Samstag der 27. Woche im Jahreskreis

Joel 4,12-21; Ps 97,1-2.5-6.11-12; Lk 11,27-28

Joel 4
12 Die Völker sollen aufbrechen und heraufziehen zum Tal Joschafat. / Denn dort will ich zu Gericht sitzen über alle Völker ringsum.

13 Schwingt die Sichel; / denn die Ernte ist reif. Kommt, tretet die Kelter; / denn sie ist voll, die Tröge fließen über. / Denn ihre Bosheit ist groß.
14 Getöse und Getümmel herrscht / im Tal der Entscheidung; denn der Tag des HERRN ist nahe im Tal der Entscheidung.
15 Sonne und Mond verfinstern sich, / die Sterne halten ihr Licht zurück.
16 Der HERR brüllt vom Zion her, / aus Jerusalem lässt er seine Stimme erschallen, / sodass Himmel und Erde erbeben. Doch für sein Volk ist der HERR eine Zuflucht, / er ist eine Burg für Israels Söhne.
17 Dann werdet ihr erkennen, / dass ich der HERR, euer Gott, bin und dass ich auf dem Zion wohne, / meinem heiligen Berg. Jerusalem wird heilig sein, / Fremde werden nie mehr hindurchziehen.
18 Und es wird geschehen an jenem Tag: Da triefen die Berge von Wein, / die Hügel fließen über von Milch / und in allen Bächen Judas strömt Wasser. Eine Quelle entspringt im Haus des HERRN / und tränkt das Schittim-Tal.

19 Ägypten wird zur Wüste, / Edom wird zur verödeten Steppe, wegen der Gewalttat an den Kindern Judas, / in deren Land sie unschuldiges Blut vergossen.
20 Juda aber wird für immer bewohnt sein / und Jerusalem von Geschlecht zu Geschlecht,
21 ich erkläre ihr Blut für unschuldig, / das ich vorher nicht für unschuldig erklärte, / und der HERR wohnt auf dem Zion.

Heute hören wir wieder einen Abschnitt aus dem Buch Joel. Gestern ging es vor allem um den Tag des Herrn und sein Gericht. Heute hören wir zunächst einmal wieder ein Gerichtswort, bevor im Anschluss die Heilszeit anbricht:
Zunächst einmal werden die Völker im Tal Joschafat gesammelt. Das ist eine Chiffre für das Gottesgericht. In den ersten Jahrhunderten nach Christus hat man dieses Tal mit dem Kidrontal identifiziert. Es handelt sich um ein Gericht der Völker, nicht der zwölf Stämme Israels. Das hebräische Wort ist an dieser Stelle הַגֹויִם gojjim. Gerichtet werden sie nicht im Sinne des universalen Weltgerichts am Ende der Zeiten, sondern weil sie Israel unter sich aufgeteilt haben. Das kommt in den vorausgehenden Versen zum Ausdruck. Gott verschafft Juda endlich das Recht, das es unter der Fremdherrschaft der nichtjüdischen Völker so sehr vermisst haben. Es ist eine große Erleichterung für Israel, dass Gott nun Gericht hält, weil es Ausdruck seines großen Erbarmens ist. Sehr oft widersprechen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes einander nicht.
Die eigentliche Gerichtshandlung Gottes wird mit dem Bild der Ernte ausgedrückt, das oft für die Endzeit und das Weltgericht verwendet wird.
So erntet Gott nun die Früchte ihrer Taten und tritt die Kelter, um aus ihnen einen Wein zu machen. Doch es entsteht kein Wein als Zeichen der Freude, sondern Zornwein. Die bösen Taten der Unterdrücker Israels fließen über. Sie offenbaren sich im Angesicht des Herrn. Der Tag des Herrn ist nahe, was sich unter anderem auch an der Erlischung der Himmelskörper zeigt. Das sind zutiefst apokalyptische Wendungen. Die Schöpfung wird rückwärts gedreht. Insbesondere die Himmelskörper werden bei solchen Wendungen als Beispiel angeführt.
Für die Gerechten ist Gott eine Zuflucht, für die Ungerechten ist er bedrohlich, wenn er vom Zion her seine Stimme erschallen lässt. Warum ist er denn auf dem Zion bzw. in Jerusalem? Seine Herrlichkeit wohnt im Tempel. Darauf wird hier angespielt.
Wenn Gott für Gerechtigkeit sorgt, dann wird kein Nichtjude es mehr wagen, Jerusalem einzunehmen. Es wird ein heiliger Ort sein. Betrachten wir diese Ausführungen anagogisch, verstehen wir auch, warum: Es meint das himmlische Jerusalem, das von oben auf die Erde herabkommt, wie in der Johannesoffenbarung beschrieben wird. Nach der Gerichtshandlung kommt es zur ewigen Heilszeit. Sie zeigt sich an signalhaften Begriffen wie Wein und Milch. Die im Haus des Herrn entstehende Quelle erinnert uns an eine ähnliche Vision bei Ezechiel. Dieses Wasser dürfen wir pneumatisch interpretieren, also auf den Hl. Geist beziehen, der das lebendige Wasser ist.
Die Nationen, die Israel unterdrückt haben, werden zur Wüste, was noch einmal ein Gerichtsbild ist. Juda kann sich aber freuen, da es für immer bewohnt sein wird.
Juda wird vor Gott gerechtfertigt sein, denn er wird ihr Blut für unschuldig erklären, obwohl es vorher nicht so war. Die Vision des Buchs Joel kann anagogisch betrachtet werden und deshalb auf das Endgericht bezogen werden. Es kann aber auch als einen Wendepunkt in der Geschichte Israels innerhalb der Weltgeschichte bedeuten. So eine historische Auslegung wird sehr oft vorgenommen. Gott hat seinem Volk ja immer wieder bewiesen, dass er es nicht ewig in den Fängen der Feinde lässt. Immer wieder befreit er es und verleiht ihm wieder Sicherheit im Gelobten Land. Gott übt bereits in diesem Leben Gericht aus und schenkt Heilszeiten, auch wenn diese nur Vorläufer des endgültigen Gerichts und Heils darstellen. Während zu jener Zeit seine Herrlichkeit im Tempel gegenwärtig ist, wird er am Ende der Zeiten ganz unverschleiert mitten unter den Menschen sein, sodass es keinen Tempel im irdischen Sinne mehr braucht.

Ps 97
1 Der HERR ist König. Es juble die Erde! Freuen sollen sich die vielen Inseln.
2 Rings um ihn her sind Wolken und Dunkel, Gerechtigkeit und Recht sind die Stützen seines Thrones.
5 Berge schmelzen wie Wachs vor dem HERRN, vor dem Angesicht des HERRN der ganzen Erde. 
6 Seine Gerechtigkeit verkünden die Himmel, seine Herrlichkeit schauen alle Völker. 

11 Licht wird ausgesät für den Gerechten, Freude für die, die geraden Herzens sind. 
12 Freut euch am HERRN, ihr Gerechten, dankt seinem heiligen Namen!

Heute betet die Kirche wieder einen Lobpsalm. Gott ist König und ist als Mensch gewordener Messias zu uns gekommen. Seine Königsherrschaft, so wird Jesus als Erwachsener erklären, ist nicht von dieser Welt und doch fühlen sich mit seiner Geburt die irdischen Herrscher bedroht. Herodes lässt sogar alle erstgeborenen Söhne bis zum zweiten Lebensjahr umbringen, damit der Messias ihm den Königsthron nicht streitig macht. Wir glauben, dass Gott über allen Königen steht und der Weltenherrscher ist. Dies bejubeln wir heute als gesamte Menschheit („es juble die Erde“). Auch „die vielen Inseln“ sollen sich freuen. Weltweit soll das Lob Gottes erschallen. Es ist ein Trost Israels, dass Gott über den Mächtigen dieser Welt steht, vor allem wenn sie von Fremdvölkern unterdrückt werden.
Gottes Thron wird von „Gerechtigkeit und Recht“ gestützt. Das ist sehr bildhaft geschrieben und ist auf Gottes Herrschaft zu beziehen: Diese gründet auf Gerechtigkeit und Recht. Wenn Gott richtet, ist es immer gerecht und berücksichtigt jene, die auf Erden Ungerechtigkeit erfahren haben. Deshalb ist Gottes Gericht auch eine Erlösung für die Menschen. „Wolken“ sind uns als Theophaniezeichen bekannt. Immer dort, wo Gottes Herrlichkeit im AT sowie NT sich auf etwas hinabsenkt, kommt eine Wolke oder Wolkensäule. Manchmal wird es als Rauch beschrieben. Die Nennung von Dunkelheit ist nicht ganz wörtlich. Eigentlich heißt das hebräische Wort עֲרָפֶל arafel nicht Dunkelheit, sondern Nebel. Beides – „Wolke“ und „Nebel“ stellen Theophaniezeichen Gottes dar, also Phänomene, die seine Gegenwart anzeigen.
Gott ist so mächtig und überragend, dass selbst die mächtigsten Naturerscheinungen wie die Berge, in Gottes Angesicht dahinschmelzen wie Wachs. Das gesamtbiblische Zeugnis beschreibt Gottes Gegenwart als verzehrendes Feuer. Es ist das Feuer der Liebe.
Gottes Herrlichkeit schauen die Völker. Dabei ist nicht ganz klar, ob es die Fremdvölker um Israel herum meint oder die Stämme Israels. Das hebr. הָעַמִּ֣ים ha’ammim „die Völker“ wird eher für die Stämme Israels verwendet, kann aber seltener auch für die nichtjüdischen Völker genannt werden.
„Freude“ und „Licht“ sind Faktoren des Segens, der von Gott kommt. Der Ausdruck „geraden Herzens“ drückt die Aufrichtigkeit des Handelns aus. Das Adjektiv יָשָׁר jaschar heißt nicht nur „gerade“ als Gegenteil von „schief, krumm“, sondern kann auch mit „ehrlich, aufrichtig“ übersetzt werden. Das ist sehr fortschrittlich für die Entstehungszeit der Psalmen. Es geht nicht nur um die Taten, sondern auch um die Absicht dahinter! Wir können also nicht automatisch damit rechnen, dass wir vor Gott gerecht sind, nur weil wir Gutes tun. Wir müssen es auch in der rechten Absicht tun, damit es Gott gefällt. Und die einzig richtige Absicht ist die Liebe.
Am Ende werden wir alle dazu aufgerufen, Gott zu loben. Sein heiliger Name, der auch zum Programm Jesu Christi wird, ist „ich bin“ – da für euch! Immanuel, „Gott mit uns“ und Jesus „Jahwe rettet“. Am dritten Januar werden wir den Namen Jesu besonders verehren, auf den wir getauft und durch den wir gerettet sind.

Lk 11
27 Es geschah aber: Als er das sagte, da erhob eine Frau aus der Menge ihre Stimme und rief ihm zu: Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat!

28 Er aber erwiderte: Ja, selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen.

Im Evangelium geht es um Nachkommenschaft biologischer und geistlicher Art. Dieser kurze Abschnitt wird so oft missverstanden und als Beleg dafür genommen, dass Jesus seine Mutter missachtet hätte. Das ist mitnichten der Fall und wir müssen Jesus richtig verstehen.
Die Situation ist folgende: Jesus verkündet das Reich Gottes und wie so oft sind die Menschen erstaunt von der Fülle der Weisheit, die durch ihn spricht. Und so sagt eine Frau aus der zuhörenden Menschenmenge voller Ergriffenheit: „Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat!“ Das ist die ganz typische jüdische bzw. grundsätzlich menschliche Denkweise. Die biologischen Eltern Christi müssen stolz auf ihn sein, weil er mit so viel Weisheit begabt ist. Er bringt seiner Familie Segen. Jesus sagt nicht „nein, nein!“, sondern „Ja.“ Zuallererst stimmt er dem zu, fügt dann aber das Entscheidende hinzu: „Selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen.“ An anderer Stelle möchte die Familie Jesu zu ihm und da sagt er aus dem Anlass zu den Menschen, dass jene seine Familie sind, die den Willen des Vaters befolgen. Es geht um die Familie Gottes. Er sagt damit nicht, dass ihm die biologische Familie nichts bedeute, sondern betont einfach, wie eng der Hl. Geist die Menschen zusammenschweißt. Das Besondere an Jesus und Maria ist, dass sie über die biologische Verwandtschaft hinaus geistlich gesehen ganz eins sind, ein Herz und eine Seele. Sie leben vor, wie unser Verhältnis als royal family zueinander sein soll. Jesus missachtet seine Mutter also nicht, sondern betont, dass das gemeinsame Befolgen des Willens Gottes uns selig preisen lässt.
Das Volk Israel ist eine Bande, die durch die gemeinsame Abstammung und durch die Beschneidung am Körper entsteht. Das Volk des Neuen Bundes entsteht durch den gemeinsamen Glauben an Jesus Christus.

Ein ganz konkretes Beispiel dieser übernatürlichen Verwandtschaft sollen wir in diesem Leben bereits umsetzen: Nicht nur die geschwisterliche Liebe unter Gemeindemitgliedern ist Ausdruck dafür, sondern auch, wie wir mit dem Ehepartner unseres Familienmitglieds umgehen. Wenn unser Bruder, unsere Schwester, unser Kind heiratet, dann wird durch das Sakrament der Ehe dieser Mensch zu unserem neuen Familienmitglied. Die übernatürliche Verbindung der beiden Ehepartner ist dabei so stark, dass wir keinen Unterschied machen sollen zwischen biologischen Verwandten und angeheirateten Menschen. Deshalb ist es ein schöner Ausdruck dieser engen Verbindung, wenn der angeheiratete Part die Schwiegereltern genauso Mama und Papa nennt wie das eigene biologische Kind. Wir sollen unseren Schwager und unsere Schwägerin behandeln wie den eigenen Bruder und die eigene Schwester. Bei Christen soll es keinen Unterschied geben, der von der Biologie abhängt. Denn hier geht es um ein Sakrament und der Geist Gottes schweißt enger zusammen als die Blutsverwandtschaft. Wenn wir so leben, üben wir uns ein in der Gotteskindschaft, die zu einem ewigen Familienfest im Himmelreich überleiten wird.

Ihre Magstrauss

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