Mittwoch der 28. Woche im Jahreskreis

Gal 5,18-25; Ps 1,1-2.3.4 u. 6; Lk 11,42-46

Gal 5
18 Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz.

19 Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung,
20 Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen,
21 Neid, maßloses Trinken und Essen und Ähnliches mehr. Ich sage euch voraus, wie ich es früher vorausgesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben.
22 Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue,
23 Sanftmut und Enthaltsamkeit; gegen all das ist das Gesetz nicht.
24 Die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.
25 Wenn wir im Geist leben, lasst uns auch im Geist wandeln!

Im heutigen Abschnitt aus dem Galaterbrief geht der Argumentationsgang weiter, der Torah und Taufe gegenüberstellt bzw. Fleisch und Geist. So sagt Paulus, dass wer sich vom Geist führen lässt, den man bei der Taufe empfangen hat, nicht unter dem Gesetz steht. Der getaufte Mensch ist in der Heilsgeschichte einen Schritt vorangeschritten. Er muss sich nicht mehr einbilden, aus eigener Kraft die Erlösung und Rechtfertigung fertigbringen zu müssen. Auch nach der Taufe ist die Torah in dem Sinne zu halten, wie Christus sie erfüllt hat. Es geht also nicht mehr darum, alle 600 Gebote und Verbote peinlichst genau einzuhalten, sondern um die Erfüllung der göttlichen Gebote. Das ist nicht weniger anspruchsvoll, sondern erstens eine Konzentration auf das Wesentliche, das zwischenzeitlich abhanden gekommen ist, zweitens sehr anspruchsvoll, weil Gott sogar die Intention des Menschen beurteilt. Mit Christus ist die Torah nicht nur auf das Wesentliche konzentriert, sondern auch verinnerlicht worden.
Der Mensch kann aus eigener Kraft nicht gut sein – er kann sich weder erlösen, noch den Zustand der Rechtfertigung von sich aus aufrecht erhalten. Das Problem ist die Neigung zur Sünde, die die Folge der Erbsünde ist. Deshalb brauchen wir die Taufgnade. Deshalb sagt Paulus auch, dass die „Werke des Fleisches“ aus Unzucht, Unreinheit und Ausschweifung bestehen. Das bezieht sich nicht auf das Fleisch als Körper. Das müssen wir richtig verstehen. Bei Paulus ist mit „Fleisch“ vielmehr diese vergängliche Natur gemeint, die aber alles betrifft, nicht nur den Körper. Die Sünde kommt ja vom Herzen her und die ausgeführte Tat ist ja das Ergebnis eines umfassenden Prozesses. Bis es dazu kommt, dass man sündigt, geht es ja vom Herzen in die Gedanken und von dort in die Worte, bevor es umgesetzt wird. Weitere Werke des Fleisches werden ab Vers 20 aufgezählt. Wir haben hier einen Sünden- bzw. Lasterkatalog: Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid, maßloses Trinken und Essen und Ähnliches mehr. Er zählt hier die Hauptsünden auf. Diese sind es, die den Menschen in Beschlag nehmen und die früher oder später sein Verhalten beeinflussen. Jeder Mensch sündigt auf die ein oder andere Weise. Und sobald der Mensch sündigt, hat er die Torah ja nicht mehr vollständig gehalten, deshalb ist sie die ständige Anklägerin des Sünders.
Was der Geist Gottes aber gibt durch die Gnade, die der Mensch tagtäglich geschenkt bekommt, sind die Früchte des Hl. Geistes: Liebe, Freude, Friede, Langmut (Geduld), Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit (Selbstbeherrschung). Die Früchte sind eine Synthese von menschlichem Bemühen und helfender Gnade. Die genannten Früchte sind nämlich einerseits als menschliche Tugenden, andererseits als Früchte des Hl. Geistes bekannt. Es ist also ein Teamwork, bei dem beide Teampartner hundert Prozent geben.
Paulus bringt eine entscheidende Sache zum Ausdruck: „Gegen all das ist das Gesetz nicht.“ Er meint die Früchte des Hl. Geistes. Es ist keine Konkurrenz zwischen Torah und Hl. Geist. Schließlich ist ja auch die Torah eine Gabe Gottes. Aber sie selbst kann aus sich heraus diese Früchte nicht geben. Sie kann nur vermitteln, dass es erstrebenswerte Tugenden für den Gläubigen sind. Deshalb ist die Torah „fleischlich“.
Wer nun zu Christus gehört, also die Getauften, die nun im Neuen Bund mit Gott leben, haben die gefallene Natur gekreuzigt, was mit „Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden“ gemeint ist. Die Sünde wird weiterhin begangen, weil die Folgen der Erbsünde bleiben. Aber der Mensch überwindet diese gefallene Natur durch die Gnade. Diese ist stärker als die Natur. Weil dem so ist, muss der Getaufte sich auch vom Geist leiten lassen, sich vollkommen anstrengen und vollkommen die helfende Gnade Gottes beanspruchen. Dann wird der Mensch in Heiligkeit wachsen.

Ps 1
1 Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt,

2 sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt.
3 Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen.
4 Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.
6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich.

Heute beten wir den allerersten Psalm des Psalters. David schreibt hier eine Seligpreisung an den, der sich für Gott entschieden hat. Da hören wir eine wunderbare Betrachtung dessen, wie gut es einem geht, wenn man Gott gewählt hat. Mit Paulus müsste man sagen: wer sich vom Geist leiten lässt und nicht vom Fleisch. Wir können nur glücklich sein, wenn wir uns für den Weg Gottes entschieden haben, ja, wir sind dann selig zu preisen.
Wer „Gefallen an der Weisung des HERRN“ hat und Gottes Gebote nicht nur hält, sondern darüber auch nachdenkt, dann ist dieser Mensch wie ein Baum am Wasser. Er wächst und gedeiht direkt an der Quelle und ist absolut fruchtbar. Diese Fruchtbarkeit wird biologisch gesehen von den Juden als Zeichen des Segens betrachtet, aber wir gehen über das Wörtliche hinaus und denken an Jesu Worte: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt (Joh 15,16).“ Es ist eine geistige Fruchtbarkeit, die andere Menschen zu Kindern Gottes macht und so das Volk Gottes immer größer werden lässt. Jesus sagt sogar, dass die Entscheidung für Gott nicht der erste Schritt ist, sondern die Reaktion auf die Erwählung Gottes.
Gottes Segen zeigt sich bei dem, der Gott gewählt hat, daran, dass ihm alles gelingt und die Gebete erhört werden. Die nie verwelkenden Blätter werden zum eschatologischen Zeichen, zum Symbol für das ewige Leben für Gott, das auch beim nie verwelkenden Siegeskranz aufgegriffen wird, einer Metapher des NT.
Dagegen sind die Frevler, die Gott ablehnen, wie vom Wind verwehte Spreu. Sie sind nicht unvergänglich, sondern absolut kurzlebig. Kommt ein Windstoß, sind sie dahin. Versucht man einen Weg ohne Gott, verläuft man sich in eine ganz böse Sackgasse. Es ist ein Holzweg, der ins Nirgendwo führt – beziehungsweise in die ewige Gottesferne, in die Hölle!
Dies stellt dann den ewigen Tod dar, nicht mehr das ewige Leben. Auch hier müssen wir auf Paulus zurückverweisen: Er weist darauf hin, dass man sich vom Geist leiten lassen soll, damit man wie ein Baum am Wasser mit nie verwelkenden Blättern ist. Man brennt nämlich nicht aus, da man die Kraft für das Gutsein, für den Lebenswandel nach dem Willen Gottes von Gott selbst holt, statt aus eigener Kraft. Aus eigener Kraft bringt man nicht viel zustande oder nur für kurze Zeit. Dann kommt die Sünde, die wir jeden Tag begehen. Was der Mensch aus eigener Kraft zustande bringt, ist von der gefallenen Natur geprägt. Es können keine Früchte des ewigen Lebens dabei herauskommen.
Die Torah ist ein erster Schritt, aber wir begreifen in unserer heilsgeschichtlichen Etappe, dass der Geist Gottes unbedingt notwendig ist, um selbst die Torah zu halten.

Lk 11
42 Doch weh euch Pharisäern! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Gewürzkraut und allem Gemüse und geht am Recht und an der Liebe Gottes vorbei. Man muss das eine tun, ohne das andere zu unterlassen.

43 Weh euch Pharisäern! Ihr liebt den Ehrenplatz in den Synagogen und wollt auf den Straßen und Plätzen gegrüßt werden.
44 Weh euch: Ihr seid wie Gräber, die man nicht mehr sieht; die Leute gehen darüber, ohne es zu merken.
45 Darauf erwiderte ihm ein Gesetzeslehrer: Meister, mit diesen Worten beleidigst du auch uns.
46 Er antwortete: Weh auch euch Gesetzeslehrern! Ihr ladet den Menschen unerträgliche Lasten auf, selbst aber rührt ihr die Lasten mit keinem Finger an.

Heute werden die Wehrufe gegen die Pharisäer fortgesetzt, die gestern bereits eine scharfe Kritik von Jesus erfahren haben. Heute geht es nicht mehr um das saubere Geschirr, dafür aber um ihre Ruhmsucht.
Ein Zehntel an Kräutern geben diese zwar ab, doch den „Zehnten“ des ethischen Verhaltens ignorieren sie. Jesus bezieht sich hier auf Lev 27,30, wo der Zehnte des Ernteertrags Gott gehört. Er soll ihm sozusagen zurückgegeben werden als Zeichen der Dankbarkeit. Das ist ja auch richtig, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten das also tun. Das Problem ist die Doppelmoral, denn sie ignorieren zugleich die andere Seite der Medaille. Gott etwas vom Ertrag zurückzugeben, gründet ja auf der Gottesliebe. Diese ist aber zutiefst mit der Nächstenliebe verbunden. Wie kann man die Gottesliebe also im Falle der Pharisäer und Schriftgelehrten aufrichtig nennen, wenn sie zugleich die Nächstenliebe ignorieren? Jesus fasst deshalb zusammen: „Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.“
Wie in der Bergpredigt in Mt kritisiert Jesus hier in Lk 11 die Ruhmsucht der Pharisäer. Sie lassen sich gerne in der Öffentlichkeit grüßen und nehmen in den Synagogen die Ehrenplätze ein. Das Problem ist nicht, dass sie gegrüßt werden oder diese Plätze einnehmen. Das Problem ist, dass sie das auch unbedingt wollen und darauf sehr viel Wert legen. Sie zeigen sich nach außen hin als religiöse Autoritäten, dabei haben sie die Basics ihres Glaubens noch gar nicht verstanden – die Liebe. Sie tun nach außen hin so vorbildlich, dabei sind sie innerlich tot. Deshalb gebraucht Jesus an dieser Stelle auch das Bild des Grabes. Die Menschen erkennen von außen nicht, dass es Gräber sind.
Jesus lehnt sich mit dieser harschen Kritik sehr weit aus dem Fenster, aber anders erreicht er diese verstockten Menschen nicht. Er möchte, dass auch sie betroffen sind und umkehren. Schließlich liebt Gott alle Menschen und möchte, dass wir alle gerettet werden.
So hinterlassen Jesu Worte auch ihre Spuren. Die Pharisäer beklagen sich über die Beleidigung, wie sie die Worte Jesu auffassen. Doch Jesus rudert nicht zurück nach dem Motto: „Oh, entschuldigung! Das war wohl zu hart von mir!“ Vielmehr legt er noch einen drauf und sagt nun auch zu den Gesetzeslehrer: „Ihr ladet den Menschen unerträgliche Lasten auf, selbst aber rührt ihr die Lasten mit keinem Finger an.“ Das ist nicht der Sinn der Torah und das hat mit Gottes Gabe nichts mehr zu tun. Vielmehr ist ein so kompliziertes Gerüst um die gottgegebene Torah entstanden, ein tonnenschweres selbstgebasteltes Kreuz, dass die Menschen gar nicht anders können, als unter seiner Last zusammenzubrechen. Wer kann da noch gerettet werden?
Und das führt uns zurück zu Paulus. Jesus ist nicht gekommen, die Torah aufzuheben, sondern um sie zu erfüllen. Er möchte den Blick auf das Wesentliche und Ursprüngliche zurücklenken und vor allem wieder auf den Kern zu sprechen kommen, den die Pharisäer und Schriftgelehrten komplett vergessen haben – die Liebe.

Die erfüllte Torah, das ist seine Person. Er ist das fleischgewordene Wort Gottes, das die Sünde auf sich nahm und uns den Geist gesandt hat. Zusammen mit der Gnade Gottes können wir nun die gefallene Natur überwinden und die Torah halten, wie er sie ausgelegt hat. Und wenn wir gefallen sind, weil die Folgen der Erbsünde noch da sind, dann dürfen wir Gott um Verzeihung bitten und von vorne anfangen. Das ist der Weg der Heiligkeit. Der Hl. Josemaria Escriva sagte treffend: „Ein Heiliger ist ein Sünder, der es immer wieder versucht.“ Das Entscheidende ist, dass wir es nicht aus eigener Kraft, sondern zusammen mit der Gnade Gottes tun.

Ihre Magstrauss

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