Dienstag der 30. Woche im Jahreskreis

Röm 8,18-25; Ps 126,1-2b.2c-3.4-5.6; Lk 13,18-21

Röm 8
18 Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.
19 Denn die Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes.
20 Gewiss, die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung hin:
21 Denn auch sie, die Schöpfung, soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.
22 Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.
23 Aber nicht nur das, sondern auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, auch wir seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden.
24 Denn auf Hoffnung hin sind wir gerettet. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Denn wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht?
25 Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld.

In der heutigen Lesung aus dem Römerbrief hören wir Schöpfungs- und Erntemotive im Kontext eines Lebens nach der Taufe. Es ist ein ganz neues Dasein, wie uns Paulus in den letzten Abschnitten immer wieder verdeutlicht hat. Und wenn es um uns herum immer schwieriger wird, ist das positiv anzusehen.
Paulus ist nämlich davon überzeugt, dass die jetzigen Leiden aus der Sicht der Ewigkeit verschwindend gering sind. Die ganze Schöpfung ist ja in Erwartung auf diese heilvolle Ewigkeit, in der die „Söhne Gottes“ offenbar werden. Durch die Taufe sind wir Kinder Gottes geworden, zu Erben in seinem Reich. Die Taufe ist dabei ein unauslöschliches Siegel, das der Seele aufgedrückt worden ist. Es ist allerdings unsichtbar, nicht ein so offensichtliches Zeichen wie die Beschneidung. Dass wir dieses Siegel an uns tragen, wird erst am Ende der Zeiten offenbar. Dann werden es alle erkennen und bereuen, dieses königliche Geschlecht angetastet zu haben. Dann wird Gott seine Kinder zu sich holen und diese werden in ewiger Seligkeit leben. Darauf wartet die ganze Schöpfung voller Sehnsucht, weil die Anfeindungen gegenüber Christen immer größer werden. Wir können das vollkommen unterschreiben. In unserer heutigen Zeit ist die Christenverfolgung so stark wie noch nie. Je gottloser die Welt wird, desto stärker wird unser Schreien nach dem erlösenden Ende der Welt.
Die ganze Schöpfung ist gefallen durch die Sünde des ersten Menschenpaares. Aber nicht das erste Menschenpaar ist es, das die Welt unterworfen hat. Vielmehr ist es der Satan, der Widersacher Gottes, der die Herrschaft der Welt an sich gerissen und die Menschen zur Sünde verführt hat. Christus hat ihm durch seine Erlösung die Weltherrschaft entrissen, doch ein gewisser Spielraum ist geblieben. Er versucht auch uns heute noch zur Sünde. Und das, was er zerstört hat, bleibt zerstört. Die erste Schöpfung wird am Ende der Zeiten ein Ende finden („ist der Nichtigkeit unterworfen“) und Gott wird eine neue Schöpfung hervorbringen. Und den Anfang bildet das zweite Menschenpaar – Jesus und Maria. Wir alle, die wir getauft sind, gehören dieser neuen Schöpfung bereits an. Das stellt den Grund für eine unerschütterliche Hoffnung dar, denn auch wenn die erste und zerbrochene Schöpfung ein Ende findet, gibt es einen Ausweg aus der Nichtigkeit. Und dieser lautet die „Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“, kurzum: die Taufe. Das ist die sakramentale Auslegung des Verses, doch Paulus sagt ja deutlich, dass auch die gesamte Schöpfung von der alten zur neuen Schöpfung gebracht werden soll. Dies wird am Ende der Zeiten geschehen. Es ist auch bei der Schöpfung so wie bei der Taufe eine Neugeburt im Heiligen Geist. Und wie es bei einer Geburt üblich ist, gehen ihr schmerzhafte Wehen voraus. Diese Schmerzen erleidet die Welt nun in der Endzeit.
Paulus argumentiert also zwei analoge Dinge hier: der einzelne Mensch beim Übergang vom alten zum neuen Leben sowie die ganze Schöpfung beim Übergang vom alten zum neuen Leben. Die Sehnsucht nach dem zweiten Kommen verbindet beide Perspektiven: Christus wird wiederkommen in Herrlichkeit, als verherrlichter Menschensohn, als Weltenrichter. Und dann wird der Schmerz dieser Tage hinweggenommen, die Tränen von den Augen abgewischt werden. Schon jetzt haben wir Erstlingsgaben dieser neuen Schöpfung. Das ist der Heilige Geist, der sich vielfältig manifestiert. Hier haben wir eine Metapher aus dem Bildfeld der Landwirtschaft.
Das Bild von Schöpfung und Ernte wird in dieser Lesung in einem erweiterten Kontext gebraucht. Es geht vor allem um die Erlösung von der alten Schöpfung. Es geht zwar auch um das erste Kommen Christi, bei dem er die Welt erlöst hat, insofern es den Grund für die Taufe gelegt hat, aber Paulus reflektiert hier schon die Konsequenzen davon. Das Bildfeld der Ernte wird wesentlich im Kontext des Weltendes gebraucht.
Bis es soweit ist, müssen wir geduldig ausharren und den Kreuzweg durch dieses Tal der Tränen gehen. Das müssen wir aber nicht alleine durchstehen und nicht aus eigener Kraft. Der ganze himmlische Hofstaat steht uns bei, auch wenn uns alle Menschen verlassen. Wir haben auch die irdische Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen. Wir haben den Herrn, der Wohnung in uns genommen hat und die göttlichen Tugenden in uns eingegossen hat. In dieser Situation des geduldigen Ausharrens begleitet uns vor allem die Hoffnung. Wir sind auf die Auferstehung getauft worden („Auf Hoffnung hin sind wir gerettet“), deshalb sind wir erfüllt von der österlichen Hoffnung. Nichts kann uns erschüttern, wenn der Herr in uns wirksam ist! Und mit Paulus sehen wir Licht am Ende des Tunnels, wo es dann heißen wird, dass Glaube und Hoffnung wegfallen werden und nur noch die Liebe bleibt.

Ps 126
1 Ein Wallfahrtslied. Als der HERR das Geschick Zions wendete, da waren wir wie Träumende.
2 Da füllte sich unser Mund mit Lachen und unsere Zunge mit Jubel. Da sagte man unter den Völkern: Groß hat der HERR an ihnen gehandelt!
3 Ja, groß hat der HERR an uns gehandelt. Da waren wir voll Freude.
4 Wende doch, HERR, unser Geschick wie die Bäche im Südland!
5 Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten.
6 Sie gehen, ja gehen und weinen und tragen zur Aussaat den Samen. Sie kommen, ja kommen mit Jubel und bringen ihre Garben.

Als Antwort auf die Lesung beten wir einen Wallfahrtspsalm. Er thematisiert u.a. den Beistand und die Rettung Gottes aus der Not. Wir haben ihn am vergangenen Sonntag als Antwort auf das Babylonische Exil ebenfalls gebetet. Da haben wir ihn vor allem im Wortsinn betrachtet. Angesichts der apokalyptischen Ausführungen des Paulus im Römerbrief legen wir heute einen Schwerpunkt auf die anagogische Auslegung:
Das „Geschick Zions“, das sich gewendet hat, ist die Not Israels, aus der Gott sein Volk geführt hat. Dies ist besonders eindrücklich mit dem Auszug aus Ägypten deutlich geworden sowie mit der Rückführung der Deportierten aus dem Babylonischen Exil zurück in die Heimat.
Die Leidenden, die endlich das Ende ihrer langen Leidensgeschichte schauen dürfen, sind wie Träumende, weil es kaum zu fassen ist. Kann diese unglaubliche Wende wirklich wahr sein? So können wir Getaufte als Erlöste sagen: Ja, wir sind wie Träumende, denn endlich, ja endlich ist die Paradiestür offen! So viele Generationen konnten nicht hindurchgehen, doch Christus hat es uns ermöglicht, der von sich sagte: Ich bin die Tür. Wie Träumende sind wir, dass wir gerechtfertigt sind und provokativ mit Paulus sprechen dürfen: Wir sind Söhne Gottes! Kinder des Vaters geworden in der Familie Gottes. Das ist zu schön, um wahr zu sein, doch es ist wirklich wahr!
Gottes Heilstaten erfüllen das Volk mit Lachen und Jubel. Gott ist es, der den Menschen wirklich glücklich machen kann. Freude ist eine Frucht des Hl. Geistes. Sogar die umliegenden Völker müssen zugeben, dass JHWH allmächtig ist. Aus heutigem Anlass dürfen wir diese Worte auf alle Getauften beziehen, die durch das Sakrament der Taufe aus dem Exil ihres Lebens die Chance auf die Rückkehr ins Paradies erhalten haben. Nach so langer Zeit ist der Menschheit wieder die Hoffnung geschenkt worden, nach dem Tod bei Gott sein zu dürfen. Auf besondere Weise sind die Apostel wie Träumende, als sie Jesus den Auferstandenen in ihrer Mitte erkennen. Wie sehr muss es sie mit Freude und Jubel erfüllt haben, dass Jesus, dessen Tod sie so schmerzlich betrauert haben, lebt! Und auch wir, die wir Jesus in der Eucharistie schauen dürfen, sind wie Träumende. Ist das wirklich wahr, dass Gott sich so klein macht, dass wir ihn in einer Hostie sehen und ihn in uns aufnehmen dürfen? Das muss doch ein Traum sein, so schön ist das!
Doch es ist noch nicht der Himmel. Das Leiden geht weiter. Die Wehen der Endzeit sind stark. Wir sind voll Freude, doch es kommt der Alltag mit den Sorgen und Problemen, vor allem mit den Anfechtungen. Die Anfangseuphorie der Taufe verschwindet sehr schnell, wenn es um das nackte Überleben der Seele geht. Und dann ruft der Mensch nach Gottes Gnade und Beistand. Möge er doch wie damals das Geschick des Menschen wenden, denn dieses Leben bringt auch weiterhin Tränen. Das betrifft Israel, das ins verheißene Land kommt und allerlei Schwierigkeiten hat, sich zu etablieren. Das betrifft Israel auch nach der Rückkehr aus dem Exil. Wie schwer war es doch für die Israeliten, den Tempel wieder aufzubauen, die Städte wieder bewohnbar zu machen und wieder Erträge auf den Feldern zu erzielen! Der Weg dorthin war sehr steinig und das betrifft auch die Jünger Jesu. Nicht lange nach dem freudigen Pfingstereignis kamen die ersten Widerstände, als Petrus und Johannes im Tempel einen Mann geheilt haben. Sofort mussten die Apostel mit Verfolgungen und Angriffen, Feindseligkeiten und Verleumdungen umgehen. Für sie war das ganze restliche Leben ein steiniger Weg. Wie viele Tränen haben sie vergossen! Und auch für jeden Getauften bis heute ist es ein einziger Kreuzweg. Niemand hat gesagt, dass mit der Taufe alles himmlisch auf Erden ist. Dann beginnt der steinige und steile Anstieg zum Himmelreich erst so richtig! Wie sehr wird der Christ versucht, angegriffen, angefeindet von anderen Menschen, verleumdet sogar von den eigenen Familienmitgliedern und Freunden. Dieses Leben ist ein einziges Tal der Tränen, solange Gottlosigkeit herrscht. Doch wir leben in der Sehnsucht nach dem Ende der Zeiten, bei dem Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird. Wir leben auch auf die Ewigkeit hin, die uns nach unserem irdischen Tod erwartet. Dann wird Gott die Tränen abwischen und ewige Freude schenken. Doch Freude ist mehr als nur ein emotionaler Zustand. Freude ist genau diese unerschütterliche Erkenntnis tief im Herzen des Menschen. Wenn auch äußerlich die Tränen fließen und der augenblickliche Schmerz ihn niederdrücken, so weiß der Christ doch, dass ihn nichts scheiden kann von der Liebe Christi. Dieser Kern ist ihm geschenkt durch die Gnade der Taufe. Er kann bis zum Schluss die Hoffnung behalten, weil es ihm geschenkt worden ist. Schließlich können wir zusammenfassen: Dieses Wallfahrtslied ist auf so vielen Ebenen zu betrachten, doch sticht die Wallfahrt zum himmlischen Jerusalem am Ende der Zeiten angesichts der Lesung und auch des Zeitpunkts im liturgischen Jahr, also die anagogische Richtung besonders hervor.

Lk 13
18 Er aber sagte: Wem ist das Reich Gottes ähnlich, womit soll ich es vergleichen?

19 Es ist wie ein Senfkorn, das ein Mann nahm und in seinen Garten säte; es wuchs und wurde zu einem Baum und die Vögel des Himmels nisteten in seinen Zweigen.
20 Noch einmal sagte er: Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen?
21 Es ist wie der Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Sea Mehl verbarg, bis das Ganze durchsäuert war.

Im Evangelium erklärt Jesus das Reich Gottes anhand von verschiedenen Gleichnissen. Das Reich Gottes ist wie ein Senfkorn. Sie werden ein solches vielleicht schon einmal in Händen gehalten haben. Es ist wirklich sehr klein und steht im Gegensatz zu der imposanten Größe der ausgewachsenen Staude, das anderen Lebewesen noch Schatten bietet. Mit diesem Bild möchte Jesus verdeutlichen, dass seine Verkündigung alles andere als imposant beginnt. Er ist zunächst allein, die ersten Jünger sind seine Eltern. Dann kommen nach und nach Menschen hinzu. Die Art und Weise, wie Jesus verkündet, ist schlicht und unkompliziert. Sein Kommen in diese Welt ist schon so unscheinbar gewesen, dass Herodes bei der Erwähnung seiner Geburt aus allen Wolken gefallen ist. Jesus wurde in einem armen Stall geboren. Der große Gott hat sich so klein gemacht, dass er als bedürftiges Baby den Menschen erschienen ist! Wenn das keine Senfkorn-Mentalität ist, was dann? Jesus ist nicht mit Pomp gekommen, er hat seine Verkündigung auch nicht spektakulär betrieben. Er kam einfach zum Jordan und stellte sich zu den anderen Menschen. Johannes sagte sogar: „Unter euch steht einer, den ihr nicht kennt.“ Er ging zu einzelnen Menschen und sagte „komm und folge mir nach“. Wer ihn ansprach, den nahm er kurzerhand mit nach Hause. Mit dieser Schlichtheit und Demut sollen auch seine Jünger evangelisieren. Auch hier sehen wir, wie die Familie Gottes gebildet wird, von der wir bei Paulus gehört haben. Im Reich Gottes läuft alles anders, als wir es von der Welt gewohnt sind. Dort gibt es kein von oben herab. Da gibt es nur die Macht der sich verzehrenden und hingebenden Liebe. Jesus der König lebte wie ein Sklave. Er herrschte wie ein Diener. Er siegte wie ein Verlierer am Kreuz. Alles an ihm ist so unspektakulär, dass es für viele stolze Seelen unerträglich ist. Die Hl. Schrift, die seine Kronzeugin ist, ist so voller Demut, dass stolze Seelen sie nicht lesen konnten – bis zu ihrer Bekehrung. Als Beispiel sei der Hl. Augustinus genannt. Das sind die Maßstäbe, das ist die Mentalität des Reiches Gottes. Diese Demut wird am Ende siegen, den besiegen, der sich hochmütig gegen Gott aufgelehnt hat!
So ist auch das Christentum im ganzen Römischen Reich verbreitet worden. Es war ein Erzählen von Jesus Christus zwischen Tür und Angel, oft waren es Soldaten, Kaufmänner, Sklaven. Es war eine Weitergabe von Mensch zu Mensch, ganz unscheinbar. Und es ist so herangewachsen, dass es im 4. Jh. zur Staatsreligion im Römischen Reich geworden ist! Bis heute ist es die weltweit größte Religion der Welt mit den meisten Mitgliedern. Es ist wirklich zu einer riesigen Senfpflanze geworden. Was mit ein paar Jüngern begann, ist jetzt zur Weltreligion geworden. Das Evangelium von Jesus Christus ist wirklich bis an die Enden der Welt gekommen. So wie es verbreitet worden ist, so soll es innerhalb der Familie Gottes auch zugehen. Wir haben es in den heutigen Lesungen gehört. Verstehen wir ein für alle Mal, dass es bei Gott ganz anders ist als bei uns Menschen. Hochmut und Ungehorsam gegenüber Gott sind der Kern der Sünde. Durch sie ist die Sünde in die Welt gekommen und die erste Schöpfung gefallen. Durch die Demut und den Gehorsam des zweiten Menschen ist die Welt mit Gott versöhnt worden. Leben wir in seiner Mentalität, damit wir am Ende in das Herz der Familie Gottes aufgenommen werden, nämlich in das Himmelreich, wo wir unverschleiert in Gemeinschaft mit der heiligsten Dreifaltigkeit leben werden.

Ihre Magstrauss

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