Dienstag der 28. Woche im Jahreskreis

Röm 1,16-25; Ps 19,2-3.4-5b; Lk 11,37-41

Röm 1
16 Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes zur Rettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, aber ebenso für den Griechen.

17 Denn in ihm wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: Der aus Glauben Gerechte wird leben.
18 Denn der Zorn Gottes wird vom Himmel herab offenbart wider alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.

19 Denn es ist ihnen offenbar, was man von Gott erkennen kann; Gott hat es ihnen offenbart.
20 Seit Erschaffung der Welt wird nämlich seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit. Daher sind sie unentschuldbar.
21 Denn obwohl sie Gott erkannt haben, haben sie ihn nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt, sondern verfielen in ihren Gedanken der Nichtigkeit und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert.
22 Sie behaupteten, weise zu sein, und wurden zu Toren
23 und sie vertauschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit Bildern, die einen vergänglichen Menschen und fliegende, vierfüßige und kriechende Tiere darstellen.
24 Darum lieferte Gott sie durch die Begierden ihres Herzens der Unreinheit aus, sodass sie ihren Leib durch ihr eigenes Tun entehrten.
25 Sie vertauschten die Wahrheit Gottes mit der Lüge, sie beteten das Geschöpf an und verehrten es anstelle des Schöpfers – gepriesen ist er in Ewigkeit. Amen.

Heute hören wir wieder einen Ausschnitt aus dem Römerbrief. Gestern hörten wir das Präskript, das schon das Programm des Briefs und die Rollenbedeutung des Paulus zusammenfasst. Heute hören wir das Ende vom Proömium, bevor der Hauptteil des Briefs beginnt. Das Proömium ist ein einleitender Lobpreis bzw. eine Dankrede, wobei Gott nicht direkt angesprochen wird, sondern in der dritten Person. Das Thema des Briefs wird zusammenfassend genannt, sodann erfolgt in Proömien die Vorgeschichte und der Anlass des Briefs, je nach Situation.
Im Römerbrief endet dieser Abschnitt mit der Aussage, dass Paulus sich des Evangeliums Jesu Christi nicht schämt, sondern davon gestärkt wird. Es ist jedoch nicht nur Stärkung, sondern auch Rettung für alle Menschen guten Willens. Besonders die Aussage in Vers 16 „zuerst für den Juden, aber ebenso für den Griechen“ ist entscheidend, um ihn im Laufe des gesamten Briefs nicht misszuverstehen: Paulus wird sehr stark betonen, dass der Glaube an Gott den Menschen gerecht macht, nicht das eigene Tun. Gerecht machen heißt bei Paulus erlöst werden. Glaube kann gleichsam als Synonym für die Taufe verstanden werden. Vers 16 offenbart uns zugleich, dass Paulus nicht gegen die Juden ist und die Torah für hinfällig erklärt. Im Gegenteil: Er sagt, dass durch das Erlösungswirken Christi die Torah endlich wieder ihre positive Bedeutung zurückerlangt hat. Er achtet den Alten Bund sehr hoch, hat er doch selbst als Jude und sogar als Pharisäer gelebt, bevor er sein Bekehrungserlebnis hatte. Seine differenzierte Sichtweise – der Neue Bund ist für alle, aber das Heil kommt aus den Juden – wird schon im ersten Kapitel vorweggenommen.
In Vers 17 erklärt er, dass gerade bei den Heidenchristen der Aspekt noch mehr hervortritt, dass wir aus Glauben gerecht werden, weil sie zuvor die Torah nicht hatten. Die Versuchung, zu glauben, dass man durch das Halten der Torah erlöst worden ist, besteht in dieser Situation nicht.
Gott wird sich durchsetzen gegen alle Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit. Sein heiliger Zorn wird als etwas Positives dargestellt, weil sein letztes Wort dem Menschen eine Erleichterung verschaffen wird.
Gott ist erkennbar und offenbart sich schon allein durch die Schöpfung. Paulus stellt heraus, dass die Menschen von ihrer Natur her Gott erkennen können. Das schreibt der Katechismus der Katholischen Kirche zu Beginn auch, wenn er die natürliche und instinktive Fähigkeit des Menschen thematisiert, Gott zu suchen. Er ist so gemacht, weil er Gottes Ebenbild ist und sich nach Gott sehnt. Paulus nimmt genau dies zum Anlass, zu sagen: Keiner kann dem Gericht Gottes entrinnen, weil jeder schon allein durch seine Vernunft Gott erkennen kann. Deshalb wird auch jeder zur Rechenschaft gezogen.
Statt mithilfe ihrer Vernunft Gott zu erkennen, verfallen viele Menschen der Nichtigkeit, wir müssen an der Stelle herausstellen, dass damit die Götzen gemeint sind. Sie werden „Nichtse“ genannt. Wir müssen präzisieren: Sie haben Gott sogar erkannt, aber doch falsche Konsequenzen daraus gezogen. Ganz konkret: Viele meinen, Gott in einem pantheistischen Konzept erkannt zu haben, und beginnen, die Schöpfung anzubeten statt den Schöpfer. So verfallen sie den Nichtigkeiten und ihr Herz verfinstert sich. Was hat es denn damit auf sich? Wenn wir eine schwere Sünde begehen und daran festhalten, sind wir verstockt. Das ist das Wort, das Jesus für diese Haltung verwendet. Je mehr man diese Sünde begeht – und Götzendienst ist eine der schwersten Sünden, die wir begehen können – desto mehr wird es dunkel in unserem Herzen.
Ein anderes Beispiel: Menschen erkennen vielleicht Gott, aber sie sind so gefangen in ihrer Habsucht, dass sie der Nichtigkeit des Mammon verfallen. Sie versteinern immer mehr in ihrem Lebensstil, immer mehr Reichtümer anzuhäufen.
So könnte man weitermachen. Die Menschen halten sich für weise, doch in Gottes Augen sind sie töricht. Sie orientieren sich nicht an der Weisheit Gottes, sondern an der Weisheit der Welt. Dieses Thema behandelt Paulus im ersten Korintherbrief ausführlich.
In Vers 23 wird der Götzendienst-Aspekt weiter entfaltet: Die Menschen, die den Nichtigkeiten, also den Götzen, verfallen, beten nicht Gott an, sondern Dinge oder Tiere.
Wie aktuell sind die Worte des Paulus! Pantheistische Konzepte sind total modern geworden durch die vielen esoterischen Angebote. Pan-theismus – alles ist Gott. Die Schöpfung wird an die Stelle des Schöpfers gesetzt. Menschen umarmen Bäume, verehren Greta Thunberg als Prophetin unserer Zeit, ja als Messias, der uns befreit von der Erbsünde des Klimawandels. Doch es ist noch schlimmer: Die Menschen beten sich heutzutage selbst an, indem sie Gebrauch machen von den trendy Selbsterlösungskonzepten des Yoga, der verschiedenen fernöstlichen Meditationsformen und religiösen Konzepte.
Doch gepriesen ist nur einer – Gott, der alles geschaffen hat. So endet Paulus den heutigen Abschnitt mit einer Lobpreisaufforderung. Dies erkennen wir an „gepriesen sei“ statt „gepriesen ist“. Gott soll gepriesen werden, deshalb der Konjunktiv.

Ps 19
2 Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament kündet das Werk seiner Hände.
3 Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der andern kund,
4 ohne Rede und ohne Worte, ungehört bleibt ihre Stimme.
5 Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde.

Als Antwort beten wir Ps 19, in dem König David zunächst die Erkennbarkeit Gottes in der Schöpfung betrachtet. Es passt perfekt zur Aussage des Römerbriefs. Die Psalmen reflektieren immer wieder die Torah und hier wird der Schöpfungsbericht aufgegriffen.
Die verschiedenen Elemente der Schöpfung verkünden gleichsam Gott als ihren Schöpfer. Er ist der kreative Ursprung, der die wunderbaren Dinge gemacht hat. So sind es die Himmel mit den Himmelskörpern, die die Herrlichkeit Gottes verkünden. Gott hat die Himmelskörper am vierten Tag an das Himmelsgewölbe gesetzt, den Himmel schuf er aber bereits am zweiten Tag.
Gottes Herrlichkeit wird von Tag zu Tag gepriesen. Die Tage und Nächte selbst sind seine Verkünder. Sie werden durch die verschiedenen Himmelskörper gesteuert, sodass Sonne und Mond bzw. Sterne sich mit der Verkündigung Gottes abwechseln.
Sie tun dies jedoch nicht verbal, sondern durch ihre wunderbare Ordnung und Schönheit. Die Sonne spendet Licht und Wärme. Ohne sie kann die Erde nicht bestehen. Sie ist ein wunderbares Bild für unsere Abhängigkeit von Gott. Seine Gnade erhält uns Tag für Tag am Leben. Ohne ihn gehen wir ganz schnell ein wie eine Pflanze ohne Sonnenlicht. Der Mond und die Sterne erleuchten die dunkle Nacht. Er ist uns Orientierung, denn an seinen Mondphasen erkennen wir die Zeit im Monat. An den Sternbildern können wir uns auch an den Himmelsrichtungen orientieren. Die Schönheit des Sternenhimmels lässt uns Gottes überwältigende Herrlichkeit erahnen. Nichts an Himmelskörpern ist chaotisch. Der Mond verläuft in geordneten Bahnen. Die Erde dreht sich unaufhörlich und so sehen wir die Sonne täglich auf- und untergehen. Diese mächtigen Himmelskörper tun nichts, was Gott ihnen nicht „angeordnet“ hat. Sie offenbaren uns Gottes Ordnung, seinen Logos, der die ganze Schöpfung ordnet, der die gesamten Naturgesetze verliehen hat.
Der Himmel spricht kein einziges Wort, doch verbreitet sich diese Art von Verkündigung weltweit, was mit den „Enden der Erde“ ausgedrückt wird. Was müssen wir also tun? Wir müssen nur die Ohren spitzen, die Augen aufmachen und staunen. Jeder Mensch kann diese Verkündigung Gottes wahrnehmen, weil er als Ebenbild Gottes geschaffen ist.
Verkündigung geschieht nicht einfach nur verbal. Es geht nicht darum, dass wir das Evangelium Christi mit Worten in die Welt hinaussagen, auch wenn das elementar ist. So ist auch Gottes gesprochenes Wort es, das die Schöpfung erwirkt und systematisiert hat. Wir haben es am Beispiel der Himmelskörper gesehen. Aber das Wort Gottes hat es auch konkret getan. So sollen auch wir den Menschen vor allem ein gutes Beispiel sein, die Gebote Gottes aus brennender Liebe halten und uns ganz den Menschen hingeben. Das wird unsere verbale Verkündigung authentisch machen und so werden wir viele Herzen anrühren.

Lk 11
37 Nach dieser Rede lud ein Pharisäer Jesus ein, bei ihm zu essen. Jesus ging zu ihm und begab sich zu Tisch.
38 Als der Pharisäer sah, dass er sich vor dem Essen nicht die Hände wusch, war er verwundert.
39 Da sagte der Herr zu ihm: O ihr Pharisäer! Ihr haltet zwar Becher und Teller außen sauber, innen aber seid ihr voll Raffsucht und Bosheit.
40 Ihr Unverständigen! Hat nicht der, der das Äußere schuf, auch das Innere geschaffen?
41 Gebt lieber als Almosen, was ihr habt; und siehe, alles ist für euch rein.

Jesus kritisiert im heutigen Ausschnitt aus dem Lukasevangelium nun jene religiöse Gruppe, die verlernt hat, die Gebote zu verinnerlichen und authentisch vorzuleben: die Pharisäer. Sie tun nach außen hin so und lehren sogar die Gebote, aber sie halten sie nicht selbst.
Die Pharisäer und Schriftgelehrten schauen den anderen Menschen aufs Peinlichste genau auf die Finger, dass die Gebote umgesetzt werden, nicht nur die Gebote Gottes, sondern auch das menschliche Konstrukt, das sie selbst darum gebaut haben! So ist es auch heute in der Kirche: Wie viele etliche Priester stehen am Ambo und predigen Wasser, trinken aber selbst Wein. Sie stehen überhaupt nicht hinter dem, was sie predigen und deshalb hören die Gläubigen gar nicht hin, geschweige denn fehlt die Umsetzung. Bei jenen Priestern aber, die es selbst leben, die absolut hinter dem Gesagten stehen, die überhaupt auch die Gebote Gottes noch thematisieren (die Mehrheit der Priester spricht eben nicht mehr über die Gebote Gottes…), deren Kirchen sind übervoll. Die Menschen kommen in Scharen und hängen ihnen an den Lippen, weil sie spüren, dass es authentisch ist. So war es schon mit Jesus. Er hat alles, was er gelehrt hat, auch vollkommen vorgelebt. Die Menschen konnten seine Predigt an seinem Tun genauestens ablesen und so noch tiefer verstehen. Das hat Menschen aus dem ganzen Hl. Land angezogen, die weite Reisen für seine Predigten unternommen haben.
Der Anlass für die Weherufe gegen die Pharisäer stellt folgende Situation dar: Jesus ist zu Gast bei einem Pharisäer. Als sie sich zu Tisch begeben, wäscht Jesus seine Hände nicht vor dem Essen. Das verwundert ihn.
Kennt Jesus keine Tischmanieren oder warum wäscht er sich die Hände nicht? Alles, was Jesus tut oder nicht tut, stellt eine prophetische Zeichenhandlung dar. Er wäscht sich also ganz bewusst nicht die Hände, weil es zeichenhaft vorwegnimmt, was er im Anschluss an die verwunderte Reaktion seines Gastgebers zu sagen hat: „O ihr Pharisäer! Ihr haltet zwar Becher und Teller außen sauber, innen aber seid ihr voll Raffsucht und Bosheit.“ Was bringt es, irgendwelche Reinheitsgebote einzuhalten, die das Äußere reinhalten, das Innere dabei aber verdreckt bleibt. Zum Äußeren gehört zum Beispiel das Geschirr, auf dem man das Essen serviert, oder die Hände, mit denen man das Essen zu sich nimmt. Das Innere betrifft die Absichten, das Herz, von dem alles Denken, Sprechen und Tun ausgehen. Was bringen also saubere Hände, wenn an ihnen gleichzeitig das Blut der Verhungerten klebt, die diese Menschen zum Beispiel finanziell ausgenommen haben in ihrer „Raffsucht“, wie es Jesus hier sagt. Reinheit ist in Gottes Augen zunächst eine Herzensreinheit, von der ein entsprechendes ethisches Verhalten ausgeht. Rein sind die Pharisäer also nicht, wenn sie ihre Schüsseln und Hände abwaschen, sondern umkehren und ein entsprechendes Leben führen. Jesus gibt ihnen sogar ein Beispiel, womit sie einen Anfang machen könnten: Almosen geben. Das baut ihre Raffsucht ab, das in erster Linie eine Gier im Innersten ist. Diese muss ausgemerzt werden, damit das Herz rein werden kann. Dann ist alles für sie rein, wie Jesus zum Ende hin sagt. Wenn das Innere des Menschen rein ist, wird alles Äußere auch rein. Das ist nichts Neues, sondern der Kern der Gebote Gottes. Die Pharisäer haben es nur zwischenzeitlich vergessen. Jesus hat in göttlicher Vollmacht gelehrt und auch viel Neues erklärt, was die Menschen bis dahin noch nicht fassen konnten. Aber das, was er hier erklärt und was er immer wieder zum Thema Torah predigt, ist vielmehr eine Gedächtnisstütze. Er erinnert an die Anfänge. Ebenso ist es ja beim Thema Ehescheidung. Auch dort ist der Anfang das Stichwort.

Wir sehen am Beispiel des Evangeliums, dass die höchste Autorität unseres Lebens Jesus Christus ist. Wie schnell kann man vor lauter Torahgläubigkeit den Glauben an Gott vergessen und das ursprüngliche Verständnis verlassen! Das geschieht ja nicht aus Boswillen, sondern oft unbemerkt. Man kann also schon fast sagen: Wer die Torah um der Torah willen hält und vergisst, dass der Geber Gott selbst ist, der verfällt einer gleichsam götzendienerischen Haltung. Nicht die Torah ist Gott, sondern der eine wahre Gott ist Gott.
Jesus Christus hat den Menschen die Torah ausgelegt und ihr Verständnis korrigiert, wo es vom ursprünglichen Sinn abgewichen ist. Gott selbst hat die Menschen daran erinnert, wie er seine Gebote meinte. Er hat den Beziehungsaspekt wieder in Erinnerung gerufen. Wie kann man sich also als Judenchrist über Christus erheben und zurück zur Torah zurückkehren – gemeint ist zur Torahgläubigkeit, zum falschen Verständnis und vor allem zur falschen Soteriologie (das zentrale Thema im Galater- sowie im Römerbrief). Christus hat uns erlöst und auch erklärt, wie wir als Getaufte mithilfe der Gnade die Torah leben sollen – die erfüllte Torah durch die fleischgewordene Torah, die er selbst ist!

Ihre Magstrauss

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