Mittwoch der 30. Woche im Jahreskreis

Röm 8,26-30; Ps 13,4-5.6; Lk 13,22-30

Röm 8
26 So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.
27 Der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist. Denn er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein.

28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht, denen, die gemäß seinem Ratschluss berufen sind;
29 denn diejenigen, die er im Voraus erkannt hat, hat er auch im Voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei.
30 Die er aber vorausbestimmt hat, die hat er auch berufen, und die er berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Die heutige Lesung aus Röm 8 ist dem Kapitel über das Seufzen der ganzen Schöpfung als Hoffnungszeichen entnommen. Bereits gestern haben wir aus diesem apokalyptischen Kapitel einen Ausschnitt gehört. Die ganze Schöpfung liegt in Wehen und auch wenn diese schmerzhaft sind, stellen sie ein gutes Zeichen dar – nämlich für die unmittelbar bevorstehende Geburt der Endzeit.
Die vorausgehenden Verse hindurch betrachtet Paulus den Aspekt von Hoffnung. Und in Vers 26 geht es um die Stütze, die der Heilige Geist für den geschwächten Menschen ist. Er greift ihm in der „Geburtssituation“ unter die Arme. Wo es dem Menschen schwerfällt, das Gebet aufrecht zu erhalten und damit den Kontakt zu Gott, hilft der Geist Gottes ihm „mit unaussprechlichen Seufzern.“ Allein dieser Ausdruck könnte uns nun zu einer ausführlichen Betrachtung der Glossolalie führen, doch das würde diesen Rahmen sprengen. Konkret ist hier gemeint, dass der Geist Gottes durch den Menschen betet in Lauten, die er nicht versteht. Es ist die Sprache des Himmels. Und der Hl. Geist hat die rechte Absicht in diesem himmlischen Gebet, weshalb es so kraftvoll ist. Gott ist es, „der die Herzen erforscht“ und deshalb auf die Absicht eines Gebets schaut. Wenn wir nicht wissen, wie wir in unserer Leidenssituation noch beten sollen, lassen wir den Geist Gottes durch uns sprechen. Sein Gebet durch uns hindurch wird uns aufrichten und wir werden inneren Frieden erhalten.
Gott wird bei denen, die an ihn glauben und aus Liebe zu ihm alles aushalten, am Ende alles gut machen. Auch wenn die Gegenwart so drastisch, so dunkel, so hoffnungslos erscheint, wird Gott für ein gutes Ende sorgen. Das ist dieselbe Botschaft, wie wir sie in der Johannesoffenbarung erhalten. Die apokalyptische Katastrophe ist da und wird nicht beschönigt. Was noch geschehen wird, wird in ganz brutalen Bildern geschildert. Doch zugleich werden der Triumph und der Jubel genannt, die der Himmel mit sich bringt. Und das ist jetzt schon Realität.
Gott hat einen Heilsplan und deshalb wird alles ein gutes Ende finden. Gott hat die Menschen im Voraus schon dazu bestimmt, Abbilder Gottes zu sein. Er ist Mensch geworden, damit die gefallene Natur ganz konkret zu Gesicht bekommt, wie sie eigentlich gedacht war. Jesus hat ihnen wieder gezeigt, wie der Mensch sein soll. Und das Ziel des Menschen ist, diesen Zustand mithilfe der Gnade Gottes wieder zu erlangen. Der Mensch ist also dazu bestimmt, zur Familie Gottes zu gehören, damit Jesus „kein Einzelkind“ bleibt. Er möchte „der Ersteborene unter vielen Brüdern“ sein. Jesus ist der Anfang der neuen Schöpfung, zu der wir alle neugeboren werden, wenn wir getauft werden.
Gott hat die Menschen im Voraus dazu bestimmt, zur Familie Gottes zu gehören. Diese beruft er auch dazu, das heißt sie spüren seinen Ruf und machen sich auf den Weg zur Taufe. Und wer getauft wird, wird gerecht gemacht. Und wenn sie diese Gerechtigkeit aufrecht erhalten, das heißt ihre Taufgnade nicht verlieren, werden sie am Ende verherrlicht im Himmelreich.

Ps 13
4 Blick doch her, gib mir Antwort, HERR, mein Gott, erleuchte meine Augen, damit ich nicht im Tod entschlafe,
5 damit mein Feind nicht sagen kann: / Ich habe ihn überwältigt, damit meine Gegner nicht jubeln, weil ich wanke!
6 Ich aber habe auf deine Güte vertraut, mein Herz soll über deine Hilfe jubeln. Singen will ich dem HERRN, weil er mir Gutes getan hat.

Als Antwort beten wir Psalm 13. Dabei handelt es sich um einen Klagepsalm mit dem Titel „Klage und Vertrauen in großer Not“. Die Beter sind primär das Volk Israel in ihrer vor allem politischen Notlage. Angesichts der apokalyptischen Lesung können wir diese Worte im geistlichen Sinn weiterdenken und einerseits auf die Notleidenden außerhalb der Familie Gottes beziehen, andererseits auf die ganze Menschheit, die unter den Geburtswehen leidet, von denen Paulus spricht. Der Klagepsalm ist klassisch aufgebaut mit Klagerufen, die in einen Bittruf münden und ab Vers 6 einen sogenannten Stimmungsumschwung aufweist.
„Blick doch her, gib mir Antwort“ ist genau so ein Bittruf, der zumeist die Gebetserhörung beinhaltet oder die Aufmerksamkeit Gottes auf dem Leidenden. Gott soll die Augen des Beters erleuchten, damit er nicht im Tod entschlafe. Diese Worte sind im Wortsinn mit seiner ganz konkreten Notlage auf den biologischen Tod zu beziehen. Es ist vielleicht ein Gebet mitten auf dem Schlachtfeld gegen die Feinde Israels. Es ist vielleicht das Gebet König Davids auf der Flucht, dessen Leben immer wieder vom Tod bedroht wird, besonders durch Saul und Abschalom. Gott ist ein Gott des Lebens. Dieses kann nur von ihm kommen, so bereits das Verständnis im Alten Testament. Wir können es im geistlichen Sinn vertiefen und angesichts der Lesung vor allem dem anagogischen Sinn betonen: Gott möge die Menschen nicht im Tod entschlafen lassen, das heißt im Zustand der Todsünde, also im ewigen Tod. Wenn der Beter vor Gott gestellt wird im Gericht, möge er versöhnt sein mit ihm, ohne sich etwas zuschulden kommen zu lassen. Damit das so sei, möge Gott dem Beter die Augen erleuchten. Wir dürfen es als Christen vor allem auf die Taufe beziehen, die die vollkommene Vergebung der Sünden erwirkt. Durch die Gnade des Hl. Geistes ist der Mensch zudem befähigt, diesen versöhnten Zustand durch das Halten der Gebote in Liebe zu Gott und dem Nächsten aufrechtzuerhalten. Wo er dennoch gefallen ist, kann er diese Worte Davids beten um Versöhnung Gottes im Sakrament der Beichte. Auch dann schenkt der Herr ihm den Hl. Geist, der die Vergebung der Sünden bewirkt.
Vor dem Hintergrund des mehrfachen Verständnisses von Vers 4 sind auch die Feinde in Vers 5 zu betrachten. Im Wortsinn meint es die militärischen Feinde, die politischen Feinde, auch die religiösen Feinde Israels. Doch noch existenzieller betrachten wir die Feinde vor dem geistlichen Hintergrund des Verses: Der Widersacher Gottes, der den Heilsplan sabotieren möchte, soll nicht triumphieren über die Seele, die er von Gott weggezogen hat und vielleicht endgültig vom ewigen Leben abgeschnitten hat. Das Wanken des Beters ist in dem Kontext auf seine Sünde und Ablehnung Gottes zu beziehen.
„Ich aber habe auf deine Güte vertraut“. König David findet deutliche Worte der Klage in den vorausgegangenen Versen, aber er gibt Gott in solchen Situationen nicht auf. Vielmehr sucht er den Dialog mit ihm. Er hält die Situation durch, sodass er nach der Gebetserhörung wirklich sagen kann: „Ich aber habe auf deine Güte vertraut“. Diese Worte können auch die Israeliten sehr gut beten. Wie sehr haben sie zum Herrn geschrien, als die angekündigten Fremdherrschaften der Assyrer und vor allem der Babylonier wahr wurden? Wie sehr haben sie gelitten und Gottes Willen nicht mehr begriffen. Als Gott den Rest der Söhne Israels dann tatsächlich wieder in die Heimat hat zurückkehren lassen, konnten auch sie voller Freude beten: „Ich aber habe auf deine Güte vertraut.“ Und auch sie haben dann Grund zu jubeln über Gottes Hilfe.
Diese Worte können auch alle Menschen sprechen, die das Angesicht Gottes nicht mehr schauen durften aufgrund des ersten Sündenfalls. Der Schrei nach Erlösung wurde immer lauter und auf der Höhe der Zeit ist Gott Mensch geworden, um die Menschheit zu retten.
Wir alle, die wir auf Christi Tod getauft sind, um es paulinisch auszudrücken, dürfen wie er auferstehen – in das ewige Leben hinein. Er hat der ganzen Welt Gutes getan, weshalb wir alle nicht anders können, als ihm zu singen. Wir merken: Die Psalmen haben so eine Tiefe, dass sie zu allen Zeiten aktuell sind und alle Menschen ansprechen. Wir können voll Freude singen, nicht nur über die Rettungsaktion Gottes an Israel, sondern auch an uns.

Lk 13
22 Auf seinem Weg nach Jerusalem zog er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrte.

23 Da fragte ihn einer: Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? Er sagte zu ihnen:
24 Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen.
25 Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt und ihr draußen steht, an die Tür klopft und ruft: Herr, mach uns auf!, dann wird er euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid.
26 Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben doch in deinem Beisein gegessen und getrunken und du hast auf unseren Straßen gelehrt.
27 Er aber wird euch erwidern: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan!
28 Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid.
29 Und sie werden von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen.
30 Und siehe, da sind Letzte, die werden Erste sein, und da sind Erste, die werden Letzte sein.

Im Evangelium setzt sich der apokalyptische Duktus der Tageslesungen fort. Wir begeben uns in die Endphase des Kirchenjahres. Da wird es stets apokalyptisch und die Lesungen können trotz vierfachen Schriftsinns mit einem Schwerpunkt auf dem Anagogischen betrachtet werden. Ja, es ist sogar so, dass der anagogische Sinn zunehmend zum Literalsinn wird – es ist die Lesart, die die Autoren ursprünglich beabsichtigt haben.
Jesus zieht mit seinen Jüngern nach Jerusalem und macht dabei immer wieder Zwischenstopps in verschiedenen Orten. Dort lehrt er, aber was? Dabei kann es sich nur um das Reich Gottes handeln, zu dem die persönliche Umkehr gehört.
Als Jesus gefragt wird, ob es nur wenige sind, die gerettet werden, antwortet er mit eindrücklichen Worten – und diese müssen wir uns sehr zu Herzen nehmen: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen“. Es ist kein einfacher Weg, sondern sehr schwer, ins Reich Gottes zu gelangen. Natürlich wird uns die nötige Kraft von oben geschenkt, aber unsere Bemühungen müssen von ganzem Herzen sein. Das „er hat sich stets bemüht“ des Arbeitszeugnisses ist bei Gott kein Code für eine gescheiterte Tätigkeit, sondern alles, was er von uns will. Die Tür ist eng. Es ist sehr schwer, sich hindurchzuzwängen, vor allem als aufgeblasener Mensch voller Hochmut und Anhänglichkeiten dieser Welt. Jesus hat schon über den Reichtum gesagt, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht als der Reiche ins Reich Gottes. Das Nadelöhr, wie ein Tor in Jerusalem umgangssprachlich genannt wurde, ist so schmal, dass tatsächlich kein Kamel hindurchpasst. Kamele als Lasttiere zeigen uns wirklich, dass wir ins Reich Gottes nur mit leeren Händen hineinkommen. Was heißt das? Wir dürfen alles von Gott erwarten und uns von ihm alles vertrauensvoll schenken lassen. Aus eigener Kraft, mit eigenen Errungenschaften ohne die Gnade Gottes kommen wir nicht ins Reich Gottes. Das ist Hochmut, aber im Himmel ist nur Platz für Demut. Jesus betont, dass viele sich bemühen, es aber nicht schaffen. Das ist sehr drastisch, soll die Zuhörer aber zur Umkehr bewegen.
Es geht Jesus, die so ganz anderen Maßstäbe aufzuzeigen, nach denen im Reich Gottes geurteilt wird. Es geht zudem um die Herzenshaltung bei allem, was man getan hat, die beim Gericht Gottes berücksichtigt wird. Beides – die Maßstäbe und die Herzenshaltung – werden am Ende für viele Überraschungen sorgen: Dann werden Menschen, von denen man sicher erwartete, dass sie ins Himmelreich kommen, plötzlich vor verschlossener Tür stehen und fassungslos den Herrn fragen, warum. Dann wird Gott sogar sagen „ich kenne euch nicht“ bzw. „ich weiß nicht, woher ihr seid“. Der Mensch kann nicht einfach nur äußerlich dazugehören. Mitläufer haben im Reich Gottes keinen Platz, denn jeder muss auch aktiv die Entscheidung für Gott getroffen haben und dementsprechend von Herzen um die Gebote Gottes bemüht gewesen sein. Nur weil man Jesus auf der Straße begegnet ist und ihn hat predigen hören, ist man noch nicht automatisch gerechtfertigt. Wenn man ihm nicht nachgefolgt ist bis in die letzte Konsequenz, kann man nicht erwarten, einen Platz im Himmel zu erlangen. Er weiß nicht, woher sie sind, weil sie nicht zur Familie Gottes gehören.
Die Gerechten des Alten Testaments werden im Reich Gottes dabei sein, aber jene, die nicht nach den Geboten gelebt haben, werden ausgeschlossen. Heulen und Zähneknirschen sind gängige Aussagen über die ewige Gottabgeschnittenheit, die wir Hölle nennen. Jene, die vom Himmel ausgeschlossen sind, werden sie erfahren und zwar auf ewig. Das ist so drastisch, dass Jesus es hier so betont. Er möchte, dass alle Menschen gerettet werden. Bevor es zu spät ist, sollen die Menschen umkehren und echte Jünger Jesu Christi werden, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich.
Die Zusammensetzung der Himmelsgemeinschaft wird bestehen aus Menschen aller Himmelsrichtungen. Es wird ein universales Heil sein, das Christus ermöglichen wird. Er deutet die prophetischen Visionen der sogenannten eschatologischen Völkerwallfahrt an, aber auch das himmlische Festmahl aus Jes 25.
Dass die Maßstäbe Gottes noch für Überraschungen sorgen werden, zeigt sich insbesondere am letzten Vers. Es werden nämlich die Letzten die Ersten sein und umgekehrt. Wer in der Gesellschaft nichts zählt, wird im Himmelreich plötzlich auf Ehrenplätzen sitzen. Die irdischen Prioritäten werden ganz auf den Kopf gestellt, weil Gottes Gerechtigkeit und Liebe das Menschliche übersteigt.

Prüfen wir uns heute, ob wir wirklich dazugehören. Sind wir nur äußerlich Teil der Familie Gottes? Ist unser Herz weit weg von Gott oder brennen wir innerlich für sein Evangelium? Halten wir seine Gebote? Halten wir sie aus Liebe? Bemühen wir uns mit aller Kraft oder lehnen wir uns gelassen zurück, weil wir uns auf unsere Taufe verlassen? Keiner von uns kann sagen: Ach, ich bin sicher im Himmel. Wir müssen kämpfen bis zur letzten Sekunde dieses irdischen Daseins, denn der Feind lauert uns ständig auf. Nicht, dass wir am Ende dann die Erfahrung machen, die David im Psalm beschreibt: dass nämlich der Widersacher Gottes jubelt, weil ich gefallen bin.

Ihre Magstrauss

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