19. Sonntag im Jahreskreis

1 Kön 19,9a.11-13a; Ps 85,9-10.11-12.13-14; Röm 9,1-5; Mt 14,22-33

1 Kön 19
9 Dort ging er in eine Höhle, um darin zu übernachten. Doch das Wort des HERRN erging an ihn: Was willst du hier, Elija?
11 Der HERR antwortete: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den HERRN! Da zog der HERR vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem HERRN voraus. Doch der HERR war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der HERR war nicht im Erdbeben.

12 Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der HERR war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.
13 Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.

Wir hören heute als erste Lesung die Geschichte des Propheten Elija. Isebel, die Frau des Königs Ahabs, trachtet ihm nach dem Leben wegen der vergangenen Ereignisse. Deshalb flüchtet Elija in die Wüste und will aufgeben. So kommt er an den Gottesberg Horeb, bei dem er sich in eine Höhle zurückzieht.
Gott möchte sich dem Propheten offenbaren und fordert ihn deshalb dazu auf, sich auf den Berg zu stellen. Es kommt ein heftiger Sturm, danach ein Erdbeben und danach ein Feuer. Diese kosmischen Zeichen begleiten scheinbar die Gegenwart Gottes, doch wider Erwarten kommt Gott mit diesen Phänomenen gar nicht. So zeigt Gott Elija und auch uns, dass er sich erstens nicht unseren Erwartungen anpasst, sondern immer der ganz andere und Unerwartete ist. Zweitens zeigt er dadurch, dass Gottes Allmacht die Freiheit hat, sich gerade nicht in den spektakulärsten Zeichen zu offenbaren. Das wird sich mit seiner Menschwerdung am intensivsten zeigen, wenn er nämlich als kleines wehrloses Baby in einer heruntergekommenen Höhle zur Welt kommen wird. An Pfingsten kommt der Geist Gottes in einem Sturm und Brausen. Hier aber kommt Gottes Gegenwart in einem leisen Säuseln. Wenn wir später betrachten, wie sich Gottes Macht in den Taten Christi zeigt, werden wir auch oft diese unspektakuläre oder leise Form erkennen. Dann muss sich ein Blinder waschen gehen und kann dann plötzlich sehen. Oder Jesus wirkt Fernheilungen, bei denen die spektakuläre Note auch ganz wegfällt. Auch in unserem Leben nehmen wir das Wirken Gottes immer ganz unterschiedlich wahr. Mal passieren heftige Wunder vor unseren Augen, mal müssen wir mehrmals hinschauen, um Gottes Handschrift in einem vergangenen Ereignis zu erkennen.
Elija jedenfalls versteht, dass Gott nun kommt. Deshalb verhüllt er sein Gesicht mit dem Mantel. Gottes Herrlichkeit anzuschauen, würde für ihn den Tod bedeuten. Deshalb muss er dies tun. Er stellt sich vor den Höhleneingang. Er darf Gottes Herrlichkeit nicht schauen. Auch Mose darf das nicht und erhascht zumindest einen Blick auf Gottes „Rücken“. Umso schöner ist es, dass wir Gott in der Eucharistie anblicken dürfen! Auch hier liegt der Schleier darauf, doch am Ende der Zeiten oder nach unserem Tod werden wir Gott unverhüllt schauen wie er ist. Wie überwältigend ist es dagegen, dass drei der Apostel Jesu ihn in verklärter Form auf dem Tabor sehen dürfen! Und ausgerechnet Mose und Elija sind bei ihm!

Ps 85
9 Ich will hören, was Gott redet: Frieden verkündet der HERR seinem Volk und seinen Frommen, sie sollen sich nicht zur Torheit wenden.
10 Fürwahr, sein Heil ist denen nahe, die ihn fürchten, seine Herrlichkeit wohne in unserm Land.

11 Es begegnen einander Huld und Treue; Gerechtigkeit und Friede küssen sich.
12 Treue sprosst aus der Erde hervor; Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder.
13 Ja, der HERR gibt Gutes und unser Land gibt seinen Ertrag.
14 Gerechtigkeit geht vor ihm her und bahnt den Weg seiner Schritte.

Als Antwort beten wir Psalm 85, der für die jüdische Liturgie bestimmt war. Es geht in diesen Versen um die Bitte um Gerechtigkeit.
„Ich will hören, was Gott redet“ ist ein Ausdruck der Bereitschaft des Beters. Gottes Willen anzuhören und nicht verstockt zu sein, ist eine wichtige Zusage an Gott. Es ist ein: „Rede HERR, dein Diener hört“ in Psalmensprache. Die Selbstaufforderung ist als Psalmenanfang ja häufig belegt. Gott verkündet seinem Volk den Frieden, das ist so eine große Verheißung, dass ihre Ablehnung eine einzige Torheit darstellt, einen absoluten Leichtsinn. Wer einen gesunden Menschenverstand besitzt, kann nur so reagieren. Wie kann man einen großen Schatz links liegen lassen und stattdessen im Kuhfladen herumstochern?
Im Folgenden hören wir von Heilsverheißungen: Huld und Treue begegnen einander. Das Begriffspaar wird üblicherweise auf Gott bezogen. Sie sind seine Eigenschaften. Ebenso kommen „Gerechtigkeit und Friede“ von Gott. Wenn hier bildlich-poetisch gesagt wird, dass sie sich küssen, meint das ihre Verbindung. Ich habe schon öfter erklärt, dass dem umfassenden Heil eine Gerichtsvollstreckung vorausgeht. Beides gehört zusammen. Gericht und Heil sind zwei Seiten einer Medaille. Der Friede des Gottesreiches kommt, nachdem alles Böse vernichtet und gerichtet worden ist. Es hat im Reich Gottes keinen Platz. Gottes Gerechtigkeit ist nicht als etwas Böses und Angsterfüllendes anzusehen, sondern als Erlösung von den Ungerechtigkeiten dieser Welt. Bedrohlich ist es nur für jene, die bis zum Schluss Gott abgelehnt haben. Diese erhalten dann ihre finale Abrechnung.
„Treue sprosst aus der Erde hervor“ ist eine wunderbare poetische Formulierung, die verdeutlicht: Egal, wie sehr nun alles in Trümmern liegt und zerstört ist – Gott ist dennoch treu und hält fest an dem Bund, den er mit seiner Braut geschlossen hat. Die Treue sprosst aus der Erde hervor, denn die Wurzeln sind trotz der Verwüstung intakt geblieben. Auch wenn die Bäume abgehauen worden sind (was ein Gerichtsbild ist, das auch Johannes der Täufer aufgreifen wird), wächst aufgrund der gebliebenen Wurzel ein neuer Baum hervor.
„Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder“ ist wie bereits oben beschrieben keine bedrohliche Aussage, sondern ein tröstlicher Satz. Gott ist der Zustand auf Erden nicht egal. Er kümmert sich um seine Schöpfung und greift ein, wo Ungerechtigkeit herrscht. Er blickt vom Himmel herab, der sein „Wohnort“ ist, das heißt trotz seiner Existenz in der Ewigkeit sieht er alles, was im Diesseits geschieht. Das ist eine Aussage gegen deistische Konzepte.
Was von Gott kommt, ist immer gut. Auch das Gericht ist etwas Gutes, weil ohne es das umfassende Heil nicht kommen kann. Er gibt Gutes auch schon im Diesseits, indem er zum Beispiel für eine gute Ernte sorgt. Das ist Ausdruck seines Segens für die Menschen.
„Gerechtigkeit geht vor ihm her und bahnt den Weg seiner Schritte.“ Wie mehrfach gesagt kann Gott erst unter den Menschen wohnen im Himmlischen Jerusalem, wenn seine Gerechtigkeit alles Böse vernichtet, die gefallene Schöpfung komplett auf Null gebracht und eine neue Schöpfung hervorgebracht hat. Weil Gott der Gute ist, kann nichts Böses in seiner Gegenwart bestehen.
Für uns bedeutet diese wiederholte Aussage ganz konkret: Der ganze Zustand in unserer Welt muss erst immer schlimmer werden, weil es wie die Geburtswehen ist, die dem Glück des geborenen Kindes vorausgehen. Diese werden auch immer stärker, bis das Kind endlich kommt. Es ist für uns in dieser Welt also sehr schmerzhaft und wird immer schlimmer, aber wir wissen, dass mit zunehmender Drastik das Kommen unseres Herrn immer näherrückt.

Röm 9
1 Ich sage in Christus die Wahrheit und lüge nicht und mein Gewissen bezeugt es mir im Heiligen Geist:

2 Ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz.
3 Ja, ich wünschte selbst verflucht zu sein, von Christus getrennt, um meiner Brüder willen, die der Abstammung nach mit mir verbunden sind.
4 Sie sind Israeliten; ihnen gehören die Sohnschaft, die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse; ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen;
5 ihnen gehören die Väter und ihnen entstammt der Christus dem Fleische nach. Gott, der über allem ist, er sei gepriesen in Ewigkeit. Amen.

In der zweiten Lesung beginnt Paulus das neunte Kapitel, in dem er über sein eigenes Leben erzählt. Die Einleitung in diese Autobiographie besteht aus einer kleinen Trauerrede über Israel.
Er betont ausdrücklich, dass er mit seinen Ausführungen des Briefes die Wahrheit sagt. Das muss er deshalb immer wieder tun, weil ein Konflikt im Hintergrund des Briefes steht. Es gibt Kräfte, die seine apostolische Sendung und Heidenmission infrage stellen. Dieser Konflikt ist im Galaterbrief besonders akut geschildert. Und nun bereitet er ja mit dem Römerbrief sein Kommen nach Rom vor, wobei er den römischen Christen als Missionar noch nicht bekannt ist. Hier muss er sich also rechtfertigen und gut vorstellen. Er stellt auch klar, wie seine Ansichten sind, damit er nicht missverstanden wird. So ordnen wir den ersten Vers in diese Richtung ein.
Er trauert und leidet wegen Israel. Er sagt sogar – und das ist ein rhetorischer Schachzug – er möchte verflucht und von Christus getrennt sein um seiner Brüder willen. Was bedeutet das und warum sagt er solch blasphemisch klingenden Worte? Die Bezeichnung „Brüder“ meint seine jüdischen Geschwister, zu denen er selbst gehört. Er ist ja selbst aus dem Hause Israel und ausgebildeter Pharisäer. Er sagt diese drastischen Worte, um die Römer erkennen zu lassen, wie sehr er mit den Juden noch solidarisch verbunden ist. Er ist zwar nun Christ, aber die jüdischen Geschwister liegen ihm weiterhin am Herzen. Und sie sind ihm so wichtig, dass er alles für sie tun würde. Das möchte er herausstellen, damit er nicht als Judenhasser missverstanden wird. Er spricht sich ja in den Kapiteln zuvor die ganze Zeit dafür aus, dass die Torah in ihrer rechtfertigenden Funktion durch die Erlösung Jesu Christi entkräftet worden ist. Er möchte hier also betonen, dass er nichts gegen das Judentum hat und ja selbst von ihm abstammt.
Er spricht weiterhin darüber, welchen Wert und welche besondere Erwählung die Juden haben, damit keiner ihn dahingehend missversteht, dass der Alte Bund aufgehoben wäre. Die Juden sind nicht aus dem Heilsplan Gottes herausgefallen. „Ihnen gehören die Sohnschaft, die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse“. Das ist nicht zu leugnen. Gott hat ihnen die Torah gegeben (bei Paulus immer „Gesetz“), Gott hat ihnen durch Mose die Liturgie geschenkt, die vielen Verheißungen durch die Propheten. Ihnen gebührt eine Ehre, die auch durch den Neuen Bund nicht genommen ist. Die „Väter“, also die Heilsgestalten des Alten Testaments, kommen von den Juden, selbst Christus ist als Jude in diese Welt gekommen. Also kann man nicht anders, als die Juden in ihrer ganz besonderen Ehre anzuerkennen. Auch Paulus mit seiner Heidenmission, mit seinem Plädoyer für ein christliches Leben ohne Reinheitsgebote und Beschneidung möchte nichts von der Torah abschaffen. Er möchte nicht gegen sie hetzen, sondern die neue Epoche der Heilsgeschichte, die fleischgewordene Torah verkünden.

Mt 14
22 Gleich darauf drängte er die Jünger, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken.

23 Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um für sich allein zu beten. Als es Abend wurde, war er allein dort.
24 Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind.
25 In der vierten Nachtwache kam er zu ihnen; er ging auf dem See.
26 Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.
27 Doch sogleich sprach Jesus zu ihnen und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!
28 Petrus erwiderte ihm und sagte: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme!
29 Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und kam über das Wasser zu Jesus.
30 Als er aber den heftigen Wind bemerkte, bekam er Angst. Und als er begann unterzugehen, schrie er: Herr, rette mich!
31 Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
32 Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind.
33 Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du.

Im Evangelium hören wir von einer Lektion, das Gottvertrauen zu lernen. Nach der wunderbaren Speisung der 5000 „drängt“ Jesus seine Jünger heute, mit einem Boot ans andere Ufer zu fahren. Das Verb ἀναγκάζω anangkazo heißt „zwingen, überzeugen, beweisen“ und muss hier so verstanden werden, dass Jesus sich durchsetzt, obwohl die Jünger davon nicht so begeistert sind. Entweder klingt noch nach, dass Jesus zuvor etwas Absurdes von ihnen verlangt hat („gebt ihr ihnen zu essen“), sodass sie immer noch verwirrt vom Wunder sind, oder es ist etwas ganz anderes, was sehr an das Taborereignis erinnert: Sie wollen nicht weg, weil es so schön ist. Sie haben mit dem Wunder der Speisung von 5000 Gottes Herrlichkeit erahnt und wollen diesen wunderbaren Moment nicht direkt wieder verlassen. Sie sind Augenzeugen der Herrlichkeit Gottes geworden.
Die zweite Erklärung macht mehr Sinn. Warum? Jesus tat die ganzen Wunder im Laufe seines irdischen Lebens ja in erster Linie, damit die Menschen zum Glauben an ihn kommen bzw. gestärkt werden. Seine Jünger werden da keine Ausnahme gebildet haben!
Jesus schickt die Leute nun selbst nach Hause, was die Jünger zuvor ja schon tun wollten. Jesus will von Anfang an niemanden quälen oder das leibliche Wohl vernachlässigen. Das Wunder ist ja nun vollbracht und die Lektion Gottes erteilt worden (die Vorbereitung der Anwesenden auf die Eucharistie und das himmlische Hochzeitsmahl). Jesus wollte die Menschen ja nicht überstrapazieren, indem er sie mitten in die Pampa lockt. Er hat sie genährt – körperlich, aber vor allem seelisch! Nun sollen sie „darüber schlafen“, also alles verarbeiten, was passiert ist.
Dann tut Jesus etwas, das auf den ersten Blick absurd erscheint: Er schickt seine Jünger auf den See, geht selbst aber auf einen Berg. Das muss man richtig verstehen. Jesus zieht sich immer wieder auf einen Berg zurück, um mit seinem Vater zu sein. Jesus könnte es auch anders machen, denn egal, wo er ist, ist er eins mit seinem Vater. Er tut es aber um der Menschen willen. Sie sollen immer wieder die göttlichen Lektionen erteilt bekommen und nach und nach tiefer in das Geheimnis Gottes eintauchen. Seine Jünger sind Juden. Sie wissen aus der Hl. Schrift, dass der Berg der Ort einer besonderen Nähe zu Gott ist. Die wichtigen heilsgeschichtlichen Stationen haben auf einem Berg stattgefunden: Mose erhielt die zehn Gebote auf dem Berg Sinai, Abraham opferte seinen Sohn fast auf einem der Berge im Gebirge Morijah. Die Arche Noahs ging auf einem Berg an Land. Elijah hatte ebenfalls eine Gottesbegegnung am Horeb. Davon haben wir ja in der Lesung gehört. Die Jünger Jesu werden verstanden haben, warum Jesus ausgerechnet nach so spektakulären Wundertaten die Nähe zu seinem Vater sucht. Für uns ist das heute besonders erkenntnisreich: Wir sehen an Jesu Verhalten, wie eine Liebesgemeinschaft mit Gott geht. Wir sollen uns im Gebet mit Gott von seiner Liebe umarmen lassen und dabei unseren „Tank“ auffüllen, mit dem wir dann unseren Mitmenschen barmherzig sein sollen. Gestern lasen wir davon, dass Jesus mit den Menschen Mitleid hatte. Er hat diesen Tausenden seine ganze Liebe geschenkt. Und danach geht er wieder zum Vater und tankt neu auf. So sollen auch wir die Liebe, die wir dem Nächsten schenken, immer wieder vom Herrn holen. Sind wir ganz in seiner Gemeinschaft, werden wir selbst zu einer unerschöpflichen Quelle der Liebe. Andernfalls geraten wir sehr schnell an unsere Grenzen.
Jesus schickt seine Jünger alleine auf den See. Auch das ist eine Lektion für die Jünger. Sie sind ja eigentlich gesättigt von der wunderbaren Speise – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Das war jedenfalls das Ziel der Speisung. Und dann kommt der Gegenwind. Sie nehmen ihre ganze Kraft zusammen, haben aber Probleme, voranzukommen. Gott lässt das zu, nicht weil er sadistisch ist, sondern weil er sie lehren will. Der Unterricht des Tages ist noch nicht zuende. In der vierten Nachtwache, also im Morgengrauen, kommt Jesus auf dem Wasser ihnen entgegen. Ihre Reaktion ist Angst, da sie ihn für ein Gespenst halten. Heute haben wir bereits gelernt, dass Angst nicht vom Hl. Geist ist. Wir brauchen keine Angst zu haben, wenn wir in der Liebe Gottes leben. Deshalb sagt Jesus diesen wichtigen und so oft in der Bibel kommenden Satz „Fürchtet euch nicht!“ Mit Jesu Kommen legt sich der Wind. Das sagt etwas über seine Göttlichkeit aus. Die Schöpfung ist ihm untertan.
Petrus ist wie so oft der Wortführer und möchte wie Jesus auf dem Wasser gehen. Dies tut er auch erfolgreich, denn Jesus verleiht ihm die Gnade. Doch dann schaut er um sich und bekommt es mit der Angst zu tun. Wie gesagt. Diese Emotion kommt nicht vom Hl. Geist, weil sie einen Mangel an Gottvertrauen darstellt. Sofort beginnt er, unterzugehen. Uns zeigt es, wie wichtig das Gottvertrauen ist. Wer an Gottes Allmacht zweifelt, der verliert sofort die Gnade Gottes.
Und als Petrus nach Jesu Rettung schreit, hilft dieser ihm sofort, aber mit den tadelnden Worten „du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Petrus hat kurz zuvor noch Jesu göttliche Vollmacht bei dem Speisungswunder bezeugt und hier traut er ihm plötzlich nicht mehr zu, ihn über Wasser zu halten. So schnell bekommen wir Angst, obwohl auch in unserem Leben Gott bereits so viele bewirkt hat.
Wir fassen noch einmal zusammen: Jesus tut das Speisungswunder, was an die Eucharistie erinnert. Er bereitet seine Jünger auf den Neuen Bund vor, den er beim letzten Abendmahl beginnen und am Kreuz vollenden würde. Dass er dann direkt zum Berg geht und die Jünger alleinlässt, ist demnach die Vorbereitung der Jünger auf die Zeit nach seinem Tod. Er will sie dafür sensibilisieren, dass er sie durch den Kreuzestod für eine kurze Zeit alleine lassen würde, nur um in der „vierten Nachtwache“ von den Toten aufzuerstehen! Er geht auf dem Wasser, um sie darauf vorzubereiten, wie er als Auferstandener die Naturgesetze überwinden und in verschlossenen Räumen erscheinen wird. Er kommt zu ihnen zurück und mit seiner Gegenwart verschwinden ihre Probleme schlagartig. All das hätte sie zur Einsicht oder zumindest zur Erahnung führen sollen, wer Jesus und wer Gott ist.
Jesus will ihnen durch die Lektion noch etwas anderes lehren: Er will sie darauf vorbereiten, was die Eucharistie bedeuten wird. Sie ist seine Gegenwart, auch wenn sie ihn in jetziger Gestalt nicht mehr sehen. Durch diese Gegenwart soll sich ihr Verhalten auch ändern. Sie sollen verstehen, dass er da ist und dass sie ihm genauso vertrauen können, wie als er in Menschengestalt bei ihnen war. Als Jesus zu ihnen ins Boot steigt, vertrauen sie ihm immer noch nicht, sondern sind immer noch bestürzt und fassungslos. Noch sind sie nicht bereit, den Kern der Eucharistie zu verstehen.
Wir lesen die Lektion mehrdimensional. Die Speisung und die sich anschließende Episode erinnert auch an die Fortsetzung: Jesus hinterlässt der Kirche ein Testament, nämlich seinen eigenen Leib. Dann geht er heim zum Vater und beauftragt seine Kirche, in seinem Namen die Verkündigung der frohen Botschaft fortzusetzen. Das Boot/Schiff ist nicht umsonst eine gängige Metapher für die Kirche. Die Gemeinschaft der Gläubigen auf dem Boot müht sich ab in den Stürmen und Gegenwinden der Welt. Sie ist ohne Christus ganz verloren. Vielleicht deutet diese Episode schon die ängstliche Verbarrikadierung der Jünger Jesu an, die erst mit dem Kommen des Hl. Geistes den Mut erhalten, hinauszugehen und das Wort Gottes zu verkündigen. Es lehrt uns heute als Kirche jedenfalls eine deutliche Lektion. Wo wir versuchen, das Boot der Kirche zu steuern, ohne dass Jesus mit im Boot ist, ist unser Schiffbruch vorprogrammiert. Die Gegenwinde sind zu stark, als dass wir aus unserer eigenen Kraft dagegen anrudern könnten. Das betrifft jede Zeit. So war es bei den ersten Christen, so ist es auch gerade heute in den Wirren der Gegenwart. Überlassen wir auch heute als Kirche dem Herrn das Ruder, damit er uns sicher ans andere Ufer bringt, nämlich in das himmlische Jerusalem zum Vater. Die Bootsfahrt der Jünger von einem Ufer ans andere versinnbildlicht somit unsere jetzige Epoche der Kirche von Jesu Bundesschluss bis hin zum Ende der Zeiten. Wir sind in dieser Endzeit und steuern in ganz schlimmen Stürmen auf das andere Ufer zu. Ohne Jesu Gegenwart, das heißt ohne die Eucharistie, sind wir verloren. Falls wir nicht Schiffbruch erleiden, landen wir irgendwo anders, aber nicht im Himmel…Das ist so auch mit jedem einzelnen Menschen, der von einem Ufer ans andere segelt auf dem See seines Lebens. Wir erleiden im Laufe unserer Lebenszeit so viele Stürme und ganz viel Widerstand auf dem Weg zum Himmelreich. Der Böse will uns dort nicht sehen, sondern tut alles daran, dass wir Schiffbruch erleiden. Deshalb versucht er uns immer wieder, damit wir in Sünde fallen. Selbst die „Kleinigkeiten“ bohren winzige Löcher ins Boot, die mit der Zeit immer mehr aufbrechen, Wasser ins Boot laufen lassen und das Schiff zum Sinken bringen können. Rudern wir dann aus eigener Kraft wie wild dagegen an, werden wir höchstens aufgerieben und erschöpft. Irgendwann hören wir dann vielleicht sogar auf zu rudern und werden in die entgegengesetzte Richtung getrieben. Sind wir aber in Gemeinschaft mit Gott, steigt Jesus also zu uns ins Boot, dann muss er nur einmal schnippen und die Stürme legen sich. Laden wir stets Jesus in unser Boot, dann werden wir keinen Schiffbruch erleiden!
Schließlich lesen wir die Bootsepisode anagogisch. Jesus kommt am Ende der Zeiten, also in der letzten Nachtwache, unserem Boot der Kirche bzw. der gesamten Menschheit entgegen. Seine Herrlichkeit wird viele Menschen in Furcht bringen. Wir sollen aber keine Angst haben, sondern unsere Häupter erheben, denn „die Erlösung ist nahe“. Der verherrlichte Menschensohn ist unsere Erlösung, nicht unser Untergang. Wir haben nichts zu befürchten, wenn wir in einer Liebesgemeinschaft sind. Das mussten die Jünger damals noch lernen, das müssen auch wir heutzutage noch lernen. Deshalb steht der schon genannte Satz so oft in der Bibel, nämlich 365 Mal: Hab keine Angst. Er steht für jeden Tag in der Hl. Schrift, damit wir das nie vergessen.

Heute lernen wir ganz viele verschiedene Dinge. Wir hören davon, dass Gott sich nicht in Schubladen stecken lässt, sondern stets die Freiheit hat, sich so zu offenbaren, wie er es will. Er ist immer wieder der Unerwartete. Wir lernen, dass Gott manchmal züchtigen muss, damit wir für sein unvergängliches Heil bereitgemacht werden. Wir lernen, dass Gericht und Heil zusammengehören. Auch lernen wir heute die unvergleichliche Würde des Volkes Israel kennen, deren Bundesschluss mit Gott ewig fortbesteht trotz des Neuen Bundes. Und schließlich hören wir davon, wie wichtig das Gottvertrauen und wie entscheidend Christi Gegenwart in unserem Boot ist. Da haben wir nun einiges zu verdauen, aber die Nährstoffe für unsere Seele sind sehr reichhaltig.

Ihre Magstrauss

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