2. Sonntag im Jahreskreis

1 Sam 3,3b-10.19; Ps 40,2 u. 4ab.7-8.9-10; 1 Kor 6,13c-15a.17-20; Joh 1,35-42

1 Sam 3
3 Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen und Samuel schlief im Tempel des HERRN, wo die Lade Gottes stand.

4 Da rief der HERR den Samuel und Samuel antwortete: Hier bin ich.
5 Dann lief er zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen! Da ging er und legte sich wieder schlafen.
6 Der HERR rief noch einmal: Samuel! Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen!
7 Samuel kannte den HERRN noch nicht und das Wort des HERRN war ihm noch nicht offenbart worden.
8 Da rief der HERR den Samuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der HERR den Knaben gerufen hatte.
9 Eli sagte zu Samuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich ruft, dann antworte: Rede, HERR; denn dein Diener hört. Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder.
10 Da kam der HERR, trat heran und rief wie die vorigen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel antwortete: Rede, denn dein Diener hört.
19 Samuel wuchs heran und der HERR war mit ihm und ließ keines von all seinen Worten zu Boden fallen.

Heute hören wir als erste Lesung von einem besonderen Kind, das von klein auf im Tempel bei Eli aufwächst – Samuel, der Sohn Hannas. Er ist in dieser Hinsicht mit der Mutter Jesu zu vergleichen, die laut Protevangelium des Jakobus ebenfalls im Tempel als geweihtes Kind aufgewachsen ist – ebenfalls von unfruchtbaren Eltern, die die Weihe des Kindes als Versprechen der Gebetserhörung einlösen.
Wir hören heute, wie er zum Propheten berufen wird. Er schläft im Tempel in der Nähe der Bundeslade. Das ewige Licht brennt noch (laut Ex 27,20-21 soll die Lampe von Abend bis zum Morgen brennen), weshalb wir wissen, dass es noch Nacht ist. Samuel sieht außerdem, dass sonst kein anderer im Raum ist, der ihn rufen könnte. Eigentlich könnte und müsste man jetzt einen langen Aufsatz über diesen Leuchter, die Menora, schreiben, weil sie typologisch zum Symbol für Christus wird, dem Licht der Welt. Ihre tiefe Symbolik entfaltet sich Stück für Stück gemäß Psalm 119,105: „Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade.“ Die Menora umfasst nämlich in ihren Details die Gesamtheit der Schriften der gesamten Bibel (Jesus, das Wort Gottes!), hat insgesamt die Form eines Baumes mit Mandelblüten (der Baum des Lebens, der zum Holz des Kreuzes wird, an dem der neue Adam hängt!), sie ist das ewige Licht (Jesus, das Licht, das den Völkern gebracht wird, die in der Finsternis wohnen!) und ohne das Öl brennt die Lampe nicht (die Salbung des Hl. Geistes!). Ich höre jetzt aber auf, denn das ist keine Abhandlung über die Menora, sondern eine Auslegung der Schriftstelle.
Gott ruft Samuel und dieser sagt „hier bin ich“. Wir dürfen uns das so vorstellen, dass die Stimme von der Bundeslade kommt. Sie ist analog zur Stimme aus dem brennenden Dornbusch zu betrachten. Verweilen wir kurz bei „hier bin ich“. Im Hebräischen steht הִנֵּנִי hinneni. Diese Antwort hat die Kirche zum terminus technicus auf den Ruf Gottes gemacht – sie hat ihn integriert in den Ritus der Priesterweihe. Der Weihebewerber wird namentlich aufgerufen so wie Samuel in dieser Perikope. Daraufhin antwortet der Bewerber mit „hier bin ich“ oder „adsum“.
Samuel läuft daraufhin zu Eli, dessen Rufen er vermutet. Wiederholt sagt er zu ihm „hier bin ich“, um ihm zu signalisieren, dass er da ist. Eli hat ihn aber nicht gerufen und schickt ihn wieder schlafen. Gott ruft Samuel dann zum zweiten Mal und da bemerkt man schon ein gewisses Zögern. Samuel steht zwar auf, aber er geht nun und rennt nicht zu Eli (וַיֵּ֣לֶךְ wajelech). Er ruft auch nicht sofort „hier bin ich“, sondern erst, als er beim alten Mann angekommen ist. Dieser schickt ihn erneut weg, weil er ihn nicht gerufen hat.
Daraufhin kommt die Bemerkung, dass Samuel den HERRN noch nicht kannte. Man muss dieses „kennen“ als „kennenlernen“ verstehen (die Verbform ist hier יָדַע jada), denn Samuel ist das „Wort des HERRN noch nicht offenbart worden“. Am Anfang der Perikope, den wir heute nicht hören, wird erklärt, dass Gott sich den Menschen in jener Zeit selten durch Eingebungen („Wort des HERRN“) offenbart hat. Samuel hat dergleichen noch kein Mal erfahren, also noch keine Begegnung mit Gott gehabt. Das ist auch der Grund, warum er selbst beim dritten Rufen nicht versteht, wer ihn ruft. Er geht wieder in Ruhe zu Eli und sagt hinneni, „hier bin ich“. Der alte Mann versteht nun, was passiert, und trägt dem Jungen auf, beim nächsten Mal „Rede HERR; denn dein Diener hört“ zu sagen. Eli hat verstanden, dass der Junge sich das Rufen nicht dreimal eingebildet haben kann, und dass es Gott selbst sein muss.
Es kommt nun dazu, dass Gott den Samuel erneut ruft. Dabei wird in Vers 10 gesagt, dass Gott hinzutritt (וַיִּתְיַצַּ֔ב wajitjazaw). Dies ist natürlich ein Anthropomorphismus, denn Gott ist Geist, kann also nicht hinzutreten. Gemeint ist, dass Gott gegenwärtig ist. Samuel tut, was Eli ihm erklärt hat, und sagt nun „rede HERR, denn dein Diener hört“.
Samuel wächst heran und Gott gibt ihm im Laufe seines Älterwerdens Worte ein, die dieser nie „zu Boden fallen“ lässt. Dieser Ausdruck erinnert an Onan, der seinen Samen zu Boden fallen lässt, damit dieser keine Frucht bringt, also kein Kind entsteht. Samuel lässt Gottes Worte immer fruchtbar werden, denn er ignoriert sie nie.

Ps 40
2 Ich hoffte, ja ich hoffte auf den HERRN. Da neigte er sich mir zu und hörte mein Schreien. 
4 Er gab mir ein neues Lied in den Mund, einen Lobgesang auf unseren Gott. 
7 An Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen, doch Ohren hast du mir gegraben, Brand- und Sündopfer hast du nicht gefordert. 
8 Da habe ich gesagt: Siehe, ich komme. In der Buchrolle steht es über mich geschrieben.
9 Deinen Willen zu tun, mein Gott, war mein Gefallen und deine Weisung ist in meinem Innern. 
10 Gerechtigkeit habe ich in großer Versammlung verkündet, meine Lippen verschließe ich nicht; HERR, du weißt es.

Der heutige Psalm ist anzulehnen an die Episode des Samuelbuches. Der erste Teil des Psalms, aus dem wir heute einen Abschnitt beten, besitzt die Form eines Dankespsalms. Wir können uns vor dem Hintergrund der Lesung sehr gut vorstellen, wie die Mutter Samuels Hanna diese Worte spricht. Ihr ist ein Sohn geschenkt worden, den sie dem Heiligtum geweiht hat. Gott hat ihre Hoffnung auf den HERRN und ihr Schreien wirklich erhört. Auch Hanna hat einen Lobgesang auf Gott erhalten – dies ist uns in 1 Sam 2 überliefert. So könnte sie die Worte im Psalm sprechen: „er gab mir ein neues Lied in den Mund“, wenn sie denn zu ihrer Zeit bereits komponiert worden wären.
Auch König David selbst kann davon ein Lied singen, wie Gott seine Gebete erhört hat und ihn in jeder Notlage beschützte. Der Hl. Geist erfüllte auch ihn so wie Hanna, sodass er dieses Danklied komponieren konnte. Auf diese Weise sind alle Psalmen entstanden, die im Psalter überliefert sind. Das erkennen wir daran, dass immer wieder messianische und grundsätzlich prophetische Inhalte zu lesen sind. Gottes Geist hat hier gewirkt!
Die Aussage „an Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen…“ ist auch darauf zu beziehen, was dann in Vers 9 geschrieben steht: „deinen Willen zu tun“, also den Willen Gottes zu befolgen, ist das Entscheidende, ohne dass die Opfertätigkeit überflüssig wird. Dies müssen wir als rhetorische Wendung verstehen. Es gab immer wieder Phasen der Geschichte Israels, in denen der Opferkult unaufrichtig praktiziert worden ist. Die Israeliten lebten nicht, wie es Gott gefällt und deshalb brachten die Opfer in ihrem Fall nichts. Diese machen den Menschen nicht gerecht vor Gott, wenn nicht zugleich eine innere Einstellung der Reue und Umkehrbereitschaft vorliegt. Wer nicht bereit ist, auf Gottes Willen zu hören – deshalb die gegrabenen Ohren – der kann Gottes Gunst nicht mit Opfern erkaufen.
Vers 8 ist ein zutiefst messianischer Vers, der genau das bestätigt, was ich vorhin meinte: Das ist ein Satz, den König David in seiner Tiefe gar nicht begreifen konnte. Auf der Oberfläche erkennen wir die Zusage des frommen Königs gegenüber Gott, zum Herrn zu kommen – im Allerheiligsten des Offenbarungszeltes. Die Aussage „in der Buchrolle steht es über mich geschrieben“ zeigt uns jedoch bereits den geistlichen Sinn der Aussage: Der Messias kommt und ist bereits gekommen, über den in der Buchrolle geschrieben steht – nämlich in den Hl. Schriften der Juden, besonders in der prophetischen Literatur wie Jesaja! Diese christologische Auslegung der Bibelstelle ist nicht aus den Fingern gesogen. Bereits der Hebräerbrief nimmt dies vor in 10,9. Vor diesem Hintergrund können wir auch die folgenden Verse verstehen: Die Gehorsamsbekundung spricht Christus selbst als Mensch, der in seiner Entäußerung gehorsam war bis zum Tod. Er hat den Willen des Vaters ganz erfüllt und dabei die Weisung – die Torah – ganz und gar erfüllt. Er ist wahrlich das fleischgewordene Wort Gottes! Er hat seine Lippen nie verschlossen, sodass das Unliebsame die Menschen dazu trieb, ihn fast zu steinigen und am Ende sogar ans Kreuz zu schlagen. So war es auch mit den vielen Propheten zuvor, die den Menschen den Willen Gottes kundgetan haben. Sie sind zumeist den Märtyrertod gestorben, weil man sie mundtot machen wollte, bis zum letzten Propheten, dem Täufer Johannes.

1 Kor 6
13 Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib.

14 Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken.
15 Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind?
17 Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm.

18 Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib.
19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst;
20 denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!

Als zweite Lesung hören wir einen Ausschnitt aus dem ersten Korintherbrief. Es geht um die Unzucht, die eine der schwersten Sünden ist. Was ist Unzucht? Das griechische Wort ist porneia. Es meint jede Form von ungeordneter Sexualität, die nicht im geschützten und sakramentalen Rahmen der Ehe geschieht und die nicht der Fortpflanzung dient, also jeden Missbrauch des gottgegebenen Geschlechtstriebs. Paulus spricht das Thema Unzucht vor allem deshalb an, weil es unter den Korinthern eine besonders schlimme Form von Unzucht gab, von der Paulus gehört hat. Er schreibt dies bereits im fünften Kapitel: „1 Allgemein hört man von Unzucht unter euch, und zwar von Unzucht, wie sie nicht einmal unter den Heiden vorkommt, dass nämlich einer mit der Frau seines Vaters lebt.“ Also ist es für die Korinther notwendig, das Thema umfassend zu erklären, vor allem die Schwere dieser Sünde herauszustellen. In heutiger Zeit der absoluten Enttabuisierung in dem Bereich sind die Worte des Paulus aktueller denn je:
Unmittelbar vor diesen heutigen Versen heißt es, dass der Bauch für den Menschen da ist und nicht der Mensch für den Bauch. Der Bauch wird einerseits genannt, weil er zum Ort einer weiteren Sünde gegen das Fleisch wird, zum Ort der Völlerei. Was für die Völlerei gilt, gilt auch für die Unzucht: Die Triebe im Menschen, die an sich gut sind, können und müssen willentlich gesteuert werden und dürfen über den Menschen nicht die Überhand gewinnen. Der Bauch ist für den Menschen da – er muss sein Essverhalten ordnen. Genauso ist es mit der Sexualität, die den zerbrechlichsten Teil des Menschen darstellt als Folge der Erbsünde. Der Mensch muss seinen Geschlechtstrieb willentlich steuern, nicht dass er die Oberhand über den Menschen gewinnt. Als Abbild Gottes haben wir Menschen auch die Fähigkeit, den Geschlechtstrieb zu ordnen und zu kultivieren. Je geordneter und auch geregelter dieser Trieb in einer Gesellschaft ist, desto mehr wird sie zu einer Hochkultur, desto mehr erreicht sie. Sexualität ist kanalisierbar. Es ist nochmal anders als beim Essen und Trinken, denn ohne Nahrungsaufnahme stirbt der Mensch. Ohne Sex kann der Mensch aber leben.
Kanalisierung und Ordnung des Geschlechtstriebs ist nicht einfach ein Minus, eine Entsagung. Vielmehr gelingt es dem Menschen, in sich selbst zu einer Ordnung zu gelangen, wenn er begreift, wofür sein Leib da ist – der Leib ist für den Herrn da. Wir gehören ganz Gott, denn als Getaufte stehen wir ja in einer Bundesbeziehung zu ihm. Bund bedeutet: „Ich gehöre ganz dir und du gehörst ganz mir.“ Es handelt sich dabei um eine Selbstübereignung an Gott. Wir sind eingebunden in den Leib Christi als dessen Glieder. Das betrifft nicht nur unseren Geist, sondern unser ganzes Dasein. Auch unser Leib gehört ihm. Das heißt nicht, dass wir nicht heiraten dürfen, um ein Leib mit einem Ehepartner zu werden. Das heißt aber, dass wir Gott auch mit unserem Leib verherrlichen sollen und nicht mit dem Leib sündigen dürfen. Dieser gehört ja ebenfalls ganz ihm durch den Bund, den wir eingegangen sind. Die Unzucht ist also deshalb gravierend, weil sie den Leib in die Sünde einbezieht. Gott möchte nur das beste für uns und er weiß, dass uns die Unzucht unglücklich macht. Er hat uns das sechste Gebot gegeben, weil er genau weiß, wie sehr die Unordnung der Sexualität den Menschen leiden lässt. Heutzutage ist alles erlaubt und es gibt keine Tabus in dem Bereich mehr. Und doch sind die Menschen viel unglücklicher als früher mit den ganzen Verboten. Davon zeugen die vollen Wartezimmer in den psychiatrischen Praxen. Die meisten Probleme, die man als Therapeut heute zu hören bekommt, sind Probleme des Intimlebens in der Partnerschaft. Gott weiß, warum er uns genau jene Gebote gibt. Er möchte, dass wir glücklich sind und ein Leben in Fülle haben. Das haben wir wahrlich, wenn wir ihm gehorchen. Denn er ist ein wunderbarer Hirte, der nur das beste für seine Herde bereithält.
Er ist soweit gegangen, den teuersten Preis zu bezahlen, damit wir erlöst würden und dieses Leben in Fülle haben können – er hat seinen einzigen Sohn dahingegeben, das Kostbarste, was er hat! Wollen wir als so teuer Erkaufte wirklich zurück in die Misere? Verherrlichen wir Gott mit unserem ganzen Dasein, auch mit unserem Körper, wie Paulus es hier schreibt!

Joh 1
35 Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm.

36 Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!
37 Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.
38 Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, sagte er zu ihnen: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister – , wo wohnst du?
39 Er sagte zu ihnen: Kommt und seht! Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde. 40 Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren.
41 Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden – das heißt übersetzt: Christus.
42 Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Petrus, Fels.

Was wir heute im Evangelium lesen, geschieht einen Tag nach der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer. Und wir lesen zugleich von den „Früchten“, an denen man den Menschen erkennt:
Johannes der Täufer tauft wie gewohnt im Jordan und zwei seiner Jünger sind bei ihm. Als Jesus vorübergeht, hören die Jünger des Johannes ihren Meister sagen: „Seht das Lamm Gottes!“. Dass sie daraufhin Jesus ansprechen und generell auf ihn aufmerksam werden, könnte man damit erklären, dass Johannes tags zuvor über Jesus heilsgeschichtlich entscheidende Dinge erklärt hat. Da hat er Jesus bereits als Lamm Gottes bezeichnet, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Jetzt, wo dieser besondere Mann wieder auftaucht, wollen sie die Chance nutzen, ihn besser kennenzulernen. Sie werden als Jünger des Johannes in einer intensiven Messiaserwartung gelebt haben und erkennen nun die Gunst der Stunde.
Sie folgen Jesus kurzerhand, ohne zunächst etwas zu sagen. Als dieser merkt, dass er verfolgt wird, wendet er sich um und fragt: „Was sucht ihr?“ Das Verb ζητέω zeteo macht an dieser Stelle weniger Sinn, wenn man es wörtlich übersetzt. Sie suchen ja nichts, sondern folgen Jesus. Man muss die übertragenen Bedeutungen berücksichtigen („untersuchen“ , „vermissen“ und „nach etwas verlangen“). Es kann also heißen, dass Jesus sie danach fragt, was sie möchten. Er ist Gott und weiß die Antwort ja schon. Er wird also auch wissen, dass sie mehr über Jesus herausfinden möchten, also „untersuchen“ wollen.
Diese Situation dürfen wir noch eingehender betrachten und mehrfach auslegen: Jesus fragt auch später, wenn Menschen mit Krankheiten und anderen Anliegen zu ihm kommen, was sie möchten – was sie ersehnen. Er kennt die Antwort immer schon, aber es geht um den freien Willensentschluss, den er den Menschen lässt. Sie sollen von sich aus laut aussprechen, was sie möchten (z.B. der Blinde in Lk 18). Auch ekklesiologisch wird dies weitergeführt. Keinem werden die sakramentalen Handlungen aufgezwungen. Wenn Eltern ihr Kind zur Taufe bringen oder wenn ein Erwachsener sich auf die Taufe vorbereitet, gehört es zum Ritus, dass die betroffenen Personen von sich aus den Wunsch äußern „ich bitte um die Taufe“ oder auch bei der Firmung. Da ist es meist ein Firmling stellvertretend für alle anderen, der dann nach vorne kommt und den Bischof um das Sakrament bittet. Ebenso ist es mit den anderen Sakramenten, auch mit dem Bußsakrament. Gott weiß schon längst, was wir wollen, wenn wir zur Kirche kommen, aber er möchte uns die Chance geben, es frei zu äußern. Er kennt unsere Sünden bereits, aber er möchte, dass wir sie mit eigenen Worten aussprechen.
Das betrifft auch den einzelnen Christen, wenn er ins Gebet geht. Der Herr weiß schon, um was wir bitten möchten, aber er lässt uns dennoch ausreden, damit wir unserer Sehnsucht Worte verleihen. Und wenn wir vor Gott stehen nach dem Tod, dann wird er schon längst alles wissen und uns doch anhören, was wir zu sagen haben.
Interessant ist übrigens auch die Analogie zu Exodus 33. Auch dort geht Gott vorüber, aber Mose darf sein Angesicht nicht sehen. Gott erlaubt ihm, seinen Rücken zu erhaschen. Hier im Evangelium erkennen wir, dass Gott heilsgeschichtlich nun eine neue Phase einleitet. Er wendet sich um und zeigt den Menschen sein Gesicht!
Warum stellen die Johannesjünger Jesus aber ausgerechnet die Frage: „Wo wohnst du?“ Natürlich kann man dies darauf zurückführen, dass man von der Art des Wohnens, des Zusammenlebens, der familiären Umstände auf den Menschen schließen kann. Hier steckt aber noch eine tiefere Wahrheit dahinter. Im selben Kapitel heißt es im Prolog ja: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Wörtlich heißt es sogar „es hat unter uns gezeltet“. Gott hat sein Zelt aufgeschlagen mitten unter den Menschen. Dies hat etwas Vorübergehendes an sich, denn es meint keinen dauerhaften Wohnsitz. Der Sohn Gottes hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann: Er wird in einem Stall geboren, der ihm nicht gehört, er muss nach Ägypten fliehen, weil die Heimat seiner Eltern eine tödliche Bedrohung darstellt, er wird vom Moment seines öffentlichen Wirkens an keinen festen Wohnsitz mehr haben. Nach dem Tod wird er nicht mal in ein eigenes Grab gelegt, sondern in ein geliehenes. Auch wenn hier nicht gesagt wird, wo Jesus wohnt, können wir davon ausgehen, dass er bei Freunden untergekommen ist. Es spielt sich ja bei Betanien ab, wo Maria, Martha und Lazarus wohnten, Freunde Jesu.
Jesus antwortet den Johannesjüngern mit der Aufforderung „Kommt und seht!“ Von Anfang an lebt Jesus sein Evangelium vor und überzeugt so die Menschen. Es ist um die zehnte Stunde, also vier Uhr nachmittags, als sie mit Jesus gehen und sich selbst überzeugen, wo er lebt. Hier müssen wir auch ins Griechische schauen. Sie fragen wortwörtlich nämlich nicht: „Wo wohnst du“, sondern „Wo bleibst du?“ (μένω meno „bleiben“). Im Johannesevangelium ist das Wort „bleiben“ entscheidend. Es ist also mehr als nur eine banale Frage und daraufhin eine informative Aussage, wenn es heißt, dass die beiden Jünger an dem Tag bei Jesus bleiben. Jesus wird in seiner Verkündigung immer davon sprechen, dass wir in Gottes Liebe bleiben sollen. Der Begriff hat etwas mit Gemeinschaft mit Gott zu tun. Wenn die Jünger also mit Jesus gehen und sehen, wo er bleibt, dann werden sie nicht nur Zeuge der Unterkunft Jesu. Sie werden vielmehr Zeugen der Gemeinschaft zwischen Vater und Sohn. Jesus wird ihnen diese Beziehung gezeigt haben, sodass ihnen aufgegangen ist, wer er ist. Was die beiden mit Jesus an dem Tag erlebt haben, überzeugt sie so sehr, dass sie am nächsten Tag sogar sagen: „Wir haben den Messias gefunden“. Sie haben „gesucht“ und „gefunden“. Dazu lädt Jesus später in der Bergpredigt ein: Suchet und ihr werdet finden (Mt 7,7). Das ist eine Einladung an jeden Menschen. Wer wirklich von Herzen auf der Suche ist – und das ist jeder Mensch, weil er als Abbild Gottes unbewusst immer nach Gott sucht – wird Gott auch finden. Dieser zieht jeden Menschen nämlich zu sich.
Die Ereignisse des Tages schließen sich an den ersten Johannesbrief an, wo wir heute gelesen haben, dass man den Gerechten am Verhalten erkennt. Jesus erzählt ihnen nicht einfach, wer er ist, obwohl er weiß, dass sie das wissen wollen. Er zeigt ihnen vielmehr an seinem Verhalten, wer er ist. Denn das überzeugt Menschen mehr als Worte.
Einer der beiden Johannesjünger ist der Bruder des Petrus, Andreas. Dieser bringt am nächsten Tag seinen Bruder zu Jesus, der den Beinamen Petrus erhält und eigentlich Simon heißt.
Andreas führt seinen Bruder zu Jesus. Das ist ein Kernsatz für jeden Seelsorger. Das ist die Aufgabe, zu der jeder Diakon, Priester und Bischof, jeder Ordensmensch, aber auch jeder Laie berufen ist – Menschen zu Jesus zu führen. Man erkennt den guten Geistlichen daran, dass dieser die Menschen nicht um sich scharrt wie eine Fanbase und diese von sich abhängig macht. Stattdessen führt er Menschen immer Christus zu und zeigt von sich weg. Es geht um Gott, nicht um die Person des Geistlichen.
Petrus begegnet Jesus heute zum ersten Mal und dieser beruft ihn sofort zum Felsen. In Mt 16 wird Jesus ihm sogar sagen, dass er auf ihm seine Kirche bauen wird! So eine große Berufung hat Jesus für ihn bereit. Dass Jesus ihm einen neuen Namen verleiht, muss für ihn etwas Besonderes gewesen sein. Er sagt ihm sogar, wie er heißt, bevor er das wissen kann. Simon bar Jona, „Sohn des Johannes“ wird somit klar, dass Jesus mehr ist als ein gewöhnlicher Mensch.

Heute hören wir Texte über Berufung und Gehorsam, Bund und Gottesliebe. So wie Samuel von Gott beim Namen gerufen wird, so werden die ersten Apostel von Jesus berufen und beim Namen gerufen. Sie erhalten sogar einen neuen Namen, wie wir bei Petrus sehen. Wenn wir ganz mit Gott vereint sind – und das sind wir durch den Bund (den Alten Bund bei König David, den Neuen Bund bei Paulus) -, gehören wir ganz ihm und befolgen seinen Willen. Wir schreiben seine Gebote ganz in unser Herz, das ungeteilt ihm gehört. Das ungeteilte Herz wird auch die Herzensreinheit genannt – das, was wir auch Keuschheit nennen. Wenn Gott unser ganzes Herz erfüllt wie das Herz des Königs David, dann möchten wir auch nichts anderes tun, als seinen Willen zu befolgen. Und von diesem reinen Herzen wird keine Unordnung und Herrschaft der Triebe ausgehen. Dann wird unser ganzes Dasein geordnet sein – vom Essverhalten und Geschlechtstrieb bis hin zu unseren Beziehungen, unserer gesamten Lebensführung. Wir können Gott also ganz vertrauen – er wird unsere Selbstübereignung durch den Bund nicht missbrauchen. Vielmehr werden wir ein Leben in Fülle haben, weil Gott nur das Beste für uns bereithält. Das gilt nicht nur für die Selbstübereignung des auf besondere Weise Berufenen wie Samuel oder die Apostel, das gilt für jeden, der mit Gott in einem Bund lebt.

Ihre Magstrauss

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