Dienstag der 19. Woche im Jahreskreis

Ez 2,8 – 3,4; Ps 119, 14 u. 24.72 u. 103.111 u. 131; Mt 18,1-5.10.12-14

Ez 2-3
8 Du aber, Menschensohn, höre, was ich zu dir sage. Sei nicht widerspenstig wie das Haus der Widerspenstigkeit! Öffne deinen Mund und iss, was ich dir gebe!
9 Und ich schaute und siehe: Eine Hand war ausgestreckt zu mir; und siehe, in ihr war eine Buchrolle.
10 Er rollte sie vor mir auf. Sie war innen und außen beschrieben und auf ihr waren Klagen, Seufzer und Weherufe geschrieben.
1 Er sagte zu mir: Menschensohn, iss, was du vor dir hast! Iss diese Rolle! Dann geh, rede zum Haus Israel!
2 Ich öffnete meinen Mund und er ließ mich jene Rolle essen.
3 Er sagte zu mir: Menschensohn, gib deinem Bauch zu essen, fülle dein Inneres mit dieser Rolle, die ich dir gebe! Ich aß sie und sie wurde in meinem Mund süß wie Honig.
4 Er sagte zu mir: Menschensohn, mach dich auf, geh zum Haus Israel und sprich mit meinen Worten zu ihnen!

Heute beginnt eine Reihe von Lesungen aus dem Buch Ezechiel. Dieser große Prophet wirkte in der Zeit des Babylonischen Exils und hat viele heilsgeschichtlich entscheidende Visionen geschaut. Wir lesen viele messianische Texte und etliche Elemente werden in der Johannesoffenbarung wieder aufgegriffen.
Der Prophet wird oft als Menschensohn bezeichnet. Jesus wird über sich selbst „Menschensohn“ sagen und damit seine Nachkommenschaft von Adam ausdrücken.
Ezechiel soll nicht widerspenstig sein wie „das Haus der Widerspenstigkeit“. Das heißt er soll nicht so verstockt sein wie das Haus Israel, vor allem Juda, das jetzt die Konsequenzen dieser Fehlhaltung im Exil tragen muss. Und dann trägt sich etwas zu, das auch in der Johannesoffenbarung passieren wird: Gott reicht dem Propheten eine Buchrolle, die er essen soll.
Gott entrollt die Buchrolle vor dem Propheten, sodass dieser ihren Inhalt erkennen kann: „Sie war innen und außen beschrieben und auf ihr waren Klagen, Seufzer und Weherufe geschrieben.“ Dadurch, dass sie auf beiden Seiten beschrieben ist, wird das Übermaß an Leiden deutlich, das das Volk erleiden muss. Dass diese Dinge aufgeschrieben sind, beweist dem Propheten, das nichts bei Gott ungehört bleibt. Er weiß um jeden Klageschrei und jeden Seufzer. Es könnte aber auch so verstanden werden, dass es nicht die Klagen, Seufzer und Weherufe des Volkes, sondern Gottes darstellen. Dann ist es Gottes eigene Botschaft, die er für das Haus Israel hat.
Der Prophet soll die Buchrolle essen, was für prophetische Zeichenhandlungen typisch ist. Der Prophet soll die Leiden des ganzen Volkes in sich aufnehmen, sie gleichsam verdauen, und erst dann seinen Auftrag am Haus Israel ausführen. Er soll sich das Leiden seines Volkes ganz vor Augen führen, weil Gott das getan hat. Er ist der erste, der das Leiden seiner geliebten Kinder ganz „im Herzen trägt“. Wenn die Klagen, Seufzer und Weherufe sich auf Gott beziehen, ist es die Botschaft Gottes, die Ezechiel zunächst durch das eigene Herz gehen lassen muss, bevor er sie dem Volk verkünden kann. Schließlich ist es die Botschaft, die Ezechiel von da an verbreiten wird und die wir in den kommenden Kapiteln lesen werden.
So geschieht es also, dass Ezechiel die Buchrolle isst und Gott ihm sagt: „Gib deinem Bauch zu essen, fülle dein Inneres mit dieser Rolle, die ich dir gebe!“ Unabhängig davon, was Gott uns gibt, sollen wir seine Gaben grundsätzlich durchs Herz gehen lassen und unser Inneres damit füllen. Denn was Gott gibt, ist immer gut.
Die Buchrolle schmeckt dem Propheten süß wie Honig. Das heißt, dass der Inhalt der Buchrolle ihm gut bekommt. Da Gott ihm anschließend aufträgt, mit dessen Worten zum Haus Israel zu gehen, können wir sehr stark annehmen, dass der Inhalt der Buchrolle die Klage Gottes darstellt, nicht des Volkes.
Gott beruft ihn zu seinem Dienst im weiteren Verlauf des dritten Kapitels. Er warnt den Propheten vor, dass das Volk Israel sehr stur und trotzig ist. Er wird so seine Schwierigkeiten haben, ihr Gehör zu bekommen.

Ps 119
14 Am Weg deiner Zeugnisse habe ich Freude, wie an jeglichem Reichtum.
24 Deine Zeugnisse sind mein Ergötzen, sie sind meine Berater.
72 Gut ist für mich die Weisung deines Munds, mehr als große Mengen von Gold und Silber.
103 Wie süß ist dein Spruch meinem Gaumen, meinem Mund ist er süßer als Honig.
111 Deine Zeugnisse sind auf ewig mein Erbland, denn sie sind das Entzücken meines Herzens.
131 Meinen Mund tat ich auf und lechzte, nach deinen Geboten habe ich Verlangen.

Als Antwort auf die Berufungsvision Ezechiels beten wir Psalm 119, den längsten Psalm des Psalters. Dort geht es ja um den lebenslangen Wandel nach Gottes Geboten.
Der Gerechte hat Freude „am Weg deiner Zeugnisse“. Es ist der Lebensweg im Bundesverhältnis mit Gott. Er offenbart sich seinem Volk und beweist ihm anhand von vielen Heilstaten immer wieder, dass er treu ist. Er zeigt seiner geliebten Braut, dass er nur das Beste für sie will. Er tut alles für sie und zeigt seine Allmacht in den spektakulären Wundern. Der Weg der Zeugnisse ist für den Gerechten so kostbar wie jeglicher Reichtum. Gemeinschaft mit Gott zu haben, ist der größte Reichtum.
Dann beten wir Vers 24, den wir an anderer Stelle schon einmal als eher ungünstig übersetzt thematisiert haben. Statt „Ergötzen“ sollte man mit Freude oder Wonne übersetzen. Ergötzen kommt von Götze. Man ergötzt sich an etwas Negativem, nicht an Gott. Was dadurch ausgesagt werden soll: Die Gebote (das hebräische Wort für „Zeugnisse“ kann auch mit „Gebote“ übersetzt werden, was in diesem Kontext besser passt) sind keine Bürde, sondern vielmehr eine Erleichterung. Sie verhelfen dem Menschen zu einem gelungenen und glücklichen Leben. Sie sind also erstrebenswert und keine Pflichtübung. Sie sind zudem Berater, das heißt, sie helfen, die richtigen Entscheidungen im Leben zu treffen. Das Halten der Gebote Gottes stellt nämlich stets die Entscheidung für Gott dar.
Gottes Wille ist wertvoller als Gold und Silber. Er birgt einen Schatz, der mit nichts Irdischem zu vergleichen ist. Es ist ein Schatz, der nie vergeht und der uns zum ewigen Leben führt. Gold und Silber können wir in die Ewigkeit nicht mitnehmen.
„Wie süß ist dein Spruch meinem Gaumen, meinem Mund ist er süßer als Honig.“ Diese Aussage führt uns zurück zur Lesung, denn Gottes Wort muss auch vom Psalmenbeter und von jedem Gläubigen, auch von uns heute, verdaut werden. Wir müssen es in uns aufnehmen und seine „Nährstoffe“ in uns aufnehmen. Es muss in unser Mark und Bein übergehen, ein Teil von uns werden. In dieser Hinsicht ist es eine Vorstufe dessen, was sich mit der Hl. Eucharistie erfüllt: Das fleischgewordene Wort Gottes, Jesus Christus selbst, gibt sich uns zur Speise, damit wir ihn in uns aufnehmen, seine Gnade in unseren Leib übergeht und wir selbst immer mehr zum Leib Christi werden. Und das Wort Gottes ist süßer als Honig, weil es für uns Heil erwirkt. Es schmeckt uns dann bitter oder sauer, wir reagieren vielleicht sogar allergisch darauf, wenn in uns etwas nicht in Ordnung ist. Dann bewirkt das Wort Gottes Heilung von unserer Krankheit, von unserer Sünde, unseren Wunden, von allem, was bei Gott keinen Bestand hat. Wenn es zu solchen Reaktionen kommt, liegt es aber nicht am Wort Gottes, sondern am Menschen. Wir sollen es aber an uns aushalten, auch wenn es schwer verdaulich ist. Denn ohne das Wort Gottes können wir nicht überleben und gesund werden.
Gottes „Zeugnisse“ sind Erbland. Hier wird auf die Gabe des verheißenen Landes angespielt. Auch an dieser Stelle kann man statt „Zeugnisse“ besser „Gebote“ übersetzen. Die Gebote Gottes sind Erbland, sie sind Heimat. Bei Gott sind wir zuhause und nach unserem Tod gehen wir hoffentlich ein in die ewige himmlische Heimat, in das verheißene himmlische Jerusalem, das uns dann keiner mehr wegnehmen kann.
Jeder Mensch, ob er es realisiert oder nicht, lechzt nach Gottes Geboten. Er ist Abbild Gottes und braucht diese Nahrung. Wie sehr fixiert sich der Mensch von heute auf das Irdische, auf den Leib und die Vergänglichkeit! Während er seinem Körper nur das beste zu essen gibt, nur die beste Kleidung anzieht, nur das beste Auto fährt und sich hegt und pflegt, verhungert und verdurstet seine Seele, die ewig ist. Wenn der Mensch doch wenigstens ein Mindestmaß an Seelenhygiene besäße! Das würde viele Probleme lösen, denn was den heutigen Menschen am meisten unglücklich macht, ist genau dieser seelische Gnadenmangel – selbstverschuldet. Kommen wir zurück zu ihm und gehen wir den Weg der Gebote Gottes, dann werden wir endlich glücklich sein!

Mt 18
1 In jener Stunde kamen die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist denn im Himmelreich der Größte?
2 Da rief er ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte
3 und sagte: Amen, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.
4 Wer sich so klein macht wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte.
5 Und wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf.
10 Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters.
12 Was meint ihr? Wenn jemand hundert Schafe hat und eines von ihnen sich verirrt, lässt er dann nicht die neunundneunzig auf den Bergen zurück, geht hin und sucht das verirrte?
13 Und wenn er es findet – Amen, ich sage euch: Er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben.
14 So will auch euer himmlischer Vater nicht, dass einer von diesen Kleinen verloren geht.

Im Evangelium geht es heute darum, wer im Himmelreich der Größte ist. Jesus antwortet mit einer Handlung: Er stellt ein Kind in die Mitte der Jünger und sagt, dass wer wie ein Kind wird, ins Himmelreich gelangt. Seine Antwort setzt nicht dabei an, wer dem höchsten Rang besitzt, sondern beim Mindestmaß, mit dem man überhaupt erst einmal hineinkommt. Dadurch möchte Jesus klarstellen, dass die Frage falsch gestellt ist. Bei Gott hat schon einmal keiner Bestand, der sich in einen Rangstreit verwickeln lässt.
Was heißt das aber, wie ein Kind zu sein? Kinder sind voller Vertrauen. Sie machen sich keine tausend Sorgen darüber, wie sie den Lebensunterhalt verdienen oder was sie anziehen sollen. Sie überlassen diese Dinge ganz den Eltern. Sie vertrauen ganz darauf, dass die Eltern sich um sie kümmern und stellen das nicht infrage. Kinder können ihren Unterhalt auch gar nicht verdienen, sondern sind ganz angewiesen. Sie können demütig die Hände aufhalten und empfangen. Sie können sich ganz helfen lassen und auch um Hilfe bitten. Kinder haben noch keinen Reichtum selbst verdient. Sie sind „arm“ und müssen sich alles schenken lassen. Und diese Dinge sollen sich die Gläubigen auch wieder aneignen. Sie müssen das, was sie als Kinder sehr gut beherrschten, wieder neu lernen: Ja, sie können und müssen Geld verdienen, um das tägliche Brot essen zu können, sich ankleiden zu können und für die Familie zu sorgen. Doch das Entscheidende haben sie nicht in der Hand – die Gesundheit, den Arbeitsplatz, die Fähigkeiten und Talente. All diese Dinge schenkt Gott und an seinem Segen ist alles gelegen. Wenn Gott den Menschen segnet, erhält er einen Arbeitsplatz, die Gesundheit und die Fähigkeiten dazu, die Arbeit zu verrichten. Gott schenkt den Reichtum. Der Mensch muss verstehen, dass er nicht alles in der Hand hat, sondern Gott, dem er ganz vertrauen muss. Er muss sich von ihm helfen lassen, seine Gnade in Anspruch nehmen und ihm das Entscheidende überlassen. Der Mensch muss seine eigene Armut erkennen und die leeren Hände vor Gott aufhalten. Dann wird dieser ihm das Heil schenken. Er ist der Vater und durch die Taufe sind wir seine Kinder, seine Erben. Der Mensch darf vor Gott nicht hochmütig sein, das ist der Kern der Sünde. Wer sich vor Gott klein machen kann, den wird Gott in seinem Reich groß machen.
„Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ Kinder waren im Alten Israel sowie zu Jesu Zeiten nichts wert. Sie hatten keine Rechte und wenn sie Waisen waren, verkümmerten sie auf der Straße. Sie gehörten der absoluten Unterschicht an. Jesus dagegen sagt hier also etwas ganz Revolutionäres. Er selbst ist in jedem dieser Rechtlosen. Gott selbst ist gegenwärtig, wo wir die Schwächsten der Gesellschaft aufnehmen, bis heute. Wie schwach und schützenswert ist das Kind bis heute! Und wie sehr wird es den Gefahren ausgesetzt! Wie viel Dreck und Dunkelheit herrscht in unserer heutigen Zeit, wenn wir an Pädophilie, Selektion, Abtreibung denken. Wie viele Fälle von Misshandlungen etc. gibt es…es hat sich eigentlich nichts geändert. Kinder werden bis heute rechtlos behandelt.
Jesus stellt zwar ein Kind in die Mitte der Jünger, aber seine Worte gelten nicht nur für Minderjährige. Er bezieht zugleich alle ein, die rechtlos und in der Gesellschaft am geringsten angesehen sind. Auch die Witwen seiner Zeit sollen nicht verachtet werden. Kein Mensch darf verachtet werden. Denn jeder Mensch hat einen Engel, der Gott schauen darf. Das macht ihn so unendlich wertvoll, dass man ihn eigentlich nur hoch achten kann.
Bei Gott ist jeder Mensch so unendlich wertvoll, als wäre er der einzige auf der Welt. Gott ist bereit, ein einziges verlorenes Schaf so lange zu suchen, bis er es gefunden hat. Natürlich vernachlässigt er die anderen 99 Schafe nicht, weil er Gott ist und mit jedem Menschen so verfährt wie mit dem einen verlorenen. Aber dieses Bild zeigt uns, wie sehr Gott in die Bresche springt, weil er nicht einen seiner geliebten Kinder verlieren möchte. Er geht uns allen so lange nach, bis wir seine Liebe endlich erkennen und ihn zurücklieben. Dann werden wir gerettet und auf ewig in seinem Reich sein.
Jesus erklärt seinen Jüngern dieses Gleichnis, damit sie verstehen, dass es keinen Rang bei Gott gibt in dem Sinne, dass manche Menschen weniger wert sind. Alle sind maximal alles wert. Einen Rangstreit anzufangen, widerspricht somit dem Wesen Gottes komplett.

Gott liebt seine Kinder so sehr, dass ihm die gesellschaftlichen Unterschiede absolut egal sind. Ein Waise ist vor Gott genauso viel wert wie ein König. Das ist die „Struktur“ des Reiches Gottes. Und weil Gott seine Kinder alle gleich liebt, möchte er auch schon im Babylonischen Exil die verlorenen Schafe zurückholen. Auch was wir bei Ezechiel gehört haben, entspricht Gottes liebendem Wesen. Er tut alles, damit seine Kinder ihn zurücklieben, denn dafür sind sie geschaffen worden. Er geht sogar soweit, ans Kreuz geschlagen zu werden, nicht nur jeden Blutstropfen zu vergießen, sondern auch jedes Bisschen Ehre zu verlieren, mit Schande bedeckt zu werden, damit auch das letzte Schaf nicht verloren geht. Das ist der leidenschaftliche Eifer Gottes für uns.

Ihre Magstrauss

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