Mittwoch der 28. Woche im Jahreskreis

Röm 2,1-11; Ps 62,2-3.6-7.8-9; Lk 11,42-46

Röm 2
1 Darum bist du unentschuldbar – wer du auch bist, o Mensch -, wenn du richtest. Denn worin du den andern richtest, darin verurteilst du dich selbst, weil du, der Richtende, dasselbe tust.
2 Wir wissen aber, dass Gottes Gericht über alle, die solche Dinge tun, der Wahrheit entspricht.
3 Meinst du etwa, o Mensch, du könntest dem Gericht Gottes entrinnen, wenn du die richtest, die solche Dinge tun, und dasselbe tust wie sie?
4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass Gottes Güte dich zur Umkehr treibt?
5 Weil du aber starrsinnig bist und dein Herz nicht umkehrt, sammelst du Zorn gegen dich für den Tag des Zornes, den Tag der Offenbarung von Gottes gerechtem Gericht.
6 Er wird jedem vergelten, wie es seine Taten verdienen:
7 Denen, die beharrlich Gutes tun und Herrlichkeit, Ehre und Unvergänglichkeit erstreben, gibt er ewiges Leben,
8 denen aber, die selbstsüchtig sind und nicht der Wahrheit gehorchen, sondern der Ungerechtigkeit, widerfährt Zorn und Grimm.
9 Not und Bedrängnis wird das Leben eines jeden Menschen treffen, der das Böse tut, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen;
10 doch Herrlichkeit, Ehre und Friede werden jedem zuteil, der das Gute tut, zuerst dem Juden, aber ebenso dem Griechen;
11 denn es gibt bei Gott kein Ansehen der Person.

Heute hören wir wieder einen Ausschnitt aus dem Römerbrief. Gestern endete der Abschnitt mit Gerichtsworten, die Paulus gegen die Heiden richtet, die mit ihrer Vernunftbegabung den einzig wahren Gott eigentlich erkenne müssten, doch in Götzendienst verfallen. Er kritisiert mit deutlichen Worten, dass sie den Schöpfer durch Geschöpfe ersetzt haben und anbeten. Heute geht es nun um Gerichtsworte gegen die Juden.
Der erste Aspekt, auf den er hinaus möchte, ist: Die Juden verurteilen die Heiden – wir müssen immer wieder ergänzen, denn das ist ein Hauptgedanke, der den Kontext des Briefs darstellt, die Judenchristen verurteilen die Heidenchristen. Sie richten und zeigen mit dem Finger auf die anderen, doch sie begehen dieselben Sünden, die am Ende des ersten Kapitels aufgezählt worden sind.
Wenn sie die anderen richten, können sie sich nicht selbst entschuldigen und von sich ablenken. Es ist sogar so, dass sie mit ihren Verurteilungen sich selbst mitrichten, weil sie dieselben Sünden haben.
Gott ist Gerecht und seine Urteile wahr. Wenn er richten wird, dann ist es im Gegensatz zu den Menschen ein angemessenes Verfahren. Er selbst ist der einzig Gerechte und Vollkommene.
Diesem Gericht kann keiner entrinnen. Alle müssen sich vor Gott verantworten, auch die, die jetzt mit dem Finger auf die vermeintlich Schlechteren zeigen. Paulus schneidet in dem Zusammenhang ein weiteres wichtiges Thema an, das auch Jesus mehrfach bei den Pharisäern und Schriftgelehrten anspricht: Man muss die Güte Gottes den anderen gönnen. Es ist nämlich dieselbe Güte, mit der er uns behandelt, wenn wir uns etwas zuschulden kommen lassen. Keiner ist ohne Sünde und bedarf der Barmherzigkeit Gottes. Paulus stellt viele rhetorische Fragen in dem heutigen Abschnitt, die auch uns direkt ansprechen. Denken wir persönlich darüber nach, ob auch wir Gottes Güte verachten, wenn wir uns darüber aufregen, wie barmherzig er mit reumütigen Sündern umgeht.
Wenn wir uns über die anderen aufregen und dabei dieselben Sünden wie sie begehen, verpassen wir unsere eigene Umkehr und sammeln uns eher Gründe an, die den Zorn Gottes auf uns ziehen. Am Ende wird uns Gott nämlich nach unseren Taten richten und dann offenlegen, dass wir nicht besser sind als jene, über die wir uns aufgeregt und auf die wir mit dem Finger gezeigt haben.
Jeder, der Böses tut, wird entsprechend gerichtet werden. Es heißt, dass es zuerst die Juden, ebenso die Griechen treffen wird. Warum werden die Juden als erstes genannt? Es geht in erster Linie um die Judenchristen, die Paulus mit „Jude“ bezeichnet. Sie sind aufgewachsen mit den Hl. Schriften und kennen die Gebote Gottes, die sich in Christus erfüllen. Sie haben also von ihrer Kenntnis und Erkenntnis einen Vorsprung gegenüber den „Griechen“, mit denen Paulus vor allem die Heidenchristen meint. Sie sind vom Heidentum zum Glauben an Christus gekommen und ihnen fehlt die Grundlage, mit der die Juden Christen geworden sind. Diese müssen sie sich erst aneignen. Dementsprechend geht Gott strenger mit denen um, die mehr verstehen oder mehr wissen.
Rhetorisch brillant wie Paulus nicht nur das Gericht, sondern auch das Heil den Juden, sodann den Heiden in Aussicht stellt. Warum? Es heißt nämlich „das Heil kommt aus/von den Juden“. Jesus hat selbst immer wieder betont, dass er gekommen ist, zuerst dem bereits bestehenden Bundesvolk das Heil zu bringen, sodann dem Rest der Welt. Das heißt aber nicht, dass die eigene Identität einen Vorteil bringt, weil Gott nach Taten und nach reumütiger Haltung richten wird. Das stellt Paulus auch nochmal klar, wenn er zum Ende hin sagt: „Denn es gibt bei Gott kein Ansehen der Person.“

Ps 62
2 Bei Gott allein wird ruhig meine Seele, von ihm kommt mir Rettung.
3 Er allein ist mein Fels und meine Rettung, meine Burg, ich werde niemals wanken.

6 Bei Gott allein werde ruhig meine Seele, denn von ihm kommt meine Hoffnung.
7 Er allein ist mein Fels und meine Rettung, meine Burg, ich werde nicht wanken.
8 Bei Gott ist meine Rettung und meine Ehre, mein starker Fels, in Gott ist meine Zuflucht.
9 Vertraut ihm, Volk, zu jeder Zeit! Schüttet euer Herz vor ihm aus! Denn Gott ist unsere Zuflucht.

Als Antwort beten wir Psalm 62, der betitelt ist mit „Vertrauen auf Gottes Macht und Huld“. Eigentlich handelt es sich bei dem Psalm um ein Klagelied König Davids. Doch die verwendeten Verse zeigen uns vor allem Vertrauensaussagen.
Vers 2 und 6 sind sich sehr ähnlich. Derselbe Inhalt wird einmal als Aussage, einmal als Aufforderung an die eigene Seele formuliert. Die Verse fassen zusammen, was Augustinus am Anfang seiner Confessiones schreibt: Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir. Die Sehnsucht nach Gott treibt uns um, so auch König David. Eine echte Ruhe kann ihm nur der Herr schenken, zu dem er immer wieder ins Offenbarungszelt kommt, mit dem er ganz innig im Gebet verbunden ist, den er mit vielen Liedern lobt und preist. Auf Gott hat er in seinem ganzen Leben immer wieder seine ganze Hoffnung gesetzt und ist nicht enttäuscht worden. Auch diese Verse beweisen, dass Gott sein Gebet erhört hat. Auch wir dürfen diese Hoffnung haben und müssen begreifen, dass wir nur in Gott wirklich ruhig werden können. Damit ist nicht eine Ruhe im Sinne von Entspannung gemeint, sondern eine Ruhe im Sinne eines inneren Friedens. Gott stillt unsere tiefe Sehnsucht. Die „Seele“, gemeint ist auch wir wie so oft der ganze Mensch mit seinem ganzen Leben, kommt am Ziel des Strebens und Suchens an.
Niemand kann unsere Sehnsucht so vollkommen stillen und uns wirklich aus unseren Nöten befreien wie Gott. Er ist gemäß Vers 3 und 7 Fels und Burg, zwei Bilder, die den Israeliten geläufig sind. Der Fels ist ein Bild aus der Natur, der das Standhalten gegen mächtige Gewalten gut umschreibt: Er trotzt der Gewalt des Meeres, wenn das Wasser gegen die Brandung schlägt. Die Burg ist ein Bild aus dem militärischen Bereich, das König David als erfolgreichster Feldherr Israels besonders vertraut ist. Gott ist sein Schutz vor den Feinden sichtbarer und unsichtbarer Art. Dass er auch einen geistigen Kampf auszustehen hatte, sehen wir an der dramatischen Niederlage – er ließ sich vom Anblick einer Frau verführen, die nicht seine Frau war.
Gott ist sein Zufluchtsort, er ist seine Ehre. Das ist bemerkenswert. Er begreift, dass er sich nur mit Gott brüsten kann, nie mit seinen eigenen Taten oder Eigenschaften. Darin tut er es Paulus gleich, der bekennt, dass die Kraft Gottes in ihm wirkt und er nicht aus eigener Kraft Menschen für Christus gewinnt. Er ist Vorbild den radikalen Judenchristen, die sich einbilden, aufgrund ihrer eigenen guten Werke von ihren Sünden erlöst zu sein, obwohl nur Christus dies durch sein Leiden und Kreuz erlangen konnte.
König David möchte, dass die Israeliten es ihm gleich tun und ihre ganze Hoffnung auf Gott setzen. Das gilt nicht nur seinen Zeitgenossen, sondern muss umso mehr den Zeitgenossen des Paulus gelten! Sie können Gott wirklich ganz vertrauen, weil er sie nie enttäuschen wird. Er ist nicht nur Davids Zuflucht, sondern auch die des ganzen Volkes. Er verleiht viel mehr Schutz als jede noch so starke Stadtmauer. Wie so oft wird auch hier deutlich: An Gottes Segen ist alles gelegen. Statt sich auf sich selbst etwas einzubilden und dadurch auf Sand zu bauen, sollen alle Menschen zu allen Zeiten begreifen, dass Gott unser Fels und unsere Burg ist. Selbstverständlich müssen wir alles tun, was in unserer Macht steht, doch wir können uns nicht am Schopf aus dem Sumpf ziehen. Wenn wir das nie vergessen, werden wir demütig bleiben.

Lk 11
42 Doch weh euch Pharisäern! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Gewürzkraut und allem Gemüse und geht am Recht und an der Liebe Gottes vorbei. Man muss das eine tun, ohne das andere zu unterlassen.

43 Weh euch Pharisäern! Ihr liebt den Ehrenplatz in den Synagogen und wollt auf den Straßen und Plätzen gegrüßt werden.
44 Weh euch: Ihr seid wie Gräber, die man nicht mehr sieht; die Leute gehen darüber, ohne es zu merken.
45 Darauf erwiderte ihm ein Gesetzeslehrer: Meister, mit diesen Worten beleidigst du auch uns.
46 Er antwortete: Weh auch euch Gesetzeslehrern! Ihr ladet den Menschen unerträgliche Lasten auf, selbst aber rührt ihr die Lasten mit keinem Finger an.

Heute werden die Wehrufe gegen die Pharisäer fortgesetzt, die gestern bereits eine scharfe Kritik von Jesus erfahren haben. Heute geht es nicht mehr um das saubere Geschirr, dafür aber um ihre Ruhmsucht. So schließt sich der Kreis, der mit dem Römerbrief beginnt. Dort rühmen sich die Menschen, die meinen, aus eigener Kraft vor Gott gerechtfertigt zu sein.
Ein Zehntel an Kräutern geben diese zwar ab, doch den „Zehnten“ des ethischen Verhaltens ignorieren sie. Jesus bezieht sich hier auf Lev 27,30, wo der Zehnte des Ernteertrags Gott gehört. Er soll ihm sozusagen zurückgegeben werden als Zeichen der Dankbarkeit. Das ist ja auch richtig, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten das also tun. Das Problem ist die Doppelmoral, denn sie ignorieren zugleich die andere Seite der Medaille. Gott etwas vom Ertrag zurückzugeben, gründet ja auf der Gottesliebe. Diese ist aber zutiefst mit der Nächstenliebe verbunden. Wie kann man die Gottesliebe also im Falle der Pharisäer und Schriftgelehrten aufrichtig nennen, wenn sie zugleich die Nächstenliebe ignorieren? Jesus fasst deshalb zusammen: „Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.“
Wie in der Bergpredigt in Mt kritisiert Jesus hier in Lk 11 die Ruhmsucht der Pharisäer. Sie lassen sich gerne in der Öffentlichkeit grüßen und nehmen in den Synagogen die Ehrenplätze ein. Das Problem ist nicht, dass sie gegrüßt werden oder diese Plätze einnehmen. Das Problem ist, dass sie das auch unbedingt wollen und darauf sehr viel Wert legen. Sie zeigen sich nach außen hin als religiöse Autoritäten, dabei haben sie die Basics ihres Glaubens noch gar nicht verstanden – die Liebe. Sie tun nach außen hin so vorbildlich, dabei sind sie innerlich tot. Deshalb gebraucht Jesus an dieser Stelle auch das Bild des Grabes. Die Menschen erkennen von außen nicht, dass es Gräber sind.
Jesus lehnt sich mit dieser harschen Kritik sehr weit aus dem Fenster, aber anders erreicht er diese verstockten Menschen nicht. Er möchte, dass auch sie betroffen sind und umkehren. Schließlich liebt Gott alle Menschen und möchte, dass wir alle gerettet werden. Wir denken an die Worte des Römerbriefs zurück, in denen Paulus die Juden(-Christen) sehr streng behandelt.
So hinterlassen Jesu Worte auch ihre Spuren. Die Pharisäer beklagen sich über die Beleidigung, wie sie die Worte Jesu auffassen. Doch Jesus rudert nicht zurück nach dem Motto: „Oh, entschuldigung! Das war wohl zu hart von mir!“ Vielmehr legt er noch einen drauf und sagt nun auch zu dem Gesetzeslehrer: „Ihr ladet den Menschen unerträgliche Lasten auf, selbst aber rührt ihr die Lasten mit keinem Finger an.“ Das ist nicht der Sinn der Torah und das hat mit Gottes Gabe nichts mehr zu tun. Vielmehr ist ein so kompliziertes Gerüst um die gottgegebene Torah entstanden, ein tonnenschweres selbstgebasteltes Kreuz, dass die Menschen gar nicht anders können, als unter seiner Last zusammenzubrechen. Wer kann da noch gerettet werden?
Und das führt uns zurück zu Paulus. Jesus ist nicht gekommen, die Torah aufzuheben, sondern um sie zu erfüllen oder um es mit Paulus‘ Worten zu sagen: Er ist gekommen, um der Torah die positive Bedeutung zurückzugeben. Bis dahin ist sie zur immerwährenden Verurteilerin geworden, weil sie den Menschen immer wieder aufzeigte, dass sie sie nicht richtig gehalten haben.
Jesus möchte den Blick auf das Wesentliche und Ursprüngliche zurücklenken und vor allem wieder auf den Kern zu sprechen kommen, den die Pharisäer und Schriftgelehrten komplett vergessen haben – die Liebe.

Die erfüllte Torah, das ist seine Person. Er ist das fleischgewordene Wort Gottes, das die Sünde auf sich nahm und uns den Geist gesandt hat. Zusammen mit der Gnade Gottes können wir nun die gefallene Natur überwinden und die Torah halten, wie er sie ausgelegt hat. Und wenn wir gefallen sind, weil die Folgen der Erbsünde noch da sind, dann dürfen wir Gott um Verzeihung bitten und von vorne anfangen. Das ist der Weg der Heiligkeit. Der Hl. Josemaria Escriva sagte treffend: „Ein Heiliger ist ein Sünder, der es immer wieder versucht.“ Das Entscheidende ist, dass wir es nicht aus eigener Kraft, sondern zusammen mit der Gnade Gottes tun.

Ihre Magstrauss

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