Samstag der 4. Woche im Jahreskreis

Hebr 13,15-17.20-21; Ps 23,1-3.4.5.6; Mk 6,30-34

Hebr 13
15 Durch ihn also lasst uns Gott allezeit das Opfer des Lobes darbringen, nämlich die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.
16 Vergesst nicht, Gutes zu tun, und vernachlässigt nicht die Gemeinschaft; denn an solchen Opfern hat Gott Gefallen!
17 Gehorcht euren Vorstehern und ordnet euch ihnen unter, denn sie wachen über eure Seelen und müssen Rechenschaft darüber ablegen; sie sollen das mit Freude tun, nicht mit Seufzen, denn das wäre zu eurem Schaden.
20 Der Gott des Friedens aber, der Jesus, unseren Herrn, den erhabenen Hirten der Schafe, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut eines ewigen Bundes,
21 er mache euch tüchtig in allem Guten, damit ihr seinen Willen tut. Er bewirke in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, dem die Ehre sei in alle Ewigkeit. Amen.

Heute hören wir das letzte Mal einen Abschnitt aus dem Hebräerbrief. Gestern ging es bereits um letzte ethische Unterweisungen. Dieser Duktus setzt sich auch heute fort, wobei das Oberthema der rechte Gottesdienst ist. Bemerkenswert ist, dass unmittelbar vor unserem Abschnitt eine interessante typologische Erklärung abgegeben wird: So wie die Opfertiere des Alten Bundes außerhalb des Lagers verbrannt worden sind, so musste Christus vor den Toren Jerusalems gekreuzigt werden. Das ist ein Beispiel für die gesamte Argumentation des Hebräerbriefes. Er stellt eine einzige Auseinandersetzung mit dem Kult des Alten Bundes dar. Viele Anspielungen der Jerusalemer Tempelpraxis werden angeführt, um auf Christus Bezug zu nehmen. So herrscht unter anderem die These, dass der Hebräerbrief zur Zeit nach der Tempelzerstörung entstanden ist und das Trauma verarbeitet. Deshalb könne er nicht von Paulus geschrieben sein, wie es die Tradition angibt. Die Schlussfolgerung ist nicht zwingend, denn dass man über den Tempel so intensiv schreibt, kann genauso gut ein Grund sein, eine Datierung vor der Zerstörung anzunehmen. Schließlich scheint der Kult dem Autor noch lebendig vor Augen zu sein.
„Durch ihn“, gemeint ist „durch Christus“, um den es im vorausgehenden Vers geht, möge das Opfer des Lobes dargebracht werden. Der Lobpreis wird mit Kultsprache umschrieben als „Opfer“ und „Frucht der Lippen“. Was wir also tun, wenn wir Gott loben und preisen, ist die Darbringung eines Opfers, das unsere Antwort auf das Opfer Jesu Christi ist. Gerne wird heute von der modernen Theologie herausgestellt, dass nicht die Menschen Christus dem Vater opfern, sondern in der Messe der Vater den Menschen seinen Sohn schenkt. So sei der Begriff „Gottesdienst“ nicht darauf zu beziehen, dass wir Gott einen Dienst erweisen, sondern Gott uns einen Dienst erweist. Der Einfluss einer anthropologischen Wende in der Theologie, wie diese Denkweise bezeichnet wird, ist unverkennbar. In besonders starker Ausprägung erkennen wir die Ersetzung Gottes durch den Menschen, die Gefahr eine Dialektik, bei der Gott und Mensch auf eine Ebene kommen und vertauschbar werden. Die gefährlichste Schlussfolgerung – und solche Tendenzen sind in den theologischen Ansätzen des letzten Jahrhunderts teilweise zu beobachten gewesen: Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde. Dies ist zunehmend wörtlich verstanden worden, obwohl es für den Menschen immer nur im übertragenen Sinne gelten kann. Der Mensch ist Gott gegenüber nie ebenbürtig. Eine strenge Parallele kann es nie geben.
Also zurück zum Opfer: Natürlich ist es vor allem Gott, der der Akteur ist. Er bringt sich selbst dar. Die Priester, die das Hl. Messopfer darbringen, tun dies ja in persona Christi. Das macht die Eucharistie ja so unvergleichlich und so unersetzbar durch Wortgottesdienste. Denn diese nehmen die Menschen selbst vor im Gegensatz zum Messopfer Christi. Und doch heißt das für den Gläubigen nicht, dass man die Hände in den Schoß legen soll. Wir antworten auf dieses Opfer aller Zeiten mit Lob und Dank. Wir geben ein Opfer zurück. Ebenso ist es doch im Alltag mit den Liebesopfern, durch die wir dem Herrn auf sein Kreuzesopfer antworten.
Der Hebräerbrief betont eindrücklich, dass Gott an dieser Art von Opfern Gefallen hat. Denn es ist ein Zurücklieben dessen, der uns zuerst geliebt hat.
Die Adressaten sollen ihren Vorstehern gehorchen, die über ihre Seelen wachen. Auch an dieser Stelle wird der offene Begriff ἡγούμενος hegumenos gewählt statt episkopos, was man eher erwarten würde. Denn der Hüter der Seelen ist zumeist der Bischof. So bleibt es aber offen, ob damit ein Geistlicher gemeint ist oder eine Person, die einem Hauskreis vorsteht und nicht zwingend geweiht sein muss. Diese müssen jedenfalls Rechenschaft ablegen – einerseits vor dem Bischof oder der Gemeinschaft der Bischöfe, andererseits vor Gott.
Zum Ende hin wird ein Segenswunsch formuliert, demnach Gott den Adressaten Gutes verleihen soll. Dieser ist es, der den guten Hirten Christus von den Toten auferweckt hat und den Neuen Bund durch dessen Blut aufgerichtet hat. Das Gute soll er den Christen schenken durch Jesus Christus, denn dieser ist der Mittler zwischen den Bündnispartnern Gott und Menschheit. Der Abschnitt endet mit einer Ewigkeitsformel ganz nach dem jüdischen Gebetsformular.

Ps 23
1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.
2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen.
4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.
5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher.
6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Heute beten wir den berühmten Psalm 23. Er passt zur Lesung, weil in diesem Vertrauenspsalm Gott als Hirte beschrieben wird. Dies klingt auch zum Ende der Lesung an.
Gott ist unser Hirte, der uns alles gibt, was wir brauchen. Es mangelt uns an nichts, wenn wir zuerst sein Reich suchen. Das sagt Jesus später nicht umsonst. Es ist vor dem Hintergrund des Psalms absolut nachvollziehbar. Gott lässt uns, seine Schafe, auf grünen Auen lagern. Er führt uns nicht ins Verderben, sondern nährt uns immer ausreichend, damit wir auf dem Weg durchs Leben hin zu ihm nicht zugrunde gehen. Auch wenn es zeitweise Wüstenlandschaften sind und nicht die grünen Auen, ist es für uns heilsam, damit wir die Auen wieder mehr zu schätzen lernen, in unserem Glauben gestärkt und in unserer Wachsamkeit geschärft werden. Konkret heißt das, dass Gott uns mit allen irdischen Gaben (Finanzen, Gesundheit, Nahrung und sauberes Trinkwasser, Frieden, Erfolg etc.), aber auch mit allen überirdischen Gaben ausstattet, die wir durch die Heilsmittel der Kirche erhalten. Dazu gehören die Sakramente, allen voran die Eucharistie, und die Sakramentalien, durch die er uns den Hl. Geist senden möchte. Nicht umsonst betet David zuerst „er lässt mich lagern auf grünen Auen“ und dann „und führt mich zum Ruheplatz am Wasser“. Es sind einerseits zwei Bilder für das Essen und Trinken des Menschen, andererseits die Bilder für die wichtigsten überirdischen Güter – die Eucharistie und der Hl. Geist, das lebendige Wasser.
Gott bringt die Lebenskraft zurück. Das hebräische Stichwort ist an dieser Stelle ist wie so oft nefesch. Gott bringt das ganze Leben zurück. Wir dürfen es sowohl moralisch als auch anagogisch verstehen, das heißt einerseits die Rückführung in den Stand der Gnade und zugleich die Rettung des ewigen Lebens. Vor allem die moralische Ebene wird uns klar, wenn wir danach lesen: „Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit.“
Selbst der Psalm 23 greift die Situation auf, dass es nicht immer die ruhigen grünen Auen sind, auf denen die Herde sich bewegt, sondern auch mal das finstere Tal. So ist das Leben. Es gibt nicht nur schöne Tage, sondern auch die Krisen und dunklen Stunden. Doch selbst da begleitet Gott einen hindurch und hinaus. David selbst, der diese Worte gedichtet hat, erlebte dunkle Stunden, doch gerade in diesen hat er sich umso mehr an Gott geklammert. Er wusste, wie entscheidend sich die Qualität eines Hirten in finsteren Tälern herausstellte. Er wusste auch, wie sicher sich ein Schaf bei einem guten Hirten fühlen konnte. Er ist in dieser Hinsicht nicht nur der Typos des guten Hirten Christus, sondern auch des Lammes Gottes, das sich ganz und gar in die Hände Gottes übergab und selbst am Kreuz noch betete: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Von David können wir das absolute Gottvertrauen lernen und mit ihm zusammen beten: „Dein Stock und dein Stab trösten mich.“
Gott beschenkt uns, seine Kinder. Er hat nur Gutes für uns bereit. All der Segen Gottes wird hier mit verschiedenen Bildern umschrieben wie dem Decken des Tisches, dem Salben des Hauptes und dem übervollen Becher. All dies können wir zusammenfassen mit den darauffolgenden Worten: „Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang.“
Ins Haus des Herrn heimzukehren, bedeutet in diesem Kontext wörtlich den Tempel Gottes, der zu Davids Zeiten noch in Form des Offenbarungszeltes bestand. Wir lesen dies allegorisch weiter als das Reich Gottes und die Kirche. Moralisch verstehen wir damit unsere eigene Seele, die der Tempel Gottes ist und von wo aus die Entscheidungen zu einem Verhalten nach seinen Geboten getroffen werden. Schließlich kehren wir am Ende unseres Lebens heim in das Haus Gottes, den Himmel.

Mk 6
30 Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. 

31 Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus! Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. 
32 Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. 
33 Aber man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. 
34 Als er ausstieg, sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.

Heute hören wir im Evangelium, wie die zu zweit ausgesandten Apostel wiederkommen und Jesus von ihren Heilstaten berichten. Sie haben es mit eigenen Augen bezeugt, dass im Namen Jesu alles möglich ist. Der Geist Gottes ist es, der durch die von Christus Ausgesandten wirkt. Hier wird zwar nicht gesagt, welche Taten sie vollbracht haben, doch durch die vorausgegangene Beauftragung können wir darauf schließen, dass sie vor allem Exorzismen und Krankensalbungen vorgenommen haben.
Jesus möchte ihnen eine Chance zur Erholung geben. So möchte er mit ihnen an einen ruhigen Ort fahren. Evangelisierung ist ein aufwendiges Unterfangen, bei dem jene, die im Weinberg Gottes arbeiten, kaum Zeit für sich haben. Jesus fordert sie zur Ruhe auf, weil dies den zu dienenden Menschen nur zugute kommen kann. Was hilft es den Menschen, denen man helfen möchte, wenn man einen Schwächeanfall bekommt? So fahren sie mit einem Boot an einen verlassenen Ort, werden dabei jedoch gesehen. Als sie an dem Ort ankommen, haben sich schon viele Menschen aus umliegenden Städten dort versammelt.
Und weil er Mitleid mit ihnen hat, weil sie wie verlorene Schafe ohne Hirte sind, lehrt er sie lange. Das heißt, er nimmt sich zurück, weil er ein Herz für diese Menschen hat. Er nennt sich im Johannesevangelium den guten Hirten. Sie sind seine Schafe, um die er sich kümmern möchte. Ihm ist es wichtiger, ihnen geistige Nahrung und eine Perspektive zu geben, als sein eigenes Wohl vorzuziehen. So ist echte Hingabe.
Was wir heute von Jesus lernen, ist die praktische Umsetzung dessen, was wir der Lesung und dem Psalm bereits entnommen haben: Gott muss Priorität Nummer eins sein. Alles andere wird uns dazugegeben. Wenn wir unsere ganzen Ressourcen des Lebens in den Dienst Gottes investieren, unser Leben gleichsam zum Liebes- und Dankesopfer machen, wird er uns nicht nur das Gegebene zurückschenken, sondern viel mehr darüber hinaus. Die Hingabe, nicht die Selbstverwirklichung, ist die Erfüllung unseres Lebens. Auch das praktische Tun muss dabei von einer Herzensreinheit ausgehen. Dies wird hier durch Jesu Mitleid ausgedrückt, das er mit den Menschen hat. Das griechische Wort σπλαγχνίζομαι splangchnizomai ist dabei entweder als „Mitleid haben“ oder „sich erbarmen“ zu übersetzen. Wir sollen in unserem Tun von der Barmherzigkeit Gottes geleitet sein.

Bitten wir den Herrn um seine Gnade und Kraft, damit wir ihm immer treu sein können, auch wo wir schwach und begrenzt sind. Bedenken wir heute intensiv, was es konkret für unsere Lebenssituation heißt, uns selbst als Opfer darzubringen, um Gott unsere Liebe zu beweisen. In der gegenwärtigen Coronasituation eröffnen sich viele Kapazitäten dafür.

Ihre Magstrauss

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