Freitag der 23. Woche im Jahreskreis

1 Kor 9,16-19.22b-27; Ps 84,3.4.5-6.12-13a; Lk 6,39-42

1 Kor 9
16 Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, gebührt mir deswegen kein Ruhm; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!

17 Wäre es mein freier Entschluss, so erhielte ich Lohn. Wenn es mir aber nicht freisteht, so ist es ein Dienst, der mir anvertraut wurde.
18 Was ist nun mein Lohn? Dass ich unentgeltlich verkünde und so das Evangelium bringe und keinen Gebrauch von meinem Anrecht aus dem Evangelium mache.
19 Obwohl ich also von niemandem abhängig bin, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen.
22 Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten.
23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an seiner Verheißung teilzuhaben.
24 Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt!
25 Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen.
26 Darum laufe ich wie einer, der nicht ziellos läuft, und kämpfe mit der Faust wie einer, der nicht in die Luft schlägt;
27 vielmehr züchtige und unterwerfe ich meinen Leib, damit ich nicht anderen verkünde und selbst verworfen werde.

Heute hören wir einen wunderbaren Ausschnitt aus dem Korintherbrief, in dem Paulus sein Brennen für das Evangelium herausstellt. Dass er verkündet, ist nicht sein Verdienst oder verdient irgendein Lob. Er tut es unter „Zwang“, es meint das Brennen in seinem Herzen, das ihn dazu bringt, es in die Welt hinauszutragen. Er kann es nicht zurückhalten, weshalb er sagt: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ Wir denken an Jeremia, der aufgrund der Botschaft Gottes viel zu erleiden hat und doch nicht schweigen kann. Auch er hat ein solches Brennen in sich, das ihn dazu bewegt, weiter zu verkünden. Dieser „Zwang“ des Paulus ist aber rhetorisch zu verstehen. Kein Mensch setzt ihn unter Druck oder bedroht ihn, sodass er die Verkündigung fortsetzt. Das griechische Wort ἀνάγκη anangke heißt nicht nur „Zwang“, sondern auch „Notwendigkeit“ oder „natürliches Bedürfnis“. Und das Brennen des Herzens wird hier wie ein körperliches Phänomen umschrieben, aufgrund dessen Paulus evangelisieren muss.
Und weil er es aufgrund dieses Drangs tun muss, erwartet er auch keinen Lohn dafür. Gott hat sein Herz entzündet, er hat ihn beauftragt. Die Evangelisierung ist ein Dienst, der ihm anvertraut wurde. Sein Lohn besteht darin, dass er unentgeltlich verkündet. Wir erinnern uns daran, dass Jesus zu seinen Aposteln sagte: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ In diese Richtung müssen wir nun auch Pauli Wirken verstehen. Dass er evangelisiert, ist ein Sklavendienst. Jesus hat zu seinen Aposteln gesagt, dass wer von ihnen herrschen will, der Diener aller sein muss. Er hat ihnen nicht umsonst am selben Abend die Füße gewaschen – ein typischer Sklavendienst -, als er das Sakrament der Weihe gestiftet hat. Paulus ist ebenfalls zu so einem Diener aller geworden und gibt sich ganz für die Menschen hin, damit so viele wie möglich gerettet werden. Er verdeutlicht, dass die Absicht seines Wirkens die Teilhabe an der Verheißung darstellt. Er möchte ebenfalls gerettet werden. Sein Ziel ist das ewige Heil.
Und dann bringt er eine Sportmetapher an, die typisch für die Korinther ist: Es gibt bei Wettläufen nur einen Gewinner. Deshalb geben die Teilnehmer alles, damit sie den ersten Platz erreichen. Ihr Eifer, ihre Anstrengungen, ihre Disziplin sind auf das Ziel fokussiert und sie können sich keine Nachlässigkeiten erlauben. In Korinth finden regelmäßig die sogenannten Isthmischen Spiele zu Ehren des Meeresgottes Poseidon statt. Die Disziplinen gleichen denen der Olympischen Spiele. Eine ganz geläufige Disziplin stellt der Wettlauf dar. Als Preis erhielt der Gewinner einen Siegeskranz aus Holunder, später aus Kiefernzweigen. Die Athleten wurden im Vorfeld dazu angehalten, eine Zeit lang enthaltsam zu leben, um sich erstens nicht zu verausgaben, zweitens um sich ganz auf den Wettkampf zu konzentrieren. Dies bringt Paulus als Beispiel an, um zu erklären, warum er selbst zölibatär lebt – nicht um eines vergänglichen Kranzes aus Kiefernzweigen, sondern um eines ewigen Siegeskranzes wegen. Diesen Kranz hat Johannes in der Apokalypse geschaut. Auch die Korinther sollen ganz ehrgeizig sein und sich auf den Sieg konzentrieren – nicht durch das Ausstechen der Mitstreiter, sondern mit derselben Siegessehnsucht.
Paulus nennt noch eine weitere Disziplin, die bei den Isthmischen Spielen vorgesehen war – den Faustkampf, vielleicht aber auch Pankration, ein Ringen mit allen möglichen Mitteln: Er sagt, dass er zielstrebig lebt, nicht wie einer, der ziellos läuft (beim Wettrennen) oder wie jemand, der in die Luft schlägt (also daneben schlägt). Er konzentriert sich darauf, das ewige Leben zu erhalten, um nicht verworfen zu werden. Auch Paulus muss gegen die Nachstellungen des Bösen ankämpfen, auch der so eifrige Missionar wird versucht. Wenn er steht, sieht er zu, dass er nicht fällt. Er ist in seiner Selbstsicht und Lebenseinstellung wirklich auf dem Boden geblieben. Und seine Einstellung soll für uns alle ein Vorbild sein. Wir müssen uns nicht rühmen, wenn wir scheinbar schon sehr fortgeschritten sind. Vielmehr sollten wir uns darauf konzentrieren, auf dem Weg zu bleiben und stets unser eigenes ewiges Heil anzustreben.

Ps 84
3 Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach den Höfen des HERRN. Mein Herz und mein Fleisch, sie jubeln dem lebendigen Gott entgegen.

4 Auch der Sperling fand ein Haus und die Schwalbe ein Nest, wohin sie ihre Jungen gelegt hat – deine Altäre, HERR der Heerscharen, mein Gott und mein König.
5 Selig, die wohnen in deinem Haus, die dich allezeit loben.
6 Selig die Menschen, die Kraft finden in dir, die Pilgerwege im Herzen haben.
12 Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild. Der HERR schenkt Gnade und Herrlichkeit. Nicht versagt er Gutes denen, die rechtschaffen wandeln.
13 HERR der Heerscharen, selig der Mensch, der auf dich sein Vertrauen setzt!

Der heutige Psalm ist dem Tempel in Jerusalem gewidmet. Gleich zu Beginn wird uns dies durch die „Höfe des Herrn“ verdeutlicht. Es meint die verschiedenen Bereiche des Tempelgeländes. Der ganze Beter verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel. Er jubelt mit seiner ganzen Existenz („mein Herz und mein Fleisch“).
Er vergleicht seine Freude über den Tempel und seine damit verbundenen Heimatgefühle mit Sperling und Schwalbe, die ein Nest gebaut und ihre Jungen hineingelegt haben. Dabei ist die Anrede HERR der Heerscharen (Jahwe Zebaot) eine kultische Bezeichnung für Gott. Auch wir bezeichnen ihn so, wenn wir das Sanctus singen. Es ist ein liturgischer Titel auch bei den Christen.
„Selig, die wohnen in deinem Haus, die dich allezeit loben“ führt uns über den Buchstabensinn hinaus. Wir preisen jene selig, die ewig das Sanctus im Himmel singen. Nicht umsonst kündigt der Priester in der Präfation das Sanctus z.B. mit den Worten an: „Darum preisen wir dich mit allen Engeln und Heiligen und singen vereint mit ihnen das Lob deiner Herrlichkeit.“ Jene sind es, die wirklich selig sind und im Hause Gottes wohnen und ihn allezeit preisen. Neben dieser anagogischen Lesart können wir es schon allegorisch-ekklesiologisch verstehen, also auf die Kirche beziehen. Sie ist das Haus Gottes auf Erden, der Antitypos des Tempels. Hier wohnt Christus in der Eucharistie- Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die Gott allezeit preisen. Hier wird ein Funke der eschatologischen Freude schon sakramental vorweggenommen.
Der Beter des Psalms bevorzugt diese Zeit im Tempel gegenüber vielen Tagen vom Tempel entfernt. Die Wallfahrtszeiten sind sein Höhepunkt. Er freut sich schon darüber, wenn er „an der Schwelle“ stehen darf, solange er nicht in den „Zelten der Frevler“ verbringen muss. Es ist wiederum anagogisch weiterzudenken: Selbst wenn wir an der Schwelle zum Himmelreich stehen, ist es besser, als in der ewigen Verdammnis zu verbringen. Selbst wenn wir noch geläutert werden müssen, aber schon mit einem Fuß im Himmelreich sind, haben wir Trost. Denn wir sind uns sicher, dass wir danach bei Gott sein dürfen. Es ist wie mit den Höfen des Tempels. Es muss zunächst die Reinigung erfolgen, damit wir weiter vordringen können. Der irdische Tempel ist wirklich nach dem Vorbild der Ewigkeit gebaut worden!
„Gott der HERR ist Sonne und Schild“. Er ist also Orientierung, Wärme und Schutz. Er schenkt Gnade und Herrlichkeit. Wer in den Tempel kommt, der wird beschenkt und wieder neu ausgerüstet. So ist es auch mit uns, die wir in die Kirche gehen, um in der Eucharistie neu ausgestattet zu werden mit Gnade und Herrlichkeit. Wir werden immer mehr gewandelt in den Leib Christi, den wir empfangen. So werden wir Gott immer ähnlicher, auch wenn wir nie Götter werden. Stattdessen werden wir immer mehr zu Menschen, wie Gott sie gedacht hat. Gott gibt Überfülle an Gnaden, wenn der Mensch rechtschaffen wandelt. Das Wandeln ist im biblischen Kontext immer ein moralischer Begriff und bezieht sich auf den Lebenswandel. Wer also die Gebote Gottes hält und somit im Stand der Gnade ist, wird immer mehr beschenkt. Der Kanal zwischen Gott und Mensch ist ja frei durch den einwandfreien Seelenzustand. Wenn der Mensch aber im Zustand schwerer Sünde ist, dann ist der Kanal verstopft. Dann kann Gott ihm diese Gnaden nicht schenken, nicht weil er es nicht möchte, sondern weil der Mensch sich selbst blockiert.
Wollen wir selig sein und das schon in diesem Leben, dann kommen wir zur Quelle, machen den Weg frei für Gottes Gnaden in der Beichte und empfangen wir Christus in der Eucharistie. Dann wird er in unserem inneren Tempel Wohnung nehmen. Dann werden wir schon hier auf Erden Heimatgefühle des Himmels haben.
Ja, der Mensch, der sein Vertrauen ganz auf Gott setzt, kann selig genannt werden. Um es mit den sportlichen Worten des Paulus zu sagen: Wer ganz das Ziel vor Augen behält und sich von den Schwierigkeiten und Versuchungen dieser Welt nicht ablenken lässt, geht als Sieger des Wettkampfs hervor. Wer ganz auf die Ziellinie schaut, das heißt ganz auf Gott vertraut, wird am Ende den Preis der Seligkeit erlangen.

Lk 6
39 Er sprach aber auch in Gleichnissen zu ihnen: Kann etwa ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen?
40 Ein Jünger steht nicht über dem Meister; jeder aber, der alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein.
41 Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?
42 Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!, während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.

Im Evangelium sehen wir nun die Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Frömmigkeit. Im Grunde kann man sagen: Wir sehen hier eine Negativfolie des Paulus. Hier geht es um jene religiösen Leitungsfiguren, die eben nicht auf ihr eigenes Gewissen bedacht sind, nicht zuerst selbst umkehren, sondern heuchlerisch von den anderen fordern.
Jesus bringt das Bild von Blinden an: Ein Blinder kann einen anderen Blinden ja nicht führen, denn beide fallen dann früher oder später in eine Grube hinein. Er kritisiert vor allem die religiöse Elite seiner Zeit, denn bei ihnen hat sich die Haltung entwickelt, sich selbst als unantastbar zu verstehen, nicht umkehrbedürftig und schon vollkommen. Sie leben in der Illusion, dass nur das einfache Volk kritisierbar sei. Sie suchen noch die kleinsten Unvollkommenheiten bei den ihnen Anvertrauten, dass sie komplett vergessen, ihr eigenes Gewissen zu bereinigen, das von schweren Sünden belastet ist.
Jesus nennt sie unverblümt Heuchler. Denn sie sehen den Splitter im Auge des Bruders, aber nicht ihren eigenen Balken. Da fragt man sich: Wie können sie überhaupt etwas sehen mit so einem dicken Stück Holz im Auge! Bevor jene, die religiöse Verantwortung übernehmen, also die anderen ermahnen können, müssen sie zuerst an sich selbst arbeiten. Zuerst müssen sie ihren eigenen Balken aus dem Auge ziehen, ihre Sünden bereuen und umkehren, bevor sie anfangen können, sich der Sünden der ihnen anvertrauten Schafe zu benennen.
Was Jesus uns sagt, heißt nicht, dass wir nur dann kritisieren oder erziehen dürfen, wenn wir perfekt sind. Aber die großen Balken sollten wir vielleicht doch erst einmal herausziehen. Seine Worte sind höchst aktuell. Auch bei uns muss es immer so sein, dass je größer die Verantwortung ist (im Kontext von Erziehung und Bildung, von Seelsorge und Politik), desto größer die Gewissenserforschung sein muss. Ein Geistlicher muss eigentlich viel häufiger beichten als ein nichtgeweihter Gläubiger. Ein Bischof muss in dieser Hinsicht noch viel strenger auf sich achten als ein einfacher Pfarrer. Je mehr Seelen man betreut, desto weißer muss die Weste sein. Und je mehr Verantwortung man erhält, desto bewusster muss einem die eigene Armseligkeit sein. Ich wiederhole Jesu Worte im Abendmahlssaal: Wer herrschen will, muss der Diener aller sein. Je höher der Sitz, desto niedriger der Blick. Das Stichwort ist Demut. Wir haben von Paulus gehört, wie das aussehen muss. Er selbst muss schauen, dass er nicht vom Weg abkommt, damit er den anderen helfen kann. So umkehrbereit sollten auch die Jünger Jesu sein und am Negativbeispiel der Pharisäer, Sadduzäer und Schriftgelehrten erkennen, wie es nicht sein soll.
Und vor allem: Wer nicht in absoluter Sehnsucht nach Gott verkündet und Seelsorge betreibt, wird die Menschen nicht von Gott begeistern können. Paulus‘ Herz brannte vom Evangelium Jesu Christi. Er konnte nicht anders, als es zu verkünden. König David spricht voller Sehnsucht vom Tempel in Jerusalem. Was er ersehnt hat, ist wenigstens ein kleines Plätzchen an der Schwelle des Himmelreichs. Ohne diese Art von „Ehrgeiz“ kann man nicht evangelisieren. Der Heilige Augustinus hat gesagt: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“ Das ist der springende Punkt. Und der Balken im Auge ist gewiss kein Brennholz…

Ihre Magstrauss

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