Dienstag der 33. Woche im Jahreskreis

Offb 3,1-6.14-22; Ps 15,2-3.4.5; Lk 19,1-10

Offb 3
1 An den Engel der Gemeinde in Sardes schreibe: So spricht Er, der die sieben Geister Gottes und die sieben Sterne hat: Ich kenne deine Taten. Dem Namen nach lebst du, aber du bist tot.

2 Werde wach und stärke, was noch übrig ist, was schon im Sterben lag! Denn ich habe nicht gefunden, dass deine Taten in den Augen meines Gottes vollkommen sind.
3 Denk also daran, wie du die Lehre empfangen und gehört hast! Halte daran fest und kehr um! Wenn du aber nicht aufwachst, werde ich kommen wie ein Dieb und du wirst bestimmt nicht wissen, zu welcher Stunde ich zu dir komme.
4 Du hast aber einige Leute in Sardes, die ihre Kleider nicht befleckt haben; sie werden mit mir in weißen Gewändern gehen, denn sie sind es wert.
5 Wer siegt, wird ebenso mit weißen Gewändern bekleidet werden. Nie werde ich seinen Namen aus dem Buch des Lebens streichen, sondern ich werde seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.
6 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.
14 An den Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: So spricht Er, der Amen heißt, der treue und zuverlässige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes:

15 Ich kenne deine Taten. Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß!
16 Daher, weil du lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.
17 Du behauptest: Ich bin reich und wohlhabend und nichts fehlt mir. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt.
18 Darum rate ich dir: Kaufe von mir Gold, das im Feuer geläutert ist, damit du reich wirst; und kaufe von mir weiße Kleider, damit du dich bekleidest und die Schande deiner Blöße nicht aufgedeckt wird; und kaufe Salbe, um deine Augen zu salben, damit du sehen kannst!
19 Wen ich liebe, den weise ich zurecht und nehme ihn in Zucht. Mach also Ernst und kehr um!
20 Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn einer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und Mahl mit ihm halten und er mit mir.
21 Wer siegt, der darf mit mir auf meinem Thron sitzen, so wie auch ich gesiegt habe und mich mit meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe.
22 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.

In der heutigen Lesung hören wir wieder einen Ausschnitt aus den Sendschreiben an die sieben Gemeinden, denen Johannes die von Christus diktierten individuellen Botschaften überbringen soll. Während wir gestern die Botschaft an die Epheser gehört haben, geht es heute um die Botschaften an die Christen in Sardes und Laodizea. Diese Sendschreiben sind absolut relevant für uns heute. Sie sind so brandaktuell, dass man sich bei jeder Botschaft sehr ertappt fühlen könnte. Es sind die Probleme und Versuchungen, denen nicht nur die ersten Christen ausgesetzt waren, sondern auch die Christen heutiger Zeit.
Die Sendschreiben sind stets nach demselben Schema aufgebaut. So heißt es bei den heutigen Passagen wieder „an den Engel der Gemeinde“, was auf den Gemeindevorsteher zu beziehen ist. Dieser soll die Offenbarung erhalten und sie der Gemeinde vorlesen.
Und dann beginnt die Botschaft wieder mit dem bekannten „so spricht“. Diesmal umschreibt sich Christus als der, der die sieben Geister und die sieben Sterne hat. Wir haben die sieben Sterne schon im gestrigen Abschnitt bedacht, neu ist der Besitz der sieben Geister. Später wird Jesus durch die Schau als Lamm Gottes wieder mit den sieben Geistern in Verbindung gebracht. Er sendet den Geist Gottes mit seinen sieben Gaben. Der Geist Gottes geht wirklich nicht nur vom Vater aus, sondern auch vom Sohn, was ein Streitpunkt zwischen Katholiken und Orthodoxen ist (die Diskussion um das filioque). Die Hinweise in der Offb sind da eindeutig.
Normalerweise beginnt Jesus immer mit dem Positiven, bevor er gegenüber der Gemeinde Kritik äußert. Über Sardes hat er aber anscheinend nichts Positives zu sagen, weshalb er sogleich zum Negativen kommt: „Dem Namen nach lebst du, aber du bist tot.“ Die Aussage „Ich kenne deine Taten“ ist hier nicht so positiv zu verstehen wie in Ephesus. Dort sind es gute Taten, denn der unverfälschte Glaube wurde dort bis aufs Blut verteidigt. In Sardes kann man das nicht so behaupten. Die Christen in Sardes sind tot. Da ist nur noch ganz wenig übrig, das zu retten ist. Wenn Christus über jene Christen so etwas sagt, dann handelt es sich dabei um eine Diagnose. Wir können diese Aussage vor allem moralisch verstehen: Was zum Tod führt, ist die Todsünde. Jesus ruft sie dazu auf, wieder aufzuwachen aus dem Koma der Sünde und dem Rausch der Weltlichkeit. Es ist noch nicht zu spät, aber kurz vor zwölf. Die Taten, die er momentan noch vorfindet, sind keinesfalls gute Taten. Es ist zusammen zu lesen mit der rhetorischen Frage Jesu, die er neulich im Lukasevangelium gestellt hat: Wenn er wiederkommt am Ende der Zeiten, wird er dann noch Glauben vorfinden? Jesus erinnert die Christen in Sardes daran, wie sie den Glauben angenommen haben, an ihre „erste Liebe“ wie bei den epheser Christen. Sie sollen zum Anfang zurückkehren, sich wieder neu besinnen, denn sie wissen nicht, wann Christus wiederkommt. Er kommt wie ein Dieb, also unangekündigt, und dann wird es für sie eine böse Überraschung geben. Jesus droht nicht, sondern appelliert an ihr Gewissen: Wenn das Weltende kommt, ist es zu spät umzukehren. Gott möchte, dass wir alle mit ihm im Himmelreich zusammenleben werden. Deshalb ruft er jeden Menschen zeitlebens zur Umkehr auf.
Die Gemeinde in Sardes ist noch nicht ganz verloren. Besonders jene, die ihre Gewänder nicht befleckt haben, halten die Gemeinde noch am Leben. An Allerheiligen haben wir von jenen Christen gehört, die ihre Kleider im Blut des Lammes weiß gemacht haben. Damals erklärte ich, dass es sich dabei um die Taufgnade handelt, die mit der gläubigen Annahme des Erlösungswerkes Christi den Täuflingen zuteil wird. Und damals stellte ich auch heraus, dass man diese Gnade auch wieder verlieren kann, nämlich wenn man die Gebote Gottes als Doppelgebot der Liebe nicht gelebt hat. Die Gemeindemitglieder in Sardes haben mehrheitlich ihre Gewänder besudelt durch die Todsünden, die sie begangen haben. Aber einige wenige haben sich bewahrt. Sie sind im Stand der Gnade geblieben. Das soll auch für jene eine Motivation darstellen, die ihre Gewänder befleckt haben. Noch ist es nicht zu spät, wieder rein zu werden.
Ihnen steht dieses Gewand in Aussicht, wenn sie „siegen“, das heißt den Kampf gegen den Widersacher Gottes bis zum Schluss ausgestanden haben, ohne ihm zu erliegen. Die auf Erden sichtbare Kirche heißt nicht umsonst die „streitende Kirche“. Es muss dazu gesagt werden, dass die Übersetzung an dieser Stelle irreführend sein könnte: Die griechische Verbform περιβαλεῖται peribaleitai kann zwar auch passivisch übersetzt werden, kann aber auch reflexiv übersetzt werden. Die Christen von Sardes werden also entweder bekleidet, sondern kleiden sich selbst. Wenn wir es auf die Taufgnade beziehen, dann sind sie ja bereits bekleidet worden. Dann muss man den Vers so verstehen, dass sie sich selbst kleiden in das weißgemachte Kleidungsstück. Es ist auf ihre Entscheidung zu beziehen, die sie für oder gegen Gott, für oder gegen die Taufgnade getroffen haben. Wenn wir diese Einkleidung in der Ewigkeit aber auf das Gewand des Himmels beziehen – im Sinne der Verherrlichung des auferstandenen Menschen – dann ist es eine Einkleidung durch Gott selbst, eine Offenbarung der Taufgnade als leuchtendes Gewand und Uniform des Himmels.
Jene, die im Stand der Gnade vor Gott treten, werden nie aus dem Lebensbuch gestrichen, dem „Bürgerverzeichnis“ des Himmelsreichs. Sie stehen auf der Liste und kommen deshalb hinein in den Hochzeitssaal zur Hochzeit des Lammes. Und dieser Name wird es auch sein, den Christus dann vor dem Vater und den Engeln des Himmels bekennen wird.
Wie bei jedem Sendschreiben erfolgt zum Schluss der Appell: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“ Jesus sagt immer wieder in den Evangelien diesen Ausspruch „wer Ohren hat, der höre“. Es ist die Aufforderung, zum Hinhören, zum gehorsamen Zuhören. Es ist zugleich eine Warnung vor Verstocktheit. Diese bringt nämlich den ewigen Tod.
Dann hören wir aus dem Sendschreiben an die Christen in Laodizea. Diese trifft es am härtesten. Auch ihre Taten sind dem Herrn bekannt. Sie sind weder kalt noch heißt. Sie sind lau und das ist besonders ungenießbar. Die Adressaten wissen genau, worauf Jesus hier anspielt. Es gibt in der Nähe der Stadt Thermalquellen, deren heißes Wasser über den Lykosfluss in die Stadt gelangt. Bis das Wasser dort aber ankommt, ist es abgekühlt und als Trinkwasser ungenießbar. Deshalb spielt Jesus hier auf das Ausspeien des Wassers an.
Die Gemeinde in Laodizea trifft deshalb so harte Kritik, weil die Christen sehr verstockt und selbstgerecht sind. Anders kommt Jesus also gar nicht an sie heran. Sie meinen, sie seien gut dran, weil die Stadt durch Leinen- und Wollweberindustrie sehr wohlhabend geworden ist. Zudem zogen die heilenden Thermalbäder viele Menschen an und die medizinische Akademie war für ihre Puder und Salben bekannt. Der erlangte Reichtum verlieh den Menschen der Stadt eine falsche Sicherheit und eine sehr materialistische Denkweise.
Das verwirrt auch die Christen der Stadt. Sie denken, sie seien reich und hätten alles, was sie brauchen. In Wirklichkeit sind sie aber sehr arm, elend, erbärmlich, ja sogar nackt. Alles, womit sie sich brüsten, ist nur Schein in Gottes Augen.
Deshalb appelliert Christus an die Christen, sich um den wahren Reichtum zu kümmern, das im Feuer geläuterte Gold anzustreben, die Gewänder zu erlangen, die sie wirklich bedecken (siehe oben) und die Salben für ihre blinden Augen von Gott zu erbitten. Gestern hörten wir von der Blindenheilung. Die Christen von Laodizea sollen die Haltung jenes Mannes einnehmen und rufen: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“
Jesus stellt zugleich klar: Er züchtigt die Christen, weil er sie liebt. Er ist so hart mit ihnen, damit sie den Ernst der Lage erkennen und umkehren.
Es ist ja schon kurz vor knapp. Der Herr steht schon an der Schwelle und klopf an. Er kommt bald wieder und dann ist keine Gelegenheit mehr, umzukehren. Er möchte jetzt schon eintreten in die Gemeinde und bei ihr gegenwärtig sein. Aber sie muss ihn auch hineinlassen. Er kehrt auch schon ein in jedes Herz, das ihm die Tür öffnet. Das ist der Stand der Gnade. Dies können die Christen in Laodizea schon jetzt erlangen. Sie müssen aber auf seine Stimme hören und tun, was er sagt.
Auch hier motiviert Jesus die Gemeinde mit einem in Aussicht gestellten Lohn – wer siegt, also den Widersacher Gottes besiegt, darf mit Christus auf dessen Thron Platz nehmen. Jene werden mit ihm herrschen bzw. einen Ehrenplatz beim Hochzeitsmahl einnehmen.
Auch hier kommt am Ende der Appell zum Hören auf das Wort Gottes.

Ps 15
2 Der makellos lebt und das Rechte tut, der von Herzen die Wahrheit sagt,

3 der mit seiner Zunge nicht verleumdet hat,/ der seinem Nächsten nichts Böses tat und keine Schmach auf seinen Nachbarn gehäuft hat.
4 Der Verworfene ist in seinen Augen verachtet, aber die den HERRN fürchten, hält er in Ehren. Er wird nicht ändern, was er zum eigenen Schaden geschworen hat.
5 Sein Geld hat er nicht auf Wucher verliehen und gegen den Schuldlosen nahm er keine Bestechung an. Wer das tut, der wird niemals wanken.

Im Psalm geht es mit den obigen Gedanken weiter. Die Paränetik, das Aufzeigen richtiger Verhaltensweisen, die man übernehmen soll, ist auch im Psalm dominierend: Es geht um die makellose Lebensführung analog zur unbefleckten Bewahrung. Damit ist die Haltung der Gebote gemeint, frei von den Sünden der Welt und damit die Erhaltung der Taufgnade für jene, die mit Gott im Neuen Bund verbunden sind. Das Rechte zu tun, heißt für die Juden zunächst, die Torah zu halten. Die Wahrheit zu sagen, ist ein Kern der Gebote Gottes, denn es heißt im Dekalog „du sollst nicht lügen“. Der Zusatz „von Herzen“ heißt wörtlich eigentlich „in seinem Herzen“ und bezieht sich darauf, dass das Gesagte, mit dem Herzen übereinstimmt. Es geht um die Deckungsgleichheit von dem, was im Inneren ist und was man ausspricht.
Hier im Psalm wird herausgestellt, dass mit Worten viel angerichtet werden kann. Es wird ausgesagt, dass man mit der Zunge sündigen kann (Vers 3), nämlich verleumden, den Nächsten in Verruf bringen kann.
Vers 4 ist etwas schwierig zu verstehen und muss genau gelesen werden: „Der Verworfene“ bezieht sich auf jene Menschen, die Gott ablehnen. Gut ist, wer solche Menschen meidet, was mit „ist in seinen Augen verachtet“ ausgesagt wird. Er hält stattdessen die Gottesfürchtigen in Ehren.
Vorbildlich ist, wer sein Versprechen hält („was er …. geschworen hat“). Es bezieht sich vor allem auf den Bund mit Gott, auf das Gelübde, das er vor Gott abgelegt hat. Das gilt auch für die getauften Christen im Neuen Bund.
So ein Mensch ist nicht skrupellos und habgierig („nicht auf Wucher verliehen“) und auch nicht korrupt („nahm er keine Bestechung an“).
Die Aufzählung vieler guter Verhaltensweisen soll dem Beter vor Augen führen, wie man festen Schrittes den Weg Gottes geht. Denn „wer das tut, der wird niemals wanken“. Dieses Verhalten selbst ist bereits eine Kampfansage gegen den Teufel.
Der Psalm hat mit der Johannesoffenbarung heute diese ethische Ebene gemeinsam. Es geht in beiden Fällen um die Dinge, die wir Menschen von uns aus tun können, um vor Gott gerecht zu sein. Die Gnade Gottes geht voraus, doch der Mensch ist durch sie befähigt, das Gute zu tun und das Böse zu lassen.

Lk 19
1 Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt.

2 Und siehe, da war ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war reich.
3 Er suchte Jesus, um zu sehen, wer er sei, doch er konnte es nicht wegen der Menschenmenge; denn er war klein von Gestalt.
4 Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste.
5 Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus bleiben.
6 Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf.
7 Und alle, die das sahen, empörten sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt.
8 Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.
9 Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.
10 Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

Gestern ist Jesus unterwegs nach Jericho und heilt den blinden Mann. Heute kommt er in Jericho an und verkündet dort das Reich Gottes. Dort lebt auch der Zollpächter Zachäus, ein etwas kurzgeratener Mann, dessen Neugier auf Jesus größer ist als sein eigenes Ansehen. Er ist nämlich so klein, dass er Jesus wegen der Menschenmenge nicht erkennen kann. Deshalb steigt er auf den Maulbeerfeigenbaum, um ihn besser zu sehen. Das kann man mehrfach verstehen. Die Aktion an sich zeichnet Zachäus als einen neugierigen Menschen, aber wohl weniger aus Sensationsgier und vielmehr aufgrund einer Sehnsucht nach Gott. Diese Sehnsucht ist es, die ihn dazu drängt, den Messias besser sehen zu können. Das verbindet ihn mit dem jüngst geheilten Blinden, der sehen möchte. Dieser hier besitzt vielleicht die volle Sehschärfe, doch ihn hindert seine Körpergröße an der guten Sicht.
Jesus sieht ihn. Das ist nicht zu überlesen. Gott sieht jeden Menschen, er übersieht keinen einzigen. „Ich sehe deine Taten“ oder „Ich kenne deine Taten“, was uns in den Sendschreiben der Johannesoffenbarung begegnet, ist wirklich ernst zu nehmen. Gott sieht alles, er sieht jede Regung des Herzens und das ist zunächst etwas Positives. Ihm entgeht nichts, auch nicht unsere noch so kleine Bemühung. Das ist eine tröstliche Botschaft.
Jesus spricht Zachäus nun an mit den Worten: „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus bleiben.“ Das kommt unerwartet. Er spricht den Mann mit Namen an, obwohl er es nicht wissen kann – zumindest nicht aus menschlicher Sicht. Er ist Gott und kennt jeden Menschen beim Namen. Er bittet ihn, vom Baum herunterzukommen. Es ist mehrfach zu verstehen: Es handelt sich um den Ruf Gottes an uns Menschen, vom hohen Ross herabzusteigen, um ihm auf Augenhöhe zu begegnen, ihm, der die Demut in Person ist. Er hat sich so klein gemacht, er, der der Herr des ganzen Universums ist! Wir sollen es ihm gleichtun und den Hochmut ablegen, der uns daran hindert, Gott zu begegnen. Was ist denn ein Maulbeerfeigenbaum? Es handelt sich um eine Pflanze, die vor allem in Küstenregion oder in der Jordansenke vorkommt. Sie trägt Früchte, die aussehen wie kleine Feigen. Das Problem ist, dass wenn man diese Früchte nicht schon in früher Wachstumsphase einritzt, sie galleartige Stoffe ausbildet, die sie ungenießbar machen. Ohne Ritzung wird sie zudem wurmstichig.
Es gibt keine Zufälle. Zachäus sitzt auf einem solchen Baum und Jesus möchte ihn, von dort herunterholen. Er möchte sein Herz geistig einritzen, damit es nicht ungenießbar wird. Er soll der Abschreibung der Bewohner nicht erliegen, die ihn aufgrund seines Berufes als Sünder schlechthin ansahen. Er soll nicht wurmstichig werden wie die Früchte an dem Baum, auf dem er sitzt. Gott schreibt die Menschen nicht ab. Er gibt keinen auf – bis zum letzten Augenblick. Das zeigen uns die beiden Sendschreiben in der Lesung ja eindrücklich. Christus versucht alles, um kurz vor dem Ende auch noch die härtesten Schalen zu knacken. Und hier holt er jemanden vom Baum, er pflückt gleichsam diesen scheinbar verlorenen Menschen, um aus ihm eine wunderbare und genießbare Frucht zu machen. Er wird noch heute die Gnade schenken, die Zachäus zur Umkehr bewegen wird. Er wird ihn nicht seinem Schicksal überlassen, auf dass Gott ihn dann ausspeien wird aus seinem Mund wie die bitteren Früchte des Maulbeerfeigenbaums oder das lauwarme Wasser in Laodizea.
Was Jesus hier mit Zachäus macht, ist genau das, was er am Ende der Lesung sagt: Er klopft an und wartet darauf, dass Zachäus ihm aufmacht. Er kehrt wortwörtlich bei ihm ein und möchte Gemeinschaft haben mit diesem offensichtlichen Sünder.
Die Gnade Gottes geht voraus, die dem Sünder das Herz öffnen soll. Und Zachäus ist absolut offen für diese Gnade. Er freut sich, dass Jesus ihm nicht wie die anderen mit Vorurteilen begegnet, sondern bei ihm einkehren möchte. Weil Jesus mit ihm so umgegangen ist und bei ihm zuhause verweilt, ändert sich Zachäus. Er lässt sich verwandeln von der Liebe Gottes. Er ist bereit, das zu viel verlangte Geld vielfach zurückzuzahlen und sein Vermögen mit den Armen und Bedürftigen zu teilen. Was Zachäus hier verspricht, ist ein Aspekt, den wir im Bußsakrament auch tun: Wir nehmen uns vor, unser Leben zu ändern und den entstandenen Schaden der Sünde wiedergutzumachen. Er zeigt seinen Willen, wirklich anders zu leben nach dieser Begegnung mit Jesus. Er kehrt von Herzen um und deshalb bleibt Jesus nur zu sagen: „Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.“ Er ist es vielleicht von Geburt an, aber sein Verhalten entspricht nun auch seiner Bundesbeziehung zum Gott Israels. Diese Sohnschaft haben ihm bestimmt viele abgesprochen, weil er sich unethisch verhalten hat. Doch Christus spricht ihm die Sohnschaft zu in dem Moment, als der Mann vor Christus bekannt hat, dass er sein Leben ändern will. Das ist ein wichtiger Punkt und erinnert uns an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Erst nachdem dieser sein Sündenbekenntnis abgelegt hat und dem Vater ankündigt, von nun an als Tagelöhner zu arbeiten – als Wiedergutmachung wie hier die vielfache Rückzahlung – erst da steckt er ihm den Ring an den Finger. Er ist als Erbe des Vaters rehabilitiert. Analog dazu verkündet Jesus hier nun, dass Zachäus Erbe des Alten Bundes ist – ein Sohn Abrahams. Und so ist es auch im Bußsakrament: Wenn wir eine gute und gültige Beichte abgelegt haben mit allen notwendigen Aspekten, dann wird auch uns der Ring wieder angesteckt, dann wird auch uns zugesagt, dass wir als Erben des Reiches Gottes rehabilitiert sind, weil wir die Taufgnade zurückerhalten. In der Lesung ist dieser Vorgang durch die Einkleidung in weiße Gewänder ausgedrückt worden.
Der Menschensohn ist gekommen, um zu retten, was verloren ist. Und das gilt für Zachäus, das gilt für die verlorenen Christen in Sardes und Laodizea, das gilt auch für alle Christen und solche, die es noch werden wollen. Christi erstes Kommen war ein einziger Rettungsakt. Bis zu seinem zweiten Kommen, der ein Gerichtsakt sein wird, möchte er uns immer wieder von unseren Maulbeerfeigenbäumen herunterholen, damit wir keinen Würmern zum Fraß werden, keine Galle bilden, kein lauwarmes, bitteres Flusswasser werden, nicht am Ende mit verfaulten Kleidern vor Gott stehen. Er ruft immer wieder, er ruft heute und möchte unsere Umkehr heute. Noch heute schenkt er uns einen Neuanfang. Hören wir sein Klopfen? Machen wir auf!

Ihre Magstrauss

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