Mittwoch der 20. Woche im Jahreskreis

Ez 34,1-11; Ps 23,1-3.4.5.6; Mt 20,1-16a

Ez 34
1 Das Wort des HERRN erging an mich:

2 Menschensohn, sprich als Prophet gegen die Hirten Israels, sprich als Prophet und sag zu ihnen, den Hirten: So spricht GOTT, der Herr: Weh den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben! Müssen die Hirten nicht die Schafe weiden?
3 Das Fett verzehrt ihr und mit der Wolle kleidet ihr euch. Das Mastvieh schlachtet ihr, die Schafe aber weidet ihr nicht.
4 Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt, das Kranke habt ihr nicht geheilt, das Verletzte habt ihr nicht verbunden, das Vertriebene habt ihr nicht zurückgeholt, das Verlorene habt ihr nicht gesucht; mit Härte habt ihr sie niedergetreten und mit Gewalt.
5 Und weil kein Hirt da war, zerstreuten sie sich und sie wurden zum Fraß für alles Getier des Feldes, als sie zerstreut waren.
6 Meine Schafe irren auf allen Bergen und auf jedem hohen Hügel umher und über die ganze Erdoberfläche sind meine Schafe zerstreut. Doch da ist keiner, der fragt, und da ist keiner, der auf die Suche geht.
7 Darum, Hirten, hört das Wort des HERRN:
8 So wahr ich lebe, Spruch GOTTES, des Herrn: Weil meine Schafe zum Raub und meine Schafe zum Fraß für alles Getier des Feldes wurden – denn es war kein Hirt da – und meine Hirten nicht nach meinen Schafen fragten, sondern die Hirten sich selbst geweidet und nicht meine Schafe geweidet haben,
9 darum, ihr Hirten, hört das Wort des HERRN:
10 So spricht GOTT, der Herr: Siehe, nun gehe ich gegen die Hirten vor und fordere meine Schafe aus ihrer Hand zurück. Ich mache dem Weiden der Schafe ein Ende. Die Hirten sollen nicht länger sich selbst weiden: Ich rette meine Schafe aus ihrem Rachen, sie sollen nicht länger ihr Fraß sein.
11 Denn so spricht GOTT, der Herr: Siehe, ich selbst bin es, ich will nach meinen Schafen fragen und mich um sie kümmern.

Im heutigen Abschnitt aus dem Buch Ezechiel wird Gottes Wesen als der gute Hirte der Herde Israel thematisiert. Dabei befinden wir uns im 34. Kapitel. Zuvor sind viele Gerichtsworte an Israel ergangen, der zweite Teil des Prophetenbuches ist jedoch eine Sammlung von Heilsverheißungen. Die Strukturierung der Prophezeiungen offenbart uns aufs Neue, dass Gottes Gericht seinem ewigen Heil vorausgehen muss. Denn in seiner Gegenwart hat nichts Böses Bestand.
So soll Ezechiel die Hirten des Volkes kritisieren – wortwörtlich Hirten, die Tiere halten, nicht im übertragenen Sinne irgendwelche führenden Männer, die sich um die Menschen kümmern. Gott kritisiert ihr Verhalten, weil sie nur an sich denken: Sie weiden sich an den Tieren selbst, indem sie die nützlichen Bestandteile der Tiere für sich gebrauchen und Mastvieh schlachten. Doch um die Schafe kümmern sie sich nicht. Sie haben nicht die schwachen Tiere gestärkt, kranke Schade gepflegt, verlorene Schafe gesucht. Das macht aber den guten Hirten aus. Jedes Tier der Herde ist wichtig und es besteht eine Beziehung zu jedem einzelnen Tier der Herde. Diesen Hirten geht es aber nur um die Wirtschaftlichkeit der Herde, sodass die schwachen Tiere ohnehin nichts wert und einer „Investition“ in Zeit, Kraft, Geduld nicht wert sind. Und wenn wir nun weiterlesen, werden wir erkennen, dass Gott doch nicht einfach Hirten mit ihren Schafen meint, sondern Gesellschaftskritik betreibt:
Die Schafe sind die Menschen des Volkes Israel. Sie gehören Gott, deshalb nennt er sie auch „meine Schafe“. Und die führenden Männer des Volkes, die eine Verantwortung übernehmen (die Ältesten der Stämme etc.), sie sind die Hirten als Bedienstete, denen Gott die Menschen anvertraut. Doch sie haben ihre Aufgabe nicht gut umgesetzt. Ihnen ging es wie gesagt um Wirtschaftlichkeit. Sie haben die schwächsten der Gesellschaft nicht gestützt. Ihnen ging es nicht um die Option für die Armen, wie es das Bundesbuch herausstellt, wie es die Torah vorgibt, wie es der Dekalog vorschreibt. Sie haben jene im Stich gelassen, die am Rande der Gesellschaft leben und keine Rechte haben, z.B. Witwen und Waisen. Woher wir wissen, dass Gott mit dem Bild von Hirt und Herde die Menschen meint? Er sagt: „Über die ganze Erdoberfläche sind meine Schafe zerstreut.“ Schon zuvor ging es um die fehlende Hirtensorge, die die ganze Herde in die Zerstreuung führt. Wir denken unwillkürlich an das Babylonische Exil, durch das das Volk zerstreut worden ist. Diese globalen Ausmaße, die das Zitat herausstellt, sind ein Hinweis darauf, dass Gott die gegenwärtige Situation meint, für die vor allem die führenden Männer des Volkes verantwortlich sind.
Weil die Hirten keine Hirtensorge betrieben haben, gibt Gott ihnen durch Ezechiel zu verstehen: „Siehe, nun gehe ich gegen die Hirten vor und fordere meine Schafe aus ihrer Hand zurück.“ Gott verlangt Rechenschaft von den Hirten und nimmt ihnen die Herde weg, weil sie sich selbst geweidet haben. Stattdessen wird er selbst seine Schafe weiden. Diese Aussage könnten wir schon messianisch lesen: Gott selbst wird Mensch werden und inmitten seiner Herde wohnen, um die Menschheit zu retten, wo sie gescheitert ist, ganz nach dem Motto „ich schicke meinen besten Mann – ich komme selbst!“
Der ganze Abschnitt ist in seiner geistlichen Dimension vertieft zu betrachten: Jesus Christus hat sich selbst den Menschen als der gute Hirte vorgestellt und sich damit ganz in die Linie der Hl. Schrift eingeordnet, dernach Gott selbst der gute Hirte ist. Wir werden es in Ps 23 als Antwort beten. Christus ist gekommen, um die Welt aus dem Rachen des Bösen zu befreien, dem schlechtesten Hirten aller Zeiten. Doch seine Handlanger sind immer noch am Werk, auch jetzt, wo Christus zum Vater heimgekehrt ist. Auch jetzt gibt es noch viele schlechte Hirten, die sich selbst weiden, anstatt sich für ihre Herde hinzugeben. Doch auch dies wird ein Ende haben, denn wenn Christus wiederkommt, wird er von jedem dieser „Hirten“ Rechenschaft einfordern. Er wird ihnen die Herde wegnehmen und mit ihnen streng verfahren. Denn sie haben ihre große Verantwortung missbraucht. Deshalb sollten wir für die Hirten unserer heutigen Zeit beten, dass sie sich bekehren und ihre Herde auf den richtigen Weg bringen, bevor es zu spät ist – weil sie sterben und vor den Allmächtigen treten oder weil Christus wiederkommt, bevor sie sterben. So oder so wird sie ein ganz strenges Gericht erwarten, denn ihre Verantwortung für ein ganzes Bistum ist groß. Ihr Einfluss erreicht viele Christen, die sie allesamt entweder Christus näherbringen oder ins Verderben stürzen.
Im übertragenen Sinne müssen wir alle Menschen hier mitdenken, die eine Hirtenaufgabe übernehmen – die Eltern in den Familien, die Mächtigen in Politik und Wirtschaft, all jene, die Einfluss auf viele Menschen ausüben. All jene wird Gott besonders genau unter die Lupe nehmen und sich leidenschaftlich für jene einsetzen, die Opfer ihrer Korruption und Machtgier geworden sind. Das bedeutet letztendlich auch: Keiner von uns ist davon ausgenommen, denn Gott betraut jeden Menschen mit einer Hirtenaufgabe – sei es die Sorge um die eigenen Kinder, um die kranken Eltern, um die Schulklasse, die man als Lehrer unterrichtet etc. Dann wird er uns eines Tages danach befragen, wie wir unsere Verantwortung übernommen haben. Sind wir gute Hirten gewesen, die die schwächsten Schafe gestärkt, die kranken geheilt, die verlorenen gesucht und aus der Herde einfach das beste herausgeholt haben? Oder haben wir nur uns selbst geweidet?

Ps 23
1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.
2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen.
4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.
5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher.
6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Heute beten wir den berühmten Psalm 23. Er passt perfekt zur Lesung, weil in diesem Vertrauenspsalm Gott als Hirte beschrieben wird. Und auch Jesus selbst sagt im Johannesevangelium: „Ich bin der gute Hirte.“ Und zugleich mahnt er an: „Wer von euch der Erste sein will, soll der Diener aller sein.“ David hat diesen Psalm selbst gedichtet und man spürt, dass er diese Haltung selbst ganz gelebt hat. Gottes wunderbare Vorsehung hat alles so gefügt, dass er tatsächlich einen Hirten zum König erwählt hat. Gottes hirtliches Wesen besteht in erster Linie in seiner hingebenden und selbstlosen Liebe. Das ist der entscheidende Aspekt, der den Hirten Israels fehlt. Von ihnen hörten wir in der Lesung.
Gott ist unser Hirte, der uns alles gibt, was wir brauchen. Es mangelt uns an nichts, wenn wir zuerst sein Reich suchen. Das sagt Jesus später nicht umsonst. Es ist vor dem Hintergrund des Psalms absolut nachvollziehbar. Gott lässt uns, seine Schafe, auf grünen Auen lagern. Er führt uns nicht ins Verderben, sondern nährt uns immer ausreichend, damit wir auf dem Weg durchs Leben hin zu ihm nicht zugrunde gehen. Auch wenn es zeitweise Wüstenlandschaften sind und nicht die grünen Auen, ist es für uns heilsam, damit wir die Auen wieder mehr schätzen lernen, in unserem Glauben gestärkt und in unserer Wachsamkeit geschärft werden. Konkret heißt das, dass Gott uns mit allen irdischen Gaben (Finanzen, Gesundheit, Nahrung und sauberes Trinkwasser, Frieden, Erfolg etc.), aber auch mit allen überirdischen Gaben ausstattet, die wir durch die Heilsmittel der Kirche erhalten. Dazu gehören die Sakramente, allen voran die Eucharistie, und die Sakramentalien, durch die er uns den Hl. Geist senden möchte. Nicht umsonst betet David zuerst „er lässt mich lagern auf grünen Auen“ und dann „und führt mich zum Ruheplatz am Wasser“. Es sind einerseits zwei Bilder für das Essen und Trinken des Menschen, andererseits die Bilder für die wichtigsten überirdischen Güter – die Eucharistie und der Hl. Geist, das lebendige Wasser.
Gott bringt die Lebenskraft zurück. Das hebräische Stichwort ist an dieser Stelle wie so oft nefesch. Gott bringt das ganze Leben zurück. Wir dürfen es sowohl moralisch als auch anagogisch verstehen, das heißt einerseits die Rückführung in den Stand der Gnade und zugleich die Rettung des ewigen Lebens. Vor allem die moralische Ebene wird uns klar, wenn wir danach lesen: „Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit.“
Selbst der Psalm 23 greift die Situation auf, dass es nicht immer die ruhigen grünen Auen sind, auf denen die Herde sich bewegt, sondern auch mal das finstere Tal. So ist das Leben. Es gibt nicht nur schöne Tage, sondern auch die Krisen und dunklen Stunden. Doch selbst da begleitet Gott einen hindurch und hinaus. David selbst hat dunkle Stunden gehabt, doch gerade in diesen hat er sich umso mehr an Gott geklammert. Er wusste, wie entscheidend sich die Qualität eines Hirten in finsteren Tälern herausstellte. Er wusste auch, wie sicher sich ein Schaf bei einem guten Hirten fühlen konnte. Er ist in dieser Hinsicht nicht nur der Typos des guten Hirten Christus, sondern auch des Lammes Gottes, das sich ganz und gar in die Hände Gottes übergab und selbst am Kreuz noch betete: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Von David können wir das absolute Gottvertrauen lernen und mit ihm zusammen beten: „Dein Stock und dein Stab trösten mich.“
Gott beschenkt uns, seine Kinder. Er hat nur Gutes für uns bereit. All der Segen Gottes wird hier mit verschiedenen Bildern umschrieben wie dem Decken des Tisches, dem Salben des Hauptes und dem übervollen Becher. All dies können wir zusammenfassen mit den darauffolgenden Worten: „Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang.“
Ins Haus des Herrn heimzukehren, bedeutet in diesem Kontext wörtlich den Tempel Gottes, der zu Davids Zeiten noch in Form des Offenbarungszeltes bestand. Dieser Tempel ist zur Zeit des Propheten Ezechiel und des Babylonischen Exils zerstört. Wir lesen dies allegorisch weiter als das Reich Gottes und die Kirche. Moralisch verstehen wir damit unsere eigene Seele, die der Tempel Gottes ist und von wo aus die Entscheidungen zu einem Verhalten nach seinen Geboten getroffen werden. Schließlich kehren wir am Ende unseres Lebens heim in das Haus Gottes, den Himmel.

Mt 20
1 Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.

2 Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg.
3 Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten.
4 Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist.
5 Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso.
6 Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig?
7 Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg!
8 Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten, bis hin zu den Ersten!
9 Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar.
10 Als dann die Ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten einen Denar.
11 Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsherrn
12 und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen.
13 Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?
14 Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir.
15 Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?
16 So werden die Letzten Erste sein.

Im Evangelium hören wir nun ein bekanntes Gleichnis, das Jesus erzählt. Bei diesem Evangelium können wir wieder gut erkennen, wie wichtig eine sorgfältige Betrachtung ist. Wenn wir es nur oberflächlich lesen, werden wir Jesu Pointe nicht verstehen.
Zunächst einmal: Was ist der Kontext oder die Vorgeschichte? Jesus endete das 19. Kapitel mit der Aussage, dass die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein werden. Darum geht es auch in diesem Gleichnis, bei dem Jesus dann dieselben Wortes an den Schluss setzt. Petrus fragte nach dem Lohn für die Jüngerschaft, bei der sie alles zurückgelassen haben. Jesus antwortet mit diesem Gleichnis, bei dem es auch um den Lohn geht und wo er diesen genauer erklärt – es meint den Lohn des ewigen Lebens.
Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Winzer, der Arbeiter für seinen Weinberg anwirbt. Er hat wahrscheinlich ein festes Personal, das für den Weinberg zuständig ist, doch zur Zeit der Traubenernte fällt mehr Arbeit an. Wenn man die Trauben nicht rechtzeitig aberntet, vertrocknen sie und sind nicht mehr zu gebrauchen. Deshalb muss er wohl Tagelöhner anwerben, um kurzfristig mehr Arbeiter zu haben.
So spricht früh am Morgen die ersten Menschen an, für einen Denar in seinem Weinberg zu arbeiten. Der Tagespreis entspricht zu jener Zeit dem angemessenen Betrag für einen Tagelöhner. Was der Gutsherr mit den Arbeitern aushandelt, ist also nichts Ungewöhnliches, sondern der ganz normale Betrag, den sie zu erwarten haben. Gegen 9 Uhr morgens macht er sich wieder auf den Weg, um Verstärkung zu holen. Auch hier wird der übliche Tagespreis von einem Denar festgelegt. So geht der Gutsherr auch um 12 und um 15 Uhr los, um immer wieder neue Arbeiter zu beschäftigen. Egal, zu welcher Zeit er die Arbeiter beschäftigt, er verspricht ihnen, zu geben „was recht ist“.
Die letzte Mannschaft wird um 17 Uhr beschäftigt, also eine Stunde vor Feierabend.
Dann ist der Zeitpunkt der Auszahlung gekommen und der Verwalter beginnt bei jenen, die zuletzt gekommen sind. Jene, die früh am Morgen mit der Arbeit begonnen haben, denken bei sich, dass wenn jene einen Denar ausgezahlt bekommen, sie mehr erhalten werden. Schließlich haben sie den ganzen Tag gearbeitet, jene aber nur eine Stunde. Als sie dran sind, wird auch ihnen nur ein Denar ausgezahlt. Das regt sie auf und sie beschweren sich. Schließlich haben sie „die Last des Tages und die Hitze ertragen“. Sie reagieren ganz menschlich, weil das die menschliche Denkweise und das Verständnis von Gerechtigkeit ausmacht. Doch der Verwalter entgegnet ihnen: „Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?“ Das ist ja tatsächlich so festgelegt worden. Zu jenem Zeitpunkt waren die anderen Arbeiter auch noch kein Thema. Der Verwalter bleibt dabei: „Ich will dem Letzten ebenso viel geben wir dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“ Der Verwalter hat recht. Das Vermögen gehört ja nicht den Arbeitern und so haben sie nicht das Recht, mitzuentscheiden, wie der Besitzer mit seinem Besitz umgeht. Es schadet ihnen ja nicht, wenn der Verwalter im Namen des Gutsherrn nett zu den anderen ist. Denn was können jene Arbeiter dafür, dass sie erst so spät angeworben wurden? Sie haben den ganzen Tag in der Hitze gewartet, in der Ungewissheit, ob sie den Lebensunterhalt eines Tages verdienen würden, um sich und vielleicht eine ganze Familie am Leben zu erhalten. Die ersten Arbeiter haben nicht das ganze Bild vor Augen. Sie sehen nur ihre eigene Situation und haben somit nicht die Kompetenz oder Berechtigung, dem Gutsherrn hineinzureden, wie er mit anderen umgehen soll. Der springende Punkt ist: Die ersten Arbeiter gönnen es den letzten Arbeitern nicht, dass sie dasselbe bekommen wie sie. Sie gönnen es jenen nicht, die die Barmherzigkeit des Gutsherrn empfangen haben. Aber diese Barmherzigkeit ist es, die den abschließenden Satz Jesu betrifft: „So werden die Letzten Erste sein.“
Dieses Gleichnis können wir mehrfach auslegen. Wen meint Jesus selbst denn mit diesen Arbeitergruppen? Wer ist der Gusherr, was ist der Weinberg?
Jesus selbst spricht eine „religionspolitische“ Sache an. Er verkündet das Reich Gottes im ganzen Land und es kommen immer mehr Heiden zum Glauben an ihn. Es ist sogar so, dass viele Heiden zu Glaubensvorbildern für verstockte Juden werden. Ihnen wird das ewige Heil in Aussicht gestellt und das missfällt vielen Juden, die das mitbekommen. Warum sollen jene, die ihr Leben lang in Sünde waren, genauso belohnt werden wie sie, die sie ihr Leben lang die Gebote Gottes befolgt haben? Sie reagieren wie die Arbeiter im Weinberg, anstatt sich für jene zu freuen, denen so eine Barmherzigkeit zuteilgeworden ist. Das Problem wird noch viel akuter in der Zeit der frühen Kirche, in der Juden- und Heidenchristen gemeinsam Christus nachfolgen. Es kommt z.B. zu einem großen Streit zwischen Paulus und gewissen Judenchristen, weil Paulus den Heidenchristen keinen Nachteil nachsagt in dem Sinne, dass sie genauso das ewige Heil erwartet wie den Judenchristen, die beschnitten sind und die Torah halten. Diese bilden sich aber ein, dass sie durch ihre jüdische Identität einen Vorteil haben (sie sind die Arbeiter der ersten Stunde). Sie erwarten aber auch, dass die Heidenchristen dasselbe „durchmachen“ sollen wie sie (die Last des Tages und die Hitze sind demnach Bilder für die Beschneidung und das Halten der Torah mit den ganzen Erweiterungen), damit sie denselben Lohn wie sie empfangen. Paulus argumentiert aber in derselben Weise wie Jesus mit dem Gleichnis. Gottes Lohn ist für jeden Menschen derselbe. Wenn er jenen, die nicht beschnitten sind und die Torah halten müssen, denselben Lohn in Aussicht stellt wie den Judenchristen, ist das Ausdruck seiner Barmherzigkeit. Warum freuen sie sich nicht einfach mit jenen, die zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind? Der Weinberg ist seit alters her ein Bild für das Reich Gottes. „Arbeiter im Weinberg des Herrn“ ist ein ekklesiologischer Ausdruck, das heißt er bezeichnet jene, die als Geistliche und pastorale Mitarbeiter der Kirche an der Verbreitung des Evangeliums mitarbeiten. Somit ist es auch ein Bild für das Verhältnis zwischen den Aposteln der ersten Stunde und den pastoralen Mitarbeitern, die später dazugekommen sind. Sie alle wirken am Reich Gottes mit. Dass die Aposteln der ersten Stunde von Anfang an mit Jesus umhergezogen sind, ist ja nicht ihr Verdienst. Jesus hat sie „angeworben“, sie also erwählt. Und dass Paulus später zum Apostel geworden ist, ist auch nicht sein Verdienst. Hätte Gott ihn seiner eigenen Leistung überlassen, hätte er weiter die Christen verfolgt. Es ist letztendlich alles Gottes Vorsehung und so soll keiner einen Lohn einfordern, als ob er es besser wüsste als Gott selbst. Er ist es, der jedem Menschen den Lohn gibt. Und wenn er mit einem Menschen barmherzig ist, sollen wir uns für diesen Menschen freuen. Schließlich freut sich der ganze Himmel, wenn ein einzelner Sünder umkehrt.
Gottes Gerechtigkeit ist nicht wie unsere Gerechtigkeit. Sie ist vollkommen und übersteigt oft unsere menschliche Vernunft. Das heißt aber nicht, dass sie irrational ist, sondern überrational. Gott ist der gute Hirte, der im Gegensatz zum Menschen wirklich vollkommen ist. Er sucht nach jedem einzelnen verlorenen Schaf. Er stärkt das schwache Schaf. Er heilt das kranke Schaf. Wollen wir es diesen Schafen nicht gönnen? Es heilt doch schließlich die ganze Herde, wenn die schwachen Glieder gestärkt werden! So sollen wir uns mit einem Sünder freuen, der kurz vor seinem Tod noch zu Christus findet, anstatt sauer zu sein, dass jener ein Leben in Saus und Braus gelebt und kurz vor dem Ende noch vernünftig geworden ist, während wir uns ein Leben lang bemüht und das Kreuz getragen haben. Der in Aussicht gestellt Lohn ist für uns alle doch derselbe: ein Platz im Himmelreich.

Jesus möchte in Mt 19-20 den Maßstab Gottes in seinem Reich herausstellen. Armut ist Reichtum vor Gott. Der Letzte und Diener aller wird auf einem Thron sitzen und Herrscher sein. Gottes Güte ist vollkommen und wir dürfen als unvollkommene Menschen diese Güte nicht infrage stellen. Das steht uns nicht zu. Und es geht nicht immer nur um uns selbst.

Ihre Magstrauss

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