Samstag der 25. Woche im Jahreskreis

Sach 2,5-9.14-15a; Jer 31,10.11-12b.13; Lk 9,43b-45

Sach 2
5 Danach erhob ich meine Augen und sah: Siehe, da war ein Mann mit einer Messschnur in der Hand.

6 Ich fragte: Wohin gehst du? Er antwortete mir: Jerusalem auszumessen, um zu sehen, wie breit und wie lang es ist.
7 Und siehe, da trat der Engel, der mit mir redete, hervor und ein anderer Engel trat auf, ihm entgegen.
8 Er sagte zu ihm: Lauf und sag dem jungen Mann dort: Jerusalem wird eine offene Stadt sein wegen der vielen Menschen und Tiere in seiner Mitte.
9 Ich selbst – Spruch des HERRN – werde für Jerusalem ringsum eine Mauer von Feuer sein und zur Herrlichkeit werden in seiner Mitte.
14 Juble und freue dich, Tochter Zion; denn siehe, ich komme und wohne in deiner Mitte – Spruch des HERRN.
15 An jenem Tag werden sich viele Völker dem HERRN anschließen und sie werden mein Volk sein und ich werde in deiner Mitte wohnen.

In der Lesung hören wir heute die Worte des Propheten Sacharja, einem weiteren nachexilischen Propheten und Zeitgenossen Haggais, dessen Buch auch zu den „kleinen Propheten“ gehört. Er wirkt im Südreich Juda. Die ersten Kapitel des Sacharjabuchs sind von Visionen geprägt, in denen Gericht und Heil Gottes angekündigt werden.
Heute schaut Sacharja einen Mann mit Messschnur. Dieser möchte Jerusalem mit dieser Schnur ausmessen. So eine ähnliche Vision wird später Johannes in der Offenbarung haben, wo er allerdings selbst und nicht die Stadt, sondern den Tempel ausmessen soll. Sacharja sagt im nächsten Vers, dass der Mann ein Engel ist. Oft sind sie es, die Gottes Auftrag ausführen, ihn unterstützen bei den verschiedenen Heils- und Gerichtstaten. Insbesondere werden die Engel am Jüngsten Tag beschrieben als Helfer bei der Sammlung aller Menschen zum Weltgericht.
Während Sacharja noch mit ihm redet, kommt ein weiterer Engel, der aufträgt: Lauf und sag dem jungen Mann dort: Jerusalem wird eine offene Stadt sein…Ich selbst – Spruch des HERRN – werde für Jerusalem ringsum eine Mauer von Feuer sein und zur Herrlichkeit werden in seiner Mitte.“ Das ist der springende Punkt bei der Tätigkeit des Engels. Wie auch in der Johannesoffenbarung hat der Messvorgang den Zweck, das Ausgemessene zu bewahren und zu beschützen. Gott selbst wird Schutzraum sein, aber die Stadt wird offen sein. Inwiefern? Das ist schon eine Verheißung, die bereits die Juden betrifft: Wenn der neue Tempel aufgebaut und der Tempelkult wieder aufgenommen wird, dann werden von weither die Pilger anreisen, um zu den Wallfahrtsfesten zum Tempel anzureisen. Es wird schon damals eine globale Wallfahrt sein. Umso mehr betrifft das dann aber das neue Zion, die Sammlung aller Menschen guten Willens, die zum Glauben an Christus kommen und sich taufen lassen. Es betrifft alle Gläubigen, die zur Messe kommen. Christus sagt, dass die Mächte der Finsternis seine Kirche nicht überwältigen werden, zugleich gibt es keine Mauer. Jeder, der sich bekehrt, darf in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen werden. Und zur Eucharistie darf jeder dazukommen, auch wenn man nicht die Kommunion empfangen darf.
Gott selbst wohnt in ihrer Mitte – das ist klare Tempelterminologie und eine heilvolle Aussage! Während diese Botschaft an die Israeliten ergeht, liegt der Tempel noch in Trümmern. Wie hoffnungsvoll muss also diese Prophetie für sie sein! Tochter Zion kann sich freuen, denn die Herrlichkeit wird wieder in ihrer Mitte wohnen. Das ist ein so bedeutungsvoller Vers, dass wir sehr lange darüber nachdenken können. Tochter Zion ist auch ein Begriff für die Repräsentantin schlechthin – Maria. Sie vertritt ihr Volk und ist zugleich die Neue Eva des Neuen Bundes, ein Scharnier zwischen den beiden Bünden. Maria kann sich freuen, denn Gott wird wirklich in ihrer Mitte wohnen wie in keinem anderen Menschen. Er wird neun Monate unter ihrem Herzen wohnen. Und mit ihr zusammen darf sich die ganze Kirche freuen, denn Christus wohnt als eucharistischer Herr in ihrer Mitte.
Was Sacharja hier übermittelt, ist wirklich sehr bemerkenswert: Viele Völker werden sich dem HERRN anschließen. Damit sind ja die nichtjüdischen Völker gemeint. Der Neue Bund wird bereits angekündigt, in dem Menschen aller Völker, Sprachen, Stämme und Nationen zum Glauben an Gott kommen werden. Das Heil steht für jeden bereit. Dass es um einen neuen Bundesschluss geht, sehen wir an der Wendung: „und sie werden mein Volk sein“. Es wird eine Selbstübereignung zwischen dem Volk und Gott geben.
Gott wird sein Versprechen immer wieder einlösen wie schon damals im brennenden Dornbusch. Er wird in ihrer Mitte sein. Er ist der „Ich bin“. Gott ist in unserer Mitte auf eine Weise, die uns überwältigen sollte: Gott ist physisch anwesend! Diese Worte des Sacharja sind vor allem auch anagogisch verstanden worden, also bezogen auf das Ende der Zeiten. Dann wird es eine Wallfahrt aller zum Zion geben. Das schaut auch Johannes in der Offenbarung. So wichtig ist diese Vision.

Jer 31
10 Hört, ihr Völker, das Wort des HERRN, verkündet es auf den Inseln in der Ferne und sagt: Der Israel zerstreut hat, wird es sammeln und hüten wie ein Hirt seine Herde!
11 Denn der HERR hat Jakob losgekauft und ihn erlöst aus der Hand des Stärkeren.
12 Sie kommen und jubeln auf Zions Höhe, sie strahlen vor Freude über die Wohltaten des HERRN, über Korn, Wein und Öl, über Lämmer und Rinder. Sie werden wie ein bewässerter Garten sein und nie mehr verschmachten.
13 Dann freut sich die Jungfrau beim Reigentanz, ebenso Junge und Alte zusammen. Ich verwandle ihre Trauer in Jubel, tröste sie und mache sie froh nach ihrem Kummer.

Als Antwort auf die Heilsaussichten der Lesung beten wir einen Ausschnitt aus dem Buch Jeremia.
„Hört, ihr Völker, das Wort des HERRN, verkündet es auf den Inseln in der Ferne“ ist ein Appell an die nichtjüdischen Völker, denn wir lesen das hebräische Wort גֹּויִם gojim. Sie sollen das Folgende auf den Inseln verkünden. Damit sind immer die weit entfernten Orte gemeint und das Gesagte wird somit zu einer universalen Botschaft. Die Völker sollen anerkennen, dass Israels Gott der Wahre ist. Er hat die Macht, es zu zerstreuen. Das haben die Völker ja mit eigenen Augen gesehen, als Juda ins Babylonische Exil verbannt worden ist. Sie werden bezeugen, wie derselbe Gott die Zerstreuung wieder aufhebt, indem er sein Volk wie ein Hirt seine Herde sammelt. Das bezieht sich auf die Heilsaussichten nach dem Babylonischen Exil, das ist aber auch geistig zu verstehen. Die nichtjüdischen Zeugen sehen, wie Jesus Menschen um sich versammelt und sie zu seinen Jüngern macht. Er sammelt seine Herde, die zum Reich Gottes gehören möchte. Doch diese Sammlung betrifft nicht mehr nur Israel als Zwölf-Stämme-Bund, sondern nun einen universalen Bund mit Menschen aller Völker, Stämme, Sprachen und Nationen.
Auf wörtlich-historischer Ebene bezieht sich dieser Jeremiatext dennoch auf das Alte Israel, das Gott loskauft aus der Hand des Feindes. Diese Sprache ist den Juden bekannt. Gott hat den zwölf Stämmen das Verheißene Land geschenkt. Jedem steht ein Stück davon zu. Wenn man sich jedoch verschuldet hat und das Land an einen anderen ging, konnte ein Verwandter, also ein Angehöriger derselben Sippe, dieses Land für den Verschuldeten wieder zurückkaufen. Dieser Loskauf wurde „Auslösung“ oder „Erlösung“ genannt. Was hier also ausgesagt wird, ist Gottes Loskauf des Landes für sein auserwähltes Volk, das durch die eigenen Sünden das Verheißene Land an den Fremdvölkern verloren hat. Es beweist also Gottes unendliche Barmherzigkeit. Eigentlich hätte er Israel die Folgen der Sünde unendlich spüren lassen. Stattdessen möchte er ihm das Land zurückgeben!
Mit dem Bild der Auslösung wird auch die Erlösung Jesu Christi umschrieben. Was er durch Kreuz und Auferstehung erwirkt hat, ist ein Loskauf aus der Verschuldung des „Verheißenen Landes“, des Paradieses. Die Menschen lebten in einem Exil fernab von Gottes Ewigkeit. Nun hat er ihnen dieses „Land“ zurückgegeben. Der Mensch kann die Herrlichkeit Gottes wieder schauen. Die Verschuldung durch die Sünde ist beglichen, weil Christus für die gesamte Sünde der Welt gesühnt hat.
„Sie kommen und jubeln auf Zions Höhe, sie strahlen vor Freude über die Wohltaten des HERRN“ greift nun auf, was wir bereits in der Lesung gehört haben. Betrachtet man dieses universale Kommen aus allen Himmelsrichtungen eschatologisch, ist es das Endziel des Menschen und damit verbunden die Freude und der Jubel Indikatoren der himmlischen Wirklichkeit. Auch die Rede vom bewässerten Garten, der nie mehr verschmachtet, ist schon in alttestamentlicher Zeit eschatologisch interpretiert, also auf das Himmelreich bezogen worden. Auch der Wandel der Trauer in Freude ist ein typisches Motiv der Endzeit. Der Trost Gottes ist ebenfalls als solche Verheißung für das Ende der Zeiten zu verstehen. Diese hier aufgezählten Motive sind typisch für apokalyptische Texte.

Lk 9
43 Alle Leute staunten über das, was Jesus tat; er aber sagte zu seinen Jüngern:

44 Behaltet diese Worte in euren Ohren: Der Menschensohn wird nämlich in die Hände von Menschen ausgeliefert werden.
45 Doch die Jünger verstanden den Sinn seiner Worte nicht; er blieb ihnen verborgen, sodass sie ihn nicht begriffen. Aber sie scheuten sich, Jesus zu fragen, was er damit sagen wollte.

Im Evangelium hören wir wieder eine Leidensankündigung Jesu. Bereits zuvor sagte er seinen Jüngern unverblümt, dass er getötet werden würde. Es ist kurz vorher bereits geschehen. Die Jünger werden in der heutigen Episode bemerkt haben, dass Jesus sich wiederholt und damit wichtige Worte zu ihnen sagt. Doch sie verstehen ihn zum wiederholten Mal nicht und trauen sich nicht, ihn nach dem Sinn seiner Worte zu fragen. Diese sehr kurze Episode hat dennoch eine wichtige Bedeutung für uns. Wie oft ist es so, dass Gott uns seinen Willen kundtut und wir ihn nicht verstehen? Oft begreifen wir nicht, was für einen konkreten Plan er mit uns hat. Dann offenbart er es uns wiederholt, doch wir verstehen es einfach nicht. Erst mit dem Alter, mit der Reife, im Verlauf des Lebens, in Bewegung auf dem Weg seiner Gebote verstehen wir nach und nach, was Gott von uns möchte. Das ist sehr realistisch, denn wir Menschen sind begrenzte Wesen, dessen Ratio einen ganz kleinen Bruchteil der Intelligenz Gottes darstellt.
Doch Gott ist geduldig. Immer wieder gibt er uns seinen Willen zu verstehen. Der Geist Gottes gibt uns Dinge ein auf ganz verschiedenen Wegen – durch die Hl. Schrift, durch Ereignisse, durch andere Menschen, durch Gedanken und Träume. Und typisch für den Geist Gottes ist die Wiederholung. Wenn Gott uns etwas Entscheidendes mitteilen möchte, tut er dies nicht nur einmalig und dann heißt es „Pech gehabt“, wenn man es beim ersten Mal nicht verstanden hat. So ist es nicht, denn Gott möchte sicherstellen, dass wir ihn verstehen. So versucht er es immer wieder auf verschiedenen Wegen, sodass wir durch die Wiederholung irgendwann verstehen, dass es kein normaler Traum war, es nicht unsere eigenen Gedanken sind, nicht zufällig diese Bibelstelle uns begegnet und die Worte des Mitmenschen nicht einfach dahergesagt sind.
Wiederholungen erkennen wir auch in den Visionen der verschiedenen Propheten verschiedener Epochen und Gebiete. Sie alle sind so unterschiedlich, haben ihre eigenen Schwerpunkte und auch Temperamente, doch wir sehen an den heutigen Lesungen wieder, dass der Geist Gottes dasselbe verschiedenen Menschen eingibt. Je öfter solche Visionen auftauchen, desto mehr Gewicht erhalten sie. Gott möchte sicherstellen, dass wir seine Botschaft begreifen und sie nicht in Vergessenheit gerät. Deshalb ist es auch gut, dass uns dieselben Lesungen immer wieder verlesen werden. Wir sollen sie ja nicht nur informativ hören, sondern mit dem Glauben.

Ihre Magstrauss

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