
Maria ist eine Tochter Zion als Zugehörige zum Volk Israel, vielmehr aber durch ihre Zugehörigkeit zum Stamm Juda und zur Dynastie König Davids. Sie macht keinen Götzen schöne Augen. Sie schaut nur auf den HERRN und tut in allem nur seinen Willen.
Wenn Gott dann am Ende der Lesung zur Tochter Zion sagt, dass er ihre Schmach beendet, dann ist das erst einmal auf das Volk Israel zu beziehen, das durch die Fremdherrschaft der Assyrer große Schmach erleidet. Diese ist Konsequenz ihrer Sünde, doch Gott ist barmherzig.
Legen wir diesen Vers typologisch aus, deutet er auf die Schande Mariens hin, die ihr widerfährt, weil sie ein uneheliches Kind erwartet. Von Anfang an muss sie sehr viel leiden und Opfer bringen. Die üble Nachrede von Menschen kann sehr verletzend sein. Doch sie tut das alles für den Herrn und er wird ihrer Schmach ein Ende setzen. Er wird sie krönen zur Königin des Himmels, denn sie ist die Mutter des Königs. Sie ist der Antitypos der Königsmutter Batseba. Sie sitzt ihrem Sohn zur Rechten wie Batseba Salomo zur Rechten saß. (Über diese typologischen Beziehungen habe ich mal ein Video gemacht. Schauen sie hier gerne vorbei.)
Die Tochter Zion kann jubeln. Denn Christus ist schon da, wenn auch noch nicht geboren. Das ist eine absolute Prolife Bestätigung! Dazu kommen wir gleich im Evangelium.

Jes 12
2 Siehe, Gott ist mein Heil; ich vertraue und erschrecke nicht. Denn meine Stärke und mein Lied ist Gott, der HERR. Er wurde mir zum Heil.
3 Ihr werdet Wasser freudig schöpfen aus den Quellen des Heils.
4 Dankt dem HERRN! Ruft seinen Namen an! Macht unter den Völkern seine Taten bekannt, verkündet: Sein Name ist erhaben!
5 Singt dem HERRN, denn Überragendes hat er vollbracht; bekannt gemacht sei dies auf der ganzen Erde.
6 Jauchzt und jubelt, ihr Bewohner Zions; denn groß ist in eurer Mitte der Heilige Israels.

Als Antwort beten wir diesmal keinen Psalm, sondern ein Danklied aus dem Buch Jesaja. Es geht um den Dank der Geretteten vom Zion aus. Es ist kein Danklied, das bereits von jemandem gesungen worden ist, sondern das zukünftig gesungen wird (Vers 1: „An jenem Tag wirst du sagen“). Es hängt zusammen mit der messianischen Verheißung von Jes 11, die vom Spross aus der Wurzel Isais spricht. Was zur Zeit des Jesaja noch aussteht, erfüllt sich nun mit dem kommenden Messias.
„Siehe, Gott ist mein Heil“. Das kann man wortwörtlich sagen, weil יְשׁוּעָתִ֛י jeschuati „mein Heil“ den Namen Jesu umfasst. Er wird Mensch, um unter uns zu leben! Und weil er so weit geht, nur um uns zu retten, können wir ganz vertrauen. Wir brauchen keine Angst zu haben. Das hat uns Maria wunderbar vorgelebt. Sie hatte keine Angst, sondern vertraute dem Herrn voll und ganz. Sie nahm ihre Berufung an, obwohl sie nicht wusste, wohin die Reise geht. Stück für Stück hat er ihr aber den Weg gewiesen und er hat sie durch alles hindurchgetragen. Er war stets ihre Stärke und ihr Lied. Mit ihr zusammen kann das Volk Gottes des neuen Bundes diese Worte sprechen, denn durch den Kreuzestod hat er das Heil aller Menschen erwirkt! Im wörtlichen Sinn kann man dies schon für das Volk Gottes des alten Bundes aussagen: Es wird wirklich aus der politischen Katastrophe gerettet und Gott wird dem Volk zum Heil. Er wird ihre Stärke und Lied sein, sodass sie ihre Freiheit wiedergewinnen werden, nachdem alles in Trümmern zerlegt worden ist. Es wird eine Zeit kommen, in der sie wiederhergestellt werden. Und doch verweisen diese Worte auf ein viel umfassenderes Heil. Dies zeigt uns die wachsende messianische Erwartung. Apokalyptische Elemente nehmen immer mehr zu, sodass ein kommendes Gottesreich der Ewigkeit immer häufiger zur Sprache gebracht wird.
Das freudige Schöpfen von Wasser aus den Quellen des Heils wird demnach schon im Buch Jesaja nicht nur wörtlich verstanden. Es handelt sich um das lebendige Wasser, das von Gott kommt und Totes wiederbelebt. Es handelt sich um ein Bild für den Heiligen Geist. Allegorisch verstanden handelt es sich dabei um das Wasser der Taufe, durch das der Mensch zum ewigen Leben wiedergeboren wird. Es ist derselbe Geist, der die Auferstehung Jesu Christi bewirkt hat. Es ist derselbe Geist, durch den wir die Vergebung der Sünden auch nach unserer Taufe erhalten, wenn wir beichten. Und es ist der Geist, der die neue Schöpfung am Ende der Zeiten bewirken wird. Mit ihm ist die Freude verbunden. Sie ist eine Frucht des Heiligen Geistes und deshalb wird die Ewigkeit ein einziges Freudenmahl sein.
Gott hat an den Israeliten schon so viel Gutes bewirkt. Es ist schon jeden Lobpreis wert. In Vers 4 lesen wir einen regelrechten Missionsauftrag. Was Gott an uns Gutes getan hat, muss weitererzählt werden bei den umliegenden Völkern. Freude muss geteilt werden! Und durch die Verkündigung des Namens Gottes werden auch die anderen Völker zum Glauben an diesen Gott des Heils kommen.
Auch Vers 5 ist in dieser Linie zu lesen. Gottes Heilstaten ziehen als einzig angemessene Reaktion den Gesang für Gott nach sich. Die ganze Erde möge von diesem Gott erfahren! Es erinnert uns sehr an die Worte Jesu vor seiner Himmelfahrt. Die Apostel sollen in die ganze Welt hinausgehen und alle Menschen zu seinen Jüngern machen. Dieser Sendungsauftrag hat somit eine lange Vorgeschichte!
Zum Schluss erfolgt ein weiterer Lobpreisaufruf, denn Gott in ihrer Mitte ist groß. Die „Bewohner Zions“ können unterschiedlich ausgelegt werden. Es meint wörtlich zunächst die Bewohner Jerusalems zur Zeit dieser Prophezeiung. Zugleich betrachten wir es tiefer und erkennen die Bewohner Zions zur Zeit Jesu. Er ist wahrlich Gott in ihrer Mitte. Wenn er real bei ihnen ist, ist der Bräutigam zur Braut gekommen. Das kann keine Trauerzeit sein, sondern ist Grund zur Freude! Der Tempel ist noch da, aber bald ist er zerstört. Gott ist dann aber in eucharistischer Form in ihrer Mitte – bis heute! „Zion“ ist dann nicht mehr das in Trümmern liegende Jerusalem, das durch die Römer zerstört worden ist, sondern die Kirche. Sie ist der Bau, der aus lebendigen Steinen besteht – die Gemeinschaft der Gläubigen. In ihrer Mitte ist Christus real gegenwärtig in den eucharistischen Gestalten. Wir sehen ihn nicht mehr als Menschen, doch er ist genauso präsent wie damals. Wenn uns dies einmal bewusst wird, können wir nicht mehr anders als in der Heiligen Messe voller Lobpreis im Herzen und auf den Lippen zu verweilen. Eucharistie ist Danksagung. Wir preisen in der Messe Gott für seine Heilstaten auf intensivste Weise. Und wenn wir im Stand der Gnade sind, wohnt Gott mitten in uns. Er nimmt Wohnung in unserer Seele, wenn wir getauft werden. Bemühen wir uns, diesen inneren Tempel nicht zu verunreinigen, und preisen wir den Herrn Tag für Tag! Tun wir dies nicht nur mit unseren Lippen, sondern führen wir ein entsprechendes Leben!

Lk 1
39 In diesen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa.
40 Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet.
41 Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt
42 und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.
43 Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?
44 Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.
45 Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.
46 Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn
47 und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
48 Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
49 Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig.
50 Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
51 Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;
52 er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
53 Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.
54 Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen,
55 das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.
56 Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück.

Alles, was wir bisher gehört haben, läuft auf das heutige Evangelium hinaus: Maria besucht ihre Verwandte Elisabet, die ja im sechsten Monat schwanger mit Johannes dem Täufer ist.
Als Maria ins Haus kommt und Elisabet begrüßt, hüpft das Kind in ihrem Leib. Elisabet wird vom Heiligen Geist erfüllt und tut das, zu dem der Gesang aus Jes 12 auffordert: Sie unternimmt einen Lobpreis. Dabei segnet sie Maria, die sie als die Muttergottes erkennt. Es ist bemerkenswert, dass sie sich selbst niedriger einstuft als Maria („Wer bin ich…“). Das ist insofern besonders, als sie nach jüdischer Vorstellung eigentlich höher steht. Sie ist ja älter als Maria. Elisabet beginnt den Lobpreis, nachdem sie gemerkt hat, dass ihr ungeborenes Kind den Messias preist. Das heißt, dass ein ungeborener Mensch der erste ist, der den Messias erkennt! Wie kann man da noch sagen, dass Johannes der Täufer noch kein Mensch ist? Elisabet erkennt dadurch, dass Maria selbst ein Kind erwartet. Das ist bis dahin noch keinem bekannt gewesen.
Jesus kehrt in das Haus des Zacharias ein, auch wenn er noch nicht geboren ist. Das erkennt schon das andere ungeborene Kind. Es kommt noch besser. Im Hohelied gibt es eine Textstelle, in der es heißt, der Geliebte „springt über die Berge und hüpft über die Hügel“ (Hld 2,8). Maria geht ins Bergland von Judäa, um ihre Verwandte zu besuchen. Sie bringt den „Geliebten“ tatsächlich in die Berge und Hügel!
Auch die Verheißungen aus Zefanja realisieren sich in dieser Situation: Freuen und jubeln kann sich heute Elisabet, denn der HERR ist in ihrer Mitte. Maria hat ihn zu ihr gebracht. Es handelt sich gleichsam um das erste Fronleichnamsfest, denn das Allerheiligste wird in der ersten Monstranz zu den Menschen gebracht. Nicht nur Maria wird so zur Tochter Zion, in deren Mitte, nämlich in ihrem Leib, der Messias heranwächst, sondern auch ihre Verwandte und auch Johannes der Täufer.
Elisabet erkennt, dass die Personifikation der Tochter Zion ihre Verwandte Maria ist. Sie ist ganz anders als alle anderen Frauen. Sie trägt kein normales Kind unter ihrem Herzen, sondern den Messias, Gott den HERRN. Sie erkennt Marias Glauben an die gute Vorsehung Gottes. Sie erkennt, dass Maria wirklich darauf vertraut hat, dass Gottes Ratschluss immer auf das Heil hinausgeht und dass Gott sein Versprechen hält.
Was wir heute nicht mehr hören, was sich aber an Elisabets Worte anschließt, ist das Magnificat. Maria, die Tochter Zion, preist Gott mit Worten der Heiligen Schrift für die großen Taten, die er seinem ganzen Volk erwiesen hat. Sie betet stellvertretend für das ganze Volk, wodurch ihre Identität als Tochter Zion ganz und gar offenbar wird.

Freuen wir uns heute gemeinsam mit Elisabet und mit ihrem ungeborenen Kind, dass Gott sich entschlossen hat, an die Schwelle des Hauses Israels zu treten. Danken wir Gott, dass er bereit war und ist, durch die Schwelle der Ewigkeit einzutreten in unser Dasein, um ganz bei uns zu sein in der Eucharistie. Danken wir Gott, dass er sogar noch weiter geht und bereit ist, durch unseren Kommunionempfang über die Schwelle unserer Seele zu treten, um sich mit ihr zu vereinen. Möge Gott in jedes Haus eintreten und mögen die Menschen ihm dafür auch die Türe öffnen!

Ihre Magstrauss

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