Dienstag der 3. Woche der Fastenzeit

Dan 3,25.34-43; Ps 25,4-5.6-7.8-9; Mt 18,21-35

Dan 3
25 Asarja blieb stehen, öffnete den Mund und sprach mitten im Feuer folgendes Gebet:
34 Um deines Namens willen verwirf uns nicht für immer; löse deinen Bund nicht auf!
35 Versag uns nicht dein Erbarmen, deinem Freund Abraham zuliebe, deinem Knecht Isaak und Israel, deinem Heiligen,

36 denen du Nachkommen verheißen hast so zahlreich wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres!
37 Ach, HERR, wir sind geringer geworden als alle Völker. In aller Welt sind wir heute wegen unserer Sünden erniedrigt.
38 Wir haben in dieser Zeit weder Vorsteher noch Propheten und keinen, der uns anführt, weder Brandopfer noch Schlachtopfer, weder Speiseopfer noch Räucherwerk, noch einen Ort, um dir die Erstlingsgaben darzubringen und um Erbarmen zu finden bei dir.
39 Du aber nimm uns an! Wir kommen mit zerknirschtem Herzen und demütigem Sinn.
40 Wie Brandopfer von Widdern und Stieren, wie Tausende fetter Lämmer, so gelte heute unser Opfer vor dir und verschaffe uns bei dir Sühne. Denn wer dir vertraut, wird nicht beschämt.
41 Wir folgen dir jetzt von ganzem Herzen, fürchten dich und suchen dein Angesicht.
42 Überlass uns nicht der Schande, sondern handle an uns nach deiner Milde, nach deinem überreichen Erbarmen!
43 Errette uns, deinen wunderbaren Taten entsprechend; verschaff deinem Namen Ruhm, HERR!

Heute hören wir in der Lesung das Gebet eines Mannes der insgesamt vier Männer im Feuerofen. Der babylonische König Nebukadnezzar hatte Asarja, dessen Gebet wir heute hören und der den chaldäischen Namen Abed-Nego erhielt, Schadrach und Meschach in den Feuerofen geworfen. Sie hatten sich geweigert, sich am Herrscherkult zu beteiligen und sich vor dem königlichen Götzenbild niederzuwerfen. Die Männer fielen gleichsam gefesselt ins Feuer, weil der Ofen übermäßig geheizt worden war und die herausragenden Flammen ihre Henker umbrachten. Doch hineingefallen verzehrten die Flammen sie nicht. Heute hören wir nun ein Gebet, das Asarja an Gott richtet, während die Männer im Ofen frei umhergehen.
Es handelt sich um ein Bittgebet, bei dem er Gott darum bittet, den Bundesschluss nicht zurückzunehmen (löse deinen Bund nicht auf). Gott soll sie nicht für immer verwerfen. Das zeigt, dass die babylonische Gefangenschaft mit alle ihren Bedrängnissen als Strafe oder Zeichen der vorübergehenden Verwerfung Gottes empfunden worden ist.
Er erinnert Gott im Gebet an die Verheißung, die er Abraham, Isaak und Jakob gemacht hat. Gott soll auch jetzt sein Versprechen halten. Von dieser Verheißung ausgehend hält er Gott die gegenwärtige Situation hin und klagt ihm, wie gering und schändlich das Volk Israel vor ihm und vor den anderen Völkern dasteht. Er bringt zum Ausdruck, was das eigentlich Schlimme an der Situation ist. Das Volk ist wie eine Herde ohne Hirten und kann Gott durch den ausbleibenden Tempel nicht mit Opfern barmherzig stimmen. So soll Gott die zerknirschten Herzen annehmen wie ein Brandopfer, so soll die Sühne der Israeliten erwirkt werden.
Asarja sagt Gott zu, dass die Bekehrungsbereitschaft da ist. Er nimmt genau die richtige Haltung ein – er nutzt die Chance in der Krisensituation. So sollen auch wir beten. Wir sollen nicht mit Gott hadern, wenn wir Schicksalsschläge erleiden. Wir sollen in uns gehen, unsere Beziehung zu ihm erneuern und unser Gewissen befragen, ob wir nicht durch unsere Sünde dazu beigetragen haben (was nicht automatisch der Fall sein muss!). Auch wir sollen Gott um Vergebung bitten. In unserer heutigen Krisensituation der Pandemie ist es nun höchste Zeit!
Gott sei den Männern barmherzig, so betet Asarja. An sein Gebet schließt sich der kraftvolle Lobpreis der Männer im Feuerofen an. So sollen wir loben und preisen – nicht nur in guten Zeiten! Auch wenn es uns schlecht geht, gibt es dennoch so viele Gründe, Gott zu preisen. Und so wird ihnen nichts passieren, im Gegenteil. Die Männer führen Nebukadnezzar noch zur Anerkennung des Gottes Israels. Auch wir können heute durch die Art und Weise, wie wir mit unserem Leiden umgehen, Menschen entweder zum Glauben führen oder in ihrem Glauben erschüttern. Leiden ist immer eine Chance, die entweder genutzt wird oder eben nicht. Treffen wir die richtige Entscheidung!

Ps 25
4 Zeige mir, HERR, deine Wege, lehre mich deine Pfade!
5 Führe mich in deiner Treue und lehre mich; denn du bist der Gott meines Heils. Auf dich hoffe ich den ganzen Tag.
6 Gedenke deines Erbarmens, HERR, und der Taten deiner Gnade; denn sie bestehen seit Ewigkeit!
7 Gedenke nicht meiner Jugendsünden und meiner Frevel! Nach deiner Huld gedenke meiner, HERR, denn du bist gütig!
8 Der HERR ist gut und redlich, darum weist er Sünder auf den rechten Weg.
9 Die Armen leitet er nach seinem Recht, die Armen lehrt er seinen Weg.

„Zeige mir, HERR, deine Wege“ ist in Krisensituationen die Bitte, in schwierigen Zeiten das richtige Verhalten zu übernehmen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gott zeige uns immer das richtige moralische Verhalten auf, indem er uns seinen Willen aufzeigt. Dies tut er durch sein Heiliges Wort und seine Gebote.
Dieser Psalm ist messianisch zu lesen, denn wir sehen das an der hebräischen Formulierung אֱלֹהֵ֣י יִשְׁעִ֑י elohe, jisch’i, was mit „Gott meines Heils“ übersetzt wird. Die Wurzel des Wortes „Heil“ ist dieselbe wie der Name Jesu. „Auf dich hoffe ich den ganzen Tag“ ist ein besonders intensiver Ausdruck messianischer Erwartung. Eine solche Sehnsucht sehen wir beim Volk Israel insbesondere in der babylonischen Gefangenschaft. Wir spüren sie ganz deutlich in der heutigen Lesung, in gesamten Buch Daniel. Auch wir hoffen den ganzen Tag auf den Messias, insbesondere jetzt in dieser Fastenzeit und in dieser Extremsituation der Coronakrise. Je drastischer die Weltsituation ist, desto lauter wird der Schrei nach dem Gott des Heils.
Mit der Erwartung Gottes kommt auch hier die Frage nach dem Zustand der Menschen auf: „Gedenke deines Erbarmens“ und „gedenke nicht meiner Jugendsünden“ zeigen das Verständnis auf, dass wenn Gott kommt, die Menschen vor ihm gut dastehen möchten. Auch hier ist der Wunsch spürbar, dass wenn Gott kommt, barmherzig mit den sündigen Menschen umgehen soll. So sollen auch wir beten und das tut die Kirche auch immer nach dem Vaterunser in der Hl. Messe: „Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche und schenke uns nach deinem Willen Einheit und Frieden.“ Das wird vor dem Kommen Jesu in der Kommunion gebetet, also bevor die Menschen ihn in ihr Herz aufnehmen. So sollen wir auch persönlich beten, auch dann, wenn Gottes Gegenwart ganz weit weg zu sein scheint. Er wird uns aus der Hand des Bösen erretten wie Schadrach, Meschach und Abed-Nego.

Mt 18
21 Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?
22 Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.
23 Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen.
24 Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.
25 Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.
26 Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.

27 Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.
28 Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknecht, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahl, was du schuldig bist!
29 Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.
30 Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.
31 Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war.
32 Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast.
33 Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?
34 Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.
35 Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.

Auch im Evangelium geht es um Vergebung. Bisher hörten wir Texte, in denen Gott um Vergebung gebeten worden ist. Nun geht es um die Vergebung zwischen Menschen. Petrus fragt Jesus, wie oft man am Tag seinem Nächsten vergeben soll. Dabei schlägt er die Zahl der Vollkommenheit und Fülle vor – sieben. Das ist eigentlich schon die Zahl des Maximums, aber Jesus toppt sie nochmal! Er sagt, dass wir nicht siebenmal, sondern „siebzigmal siebenmal“ vergeben sollen. Er antwortet so, damit Petrus und wir zusammen mit ihm begreifen, dass wir immer und jedem vergeben sollen, von ganzem Herzen.
Er erklärt auch, warum das so sein soll, indem er das Gleichnis vom König und den Sklaven anführt: Der König erlässt einem Sklaven eine große Schuld, weil er ihn so flehentlich darum bittet. Man kann sein Flehen mit dem Gebet Asarjas in der Lesung vergleichen.
Der König hat Mitleid, das griechische Wort ist dasselbe, das auch mit „Erbarmen“ übersetzt werden kann. Wenn Gott barmherzig ist, hat er Mitleid mit seinen Geschöpfen. Das ist wirklich sehr überwältigend. Gott hat Mitleid mit Menschen, die wegen ihrer eigenen Schuld leiden müssen. Und so erlässt er ihnen sogar die Schuld, obwohl sie es rein rechnerisch verdient haben. So groß ist Gottes Liebe!
Der Plottwist kommt aber noch. Vom Sklaven, dem so viel erlassen worden ist, erwarten wir nun ein verändertes Verhalten. Stattdessen sieht man gar nicht von der Barmherzigkeit des Königs in seinem Verhalten: Er bedroht und bedrängt einen Mitsklaven, der ihm etwas schuldet. Dabei ist diese Schuld viel geringer als die, die ihm vom König gerade erst erlassen worden ist. Wir hätten erwartet, dass wenn dem ersten Sklaven so viel erlassen worden ist, er „zur Feier des Tages“ dem Mitsklaven dessen Schuld ebenfalls erlässt. Stattdessen ist er besonders herzlos zu ihm, obwohl dieser so wie er zuvor beim König vor ihm niederfällt und ihn anbettelt.
Sein unbarmherziges Verhalten dringt bis zum König vor und dieser wird zornig mit ihm. Nun wird muss er die ganze Schuld mit seinem Leben zurückzahlen, denn der König übergibt ihn den Peinigern. Der König ist deshalb so streng mit ihm, weil er ihm zuvor so eine Gunst erwiesen hatte, die Barmherzigkeit in seinem Leben jedoch keine Spuren hinterlassen hat. Er lebte einfach so weiter, als wäre dieser Schuldenerlass nicht gewesen. Statt sich eine Scheibe davon abzuschneiden und selbst barmherzig zu werden, blieb er herzlos.
Durch die Taufe ist auch uns die Schuld komplett erlassen worden. Was machen wir aus dieser überragenden Barmherzigkeit, die Gott an uns getan hat? Sind wir barmherzig wie der Vater im Himmel? Immer wieder vergibt er uns die Schuld in der Beichte. Gehen wir verändert ins Leben zurück und vergeben auch unseren Schuldigern? Beten wir das Vaterunser überhaupt aufrichtig, weil wir das tun? Gott wird auch von uns Rechenschaft ablegen, wenn wir unbarmherzig mit den Mitmenschen umgegangen sind. Dem Schuldiger zu vergeben, bedeutet nicht, seine Schuld gutzuheißen. Wir übergeben die Missetaten einfach Gott, der der Richter sein soll. Wir sollen uns von allem Groll, Zorn, von aller Bitterkeit lösen, die uns sonst vergiftet und krank macht. Wir sind es nicht wert, an den Untaten der Mitmenschen zugrunde zu gehen.
Vergeben wir also von ganzem Herzen, auch wenn es nur innerlich geht. Wir müssen nicht zu besten Freunden mit dem Mitmenschen werden, aber haben auch wir Mitleid mit denen, die jetzt wegen ihrer Schuld an uns leiden müssen! Denken wir nicht „das geschieht ihm recht“, sondern haben wir ein Herz. Gott nimmt uns ja auch an und hat Mitleid, wenn wir die Konsequenzen unserer Sünde tragen müssen.
Wenn wir also wollen, dass Gott unser Gebet erhört, das Gebet wie in der Lesung heute durch Asarja, die Bittgebete der Psalmen, unsere eigenen Fürbittgebete, dann müssen wir uns auch mit allen Menschen versöhnen. Das sagt Jesus uns heute im Evangelium. Jetzt in der Fastenzeit gibt uns Gott besonders viel Gnade, dass wir die Kraft dazu haben, einander zu vergeben. Nutzen wir sie und söhnen uns mit allen Menschen ohne Wenn und Aber aus! Gehen wir dann hinein in die Beichte (wenn das in Zeiten von Corona überhaupt möglich ist…) und bitten wir Gott um Verzeihung für unsere Sünden. Dann wird er uns überschütten mit seiner barmherzigen Liebe. Dann wird er uns überreich segnen mit seinen Gaben. Dann werden wir zu glücklichen Menschen.

Ihre Magstrauss

Samstag der 2. Woche der Fastenzeit

Mi 7,14-15.18-20; Ps 103,1-2.3-4.9-10.11-12; Lk 15,1-3.11-32

Mi 7
14 Weide dein Volk mit deinem Stab, die Herde, die dein Erbbesitz ist, die einsam im Wald wohnt mitten im fruchtbaren Land! Sie sollen wieder im Baschan und in Gilead weiden wie in den Tagen der Vorzeit.
15 Wie in den Tagen, als du aus dem Land Ägypten auszogst, lass uns deine Wunder schauen!
18 Wer ist Gott wie du, der Schuld verzeiht und an der Verfehlung vorübergeht für den Rest seines Erbteils! Nicht hält er auf ewig fest an seinem Zorn, denn er hat Wohlgefallen daran, gütig zu sein.
19 Er wird sich unser wieder erbarmen, er wird niedertreten unsere Schuld. Ja, du wirst in die Tiefen des Meeres werfen alle ihre Sünden.
20 Du wirst Jakob Treue und Abraham Liebe erweisen, wie du unseren Vätern geschworen hast in den Tagen der Vorzeit.

Heute hören wir aus dem Buch des Propheten Micha. Er gehört zu den zwölf kleinen Propheten, deren Botschaft aber nicht weniger wichtig ist als die der großen Propheten. Wir hören heute aus dem Gebet Jerusalems, das Gott um seinen Segen bittet, der ihr aufgrund ihrer Vergehen verwehrt geblieben ist und wofür sie büßen musste.
„Weide mein Volk mit deinem Stab, die Herde, die dein Erbbesitz ist“ – es ist wie ein Gebet der Herde, die ohne Hirte ist und bedroht ist, die sich ihren Hirten zurückwünscht. Wir bemerken in diesen Worten auch die starke Sehnsucht nach dem Messias, die immer deutlicher formuliert wird. Zur Zeit des Micha ist es noch ein politischer Befreier, ein Hirte, der irdisch weidet und die Katastrophe einer assyrischen Fremdherrschaft abwenden soll. Und doch lesen wir darüber hinaus schon mehr, nämlich die Erwartung einer Heilsgestalt, die umfassendes, über den Tod hinausgehendes Heil bringt. Und er wird wirklich kommen wie ein Hirte, er wird selbst sagen „ich bin der gute Hirte“. Er weidet seine Schafe und kennt sie durch und durch. Er ist pastoral im wahrsten Sinne des Wortes, so wie es auch Jesaja mit seinen messianischen Verheißungen angekündigt hat.
Dieses Gebet ist uns ein Vorbild, weil auch wir die Sehnsucht verspüren, zu den guten Zeiten zurückkehren zu wollen. Gehen wir dieser Sehnsucht nach und kehren wir zurück zur ersten Liebe!
„Lass uns deine Wunder schauen!“ – das Volk Israel hat Gottes große Taten bezeugt, weil es innig mit ihm verbunden war. Weil es von ihm abgekehrt ist, hat es diese Zeichen nicht mehr gesehen. So war es auch mit Abraham, als er selbst für einen Nachkommen über eine Nebenfrau sorgt, statt Gott zu vertrauen. Im Nachgang schweigt Gott ganze 13 Jahre Abraham an.
Auch Jesus musste Gottes Schweigen aushalten, nämlich am Kreuz. Es war eine große Glaubensprobe und Sühne, denn so hat Jesus das Schweigen Gottes im Leben aller Sünder gesühnt. Auch wir haben oft den Eindruck, dass Gott in unserem Leben schweigt. Zu einem großen Teil geschieht das aus demselben Grund wie bei Abraham oder wie hier im Buch Micha, auch wenn es nicht automatisch ist. Selbstverständlich kann es auch so sein wie bei Jesus – Gott erprobt unseren Glauben. So kann auch eine seelische Trockenheit große Früchte bringen – wir sehen es bei vielen Heiligen, zum Beispiel bei der Hl. Theresa von Kalkutta.
„Wer ist Gott wie du!“ – aus anderen Religionen kennen wir zwar auch den Begriff der Barmherzigkeit, aber eben in der Situation der Schuldlosigkeit (Islam). Wir kennen aus dem Hinduismus und Buddhismus (sowie in anderen Religionen) die Karmalehre, die einen vollkommenen Tun-Ergehen-Zusammenhang herausstellt. Da ist kein Platz für Barmherzigkeit. So können wir wirklich sagen: Unser Gott, unser Glaube ist etwas Besonderes. Kein Gott hat sich von seinen geliebten Geschöpfen umbringen lassen, um ihre Sünden zu sühnen. Das ist die absolute Barmherzigkeit, wie man sie nirgendwo sonst finden wird. Er verzeiht uns unsere Schuld, aber das kann er nur, wenn wir darum bitten und wirklich bereuen.
Gott ist gütig, auch im Alten Testament. Vertrauen auch wir heutzutage auf seine Vergebung. Er kann auch heute aus einem Sünder einen Heiligen machen, wenn dieser dazu bereit ist und von sich aus alles Nötige dafür tut – in erster Linie UMKEHRT.
Dieses Gebet lässt den Glauben durchblicken, dass Gott der Treue ist und seine Versprechen hält, obwohl sein Volk ihm untreu geworden ist. Gott ändert auch an uns nicht seine Meinung, die wir von ihm abkehren mit jeder Sünde. Er hält sein Versprechen, das er uns durch den Neuen Bund in der Taufe gemacht hat. Wenn wir von Herzen umkehren und gemäß unserer Berufung als Erben seines Reiches leben, dann wird er uns das Erbe nicht vorenthalten. Gott möchte uns die Schuld vergeben.

Ps 103
1 Von David. Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen! 
2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! 
3 Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, 
4 der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt,
9 Er wird nicht immer rechten und nicht ewig trägt er nach. 
10 Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld.
12 So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er von uns unsere Frevel. 

Heute beten wir einen Lobpreispsalm, bei dem der heilige Name Gottes gepriesen werden soll. Der Psalmist fordert die eigene Seele auf, was typischer Psalmenstil ist. Dabei müssen wir berücksichtigen, was mit „Seele“ gemeint ist. Vor einigen Tagen sprach ich bereits an, dass es sich dabei um das hebräische Wort נַפְשִׁי nafschi handelt, was mehr als nur einen begrenzten Teil des Menschen umfasst. Es meint vielmehr den ganzen Menschen in seiner Existenz, sein ganzes Leben. Der Herr soll das ganze Leben über gepriesen werden und deshalb soll es auch keinen Moment geben, in dem man die guten Taten Gottes vergisst. Wenn das ganze Leben einen einzigen Lobpreis darstellt, dann ist es auch unmöglich, Gottes Güte zu vergessen.
Beziehen wir das auf die Kirche, gilt dasselbe: Würde die Kirche aufhören, den Lobpreis Gottes durchgängig zu praktizieren, würde sie sehr schnell seine Güte vergessen und sich anderem zuwenden. Dann würde sie aber auch aufhören, Sakrament der Liebe Gottes zu sein, das die Ewigkeit in dieser Welt vorwegnimmt. Deshalb steht die Eucharistie an erster Stelle im kirchlichen Leben sowie im geistlichen Leben des Einzelnen. Für Geistliche gilt sodann an zweiter Stelle das Stundengebet, denn diese sind es, die den Lobpreis auf besondere Weise als Berufung leben. Sie sind ungeteilt dazu fähig, weil sie keine Familie haben, um die sie sich kümmern müssen.
Der Psalm zählt einige dieser guten Taten auf, die Gott uns Menschen erweist: Er heilt die Gebrechen – ob physisch, psychisch oder seelisch. Er rettet unser Leben vor dem Untergang, denn er hat uns erlöst und uns zu Erben in seinem Reich eingesetzt. Hier ist das Verb für „retten“ ein Partizip, das heißt Gott rettet nicht nur einmalig durch die Taufe, sondern immer wieder, dauerhaft, das ganze Leben hindurch. Er ist es, der uns immer wieder vor dem moralischen Abfall rettet und uns zurückholt, wenn wir vom Weg abgekommen sind. Er ist barmherzig mit seinen Kindern, die von Herzen bereuen, wenn sie von Gottes Geboten abgerückt sind. Er vergibt ihnen die Schuld.
Diese Barmherzigkeit Gottes wird vor allem ab Vers 9 thematisiert: Gott richtet als gerechter Richter, aber es ist bei ihm mehr als nur ein Kausalschluss wie bei der Karmalehre („du kriegst, was du verdient hast“). Gott ist keine Rechenmaschine, sondern er schaut auf das Herz und dessen Reue. Deshalb wird er „nicht immer rechten“ und auch „nicht ewig nachtragen“. Dieser Psalm ist ein wunderbares Zeugnis dafür, dass auch schon das Alte Testament einen barmherzigen und vergebenden Gott kennt.
Dass Gott nicht mathematisch richtet, sehen wir an Vers 10: Er handelt am Menschen nicht nach seinen Sünden im Sinne von „er rächt sich an ihm für alles, was er ihm angetan hat.“ So ist Gott nicht. Wir müssen für unsere Sünden Rechenschaft ablegen und den entstandenen Schaden wieder gut machen. Wir müssen auch die Konsequenzen unserer Vergehen tragen, aber das hat nichts mit Rache zu tun. Nur so können wir zur Einsicht kommen und das gehört zur Verantwortung dazu, die einem von Gott verliehen worden ist.
Was in Vers 10 ausgedrückt wird, ist also nicht: „Es ist egal, wie du lebst, da Gott dich nicht nach deinen Sünden richten wird.“ Es heißt, dass Gott mehr als nur deine Handlungen selbst betrachten wird. Und wenn du deine Sünden von Herzen bereust, sie bekennst und dir vornimmst, sie nicht mehr zu tun, dann vergibt er sie dir. Die Vergebung ist ein Geschenk Gottes und Geschenke bekommt man unabhängig davon, ob man sie verdient hat oder nicht. Was wir für diese unverdiente Vergebung tun können, ist aufrichtig zu sein, ehrlich zu uns selbst und demütig im Licht seines Angesichts. Und mit dieser Einstellung öffnen wir uns für die Gnade Gottes so sehr, dass er auch aus einem großen Sünder einen Heiligen machen kann, solange er sich bekehrt. Dies zeigt uns Vers 12, der mit einem sehr romantisch-poetischen Ausdruck diese Verwandlung Gottes umschreibt: Gott entfernt unsere Sündhaftigkeit so weit von uns, wie es nur geht – eben „so weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang“. Der Psalm greift die Gedanken des Gebets im Buch des Propheten Micha auf. So ist Gott und so sollen wir Menschen beten, auch gerade jetzt in der Fastenzeit.

Lk 15
1 Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.
2 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.
3 Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:
11 Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne.
12 Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf.

13 Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.
14 Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden.
15 Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.
16 Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.
17 Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um.
18 Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.
19 Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner!
20 Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
21 Da sagte der Sohn zu ihm: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.
22 Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße!

23 Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.
24 Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern.
25 Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz.
26 Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle.
27 Der Knecht antwortete ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederbekommen hat.
28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.
29 Doch er erwiderte seinem Vater: Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.
30 Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.
31 Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein.
32 Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Heute hören wir eines der ergreifendsten Gleichnisse, das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Jesus erzählt es deshalb, weil die Pharisäer und Schriftgelehrten auf Jesu Gemeinschaft mit den Zöllnern und Sündern mit Missgunst reagieren wie der ältere Bruder des verlorenen Sohns auf dessen Wiederkehr. Gehen wir das Gleichnis einmal von Anfang an durch:
Ein Vater hat zwei Söhne und eines Tages fordert der Jüngere sein Erbteil. Auch im Evangelium haben Vergebung, Sünde und Erbe miteinander zu tun. Der Jüngere bekommt sein Erbteil und verprasst es durch ein sündhaftes Leben, bis eine Hungersnot kommt, er nichts mehr hat und ausgerechnet Schweine hüten muss – unreine Tiere für Juden. Er darf nicht mal die Schoten der Schweine essen und merkt, in welches Leben er sich durch sein Verhalten gebracht hat. Was Jesus hier schildert, ist der Verlauf eines jeden Menschen, der sein von Gott zuerdachtes Erbe nimmt und verprasst (das Erbe des Alten Bundes für die Juden, das Erbe des Neuen Bundes für uns heute). Das Ziehen in ein fernes Land ist besonders ersichtlich – wir gehen weit weg von Gott, vor allem moralisch (so wie der Sohn sündigen wir und tilgen alle Gnaden, bis nichts mehr da ist). Ohne Gott können wir aber nur eingehen wie eine Pflanze. Jesus meint im Kontext des Evangeliums mit diesem jüngeren Bruder die Sünder und Zöllner, mit denen er sich gerade abgibt, als die Pharisäer und Schriftgelehrten über ihn murren.
Der jüngere Sohn geht in sich und kehrt von seinen Sünden um. Er schämt sich so dafür, dass er bereit ist, zu seinem Vater als Tagelöhner zurückzukehren. Wir sehen an ihm die absolut richtige Haltung: in sich gehen (Gewissenserforschung), Entschluss zur Rückkehr zum Vater (Reue), Entschluss, als Tagelöhner bei ihm zu arbeiten (Buße und Vorsatz). All diese Dinge sind wichtig und entscheidend für eine gültige und gnadenreiche Beichte. Jesus möchte mit diesem Gleichnis verdeutlichen, dass die Sünder bei ihm mit genau dieser Haltung zu ihm gekommen sind.
Der verlorene Sohn kehrt im Gleichnis zum Vater zurück, dieser wartet voller Sehnsucht auf ihn und sieht ihn schon von Weitem. Er läuft ihm entgegen und empfängt ihn mit offenen Armen. So ist Jesus zu den Zöllnern und Sündern im Evangelium. Er kommt ihnen mit seiner barmherzigen Liebe entgegen, was nichts von ihren Sünden relativiert, sondern sie zum nächsten Schritt ermutigt: zum Bekenntnis! So ist es nämlich auch im Gleichnis: Der Vater umfängt den Sohn mit seiner väterlichen Liebe nicht, um alles ungeschehen zu machen, was passiert ist. Er lässt ihn ausreden. Und was sagt der Sohn? „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.“ Er bekennt ihm seine Sünden! Er spricht aus, was der Vater im Grunde schon weiß. Und erst nach diesem Bekenntnis kommt der entscheidende Schritt. Der Vater sagt: „Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße! Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern.“ Was der Vater ihm zusagt, ist die Wiedereingliederung des Sohnes zum Erben! Der Ring am Finger ist ein Zeichen dafür. Wir sehen an diesen Worten, wie Gott auch mit uns verfährt, wenn wir mit derselben Haltung und denselben Schritten zur Umkehr handeln wie der verlorene Sohn: Er wird auch uns ein neues Gewand anziehen – das Gewand der Taufe ist so ein neues Gewand und jedesmal, wenn wir beichten, reinigen wir unser verdrecktes Gewand wieder. Er steckt auch uns wieder den Ring an den Finger, das heißt auch wir werden wieder zu Erben, zu denen wir in der Taufe eingesetzt werden. Und auch wir dürfen nach dieser Versöhnung wieder ein Fest feiern, nämlich die Eucharistie, das Hochzeitsmahl des Lammes auf Erden! Was Jesus hier also primär im Evangelium sagen möchte: Diese von den Pharisäern und Schriftgelehrten beschimpften Sünder und Zöllner halten mit Jesus offensichtlich Mahl, weil sie all diese Schritte schon durchlaufen haben! Und jetzt kommt die eigentliche Pointe des Gleichnisses im Kontext des Evangeliums: Der ältere Bruder kommt im Gleichnis vom Feld und bemerkt die Feier. Als er erfährt, dass der Bruder heimgekehrt ist und der Vater ihm vergeben hat, ihm den Ring wieder angesteckt und das Mastkalb für ihn geschlachtet hat, wird er wütend. Er weigert sich, hineinzugehen und mitzufeiern. Dieser ältere Bruder steht für die Pharisäer und Schriftgelehrten, die es den umgekehrten Sündern nicht gönnen, wieder mit Gott versöhnt zu sein! Sie sehen nur, dass Gott ihnen besondere Gnaden schenkt, weil sie umgekehrt sind. Sie sehen nur, dass sie diese Geschenke nicht bekommen. Aber auch jene sind Söhne des Vaters und so erzählt Jesus im Gleichnis, dass der Vater zu seinem anderen Sohn nach draußen kommt. Er redet ihm gut zu, denn auch mit ihm möchte er versöhnt sein. Dieser macht ihm Vorwürfe, weil sein Bruder barmherzig behandelt worden ist und dabei solche Dinge bekam, die nicht mal ihm, dem braven heimgebliebenen Sohn zuteil wurden. Er sieht nicht, dass er in steter Gemeinschaft mit dem Vater sein darf, alles mitbenutzen darf, direkt an der Quelle sitzt. Er denkt, dass die Gunst des Vaters vom Tun des Sohnes abhängt und versteht deshalb nicht, warum der jüngere Sohn nach solchen Vergehen so eine Feier bekommt, er selbst als Gerechter aber nicht. Der Punkt ist: Es geht nicht um den älteren Sohn, es geht nicht um eine Werksgerechtigkeit, sondern um Umkehr und Vergebung. Der ältere Bruder sieht nur, was ihm nicht gegeben wird, dass er sich nicht an seinem Bruder freuen kann. Er ist sein eigenes Fleisch und Blut und war tot! Jetzt ist er aber wieder lebendig und das ist doch ein Grund zur Freude! Das ist es, was Jesus an den Pharisäern und Schriftgelehrten kritisiert – sie freuen sich nicht daran, dass die Zöllner und Sünder sich bekehren. Sie sehen auch nicht, dass sie einer Gesetzestreue verfallen sind, die nicht zielführend ist: Es muss mehr sein als nur die Treue zur Torah, es muss um stete Umkehr und Versöhnung gehen, auch für sie! Kein Mensch kann von sich behaupten, ganz vollkommen zu sein. Wir alle müssen jeden Tag immer wieder zu Gott umkehren und von vorne beginnen.
Wir wissen nicht, wie der ältere Bruder im Gleichnis reagiert. Es bleibt offen, damit die Pharisäer und Schriftgelehrten die Entscheidung selbst treffen. Und so sollen auch wir uns die Frage beantworten: Können wir uns für jene freuen, die nach so vielen Jahren in schwerer Sünde wieder lebendig werden? Es heißt nicht umsonst Todsünde, was uns den seelischen Tod bringt. Gönnen wir anderen Menschen die Barmherzigkeit Gottes? Handeln wir wie der barmherzige Vater und sind selbst so barmherzig mit jenen, die wirklich von Herzen bereuen und uns um Verzeihung bitten?

Was Jerusalem in der Lesung betet, entspricht dem Bekenntnis des zurückgekehrten Sohnes. Möge es auch unser Gebet in dieser Fastenzeit sein, damit der Vater auch für uns ein Fest veranstalten kann!

Ihre Magstrauss

Montag der 2. Woche der Fastenzeit

Dan 9,4b-10; Ps 79,5 u. 8.9.11 u. 13; Lk 6,36-38

Dan 9
4 Herr, du großer und Furcht erregender Gott, der den Bund und die Huld denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote bewahren. 

5 Wir haben gesündigt und Unrecht getan, wir sind treulos gewesen und haben uns gegen dich empört; von deinen Geboten und Rechtsentscheiden sind wir abgewichen. 
6 Wir haben nicht auf deine Diener, die Propheten, gehört, die in deinem Namen zu unseren Königen und Vorstehern, zu unseren Vätern und zu allen Bürgern des Landes geredet haben. 
7 Du, Herr, bist im Recht; uns aber steht bis heute die Schamröte im Gesicht, den Leuten von Juda, den Einwohnern Jerusalems und allen Israeliten, seien sie nah oder fern in all den Ländern, wohin du sie verstoßen hast; denn sie haben dir die Treue gebrochen. 
8 Ja, HERR, uns steht die Schamröte im Gesicht, unseren Königen, Fürsten und Vätern; denn wir haben uns gegen dich versündigt. 
9 Beim Herrn, unserem Gott, ist das Erbarmen und die Vergebung, obwohl wir uns gegen ihn empört haben. 
10 Wir haben nicht auf die Stimme des HERRN, unseres Gottes, nach seinen Weisungen zu wandeln, gehört, die er uns durch seine Diener, die Propheten, gegeben hat. 

Heute hören wir aus dem Buch Daniel einen Abschnitt, der zur Zeit des babylonischen Exils spielt, dem größten Trauma Israels in alttestamentlichen Zeiten. Zu jener Zeit kam Darius, der Sohn des Meders Xerxes an die Macht. Daniel hat in dem Kapitel zuvor eine Vision erhalten, die er noch nicht verstand. Und nachdem er die Schriften des Propheten Jeremia studiert hat, geht ihm nun auf, dass die babylonische Gefangenschaft nicht ewig anhalten soll, sondern siebzig Jahre. Daraufhin nimmt er eine Bußhaltung ein, geht in Sack und Asche, bittet und fleht den Herrn um Erbarmen an und bekennt unmittelbar vor dem heutigen Abschnitt, den wir hören, seine Sünden. Was wir nun hören, ist sein Bittgebet:
„Herr, du großer und furchterregender Gott“ – ja, er hat an den Schlägen auf das Haus Israel durch das babylonische Exil ganz deutlich zu spüren bekommen, dass Gott es ernst meint. Zugleich bekennt er, dass Gott der Treue ist, wenn er sagt: „der den Bund und die Huld denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote bewahren.“
Er bekennt stellvertretend für das ganze Volk Israel die Schuld, indem er die Untreue Israels bekennt. Er gibt zu, dass das babylonische Trauma selbstverschuldet ist, denn Israel ist von Gottes Geboten abgewichen.
Er bekennt im Namen des Volkes, dass Israel nicht auf die warnenden Propheten gehört hat, die das babylonische Exil vorausgesehen und das Volk zur Umkehr ermahnt haben.
Er sagt gleich zweimal „uns steht die Schamröte im Gesicht“. Das ist bemerkenswert. Scham ist etwas, das mit der Sünde in die Welt gekommen ist. Wir müssen uns schämen, weil wir uns vor Gott versündigen. Und Israel hat Gott die Treue gebrochen, weshalb es gleich mehrfach Scham empfindet: Dem einfachen Fußvolk sowie den Mächtigen des Volkes, „den Königen, Fürsten und Vätern“ treibt es die Schamröte ins Gesicht, dass sie Gottes Warnung immer wieder ignoriert haben und nicht rechtzeitig umgekehrt sind. Daniel bekennt eindeutig, dass das Exil sie getroffen hat, weil es heißt „wer nicht hören will, muss fühlen“. Er hadert nicht mit Gott und schreit ihn an: „Warum hast du das zugelassen? Gibt es dich überhaupt? Ich will die Freundschaft mit dir kündigen!“ So etwas sehen wir heutzutage sehr oft. Menschen kommen vom Glauben ab, wenn etwas Schlimmes in ihrem Leben passiert. Es ist nicht immer automatisch die eigene Schuld, wenn man im Leben leidet, sondern oft genug wird man als Unschuldiger auch mit hineingezogen. Doch viel zu selten nehmen wir die Haltung Daniels ein, gehen in uns und prüfen, ob wir nicht doch etwas damit zu tun haben…
Daniel bekennt dies alles, weil er weiß, dass Gott ein vergebender Gott ist. Er weiß, dass Gott die Schuld vergibt, wenn man sie von Herzen bereut und umkehrt. Das tut er ganz eindeutig ohne Verschönerung, indem er am Ende noch einmal bekennt: „Wir haben nicht auf die Stimme des HERRN (…) gehört.“ Er selbst ist ja vielleicht nicht einmal betroffen, sondern die Generationen vor ihm, aber er hat ein kollektives Verantwortungsgefühl, das ihn dazu antreibt, stellvertretend für sein ganzes Volk um Verzeihung zu bitten. Das ist ein sehr lobenswertes Verhalten. Wie oft erleben wir das in unserem Umfeld, das jemand offensichtlich schuldig geworden ist, aber unbußfertig, uneinsichtig ist. Und dann dürfen auch wir, vor allem wenn es ein Familienmitglied ist, stellvertretend für diese Person um Verzeihung bitten. Gott möge ihr Herz erweichen und ihr Einsicht schenken, damit sie umkehrt und neu anfängt. Wir können Gott um Verzeihung für ihre Sünden bitten und sagen: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Das ist das Mindeste, was wir als Familienmitglied dieser Person tun sollten, denn wir haben eine Verantwortung füreinander, nicht nur bezüglich des leiblichen Wohls, sondern umso mehr des seelischen Wohls. Es geht schließlich um das ewige Leben!

Ps 79
5 Wie lange noch, HERR? Willst du für immer zürnen, wird brennen wie Feuer dein Eifer?

8 Rechne uns die Schuld der Vorfahren nicht an! Mit deinem Erbarmen komm uns eilends entgegen! Denn wir sind sehr erniedrigt. 
9 Hilf uns, Gott unsres Heils, um der Herrlichkeit deines Namens willen! Reiß uns heraus und vergib uns die Sünden um deines Namens willen! 
11 Das Stöhnen des Gefangenen komme vor dein Angesicht! 
13 Wir aber, dein Volk und die Herde deiner Weide, wir wollen dir danken auf ewig, von Geschlecht zu Geschlecht dein Lob verkünden.

Der heutige Psalm ist ebenfalls ein Bittgebet und ein Flehen, das ganz in die Situation des Volkes im babylonischen Exil passt.
„Wie lange noch, HERR?“ Ist ein typischer Ausdruck, den wir vor allem in Klagepsalmen lesen.
„Willst du für immer zürnen, wird brennen wie Feuer dein Eifer?“ Diese Frage können wir als rhetorische Frage bewerten, denn anhand von prophetischen Schriften wie denen des Jeremia ist klar, dass auch die schweren Schicksalsschläge nicht ewig andauern.
Dann wird etwas gesagt, das die Haltung Daniels erklärt, obwohl er nicht mehr zur schuldig gewordenen Generation gehört: „Rechne uns die Schuld der Vorfahren nicht an!“ Das ist eine tiefe Wahrheit, die auch heutzutage gerne ignoriert wird. Wir müssen die Konsequenzen der Sünde unserer Vorfahren mittragen. Das hat nichts mit Reinkarnation zu tun, sondern hängt mit der Natur der Sünde zusammen. Diese hat Generationen übergreifende Auswirkungen. Aber so wie wir unter den Vergehen unserer Eltern, Großeltern etc. zu leiden haben, können wir auch als ihre Nachkommen stellvertretend für sie Gott um Verzeihung bitten! Das ist sogar ganz wichtig und notwendig! Wir wissen nicht, ob sie immer noch dafür im Fegefeuer büßen müssen, und können so ihre Zeit im Fegefeuer verkürzen. Ein wenig Ahnenforschung ist dann absolut nützlich, weil wir so ihrer offensichtlichsten und größten Sünden gewahr werden (wenn es zum Beispiel einen Mord gab oder einen großen Streit, der öffentlich bekannt wurde, den man sogar in der Zeitung lesen konnte, der vielleicht bekannt wurde, weil die Personen berühmt sind). So können wir zumindest für diese bewusst um Vergebung bitten.
„Hilf uns, Gott unsres Heils“ – ja, Gott ist ein Gott, der nur das Heil für uns bereithält! Er ist es nicht, der uns dieses Unheil schickt, in dem wir uns befinden. Er ist allein der Gute. Alles Böse kommt vom Bösen und was uns Schlimmes widerfährt, haben wir sehr oft uns selbst zuzuschreiben. Dann sind es die Konsequenzen unserer falschen Entscheidungen. Gott ist aber so groß und barmherzig, dass er uns noch aus diesen selbstgemachten Katastrophen herausholt, obwohl wir sie eigentlich rein rechnerisch gesehen verdient haben. „Reiß uns heraus“ dürfen dann auch wir zu Gott rufen. Aber dann sollen wir ihm zugleich unsere Aufrichtigkeit zeigen, indem wir gleichzeitig sagen: „vergib uns die Sünden“.
Gott ist nicht gleichgültig gegenüber unserem Leiden. Es ist nicht sein Wille, dass wir leiden müssen. Er hat das Schreien seines Volkes in Ägypten gehört und er hört es auch im babylonischen Exil. Er hört auch unser Schreien unser Stöhnen, die wir gefangen sind – im Gefängnis unserer eigenen Sünden.
Gott erhört unser Gebet, vor allem wenn es durch und durch reumütig und aufrichtig ist. So können wir am Ende Gott für seine Rettung danken, wie es hier in Vers 13 geschieht: „Wir wollen dir danken auf ewig.“ Und wenn es dann heißt „von Geschlecht zu Geschlecht dein Lob verkünden“, hat das in diesem Kontext eine besondere Wirkung: Durch die Vergebung unserer Vorfahren können auch diese dann ganz bei Gott sein und ihn auf ewig preisen. Gott ist groß. Er möchte unser Heil und tut alles dafür, dass wir zu ihm umkehren. Denn wir können nur dann glücklich sein, wenn wir bei ihm sind, wenn wir auf seinen Wegen gehen und nach unserem Tod dann ewig bei ihm im Himmel sind.

Lk 6
36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! 
37 Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden! 
38 Gebt, dann wird auch euch gegeben werden! Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß legen; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden.

Heute spricht Jesus uns im Evangelium wichtige Ermahnungen zu, die wir besonders jetzt in der Fastenzeit beherzigen sollen.
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ – wenn er uns aus der Katastrophe herausgeholt hat, die wir eigentlich verdient haben, ist das Zeichen seiner überreichen Barmherzigkeit. So hat es Gott ja mit dem Volk Israel immer wieder getan, das ihm ja untreu geworden war und deshalb in das babylonische Exil gekommen ist. Jesus möchte, dass wir aufgrund dieser Erfahrung (uns ist ja durch die Taufe ebenfalls ein riesiger barmherziger Akt geschenkt worden!) an unserem Nächsten ebenfalls so handeln: Wenn er an uns schuldig geworden ist, aber wirklich aufrichtig um Vergebung bittet, sollen auch wir ihm vergeben und keine Vergeltung mehr fordern. Und wenn jemand dann aufgrund der Missetaten uns gegenüber leidet, sollen auch wir ihm noch da heraushelfen. Das ist Ausdruck unserer Barmherzigkeit. Ein Beispiel: Ein Mann nimmt eine ganze Familie finanziell aus, hintergeht sie komplett. Die Familie gerät dadurch in Not, erkennt das Problem und bricht den Kontakt ab, vergibt diesem Mann aber von Herzen. Einige Jahre später ist dieser schuldig gewordene Mann ganz krank, kein Körperteil ist noch heile. Er ist nun total verarmt, hat alles verloren und viele Mitmenschen haben sich von ihm abgewandt. Die damalige Familie bekommt das nun mit und hilft ihm, obwohl er ja rein rechnerisch seine gerechte Strafe erhält. Die Familie unterstützt ihn finanziell, schenkt ihm ein offenes Ohr oder steht ihm auf andere Weise zur Seite. Dann ist das ein Ausdruck ihrer Barmherzigkeit. Gott sieht die Barmherzigkeit dieser Familie, so wie er auch schon ihre Vergebungsbereitschaft gesehen hat. Deshalb entschädigt er sie durch finanzielle Einkünfte aus unerwarteter Richtung. Er segnet sie und gibt ihr, was ihr weggenommen worden ist. Gott ist barmherzig, wenn er sieht, dass auch wir es sind. Dann demonstrieren wir nämlich unsere Aufrichtigkeit. Der Mann sieht die Vergebungsbereitschaft und Barmherzigkeit seines ehemaligen Opfers und schämt sich für seine Vergehen. Er bittet Gott um Verzeihung und erkennt, dass all seine Leiden auf seine eigenen Sünden zurückzuführen sind. Gott hat die Familie gerettet, er hat aber auch den Mann gerettet, der ja auch sein geliebtes Kind ist.
So ist es auch mit dem Richten und Verurteilen: Wir sollen einander nicht richten, denn das ist Gottes Aufgabe. Wir können nicht einmal das Herz des Mitmenschen sehen. Wie wollen wir ein kompetentes Urteil fällen, wenn wir nur die Spitze des Eisbergs, die Worte und Taten einer Person sehen, aber nicht ihre Absicht? Zurück zum Beispiel: Die ausgenutzte Familie hat sich nicht zum Richter über den Mann aufgespielt. Sie hätte ihm auch nie ein kompetentes und gerechtes Urteil verhängen können. Sie weiß ja nicht, warum der Mann damals so gehandelt hat, was er in seinem Leben erlebt hat, dass er so geworden ist. Sie hat dies alles Gott überlassen und so hat er den Mann die Konsequenzen seines Handelns tragen lassen.
Wenn wir unseren Mitmenschen nicht verurteilen und ihn nicht richten, dann wird auch Gott uns nicht richten oder verurteilen. Das muss man richtig verstehen. In gewisser Hinsicht muss man ja sagen, dass jeder Mensch vor Gott stehen und gerichtet wird. Hier muss man es also so verstehen, dass ein negatives Gerichtsurteil Gottes gemeint ist. Wir werden am Ende unseres Lebens das Urteil bekommen, bei Gott sein zu dürfen, nicht in der Gottesferne der Hölle. So wie wir unseren Mitmenschen vergeben haben, wird Gott auch unsere Schuld vergeben, die wir begangen haben.
„Gebt, dann wird auch euch gegeben werden“ – das betrifft auch die Versöhnung. Geben wir unserem Missetäter die Hand, so wird auch Gott uns, die wir alle ausnahmslos Missetäter gegenüber Gott sind mit jeder Sünde, die Hand reichen. All das betrifft nicht erst das Ende unseres Lebens. Schon im irdischen Dasein werden wir merken, dass Gott uns die Vergebung schenkt, dass wir in diesem Leben gesegnet werden. Im erzählten Beispiel hat es die Familie ja auch zu spüren bekommen, indem sie von Gott Segen erhalten hat. Sie wurde reichlich entschädigt.
Wenn wir wollen, dass Gott uns gegenüber großzügig, barmherzig, vergebungsbereit und wohlgesinnt ist, müssen wir all das unserem Mitmenschen gegenüber sein. Das ist nichts Anderes als die Goldene Regel: „Was ihr von Anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ Dies betrifft sowohl die Gottes- als auch die Nächstenliebe.

Jesus führt im heutigen Evangelium fort, was Daniel in der Lesung begonnen hat. Ja, man soll von Herzen bereuen, aber man muss auch dem Nächsten gegenüber dieselbe Vergebungsbereitschaft zeigen, die man von Gott erwartet. Wir können nicht das Vaterunser aufrichtig beten, wenn wir uns noch in einem unversöhnten Zustand mit einem anderen Menschen befinden. Leider kenne ich viele Menschen, die meinen, sie seien die besseren Katholiken, weil sie mehr beten als der Mainstream, doch zugleich sprechen sie kein Wort mit ihrem Vater oder ihrer Mutter. Sie sagen sogar, dass sie niemals mehr mit ihnen reden werden, obwohl besagter Elternteil krank und dem Tode nahe ist. Wie soll so einer Person die Vergebung Gottes zuteil werden, wenn sie nicht bereit ist, so kurz vor 12 diese Sache zu bereinigen? Jesus möchte, dass wir allen Menschen vergeben ohne Ausnahme. Manchmal ist es schon zu spät und die Person ist verstorben oder sie lebt am anderen Ende der Welt. Doch auch dann können wir von Herzen vergeben und der Person im Geiste zusagen:

„Ich vergebe dir alles von ganzem Herzen.
Ich löse mich von allen bösen Gedanken dir gegenüber,
auch wenn ich deine Missetaten nicht gutheiße.
Ich übergebe sie jetzt einfach Gott, der für Gerechtigkeit sorgen wird.
Ich gebe dich ab und löse mich von der Fessel des Nichtvergebens.

Herr, es fällt mir schwer, aber gib mir die Kraft,
von ganzem Herzen dieser Person vergeben zu können.
Gib mir deine vergebende Liebe ins Herz, damit ich es schaffe.“

Dann wird auch Gott uns alles vergeben und in dem Moment, wenn wir unsere ganze Vergebungsbereitschaft zeigen, dann spüren wir, wie Gottes vergebende Liebe unser Herz erfüllt. Wir merken, wie ein riesiger Stein uns vom Herzen fällt. Dann werden wir endlich frei von dem Gift der Unversöhntheit, das uns sogar physisch krank gemacht hat.

Jesus erwartet das im heutigen Evangelium also nicht, weil er Unmögliches von uns verlangt und weil er uns quälen möchte. Er will nur das beste für uns. Er möchte, dass wir endlich frei werden und das Richten, das Verurteilen, die Gerechtigkeit Gott überlassen. Er hat im Gegensatz zu uns die Kompetenz dazu.

Nutzen wir die Fastenzeit dazu, allen Menschen zu vergeben, denen wir noch nicht vergeben haben. Und wenn es schwer ist, mit ihnen ein Gespräch zu führen, können wir das auch im Geiste tun. Dann wird uns in der Beichte die Vergebung auf ganz vollkommene Weise zuteil und wir werden überreich gesegnet werden.
Das gehört zu den in der Fastenzeit gebotenen „Werken der Barmherzigkeit“ dazu. Nehmen wir das ernst.

Ihre Magstrauss

Montag der 1. Woche der Fastenzeit

Lev 19,1-2.11-18; Ps 19,8.9.10.11 u. 15; Mt 25,31-46

Lev 19
1 Der HERR sprach zu Mose: 

2 Rede zur ganzen Gemeinde der Israeliten und sag zu ihnen: Seid heilig, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig.
11 Ihr sollt nicht stehlen, nicht täuschen und einander nicht betrügen. 

12 Ihr sollt nicht falsch bei meinem Namen schwören; du würdest sonst den Namen deines Gottes entweihen. Ich bin der HERR. 
13 Du sollst deinen Nächsten nicht ausbeuten und ihn nicht um das Seine bringen. Der Lohn des Tagelöhners soll nicht über Nacht bis zum Morgen bei dir bleiben. 
14 Du sollst einen Tauben nicht verfluchen und einem Blinden kein Hindernis in den Weg stellen; vielmehr sollst du deinen Gott fürchten. Ich bin der HERR. 
15 Ihr sollt beim Rechtsentscheid kein Unrecht begehen. Du sollst weder für einen Geringen noch für einen Großen Partei nehmen; gerecht sollst du deinen Mitbürger richten. 
16 Du sollst deinen Mitbürger nicht verleumden und dich nicht hinstellen und das Blut deines Nächsten fordern. Ich bin der HERR. 
17 Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Mitbürger zurecht, so wirst du seinetwegen keine Sünde auf dich laden. 
18 An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.

Wir haben am Samstag davon gehört, welche Art von Fasten Gott gefällt – nämlich ein Fasten verbunden mit einem bestimmten moralischen Verhalten.
Heute hören wir aus dem Buch Levitikus, welche Worte Gott dem Mose für das Volk aufträgt. Dabei werden viele konkrete Verhaltensweisen aufgezählt, die auch in der Fastenzeit die korrekte Haltung beschreiben.
„Seid heilig, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig“ ist die Einleitung zu allem, was darauf folgt. Die Heiligkeit soll sich durch folgende Verhaltensweisen zeigen:
„Ihr sollt nicht stehlen, nicht täuschen und einander nicht betrügen“ – dies entspricht dem siebten und achten Gebot des Dekalogs. Geschäfte sollen aufrichtig geführt werden. Niemand soll den anderen ausbeuten oder mehr von ihm fordern als nötig. Das Eigentum des anderen ist sein Eigentum.
„Ihr sollt nicht falsch bei meinem Namen schwören; du würdest sonst den Namen deines Gottes entweihen“ – Schwüre müssen korrekt ausgeführt werden, denn Gottes Name ist heilig. Zur Zeit des Mose sind Schwüre noch zulässig, aber streng umgrenzt. Jesus wird in der Bergpredigt sagen: „Schwört gar nicht“ und damit meinen, dass diese nicht zur Untermauerung von Lügen gedacht sind. Außerdem soll man beim Namen Gottes überhaupt nicht schwören, wenn er so heilig ist.
Daraufhin wird nochmal explizit das Verbot der Ausbeutung des anderen genannt, das einem Diebstahl gleichkommt.
„Der Lohn des Tagelöhners soll nicht über Nacht bis zum Morgen bei dir bleiben.“ – Es bezieht sich auf den Lohn jener Menschen, die von Tag zu Tag überleben, deren Einkommen immer für den jeweiligen Tag gesichert werden muss, die also um ihr Existenzminimum gebracht werden, wenn man ihnen den Tageslohn erst am nächsten Tag übergibt. Die es am schwersten haben, sollen am meisten gestützt werden. Das ist, was in der Theologie oft als „Option für die Armen“ bezeichnet wird.
In Vers 14 heißt es dann: „Du sollst einen Tauben nicht verfluchen und einem Blinden kein Hindernis in den Weg stellen; vielmehr sollst du deinen Gott fürchten.“ Aus Gottesfurcht, aus Respekt vor dem, der alles sieht, sollen wir den Schwächeren und Beeinträchtigten nicht schikanieren.
In Vers 15 wird ausgedrückt, dass die Rechtsprechung neutral sein soll, frei von Parteilichkeit und gerecht. Wir müssen dabei berücksichtigen, dass Menschen nie zu hundert Prozent gerechtes Gericht halten können, das kann nur Gott.
Gott verbietet auch die Verleumdung von Mitbürgern und ihre Blutrache. Das ist ein wichtiger Punkt, denn er bezieht sich zunächst auf den Israeliten, nicht auf alle Menschen.
Die Heiligkeit der Israeliten soll dadurch gewährleistet werden, dass sie in ihrem Herzen ohne Hass gegenüber dem Bruder sind. Sie sollen die Sünde des Mitbürgers klar benennen, damit sie sich nicht mitschuldig machen. Sie sollen auch an den Israeliten keine Rache ausüben und nicht nachträglich sein. Und dann kommt das Gebot der Nächstenliebe, das auch Jesus als Kern des Gesetzes in die Mitte stellen wird: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Ps 19
8 Die Weisung des HERRN ist vollkommen, sie erquickt den Menschen. Das Zeugnis des HERRN ist verlässlich, den Unwissenden macht es weise. 

9 Die Befehle des HERRN sind gerade, sie erfüllen das Herz mit Freude. Das Gebot des HERRN ist rein, es erleuchtet die Augen. 
10 Die Furcht des HERRN ist lauter, sie besteht für immer. Die Urteile des HERRN sind wahrhaftig, gerecht sind sie alle. 
11 Sie sind kostbarer als Gold, als Feingold in Menge. Sie sind süßer als Honig, als Honig aus Waben.
15 Die Worte meines Munds mögen dir gefallen; was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen, HERR, mein Fels und mein Erlöser.

Wir beten heute einen Lobpsalm auf die Schöpfung Gottes und auf seine Weisung.
In Vers 8 wird die Vollkommenheit der Weisung gepriesen, das heißt der Torah. Sie „erquickt den Menschen“. Gott gibt keine Gebote auf, die den Menschen einschränken, belasten und unglücklich machen sollen. Es geht immer darum, dass er nur das Beste für den Menschen bereithält und genau weiß, was er braucht. Die Torah macht vielmehr frei und bringt dem Menschen Heil.
„Das Zeugnis des HERRN ist verlässlich“ bezieht sich ebenfalls auf die Torah, denn das hebräische Wort עֵד֥וּת edut, das hier mit „Zeugnis“ übersetzt wird, kann auch mit „Gebot“ übersetzt werden. Es macht den Unwissenden weise, denn es ist die Schule Gottes.
Gottes Befehle sind „gerade“ und „erfüllen das Herz mit Freude“. Gott erwartet nichts Unmögliches, bei dem man ganz überfordert ist. Die Geradlinigkeit steht für die Nachvollziehbarkeit und Machbarkeit. Sie erfüllen mit Freude, weil Gott den Menschen glücklich machen möchte.
Gottes Weisung ist rein und erleuchtet die Augen. Sie ist ganz frei von bösen Absichten und Hinterhältigkeit. Sie ist so, dass sie den Weg vor dem Menschen erkennbar macht und er erkennt, wie er sich verhalten soll. Auch in Vers 10 wird mit ähnlichen Ausdrücken wiederholt, dass Gottes Weisung wahr und gerecht ist. Dort ist aber auch die Rede von der Gottesfurcht, die lauter ist. Dieses uns kaum noch geläufige Wort ist ein Synonym für „rein“ und soll verdeutlichen, dass die Gottesfurcht bei der Befolgung der Torah essenziell ist.
Gottes Torah ist wertvoller als Gold, weil sie uns zum ewigen Leben verhilft. Sie ist köstlicher als Honig, was als der Süßstoff schlechthin galt. Sie schmeckt süß, weil sie den Menschen erquickt (siehe oben).
„Die Worte meines Munds mögen die gefallen“ bezieht sich auf den Lobpreis, den König David hier für Gottes Torah und seine Schöpfung formuliert. Er hofft, dass sein Preislied Gott gefalle.
Dass es aber nicht nur um schöne Worte geht, sondern auch um die Erwägung seines Herzens, wird durch den zweiten Teilsatz deutlich: „was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen“. Er bringt singend also zum Ausdruck, was sein Herz erwägt. So soll auch unser Lobpreis sein, damit Gott uns nicht vorwerfen kann: „Sie preisen mit mit ihren Lippen, doch ihr Herz ist weit weg von mir“ (Jes 29,13).
David nennt Gott zum Schluss seinen Felsen und seinen Erlöser. Beides sind Bilder, die Jesus aufgreifen wird bzw. die auf ihn angewandt werden.
Der Lobpreis an die Torah Gottes ist auf die Dinge zurückzubeziehen, die wir im Buch Levitikus gehört haben: Die Weisung Gottes ist dafür da, den Menschen glücklich zu machen und der Kern aller Gebote und Gesetze ist die Liebe. Das geht schon aus dem AT selbst hervor. Wenn Jesus dies noch einmal betonen wird, ist es im Grunde nichts Neues, sondern eine Erinnerung daran, wie es ursprünglich gedacht war. Die Juden werden sich mit der Zeit so sehr an die vielen Bäume gewöhnen, dass sie den Wald nicht mehr erkennen. Wenn wir Levitikus hören, sehen wir konkret, was König David mit „Erquickung der Seele“, „Erfüllung des Herzens mit Freude“ oder „kostbarer als Gold“ meint. Alles, was Gott den Israeliten vorschreibt, kommt ihnen zugute. Es fördert ein gutes Zusammenleben. Gott erwartet auch nichts Unrealistisches, wenn er z.B. vorschreibt, dem Tagelöhner den Tageslohn noch am selben Tag zu übergeben.
Danken auch wir dem Herrn für seine Gebote, denn sie machen auch uns heute glücklich!

Mt 25
31 Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. 
32 Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. 
33 Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. 
34 Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! 
35 Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; 
36 ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. 
37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? 
38 Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? 
39 Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 
40 Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. 
41 Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! 
42 Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; 
43 ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. 
44 Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? 
45 Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. 
46 Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.

Im Evangelium hören wir heute die Konsequenzen oder das Ende des Lebenswandels. Wir hören davon, wie es ausgehen wird je nachdem, ob wir die Gebote Gottes gehalten haben oder nach unseren eigenen Regeln das Leben gestaltet haben.
Jesus berichtet nicht vom Ende des individuellen Lebens, sondern kündigt das Ende der Zeiten an, wenn er als verherrlichter Menschensohn wiederkommen wird.
Er schildert also das Weltgericht, bei dem jeder nach seinen Taten gerichtet wird.
Dabei wird Jesus zunächst die Schafe von den Böcken scheiden. Dieser Schritt ist den Juden, die Jesu Worten lauschen, aus dem Buch Ezechiel bereits bekannt (Ez 34). Jesus greift bewusst bekannte Bilder für das Endgericht auf (die Menschen sind ja nicht wörtlich Schafe und Böcke…).
Die Schafe zur Rechten (die Gerechten) werden als Erben im Reich Gottes eingesetzt werden, die er auch umschreibt mit den Worten „die ihr von meinem Vater gesegnet seid“. Auch diese Geste ist den Juden bekannt. Dieser Segen des eigenen biologischen Vaters ist entscheidend und insbesondere das Erstgeburtsrecht wird mit einem väterlichen Segen übertragen. Die Gnade, die durch den väterlichen Segen dem Sohn übertragen wird, ist existenziell. Nun sind es aber alle auf der rechten Seite, die mit einem solchen Segen ausgestattet werden und dieser ist viel größer als der bisherige väterliche Segen! Hier geht es um die Ewigkeit!
Das Reich Gottes ist seit der Erschaffung der Welt der Plan Gottes für den Menschen. Dafür ist er geschaffen worden – um in Gemeinschaft mit Gott leben zu können. Der Mensch hat alles verspielt (wir hörten gestern davon), doch Gott kann auch auf krummen Seiten gerade schreiben. Er hat die Menschheit erlöst durch die Hingabe seines einzigen Sohnes, damit auf Umwegen der Heilsplan Gottes dann doch am Ende siegen würde.
Dann zählt Jesus viele barmherzigen Taten auf, die wir in ähnlicher Form neulich aus dem Buch Jesaja gehört haben, als es um ein gerechtes Fasten ging (Jes 58).
Seine Pointe bei all den barmherzigen Taten, die die Schafe auf der rechten Seite getan haben, ist: All dies haben sie nicht einfach nur ihrem Nächsten getan, sondern Jesus selbst. Das ist die anagogische Konsequenz des Doppelgebots der Liebe. Man liebt Gott durch den Nächsten. Dafür wird man am Ende belohnt.
Dann wird sich Jesus den Böcken auf der Linken Seite zuwenden und ihnen sagen: „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist.“ Aufgrund dieser Aussage kann man nun wirklich nicht leugnen, dass die Bibel eine Hölle kennt. Diese ist der „Ort“ der absoluten Gottesferne (in der Ewigkeit gibt es weder Zeit noch Raum). Sie sind dabei verflucht, weil sie es sich selbst ausgesucht haben. Sie haben sich im Grunde selbst verflucht und deshalb muss Jesus sagen „geht weg von mir“. Wenn wir uns vorstellen, wie Jesus sich dabei fühlen wird, können wir nur absoluten Schmerz empfinden. Was wird Gottes Herz doch zerreißen bei der Verurteilung derer, die ihn bis zur letzten Sekunde abgelehnt haben!
Auch hier zählt Jesus dann auf, warum sie dieses Urteil erwartet. Sie haben all die barmherzigen Taten wie das Nähren des Hungrigen, das Tränken des Durstigen, das Kleiden des Nackten etc. nicht getan. Somit haben sie Jesus all das nicht getan. Sie haben das Doppelgebot der Liebe, das den Kern der gesamten Torah darstellt, nicht gelebt.
Jesus schildert absolut drastisch, was die Menschen erwarten wird, aber nicht, um ihnen Angst einzujagen, sondern um sie wachzurütteln. Seine gesamte Botschaft ist ja in dem Vers zusammengefasst: „Das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Er möchte mit dieser apokalyptischen Rede den Zuhörern, so auch uns, verdeutlichen: Kehrt noch heute um, entscheidet euch für mich und tut diese barmherzigen Taten an eurem Nächsten! Dann werdet ihr am Ende zu jenen gehören, die auf der rechten Seite stehen werden und das ewige Leben erben werden.

Wir befinden uns jetzt in einer besonderen Gnadenzeit. Gott möchte uns mit vielen Gnaden überschütten, wenn wir von Herzen unsere Bereitschaft zur Umkehr zeigen. Wenn wir uns wirklich mit ganzer Kraft bemühen, wird er uns seine helfende Gnade schenken, mit der wir zu barmherzigeren und gottesfürchtigeren Menschen werden können. So gehen wir dann als neue Menschen mit einer innigeren Beziehung zu Gott auf Ostern zu.

Ihre Magstrauss

Samstag nach Aschermittwoch

Jes 58,9b-14; Ps 86,1-2.3-4.5-6; Lk 5,27-32

Jes 58
9 Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemandem übel nachredest, 

10 den Hungrigen stärkst und den Gebeugten satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. 
11 Der HERR wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser nicht trügt. 
12 Die Deinen bauen uralte Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich Maurer, der Risse schließt, der Pfade zum Bleiben wiederherstellt. 
13 Wenn du am Sabbat deinen Fuß zurückhältst, deine Geschäfte an meinem heiligen Tag zu machen, wenn du den Sabbat eine Wonne nennst, heilig für den HERRN, hochgeehrt, wenn du ihn ehrst, ohne Gänge zu machen und ohne dich Geschäften zu widmen und viele Worte zu machen, 
14 dann wirst du am HERRN deine Wonne haben. Dann lasse ich dich über die Höhen der Erde dahinfahren und das Erbe deines Vaters Jakob genießen. Ja, der Mund des HERRN hat gesprochen.

Heute hören wir in der Lesung die Fortsetzung der gestrigen. Es ging um das Volk Israel, das sich schwer verschuldigt, ein unmoralisches Leben geführt und sich dann über die ausgebliebene Gebetserhörung Gottes gewundert hat. Jesaja soll dem Volk den Grund ausrichten und dazu auffordern, Werke der Barmherzigkeit zu tun, damit ihre dargebrachten Opfer aufrichtig vor Gott sind. Die Worte, die Jesaja dem Volk ausrichten soll, setzen sich heute fort.
„Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst“ bezieht sich auf Unterdrückung der Ärmeren und Schwächeren einer Gesellschaft durch Reiche und Mächtige.
Die Israeliten sollen nicht mehr lästern und niemanden verurteilen (mit dem Finger auf sie zeigen).
Sie sollen denen etwas zu essen geben, die hungern, damit das passiert, was ich gestern schon angedeutet habe: damit ihr Licht aufgeht in der Finsternis. Dieses Licht ist moralisch zu sehen – es wird hell aufgrund der Tugenden der Israeliten, wo vorher Finsternis war, nämlich die Dunkelheit ihrer bösen Taten. Zugleich können wir das Licht mit der Gnade Gottes verbinden, die hell leuchtet an einem Ort, wo aufgrund der Sünde die Gnade nicht hinkam. Der Stand der Gnade wird wieder erlangt und von diesem aus wird „der HERR (…) dich immer führen“. Man lebt wieder in Gemeinschaft mit ihm und er zeigt einem den Weg. Gott wird einen nähren und die Glieder stärken. Das ist bemerkenswert, weil es den barmherzigen Taten ähnelt, die man zuvor an anderen Menschen getan hat. Gott gibt einem Gutes zurück, und zwar auch in unmöglichen Situationen wie der Dürre.
Es geht um den Stand der Gnade, in dem die Israeliten zuvor nicht waren wegen ihrer Vergehen. Das sehen wir nun auch an dem Bild des bewässerten Gartens. Wasser ist ein Symbol für den Hl. Geist – auch schon im Alten Testament. Gott erfüllt uns mit seinem Hl. Geist und deshalb sind wir wie ein bewässerter Garten. Wir wachsen durch ihn prächtig heran und bringen schöne Blüten und köstliche Früchte hervor.
In Vers 12 wird verheißen, dass die Israeliten „uralte Trümmer“ wieder aufbauen. Das ist ein Hinweis einerseits auf die Ruinen der Stadt und des Tempels, der von den Babyloniern zerstört werden wird. Andererseits sind die Ruinen geistig zu verstehen – als Symbol der Auferstehung Jesu, der „uralt“ ist und dessen Trümmer des Todes am dritten Tag wieder zum Leben erweckt werden, ebenso auf die Kirche bezogen, deren Trümmer durch die Krisenzeiten hervorgegangen sind und die durch den Hl. Geist eine Erneuerung erfahren hat. Wir denken an jeden einzelnen Menschen, der sein Leben durch die Sünde zu einem Trümmerhaufen gemacht hat, den der Hl. Geist aber wieder aufbauen kann. Und so ist es auch mit der ganzen gefallenen Welt. Durch den Hl. Geist werden die Trümmer der alten Schöpfung am Ende der Zeiten wieder aufgebaut zu einer neuen Schöpfung!
In den letzten zwei Versen wird noch einmal ein konkretes Verhalten angeführt, durch das man gerecht vor Gott wird: wenn man den Sabbat hält. Gott hat den Israeliten vorgeworfen, am Sabbat oder am Fastentag Geschäfte zu machen. Gott ist nicht an erster Stelle bei ihnen und sie vertrauen nicht darauf, dass er sie mit allem versorgen wird, auch wenn sie einen Tag nicht arbeiten. So war es doch damals bei den Vätern in der Wüste. Sie haben am sechsten Tag doppelt so viel bekommen (Manna oder Tauben), damit sie am Sabbat nicht arbeiten müssen und auch dann noch versorgt sind. Wer sich dem widersetzte und dennoch heimlich etwas angesammelt hat, bei dem verdarb das Vorrätige. Am Sabbat Geschäfte zu machen, ist ein Ausdruck von Misstrauen gegenüber der göttlichen Vorsehung. Das Ironische ist dabei, dass der Mensch alles verspielt, was er so krampfhaft für sich haben wollte. Wenn man dagegen am Sabbat Gott die Ehre gibt, der den ersten Platz im Leben des Menschen hat, dann wird er einen versorgen und man wird „das Erbe deines Vaters Jakob genießen“. Dann werden sie das verheißene Land ganz und gar haben. Und auch dies ist mehr als nur wörtlich zu verstehen. Das betrifft vor allem auch die moralische und anagogische Bedeutung: Wer das dritte Gebot hält, wird im Stand der Gnade sein, der Gemeinschaft mit Gott, der den Menschen dann mit Gnaden überschüttet. Und am Ende des Lebens wird man dann auf ewig das verheißene Land, das Erbe Jakobs, den Himmel genießen.
„Ja, der Mund des HERRN hat gesprochen“ signalisiert das Ende der Botschaft, die Jesaja dem Volk Gottes ausrichten soll.
Es sind insgesamt sehr eindrückliche Worte, die auch für uns jetzt in der Fastenzeit hochaktuell sind bzw. generell in heutiger Zeit. Gerade der letzte Teil sollte uns zu denken geben. Halten wir den Sonntag heilig? Danken wir an diesem Tag dem Herrn für die ganze Woche und tun dies in der Eucharistie – der Danksagung? Wie viele Katholiken gehen nicht mal jeden Sonntag zur Kirche. Das ist ein schweres Vergehen ohne einen gerechtfertigten Grund. Dann können wir kein gewässerter Garten sein, dann können wir nicht mit allem gesegnet sein, denn wir schneiden von uns aus den Gnadenstrom ab! Dann kann Gott unsere Gebete nicht erhören.
So ist es mit allen Geboten. Wir können keinen Segen erwarten, wenn wir Gottes Gebote nicht halten. Die Fastenzeit ist eine ideale Gelegenheit, das eigene Verhalten zu überdenken, die uralten Trümmer wieder aufzubauen und die Beziehung zu Gott wieder zu erneuern.

Ps 86
1 Ein Bittgebet Davids. Neige dein Ohr, HERR, und gib mir Antwort, denn elend und arm bin ich! 

2 Beschütze mich, denn ich bin dir ergeben! Rette, du mein Gott, deinen Knecht, der auf dich vertraut! 
3 Mein Herr, sei mir gnädig, denn zu dir rufe ich den ganzen Tag! 
4 Erfreue die Seele deines Knechts, denn zu dir, mein Herr, erhebe ich meine Seele! 
5 Denn du, mein Herr, bist gut und bereit zu vergeben, reich an Liebe für alle, die zu dir rufen. 
6 Vernimm, HERR, mein Bittgebet, achte auf mein lautes Flehen! 

Heute beten wir einen Bittpsalm passend zur Lesung. Wir können uns vorstellen, wie es das Volk Israel betet, nachdem es die Botschaft Gottes durch den Propheten Jesaja erhalten hat. Wir können es auch selbst beten als Kinder Gottes, die sich durch ein sündiges Verhalten von Gott entfremdet haben. Gott soll sein Ohr neigen, das heißt, die Bitten des Volkes erhören. „Elend und arm“ ist der Beter, weil er mit Gott im Streit liegt. Deshalb beten die Israeliten auch „beschütze mich, denn ich bin dir ergeben!“ Das hebräische Wort für „ergeben“ ist חָסִ֪יד chasid. Es heißt wörtlich „ich bin ein Jünger“. Die Israeliten bitten um Schutz, weil sie Gottes Jünger sind, weil sie ihm nachfolgen.
Sie rufen Gott „den ganzen Tag“. Das hat Jesaja ja bereits thematisiert. Die hebräische Verbform אֶ֝קְרָ֗א ekra ist dabei eine sogenannte PK-Form. Diese ist entweder präsentisch oder futurisch zu übersetzen. Einerseits besagt der Satz hier also, dass sie den ganzen Tag Gott anrufen, andererseits, dass sie es zukünftig tun werden. Es wird so zum Versprechen des Volkes, von nun an anders zu handeln. Ebenso ist es mit dem nachfolgenden Vers, da auch dort als Argumentation für die Bitte eine Handlung als PK-Form ausgedrückt wird („denn zu dir (…) erhebe ich meine Seele!“). Das Verb für „erheben“ ist אֶשָּֽׂא esa. Das Volk sagt also, dass es dies jetzt schon tut, es aber in Zukunft auch tun wird. Das Wort für Seele ist נַפְשִׁ֥י nafschi. Es ist eigentlich zu übersetzen mit „mein Leben“. Es meint die gesamte Existenz und nicht nur einen bestimmten Teil im Menschen. David erhebt also sein ganzes Leben zu Gott in dem Sinne, dass er sein ganzes Dasein auf Gott ausrichtet, ohne etwas für sich zu behalten. Und so tut es das Volk Israel immer wieder im AT, nachdem Gott ihm die Leviten gelesen hat. Gott soll die נֶ֣פֶשׁ nefesch, also das ganze Leben des Volkes erfreuen, weil es sein Leben Gott ganz widmet. Das ist für uns ein gutes Beispiel. Auch wir müssen Gott unser ganzes Leben hinhalten, wenn wir möchten, dass er es verwandelt. Dies tut er nur, wenn wir es ihm freiwillig überlassen. Und er tut es gern. Das bedeutet auch, dass er uns das ewige Leben schenken möchte.
„Denn du, mein Herr, bist gut und bereit zu vergeben, reich an Liebe für alle, die zu dir rufen“ – das Volk hat Gottes Vergebung immer wieder erfahren und kann mit Vertrauen diese Worte beten.
Gott ist wirklich ein barmherziger Gott und bereit, unsere Schuld zu vergeben. Wir müssen seine Barmherzigkeit aber auch annehmen. So tut es David immer wieder, so tut es später auch Petrus, so tut es der verlorene Sohn im Gleichnis Jesu. So tun es die Gläubigen, die zur Beichte kommen. Dann umarmt Gott die Menschen bereitwillig mit seiner vergebenden Liebe und verändert das Leben jedes Reumütigen. Nutzen wir dafür die Fastenzeit, denn jetzt hat Gott ganz besondere Gnaden für uns bereit.

Lk 5
27 Danach ging Jesus hinaus und sah einen Zöllner namens Levi am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! 

28 Da verließ Levi alles, stand auf und folgte ihm nach. 
29 Und Levi gab für Jesus in seinem Haus ein großes Gastmahl. Viele Zöllner und andere waren mit ihnen zu Tisch. 
30 Da murrten die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten und sagten zu seinen Jüngern: Wie könnt ihr zusammen mit Zöllnern und Sündern essen und trinken? 
31 Jesus antwortete ihnen: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 
32 Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen.

Auch das Evangelium thematisiert heute die Barmherzigkeit. Jesus beruft Levi/Matthäus zu seinem Apostel, der von Beruf Zöllner ist. Er sitzt gerade am Zoll, als Jesus ihn ruft. Er macht einen unbeliebten Job, bei dem es oft um kleinere und größere Betrügereien geht, also nichts Aufrichtiges. Und doch ist dieser Mensch herzensoffen. Als Jesus ihn ruft, lässt er alles stehen und liegen und folgt Jesus nach. Er hat die optimale Herzenshaltung, denn er lässt sich von Jesus etwas sagen.
Wie es oft bei Jesus der Fall ist, hält er mit den jeweiligen Menschen Mahl. Er ist bei Levis großem Gastmahl eingeladen und weil Levi ein Zöllner ist und diese seine einzigen Freunde sind (wer will sonst schon mit einem Betrüger und Lügner befreundet sein? Alle sind misstrauisch.), besteht Jesu Tischgemeinschaft aus sündigen Menschen.
Offensichtlich ist Jesus nicht alleine bei Levi, sondern auch die Jünger Jesu sind eingeladen. Dies wird daran deutlich, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten die Jünger so ansprechen, dass sie mit dabei sind. Ihre Kritik besteht dabei darin, dass Jesus und seine Jünger mit Zöllnern und Sündern Tischgemeinschaft haben. Entweder ist diese aus moralischer oder aus ritueller Sicht verwerflich: Die genannten Personengruppen sind Sünder vor Gott und das Essen mit ihnen impliziert für einen Juden dann, dass man ihr Verhalten gutheißt. Die genannten Personengruppen als rituell Unreine können am Kult nicht teilnehmen und übertragen die eigene Unreinheit noch auf den Reinen, der mit ihnen am Tisch ist. Diese beiden Möglichkeiten müssen wir in Betracht ziehen, zugleich zeigen sie, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten Jesus als Messias nicht erkannt haben. Diese Dinge mögen vielleicht für einen normalen Juden gelten, aber nicht für den Sohn Gottes, der im Gegenteil noch Menschen in den Stand der Gnade (moralischer Begriff) zurückversetzen kann durch Sündenvergebung und der nicht kultisch unrein wird, sondern seine Heiligkeit auf die Menschen um sich herum abfärbt!
Jesus möchte durch sein Verhalten eben nicht gutheißen, dass die Sünder und Zöllner gegen die Gebote Gottes verstoßen. Er möchte sie in seiner entgegenkommenden Barmherzigkeit berühren, deren Herzen er ganz weit geöffnet sieht. Er erkennt, dass man mit ihnen „arbeiten“ kann, und verwandelt ihre Herzen in diesem ganzen Prozess. So ist es auch schon mit Zachäus, der dann umkehrt und seine ganze Schuld vielfach zurückzahlen möchte. Das ist der springende Punkt: Wenn Jesus mit ihnen fertig ist, sind sie keine Sünder mehr, sondern brennende Jünger für Gott.
Und was Jesus durch die Antwort auf die Kritik der Pharisäer und Schriftgelehrten verdeutlicht, ist ein therapeutisches Verständnis von Sünde im Gegensatz zu einem juristischen. Sünde ist wie eine Krankheit, die man heilen muss. Jesus ist der Arzt, der die Seele der Menschen wieder gesund macht. Sie sind dabei wie Patienten, die sich bereitwillig behandeln lassen. Sie sind nicht verstockt wie die Pharisäer und Schriftgelehrten, die sich einbilden, keinen Arzt zu benötigen. Dabei ist jeder Mensch krank durch die Erbsünde. Keiner kann von sich behaupten, sündlos und perfekt zu sein. Jeder und jede muss auf die je eigene Weise zum Arzt kommen.
Wenn Jesus zum Schluss sagt: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen“, dann heißt das nicht, dass die echten Gerechten Pech gehabt haben. Er meint diejenigen, die sich für gerecht halten. Er ist gekommen, um die zur Umkehr zu rufen, die erkennen, dass sie Sünder sind und der Umkehr auch wirklich bedürfen. Wer selbstgerecht ist, ist versteinert, sein Herz ist geschlossen und blockiert die Gnade Gottes. Dabei muss sich jeder seiner Sündigkeit und Umkehrbedürftigkeit bewusst werden.

Wir befinden uns jetzt in der österlichen Bußzeit, in der wir uns unsere eigene Schuldhaftigkeit auf besondere Weise bewusst machen. Gott möchte in dieser Zeit besondere Gnaden schenken, um auch den besonders harten Fällen die Herzen zu erweichen. Dann kommt Jesus auch in unser Leben und möchte mit uns Gemeinschaft haben. Dann arbeitet er in uns, bis wir unser eigenes Schlechtes erkennen, bereuen und umkehren. Er verwandelt uns, sodass wir immer mehr zu den ursprünglichen Menschen werden, die Gott geschaffen hat – Menschen wie er.

Ihre Magstrauss

Freitag nach Aschermittwoch

Jes 58,1-9a; Ps 51,3-4.5-6b.18-19; Mt 9,14-15

Jes 58
1 Rufe aus voller Kehle, halte dich nicht zurück! Erhebe deine Stimme wie ein Widderhorn! Halt meinem Volk seine Vergehen vor und dem Haus Jakob seine Sünden! 

2 Sie suchen mich Tag für Tag und haben daran Gefallen, meine Wege zu erkennen. Wie eine Nation, die Gerechtigkeit übt und vom Recht ihres Gottes nicht ablässt, so fordern sie von mir gerechte Entscheide und haben an Gottes Nähe Gefallen. 
3 Warum fasten wir und du siehst es nicht? Warum haben wir uns gedemütigt und du weißt es nicht? Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und alle eure Arbeiter treibt ihr an. 
4 Seht, ihr fastet und es gibt Streit und Zank und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. 
5 Ist das ein Fasten, wie ich es wünsche, ein Tag, an dem sich der Mensch demütigt: wenn man den Kopf hängen lässt wie eine Binse, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem HERRN gefällt? 
6 Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen? 
7 Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen? 
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und deine Heilung wird schnell gedeihen. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des HERRN folgt dir nach. 
9 Wenn du dann rufst, wird der HERR dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich.

Was wir heute in der Lesung aus dem Buch Jesaja hören, ist ein Aufruf zur Buße. Solche Texte werden wir die ganze Fastenzeit über hören, denn das ist der Kern dieser besonderen Gnadenzeit: Die Umkehr und Buße. Im Kapitel vor unserem heutigen Abschnitt klagt Gott die Frevel seines auserwählten Volkes an, das sich anderen Göttern zugewandt hat und viele schwere Sünden begeht. Und nun erfolgt im heutigen Abschnitt ein Aufruf zur Umkehr, zum gerechten Fasten und zum Halten des Sabbats.
„Rufe aus voller Kehle“ und „erhebe deine Stimme“ ist Gottes Aufruf an Jesaja, dem Volk die Sünden vorzuhalten. Ein großes Problem ist, dass das Volk trotz der vielen Vergehen Opfer darbringt, fastet und Gottes Nähe sucht durch Gebete und Bitten. Gleichzeitig merken die Israeliten, dass er ihre Gebete nicht erhört („Warum fasten wir und du siehst es nicht? Warum haben wir uns gedemütigt und du weißt es nicht?“).
Jesaja als Prophet soll Gottes Gründe dem Volk erklären: Sie bringen zwar die Opfer dar, sie fasten und tun, was man so tun soll, aber sie tun es mit einem verdorbenen Herzen. Ihr Leben außerhalb des Opfers ist unmoralisch. Sie halten nicht die Gebote Gottes, bringen aber Opfer dar, damit Gott ihnen gibt, was sie wollen. Auf solche Opfer kann Gott verzichten. An Fasttagen machen die Israeliten z.B. Geschäfte, nutzen diesen Tag also nicht zur Buße. Sie selbst nehmen keine Bußhaltung ein und halten noch ihre Bediensteten davon ab, indem sie sie antreiben.
Beim Fasten gibt es zudem Streit. Dabei sollte eine Fastenzeit auch davon geprägt sein, dass man die Beziehungen zum Nächsten wieder erneuert, überdenkt und verbessert. Was bringt es, nichts zu essen, wenn man doch „mit roher Gewalt“ zuschlägt? So ein Fasten braucht Gott nicht!
Dann werden Sack und Asche genannt, das Hängenlassen des Kopfes, insgesamt ein demütiges Erscheinungsbild. Wenn es dann heißt: „Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen…“, dann meint das nicht, dass Sack und Asche überflüssig sind. Das heißt, dass das Äußere nicht genug ist. Neben diesem muss es auch eine innere Dimension des Fastens geben! Und diese muss sich auf moralischer Ebene zeigen – im Verhalten des Menschen.
Fasten bedeutet, sich selbst ein Minus vorzunehmen, um sich selbst weniger zu machen und das entstehende Potenzial in Werke der Barmherzigkeit zu investieren: „(…) die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen? Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen?“
Auf diese Weise wird das eigene Licht „hervorbrechen“, das heißt die eigene innere Gerechtigkeit nach außen strahlen. Dann wird auch Gott die Gebete des Volkes erhören, weil sie einem reinen Herzen entsprungen sind. Die eigene Gerechtigkeit „geht voran“ und Gottes Herrlichkeit „folgt nach“. Wörtlich heißt es hier, dass die Gerechtigkeit „gegangen ist“, also in der Vergangenheitsform. Das Vorangehen ist dabei nicht zeitlich zu verstehen, sondern örtlich. Die Gerechtigkeit ist zum Orientierungspunkt geworden, dem man nachgeht. Aus diesem Grund wird auch die Herrlichkeit geerntet (hier nun eine Zukunftsform). Wer sein Handeln an der Gerechtigkeit orientiert, die die Gebote Gottes vorgeben, wird die Herrlichkeit Gottes ernten. Das ist eine Verheißung und ein Versprechen.
Und mit dieser Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit, die wir moralisch den Stand der Gnade nennen, können wir Gott dann um etwas bitten. Er wird es erhören.
Gott stellt keine Bedingungen, wenn es um seine Gnade geht. Diese ist unendlich und unerschöpflich, doch der Mensch erzeugt für sich selbst Bedingungen, indem er Gott ablehnt mit einem unmoralischen Verhalten. Er geht von der Quelle weg und muss sich dann nicht wundern, dass er nicht daraus schöpfen kann. Gott ruft das Volk heute auf, zur Quelle zurückzukommen, wieder so zu handeln, wie er gesagt hat, und so ein neues Leben zu gewinnen.
Das gilt nicht nur für das Volk Israel, sondern auch für uns, die wir zum neuen Volk Gottes gehören. Nutzen wir die Fastenzeit, um nicht nur weniger zu essen, sondern uns selbst insgesamt zurückzunehmen, damit wir die gewonnene Kraft und Zeit in Werke der Barmherzigkeit investieren können! Das ist ein gerechtes Fasten.

Ps 51
3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! 
4 Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde! 
5 Denn ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen. 
6 Gegen dich allein habe ich gesündigt, ich habe getan, was böse ist in deinen Augen.
18 Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie geben, an Brandopfern hast du kein Gefallen. 
19 Schlachtopfer für Gott ist ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen. 

Im heutigen Psalm bittet König David um Gottes Barmherzigkeit. Das ist das perfekte Vorbild für das Volk Israel, das im Buch Jesaja eben nicht so handelt. Es bittet um Gottes Barmherzigkeit, lebt aber selbst unbarmherzig. So geht das nicht.
Es ist auch ein passender Psalm für uns heute, die wir jetzt in der Fastenzeit stehen. Es ist perfekt für jeden Einzelnen von uns, die wir uns vornehmen, in diesen Tagen in Vorbereitung auf Ostern anders zu leben.
„Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde“, ist ein Vers, den die Priester bei der Gabenbereitung zum Schluss beten, während der Messdiener ihnen Wasser über die Hände gießt. Auch wir müssen dies immer wieder erbitten, die wir nicht perfekt sind. Wir sündigen jeden Tag und in dieser Fastenzeit wollen wir auf besondere Weise umkehren.
König David bittet Gott um sein Erbarmen und um die Vergebung der Schuld, wobei er gleichzeitig seine Sünden bekennt. So tut es auch der verlorene Sohn im Gleichnis vom barmherzigen Vater, so möchte Jesus auch, dass wir tun. Gott kennt unsere Sünden schon längst, aber er möchte uns sprechen lassen, er gibt uns Gelegenheit, die eigene Schuld laut auszusprechen und somit einzugestehen. Gott kennt auch die Schuld der Israeliten heute im Buch Jesaja. Er möchte, dass das Volk diese Sünden von sich aus bekennt und umkehrt.
Er braucht keine Schlachtopfer und Brandopfer, wenn man sie tut, um Gott zu besänftigen, gleichzeitig aber ganz viele Leichen im Keller hat. Gerade König David hat schwere Sünden begangen und versteht, dass er die Beziehung zu Gott zerstört hat. Er konzentriert sich darauf, diese Beziehung wieder zu kitten, nicht einfach nur paar Opfer darzubringen und dann passt das schon. Das heißt nicht, dass wir das jetzt wortwörtlich nehmen müssen und David keine Opfer mehr darbringen soll. Wir sind hier in einem Psalm, einer poetischen Textgattung, die mit solchen rhetorischen Stilmitteln bestückt ist. Wir sehen an Davids Verhalten und an dem seines Sohnes Salomo, dass er diese Verse rhetorisch meint. Er hat den Festkalender mit all den Opfern ja noch ausgebaut und Salomo hat den Tempel gebaut, in dem weiterhin viele Opfer dargebracht wurden!
Es heißt vielmehr, dass Gott keine solchen Opfer braucht, wenn die Menschen ihr Leben nicht ändern wollen, wenn ihr Herz nicht umkehrbereit und reuevoll ist. Das ist sehr aktuell, denn auch heute locken viele Angebote aus der Esoterik damit, dass man Heil, Glück, Erfolg etc. haben kann ohne Umkehr: ob es Meditationen und körperliche Übungen sind (Yoga, Qigong etc), die Umstellung der Möbel im Haus für Glück im Leben (Fengshui) oder sogar Diäten für besseres Karma…
Vielmehr wünscht sich Gott einen zerbrochenen Geist und ein zerschlagenes Herz, das heißt eine innere Bußhaltung und Bereitschaft zur Umkehr. Das ist ihm viel wertvoller. David hat das wirklich vorgelebt und ist deshalb bis heute ein Vorbild im Prozess der Umkehr sowie im Gebet, auch wenn er schlimme Sünden begangen hat.
Für uns heißt das heute nicht, dass wir keine Messen besuchen sollen, dem einzigen Opfer, das wir als Christen noch haben, das alle anderen Opfer der Juden abgelöst hat. Das heißt vielmehr, dass hinter dem knienden Menschen in der Kirchenbank, dem Gläubigen, der sich ein Aschekreuz abholt und gesenkten Kopfes die Messe mitmacht, auch ein reuiges Herz stecken muss, ein zerschlagener Geist, der bereit zur Umkehr ist und dies auch durch Taten im Alltag zeigt. Wir alle sollen uns nicht einfach nur zurücknehmen – und schon gar nicht für eitle Gründe wie im säkularen Kontext für die Fastenzeit angepriesen wird! -, sondern dieses Minus auch durch ein Plus barmherziger Taten zu kompensieren! In der Fastenzeit muss man uns anmerken, dass wir uns darum bemühen, den anderen Menschen gegenüber netter zu sein, ihnen zu helfen, besonders das zu verschenken, das heutzutage zu den Wertvollsten Gütern zählt – unsere Zeit. Wenn wir schlechte Charakterzüge haben, unter denen die Mitmenschen leiden, sollen wir in dieser besonderen Gnadenzeit daran arbeiten. Gott gibt uns doch die Gnade dazu! Und wenn wir Not sehen, sollen wir tun, was in unserer Macht steht – vom Einkaufen für den Anderen bis hin zum Babysitting. Wenn jemand einsam ist, leisten wir ihm doch mal Gesellschaft! Zeit haben wir ja, wenn wir auf Beautysalon oder Nagelstudio verzichten, auf Kino oder Disco. Dann können wir auch mal den entlasten, der überlastet ist. Dann haben wir Geld übrig, mit dem wir jene unterstützen können, die sich nicht mal das Lebensnotwendige leisten können. Tun wir das alles aus Liebe zu Gott, weil wir ihm zuliebe ein besserer Mensch werden möchten, dann wird er uns segnen und verwandeln. Und wenn wir alt, krank, ans Bett gefesselt sind, dann besteht unsere barmherzige Tat aus einem Lächeln oder einem Dankeswort an den Pfleger, an den Arzt, an die Mitarbeiter um uns herum. Dann sind unsere Schmerzen, unsere fehlende Bewegungsfreiheit etc. das größte und edelste Opfer, das wir darbringen können.

Mt 9
14 Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sagten: Warum fasten deine Jünger nicht, während wir und die Pharisäer fasten? 

15 Jesus antwortete ihnen: Können denn die Hochzeitsgäste trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam weggenommen sein; dann werden sie fasten.

Das Evangelium ist sehr überraschend, wenn wir an all die bisherigen Texte denken. Hier geht es nämlich nun darum, dass nicht gefastet wird.
Die Jünger des Johannes – gemeint ist Johannes der Täufer – kommen zu Jesus und fragen ihn, warum seine Jünger im Gegensatz zu ihnen und den Pharisäern nicht fasten. Bei den Pharisäern ist es so, dass sie mehr als das Volk Israel fasten, nämlich an zwei Wochentagen. Das Volk fastet regulär ansonsten nur an einem Tag im Jahr. Die Frage ist nicht als Vorwurf zu verstehen, dafür sind die Johannesjünger auch nicht bekannt. Sie fragen eher aus Neugier. Johannes der Täufer hatte ja schon bei der ersten Begegnung mit Jesus deutlich gemacht, wer er ist. Die Jünger haben nur noch nicht verstanden, dass das Fasten als Vorbereitung auf den Messias nun vorbei ist, weil er da ist.
Jesus antwortet ihnen mit einem ganz wichtigen Stichwort: mit der Hochzeit. Jesus ist der Bräutigam, wie er immer und immer wieder in seiner Verkündigung durchblicken lässt. Er ist der Bräutigam, weil er Gott ist und Gott im gesamten AT immer wieder als Bräutigam um seine Braut Israel geworben hat. Er ist nun einen Schritt weitergegangen und Mensch geworden, um ganz in ihrer Nähe um sie zu werben. Er lebt unter den Menschen, um ganz in ihrer Nähe zu sein. In dieser Szene geht er auf diese tiefe Wahrheit ein: Er ist der Bräutigam und mitten unter den Menschen. Die Hochzeit hat schon begonnen, wie kann man da fasten? Wenn die Pharisäer weiterhin fasten, dann zeigt es, dass sie ihn als Messias nicht erkannt haben. Sie leben weiterhin so, als ob der Messias noch nicht da ist. Sie haben den Zeitpunkt verpasst.
Wir wissen nicht, wie die Johannesjünger reagiert haben. Womöglich haben sie sich zu ihm bekehrt, denn er hat in absolut messianischem Code gesprochen. Die Johannesjünger, die vielleicht wie Johannes selbst mit der Qumrantradition vertraut gewesen waren, die eine ganz besonders intensive Messiaserwartung aufweist, werden diese Codesprache begriffen haben.
Jesus sagt noch etwas Wichtiges, nämlich deutet er seinen Tod an: „Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam weggenommen sein; dann werden sie fasten.“ Jetzt ist die Zeit der Hochzeit – wir müssen bedenken, dass diese im jüdischen Kontext aus mehreren Etappen bestand und hier noch nicht die letzte Etappe gemeint ist, sondern eher die Verlobung – und später wird es eine Fastenzeit geben. Es wird sein, wenn Jesus leiden und sterben wird in Jerusalem. Die Apostel werden sich wegschließen und vor lauter Trauer wohl kaum einen Bissen hinunterkriegen. Alles hat seine Zeit und wie die Zeiten sein sollten, das entscheidet Gott, nicht die Pharisäer. Ihr Fasten wird dabei nicht nur ein Fasten auf Essen sein, sondern wie wir heute in den anderen Lesungen hörten, eine Buße des Herzens, ein zerschlagener Geist und ein zerrissenes Herz. Insbesondere Petrus wird sein Herz in tausend Stücke zerrissen haben, so sehr wird ihn sein Verrat geschmerzt haben.

Die heutigen Texte verdeutlichen uns heute ganz eindringlich, dass wir neben dieser ganzen „auf Süßigkeiten verzichten etc.“-Aktion die innere Dimension des Fastens, das zerrissene Herz, die Demütigung des Geistes und auch die moralische Dimension, die Werke der Barmherzigkeit nicht vergessen dürfen. Sonst ist es nur ein Minus, das uns ganz schnell zum Murren bringt. Fasten dient dabei immer der inneren Umkehr und Verbesserung der Beziehung zu Gott. Christentum ist anspruchsvoll, weil es eine Beziehungsreligion ist. Fastenzeit ist also harte Arbeit, aber mindestens genauso viel Gnadengabe! Und so gehen wir als Kätzchen in die Fastenzeit hinein und als mächtige Löwen am Ende hinaus!

Ihre Magstrauss

Freitag der 3. Woche im Jahreskreis

2 Sam 11,1-4a.c.5-10a.13-17; Ps 51,3-4.5-6b.6c.-7.10-11; Mk 4,26-34

2 Sam 11
1 Um die Jahreswende, zu der Zeit, in der die Könige in den Krieg ziehen, schickte David Joab mit seinen Knechten und ganz Israel aus und sie verwüsteten das Land der Ammoniter und belagerten Rabba. David selbst aber blieb in Jerusalem. 

2 Als David einmal zur Abendzeit von seinem Lager aufstand und auf dem Flachdach des Königspalastes hin- und herging, sah er von dort aus eine Frau, die badete. Die Frau war sehr schön anzusehen.
3 David schickte jemand hin, erkundigte sich nach ihr und sagte: Ist das nicht Batseba, die Tochter Ammiëls, die Frau des Hetiters Urija? 
4 Darauf schickte David Boten zu ihr und ließ sie holen. Dann kehrte sie in ihr Haus zurück.
5 Die Frau war aber schwanger geworden und schickte deshalb zu David und ließ ihm mitteilen: Ich bin schwanger. 
6 Darauf sandte David zu Joab und ließ ihm sagen: Schick den Hetiter Urija zu mir! Und Joab schickte Urija zu David. 
7 Als Urija zu ihm kam, fragte David, ob es Joab und dem Volk gut gehe und wie es mit dem Kampf stehe. 
8 Dann sagte er zu Urija: Geh in dein Haus hinab und wasch dir die Füße! Urija verließ das Haus des Königs und es wurde ihm ein Geschenk des Königs nachgetragen. 
9 Urija aber legte sich am Tor des Königshauses bei den Knechten seines Herrn nieder und ging nicht in sein Haus hinab. 
10 Man berichtete David: Urija ist nicht in sein Haus hinabgegangen.
13 David lud ihn ein, bei ihm zu essen und zu trinken, und machte ihn betrunken. Am Abend aber ging Urija weg, um sich wieder auf seinem Lager bei den Knechten seines Herrn niederzulegen; er ging nicht in sein Haus hinab. 
14 Am anderen Morgen schrieb David einen Brief an Joab und ließ ihn durch Urija überbringen. 
15 Er schrieb in dem Brief: Stellt Urija nach vorn, wo der Kampf am heftigsten ist, dann zieht euch von ihm zurück, sodass er getroffen wird und den Tod findet! 
16 Joab hatte die Stadt beobachtet und er stellte Urija an einen Platz, von dem er wusste, dass dort besonders tüchtige Krieger standen. 
17 Als dann die Leute aus der Stadt einen Ausfall machten und gegen Joab kämpften, fielen einige vom Volk, das heißt von den Kriegern Davids; auch der Hetiter Urija fand den Tod.

Heute lesen wir schließlich von dem, was ich die letzten Tage immer wieder angekündigt habe: von dem größten Fehltritt Davids in seinem Leben.
An seinem Beispiel sehen wir, wie eine Sünde gleich mehrere andere Sünden nach sich zieht. Wir lesen auch, wie Begierde funktioniert, wie sie den moralischen Tod bringt.
Alles beginnt mit einem Abendspaziergang auf dem Dach. König David läuft auf dem Flachdach seines Palastes auf und ab. Dabei sieht er, wie eine Frau sich badet. Er sieht sie. Die richtige Reaktion darauf wäre gewesen, direkt wieder wegzuschauen. Er konnte ja nicht ahnen, dass er so etwas zu Gesicht bekommen würde. Durch das Sehen der Augen wird sehr schnell die Begierde im Herzen entfacht. Deshalb ist das Wegschauen die gesunde schamhafte Reaktion. Im Garten Eden war es noch so, dass Adam und Eva sich voreinander nicht schämen mussten, obwohl sie nackt waren. Die Begierde war auch noch nicht in ihren Herzen, sodass die Scham als Schutzmechanismus noch nicht notwendig war. Nun ist es aber König David, ein Mensch, der mit der Erbsünde des ersten Menschenpaares belastet ist. Er schaut nicht weg. Er erkundigt sich sogar, wer diese Frau ist. Er lässt zu, dass die Begierde in seinem Herzen die Oberhand gewinnt. Die bösen Gedanken, die in ihm aufkeimen, werden zur Sprache gebracht. Er möchte ihre Identität wissen und lässt schließlich nach ihr rufen. Letztendlich setzt er seine bösen Absichten in die Tat um und begeht mit ihr Ehebruch. So funktioniert die Sünde in jedem Menschen. Zuerst wird der Mensch durch seine Sinne oder andere Faktoren getriggert. Dies nennen wir Versuchung. Das geschieht tagtäglich und ist noch nichts Verwerfliches. Dies wird sie erst dadurch, dass man sie nicht direkt ausmerzt oder ablehnt. David schaut nicht weg. Er starrt die Frau an, denn es heißt „die Frau war sehr schön anzusehen“. Er schaut zumindest so lange hin, dass er trotz der Tageszeit etwas Genaueres über ihr Aussehen sagen kann. Er lässt zu, dass die Versuchung ihn besiegt. Er lässt die bösen Gedanken zu. Wenn uns irgendetwas Sündiges in den Sinn kommt, sollen wir den Gedanken abstreifen. Das ist die richtige Reaktion auf die Versuchung. Denn nur so verhindern wir, dass die Gedanken zu Worten werden und die Worte dann schließlich zur Tat übergehen. David lässt es aber zu. Noch mehr. Er erkundigt sich nach ihr. Spätestens jetzt sollte er von alledem die Finger lassen, denn er weiß jetzt erstens, dass sie verheiratet ist, zweitens dass sie keine Israelitin ist. Zumindest ist Urija, ihr Mann, ein Hethiter. Die Hethiter wiederum glauben an tausende Götter und nehmen den Gott Israels nicht an. Spätestens jetzt hätte David einen Schlussstrich ziehen müssen. Aber nein, mit seinem erlangten Wissen setzt er dennoch die böse Tat um, er holt sie zu sich und schläft mit ihr. Was er begeht, ist eine der schwersten Todsünden. Er weiß genau, dass seine Tat eine Sünde gegen das sechste Gebot ist, er tut es in vollem Wissen, nicht spontan, sondern vorbereitet, er tut es freiwillig. Alle klassischen Kriterien für eine Todsünde sind in seinem Fall gegeben. Das Hinterhältige an der Tat ist noch, dass er die Situation ausnutzt, dass Urija gerade gegen die Ammoniter kämpft.
Nach dem Ehebruch entlässt er sie nach Hause, als wäre nichts gewesen.
Sünden haben immer Konsequenzen. Je schwerwiegender sie sind, desto mehr Sünden ziehen sie wiederum nach sich. Batseba wird schwanger. Davids unverantwortliche Tat kann nicht mehr verborgen bleiben. Spätestens jetzt hätte er sich entscheiden müssen, die Sünde zu gestehen und alles aufzuklären. Aber nein, er denkt sich eine Intrige aus, um seine Tat weiterhin zu verdecken. Als Urija von der Schlacht zurückkehrt, macht er ihn betrunken. Er erhofft sich, dass er nach Hause gehen und mit seiner Frau schlafen würde. So würde ihre Schwangerschaft auf ihn selbst zurückgeführt werden. Doch Urija ist zu gottesfürchtig. Das ist übrigens sehr bemerkenswert. Als Hetiter respektiert er die Bundeslade so sehr, dass er ihr zuliebe nicht nach Hause geht. Diese muss nämlich unter freiem Himmel stehen. Sehr ironisch und für uns Hörer noch schmerzhafter. Dieser arme Mann hat es nicht verdient, so einer Intrige anheim zu fallen!
Davids Plan scheitert an der Gottesfurcht eines Hetiters. Kurzerhand muss er umdisponieren und entschließt sich zu einer noch größeren Katastrophe. Er will es darauf anlegen lassen, dass Urija im Krieg ganz sicher fällt. Er verfasst sogar einen Brief an den Feldherrn Joab, indem er ihm aufträgt, Urija an die Spitze zu stellen und ihm im hitzigen Gefecht nicht zu helfen, sodass er stirbt. Das ist eine weitere sehr schwerwiegende Sünde. Man kann es sogar (Auftrags-)Mord nennen, weil es ein sorgfältig vorbereitetes Tötungsdelikt ist. Auch hier erfüllt David alle Kriterien für eine Todsünde. Er kennt die zehn Gebote und tut sie dennoch. Er tut es auch freiwillig, denn Batseba setzt ihm keine „Pistole auf die Brust“. Er zieht auch nicht die Möglichkeit in Betracht, seine Sünde einfach einzugestehen. Gott hat ihm ja die Chance gegeben, indem er die Schwangerschaft Batsebas zugelassen hat.
Urija stirbt und David nimmt dessen Frau offiziell zur Frau. Ich spoilere jetzt einfach mal: Das Kind wird leider sterben. David und Batseba werden aber noch ein weiteres Kind bekommen und dieses wird Gott zu seinem Werkzeug machen – Salomo. Wir sehen also, dass Gott selbst auf krummen Seiten gerade schreiben kann. Gott benutzt unsere armselige sündhafte Natur und kann alles zu Gold wandeln.
Was David heute gemacht hat, ist sehr schrecklich. Er hat nicht nur eine Todsünde begangen, sondern gleich mehrere. Er hat intrigant gehandelt und somit mehrfach gegen das achte Gebot verstoßen (du sollst nicht lügen). Der Ehebruch und der Mord haben ihn in einen tiefen Abgrund gezogen.
Gott wird sich das nicht gefallen lassen. Er wird ihn durch den Propheten Natan konfrontieren und David wird von Herzen bereuen, was er getan hat. Das ist das Entscheidende, weshalb Gott ihn als König nicht verwerfen wird. Gott ist treu und David, möge die Sünde noch so groß sein, liebt Gott. Er hat sich von seiner Begierde leiten lassen, aber im Nachhinein hat er es abgrundtief bereut. An dieser Geschichte sehen wir, dass Gott uns alles vergeben möchte, wenn wir wirklich aufrichtig bereuen, umkehren und uns vornehmen, die Sünden nicht mehr zu tun.

Ps 51
3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! 
4 Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde! 
5 Denn ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen.
6 Gegen dich allein habe ich gesündigt, ich habe getan, was böse ist in deinen Augen. So behältst du recht mit deinem Urteilsspruch, lauter stehst du da als Richter.
7 Siehe, in Schuld bin ich geboren und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen.
10 Lass mich Entzücken und Freude hören! Jubeln sollen die Glieder, die du zerschlagen hast. 
11 Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden, tilge alle Schuld, mit der ich beladen bin! 

Der Psalm 51 eröffnet uns Davids Herz, das durch und durch von Reue erfüllt ist. Er betet „Gott, sei mir gnädig“. Er vertraut auf die Barmherzigkeit Gottes, obwohl er so schlimme Dinge getan hat. Er glaubt, dass Gottes Liebe größer ist als seine schlimmsten Sünden. Er bittet den Herrn, dass er in seiner Barmherzigkeit seine Sünden tilgt, dass er seine Schuld abwasche. Er bekennt seine Sünden und ist sich ihrer stets bewusst. Er vergisst zeitlebens nie, was er Gott und den Menschen angetan hat.
Er bekennt und das ist für uns genau die vorbildliche Haltung: Wenn wir gesündigt haben, möchte Gott uns mit seiner Barmherzigkeit umfangen. Wie der verlorene Sohn können wir jederzeit zum Vater zurückkehren. Mit welcher Haltung? Wir zeigen unsere tiefe Reue und bekennen, was wir Böses getan haben. Der Vater weiß es schon längst, aber wir sollen es mit eigenen Worten kundtun, uns und ihm eingestehen, was wir getan haben. Dies tun wir Katholiken im Beichtsakrament. Durch den Priester vergibt uns Jesus dann, er tilgt unsere Sünden, er wäscht uns rein in seiner Barmherzigkeit. Wir bekunden vor ihm, dass wir uns von Herzen vornehmen, von nun an anders zu leben und diese Sünden nicht mehr zu tun. Wir signalisieren ihm, dass wir die Sünden auch wieder gut machen.
David bekennt seine Sünden, er weiß, dass er vor Gott gesündigt hat. Er versteht sich mit diesem Gebet vor Gott dem gerechten Richter und klagt sich selbst an.
Dann kommt etwas Bemerkenswertes in Vers 7. „In Schuld bin ich geboren und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen.“ Als Worte Davids ist dies nicht zu erklären, denn von seiner Herkunft wissen wir nichts über sündhafte Beziehungen. Er ist kein uneheliches Kind. Man könnte diese Worte eher verstehen, wenn sie aus dem Mund des Salomo ertönen würden.
Wir müssen den geistigen Sinn mit einbeziehen: Es ist eine gesamtmenschliche Beobachtung, die er hier zum Ausdruck bringt: Menschen sündigen. Sie sind schon im Zustand der Sünde empfangen worden. Das heißt, nicht die Empfängnis selbst ist Sünde, so als ob der Akt sündhaft wäre, sondern gemeint ist „im Zustand der Sünde“. Und dies ist sowohl auf die Mutter Davids zu beziehen als auch auf das gezeugte Kind David. Was er hier ausdrückt, nennen wir theologisch die Erbsünde. Der Mensch wird schon als gefallene Natur gezeugt, ohne dass er etwas dafür kann. Er ist schon zerbrochen, bevor er geboren wird. Es ist wie ein Virus, das alle Menschen im Griff hat. Er möchte damit sagen: „Herr, du weißt, dass es wie eine weitverbreitete Epidemie ist, dass Menschen nicht tun, was sie wollen, und tun, was sie nicht wollen.“ David wird sich selbst im Nachhinein fremd vorkommen und nicht wiedererkennen. Das ist, was Paulus in Röm 7,19 beschreibt.
David sagt dies nicht, um eine Ausrede für seine Sünden zu haben, sondern er klagt Gott diese allmenschliche Sündhaftigkeit, weil sie ihn belastet. Er hält Gott immer alles hin, was ihn beschäftigt. So haben wir bis heute einen Einblick dessen, was dieser Mensch gedacht und geglaubt hat.
Er sehnt sich nach Versöhnung mit Gott. Er hat sich bei ihm entschuldigt und um Verzeihung gebeten. Er weiß, dass es nun an Gott ist, ihm die Schuld zu vergeben. Deshalb bittet er ihn um „Entzücken und Freude“. Er möchte sozusagen zurück in den Stand der Gnade. Anstatt an seiner Sünde zu zerbrechen, möchte er Gott loben und preisen, wie er ist („jubeln sollen die Glieder, die du zerschlagen hast“).
Der letzte Vers drückt aus, was im Buch der Sprichwörter steht und sowohl der erste Petrusbrief als auch der Jakobusbrief aufgreifen: „Die Liebe deckt viele Sünden zu.“ (Spr 10,12; Jk 5,20; 1 Petr 4,8). Er möchte nicht, dass Gott „ein Auge zudrückt“, um sich vor den Konsequenzen seiner Sünde zu drücken. Er hat sie klar bekannt und nichts beschönigt. Gott hat ihn auch dafür zur Rechenschaft gezogen. Er hat schon seine Strafe bekommen und würde seine Vergehen ein Leben lang nicht vergessen. Was er möchte, ist Gottes Vergebung. Er möchte zur früheren, innigen Beziehung zu Gott zurückkehren. So sollen wir beten: Ganz klar unsere Sünden erkennen und zugeben, sie bereuen und vornehmen, sie nie mehr zu tun. Und doch dürfen und sollen wir Gottes Barmherzigkeit annehmen. Wir dürfen glauben, dass Gott uns alles vergibt, was wir bereuen. Gott „löscht“ diese Vergehen auch aus seinem „Gedächtnis“, auch wenn wir den entstandenen Schaden noch begleichen müssen. Von Exorzismen wissen wir, dass Dämonen die Anwesenden gerne bloßstellen, indem sie ihnen ihre Sünden vor allen Leuten aufsagen. Sie können dabei aber nur das ansprechen, was noch nicht gebeichtet ist. Alles Gebeichtete ist weg. Auch Gott wird uns keine der Sünden vorhalten, die schon gebeichtet und gesühnt ist. So groß ist Gottes Barmherzigkeit, dass er das gar nicht einmal mehr thematisiert, was komplett versöhnt ist. Und doch müssen wir aus unseren Vergehen Konsequenzen ziehen. Ein Heiliger meinte einmal zum Thema „Wie bleibe ich auf dem Boden und werde nicht überheblich?“: Man soll immer wieder an die schlimmste Sünde denken, die man jemals begangen hat. Dann wird man immer demütig bleiben. Von Petrus wissen wir ja, dass er Jesus verleumdet hat, ausgerechnet er, dem Jesus so sehr vertraut hat! Und er hat alles bereut und sein Leben lang nicht vergessen, was er getan hat. Warum? Nicht weil er der Barmherzigkeit Gottes nicht glauben wollte. Nicht weil er sich selbst nicht vergeben konnte. Sondern weil er seine eigene Schuldhaftigkeit, seine wahre Identität vor Gott nie vergessen wollte. In der Kunst wird Petrus deshalb sehr oft mit zwei Linien im Gesicht dargestellt: Es sind die Einkerbungen der abertausend Tränen, die er zeitlebens über die Verleumdung Jesu geweint hat. In dieser Hinsicht ist er mit König David sehr gut vergleichbar. Und wenn man Saul und David mit Petrus und Judas vergleicht, wird auch klar, was bei Gott entscheidend ist: Jeder Mensch fällt, sogar der vermeintlich beste. Entscheidend ist aber, dass er wieder aufsteht. David und Petrus haben dies getan. Saul und Judas nicht.

Mk 4
26 Er sagte: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; 
27 dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie. 
28 Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre. 
29 Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.
30 Er sagte: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? 
31 Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. 
32 Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, sodass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.
33 Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten. 
34 Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.

Im Evangelium hören wir heute weitere Gleichnisse, die das Reich Gottes umschreiben.
Zunächst hören wir vom Samen auf dem Acker. Es ist vergleichbar mit dem Gleichnis vom Sämann. Dieses landwirtschaftliche Bildfeld ist für die Zuhörer Jesu einfach sehr lebensnah und wird deshalb mehrfach verwendet.
Das Säen von Samen auf einen Acker ist das Säen des Wortes Gottes auf die Menschen. Der Mann ist in dieser Situation Jesus, der seine Verkündigung an die gekommenen Menschen richtet. Diese sind somit der Acker. Später werden Jesu Jünger zu den säenden Menschen und Jesu Testament wird der Same sein, den sie auf den Acker der ganzen Welt streuen. Wir können dieses Bild auch auf Gott übertragen. Er ist der säende Landwirt, der seinen Sohn, das fleischgewordene Wort Gottes auf die Erde sät, damit er Frucht bringe in der Welt, die der Acker ist. So bricht das Reich Gottes auf dem Acker an. Dabei muss das Korn sterben, damit es reiche Frucht bringt. Es könnte also schon als Passionsbild gedeutet werden: Gott hat seinen einzigen Sohn für uns, den Acker hingegeben, damit wir gerettet werden. Jesus ist ja das Reich Gottes in Person. Es ist auch moralisch deutbar: Wir alle werden so zu säenden Menschen. Was wir säen, wächst, entwickelt sich und trägt Früchte, ohne dass wir nach dem Säen den weiteren Verlauf beeinflussen können. Die Früchte, die wir ernten, können dabei gut oder schlecht sein. Nicht umsonst heißt es, „ernten, was wir säen“. Das Wort, das wir zu anderen sprechen, kann so vieles bewirken – sowohl Gutes als auch Schlechtes. Was wir Gutes säen und was sich vermehrt, ist der Aufbau des Reiches Gottes. Schließlich ist es anagogisch zu deuten: Gott sät uns in diese Welt, die der Acker ist. Am Ende wird er uns ernten und je nachdem, ob wir gute oder schlechte Früchte geworden sind, trägt er uns in die Scheune oder ins Feuer. Die Sammlung der guten Früchte und das Erntefest, das nun gefeiert werden kann mit diesen Früchten, ist das Reich Gottes, das Himmelreich. Das Bild der Ernte ist in der Bibel oft eine Metapher für die Endzeit.
In der Evangelisierung ist es oft so, dass wir den Anfang machen, aber den weiteren Verlauf nicht mehr mitbekommen. Vielleicht erfahren wir noch von den Früchten, vielleicht aber auch nicht. Ich habe viele solcher Fälle erlebt. Da hat man eine Bemerkung gemacht oder ein kurzes Wort mit jemandem gesprochen und nicht geahnt, wie viel es bei dem Anderen ins Rollen gebracht hat. Eine lange Zeit später hat man diese Person wieder getroffen und sie ist ein ganz anderer Mensch geworden – ein brennender Christ. Wie es sich in der Zwischenzeit entwickelt hat, hat man nicht mitbekommen.
Ab Vers 30 bringt Jesus dann ein weiteres Gleichnis aus dem landwirtschaftlichen Bereich. Das Reich Gottes ist wie ein Senfkorn. Sie werden ein solches vielleicht schon einmal in Händen gehalten haben. Es ist wirklich sehr klein und steht im Gegensatz zu der imposanten Größe der ausgewachsenen Staude, das anderen Lebewesen noch Schatten bietet. Mit diesem Bild möchte Jesus verdeutlichen, dass seine Verkündigung alles andere als imposant beginnt. Er ist zunächst allein, die ersten Jünger sind seine Eltern. Dann kommen nach und nach Menschen hinzu. Die Art und Weise, wie Jesus verkündet, ist schlicht und unkompliziert. Sein Kommen in diese Welt ist schon so unscheinbar gewesen, dass Herodes bei der Erwähnung seiner Geburt aus allen Wolken gefallen ist. Jesus wurde in einem armen Stall geboren. Der große Gott hat sich so klein gemacht, dass er als bedürftiges Baby den Menschen erschienen ist! Wenn das keine Senfkorn-Mentalität ist, was dann? Jesus ist nicht mit Pomp gekommen, er hat seine Verkündigung auch nicht spektakulär betrieben. Er kam einfach zum Jordan und stellte sich zu den anderen Menschen. Johannes sagte sogar: „Unter euch steht einer, den ihr nicht kennt.“ Er ging zu einzelnen Menschen und sagte „komm und folge mir nach“. Wer ihn ansprach, den nahm er kurzerhand mit nach Hause. Mit dieser Schlichtheit und Demut sollen auch seine Jünger evangelisieren. So ist auch das Christentum im ganzen Römischen Reich verbreitet worden. Es war ein Erzählen von Jesus Christus zwischen Tür und Angel, oft waren es Soldaten, Kaufmänner, Sklaven. Es war eine Weitergabe von Mensch zu Mensch, ganz unscheinbar. Und es ist so herangewachsen, dass es im 4. Jh. zur Staatsreligion im Römischen Reich geworden ist! Bis heute ist es die weltweit größte Religion der Welt mit den meisten Mitgliedern. Es ist wirklich zu einer riesigen Senfpflanze geworden. Was mit ein paar Jüngern begann, ist jetzt zur Weltreligion geworden. Das Evangelium von Jesus Christus ist wirklich bis an die Enden der Welt gekommen.

Ihre Magstrauss

Montag der 3. Woche im Jahreskreis

2 Sam 5,1-7.10; Ps 89,20-21.22 u. 25.26 u. 29; Mk 3,22-30

2 Sam 5
1 Alle Stämme Israels kamen zu David nach Hebron und sagten: Wir sind doch dein Fleisch und Bein. 
2 Schon früher, als noch Saul unser König war, bist du es gewesen, der Israel hinaus und wieder nach Hause geführt hat. Der HERR hat zu dir gesagt: Du sollst der Hirt meines Volkes Israel sein, du sollst Israels Fürst werden. 
3 Alle Ältesten Israels kamen zum König nach Hebron; der König David schloss mit ihnen in Hebron einen Vertrag vor dem HERRN und sie salbten David zum König von Israel. 
4 David war dreißig Jahre alt, als er König wurde, und er regierte vierzig Jahre lang. 
5 In Hebron war er sieben Jahre und sechs Monate König von Juda und in Jerusalem war er dreiunddreißig Jahre König von ganz Israel und Juda.
6 Der König zog mit seinen Männern nach Jerusalem gegen die Jebusiter, die in dieser Gegend wohnten. Die Jebusiter aber sagten zu David: Du kommst hier nicht herein; vielmehr werden dich die Lahmen und die Blinden vertreiben. Das sollte besagen: David wird hier nicht eindringen. 
7 Dennoch eroberte David die Burg Zion; sie wurde die Stadt Davids.
10 David wurde immer mächtiger und der HERR, der Gott der Heerscharen, war mit ihm. 

Wir befinden uns nun im zweiten Samuelbuch und hören weiterhin aus dem Markusevangelium. Nachdem David so einiges hat über sich ergehen lassen durch den eifersüchtigen König Saul, wird er erneut zum König gesalbt und schließt mit den Ältesten der gesamten zwölf Stämme Israels einen Vertrag. Dieses wichtige Ereignis geschieht in Hebron, was kein Zufall ist. Dort sind die Väter begraben, wir denken besonders an die Patriarchen, die Israel begründen – Abraham der Stammvater mit seiner Frau Sarah, Jakob, den Vater der zwölf Söhne, die die zwölf Stämme begründen, Isaak, dessen Vater, der ihm den Erstgeburtssegen verliehen hat. David wird nun zum König über alle Stämme und seine Herrschaft gründet auf dem, was diese großen Gestalten grundgelegt haben.
Es ist auch kein Zufall, dass die Gesamtzeit seiner Königsherrschaft 40 Tage beträgt, dass er mit 30 das Königtum antritt und dass die Herrschaft in Juda 33 Jahre beträgt. Er ist Typos Christi. Jesus ist 30, als er seine öffentliche Verkündigung vom Reich Gottes beginnt. Er ist 33 Jahre alt, als er in Juda aufgrund der Gotteslästerung „König der Juden“ hingerichtet wird. Diese Zahlensymbolik ist nicht ausgedacht, wie gerne behauptet wird (so als ob man die 40 Jahre Gesamtherrschaft den 40 Jahren der Wüstenwanderung angleichen wolle). Gott lässt das alles zu, damit die Juden sein Wirken und seine Salbung erkennen. David ist der rechtmäßige, von Gott eingesetzte König. Zu Beginn seiner Herrschaft regiert er von Hebron aus, weil in Jerusalem die Jebusiter wohnen. Nach mehr als sieben Jahren erobert er Zion und herrscht von da an 33 Jahre von Jerusalem aus. Im Nachhinein wird die besondere Bedeutung der Stadt Jerusalem als Regierungssitz offenbar – der Messias als Sohn Davids wird „König sein“ in Jerusalem. Davids Macht wächst. Gott steht ihm bei, das heißt Davids Erfolg geht auf Gott zurück. Er ist es, der einen segnet, wenn man ihm gehorcht.
David ist gehorsam und ist deshalb in allem erfolgreich. Moralisch würden wir sagen, er ist im Stand der Gnade, weil er den Willen Gottes befolgt. An ihm sehen wir, wie es laufen sollte. Darin ist er Josef, dem Sohn Jakobs ähnlich. Auch er hat nicht nur alles gut gemeistert, was er begonnen hat, er hat sogar immer geglänzt. Dieser Erfolg ist auf Gott zurückzuführen, der ihn mit seinem Geist ausgestattet hat. Was Gott anrührt, kann nur exzellent sein, zu Gold werden. Das müssen wir auch für unser Leben beherzigen: Wenn wir aus der Gnade Gottes leben, wird uns alles gelingen, was wir zu tun haben. Das heißt nicht, dass wir Gottes Gnade beanspruchen können, um zu sündigen (ich kenne Menschen, die ihre esoterischen Gegenstände von einem Priester gesegnet haben und meinen, die esoterische Tat ist nun geheiligt). Natürlich geht das nicht. Wir sprechen hier von den Aufgaben, die wir erfüllen müssen, unsere täglichen Pflichten, unseren Beruf, unsere Begegnungen. Wenn wir mit Gottes Hilfe alles angehen, wird unser ganzes Leben zu Gold. Dann werden auch wir glänzen, denn eine Stadt, die auf dem Berg liegt, bleibt nicht verborgen. Alle Menschen werden an uns sehen, dass auf uns ein besonderer Segen liegt. Davon ausgehend werden sie fragen, wie wir das machen. Dann ist der Moment gekommen, von Jesus zu erzählen, von seiner Liebe, die uns immer die Kraft gibt, alles zu meistern. Immer, wenn wir versuchen, die Aufgaben unseres Lebens nur aus eigener Kraft zu meistern, geraten wir in eine Sackgasse. Das ganze Unternehmen ist der Versuch, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Das Leben ist oft so unkontrollierbar, dass wir schnell an unsere Grenzen geraten.
Wir müssen uns diese Gedanken auch als Kirche machen: Alles, was wir als Kirche angehen, wird zu Gold mit der Gnade Gottes. Wo die kirchlichen Grundvollzüge nicht mehr umgesetzt werden, verkommt alles Tun zu einem menschlichen Aktivismus, der geistlos ist. Wo der Sauerstoff ausgeht, stirbt der Organismus. Wir brauchen den Atem Gottes, der die Kirche an Pfingsten erst zum Leben erweckt hat – analog zur Erschaffung des ersten Menschen in Genesis, analog zur Auferstehung Jesu Christi. Hand in Hand mit Gottes Geist wird alles Tun zu einer exzellenten Tat, nicht damit wir uns als Kirche oder als Einzelpersonen dessen rühmen, sondern ganz und gar Gott die Ehre geben.

Ps 89
20 Einst hast du in einer Vision zu deinen Frommen gesprochen: Einem Helden habe ich Hilfe gewährt, einen jungen Mann aus dem Volk erhöht. 
21 Ich habe David, meinen Knecht, gefunden und ihn mit meinem heiligen Öl gesalbt. 
22 Fest wird meine Hand ihn halten und mein Arm ihn stärken.
25 Meine Treue und meine Huld sind mit ihm und in meinem Namen erhebt er sein Haupt. 
26 Ich lege seine Hand auf das Meer und auf die Ströme seine Rechte.
29 Auf ewig werde ich ihm meine Huld bewahren, mein Bund mit ihm ist verlässlich. 

Heute beten wir erneut Psalm 89, den sogenannten Königspsalm. Er reflektiert die heutige Lesung, also das Königtum Davids. Die Frommen, von denen hier in Vers 20 die Rede ist, können wir auf Propheten wie Samuel beziehen, aber heute auch auf die Ältesten der zwölf Stämme Israels. Diese erkennen ja, dass David der rechtmäßige König sein muss. Er war bisher so erfolgreich bei den geführten Kriegen, dass Gott an seiner Seite sein muss. David bezeichnet sich selbst hier als „Held“, was aber kein Hochmutzeichen ist. Vielmehr bezieht er es zurück auf Gott, der ihn zum Helden gemacht hat. Er tut genau dies, womit wir bei der Betrachtung der Lesung geschlossen haben: Gott verhilft uns dazu, zu glänzen, nicht dass wir uns selbst rühmen, sondern ihm die Ehre geben – vor allem auch die Menschen um uns herum! David ist noch jung, wie er sich selbst hier nennt. Als er sein Königtum antritt, ist er 30 Jahre alt. Er hat schon in jungen Jahren Kriege geführt und stand viele Jahre im Dienst Sauls. Somit ist er mit seinen 30 Jahren schon ein gestandener Mann. Das hebräische Wort בָח֣וּר bachur bezeichnet dabei einen unverheirateten jungen Mann im heiratsfähigen Alter. Davids Berufung erfolgte, als er noch unverheiratet war. Wir betrachteten letzte Woche, dass der unverheiratete Stand bei seiner Berufung eine wichtige pädagogische Maßnahme bzw. ein zeichenhaftes Bild für die Israeliten damals und für uns heute ist. Mittlerweile ist David verheiratet und bekommt schon mehrere Kinder in Hebron, bevor er in Jerusalem weitere Kinder zeugt. Zuerst hat er eine Bindung mit Gott, zuerst kommt die Befolgung des Willens Gottes, dann kommt die Familiengründung. Das ist nicht nur chronologisch zu betrachten, sondern gerade auch als Prioritätensetzung.
David wurde „gefunden“ und mit Öl gesalbt. Das war vor allem bei der ersten Salbung durch Samuel der Fall, aber auch heute hören wir von einer Salbung – der endgültigen in Hebron. Durch die Salbung ist David gestärkt und wird getragen von der Hand Gottes, wie es Vers 22 voraussagt (hier stehen Zukunftsformen).
Gottes Treue und Huld sind mit ihm. Im Hebräischen werden diese Aspekte als Nominalsatz und als Partizipialkonstruktion formuliert. Was kompliziert klingt, hat einen einfachen Grund: Es wird immer gebraucht, wenn man einen anhaltenden Zustand und eine gewisse Zeitlosigkeit (zeitliche Ungebundenheit) ausdrücken möchte. Gottes Treue und Huld sind also jederzeit mit David. Diese Aussage hat weitreichende Folgen: Bald wird David nämlich einen ganz großen Fehler begehen, einen Ehebruch, eine fahrlässige Tötung, Lügereien, doch selbst dann wird Gott treu bleiben und sein Königtum nicht verwerfen. Warum? Weil David es bereuen wird, weil er Gott um Verzeihung bitten wird. Saul dagegen begeht die sogenannte Sünde „gegen den Hl. Geist“. Er vertraut nicht auf die wunderbare Vorsehung Gottes und bereut zuerst nicht, was er getan hat. Er nutzt die Kraft der Vergebung nicht, die Gott ihm anbietet. Deshalb wird er als König verworfen. Kurzzeitig berührt ihn die Barmherzigkeit Gottes zwar schon (z.B. wenn David ihn mehrfach verschont), doch er fällt immer wieder zurück in diesen verstockten Zustand. Dieser nimmt letztendlich auch die Überhand.
David erhebt wirklich sein Haupt in Gottes Namen. Er tut alles „in Gottes Namen“ und glänzt aus diesem Grund.
Das ist für uns ein gutes Beispiel: Wenn wir morgens aufwachen, sollten wir zuerst eine „gute Meinung“ machen, das heißt alles, was wir im Laufe des Tages tun, in Jesu Namen tun wollen und dies ihm auch bekunden. Dann wird unser ganzes Tun geheiligt, unsere Bemühungen nicht umsonst sein. Dann wird alles geistgewirkt sein und die Menschen werden den Unterschied merken, wir selbst übrigens auch. Es wird uns alles einfacher von der Hand gehen, weil wir die Rückendeckung Gottes spüren. Er verleiht uns das nötige Selbstbewusstsein, den Mut und auch die Gelassenheit. Auch als Kirche tun wir alles in Gottes Namen. Jegliche Gebete, jegliche liturgische Formen beginnen mit dem Kreuzzeichen „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes“.
„Auf ewig“ bleibt der Bund, den Gott mit David schließt. Auch wenn er Gott enttäuschen wird, bleibt Gott treu. Der Bund mit Gott ist verlässlich. Wenn es jemanden gibt, auf den sich David verlassen kann, dann ist es der Herr. Und er ist wirklich ein König, der ganz und gar auf Gott vertraut. Er hat eine so innige Gottesbeziehung, dass wir dies erstens mit Jesus vergleichen können, der wie David und noch viel mehr, nämlich wörtlich, Gott seinen Vater nennt. Zweitens können wir dies zum Vorbild für unser eigenes Gottesverhältnis nehmen.
Es gibt keinen Menschen, auf den wir uns zu 100 Prozent verlassen können. Irgendwann enttäuscht uns jeder Mensch, besonders jene, von denen wir am meisten erwarten. Nur einer enttäuscht uns nicht, Gott, der die Liebe ist. Er ist der vollkommen Verlässliche. Und doch vertrauen wir ihm oft zu wenig.

Mk 3
22 Die Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er ist von Beelzebul besessen; mit Hilfe des Herrschers der Dämonen treibt er die Dämonen aus. 
23 Da rief er sie zu sich und belehrte sie in Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben? 
24 Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. 
25 Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben. 
26 Und wenn sich der Satan gegen sich selbst erhebt und gespalten ist, kann er keinen Bestand haben, sondern es ist um ihn geschehen. 
27 Es kann aber auch keiner in das Haus des Starken eindringen und ihm den Hausrat rauben, wenn er nicht zuerst den Starken fesselt; erst dann kann er sein Haus plündern. 
28 Amen, ich sage euch: Alle Vergehen und Lästerungen werden den Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern mögen; 

29 wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften. 
30 Sie hatten nämlich gesagt: Er hat einen unreinen Geist.

Heute hören wir etwas sehr Wichtiges im Evangelium. Bisher lasen wir in den Ausschnitten aus Mk ja, dass Jesus viele Heilstaten tut, dass aus dem ganzen Land die Menschen zu ihm reisen. Durch seine Taten wird er überall als Messias erkannt/erahnt. Doch das gilt nicht für alle Menschen. Ausgerechnet die Schriftgelehrten aus Jerusalem, diejenigen, die die Hl. Schrift am besten kennen sollten, die die ganzen Anspielungen Jesu an die Verheißungen des AT am ehesten erkennen sollten, verstehen ihn nicht. Es ist noch schlimmer – sie unterstellen Jesus okkulte Kräfte. Sie, die die Geistbegabung beispielsweise eines König David am detailliertesten erklären können, sehen die offensichtliche antitypische Entsprechung zu Christus nicht. Stattdessen begehen sie die Sünde gegen den Hl. Geist. Sie verteufeln die Macht Gottes. Jesus treibe mithilfe okkulter Kräfte Dämonen aus. Warum sagen sie so etwas Unlogisches, das sie doch selbst nicht glauben können? Vielleicht aus Missgunst, denn Jesus treibt auch stumme Dämonen aus (davon lesen wir vor allem in anderen Evangelien) und diese kann laut jüdischer Tradition nur der Messias austreiben. Alle anderen Dämonen werden ansonsten auch von den Pharisäern exorziert. Die Stummheit eines Dämons ist insofern ein Hinderungsgrund für den jüdischen Exorzismus, weil die Erfahrung des dämonischen Namens ihn erst binden kann. Spricht der Dämon nicht, kann dies also nicht gelingen.
Wir kennen diese Situation leider auch heute. Ganz besonders die katholische Kirche muss sich immer wieder anhören, dass die Sakramente, die Sakramentalien, die Charismen, also alles, was der Hl. Geist bewirkt, okkult sei. Das wird vor allem von freikirchlichen Kreisen behauptet, die Analogien zu den Freimaurern entdecken, die viele okkulte Manifestationen kennen. Analogien liegen durchaus vor, aber die Schlussfolgerung ist falsch: Die Freimaurer sowie jegliche esoterische/okkulte Gruppen greifen urchristliche Symbolik, die Lehre der Kirche, selbst den Ablauf der Liturgie auf und pervertieren diese Dinge ins Dämonische. Die Manifestationen des Hl. Geistes werden teuflisch nachgeahmt. Aber zuerst ist Gott da. Die Freimaurer sind erst später entstanden. Zuerst ist das Pentagramm da, zuerst das Dreieck mit dem Auge, dann ist dies alles erst zweckentfremdet worden. Zuerst ist die Zungenrede, dann das dämonische Geplapper. Die Kraft des Hl. Geistes ist immer zuerst da.
Es ist sehr schmerzhaft, wenn man einerseits die wunderbaren Heilstaten Gottes in der Kirche erfährt – und gerade in der charismatischen Erneuerung wird man Zeuge von vielen vielen Krankenheilungen, von Exorzismen, von Charismen – andererseits diese Dinge dann von außen verteufelt werden. Die Verurteiler haben die Zeit der Gnade nicht erkannt. Wie kann etwas vom Teufel sein, wenn der Glaube wieder neu auflebt, wenn die Menschen nach vielen Jahrzehnten wieder beichten gehen und zu brennenden Christen werden? Der Satan kann Menschen in die Irre führen, indem er körperliche Heilungen imitieren kann. Aber die Seele kann kein Dämon heilen. Das ist das ausschlaggebende Indiz.
Jesus nimmt sich der Schriftgelehrten an. Er könnte sie öffentlich bloßstellen und sagen: „Also ernsthaft, IHR solltet meine ganzen Anspielungen doch am besten verstehen. Wo habt ihr denn die Hl. Schriften studiert?“ Aber er tut es nicht. Stattdessen legt er ihnen die unlogische Schlussfolgerung dar: Ein in sich gespaltenes Reich hat keinen Bestand. Nur die Einheit ist beständig. Wir sehen es bei König David. Sein Königreich hat deshalb Bestand, weil er erstens in Einheit mit Gott ist und sein „Haupt im Namen Gottes erhebt“, aus dieser Einheit heraus auch die Einheit der zwölf Stämme gewährleisten kann.
Jesus nennt einige Beispiele, bei denen Gespaltenheit den Untergang vorprogrammiert: Das Reich, von dem wir in der Lesung und im Psalm schon gehört haben, und die Familie, die die Zelle der Gesellschaft darstellt. In beiden Fällen ist Gott der Stifter von Einheit.
Analog dazu ist das Reich der Dämonen zu betrachten: Sind die Dämonen unter sich gespalten, haben sie keine Macht. Diese Spaltung setzen die Schriftgelehrten ja voraus, wenn Jesus unter dem Einfluss des einen Dämons die Dämonen in den anderen Menschen hinausjagt. Dann aber hätte Jesus nicht die Kraft, die anderen Dämonen auszutreiben. Es ist ein einziger Denkfehler.
Exorzismen sind Kämpfe, geistliche Schlachten innerhalb eines Hauses. Deshalb bringt Jesus den Vergleich mit einem Kampf eines Einbrechers mit dem Hausherrn. Das Haus ist die menschliche Seele, der Hausherr sind wir. Der Satan dringt wie ein Dieb in unser Haus ein, nicht gepflegt durch die Tür so wie Jesus, der höflich anklopft (Offb 3,20). Er muss zuerst uns selbst überwältigen. Was er besiegen muss, ist unseren freien Willen. Dann kann er mit uns treiben, was er will. Jesus bringt diesen Vergleich, um die Absurdität der Behauptung der Schriftgelehrten herauszustellen. Wie kann ein durch die Gespaltenheit geschwächter Dämon den Hausherrn überwältigen?
Jesus erklärt daraufhin die Sünde gegen den Hl. Geist, über den wir vorhin schon gesprochen haben. Sie verkennen Gottes Geist. In den Auferstehungserzählungen lesen wir davon, dass der auferstandene Jesus den Aposteln erscheint, sie anhaucht, ihnen sagt: „Empfangt den Heiligen Geist!“ und ihnen daraufhin die Vollmacht der Sündenvergebung überträgt („Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“). Wer den Geist Gottes leugnet, der leugnet die Vergebung Gottes. Nicht Gott selbst verweigert den Schriftgelehrten an dieser Stelle also die Vergebung, sondern sie selbst stellen sich quer. Deshalb formuliert Jesus diese drastischen Worte. Sie haben ihm eine Besessenheit unterstellt. Hüten wir uns davor, ebenfalls in dieses Missverständnis zu fallen. Gott ist es, auf den alles Gute zurückgeht. Er ist es aber nicht, ich betone NICHT, der das Böse in der Welt tut, der für unser Leiden verantwortlich ist. Er ist gut, nur gut. Wenn wir übernatürliche Dinge sehen, müssen wir unterscheiden, ob es von Gott oder vom Bösen kommt. Das ist auch berechtigt und sogar notwendig, heute mehr als je zuvor! Doch seien wir nicht von Eifersucht getrieben wie die Schriftgelehrten und unterstellen eindeutig geistbegabten Menschen okkulte Kräfte, um sie zu verunglimpfen. Damit beleidigen wir nämlich nicht nur sie, sondern noch vielmehr Gott selbst. Wo die Menschen näher zu Gott kommen, kann der Böse seine Finger nicht im Spiel haben.

Glauben wir an die Vergebung Gottes. Nehmen wir seine Barmherzigkeit an, so wie David es bald tun wird, wenn er so richtig einen Fehltritt begeht. Es ist nie zu spät, ihn um Verzeihung zu bitten, zumindest nicht bis zum Ende der Zeiten.

Ihre Magstrauss