6. Sonntag der Osterzeit

Apg 8,5-8.14-17; Ps 66,1-3.4-5.6-7.16 u. 20; 1 Petr 3,15-18; Joh 14,15-21

Apg 8
5 Philippus aber kam in die Hauptstadt Samariens hinab und verkündete dort Christus.

6 Und die Menge achtete einmütig auf die Worte des Philippus; sie hörten zu und sahen die Zeichen, die er tat.
7 Denn aus vielen Besessenen fuhren unter lautem Geschrei die unreinen Geister aus; auch viele Lahme und Verkrüppelte wurden geheilt.
8 So herrschte große Freude in jener Stadt.
14 Als die Apostel in Jerusalem hörten, dass Samarien das Wort Gottes angenommen hatte, schickten sie Petrus und Johannes dorthin.
15 Diese zogen hinab und beteten für sie, dass sie den Heiligen Geist empfingen.
16 Denn er war noch auf keinen von ihnen herabgekommen; sie waren nur getauft auf den Namen Jesu, des Herrn.
17 Dann legten sie ihnen die Hände auf und sie empfingen den Heiligen Geist.

In der ersten Lesung hören wir einen Abschnitt, auf den die Lesungen der letzten Wochen ab und zu verwiesen haben – die Samariamission des Philippus.
Es handelt sich bei diesem Missionar um einen der sieben Diakone der Jerusalemer Urgemeinde. Es ist derselbe Philippus, der den äthiopischen Kämmerer zu Christus führen wird und der dann nach Aschdod entrückt wird.
Er missioniert Samaria, die Gegend, die quasijüdisch ist, im Grunde aber synkretistisch (die Samaritaner mischen jüdische und heidnische Elemente zusammen und haben auch ein gewisses Maß an Aberglauben), wurde schon von Christus selbst zum Glauben geführt, zumindest die Bewohner Sychars nach der Begegnung Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen. Das Evangelium Jesu Christi ist also schon in das Gebiet hineingekommen und die Menschen so auf die Mission des Philippus vorbereitet worden. Er wirkt in der Hauptstadt Samariens, die zuvor Samaria hieß, seit dem Wiederaufbau durch Herodes d. Gr. aber Sebaste genannt wird.
Wie zu Jesu Zeiten sind die Bewohner Samarias sehr offen für die Botschaft (mit Samaria ist zu jener Zeit das Gebiet, nicht die Stadt Samaria gemeint). Sie werden Zeugen von Zeichen, die Philippus im Namen Jesu vollbringt. In Vers 7 werden solche Zeichen konkret aufgezählt: Exorzismen, Heilungen von Lahmen und Verkrüppelten. Durch den Diakon heilt Christus die Samaritaner seelisch und körperlich. Dies sorgt für große Freude in der ganzen Stadt.
Philippus ist ein Diakon. Er kann einiges bewirken, hat aber nicht die sakramentale Vollmacht wie die eines Bischofs. Als die Nachricht über die Bekehrungen Samariens die Apostel der Jerusalemer Urgemeinde erreicht, reisen Petrus und Johannes dorthin. Dort beten sie mit den Bekehrten um die Gabe des Heiligen Geistes. Als Diakon konnte Philippus sie schon auf den Namen Jesu Christi taufen, die Firmung aber nicht spenden. Dies können nur jene, die den höchsten Weihegrad innehaben, die Bischöfe und die Apostel. So legen Johannes und Petrus den Anwärtern die Hände auf, damit diese den Heiligen Geist empfangen.

Ps 66
1 Für den Chormeister. Ein Lied. Ein Psalm. Jauchzt Gott zu, alle Länder der Erde!
2 Spielt zur Ehre seines Namens! Verherrlicht ihn mit Lobpreis!
3 Sagt zu Gott: Wie Ehrfurcht gebietend sind deine Taten; vor deiner gewaltigen Macht müssen die Feinde sich beugen.
4 Alle Welt bete dich an und singe dein Lob, sie lobsinge deinem Namen!
5 Kommt und seht die Taten Gottes! Ehrfurcht gebietend ist sein Tun an den Menschen:
6 Er verwandelte das Meer in trockenes Land, sie schreiten zu Fuß durch den Strom; dort wollen wir uns über ihn freuen.
7 In seiner Kraft ist er Herrscher auf ewig; seine Augen prüfen die Völker. Die Aufsässigen können sich gegen ihn nicht erheben.
16 Alle, die ihr Gott fürchtet, kommt und hört; ich will euch erzählen, was er mir Gutes getan hat.
20 Gepriesen sei Gott; denn er hat mein Bittgebet nicht unterbunden und mir seine Huld nicht entzogen.

Die Bekehrung der Samaritaner ist ein Grund zur Freude und zum Lobpreis. Wie viele Jahrhunderte gab es Spannungen zwischen ihnen und den Juden! Der Glaube an Jesus Christus vereint sie nun wieder!
Der Psalm beginnt mit einer Lobaufforderung an alle Länder der Erde mit instrumentaler Begleitung („Spielt zur Ehre seines Namens!“). Die Wendung כָּל־הָאָֽרֶץ kol-ha’arez muss wörtlich eigentlich mit „das ganze Land“ oder „die ganze Erde“ übersetzt werden. Es umfasst also entweder einen weltweiten Lobpreis oder den Lobpreis des ganzen Volkes Israel mit allen seinen Stämmen – auch jenen, aus denen das Nordreich entstand, das nach dem babylonischen Exil zum minderwertigen Samarien wurde. Es freue sich nun das ganze Volk Israel vor dem Hintergrund der erfolgreichen Mission, wie in der Apostelgeschichte berichtet!
Gottes Taten sind wahrhaft „Ehrfurcht gebietend“, denn er hat durch den Diakon Philippus große Heilszeichen erwirkt wie den Exorzismus und die Krankenheilung. Gott hat bereits im Volk Israel viele Heilszeichen erwirkt, er hat das ganze Volk aus Ägypten herausgeführt und die Ägypter mit zehn Plagen geschlagen. Er hat das Meer geteilt und das Volk ganze vierzig Jahre in der Wüste am Leben erhalten, schließlich ins verheißene Land geführt und zur Entstehungszeit des Psalms König David mit militärischen Siegen beschenkt. Das größte Heilszeichen hat Gott dann auf der Höhe der Zeit erwirkt, die eigene Menschwerdung! Er hat sich ans Kreuz schlagen lassen, um die Erlösung der gesamten Menschheit aller Zeiten zu erwirken. Vor diesem Heilszeichen kann der Feind sich wirklich nur beugen! So hat der Tod kapituliert, als Christus am dritten Tage von den Toten auferstanden ist.
Die ganze Welt soll ihn anbeten, denn die ganze Welt ist erlöst. Aus dem Grund hat Jesus vor seiner Himmelfahrt seinen Jüngern die weltweite Mission aufgetragen. Dieses Heil soll jedem Menschen zugänglich gemacht werden.
Ein erster Moment dieser weltweiten Anbetung trägt sich im Stall von Betlehem zu. Dort sind es die Magoi aus dem Osten als Stellvertreter der Heiden und der „Enden der Erde“, die Gott anbeten in dem kleinen hilflosen Kind.
„Kommt und seht die Taten Gottes!“ Ist ein Aufruf, der heute besonders den Samaritanern gilt. Sie sehen mit eigenen Augen die überwältigenden Heilszeichen, durch die sie nicht anders können, als in Ehrfurcht zu ihm zu leben.
Der wörtliche Sinn dieser Verse ist zunächst auf die Heilszeichen Gottes am Volk Israel zu beziehen. So wird das Teilen des Roten Meeres angedeutet. Die Rettung des Volkes durch das Wasser hindurch ist zugleich Typos für die Taufe. Petrus greift diese typologische Verbindung in seinen Briefen auf und erklärt, dass das Volk des Neuen Bundes auch durch das Wasser hindurch gerettet wird, nämlich durch das Wasser der Taufe. So wird nicht mehr die Rettung des irdischen, sondern des ewigen Lebens erwirkt. Und auch am Wasser der Taufe wollen wir uns freuen mit denen, die gerettet worden sind! Heute freuen sich die Apostel und Philippus zusammen mit den Samaritanern, die im Heiligen Geist wiedergeborenen sind zum ewigen Leben.
Gott ist Herrscher des Himmels und der Erde. Ihm entgeht nichts und er prüft die Völker. Er prüft aber auch das Herz jedes einzelnen Menschen und wenn wir dann vor ihm stehen, wird er von uns Rechenschaft verlangen. Dass Gott alles sieht, soll uns nicht als Bedrohung gelten, sondern als Zuspruch und Einladung zur absoluten Geborgenheit in Gott. Er weiß um alles und kennt unser Leben. Er weiß, was wir durchmachen und was uns im Innersten umtreibt. Er kennt uns besser, als wir uns selbst kennen. Deshalb kann er uns auch helfen, selbst wenn wir seine Maßnahmen in den jeweiligen Momenten nicht verstehen.
Die Aufsässigen, seine Feinde können gegen ihn nichts ausrichten, weil er der Allmächtige ist. Der Tod kann Christus nicht festhalten, der der Auferstandene ist. Der Tod kann auch uns nichts anhaben, die wir vielleicht noch biologisch sterben müssen, seelisch aber auf ewig weiterleben.
Vers 16 klingt sehr liturgisch, denn die Schar von Gläubigen wird aufgefordert, dem Glaubenszeugnis des Psalmisten zu lauschen. Es ist wie die Verkündigung des Evangeliums durch Philippus. Dieser Vers hätte auch aus seinem Mund kommen können, als er in Sebaste die Aufmerksamkeit der Bewohner auf sich zog.
Gott sei gepriesen, weil er die Bittgebete nicht unterbindet. Wir dürfen ihn um alles bitten. Jesus sagt ganz explizit: „Wer bittet, dem wird gegeben, wer anklopft, dem wird aufgetan.“ Er möchte, dass die Menschen den Vater voller Vertrauen bitten und ihm danken, als ob er es ihnen schon gewährt hat. In diesem Sinne lehrte er den Jüngern das Vaterunser, das wir bis heute als den Kern unseres Gebetslebens betrachten. Er erweist allen Menschen seine Huld – egal, ob Juden, Samaritanern oder Heiden.

1 Petr 3
15 heiligt vielmehr in eurem Herzen Christus, den Herrn! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt;
16 antwortet aber bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen, damit jene, die euren rechtschaffenen Lebenswandel in Christus in schlechten Ruf bringen, wegen ihrer Verleumdungen beschämt werden.
17 Denn es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für böse.
18 Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, ein Gerechter für Ungerechte, damit er euch zu Gott hinführe, nachdem er dem Fleisch nach zwar getötet, aber dem Geist nach lebendig gemacht wurde.

In der zweiten Lesung hören wir wieder einen Ausschnitt aus dem ersten Petrusbrief. Die heutigen Verse schließen sich an eine sogenannte Haustafel und an eine ethische Unterweisung aller Christen an. Mit „Haustafel“ ist die Richtschnur einer bestimmten Gemeinschaft oder eines Standes gemeint, die die in ihr Lebenden ethisch unterweist. Die hier vorliegende Haustafel beginnt schon in Kapitel 2 und zieht sich weiter in das dritte Kapitel. Es geht um das rechte Verhalten von Sklaven im Haushalt und dann um das rechte Verhalten in einer Ehe.
So ist der heutige Abschnitt der zweiten Lesung paränetisch geprägt, also auch voller ethischer Anweisungen.
Wir alle, die wir getauft sind, sollen Christus in unserem Herzen heiligen. Petrus sagt dies vor allem zu jenen, die um des Himmelreiches willen leiden müssen. Die spricht er unmittelbar vor unserem heutigen Abschnitt an. Auch wenn diese äußerlich leiden müssen und ihnen sogar das irdische Leben genommen wird, sollen sie ihr Herz als „heiligen Boden“ bewahren, dem Ort der Gegenwart Gottes, den Nichts verunreinigen darf. Darin sagt er das, was Paulus im ersten Korintherbrief anspricht – den Tempel des Heiligen Geistes.
Wenn Menschen uns nach Gott fragen, sollen wir ihnen stets Rede und Antwort stehen. Dann ist es unsere Chance, den Missionsauftrag Jesu umzusetzen. Wer Offenheit zeigt, dem sollen wir mit dem Evangelium Jesu Christi entgegenkommen. Philippus hat in der ersten Lesung diese Offenheit zu spüren bekommen, als er in Samaria das Wort Gottes verkündete. So hat er den Auftrag Jesu umgesetzt und die Samaritaner zu Jüngern Jesu Christi gemacht.
Wichtig ist dabei aber auch, wie man das Wort Gottes verkündet. Dieses Wie ist ausschlaggebend für den Missionserfolg. Die Bescheidenheit und Ehrfurcht vor dem Verkündeten zeigt den Zuhörern, dass die Botschaft selbst wahr ist. Wer überheblich daherkommt und meint, das Wort Gottes zu besitzen, wird keine Herzen mit dem Evangelium berühren. Die Bescheidenheit ist eine Weseneigenschaft, die der Demut und Einfachheit Gottes gleichkommt. Der Schüler ist nicht höher als sein Meister. Wenn Jesus die Fußwaschung an seinen Aposteln vornimmt, was ein Sklavendienst ist, können seine Jünger nicht plötzlich eine Stellung anstreben, die dem Sklaven höhergestellt ist. Jesus ist in einer einfachen Höhle inmitten von Stalltieren geboren worden. Er hat ein einfaches Leben gelebt. Er ist die Personifikation von Bescheidenheit. Dabei geht es nicht nur einfach um äußere Umstände, sondern um eine innere Haltung der Einfachheit, eine Freiheit von irdischen Gütern, die man vielleicht besitzt.
Die Ehrfurcht als angestrebte Haltung von Missionaren soll den Menschen verdeutlichen, dass der Verkünder des Evangeliums selbst von dieser Botschaft berührt ist und Gott dafür von Herzen dankt, der zugleich Respekt hat vor diesem allmächtigen Herrscher des Himmels und der Erde, der ein schwaches Geschöpf wie ihn als Werkzeug des Heils gebraucht.
Mit so einer Haltung hat man ein reines Gewissen vor den Gegnern und kann nicht beschämt werden durch deren Vorwürfe. Solche entpuppen sich dann nämlich als Verleumdungen, die auf die Gegner selbst zurückfallen werden. Wenn man das Wort Gottes verkündet, muss das Gewissen eine reine weiße Wand darstellen, auf dem kein Fleck vorhanden ist. Dann ist man immun gegen die Angriffe der Gegner. Es ist nur so, dass kein Mensch ganz reinen Gewissens ist. Jeder lässt sich etwas zuschulden kommen und wird dadurch angreifbar. Und dennoch muss die Bemühung dasein, das Gewissen so rein wie möglich zu halten.
Und dann sagt uns Petrus etwas sehr Wichtiges: Leiden hat unterschiedliche Ursachen und das Annehmen dieser Leiden hat unterschiedliche Qualitäten. Wenn man trotz eines reinen Gewissens leiden muss (wie im Falle eines Missionars und seiner Gegner), dessen Akzeptanz des Leidens hat einen hohen Stellenwert. Sie bringt reiche Frucht, um es mit Jesu Worten zu sagen. Wer leidet aufgrund eigenen Verschuldens, der leidet verdient und es ist die Sühne des eigenen Vergehens. Das ist kein Leiden, das Gott dem Menschen auferlegt hat, sondern ein selbstgemachtes Kreuz.
Das Leiden um des Himmelreiches willen (also für gute Taten) leitet sich vom Leiden Jesu Christi ab, der als der Gerechte schlechthin für die Ungerechten gestorben ist, auf dass diese gerettet werden können.
„Dem Fleisch nach getötet“ heißt in dem Kontext nicht, dass sein irdisches Leben durch Gewalt beendet worden ist, also sein Körper. „Fleisch“ und „Geist“ bezieht sich nicht auf Körper und Seele, sondern auf die gefallene Schöpfung (Fleisch) und die Gnade Gottes/die neue Schöpfung (Geist). So ist auch mit „dem Geist nach“ nicht seine Seele gemeint. Diese Formulierung würde ja auch implizieren, dass seine Seele tot war und dann lebendig gemacht worden ist.
Vielmehr bedeutet der Satz, dass Jesus von der gefallenen Schöpfung umgebracht worden, durch die Gnade Gottes aber auferstanden ist. Er ist der Anfang der neuen Schöpfung und ist deshalb nicht im Tod geblieben. Er ist sogar mit Leib und Seele in den Himmel eingegangen.
In dieser heutigen Konstellation der Lesungen erscheint der erste Petrusbrief als Handbuch des Philippus, der mit diesen ethischen Unterweisungen die Missionsreise nach Samaria unternimmt und im Anschluss an den Missionserfolg mit den Bekehrten den Psalm betet.

Joh 14
15 Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.
16 Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll,
17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird.
18 Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch.
19 Nur noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet.
20 An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch. 21 Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

Im Evangelium hören wir heute einen Abschnitt aus der ersten Abschiedsrede, die uns unter der Woche schon begegnet ist. Der heutige Abschnitt ist aber bisher nicht verlesen worden, aber ein wunderbarer Text, der den Bogen der bisherigen Lesungen schließt.
Die Gottes- und Nächstenliebe der vergangenen Woche aus der zweiten Abschiedsrede wird nun auch hier in Vers 15 angeschnitten: Aus Gottesliebe werden die Jünger seine Gebote halten. Sie sollen dies nicht, sie werden dies. Das ergibt sich aus der Liebe von selbst. Wer einen Menschen liebt, möchte alles für ihn tun, auch wenn es über die eigene Komfortgrenze hinausgeht. Man möchte den geliebten Menschen nicht verletzen, was die Sünde/die Übertretung der Gebote aber mit Gott macht – ihn beleidigen. Wer Gott liebt, möchte keinen Streit mit ihm. Und Gott verlangt nichts, was dem Menschen schadet. Im Gegenteil: Was Gott in den Geboten verlangt, garantiert das glückliche Leben des Menschen.
Jesus verabschiedet sich in den Reden von seinen Jüngern. Er gibt ihnen sein Testament mit auf den Weg und weil er bald von ihnen gehen wird, verspricht er ihnen den Beistand, den Heiligen Geist. Dieser wird immer bei ihnen sein. Vor dem Hintergrund der beiden Lesungen können wir das absolut unterstreichen. Der Geist Gottes wirkt durch die Apostel im Sakrament der Firmung und zuvor schon durch den Diakon Philippus. Es ist dieser Geist, der ihm beisteht bei der Mission, bei den Heilungen und Exorzismen.
Dieser Geist ist nicht nur ihr Beistand, sondern auch ihr Lehrer. Er wird sie nichts Neues lehren, sondern sie immer tiefer verstehen lassen, was Jesus seinen Jüngern in den drei Jahren ihres gemeinsamen Lebens gelehrt hat. Wie oft lesen wir in den Evangelien davon, dass die Jünger Jesus gar nicht verstehen, selbst sein engster Jüngerkreis nicht. Der Geist Gottes hilft ihnen, im Nachhinein diese Dinge zu begreifen und in den größeren Zusammenhang zu setzen.
Weil der Geist sie in alle Wahrheit einführen wird, ist er der Geist der Wahrheit. Jesus erklärt ihnen, dass auch wenn dieser Geist sie erfüllen und bei ihnen wohnen wird, die Welt (das heißt die gefallene Schöpfung) ihn nicht kennt. Diese ist ja nicht umfassend von ihm erfüllt. Durch diese Bemerkung möchte Jesus seine Apostel darauf vorbereiten, dass sie sich in der Welt fremd fühlen werden und Verständigungsprobleme ein Hindernis bei der Mission sein würden.
Und dann spricht Jesus sehr eucharistisch. Er sagt, dass er seine Apostel nicht als Waisen zurücklässt. Er muss gehen, wird aber zu ihnen kommen. Das kann man einerseits auf den Tod und die Auferstehung beziehen und so werden es seine Jünger vielleicht auch aufgegriffen haben, während sie sich nach seinem Tod in einem Raum verschanzten. Zugleich müssen wir den Kontext der Abschiedsrede berücksichtigen. Jesus hält sie im Anschluss an das letzte Abendmahl, in dem er die Eucharistie eingesetzt hat. So verstehen wir seine Worte als eucharistische Zusage. In jede Heilige Messe ist Jesus bereit, zu den Feiernden zu kommen in den eucharistischen Gestalten von Brot und Wein. Er ist auch bereit, zu den Gläubigen ins Herz zu kommen im Leib Christi, bei ihnen zu bleiben und sie von innen her ganz zu erfüllen. So bestimmt er auch hier gesamtes Handeln in ihrem Leben. Und am Ende der Zeiten kommt Jesus zu seinen Jüngern zurück, dann nicht mehr mit verborgener Göttlichkeit, sondern als verherrlichter Menschensohn.
Jesus sagt, dass die Welt Jesus nach kurzer Zeit nicht mehr sehen wird, die Jünger aber schon. Dies bezieht sich nicht auf seinen Tod, denn auch die Jünger werden ihn dann nicht mehr sehen. Man könnte es höchstens auf das Osterereignis insofern beziehen, als der Auferstandene seinen Aposteln und weiteren Jüngern erscheinen wird, der Rest der Welt ihn in dieser Gestalt aber nicht mehr sehen wird. Das ist aber nicht alles. Jesus meint es auch bezogen auf die Eucharistie. Jesus wird leben und in den eucharistischen Gaben den Menschen sichtbar werden. Jene, die der Eucharistie beiwohnen, werden ihn sehen – seine Jünger. Es bezieht sich aber auch auf das ewige Leben nach dem Tod und am Ende der Zeiten. Sehen werden ihn unverhüllt und in seiner ganzen Herrlichkeit zwar alle Menschen bei seiner Wiederkunft, doch mit ihm in Gemeinschaft leben werden nur jene, die in das Himmelreich eingehen dürfen – seine Jünger. Dann ist mit der Aussage Jesu an dieser Stelle das ewige Leben gemeint, das nicht nur ihm vorbehalten ist, sondern allen, die zur neuen Schöpfung gehören werden durch den Heiligen Geist.
In dieser Hinsicht verstehen wir dann auch den nächsten Vers, wo von „jenem Tag“ die Rede ist. Dann werden die Apostel ganz erkennen, was Jesus die ganze Zeit damit meinte, als er von der Einheit mit dem Vater gesprochen hat und von der Gemeinschaft zwischen den Jüngern und ihm selbst. Sie werden dann den Zustand erleben, zu dem sie überhaupt geschaffen worden sind: Zur Liebeseinheit, die Gott in sich ist, einbezogen zu werden. Die Apostel werden nie eins mit Gott werden in der Hinsicht, dass sie vergöttlicht werden. Sie werden Menschen bleiben, aber in ewiger Gemeinschaft mit Gott.
„Wer die Gebote hat und sie hält“ ist auf jene zu beziehen, denen die Gebote Gottes offenbart worden sind. Ihnen sind sie gegeben worden, also haben sie sie nun. Die Gebote Gottes sind in der Person Jesu Christi offenbart worden. Dieser kehrt in seiner Rede zum Zusammenhang von Gottesliebe und Halten der Gebote. Der Vater und der Sohn werden jene lieben und sich jenen offenbaren, die die Gebote Gottes halten. Das können wir in dem Zusammenhang des heutigen Evangeliums nun eschatologisch verstehen, das heißt auf die Ewigkeit hin: Gott liebt den Menschen ja, bevor dieser ihn zurücklieben kann. Er liebt zudem alle Menschen und stellt dazu nicht die Bedingung, dass nur die Gehorsamen von ihm geliebt werden. Er ist ja gerade für die Ungehorsamen gestorben, damit diese erlöst würden. Jesus sagte: „Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken.“ Wenn es hier also zukünftig formuliert ist, muss es etwas Neues andeuten: Es geht um die Liebesgemeinschaft im Himmelreich. Da wird eine neue Dimension von Liebe erreicht – die ewige Hochzeit des Lammes! Da wird sich Christus auch als der Verherrlichte offenbaren, ganz unverhüllt, nicht mehr in den Gestalten von Brot und Wein.

Heute hören wir sehr viel von einem Weg des Kennenlernens und Liebens Gottes. Wir hören vom ersten Kennenlernen bei der Mission des Philippus, von der Geistgabe bei der Firmung und dem dadurch vertieften Verständnis der Wahrheit, von der Nachfolge und Standhaftigkeit bei der Weitergabe dieser Wahrheit, von der innigen Verbundenheit der Apostel mit dem irdischen Jesus, der sie für kurze Zeit verlassen muss, als Auferstandener aber wiederkommt und sie auch nach der Himmelfahrt nicht verlässt. Im Gegenteil: Er lässt sich dadurch noch viel intimer erleben in der Eucharistie, bei der die Jünger ihn mit Leib und Seele aufnehmen, gleichsam absorbieren dürfen. Und schließlich wird schon der Endpunkt thematisiert, bei dem die ewige Gemeinschaft der Gläubigen mit der Liebeseinheit von Vater und Sohn im Himmelreich angekündigt wird, die ewige Hochzeit des Lammes. Es ist ein Weg bis zur absoluten Vereinigung (ohne Vergöttlichung). Gott zieht die Menschen an sich. Diese Linie erkennen wir in den gesamten Texten des heutigen Sonntags.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 5. Osterwoche

Apg 15,7-21; Ps 96,1-2.3 u. 10; Joh 15,9-11

Apg 15
7 Als ein heftiger Streit entstand, erhob sich Petrus und sagte zu ihnen: Brüder, wie ihr wisst, hat Gott schon längst hier bei euch die Entscheidung getroffen, dass die Heiden durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und zum Glauben gelangen sollen.

8 Und Gott, der die Herzen kennt, hat dies bestätigt, indem er ihnen ebenso wie uns den Heiligen Geist gab.
9 Er machte keinerlei Unterschied zwischen uns und ihnen; denn er hat ihre Herzen durch den Glauben gereinigt.
10 Warum stellt ihr also jetzt Gott auf die Probe und legt den Jüngern ein Joch auf den Nacken, das weder unsere Väter noch wir tragen konnten?
11 Wir glauben im Gegenteil, durch die Gnade Jesu, des Herrn, gerettet zu werden, auf die gleiche Weise wie jene.
12 Da schwieg die ganze Versammlung. Und sie hörten Barnabas und Paulus zu, wie sie erzählten, welch große Zeichen und Wunder Gott durch sie unter den Heiden getan hatte.
13 Als sie geendet hatten, nahm Jakobus das Wort und sagte: Brüder, hört mich an!
14 Simon hat berichtet, dass Gott selbst zuerst darauf geschaut hat, aus den Heiden ein Volk für seinen Namen zu gewinnen.
15 Damit stimmen die Worte der Propheten überein, die geschrieben haben:
16 Danach werde ich mich umwenden und die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten; ich werde sie aus ihren Trümmern wieder aufrichten und werde sie wiederherstellen,
17 damit die übrigen Menschen den Herrn suchen, auch alle Völker, über denen mein Name ausgerufen ist – spricht der Herr, der das ausführt,
18 was ihm seit Ewigkeit bekannt ist.
19 Darum halte ich es für richtig, den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden; 20 man weise sie nur an, Verunreinigung durch Götzenopferfleisch und Unzucht zu meiden und weder Ersticktes noch Blut zu essen.
21 Denn Mose hat seit alten Zeiten in jeder Stadt seine Verkünder, da er in den Synagogen an jedem Sabbat verlesen wird.

Gestern hörten wir bereits von den Streitigkeiten bei der Frage nach der Heilsnotwendigkeit der Beschneidung. Die judäer Christen befürworteten sie und sprachen sich in Antiochia bei ihrem Besuch dafür aus. Die Heidenchristen lehnen sie aber ab und so reisen Barnabas und Paulus nach Jerusalem, um die Streitfrage vor der höchsten Autorität, den Aposteln, darzulegen. Wir hörten dann davon, dass die Apostel und Ältesten gemeinsam über die Sache nachdenken.
Heute entfacht über die Beschneidungsfrage ein großer Streit. Wenn es hier heißt, dass er „heftig“ ist, müssen wir uns im orientalischen Kontext wirklich eine hitzige Diskussion vorstellen…da ging es richtig laut und temperamentvoll zu.
Inmitten dieser heftigen Auseinandersetzung ergreift Petrus das Wort und fungiert wieder als Vermittler und Diplomat zwischen den Parteien: Er erinnert die Anwesenden daran, dass nicht sie die Entscheidung treffen, sondern Gott. Er hat schon längst seinen Willen bei dieser Sache und Petrus diesen auch kundgetan. Er deutet das zweite Pfingsten von Caesarea im Hause des Kornelius an, bei dem Gott ihm auftrug, den Heiden das Evangelium zu verkünden. Durch ihn sollten sie zum Glauben an Jesus Christus kommen. Die Ausgießung des Heiligen Geistes über die Heiden im Haus des Kornelius bestätigt Gottes Auftrag an Petrus.
Petrus erklärt, dass Gott keinen Unterschied zwischen den Pfingstereignissen gemacht hat, sondern dass es ihm um die Herzenshaltung der Anwesenden ging. Dies soll den Anwesenden klarmachen, dass sie den Heiden nun nicht mehr auferlegen sollten als Gott selbst, der von ihnen keine Beschneidung für das Pfingstereignis vorausgesetzt hat.
Petrus erinnert die Anwesenden auch daran, dass nicht ihr eigenes Tun, sondern die Gnade Gottes sie gerettet hat. Warum soll es bei den Heiden nun anders sein? Ja, die Apostel waren zuvor Juden und deshalb beschnitten. Aber nicht diese Beschneidung hat ihnen die Erlösung geschenkt, sondern Jesu Christi Kreuzestod, auf den hin sie im Heiligen Geist neugeboren worden sind! Genauso ist es bei den Heiden, deren Taufe im Heiligen Geist ebenfalls durch ihren Glauben vollzogen worden ist, durch ihr Ja und ihr ganz geöffnetes Herz.
Durch seine Worte schafft er es, die ganze hitzige Situation zum Schweigen zu bringen. Das zeigt uns, wie begnadet Petrus von Gott ist, die verschiedenen Akzente in der Kirche zusammenzuhalten als Fels des Leibes Christi.
In diese entschärfte Situation hinein kommen nun Paulus und Barnabas zu Wort, die von ihrer ersten großen Missionsreise berichten und die Bekehrungswelle der Heiden zur Sprache bringen können.
Daraufhin kommt der Herrenbruder Jakobus zu Wort, der nach Petrus‘ Abreise der Gemeindevorsteher der Jerusalemer Urgemeinde wird. Er ist von seiner theologischen Position der strengen judenchristlichen Richtung zuzuordnen, die die Beschneidung auch von Heidenchristen verlangt. Er greift die Worte des Petrus auf und bettet sie in die Heilsgeschichte ein, die die Schriften des Alten Testaments belegt. Dort ist es schon angekündigt worden, dass auch die übrigen Völker den Herrn suchen würden. Dazu führt er Amos 9,11-12 an, wie es die Septuaginta (das griechische Alte Testament) formuliert, wenn die zerfallene Hütte Davids wieder aufgebaut würde – dies meint nun nicht mehr den Tempel von Jerusalem, sondern den Tempel des Leibes Christi, der die Kirche ist!
Aus dem Grund kann auch Jakobus sich damit anfreunden, den Heiden die Beschneidung nicht abzuverlangen. Dennoch schlägt er eine Mindestanforderung vor, die sich auf die Enthaltung von Götzenopferfleisch, Ersticktem und Blut zu enthalten sowie Unzucht zu meiden. Jakobus beruft sich hier auf das sogenannte Heiligkeitsgesetz ab Lev 17 und wendet es auf die momentane Situation an: Es handelt sich dabei um Gesetze für Fremde, die in Israel leben. Dabei geht es um Ritualgebote, die ein Zusammenleben der Juden und Heiden ermöglichen sollen, ohne dass die Juden sich rituell verunreinigen. In Lev 17 wird deshalb erklärt, dass sowohl Juden als auch Heiden, die im Heiligen Land wohnen, die Tiere schächten müssen. Es verbietet auch bestimmte sexuelle Verhaltensweisen wie den Inzest, die Sodomie oder homosexuelle Praktiken. Diese Dinge gelten ebenfalls für Juden sowie Heiden im Heiligen Land. Auf diese Dinge verweist Jakobus und verlangt sie auch von den Heidenchristen. Es geht bei den jakobinischen Klauseln eigentlich um Ritualgebote, die einzuhalten sind aus Rücksicht vor den Judenchristen, die ja durch die Beschneidung weiterhin die Torah halten müssen (der Alte Bund geht weiter!). Dennoch werden einige Dinge auch durch die zehn Gebote abgedeckt, die die Heidenchristen ja halten müssen (Götzenopferfleischverzehr ist Götzendienst, also ein Verstoß gegen das erste Gebot, Unzucht in allen Facetten ist eine Sünde gegen das sechste Gebot).
Dass es Jakobus vor allem um die Rücksicht auf die Juden geht, erkennen wir an dem letzten Vers, wo es heißt, dass Mose in jeder Stadt seine Verkünder hat. Es gibt ja viele Synagogen, in denen das mosaische Gesetz weiterhin verkündet wird. Juden sind im ganzen römischen Reich verteilt und so muss flächendeckend Rücksicht auf ihre rituelle Unversehrtheit genommen werden.
Was wir hier also lesen, ist kein göttliches Gebot, sondern eine pragmatische Mindestanforderung für die Situation, dass es in einer Gegend Juden(christen) gibt. Nun gibt es aber keine Judenchristen mehr. Sie sind „ausgestorben“ und nach vielen Jahrhunderten Unterbrechung ist nun eine Art „Neo-Judenchristentum“ entstanden – die Gruppe der messianischen Juden. Sie erkennen Jesus als Messias an, bleiben aber Juden und leben nach der Torah. Sie sind beschnitten und doch haben sie das Evangelium Jesu Christi angenommen.
Noch einmal deutlich: Die jakobinischen Klauseln gelten heute nicht mehr. Wir müssen unser Fleisch nicht schächten, aber aufgrund der zehn Gebote ist Götzendienst und Unzucht natürlich weiterhin eine schwere Sünde, die beiden schwersten Sünden überhaupt!

Ps 96
1 Singt dem HERRN ein neues Lied, singt dem HERRN, alle Lande,
2 singt dem HERRN, preist seinen Namen! Verkündet sein Heil von Tag zu Tag!
3 Erzählt bei den Nationen von seiner Herrlichkeit, bei allen Völkern von seinen Wundern!
10 Verkündet bei den Nationen: Der HERR ist König! Fest ist der Erdkreis gegründet, er wird nicht wanken. Er richtet die Völker so, wie es recht ist.

Als Antwortpsalm beten wir einen Lobpreispsalm, der das universale Heil und die Weltherrschaft Gottes zum Thema hat.
Wie so oft erfolgt ein Lobpreisaufruf zu Beginn. „Alle Lande“ werden zum „neuen Lied“ aufgefordert. Das umfasst nicht mehr nur die zwölf Stämme Israels, sondern alle Völker. Vor dem Hintergrund der Erlösung aller Menschen durch Jesus Christus können wir es als lobpreisende Antwort der Erlösten betrachten. In der Apostelgeschichte sind sowohl die Apostel in Jerusalem als auch die Heiden in Caesarea mit dem Heiligen Geist erfüllt worden, sodass es zwei Pfingstereignisse gab. Es ist ein Zeichen Gottes, was mit allen Menschen passiert, die Gott in ihrem Herzen willkommen heißen.
„Verkündet sein Heil“ wird dann für uns Christen auffällig christologisch, weil in den Worten „sein Heil“ hier wieder der Name Jesus enthalten ist. Während hier wörtlich das Heil Gottes als messianische Verheißung verkündet werden soll, sind wir Christen dadurch aufgerufen, Jesus Christus zu verkünden, der das Heil ist (Nomen est omen). Das ist einer der drei Hauptvollzüge der Kirche – die Verkündigung (martyria). Jeder einzelne Christ bezeugt dieses Heil durch sein Handeln. Wo wir einander lieben und die Gebote Gottes halten, kommt das Heil in die Welt, das Reich Gottes wird dann schon jetzt spürbar. Am Ende der Zeiten werden wir das Heil verkünden – aber als ewigen Lobpreis in Gottes Gegenwart, mit allen Engeln und Heiligen.
Der Psalm sagt zudem aus: Gott ist der König, der Herrscher. Die messianische Erwartung des Psalms geht über eine menschliche Figur hinaus (auch wenn zuerst eine politische Figur darunter verstanden wird). Die Menschen sollen es bei den Nationen verkünden, bei allen Nationen: Das deckt sich mit dem, was Jesus seinen Jüngern vor seiner Himmelfahrt aufträgt: alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen. „Bei den Nationen“ haben sowohl Petrus als auch Barnabas und Paulus diesen Auftrag treu umgesetzt, bei denen so viele zum Glauben gekommen sind. Das Stichwort im Hebräischen für die Heiden ist an dieser Stelle wieder בַגֹּויִ֨ם baggojim, die Gojim.
Auch die Völker werden von diesem Weltenrichter und König gerichtet, wie es recht ist. Das bedeutet auch, dass sie ebenso die Aussicht auf ein positives Gerichtsurteil und somit auf das ewige Leben im Himmelreich haben, wenn sie zum Glauben an Gott gekommen sind.

Joh 15
9 Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!

10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.
11 Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.

Im heutigen Evangelium hören wir einen relativ kurzen Abschnitt aus der zweiten Abschiedsrede. Es gibt um die Liebe.
Jesus stellt wie so oft den Zusammenhang heraus, der sich aus ihm, dem Vater und seinen Jüngern ergibt. Die Liebe zwischen Vater und Sohn ist Vorbild für die Liebe, die zwischen den Jüngern herrschen soll. Die Liebe zwischen Vater und Sohn hat Christus schon übertragen auf seine Liebe zu den Jüngern. Darin hat er ihnen überhaupt die Liebe zwischen ihm und dem Vater offenbart. Was sie also zutiefst berührt hat, sollen sie einander weitergeben. Die Zeitform wird hier mit dem Perfekt übersetzt, weil es sich um eine Abschiedsrede handelt. Jesus spricht diese Worte zu ihnen im Rückblick auf die letzten Jahre, in denen sie so viel Zeit miteinander verbracht haben. So wie es war, so sollen sie nun weitermachen.
Das Leben in dieser Liebe kommt dem Halten der Gebote gleich bzw. ist sie die Grundhaltung und die Absicht, die Gebote Gottes zu halten. Und dies führt wiederum dazu, dass sie in der Liebesgemeinschaft mit Gott bleiben. Die Liebe ist also nicht nur Ursprung/Absicht, sondern auch Ziel des Haltens der Gebote. Das Bleiben in der Liebe ist eine Umschreibung für den Stand der Gnade. In diesem befinden wir uns, wenn wir in rechter Absicht die Gebote Gottes halten.
Er erklärt es ihnen, weil er ihre Freude in sie hineinlegen möchte, die sich ganz in ihnen entfalten soll. Warum nun Freude? Sie ist eine Frucht des Heiligen Geistes, eine übernatürliche Gabe, die ein Mensch sich nicht selbst geben kann. Sie ist mehr als nur eine situativ abhängige Emotion. Sie ist innere Gewissheit, dass Gott am Ende steht mit seinem ewigen Heil, ganz egal, wie es momentan im Leben des Einzelnen aussehen mag. Freude im Leben kann der Mensch dabei nur haben, wenn er in der Liebe Gottes bleibt (also nach den Geboten Gottes lebt). Nur so kann der Mensch glücklich werden.

Diese Worte Jesu sind für das Verständnis der Apostelgeschichte wichtig. Auch für die Heiden gilt: Das Halten der Gebote Gottes ermöglicht das Bleiben in der Liebe Gottes und die Freude im Leben. Die Gebote Gottes sollen sie nicht aus Angst oder Pflichtbewusstsein halten, sondern aus Liebe zu Christus, den sie in ihr Herz gelassen haben. Was genau sie allerdings halten müssen, das wird beim Apostelkonzil in Jerusalem heute ja diskutiert. Dass das Halten der Gebote nicht in eine Pflichtübung ausartet, soll die Beschneidung und das Halten der gesamten Torah den Heiden nicht auferlegt werden, sondern nur eine Mindestanforderung.

Vergessen auch wir beim Streben nach Vollkommenheit nicht, dass auch wir die Gebote Gottes aus Liebe zu ihm halten sollen. Das erkennen wir daran, dass die ersten drei Gebote des Dekalogs auf der Gottesliebe fußen (Verbot des Götzendienstes und der Verunehrung seines Namens, die Heiligung des Sonntags). Die weiteren sieben Gebote betreffen die Nächstenliebe (und da ist es kein Zufall, dass die Ehrung der Eltern ganz oben steht!). Aus diesem Grund heißt es auch, dass das Doppelgebot der Liebe das ganze Gesetz zusammenfasst. Einfach im Verständnis, schwer in der Umsetzung. Wäre dem nicht so, bräuchten wir die Beichte nicht…

Ihre Magstrauss

Montag der 4. Osterwoche

Apg 11,1-18; Ps 42; 2-3; Ps 43,3.4; Joh 10,1-10

Apg 11
1 Die Apostel und die Brüder in Judäa hörten, dass auch die Heiden das Wort Gottes angenommen hatten.

2 Als nun Petrus nach Jerusalem hinaufkam, hielten ihm die gläubig gewordenen Juden vor:
3 Du bist bei Unbeschnittenen eingekehrt und hast mit ihnen gegessen.
4 Da begann Petrus, ihnen der Reihe nach zu berichten:
5 Ich war in der Stadt Joppe und betete; da hatte ich in einer Verzückung eine Vision: Eine Art Gefäß, das aussah wie ein großes Leinentuch, das, an den vier Ecken gehalten, auf die Erde heruntergelassen wurde, senkte sich aus dem Himmel und es kam bis zu mir herab.
6 Als ich genauer hinschaute, sah und betrachtete ich darin die Vierfüßler der Erde, die wilden Tiere, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels.
7 Ich hörte auch eine Stimme, die zu mir sagte: Steh auf, Petrus, schlachte und iss!
8 Ich antwortete: Niemals, Herr! Noch nie ist etwas Unheiliges oder Unreines in meinen Mund gekommen.
9 Doch zum zweiten Mal kam eine Stimme vom Himmel; sie sagte: Was Gott für rein erklärt hat, nenne du nicht unrein!
10 Das geschah dreimal, dann wurde alles wieder in den Himmel hinaufgezogen.
11 Und siehe, gleich darauf standen drei Männer vor dem Haus, in dem wir wohnten; sie waren aus Cäsarea zu mir geschickt worden.
12 Der Geist aber sagte mir, ich solle ohne Bedenken mit ihnen gehen. Auch diese sechs Brüder zogen mit mir und wir kamen in das Haus jenes Mannes.
13 Er erzählte uns, wie er in seinem Haus den Engel stehen sah, der zu ihm sagte: Schick jemanden nach Joppe und lass Simon, der Petrus genannt wird, holen!
14 Er wird dir Worte sagen, durch die du mit deinem ganzen Haus gerettet werden wirst.
15 Als ich zu reden begann, kam der Heilige Geist auf sie herab, wie am Anfang auf uns.
16 Da erinnerte ich mich an das Wort des Herrn: Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet mit dem Heiligen Geist getauft werden.
17 Wenn nun Gott ihnen die gleiche Gabe verliehen hat wie uns, als wir zum Glauben an Jesus Christus, den Herrn, gekommen sind: Wer bin ich, dass ich Gott hindern könnte?
18 Als sie das hörten, beruhigten sie sich, priesen Gott und sagten: Gott hat also auch den Heiden die Umkehr zum Leben geschenkt.

Was wir heute hören, ist die Nachgeschichte eines zweiten Pfingstereignisses. Petrus war nach Cäsarea gerufen worden zu einem Gottesfürchtigen namens Kornelius. Gott hat ihn auf diese Begegnung vorbereitet, indem er ihm eine Vision geschenkt hat. Über diese berichtet Petrus den Juden in Jerusalem auch. Wir müssen bedenken, dass Jesus seinen Aposteln bereits klar und deutlich erklärt hat, dass die Erlösung universal ist und der neue Bund mit allen Menschen geschlossen wird. Doch so richtig scheint es ihnen erst jetzt klar zu werden, dass ihre jüdische Sichtweise vor allem bezüglich der kultischen Reinheitsgebote damit ein Ende findet.
Und so wie Petrus sich überwinden und sich von Gott eines Besseren belehren lassen musste, so betrifft es heute die Juden in Jerusalem. Als Petrus zu ihnen zurückkehrt, ist ihre erste Reaktion der Vorwurf, in das Haus von Unbeschnittenen eingekehrt zu sein und mit ihnen gegessen zu haben. Das widerspricht den jüdischen Regeln und da merken wir, dass sie trotz Erklärungen Jesu diesen noch ganz verhaftet sind.
Gott möchte sie auf das Heidenchristentum vorbereiten und so erzählt Petrus der Reihe nach von der Vision mit den unreinen Tieren, die Petrus essen soll, von den Worten Gottes, dass er entscheide, was rein sei, von der gleichzeitigen Eingebung des Kornelius in Cäsarea, der Petrus holen ließ, von Petrus‘ Predigt in dessen Haus, durch die der Heilige Geist auf die Anwesenden herabkam und sie in Sprachen sprechen ließ wie im Pfingsttag in Jerusalem.
Petrus schließt aus diesen Ereignissen, dass sie als Juden, die genau wissen, wo es langgeht, Gott wirken lassen müssen, der es besser weiß. Und wenn Gott nun auch die Heiden auf dieselbe Weise erfüllt und zur Taufe führen möchte, dann ist er der letzte, der das verhindern darf. Er beginnt zu begreifen, dass Jesus es absolut wörtlich meinte, als er sagte, dass er den Neue Bund für alle Menschen, also auch für Heiden schließen werde.
Nachdem die Jerusalemer das alles gehört haben, beruhigen sie sich. Sie lassen sich belehren und reagieren nicht stur wie die Hohepriester und Schriftgelehrten bei den Konflikten mit Jesus. Sie verstehen anhand der wunderbaren Zeichen Gottes, dass dieser es so will. Sie verstehen, dass etwas Neues passiert und über den jüdischen Tellerrand hinausgeht.
Schon der Äthiopier ist als Heide zum Glauben an Christus gekommen, ebenso die Samaritaner, die ja nicht als vollwertige Juden galten. Die Tendenz zum Heidenchristentum wächst.
Petrus steht bei all dem zwischen den Welten. Gott hat ihn zum Werkzeug der Einheit gemacht. Er ist es, der Judenchristen und Heidenchristen zusammenhält, der vermittelt und zusammenschweißt. Er ist wirklich ein Hirte, der die ganze Kirche stützt wie ein Fels. Jesus hat ihn ausersehen und durch den Hl. Geist wächst Petrus immer mehr über sich hinaus. Er erhält viele übernatürliche Gaben, um dieser großen Aufgabe gerecht zu werden. Es klappt nicht immer so, wie es soll, aber Gott schreibt auch in seinem Fall auf krummen Seiten gerade.

Ps 42/43
2 Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, nach dir, Gott.

3 Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann darf ich kommen und erscheinen vor Gottes Angesicht?
3 Sende dein Licht und deine Wahrheit; sie sollen mich leiten; sie sollen mich bringen zu deinem heiligen Berg und zu deinen Wohnungen.

4 So will ich kommen zu Gottes Altar, zum Gott meiner Freude und meines Jubels. Ich will dir danken zur Leier, Gott, du mein Gott.

Der Psalm reflektiert das lebendige Wasser des Hl. Geistes, der die Liebesglut Gottes ist. Er ist es, den unsere Seele so sehnlichst erwartet und der sie tränkt. Wie ein Hirsch nach frischem Wasser lechzt, so dürstet die Seele des Menschen nach Gott. Wir sind Abbild Gottes und sehnen uns immer nach unserem Schöpfer. Wir sind dazu geschaffen, ganz mit ihm in einer Liebesgemeinschaft zu sein. Und deshalb sucht der Mensch Gott immer bewusst oder unbewusst in seinem Leben. Und auch Gott wirbt lebenslänglich nach dem Menschen, er ruft und er zieht ihn. Es ist eine Grundaussage, die in der Apostelgeschichte konkret erfahren worden ist. Die Heiden in Cäsarea haben voller Durst nach diesem Wasser Petrus in ihr Haus aufgenommen. Sie haben voller Sehnsucht seine Worte aufgesogen wie einen Schwamm. Sie haben die Tore ihres Herzens ganz weit aufgerissen und so ist der Geist Gottes bereitwillig hineingezogen.
„Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ Das ist eine absolute Entsprechung zum lebendigen Wasser, das wir trinken sollen. „Wann darf ich kommen und erscheinen vor Gottes Angesicht?“ – das ist besonders schmerzhaft zu beten bzw. sehr aktuell, da wir zwar in die Kirchen hineindürfen, es auch schon erste Lockerungen gibt, aber unter strengen Auflagen. Gottes Angesicht schauen zu dürfen, ist eine Sehnsucht, die der Mensch immer hat, auch wenn er es nicht merkt. Es kann moralisch auf den Stand der Gnade bezogen werden. Vor einigen Tagen beteten wir in einem anderen Psalm, dass Gott die Wege des Gerechten sieht. Das ist bildhaft gemeint und auch hier ist es dieses Gesehenwerden von Gott. Auf vollkommene und erfüllte Weise wird dies aber sein, wenn wir sterben und dann vor ihm stehen. Dann sieht nicht nur er uns, sondern auch wir ihn, wie er ist.
„Sende dein Licht und deine Wahrheit; sie sollen mich leiten“ – das Licht und die Wahrheit ist Jesus Christus. Dieser Vers ist absolut messianisch. Gott ist selbst zu uns gekommen, um uns zu leiten auf dem Weg, den er für uns bereitet hat. Er hat vorgelebt, wie wir die Gebote Gottes richtig umsetzen sollen, damit wir die Chance auf den heiligen Berg haben, das Himmelreich. Auch das Bild der Wohnungen ist darauf zu beziehen. Jesus sagt in seiner Abschiedsrede in Joh 14,1-2: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“ Dieses Licht und diese Wahrheit leiten nun durch den Mund des Petrus auch die Heiden, die der Vater in gleichem Maße an sich zieht wie die Juden.
Was der Herr für uns getan hat bis hin zum Kreuz, ist ein lebenslanges Lob wert. Und so ist es elementar für uns Christen, zum Altar zu kommen, um dem Herrn zu danken – die Eucharistie, „Danksagung“ ist deshalb der Herzschlag der Kirche. Wenn sie ausbleibt, bleibt das Herz stehen und die Kirche stirbt. So lange sie aber gefeiert wird, werden die Mächte der Finsternis sie nicht überwältigen. Auch durch unseren Lebenswandel sollen wir immerzu dankbar sein. Gott schenkt uns so viel Gutes, doch oft sind wir versucht, nur den Mangel zu sehen, den wir dabei so oft selbst verschulden. Er lässt uns nicht im Stich und lässt uns auch nicht verdursten. Haben wir Vertrauen!

Joh 10
1 Amen, amen, ich sage euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.
2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.
3 Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.
4 Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.
5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.
6 Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.
7 Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.
8 Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.
9 Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.
10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Heute hören wir noch einmal das Evangelium vom guten Hirten. Diese Wiederholung kommt durch die Überschneidung der zwei verschiedenen Leseordnungen zustande (es gibt die Leseordnung der Sonn- und Feiertage sowie die Ordnung der Werktage). Deshalb kommen heute noch einmal dieselben Ausführungen, jedoch mit einem Seitenblick auf die bisherigen Texte des Tages.
Wer nicht geregelt durch die Tür geht, ist ein Dieb. Er hat nicht vor, den Schafen im Stall etwas zu essen oder zu trinken zu geben, sondern sie zu rauben und ihnen zu schaden.
Der Hirte kommt dagegen durch die Tür in den Stall. Er wird vom Türhüter hereingelassen und an seiner Stimme erkennen die Tiere, dass er es ist. Er weiß genau, wie jedes einzelne Schaf heißt und er führt sie auf die Weide hinaus. Er lässt sie dort aber nicht alleine, sondern geht ihnen voran. Die Stimme des Hirten ist entscheidend. Wenn ein Fremder versucht, die Herde irgendwohin zu treiben, wird es nicht funktionieren. Die Schafe hören gar nicht auf die fremde Stimme.
Jesus greift ganz bewusst so ein Bildfeld auf. Es ist sehr lebensnah für die Menschen, die dort anwesend sind und seiner Rede lauschen. Sie sind vertraut mit dem innigen Verhältnis von Hirt und Herde. Das Hirtenbild im Anschluss an Ps 42/43 verbindet sich heute nicht mit den grünen Auen wie gestern aufgrund von Ps 23, sondern wegen des lebendigen Wassers, das der gute Hirte den Menschen zu trinken gibt. Heute sind es die Schäfchen des Heidentums, die durch die Person des Petrus eigentlich von Christus selbst getränkt werden und in ihrem Durst große Schlücke davon nehmen.
Jesus erklärt dies, weil er der rechtmäßige Hirte ist, gesandt vom Vater. Er ist durch die Tür hineingekommen in den Stall. Es ist ein Bild für seine Menschwerdung: Durch die Tür der Geburt ist er in die Welt hineingeboren. Die Menschen, die die Schafe sind, kennen ihn. So viele Schriftstellen der jüdischen Bibel haben ihn vorausgesagt und angekündigt, was sich nun Schritt für Schritt mit seinem ganzen Dasein erfüllt – bis hin zu seinem Tod und seiner Auferstehung.
Es ist auch eucharistisch zu lesen, denn Jesus kommt als guter Hirte in jeder Heiligen Messe bei der Wandlung von Brot und Wein zu Leib und Blut durch die Tür der Ewigkeit in unsere Zeit. Wir erkennen ihn an seiner Stimme, die durch die Worte des Priesters am Altar erklingt: „Nehmet und esset, das ist mein Leib. Nehmet und trinket, das ist mein Blut.“
Jesus wird auch am Ende der Zeiten durch das Tor der Ewigkeit zurückkommen in unsere Welt, um das jüngste Gericht einzuberufen und seine Schafe auf die ewige Weide zu führen, die das Himmelreich ist.
Von sich grenzt er die Räuber ab, die den Schafen Böses wollen. Sie steigen woanders ein, das heißt sie haben nicht die göttliche Beauftragung und Sendung wie er. Sie sprechen nicht im Namen Gottes und haben auch eine ihm widerstrebende Botschaft. Der Räuber will die Schafe rauben und ihnen schaden. Die Schafe hören aber auch nicht auf den Fremden. Sie merken, dass da etwas nicht stimmt. So ist es mit jenen Gläubigen, die das Wort Gottes kennen und das Evangelium Jesu Christi in ihre Herzen eingeschrieben haben. Wenn sie ganz vertraut sind mit Gottes Lehre, wird ihnen auffallen, wenn jemand etwas anderes sagt. Die Alarmglocken werden angehen und sie werden auf diese falschen Messiasse nicht hören.
Die Anwesenden verstehen die Worte Jesu nicht. Er setzt dagegen wieder zum Sprechen an und bringt ein etwas abgewandeltes Wort: Er geht nicht nur durch die Tür, sondern er ist die Tür.
Wer durch ihn hindurchgeht, wird gerettet werden.
Seine Selbstoffenbarung lehrt uns zweierlei: Erstens ist er die Tür zu den Schafen. Wer also mit pastoralen Aufgaben betraut wird, muss ganz und gar von Christus und seinem Evangelium durchdrungen sein. Erst wenn er durch diese Christustür gegangen ist, kann er ein guter Hirte für jene sein, die er als Hirten-Nachfolger Christi hüten möchte. Er muss Christus ganz nachfolgen, indem er denselben Weg wählt wie Christus – durch die Tür, nicht durchs Fenster. Petrus ist selbst ganz erfüllt vom Heiligen Geist, der die Heiden in Cäsarea ganz durchdringt. Bevor es dieses heidnische Pfingsten geben konnte, mussten die Apostel selbst zu den Empfängern des pfingstlichen Geistes werden, der in ihnen das Feuer der Liebe entzündet und sie ganz durchtränkt mit dem lebendigen Wasser. So ist Petrus zu einem ganz gut ausgestatteten und auch von Gott selbst ausgesandten Hirten geworden, der nun die Herde vergrößert!
Das Zweite, das Jesu Gleichnis uns lehrt: Nur durch Christus hindurch können wir das ewige Leben haben. Wenn wird an ihn glauben und uns auf seinen Namen taufen lassen, nehmen wir die Erlösung an, die unser Exil vom Paradies bricht. Diese Tür der Taufe ist heilsnotwendig. Jesus sagt dann später: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wir können das ewige Leben nur durch die Christustür hindurch erhalten. Das Himmelreich ist hinter dieser Tür. Wir müssen aber nicht bis zum Lebensende warten, um durch sie hindurchzugehen. Wenn wir die Sakramente und Sakramentalien empfangen, gehen wir jedes Mal durch diese Tür. Das endgültige Hindurchschreiten wird uns schließlich am Ende der Zeiten erwarten, wenn der verherrlichte Menschensohn als Weltenrichter zurückkehren wird.
Weil die Taufe so heilsnotwendig ist und weil Jesus seinen Jüngern aufgetragen hat, alle Menschen zu taufen und sie zu seinen Jüngern zu machen, ist es Petrus‘ heilige Pflicht als Gesandter, in das Haus des Kornelius einzukehren und dort das Wort Gottes zu verkünden.

Was wir gestern und heute gehört haben, ist ganz entscheidend und aktuell auch für die heutige Zeit. Wenn wir wahrnehmen, dass immer weniger Menschen zur Heiligen Messe kommen, immer mehr Menschen aus der Kirche austreten, immer weniger überhaupt noch die Lehre der Kirche kennen und immer weniger Menschen daran glauben, dann hat Jesus mit dem heutigen Evangelium eine offensichtliche Antwort darauf: Wo sind die Hirten, die selbst ganz durchdrungen sind vom Heiligen Geist, die durch die Christustür gegangen und ein ganz persönliches Pfingsten erlebt haben? Wo sind die guten Hirten, die ihr Leben für die Schafe hingeben? Die Schafe sind zunehmend wie eine Herde ohne Orientierung, die nicht mehr richtig angeleitet wird. Und hier kommt die entscheidende Sache: Die Sehnsucht ist da. Sie ist kein bisschen erloschen, denn als Abbild Gottes sehnt sich der Mensch immer nach Gott. Der Durst des Menschen ist heute mindestens genauso groß wie damals. Doch wer geht hin und löscht diesen Durst mit dem lebendigen Wasser? Die Welt ist eine Wüste und umso voller sind die wenigen Oasen unserer Zeit. Wo es noch solche Hirten wie Jesus und in seiner Nachfolge Petrus gibt, da platzt der Ort aus allen Nähten. Die Menschen verstehen, dass sie hier endlich getränkt werden. Und eben jene guten Hirten werden eifersüchtig und missgünstig verfolgt von jenen, die keine guten Hirten sind. Das betrifft nicht nur die katholischen Gemeinden. Wir hören momentan die Schlagzeilen eines evangelischen Pastors, gegen den sogar Anzeige erstattet wird (ich denke, Sie wissen, wen ich meine….).

Beten wir dafür, dass der Heilige Geist das Antlitz der Erde neu mache und die Kirche erneuere. Beten wir um gute Hirten und um die Bekehrung der schlechten. Wie sehr wünsche ich ihnen von Herzen, dass auch sie ein ganz persönliches Pfingsten erleben und dadurch zu brennenden Glaubenszeugen werden! Beten, fasten und leiden wir für den Klerus, denn dieser trägt vor Gott eine ganz besondere Verantwortung!

Ihre Magstrauss

Freitag der 3. Woche der Fastenzeit

Hos 14,2-10; Ps 81,6c-8b.8c-9.10-11b.14 u. 17; Mk 12,28b-34

Hos 14
2 Kehr um, Israel, zum HERRN, deinem Gott! Denn du bist zu Fall gekommen durch deine Schuld.

3 Nehmt Worte der Reue mit euch, kehrt um zum HERRN und sagt zu ihm: Nimm alle Schuld hinweg und nimm an, was gut ist: Anstelle von Stieren bringen wir dir unsere Lippen dar.
4 Assur kann uns nicht retten, wir wollen nicht mehr auf Pferden reiten und zum Machwerk unserer Hände sagen wir nie mehr: Unser Gott. Denn nur bei dir findet ein Waisenkind Erbarmen.
5 Ich will ihre Untreue heilen und sie aus freiem Willen wieder lieben. Denn mein Zorn hat sich von Israel abgewandt.
6 Ich werde für Israel da sein wie der Tau, damit es sprosst wie die Lotosblüte und seine Wurzeln schlägt wie der Libanon.
7 Seine Zweige sollen sich ausbreiten, sodass seine Pracht wie die des Ölbaums wird und sein Duft wie der des Libanon.
8 Die in seinem Schatten wohnen, bauen wieder Getreide an und sie sprossen wie der Weinstock, dessen Wein so berühmt ist wie der Wein vom Libanon.
9 Efraim, was habe ich noch mit den Götzen zu tun? Ich, ja, ich habe ihm geantwortet und achte auf ihn: Ich bin wie der grünende Wacholder, an mir findest du reiche Frucht.
10 Wer weise ist, begreife dies alles, wer klug ist, erkenne es. Ja, die Wege des HERRN sind gerade; die Gerechten gehen auf ihnen, die Treulosen aber kommen auf ihnen zu Fall.

Heute hören wir als Kern der Lesung wie so oft in der Fastenzeit den Aufruf zur Umkehr. Die Propheten Israels haben zumeist die Aufgabe, Gottes Umkehrappell an sein auserwähltes Volk zu richten. Deshalb hören wir viele prophetische Lesungen in der Fastenzeit. Heute hören wir vom Propheten Hosea: „Kehr um, Israel, zum HERRN, deinem Gott! Denn du bist zu Fall gekommen durch deine Schuld.“ Dies sagt er auch uns zu, die wir uns immer wieder vor Gott versündigen. Und weil wir jeden Tag sündigen, müssen wir auch jeden Tag neu umkehren.
„Nehmt Worte der Reue mit euch“ – das ist schon fortschrittlich, denn es ist oft so, dass stattdessen Tieropfer dargebracht werden, um Gott zu besänftigen. Stattdessen schaut Hosea auf die Beziehungsebene Gottes mit den Israeliten. Er fordert die Israeliten auf, sich zu entschuldigen wie nach einem Streit in einer Beziehung. Er gibt sogar die Worte vor: „Anstelle von Stieren bringen wir dir unsere Lippen dar.“ Er trifft es genau. Der Bundesschluss bringt eine Beziehung mit sich, die gepflegt werden muss.
Offensichtlich besteht die Sünde im freundschaftlichen Umgang mit Assur und der entsprechenden Götzen. Israel ist den assyrischen Gottheiten verfallen, was wir an der Wendung „Machwerk unserer Hände“ erkennen können. Es ist ironisch, wie Israel mit den Assyrern anbandelt, obwohl es dann zum assyrischen Vasallen werden sollte, gewiss mit bestimmten Rechten, aber vor allem unfrei.
Hosea hat eine gute Nachricht für die Israeliten, wenn sie so die Beziehung zu Gott kitten möchten. Er sagt seinem Volk nämlich zu: „Ich will ihre Untreue heilen und sie aus freiem Willen wieder lieben. Denn mein Zorn hat sich von Israel abgewandt.“ Gott möchte barmherzig sein und seinem Volk vergeben.
Er hat noch weitere Verheißungen für sein Volk, die Hosea übermittelt: „Ich werde für Israel da sein wie der Tau“ – Das heißt, er sorgt dafür, dass das Volk mit Feuchtigkeit versorgt wird. Es ist ein Zeichen von Segen, genauso wie der Regen. Wir erinnern uns einerseits an den Messias, der wie Tau auf die Erde herabkommt und wir in der Adventszeit auch besingen (Rorate caeli), andererseits an den Hl. Geist, der ja das lebendige Wasser ist, das uns tränkt.
Wenn Gott seinem Volk zusagt, dass es wachsen wird und die Zweige ausbreiten soll, dann denken wir historisch-wörtlich an die Ausbreitung geographischer Art, von der Bevölkerung oder vom politischen Einfluss her etc. Der Baum, der sich ausbreitet, erinnert uns an Jesu Worte vom Senfkorn. Das Reich Gottes ist es, das sich verbreitet, vor allem durch den Tau Gottes, den Hl. Geist. Nach dem Pfingstereignis sehen wir, wie schnell sich das Evangelium Jesu Christi verbreitet hat.
Wenn Israel endlich von den Götzen ablässt, wird es so kommen und dann wird es reiche Frucht bringen.
Gottes Wege sind gerade – sie sind also eigentlich leicht zu beschreiten. Sie sind deutlich und nachvollziehbar. Gott erwartet nie etwas, was er geheim offenbart, sondern er spricht immer offen und öffentlich. Die Gerechten gehen auf ihnen, weil mit diesem Weg moralisch ein gottgefälliger Lebenswandel gemeint ist. Deshalb kommen auch die Treulosen auf ihnen zu Fall. Sie bestehen den Weg nicht, weil sie sich nicht an die Gebote Gottes halten.
Auch uns sagt Gott zu: Wenn du meine Gebote hältst, wenn du von deinen Götzen ablässt, dann kannst du wachsen zu einem mächtigen Baum und du wirst ganz viel Segen haben. Entscheiden wir uns heute für Gott, der uns wirklich glücklich machen und überreich beschenken will.

Ps 81
6 Eine Stimme höre ich, die ich noch nie vernahm:
7 Seine Schulter hab ich von der Bürde befreit, seine Hände kamen los vom Lastkorb.
8 Du riefst in der Not und ich riss dich heraus; ich habe dich aus dem Versteck des Donners erhört, an den Wassern von Meríba geprüft.
9 Höre, mein Volk, ich will dich mahnen! Israel, wolltest du doch auf mich hören!
10 Kein fremder Gott soll bei dir sein, du sollst dich nicht niederwerfen vor einem fremden Gott.
11 Ich bin der HERR, dein Gott, der dich heraufgeführt hat aus Ägypten.
14 Ach, dass mein Volk doch auf mich hörte, dass Israel gehen wollte auf meinen Wegen!
17 Ich würde es nähren mit bestem Weizen, dich sättigen mit Honig aus dem Felsen.

Wir beten heute Psalm 81, in dem wir eine heilsgeschichtliche Rückschau erhalten. Dabei handelt es sich um ein Zeugnis, dass Gott Josef hinterlassen hat. Deshalb steht es in der Ich-Form Gottes und ist an Israel in der dritten Person gerichtet: „Seine Schulter habe ich von der Bürde befreit, seine Hände kamen los vom Lastkorb.“ Gott hat Israel aus der Sklaverei Ägyptens befreit, als er Mose dazu beauftragte, das Volk herauszuführen, einhergehend mit vielen großen Zeichen und Plagen. So hat Gott auch die Schulter Christi von der Bürde des Kreuzes befreit, das er mühevoll nach Golgota schleppen musste. Gott entlastet unsere Schulter auch in unserem Leben immer wieder, denn Jesus hat gesagt: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“
„Du riefst in der Not und ich riss dich heraus“ – Gott hat das Schreien seines Volkes in Ägypten gehört, er hörte auch das Schreien seines Volkes im babylonischen Exil. Er hörte auch den Schrei seines Sohnes am Kreuz, als er seinen Geist aushauchte. Und auch unseren Schrei hört Gott. Er reißt auch uns aus der Not heraus, die wir vor allem in seinem Namen erleiden müssen.
„Aus dem Versteck des Donners“ ist eine Beobachtung, die immer wieder als Theophaniezeichen im Alten und Neuen Testament erscheint. Gottes Gegenwart, die ein Geheimnis ist (deshalb Versteck), wird immer wieder von Donner begleitet. Und trotz dieses Lärms hört er die Schreie seiner Kinder. Und dieses Gedonner erfuhr das Volk am Sinai, als ein großes Gewitter sich auf dem Gipfel abspielt und Gottes Gegenwart darauf hinabfuhr.
Er hat sein Volk auch auf die Probe gestellt, nämlich in Massa und Meriba, als das Volk dürstete und eben nicht den Tau Gottes zu spüren bekam. Gott prüfte auch seinen eigenen Sohn, als dieser am Kreuz die absolute Gottverlassenheit zu spüren bekam. Er prüft auch uns in unserem Leben, um unseren Glauben zu stärken. Dann spüren auch wir das Schweigen Gottes und werden bewusst einer Durststrecke ausgesetzt. Gott möchte auch dann, dass wir ihm vertrauen, dass er uns nicht verdursten lässt.
Gott hat so viel Gutes für sein Volk getan und es immer wieder aus der Not gerettet. Deshalb bittet er es eindringlich, ihm treu zu sein und nicht fremden Göttern nachzulaufen. Er hat alles für sein Volk getan, so kann er doch erwarten, dass es ihm treu bleibt und auf seinen Wegen wandelt. Dies ist durchaus moralisch zu verstehen, denn es meint das Halten der Torah, die er dem Volk am Sinai durch Mose vermittelt hat.
Gott hat für sein Volk nur das beste bereit und möchte es überreich segnen. („mit bestem Weizen“, „Honig aus dem Felsen“). Dafür muss es sich aber entscheiden, auf seinen Wegen zu gehen.

Mk 12
28 In jener Zeit ging ein Schriftgelehrter zu Jesus hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?
29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.
31 Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
32 Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr und es gibt keinen anderen außer ihm
33 und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
34 Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.

Heute hören wir im Evangelium von dem wichtigsten Gebot. Ein Schriftgelehrter geht mit dieser Frage zu Jesus und dieser antwortet wie jeder andere fromme Jude mit dem Sch’ma Israel, der Aussage in Dtn 6,4: „Höre , Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.“ Diese Aussage soll jeder fromme Jude täglich beten. Es geht um die Gottesliebe. Sie steht immer an erster Stelle. Sie ist deshalb der Kern der ersten drei Gebote des Dekalogs (der Zehn Gebote). Es ist der Kern dessen, was wir in Lesung und Psalm betrachtet haben. Gott verlangt unsere ganze Liebe, weil er uns zuerst geliebt hat. Unsere Antwort, nicht nur die der Juden damals, soll deshalb sein: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.“ Wir haben viele Erfahrungen zwischenmenschlicher Art, die man mit dieser Gottesliebe vergleichen kann. Wenn wir verliebt sind, beherrscht diese Person unser ganzes Denken, wir investieren uns ganz in die Beziehung zu ihr, emotional, von unserer Kraft und Zeit. Wir lieben die Person mit unserem ganzen Sein. So sollen wir in erster Linie Gott lieben. Er soll an erster Stelle kommen. Und sodann sollen wir unseren Nächsten lieben, wie uns selbst. Jesus führt also zusätzlich zu Dtn 6,4 Lev 19,18 heran. Dadurch dass Jesus diese beiden Gebote zusammenführt, zeigt er ein tiefes Schriftverständnis und erklärt dadurch auch den Kern der Gebote 4-10 des Dekalogs als Nächstenliebe.
Das Doppelgebot der Liebe, das er in diesem Gespräch vermittelt verleitet den Schriftgelehrten dazu, ihn zu loben. Er erkennt, dass Jesus den gesamten Sinn richtig verstanden hat. Dieser Mann hat verstanden, worum es den Propheten im Alten Testament ging, vor allem Hosea mit den vielen Beziehungsbildern. Er hat auch erkannt, worum es König David in den vielen Psalmen ging. Es geht um Beziehung und darum, diese aufrechtzuerhalten. So sagt Jesus dem Schriftgelehrten zu: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“ Er hat die besten Voraussetzungen, Erbe in diesem neuen Reich zu sein, nicht nur wegen seiner Einsicht, sondern auch wegen seiner Offenheit gegenüber den Worten Christi. Viele andere Schriftgelehrten sind so voll von sich selbst, dass sie gar nicht erkennen, dass Jesus all das erfüllt, was sie in den Schriften so intensiv studieren. Sie lassen sich nicht belehren, weil sie sich für wissend genug halten. So können sie nicht in das Reich Gottes eingehen. Dieser Mann dagegen ist offen für die Worte Jesu und stellt ihm erst gar keine hinterhältigen Fragen. Sonst erfahren wir in den Evangelien immer wieder davon, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten durch ihre Fragen Jesus auf die Probe stellen wollen. Dieser ist ganz anders und deshalb ist Jesus auch ganz anders zu ihm.

Lassen auch wir uns belehren, arbeiten auch wir daran, unsere Liebe zu Gott zu erneuern. Wenn wir wieder gefestigt sind in der Beziehung zu Gott, können wir auch unsere Beziehung zum Nächsten verbessern. Dann werden wir immer mehr verwandelt in sein Bild.

Ihre Magstrauss

Montag der 1. Woche der Fastenzeit

Lev 19,1-2.11-18; Ps 19,8.9.10.11 u. 15; Mt 25,31-46

Lev 19
1 Der HERR sprach zu Mose: 

2 Rede zur ganzen Gemeinde der Israeliten und sag zu ihnen: Seid heilig, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig.
11 Ihr sollt nicht stehlen, nicht täuschen und einander nicht betrügen. 

12 Ihr sollt nicht falsch bei meinem Namen schwören; du würdest sonst den Namen deines Gottes entweihen. Ich bin der HERR. 
13 Du sollst deinen Nächsten nicht ausbeuten und ihn nicht um das Seine bringen. Der Lohn des Tagelöhners soll nicht über Nacht bis zum Morgen bei dir bleiben. 
14 Du sollst einen Tauben nicht verfluchen und einem Blinden kein Hindernis in den Weg stellen; vielmehr sollst du deinen Gott fürchten. Ich bin der HERR. 
15 Ihr sollt beim Rechtsentscheid kein Unrecht begehen. Du sollst weder für einen Geringen noch für einen Großen Partei nehmen; gerecht sollst du deinen Mitbürger richten. 
16 Du sollst deinen Mitbürger nicht verleumden und dich nicht hinstellen und das Blut deines Nächsten fordern. Ich bin der HERR. 
17 Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Mitbürger zurecht, so wirst du seinetwegen keine Sünde auf dich laden. 
18 An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.

Wir haben am Samstag davon gehört, welche Art von Fasten Gott gefällt – nämlich ein Fasten verbunden mit einem bestimmten moralischen Verhalten.
Heute hören wir aus dem Buch Levitikus, welche Worte Gott dem Mose für das Volk aufträgt. Dabei werden viele konkrete Verhaltensweisen aufgezählt, die auch in der Fastenzeit die korrekte Haltung beschreiben.
„Seid heilig, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig“ ist die Einleitung zu allem, was darauf folgt. Die Heiligkeit soll sich durch folgende Verhaltensweisen zeigen:
„Ihr sollt nicht stehlen, nicht täuschen und einander nicht betrügen“ – dies entspricht dem siebten und achten Gebot des Dekalogs. Geschäfte sollen aufrichtig geführt werden. Niemand soll den anderen ausbeuten oder mehr von ihm fordern als nötig. Das Eigentum des anderen ist sein Eigentum.
„Ihr sollt nicht falsch bei meinem Namen schwören; du würdest sonst den Namen deines Gottes entweihen“ – Schwüre müssen korrekt ausgeführt werden, denn Gottes Name ist heilig. Zur Zeit des Mose sind Schwüre noch zulässig, aber streng umgrenzt. Jesus wird in der Bergpredigt sagen: „Schwört gar nicht“ und damit meinen, dass diese nicht zur Untermauerung von Lügen gedacht sind. Außerdem soll man beim Namen Gottes überhaupt nicht schwören, wenn er so heilig ist.
Daraufhin wird nochmal explizit das Verbot der Ausbeutung des anderen genannt, das einem Diebstahl gleichkommt.
„Der Lohn des Tagelöhners soll nicht über Nacht bis zum Morgen bei dir bleiben.“ – Es bezieht sich auf den Lohn jener Menschen, die von Tag zu Tag überleben, deren Einkommen immer für den jeweiligen Tag gesichert werden muss, die also um ihr Existenzminimum gebracht werden, wenn man ihnen den Tageslohn erst am nächsten Tag übergibt. Die es am schwersten haben, sollen am meisten gestützt werden. Das ist, was in der Theologie oft als „Option für die Armen“ bezeichnet wird.
In Vers 14 heißt es dann: „Du sollst einen Tauben nicht verfluchen und einem Blinden kein Hindernis in den Weg stellen; vielmehr sollst du deinen Gott fürchten.“ Aus Gottesfurcht, aus Respekt vor dem, der alles sieht, sollen wir den Schwächeren und Beeinträchtigten nicht schikanieren.
In Vers 15 wird ausgedrückt, dass die Rechtsprechung neutral sein soll, frei von Parteilichkeit und gerecht. Wir müssen dabei berücksichtigen, dass Menschen nie zu hundert Prozent gerechtes Gericht halten können, das kann nur Gott.
Gott verbietet auch die Verleumdung von Mitbürgern und ihre Blutrache. Das ist ein wichtiger Punkt, denn er bezieht sich zunächst auf den Israeliten, nicht auf alle Menschen.
Die Heiligkeit der Israeliten soll dadurch gewährleistet werden, dass sie in ihrem Herzen ohne Hass gegenüber dem Bruder sind. Sie sollen die Sünde des Mitbürgers klar benennen, damit sie sich nicht mitschuldig machen. Sie sollen auch an den Israeliten keine Rache ausüben und nicht nachträglich sein. Und dann kommt das Gebot der Nächstenliebe, das auch Jesus als Kern des Gesetzes in die Mitte stellen wird: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Ps 19
8 Die Weisung des HERRN ist vollkommen, sie erquickt den Menschen. Das Zeugnis des HERRN ist verlässlich, den Unwissenden macht es weise. 

9 Die Befehle des HERRN sind gerade, sie erfüllen das Herz mit Freude. Das Gebot des HERRN ist rein, es erleuchtet die Augen. 
10 Die Furcht des HERRN ist lauter, sie besteht für immer. Die Urteile des HERRN sind wahrhaftig, gerecht sind sie alle. 
11 Sie sind kostbarer als Gold, als Feingold in Menge. Sie sind süßer als Honig, als Honig aus Waben.
15 Die Worte meines Munds mögen dir gefallen; was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen, HERR, mein Fels und mein Erlöser.

Wir beten heute einen Lobpsalm auf die Schöpfung Gottes und auf seine Weisung.
In Vers 8 wird die Vollkommenheit der Weisung gepriesen, das heißt der Torah. Sie „erquickt den Menschen“. Gott gibt keine Gebote auf, die den Menschen einschränken, belasten und unglücklich machen sollen. Es geht immer darum, dass er nur das Beste für den Menschen bereithält und genau weiß, was er braucht. Die Torah macht vielmehr frei und bringt dem Menschen Heil.
„Das Zeugnis des HERRN ist verlässlich“ bezieht sich ebenfalls auf die Torah, denn das hebräische Wort עֵד֥וּת edut, das hier mit „Zeugnis“ übersetzt wird, kann auch mit „Gebot“ übersetzt werden. Es macht den Unwissenden weise, denn es ist die Schule Gottes.
Gottes Befehle sind „gerade“ und „erfüllen das Herz mit Freude“. Gott erwartet nichts Unmögliches, bei dem man ganz überfordert ist. Die Geradlinigkeit steht für die Nachvollziehbarkeit und Machbarkeit. Sie erfüllen mit Freude, weil Gott den Menschen glücklich machen möchte.
Gottes Weisung ist rein und erleuchtet die Augen. Sie ist ganz frei von bösen Absichten und Hinterhältigkeit. Sie ist so, dass sie den Weg vor dem Menschen erkennbar macht und er erkennt, wie er sich verhalten soll. Auch in Vers 10 wird mit ähnlichen Ausdrücken wiederholt, dass Gottes Weisung wahr und gerecht ist. Dort ist aber auch die Rede von der Gottesfurcht, die lauter ist. Dieses uns kaum noch geläufige Wort ist ein Synonym für „rein“ und soll verdeutlichen, dass die Gottesfurcht bei der Befolgung der Torah essenziell ist.
Gottes Torah ist wertvoller als Gold, weil sie uns zum ewigen Leben verhilft. Sie ist köstlicher als Honig, was als der Süßstoff schlechthin galt. Sie schmeckt süß, weil sie den Menschen erquickt (siehe oben).
„Die Worte meines Munds mögen die gefallen“ bezieht sich auf den Lobpreis, den König David hier für Gottes Torah und seine Schöpfung formuliert. Er hofft, dass sein Preislied Gott gefalle.
Dass es aber nicht nur um schöne Worte geht, sondern auch um die Erwägung seines Herzens, wird durch den zweiten Teilsatz deutlich: „was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen“. Er bringt singend also zum Ausdruck, was sein Herz erwägt. So soll auch unser Lobpreis sein, damit Gott uns nicht vorwerfen kann: „Sie preisen mit mit ihren Lippen, doch ihr Herz ist weit weg von mir“ (Jes 29,13).
David nennt Gott zum Schluss seinen Felsen und seinen Erlöser. Beides sind Bilder, die Jesus aufgreifen wird bzw. die auf ihn angewandt werden.
Der Lobpreis an die Torah Gottes ist auf die Dinge zurückzubeziehen, die wir im Buch Levitikus gehört haben: Die Weisung Gottes ist dafür da, den Menschen glücklich zu machen und der Kern aller Gebote und Gesetze ist die Liebe. Das geht schon aus dem AT selbst hervor. Wenn Jesus dies noch einmal betonen wird, ist es im Grunde nichts Neues, sondern eine Erinnerung daran, wie es ursprünglich gedacht war. Die Juden werden sich mit der Zeit so sehr an die vielen Bäume gewöhnen, dass sie den Wald nicht mehr erkennen. Wenn wir Levitikus hören, sehen wir konkret, was König David mit „Erquickung der Seele“, „Erfüllung des Herzens mit Freude“ oder „kostbarer als Gold“ meint. Alles, was Gott den Israeliten vorschreibt, kommt ihnen zugute. Es fördert ein gutes Zusammenleben. Gott erwartet auch nichts Unrealistisches, wenn er z.B. vorschreibt, dem Tagelöhner den Tageslohn noch am selben Tag zu übergeben.
Danken auch wir dem Herrn für seine Gebote, denn sie machen auch uns heute glücklich!

Mt 25
31 Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. 
32 Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. 
33 Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. 
34 Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! 
35 Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; 
36 ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. 
37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? 
38 Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? 
39 Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 
40 Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. 
41 Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! 
42 Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; 
43 ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. 
44 Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? 
45 Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. 
46 Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.

Im Evangelium hören wir heute die Konsequenzen oder das Ende des Lebenswandels. Wir hören davon, wie es ausgehen wird je nachdem, ob wir die Gebote Gottes gehalten haben oder nach unseren eigenen Regeln das Leben gestaltet haben.
Jesus berichtet nicht vom Ende des individuellen Lebens, sondern kündigt das Ende der Zeiten an, wenn er als verherrlichter Menschensohn wiederkommen wird.
Er schildert also das Weltgericht, bei dem jeder nach seinen Taten gerichtet wird.
Dabei wird Jesus zunächst die Schafe von den Böcken scheiden. Dieser Schritt ist den Juden, die Jesu Worten lauschen, aus dem Buch Ezechiel bereits bekannt (Ez 34). Jesus greift bewusst bekannte Bilder für das Endgericht auf (die Menschen sind ja nicht wörtlich Schafe und Böcke…).
Die Schafe zur Rechten (die Gerechten) werden als Erben im Reich Gottes eingesetzt werden, die er auch umschreibt mit den Worten „die ihr von meinem Vater gesegnet seid“. Auch diese Geste ist den Juden bekannt. Dieser Segen des eigenen biologischen Vaters ist entscheidend und insbesondere das Erstgeburtsrecht wird mit einem väterlichen Segen übertragen. Die Gnade, die durch den väterlichen Segen dem Sohn übertragen wird, ist existenziell. Nun sind es aber alle auf der rechten Seite, die mit einem solchen Segen ausgestattet werden und dieser ist viel größer als der bisherige väterliche Segen! Hier geht es um die Ewigkeit!
Das Reich Gottes ist seit der Erschaffung der Welt der Plan Gottes für den Menschen. Dafür ist er geschaffen worden – um in Gemeinschaft mit Gott leben zu können. Der Mensch hat alles verspielt (wir hörten gestern davon), doch Gott kann auch auf krummen Seiten gerade schreiben. Er hat die Menschheit erlöst durch die Hingabe seines einzigen Sohnes, damit auf Umwegen der Heilsplan Gottes dann doch am Ende siegen würde.
Dann zählt Jesus viele barmherzigen Taten auf, die wir in ähnlicher Form neulich aus dem Buch Jesaja gehört haben, als es um ein gerechtes Fasten ging (Jes 58).
Seine Pointe bei all den barmherzigen Taten, die die Schafe auf der rechten Seite getan haben, ist: All dies haben sie nicht einfach nur ihrem Nächsten getan, sondern Jesus selbst. Das ist die anagogische Konsequenz des Doppelgebots der Liebe. Man liebt Gott durch den Nächsten. Dafür wird man am Ende belohnt.
Dann wird sich Jesus den Böcken auf der Linken Seite zuwenden und ihnen sagen: „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist.“ Aufgrund dieser Aussage kann man nun wirklich nicht leugnen, dass die Bibel eine Hölle kennt. Diese ist der „Ort“ der absoluten Gottesferne (in der Ewigkeit gibt es weder Zeit noch Raum). Sie sind dabei verflucht, weil sie es sich selbst ausgesucht haben. Sie haben sich im Grunde selbst verflucht und deshalb muss Jesus sagen „geht weg von mir“. Wenn wir uns vorstellen, wie Jesus sich dabei fühlen wird, können wir nur absoluten Schmerz empfinden. Was wird Gottes Herz doch zerreißen bei der Verurteilung derer, die ihn bis zur letzten Sekunde abgelehnt haben!
Auch hier zählt Jesus dann auf, warum sie dieses Urteil erwartet. Sie haben all die barmherzigen Taten wie das Nähren des Hungrigen, das Tränken des Durstigen, das Kleiden des Nackten etc. nicht getan. Somit haben sie Jesus all das nicht getan. Sie haben das Doppelgebot der Liebe, das den Kern der gesamten Torah darstellt, nicht gelebt.
Jesus schildert absolut drastisch, was die Menschen erwarten wird, aber nicht, um ihnen Angst einzujagen, sondern um sie wachzurütteln. Seine gesamte Botschaft ist ja in dem Vers zusammengefasst: „Das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Er möchte mit dieser apokalyptischen Rede den Zuhörern, so auch uns, verdeutlichen: Kehrt noch heute um, entscheidet euch für mich und tut diese barmherzigen Taten an eurem Nächsten! Dann werdet ihr am Ende zu jenen gehören, die auf der rechten Seite stehen werden und das ewige Leben erben werden.

Wir befinden uns jetzt in einer besonderen Gnadenzeit. Gott möchte uns mit vielen Gnaden überschütten, wenn wir von Herzen unsere Bereitschaft zur Umkehr zeigen. Wenn wir uns wirklich mit ganzer Kraft bemühen, wird er uns seine helfende Gnade schenken, mit der wir zu barmherzigeren und gottesfürchtigeren Menschen werden können. So gehen wir dann als neue Menschen mit einer innigeren Beziehung zu Gott auf Ostern zu.

Ihre Magstrauss

Samstag der 4. Woche im Jahreskreis

1 Kön 3,4-13; Ps 119,9-10.11-12.13-14; Mk 6,30-34

1 Kön 3
4 So ging der König nach Gibeon, um dort zu opfern; denn hier war die größte Kulthöhe. Tausend Brandopfer pflegte Salomo auf jenen Altar zu legen. 

5 In Gibeon erschien der HERR dem Salomo nachts im Traum und forderte ihn auf: Sprich eine Bitte aus, die ich dir gewähren soll! 
6 Salomo antwortete: Du hast deinem Knecht David, meinem Vater, große Huld erwiesen; denn er lebte vor dir in Treue, in Gerechtigkeit und mit aufrichtigem Herzen. Du hast ihm diese große Huld bewahrt und ihm einen Sohn geschenkt, der heute auf seinem Thron sitzt.
7 So hast du jetzt, HERR, mein Gott, deinen Knecht anstelle meines Vaters David zum König gemacht. Doch ich bin noch sehr jung und weiß nicht aus noch ein. 
8 Dein Knecht steht aber mitten in deinem Volk, das du erwählt hast: einem großen Volk, das man wegen seiner Menge nicht zählen und nicht schätzen kann. 
9 Verleih daher deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht! Wer könnte sonst dieses mächtige Volk regieren? 
10 Es gefiel dem Herrn, dass Salomo diese Bitte aussprach. 
11 Daher antwortete ihm Gott: Weil du gerade diese Bitte ausgesprochen hast und nicht um langes Leben, Reichtum oder um den Tod deiner Feinde, sondern um Einsicht gebeten hast, um auf das Recht zu hören, 
12 werde ich deine Bitte erfüllen. Sieh, ich gebe dir ein so weises und verständiges Herz, dass keiner vor dir war und keiner nach dir kommen wird, der dir gleicht. 
13 Aber auch das, was du nicht erbeten hast, will ich dir geben: Reichtum und Ehre, sodass zu deinen Lebzeiten keiner unter den Königen dir gleicht. 

Heute hören wir davon, wie Salomo Gott um die Gabe der Weisheit bittet. Er ist zu jener Zeit in Gibeon, wo es die größte Kulthöhe gab. Weil noch kein fester Tempel existiert, opfern Menschen auf solchen Höhen. Dort bringt Salomo nun 1000 Brandopfer dar.
In der Nacht spricht Gott zum König im Traum und gewährt ihm einen Wunsch. Statt sich aber Reichtum, Sieg über seine Feinde etc. zu wünschen, erbittet er von Gott ein weises Herz, da er in seinen jungen Jahren ein so großes Volk leiten muss. Er bittet um Gottes Gaben und erkennt an, was Gott für große Taten durch seinen Vater vollbracht hat. Er versteht, dass all der Erfolg König Davids durch die Beziehung mit Gott geschenkt worden ist.
Gott gefällt es, dass Salomo „diese Bitte aussprach“. Er sieht, dass Salomo frei von Habgier und Machtstreben ist. Das ist die beste Voraussetzung, ihn mit Charismen auszustatten.
An Salomo sehen wir, was auch am morgigen Sonntag thematisiert wird: Wenn wir mit reinem Herzen etwas erbitten, wird es uns gegeben. Er ist aufrichtigen Herzens, als er um Gottes Gaben bittet. Deshalb schenkt ihm Gott ein so weises Herz, wie es vor und nach ihm keiner hat/haben wird. Wir lernen heute noch etwas anderes: Salomo geht es zuerst um den Willen Gottes, den er als König Israels erfüllen möchte. Und deshalb gibt Gott ihm alles andere noch dazu, was Salomo gar nicht erbeten hat: Reichtum und Ehre.
Wenn wir uns als Kirche so, wie Jesus es dann auch erklärt hat, zuerst um das Reich Gottes bemühen, wird Gott uns alles andere dazu geben, was wir brauchen. Wenn also Christus die Mitte von Liturgie, Verkündigung und tätiger Liebe ist, wird dieser die Kirche versorgen mit allen materiellen und geistigen Gütern, derer sie bedarf – ob finanzielle Mittel, Kirchengebäude etc. oder geistliche Berufungen. Ein gutes Beispiel stellen Klöster dar, die aufgrund von knappen Finanzen anfangen, Yogakurse oder andere fernöstliche Praktiken anzubieten. Sie haben schon von vornherein verloren. Die Gnade ist verloren, ob es zu einem finanziellen Aufschwung kommt, ist auch die Frage. Neue Berufungen wird es jedenfalls davon nicht geben.
Es muss für jeden einzelnen Christen so wie für Salomo oberste Priorität sein, ein hörendes Herz von Gott zu erhalten. Wo der Einzelne Gott in die Mitte seines Lebens stellt und sich immer bemüht, seinen Willen zu tun, also seine Gebote zu halten, da wird dieser einem alles andere dazugeben. Wo es einem aber darum geht, möglichst viel Reichtum und Ansehen zu erhalten, verliert man die Gnade Gottes. Das Herz ist auch nicht aufrichtig, sondern voller Begierde. Aus so einem Herzen entspringt aber nichts Gutes, vor allem kein gutes moralisches Verhalten. Jesus fasst es dann so zusammen: Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es finden (Mt 16,25). „Retten wollen“ ist dann eben dieses an sich Reißen von Gütern, die man sich selbst nimmt. Wir Menschen sind aber dazu gemacht, beschenkt zu werden. Was Jesus mit „verlieren“ meint, ist in diesem Fall der Verzicht auf oder die Freiheit von diesem selbst Ergreifen. Wenn der einzige Eifer der Eifer nach Gottes Liebe ist, dann wird dieser einem alles schenken. Er weiß nämlich, dass der Beschenkte die Güter nicht begehrt und deshalb missbraucht. Und so werden wir am Ende unseres Lebens entweder alles verlieren, weil wir schon zu Lebzeiten alles an uns gerissen haben, oder wir werden alles und noch viel mehr geschenkt bekommen, weil wir in unserem Leben nur eines begehrt haben – Gottes Liebe.

Ps 119
9 Wie geht ein junger Mann seinen Pfad ohne Tadel? Wenn er dein Wort beachtet. 

10 Ich suche dich mit ganzem Herzen. Lass mich nicht abirren von deinen Geboten!
11 Ich barg deinen Spruch in meinem Herzen, damit ich gegen dich nicht sündige. 
12 Gepriesen seist du, HERR! Lehre mich deine Gesetze! 
13 Mit meinen Lippen verkünde ich alle Entscheide deines Munds. 
14 Am Weg deiner Zeugnisse habe ich Freude, wie an jeglichem Reichtum. 

Der heutige Psalm reflektiert das richtige Verhalten und Bestreben Salomos. Er ist wie der hier genannte junge Mann, der „seinen Pfad ohne Tadel“ beschreitet. Oft wird das moralische Verhalten und der Lebenswandel des Menschen in der Bibel mithilfe der Wegmetapher umschrieben. Ein tadelloser Lebenswandel ist, Gottes Wort zu beachten, also seine Gebote zu befolgen. Das macht den Menschen gerecht vor Gott.
Dabei geht es nicht einfach nur darum, die Gebote um der Gebote willen zu halten, sondern darum, Gott „mit ganzem Herzen“ zu suchen. Eine Herzensangelegenheit hat dabei immer mit Liebe zu tun. „Lass mich nicht abirren von deinen Geboten!“ setzt nicht voraus, dass Gott uns Menschen zur Sünde verleitet, sondern es ist die Bitte vergleichbar mit der Vaterunser-Bitte „führe uns nicht in Versuchung“. Es geht darum, dass Gott einem die Kraft geben soll, auf dem Weg der Gebote zu bleiben. Es ist so wie im Vaterunser, wo Gott die Kraft geben soll, der Versuchung nicht zu erliegen.
Wenn der Psalmist hier betet „ich barg deinen Spruch in meinem Herzen“, dann erinnert es uns an Maria, die alles, was passiert ist, in ihrem Herzen bewahrte. Es ist, was jeder fromme Jude unter Gottesliebe versteht und was in Dtn 6,4-9 grundgelegt ist. Gottes Wille soll ins Herz eingeschrieben sein, denn aus dem Herzen entspringen die Gedanken, Worte und Werke des Menschen. Wer Gottes Gebote halten möchte, muss sie also im Herzen haben. Wenn das Herz voll Gottes ist, kann der Mensch nicht sündigen.
„Lehre mich deine Gesetze“ zeigt, dass Gott selbst uns schult. In erster Linie ist es eine Schule der Liebe. Dazu gehören auch die Versuchungen, die er zulässt (nicht, in die er selbst führt!). Er möchte, dass wir im Glauben gestärkt werden und unseren Egoismus immer mehr abbauen. So wandelt er uns immer mehr zu seinem Bild.
Was Gott uns lehrt, sollen wir mit unseren Lippen verkünden. Wir sollen seine Botschaft nicht für uns behalten. Jesus hat vor seinem Heimgang zum Vater seinen Aposteln diesen Sendungs- und Missionsauftrag gegeben.
Der letzte Vers deutet eine Mentalität an, wie wir sie bei Salomo heute gesehen haben: Für ihn sind die Zeugnisse Gottes (alternative Übersetzung ist „Vorschriften“) wichtiger als Reichtum. Weil er seine Prioritäten so gesetzt hat, dass Gott an erster Stelle steht, hat er auch den Reichtum erhalten. Gott an die erste Stelle zu setzen, ist auch für uns das erste Gebot. Es zählt zum ersten der zehn Gebote, Gott den ersten Platz im Leben, die höchste Priorität zu geben – als Kirche und als einzelner Christ.

Mk 6
30 Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. 

31 Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus! Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. 
32 Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. 
33 Aber man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. 
34 Als er ausstieg, sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.

Heute hören wir im Evangelium, wie die zu zweit ausgesandten Apostel wiederkommen und Jesus von ihren Heilstaten berichten. Sie haben es mit eigenen Augen bezeugt, dass im Namen Jesu alles möglich ist. Der Geist Gottes ist es, der durch die von Christus Ausgesandten wirkt. Hier wird zwar nicht gesagt, welche Taten sie vollbracht haben, doch durch die vorausgegangene Beauftragung können wir darauf schließen, dass sie vor allem Exorzismen und Krankensalbungen vorgenommen haben.
Jesus möchte ihnen eine Chance zur Erholung geben. So möchte er mit ihnen an einen ruhigen Ort fahren. Evangelisierung ist ein aufwendiges Unterfangen, bei dem jene, die im Weinberg Gottes arbeiten, kaum Zeit für sich haben. Jesus fordert sie zur Ruhe auf, weil dies den zu dienenden Menschen nur zugute kommen kann. Was hilft es den Menschen, denen man helfen möchte, wenn man einen Schwächeanfall bekommt? So fahren sie mit einem Boot an einen verlassenen Ort, werden dabei jedoch gesehen. Als sie an dem Ort ankommen, haben sich schon viele Menschen aus umliegenden Städten dort versammelt.
Und weil er Mitleid mit ihnen hat, weil sie wie verlorene Schafe ohne Hirte sind, lehrt er sie lange. Das heißt, er nimmt sich zurück, weil er ein Herz für diese Menschen hat. Er nennt sich im Johannesevangelium den guten Hirten. Sie sind seine Schafe, um die er sich kümmern möchte. Ihm ist es wichtiger, ihnen geistige Nahrung und eine Perspektive zu geben, als sein eigenes Wohl vorzuziehen.
Was wir heute von Jesus lernen, ist die praktische Umsetzung dessen, was Salomo und auch der Psalm uns auf theoretischer Ebene gelehrt haben: Gott muss Priorität Nummer eins sein. Alles andere wird uns dazugegeben. Wenn wir unsere ganzen Ressourcen des Lebens in den Dienst Gottes investieren, wird er uns nicht nur das Gegebene zurückschenken, sondern viel mehr darüber hinaus. Die Hingabe ist die Erfüllung unseres Lebens, nicht die Selbstverwirklichung. Auch das praktische Tun muss dabei von einer Herzensreinheit ausgehen. Dies wird hier durch Jesu Mitleid ausgedrückt, das er mit den Menschen hat. Das griechische Wort σπλαγχνίζομαι splangchnizomai ist dabei entweder als „Mitleid haben“ oder „sich erbarmen“ zu übersetzen. Wir sollen in unserem Tun von der Barmherzigkeit Gottes geleitet sein.

Was wir heute in den Lesungen hören, ist die Priorisierung Gottes in unserem Leben. Einerseits soll er die erste Stelle in unserem Herzen einnehmen, andererseits davon ausgehend unsere Taten bestimmen. Mit anderen Worten: Wir hören heute, wie Gottes- und Nächstenliebe zueinander stehen: Wer Gott nämlich von ganzen Herzen liebt und ihm den ersten Platz im Leben gibt, dessen Herz ganz voll der Liebe Gottes ist, wird nicht sündigen, sondern den Nächsten lieben, wie sich selbst. Die Liebe, die wir unserem Nächsten also schenken, ist die Liebe, mit der uns Gott erfüllt (so wie es die Bevollmächtigung Jesu an seine Aposteln uns gezeigt hat). Dass wir bei der Nächstenliebe aber auch das richtige Maß einhalten sollen, um uns selbst nicht zu schädigen, sehen wir an Jesu Aufforderung an seine Jünger, sich auszuruhen.

Nehmen wir die Erklärung des Doppelgebots der Liebe ernst und richten wir unseren ganzen Lebenssinn auf das Reich Gottes aus, um das es immer zuerst gehen muss. Dann werden wir ein erfülltes und glückliches Leben haben.

Ihre Magstrauss