Freitag der 34. Woche im Jahreskreis

Dan 7,2-14; Dan 3,75.76.77.78.79.80.81; Lk 21,29-33

Dan 7
2 Daniel sagte: Ich schaute in meiner Vision während der Nacht und siehe: Die vier Winde des Himmels wühlten das große Meer auf.

3 Dann stiegen aus dem Meer vier große Tiere herauf; jedes hatte eine andere Gestalt.
4 Das erste war einem Löwen ähnlich, hatte jedoch Adlerflügel. Während ich es betrachtete, wurden ihm die Flügel ausgerissen; es wurde vom Boden emporgehoben und wie ein Mensch auf zwei Füße gestellt und es wurde ihm ein menschliches Herz gegeben.
5 Dann erschien ein zweites Tier; es glich einem Bären und war nach einer Seite hin aufgerichtet. Es hielt drei Rippen zwischen den Zähnen in seinem Maul und man ermunterte es: Auf, friss noch viel mehr Fleisch!
6 Danach sah ich ein anderes Tier; es glich einem Panther, hatte aber auf dem Rücken vier Flügel, wie die Flügel eines Vogels; auch hatte das Tier vier Köpfe; ihm wurde die Macht eines Herrschers verliehen.
7 Danach sah ich in meinen nächtlichen Visionen ein viertes Tier; es war furchtbar und schrecklich anzusehen und sehr stark; es hatte große Zähne aus Eisen. Es fraß und zermalmte alles, und was übrig blieb, zertrat es mit den Füßen. Von den anderen Tieren war es völlig verschieden. Auch hatte es zehn Hörner.
8 Als ich die Hörner betrachtete, da wuchs zwischen ihnen ein anderes, kleineres Horn empor und vor ihm wurden drei von den früheren Hörnern ausgerissen; und an diesem Horn waren Augen wie Menschenaugen und ein Maul, das anmaßend redete.
9 Ich sah immer noch hin; da wurden Throne aufgestellt und ein Hochbetagter nahm Platz. Sein Gewand war weiß wie Schnee, sein Haar wie reine Wolle. Feuerflammen waren sein Thron und dessen Räder waren loderndes Feuer.
10 Ein Strom von Feuer ging von ihm aus. Tausendmal Tausende dienten ihm, zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm. Das Gericht nahm Platz und es wurden Bücher aufgeschlagen.
11 Ich sah immer noch hin, bis das Tier – wegen der anmaßenden Worte, die das Horn redete – getötet wurde. Sein Körper wurde dem Feuer übergeben und vernichtet.
12 Auch den anderen Tieren wurde die Herrschaft genommen. Doch ließ man ihnen das Leben bis zu einer bestimmten Frist.
13 Immer noch hatte ich die nächtlichen Visionen: Da kam mit den Wolken des Himmels / einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten / und wurde vor ihn geführt.
14 Ihm wurden Herrschaft, / Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen / dienten ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige, / unvergängliche Herrschaft. / Sein Reich geht niemals unter.

In der heutigen Lesung hören wir von einer Himmelsvision, die der Prophet Daniel von Gott bekommt. Im Gegensatz zu Johannes, der mitten am Herrentag die Offenbarung empfängt, schaut Daniel die Vision in der Nacht. Viele geschaute Elemente begegnen uns bei anderen Propheten des Alten Testaments sowie in der Johannesoffenbarung, wenn auch in weiterentwickelter Form. Wir realisieren einmal mehr, dass der eine Geist in verschiedenen Menschen zu ganz unterschiedlichen Zeiten dasselbe wirkt.
So ist die Rede von einem großen Meer, aus dem vier Tiere heraussteigen, die unterschiedliche Gestalt besitzen. Auch die vier Winde sind Elemente, die in anderen apokalyptischen Texten vorkommen.
Die heraussteigenden Tiere haben Ähnlichkeiten mit Tieren, die man auf der Erde kennt, sind aber nicht mit ihnen identisch. So vergleicht Daniel das erste Tier mit einem Löwen, aber es besitzt Adlerflügel, die diesem plötzlich entrissen werden und das Wesen mit einem Mal auf zwei Beine gestellt wurde. Es erhält ein menschliches Herz.
Das zweite Tier wird mit einem Bären verglichen und hält drei Rippen im Maul. Es wird aufgefordert, noch mehr Fleisch zu verschlingen.
Das dritte Tier wird mit einem Panther verglichen, das aber vier Vogelflügel besitzt und vier Köpfe hat. Es wird mit Herrscherinsignien ausgestattet.
Das vierte Tier sieht sehr furchterregend aus mit seinen eisernen Zähnen und zehn Hörnern. Das zerstörerische Potenzial dieses Tieres ist besonders schlimm und es wird diesmal mit keinem bekannten Raubtier verglichen. Es ist ganz anders als alle bisherigen Tiere. Während Daniel dieses Tier betrachtet, wächst ein kleineres Horn mit Augen zwischen den anderen Hörnern hervor. Drei bisherige Hörner fallen heraus. Das kleine Horn mit den Augen bekommt auch einen Mund und stößt schändliche Worte aus. Daniel schaut etwas Widerliches.
Diese vier aus dem Meer hervorkommenden Tiere sind etwas Dämonisches, das letzte ist dabei am schlimmsten. Diese Wesen werden oft als Königreiche interpretiert, so wird es Daniel selbst auch gesagt, wobei das letzte Reich das aggressivste und gottloseste sein wird. Das letzte Reich besiegt die anderen drei Reiche, deshalb fallen auch drei Hörner heraus. Hörner sind in der biblischen Symbolsprache Zeichen der Macht. Dass dieses letzte Wesen also so viele Hörner besitzt, zeigt auch an, dass es von allen vier Reichen am mächtigsten ist.
Doch auch dessen Macht hat ein Ende, wenn sich Gottes Gericht zuträgt: Daniel sieht plötzlich, dass Throne aufgestellt werden und ein Hochbetagter Platz nimmt. Er schaut Gott und die Ältesten, die dann Johannes in der Offenbarung als 24 Älteste auf 24 Thronen identifiziert.
Gott wird als Hochbetagter geschaut, weil er im Anfang ist. Er ist der Ursprung von allem, sozusagen der „Älteste“ von allen. Gott wird in strahlendem Gewand, mit weißen Haaren und auf feurigem und auf Rädern fahrendem Thron geschaut. Auch Ezechiel spricht von Rädern.
Gott ist aber nicht allein, sondern zehntausend mal zehntausend dienen ihm. Das bezieht sich auf die Engel des Himmels, die Bewohner der unsichtbaren Welt.
Das Gottesgericht findet statt und dafür werden Bücher aufgeschlagen. Diese sind die Lebensbücher jedes einzelnen Menschen. Darin sind die Taten des Menschen verzeichnet, welchen nach das Gerichtsurteil formuliert wird.
Während dieses Gerichts wird auch das letzte und mächtigste Reich entmachtet und ins Feuer geworfen. Interessant ist, dass aber dieser Sieg noch nicht das Ende ist, denn den Tieren bleibt noch eine Frist. Diese Schauungen müssen wir im heilsgeschichtlichen Kontext einordnen. Daniel schaut diese Visionen, noch bevor der Messias kommt, also in einer Zeit, in der die Welt noch nicht erlöst ist. Es ist noch nicht das Ende gekommen, indem dann der endgültige Sieg Gottes über den Widersacher erfolgt. Das kommt erst später.
Zuerst sieht Daniel nämlich die Vorbereitung des Kommens Christi: Einer wie ein Menschensohn kommt auf den Wolken bis zum Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. Ihm wird eine große Vollmacht übertragen, nämlich die Weltherrschaft, die als ewig und unzerstörbar beschrieben wird. Einerseits kann man es auf das erste Kommen Christi beziehen, bevor er Mensch wird. Die Messiaserwartung der Juden macht darin auch keinen Unterschied, sondern es herrscht die verbreitete Meinung, dass wenn der Messias kommt, das Ende der Welt gekommen ist. Wir differenzieren und sagen: Mit Christus ist die Endzeit angebrochen, aber wir warten auf seine Wiederkunft, mit der dann das ultimative Weltende kommt. Christus hat zugesagt, dass er als Weltenrichter und Herrscher wiederkommen wird. Deshalb ist das von Daniel hier Geschaute vielmehr auf das zweite Kommen Christi zu beziehen! Hier wird ihm ja die Weltherrschaft übertragen, also das Reich Gottes offenbar. Er wird geschaut als Menschensohn. Es ist seine Verherrlichung nach der Himmelfahrt.
Die messianischen Verheißungen erfüllen sich mit Christus, auch schon mit seinem ersten Kommen! Er ist wirklich der ewige Messiaskönig, wie es schon Natan zu König David gesagt hat. Es ist nur eine ganz andere Herrschaft als erwartet. Es ist kein gewöhnlicher Mensch, sondern ein Davidide, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Wie viele Propheten im Alten Testament angekündigt haben und wie auch Johannes in der Offenbarung geschaut hat, dienen ihm alle Völker, Nationen und Sprachen. Es ist ein universaler Bund und ein universales Königtum – das Reich Gottes.

Dan 3
75 Preist den HERRN, ihr Berge und Hügel; / lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!

76 Preist den HERRN, all ihr Gewächse auf Erden; / lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!
77 Preist den HERRN, ihr Quellen; lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!
78 Preist den HERRN, ihr Meere und Flüsse; / lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!
79 Preist den HERRN, ihr Tiere des Meeres / und alles, was sich regt im Wasser; / lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!
80 Preist den HERRN, all ihr Vögel am Himmel; / lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!
81 Preist den HERRN, all ihr Tiere, wilde und zahme; / lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!

Auch heute beten wir als Antwort auf die Lesung einen Ausschnitt aus dem Lobpreis der Freunde Daniels im Feuerofen. Die heutigen Verse passen sehr gut zu den Nachtvisionen Daniels.
Zunächst werden die Berge und Hügel zum Lobpreis Gottes aufgefordert. Ihre Höhe lässt erhebt so viele heilsgeschichtliche Figuren der Bibel näher zu Gott bei Schlüsselerlebnissen. Abraham im Bergland von Morija, Mose und Elija auf dem Sinai, Jesus auf dem Tabor…es gibt so viele Momente, die sich auf einem Berg abspielen. Diese mächtigen Höhen, die uns so überwältigen, weisen über sich selbst hinaus auf den Höchsten.
Die ganze Flora soll Gott loben und preisen. Ihre tollen Düfte, medizinischen Wirkungen, farbenfrohen Blüten, tiefen Wurzeln. Sie preisen ihn mit ihrem Wohlgeruch, mit ihren Wirkungen, mit ihrer Farbenpracht.
Die Quellen sollen den Herrn preisen, ihn, der die Quelle des ganzen Lebens ist. Sie sollen Ursprung von Leben sein, um über sich selbst hinaus auf die eigentliche Lebensquelle zu verweisen.
Die Meere und Flüsse, die die Lebewesen tränken und ihnen Lebensraum schenken, sollen Gott loben und preisen. Sie tun es durch die Strömung, durch die hohen Wellen, sie singen dem Herrn ein lautes Lied durch die lärmende Brandung, das Rauschen und die Gischt. Die Flüsse loben ihn in ihren wunderbaren Windungen und Wasserfälle. Sie loben ihn in ihren Flussbetten.
Die Tiere des Meeres, die zum Großteil noch gar nicht erforscht sind, loben und preisen den Herrn, in der Tiefe oder an der Oberfläche, in ihren Formen, Farben und Größen.
Die Vögel des Himmels, die wilden und zahmen Tiere, sie alle sollen ihn loben und tun es bereits. Sie preisen den Herrn mit ihrem Brüllen, ihrem Rennen, ihrem Höhenflug, ihrem Flügelschlag, ihren weiten Sprüngen. Und wenn sie auch so erhaben wirken mit ihrer Spannweite und ihren hohen und weiten Flugstrecken, so weisen sie doch über sich hinaus auf den Höchsten, den Erhabensten, dessen Weite kein Ende hat. Die wildesten und erhabensten Tiere können es nicht aufnehmen mit dem erhabenen Gott, dessen Reich alle irdischen Reiche überbietet. Wir haben Daniels Visionen vorhin gehört. Sie werden mit wilden Tieren verglichen. Und doch sind sie nichts im Gegensatz zum Herrn, der der Schöpfer all dieser Dinge ist!

Lk 21
29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht euch den Feigenbaum und die anderen Bäume an:
30 Sobald ihr merkt, dass sie Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.
31 So erkennt auch ihr, wenn ihr das geschehen seht, dass das Reich Gottes nahe ist.
32 Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis alles geschieht.
33 Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.

Heute hören wir wieder einen Ausschnitt aus der Endzeitrede Jesu, die er ausgehend von der Rede über die Zerstörung des Tempels und der Stadt Jerusalem hält. Er hat seine Jünger ja bereits zur Wachsamkeit aufgefordert, weil sie nicht wissen, wann das Ende der Zeiten kommt. Doch ganz so plötzlich wird es nicht hereinbrechen. Jesus erklärt heute, dass es Vorzeichen gibt, anhand derer die Jünger sich auf das Ende der Zeiten einstellen können. Er erklärt dies anhand eines Gleichnisses:
Sie sollen den Feigenbaum und andere Bäume betrachten. Das ist typisch für die Weisheitstradition: wichtige Dinge, vor allem ethischer Art, anhand von Naturphänomenen zu erklären.
Wenn man an dem Feigenbaum die Knospen sieht, weiß der Mensch, dass der Sommer bald kommt. So gibt es Anzeichen dafür, dass das Gottesreich bald kommt.
Warum aber der Feigenbaum? Das Besondere ist, dass die meisten Bäume im Hl. Land das ganze Jahr hindurch Blätter tragen. Der Feigenbaum aber verliert sein Laub. Deshalb kann man an ihm den Beginn des Sommers ablesen, wenn sich nämlich neue Blätter bilden. Es ist auch besonders, dass die Zeitspanne zwischen Sommer und Winter sehr kurz ist. So kann Jesus wirklich sagen, dass der Sommer sehr nahe bevorsteht, sobald man Blätteransatz am Feigenbaum erkennt. Mithilfe dieser Baumart kann Jesus die absolute Naherwartung des Gottesreiches also am besten umschreiben.
Jesus tut hier aber nichts absolut Neues. Die Messung der Jahreszeiten durch den Zustand des Feigenbaums kommt aus der rabbinischen Tradition. Seine Jünger kennen diesen Vergleich also bereits.
Jesus schließt ganz feierlich mit einem Amen-Wort: „Diese Generation wird nicht vergehen, bis alles geschieht.“ Was ist mit „Generation“ gemeint? Wir sehen ja, dass diese Angesprochenen bereits seit mehreren Jahrtausenden tot sind. Das griechische Wort γενεὰ  genea hat verschiedene Bedeutungen und muss nicht ausschließlich mit „Generation“ übersetzt werden. Es kann auch eine ganze Familie oder Gemeinschaft meinen, ja sogar eine Art von etwas. Man kann es auch temporal verstehen und gerade hier im apokalyptischen Kontext ergibt es Sinn, mit genea ein bestimmtes Zeitalter zu begreifen. Dieses Zeitalter wird also nicht vergehen, bis das alles geschieht. Es geht um das Zeitalter der Kirche, des angebrochenen Gottesreiches, in dem Christus wirkt – die tausend Jahre bis zum ultimativen Ende. In diese Zeit hinein wird also das Ende der Zeiten hineinfallen. Das meint Jesus mit der Aussage.
Und dann werden Himmel und Erde vergehen. Das ist eine Vorstellung, die für die Jünger auch nicht neu ist. Es gibt bei den Juden diese apokalyptische Vorstellung, dass alles einmal zuende ist, Gott plötzlich in die Geschichte eingreift, alles in ein apokalyptisches Chaos stürzt, bevor Gott etwas Neues entstehen lässt. Auch wenn diese heftigen Veränderungen auf die Menschheit zukommen: Gottes Wort bleibt ein und dasselbe. Was Christus gesagt hat, ist die ewige Wahrheit. Diese steht fest für alle Zeiten und daran lässt sich nicht rütteln. Was Jesus vor allem versprochen hat, wird er treu halten: die Aussicht auf das ewige Leben für jene, die bis zum Schluss standhaft geblieben sind.
Um es mit Jesu Worten aus der johanneischen Abschiedsrede zu sagen: „Euer Herz lasse sich nicht beunruhigen. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Das möchte Christus auch uns heute sagen angesichts er immer stärker werdenden Stürme der Endzeit. Das alles kann um uns herum toben, so viel es will: Wenn wir Christus fest in unserem Herzen haben, in inniger Gemeinschaft mit Gott bleiben, dann werden uns die Stürme nichts anhaben, auch dann nicht, wenn man uns unser Leben in seinem Namen nehmen wird. Im Gegenteil: Dann sind wir bereits Sieger.

Ihre Magstrauss

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