Montag der 34. Woche im Jahreskreis

Offb 14,1-3.4b-5; Ps 24,1-2.3-4.5-6; Lk 21,1-4

Offb 14
1 Und ich sah und siehe, das Lamm stand auf dem Berg Zion und bei ihm waren hundertvierundvierzigtausend; auf ihrer Stirn trugen sie seinen Namen und den Namen seines Vaters geschrieben.

2 Dann hörte ich eine Stimme vom Himmel her, die dem Rauschen von Wassermassen und dem Rollen eines gewaltigen Donners glich. Die Stimme, die ich hörte, war wie der Klang der Harfe, die ein Harfenspieler schlägt.
3 Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier Lebewesen und vor den Ältesten. Aber niemand konnte das Lied lernen außer den hundertvierundvierzigtausend, die von der Erde weg freigekauft sind.
4 Sie folgen dem Lamm, wohin es geht. Sie allein unter allen Menschen sind freigekauft als Erstlingsgabe für Gott und das Lamm.
5 Denn in ihrem Mund fand sich keinerlei Lüge. Sie sind ohne Makel.

In der heutigen Lesung hören wir erneut von der Personengruppe, die Johannes in Offb 7 geschaut hat und von der wir an Allerheiligen gehört haben: Es geht um die 144.000 Besiegelten, die in Triumphmodus zum Thron Gottes herangetreten sind. Heute lernen wir ein kleines Detail dazu: Ihre Besiegelung auf der Stirn, die mit dem Siegel des lebendigen Gottes vorgenommen worden war und wir als das Siegel der Taufe identifiziert haben, ist auf den Namen des Vaters und des Sohnes geschehen (hier als Lamm bezeichnet). Es deutet an, in welchem Namen die Taufe geschieht, ja die trinitarische Formel, wobei hier der Hl. Geist nicht genannt wird. Sie stehen gemeinsam mit dem Lamm auf dem Berg Zion, was eine wichtige messianische Verheißung erfüllt: In Jes 2,3 wird verheißen, dass die Weisung vom Zion ausgehen wird. Alle wichtigen heilsgeschichtlichen Ereignisse finden auf einem Berg statt und Zion wird nun zum neuen Gottesberg, der den Sinai bei der Torahgabe ablösen wird. Christus, das Lamm Gottes ist die fleischgewordene Torah, die ausgeht vom Zion. Wir dürfen diese Vision durchaus verstehen vom Ereignis des Todes und der Auferstehung Jesu Christi. Durch dieses Erlösungswirken ist es den 144.000 überhaupt ermöglicht worden, besiegelt zu werden. Die Weisung geht nun wirklich aus vom Zion. Und vor dem Hintergrund messianischer Texte wie in Jesaja wird auch impliziert, dass das Gericht Gottes vom Zion ausgeht. Das bereitet den Hörer auf die zweite Hälfte des Kapitels vor, wo durch ein Erntemotiv das Gericht Gottes geschaut wird.
Johannes hört daraufhin eine Stimme vom Himmel her, die er so laut und übermächtig wahrnimmt, dass er sie nur mit Wassermassen und Donner vergleichen kann. Das tut er bereits am Anfang der Offb. Wenn wir an einen großen Wasserfall denken oder an die starke Strömung eines Flusses bei Regenschauern, können wir uns vorstellen, wie laut und dröhnend er die Stimme wahrgenommen hat. Der Vergleich mit Wassermassen ist übrigens aus der Tradition alttestamentlicher Prophetie. Bereits in Ez 1,24; 43,2 und in Dan 10,6; 19,6 kommt dieser Vergleich vor. Die Stimme ist also sehr laut und furchteinflößend, zugleich aber auch wie Musik. Ein Harfenspieler schlägt wunderschöne Töne, die einen harmonischen Klang erzeugen. Was vom Himmel kommt, ist also zugleich wunderbar. Die Engelscharen werden in der Offb oft als „Orchester“ von Harfenspielern verstanden. So sind auch Offb 5,8 sowie 15,2 zu verstehen. Was wir aus diesen Vergleichen lernen: Der Himmel ist nicht still. Der Himmel ist auch nicht leer, sondern voll von Leben, das die Sinne komplett überwältigen.
Es wird sodann berichtet, dass diese Menschenschar der 144.000 vor dem Thron, vor den Lebewesen und Ältesten ein neues Lied singen. Wir denken an Offb 7 zurück und begreifen, dass wir zurück im himmlischen Thronsaal sind.
Dieses Lied ist jenen vorbehalten, die von der Erde weg freigekauft sind. Das bezieht sich zurück auf Offb 5, wo das Erlösungswirken Jesu Christi als Loskauf der Sklaven bezeichnet wird. Es ist also ein Gesang des Himmels, den jene noch nicht singen können, die es noch nicht geschafft haben: die streitende Kirche auf Erden.
Diese Menschenschar folgt dem Lamm – sie taten es ihr Leben hindurch bis in den Tod. Sie haben ernst genommen, was Christus seinen Jüngern erklärt hat: Wer mir nachfolgt, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Sie sind bis zum Tod standhaft geblieben und haben alle Kämpfe und Nachstellungen des Teufels überwunden. So stehen sie nun als Sieger vor Gott.
Was heißt aber „Erstlingsgabe“? Das ist ein kultischer Begriff des Alten Israel. Wenn die Zeit der Ernte kam, opferte man die besten Früchte Gott auf als Zeichen der Dankbarkeit. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass Gott uns mit Erntereichtum beschenkt. Wir denken an den Sündenfall zurück, bei dem Gott dem Menschen ankündigte, wie schwer es von nun an werden würde, einen Ertrag zu erzielen. Es ist ein Zurückgeben des Besten an Gott, der die Früchte geschenkt hat. Es ist zugleich ein Dankeszeichen für das Verheißene Land, das er seinem Volk geschenkt hat und von sie die Früchte geerntet haben. Als Erstlingsgabe sind auch die besten Tiere geopfert worden, die das Vieh hervorgebracht hat. Die besten Lämmer sind z.B. für den Opferkult verwendet worden. Es ist auch bei Menschen so, dass man den Erstgeborenen einer Familie dem Herrn dargebracht hat. Da man aber keine Kinder opfern konnte, wurden sie sozusagen „ausgelöst“. Das heißt ihre Darbringung geschah stellvertretend durch Opfertiere. Jesus ist auf diese Weise dargebracht worden vierzig Tage nach seiner Geburt. Es ist der Tag, an dem die Heilige Familie auf Simeon und Hanna treffen.
Wenn hier also gesagt wird, dass diese Menschen die Erstlingsgabe Gottes sind, dann meint es, dass sie für Gott geheiligt sind. Wir könnten es auf ein Martyrium beziehen, sodass sie tatsächlich geopfert worden sind. Wir können es aber auch darauf beziehen, dass sie in einem heiligmäßigen Zustand gestorben sind. Schließlich könnte man es auch so verstehen, dass es die ersten sind, die diesen Weg beschritten haben. Auf diesen folgen noch weitere. Sie sind dann sozusagen die „älteren Geschwister“ in der Familie Gottes.
Entscheidend ist das Stichwort der Heiligkeit. Sie gehören ganz Gott, weil sie geheiligt sind in dem Blut des Lammes bei der Taufe und sie haben sich heilig gehalten durch ein heiligmäßiges Leben. Gnade und Tugend hat eine Symbiose der Heiligkeit erzeugt, aufgrund derer hier gesagt wird: „Sie sind ohne Makel.“

Ps 24
1 Ein Psalm Davids. Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.

2 Denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.
3 Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
4 Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt und keinen trügerischen Eid geschworen hat.
5 Er wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.
6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, die dein Angesicht suchen, Jakob.

Als Antwort beten wir den liturgischen Psalm 24, der im Wechselgesang zwischen Gläubigen und Priestern im Tempel von Jerusalem gebetet worden ist. Das ist sehr passend, da wir ja in der Lesung in den himmlischen Thronsaal, dem Ort der himmlischen Liturgie, zurückgekehrt sind. In den ersten Versen wird die Universalherrschaft Gottes thematisiert: „Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.“ Nicht nur der Planet ist Gottes Eigentum, sondern auch die Lebewesen auf der Erde. Alles gehört ihm, weil er alles geschaffen hat, „denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.“ Wir müssen bei diesen Worten bedenken, wie das Weltbild der Menschen damals aussah: Man glaubte, dass die Erde von Wasser umschlossen war, sodass unter der Erde sowie über dem Himmel Wasser vermutet worden ist. Man glaubte, dass die Erde auf Pfeilern über dem Urmeer errichtet worden sei. Das steckt hinter der Formulierung, dass der Erdkreis auf Meere gegründet sei. In der Johannesoffenbarung schaute Johannes ja ein Kristallmeer, das in diesem Weltbild dem Gewässer über dem Himmel entspricht.
„Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?“ ist eine Frage der Gläubigen, die sie an die Priester richten.
Daraufhin antworten die Priester: „Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt“. Das ist eine sehr fortgeschrittene Antwort, da die Herzensreinheit zu jener Zeit oft ignoriert oder einfach noch nicht begriffen wird. Viele Propheten sprechen das Thema an und kritisieren die unreinen Opfer der Menschen aufgrund der fehlenden Aufrichtigkeit. Sie beuten die Schwachen aus und führen ein unmoralisches Leben, bringen aber zugleich Opfer dar in der Erwartung, dass Gott sie erhört. König David, der diesen Psalm gedichtet hat, versteht diesen Aspekt sehr gut und möchte deshalb, dass die Gläubigen die Herzensreinheit in der Liturgie ansprechen. Diese Heiligkeit als Voraussetzung für das Herantreten zu Gottes Heiligtum ist uns in der Johannesoffenbarung in Visionsform vermittelt worden. Heiligkeit ist eine Reinheit und Enthaltung von Sünde. Es ist die Aufrechterhaltung der Taufgnade, das Reinhalten des weißen Gewandes, das ihnen in der Taufe geschenkt worden ist.
Im zweiten Satzteil geht es um die Unabhängigkeit von Nichtigkeiten. Gemeint sind Güter, die vergänglich sind und die einen nicht näher zu Gott bringen. Götzen werden oft als Nichtigkeiten bezeichnet, doch das hebräische Wort ist an der Stelle nicht wie hier שָׁוְא shaw sondern אֱלִיל elil. Auch das Schwören eines Meineids macht den Menschen kultunfähig. Wer sich dagegen von alledem fernhält, „wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.“ Wer also die Gebote Gottes hält, ist gerecht.
Und zum Ende hin sprechen die Priester im Grunde Gott selbst an mit verheißungsvollen Worten für die Gläubigen: Jakob trifft darauf zu. Es ist wahrlich ein Geschlecht, dass nach Gott fragt und somit würdig ist, zu seinem heiligen Tempel zu kommen. Wir müssen uns das hebräische Verb genauer anschauen: Das Verb an dieser Stelle ist דֹּרְשֹׁו darschu, was wir als ein sehnsuchtsvolles Fragen verstehen. Es kann auch mit „verlangen“ übersetzt werden. Es ist eine Sehnsucht nach Gott, die nur jener Mensch besitzen kann, dessen Herz an Gott hängt. Auch die zweite Verbform ist in diesem Duktus zu betrachten: מְבַקְשֵׁ֨י m’waqschej ist eine Suche nach dem Angesicht Gottes aus Sehnsucht nach ihm.
Jesus sagte: Wer suchet, der findet. Wir sehen an den 144.000 in der Lesung, dass weil sie ihr Leben lang Gott gesucht haben (auch gerade im Sinne der sehnsuchtsvollen Suche), ihn finden – auf seinem erhabenen Thron im Himmelreich!

Lk 21
1 Er blickte auf und sah, wie die Reichen ihre Gaben in den Opferkasten legten.

2 Er sah aber auch eine arme Witwe, die dort zwei kleine Münzen hineinwarf.
3 Da sagte er: Wahrhaftig, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr hineingeworfen als alle anderen.
4 Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hineingeworfen; diese Frau aber, der es am Nötigsten mangelt, hat ihren ganzen Lebensunterhalt hergegeben.

Im Evangelium hören wir von einer ganz schlichten Begebenheit, die aber ein wunderbares Beispiel für heiligmäßiges Leben darstellt, das den Menschen zu einer Erstlingsgabe Gottes macht und ihm den Weg vor den Thron Gottes bereitet:
Jesus und seine Jünger sind im Tempelareal. Wo sie sich aufhalten, haben sie Blick auf den Opferkasten. So sieht Jesus nach und nach reiche Menschen, die kommen und ihre Gaben dort hineinwerfen. Dann kommt plötzlich eine arme Witwe und wirft zwei kleine Münzen hinein. Wir müssen bedenken, dass Witwen nichts haben und keine besondere Versorgung erhalten. Es gibt keine Sozialversorgung für jene, die sie am meisten benötigen. So müssen Witwen, Waisen, körperlich oder psychisch Beeinträchtige selber schauen, wie sie zurechtkommen. Diese Frau kämpft also jeden Tag ums Überleben. Was sie dort in den Opferkasten wirft, ist offensichtlich alles, was sie besitzt. Sie wirft ihren gesamten Lebensunterhalt hinein, während die reichen Menschen immer von ihrem Überfluss abgeben.
Deshalb sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Wahrhaftig, ich sage euch: „Diese arme Witwe (…) hat mehr hineingeworfen als alle anderen.“ Es ist sehr lobenswert nicht nur, weil sie alles gegeben hat, was sie besitzt, sondern auch weil sie dadurch ganz auf die Vorsehung Gottes vertraut. Ihr geht es wirklich um das Reich Gottes, weshalb sie bereit ist, alles herzugeben. Weil Gott ihr großes Herz gesehen hat, das sie selbst in ihrer eigenen Not noch für die anderen hat, wird er ihr alles dazugeben, was sie braucht. Sie gibt also offensichtlich im Vertrauen, dass Gott sich am nächsten Tag um sie kümmern wird. Das ist die Hingabe, die Jesus sich von allen seinen Jüngern wünscht, ein Glaube, der riesengroß ist.
Diese Frau hat ein Verhalten an den Tag gelegt, das sich einreiht in die Verhaltensweisen eines heiligmäßigen Lebens. Wenn sie in allem diese Hingabe beweist, bis zur Hingabe des eigenen Lebens, wird sie sich eines Tages einreihen in die Schar der Heiligen, die auf ewig bei Gott sein wird.

Heute hören wir noch einmal Texte, die zu einem heiligmäßigen Leben aufrufen. Wir gehen ja immer mehr dem Ende der Zeiten zu. Bevor wir uns versehen, kommt über uns das Gericht. Wenn wir uns bemüht haben darum, unsere Taufgnade aufrecht zu erhalten, werden wir dann nichts zu fürchten haben.

Ihre Magstrauss

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