Für eine Kultur des Schutzes: Wie die Kirche Prävention neu denken kann


Prävention sexualisierter Gewalt in der Kirche ist längst kein Randthema mehr – sie ist ein Prüfstein für Glaubwürdigkeit und Verantwortung. Die katholische Kirche ringt seit Jahren darum, Missbrauch aufzuarbeiten, Ursachen zu erkennen und Strukturen zu verändern, die solche Taten begünstigt haben. Parallel zum Synodalen Weg in Deutschland, der Reformen und Öffnungen anstrebt, entwickelt sich eine eigene Debatte um sogenannte Schutzkonzepte. Sie sollen sicherstellen, dass die Kirche ein geschützter Ort wird – für Kinder, Jugendliche und alle, die ihr Vertrauen schenken.

Einen bemerkenswert klaren Beitrag zu dieser Diskussion liefert die Initiative Prävention und Kinderschutz mit ihrem 2025 erschienenen Text „Für eine Kultur des Schutzes und aktiver Wachsamkeit“. Ruhig, fundiert und kritisch analysiert er bestehende Ansätze und zeigt Wege zu einer effektiven Präventionskultur auf.


Prävention auf wissenschaftlicher Basis

Die Autorinnen und Autoren setzen von Beginn an auf wissenschaftliche Nüchternheit. Viele Schutzkonzepte in deutschen Bistümern basieren bislang auf pädagogischen Ansätzen, deren Wirksamkeit kaum belegt ist.

Zentral ist die Primärprävention: Maßnahmen, die Missbrauch verhindern, bevor er entsteht. Statt sich auf bürokratische Strukturen zu konzentrieren, richtet das Papier den Blick auf die Menschen selbst – auf Kinder, Jugendliche, Eltern und Pädagogen. Prävention wird als personalkommunikativer Prozess verstanden, nicht als reine Vorschrift.


Die Debatte um „Sexuelle Bildung“

Ein zentraler Streitpunkt ist der Begriff „Sexuelle Bildung“. In vielen kirchlichen Konzepten wird er unkritisch übernommen. Doch er stammt aus einem sexualpädagogischen Paradigma, das Kinder als sexuell kompetente Subjekte versteht – eine Sichtweise, die zwar emanzipatorisch wirkt, aber empirisch nicht abgesichert ist.

Die Initiative kritisiert nicht Sexualaufklärung an sich, sondern die unreflektierte Übernahme ideologischer Modelle, die wissenschaftlich nicht belegt sind. Kinder mit belasteten Familien, unsicherer Bindung oder geringer emotionaler Regulation brauchen keinen ideologischen Ansatz, sondern gezielten Schutz und Unterstützung.


Vier Leitlinien für eine echte Schutzkultur

Der Text formuliert vier zentrale Leitlinien:

  1. Evidenzbasierte Konzepte: Schutzprogramme müssen nachweisbar wirken, nicht nur gut gemeint sein.
  2. Trennung von Prävention und Sexualpädagogik: Prävention schützt, sie vermittelt keine sexuelle Identität.
  3. Altersgerechte Sexualpädagogik: Wissen muss kindgerecht vermittelt werden – Überforderung verhindert Schutz.
  4. Fokus auf vulnerable Gruppen: Kinder aus belasteten Familien oder mit Behinderungen brauchen individuelle Unterstützung.

Diese Punkte wirken schlicht, sind aber ein klarer Bruch mit der gängigen Praxis, die sich oft an gesellschaftlichen Trends orientiert.


Schutzkultur statt Schutzkonzept

Der zweite Teil des Papiers zeigt konkrete Umsetzungsmöglichkeiten:

  • Fortbildung von Mitarbeitenden: Pädagogisch, psychologisch und theologisch fundiert, nicht nur rechtlich.
  • Unterstützung von Risikofamilien: Diakonische Begleitung kann präventiv wirken.
  • Eltern einbeziehen: Eltern als Partner in Gesprächen über Grenzen, Vertrauen und Körperwissen.
  • Sprache über Sexualität fördern: Offen, verantwortungsvoll und theologisch begründet.

Nur so kann Prävention wirksam werden – jenseits von Ideologien und Schlagworten.


Evidenz statt Ideologie

Der wissenschaftliche Teil des Textes zeigt: Programme, die Kindern Strategien zum Schutz vermitteln, wirken nachweislich. Dagegen bleiben Konzepte der „Sexuellen Bildung“ oft theoretisch. Kinder haben zwar Neugier, aber kein reflektiertes sexuelles Bewusstsein – Verantwortung darf nicht auf sie abgewälzt werden.

Das Papier fordert daher einen Paradigmenwechsel: weg von theoretischen Annahmen, hin zu einer Evidenzkultur der Prävention.


Prävention aus dem Glauben heraus

Neben der Wissenschaft betont das Papier die anthropologische und theologische Dimension: Schutz ist Ausdruck der Achtung vor der Würde des Menschen. Sexualität wird als Beziehungsgeschehen verstanden, nicht als Lust- oder Ideologiefaktor.

Eine Kirche, die wirklich schützt, setzt auf Integrität und Verantwortung – nicht auf pädagogische Moden.


Kontext: Synodaler Weg und kirchliche Reformen

Im Kontext des Synodalen Weges, der Öffnung und Modernisierung der Sexualmoral fördert, wirkt das Papier wie ein wissenschaftlich fundierter Kontrapunkt. Es fragt, ob Präventionskultur und erweiterte Sexualitätsverständnisse vereinbar sind – und warnt davor, Schutz mit Ideologie zu verwechseln.


Fazit: Eine Einladung zur Klärung

„Für eine Kultur des Schutzes“ ruft dazu auf, Prävention ernst zu nehmen – als Haltung, nicht als Schlagwort. Es ist weder ein konservativer Rückschritt noch ein ideologisches Manifest. Es ist ein nüchterner, realistischer Beitrag, der Schutz, Forschung, Theologie und gelebte Verantwortung zusammenbringt.

Die Kirche braucht keine Ideologie, um Kinder zu schützen – sie braucht Integrität in Denken, Lehren und Handeln.

Initiative Prävention und Kinderschutz: 
Für eine Kultur des Schutzes und aktiver Wachsamkeit 
fe Medien Verlag 2025, 36 Seiten, EUR 4,95
zu erwerben hier: https://www.fe-medien.de/Fuer-eine-Kultur-des-Schutzes

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