Dienstag der Karwoche

Jes 49,1-6; Ps 71,1-2.3.5-6.15 u. 17; Joh 13,21-33.36-38

Jes 49
1 Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der HERR hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.
2 Er machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zu einem spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher.
3 Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will.
4 Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft für Nichtiges und Windhauch vertan. Aber mein Recht liegt beim HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.
5 Jetzt aber hat der HERR gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht geformt hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammelt werde. So wurde ich in den Augen des HERRN geehrt und mein Gott war meine Stärke.
6 Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht der Nationen; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.

Die heutige Lesung, die wir hören, ist wieder einem der Gottesknechtslieder entnommen, diesmal dem zweiten.
Es beginnt mit einer Aufforderung zum Hören auf den Propheten. Er spricht die „Inseln“ an und erklärt direkt im Anschluss, dass damit die „Völker in der Ferne“ gemeint sind. Das hebräische Wort לְאֻמִּ֖ים l’ummim bezieht sich dabei auf keine bestimmte Art von Volk (gemäß der sonstigen Abgrenzung von jüdisch und nichtjüdisch). Es heißt, dass nun eine universale Botschaft kommt, die allen gilt, auch jenen in der absoluten Peripherie.
„Der HERR hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.“ Es bezieht sich wörtlich verstanden zunächst auf den Propheten selbst, denn Gott hat so wie für jeden Menschen schon einen Heilsplan bereit, bevor er überhaupt erst geboren wird. Es bezieht sich auch auf Gottes auserwähltes Volk, auf Israel. Das ist eine absolute Vertrauensbekundung und Trostbotschaft des Geborgenseins ganz in Gott. Es ist aber auch auf Jesus zu beziehen, der vor Anfang der Schöpfung schon Sohn Gottes war und schon vor Beginn der Zeit sein Erlösungsplan feststand. Es bezieht sich auf die gesamte Menschheit, deren Erlösungsplan schon vor ihrem Hervorgehen feststand, vor allem der Neue Bund war schon längst geplant, durch den wir alle die Herrlichkeit Gottes schauen dürfen – durch den Taufbund. Deshalb ist sie heilsnotwendig. Und es bezieht sich auf jeden einzelnen Menschen, mit dem Gott seinen ganz besonderen Plan hat.
Gott hat uns schon beim Namen genannt, bevor unsere Eltern es getan haben. Er kennt uns schon, bevor wir beginnen, zu existieren. Das ist so eine tröstliche Botschaft, weil wir uns dann auf seinen absoluten Heilswillen verlassen können. Er wird uns deshalb nichts aufbürden oder geben, was uns nicht passt oder was uns zu viel ist.
„Er machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert“ – an dieser Stelle werden verschiedene Waffenbilder verwendet, um zu umschreiben, dass zunächst wörtlich verstanden der Prophet Jesaja zum Werkzeug des Kampfes Gottes wird. Dieser Kampf ist vor allem ein geistiger. Das scharfe Schwert ist dahingehend besonderes auffällig, weil es uns in der gesamten Bibel immer wieder begegnet und eine typologische Entsprechung mit Christus selbst erhält. In der Johannesoffenbarung sieht Johannes sogar, dass aus Jesu Mund dieses Schwert herauskommt und zum Ende hin sieht er Jesus als Feldherrn mit dem Namen „das Wort Gottes“. Das Wort Gottes ist die Waffe, kein echtes Schwert, mit dem man Menschen tötet. Das Wort Gottes spaltet alles bis ins innerste Mark. Damit ist aber die Seele gemeint. Denn es bewirkt einen inneren Kampf. So kämpft Jesaja durch die Hl. Schrift gegen jene, die sich nicht daran halten. Er deckt die Missstände auf, die verdorbenen Herzen und die schweren Sünden des Volkes. Und so wird es auch Jesus tun. Er ist das fleischgewordene Wort Gottes. Seine bloße Anwesenheit provoziert jene, die sich hinter dem Gesetz verstecken und ihre Verdorbenheit bisher gut verbergen konnten. Jesus „seziert“ die Seelen der Menschen und so wird alles offengelegt. Es schmerzt vor allem da, wo entzündetes Gewebe, kranke Organe, ein kranker Organismus ist. Wer die Heilung annimmt, wird gesund, wer es nicht annimmt, stirbt an einer seelischen Sepsis. Mit seinem Heimgang zum Vater hinterlässt Jesus dieses Schwert seiner Kirche in Wort und Sakrament. Sie kämpft bis heute mit dieser Waffe und seziert die Seelen der Menschen. Damit ist sie der Gesellschaft zu jeder Zeit ein Dorn im Auge, denn der Mensch möchte seine Verdorbenheit nicht preisgeben. Er möchte auch nicht geheilt werden, weil die Behandlung schmerzhaft ist und er seine Lebensgewohnheiten umstellen muss. Lieber stirbt er den seelischen Tod, als sich behandeln zu lassen. Wir sehen an den schlimmen Christenverfolgungen unserer heutigen Zeit, dass die Abwehr gegen das Wort-Gottes-Schwert heutzutage besonders stark ist. Tendenz steigend. Am Ende der Zeiten wird es zum ultimativen Kampf kommen, doch es wird eher eine Abrechnung Christi mit den bösen Mächten sein, die blitzschnell überwältigt und besiegt werden. Dann wird es keiner Waffen mehr bedürfen, denn dann wird ewige Triumphfeier sein.
Vers 3 erinnert uns an die Worte, die wir am Fest der Taufe des Herrn gehört haben. Anders ist an dieser Stelle die direkte Adressierung des Gottesknechts („du bist“ statt „das ist“). Es wird auch expliziter gesagt, wer damit gemeint ist: „Du….Israel“. An dieser Stelle wird es auf Jakob bezogen, der den Namen Israel erhalten hat. Man kann darunter auch das Kollektiv Israel verstehen, d.h. die zwölf Stämme Israels. In dieser wörtlichen Leserichtung möchte Gott seinem auserwählten Volk seine Herrlichkeit zeigen. Das ist es, was Gott immer wieder tut und was für ihn bezeichnend ist – die Selbstoffenbarung. Diese gipfelt auf dem Höhepunkt der Heilsgeschichte mit dem Kommen seines Sohnes, der schließlich am Kreuz sterben wird. Nach drei Tagen wird er auferstehen und dadurch Gottes Herrlichkeit offenbaren. Am Ende der Zeiten wird er in Herrlichkeit wiederkommen, um die Lebenden und die Toten zu richten. Dann wird Gott seine Herrlichkeit unverschleiert offenbaren, wie sie ist. Lesen wir den Knecht Israel christologisch, dann ist es Jesus, dem Gott durch die Auferstehung seine Herrlichkeit zeigt.
Im Laufe der Heilsgeschichte wird der Adressat der göttlichen Offenbarung immer weiter ausgeweitet, sodass mit Jesus die ganze Welt zum Zeugen wird. Das auserwählte Volk, „Israel“ meint dann nicht mehr wörtlich die zwölf Stämme, sondern die ganze Welt.
In Vers 4 spricht das Volk Israel nun eine Art Bekenntnis, in dem es heißt: „Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft für Nichtiges und Windhauch vertan. Aber mein Recht liegt beim HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.“ Bezieht man es auf das Volk Israel, kann man es als reumütiges Bekenntnis verstehen, in dem das Volk die Verschwendung der Ressourcen für Unwichtiges zugibt. Es kann aber auch die Klage darüber sein, dass Israel vermeintlich erfolglos für die Sache Gottes gewesen ist. In diesem Sinne kann man es vor allem auf Jesaja beziehen und weitergedacht auf Jesus, den leidenden Gottesknecht, der scheinbar verliert. Mit Ostern wird sich das Blatt aber wenden und wir erkennen, dass garnichts umsonst war! Und so können wir dieses Bekenntnis auch auf die Kirche anwenden, die einerseits ihr Leid über die ausbleibenden Früchte klagt, andererseits vor Gott bekennt, ihre Energie in die falschen Dinge gesteckt zu haben. Zweiteres müsste sie heutzutage besonders laut tun…
Ab Vers 5 wechselt die Perspektive, sodass der Gottesknecht selbst spricht. Der Knecht ist im Mutterleib von Gott geformt worden, d.h. er ist auserwählt von Anfang an. Sein Auftrag besteht dabei in der Heimführung Israels/Jakobs zu Gott. Lesen wir dies wörtlich-historisch, denken wir an einen König oder noch eher an einen Propheten, der zur Umkehr des auserwählten Volkes beiträgt. Seine Berufung steht schon fest, noch bevor er geboren wird. In dieser Hinsicht findet er beim HERRN Ehre und hat seine Stärke in Gott. Während die Ehre bei Gott durch eine Zukunftsform ausgedrückt wird (וְאֶכָּבֵד we’ekaved), stellt das Haben der Stärke in Gott eine Vergangenheitsform dar (הָיָ֥ה hajah). Gott WAR also die Stärke des Knechts, aber er wird ihn noch verherrlichen (es ist im Hebräischen dasselbe Wortfeld, das auch sonst für „Ehre“ gebraucht wird und im Griechischen durch δόξα doxa ausgedrückt wird, lateinisch gloria). Dies alles macht also Sinn, wenn wir mit dem Gottesknecht Jesus Christus identifizieren. Er wird am Ende der Zeiten als verherrlichter Menschensohn wiederkommen. Er ist zum Vater heimgekehrt, um verherrlicht zu werden. Zur Zeit des zweiten Gottesknechtsliedes steht es aber noch aus. Auch uns gelten diese Worte. Wir sind Knechte und Mägde des Herrn, die wir getauft worden sind. Auch uns hat der HERR dadurch schon verherrlicht, was wir aber erstens im Laufe unseres Lebens verlieren können, zweitens wird unsere Herrlichkeit erst am Ende der Zeiten offenbar.
Versuchen wir, die wörtliche Bedeutung des Verses 5 noch weiter zu verstehen, damit wir die Hoffnungsbotschaft für die Juden erkennen: Israel heimzuführen meint wörtlich gelesen zunächst die Heimführung aus dem babylonischen Exil. Die Juden haben also auch an dieser Stelle an eine königliche Figur gedacht, die eine politische Befreiung erzielen soll. Die Heimführung zu Gott bezieht sich dann auf sein gelobtes Land, also auf einen irdischen Ort. Christologisch gesehen gehen wir aber darüber hinaus: Jesus ist gekommen, um das auserwählte Volk zu Gott zurückzuführen. Er hat Sühne geleistet, um das Exil Israels zu beenden – nicht nur aus dem babylonischen Exil, sondern das viel schlimmere und aussichtslosere Exil außerhalb des Paradieses! Er ist gekommen, um die Söhne Israels zu Gott ins Himmelreich heimzuführen! Er macht damit wieder gut, was der erste Mensch verschuldet hat.
In Vers 6 legt das Gottesknechtslied noch einen drauf. Spätestens jetzt merkt man, dass der Gottesknecht nicht einfach ein politischer Herrscher oder ein Prophet sein kann. Denn er wird nicht nur zum Heimführer der „Verschonten“ Israels (die das Exil und die Fremdherrschaft bis dahin überlebt haben), sondern zum „Licht der Nationen“ (לְאֹ֣ור גֹּויִ֔ם le’or gojim). Der Gottesknecht bringt das Heil ALLEN Menschen, auch den Nichtjuden! Jesus ist wirklich das Licht, von dem vor allem das Johannesevangelium immer wieder spricht. Gott hat einen wunderbaren Plan und dieser wird schon 700 Jahre vor der eigentlichen Umsetzung dem Propheten Jesaja eingegeben! Gott will sein Heil יְשׁוּעָתִ֖י jeschuato – seinen Jesus – bis an die Enden der Erde bringen. Dazu möchte er die Menschen miteinbeziehen, die seine Jünger sind. Jesus wird vor seinem Heimgang zum Vater zu den Aposteln sagen: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19). Jesus führte schon zu seinen Lebzeiten die Menschen zum Vater, indem sie umkehrten. Er trug seinen Jüngern auf, die Gemeinschaft der Gläubigen zu sammeln, dass sie zum Vater „heimkommen“ in die Kirche, die das angebrochene Reich Gottes auf Erden darstellt. Durch die Kirche steht ihnen die Heimführung zum Vater nach ihrem Tod bereit und am Ende der Zeiten werden alle Menschen, die den Herrn angenommen haben, auf ewig im himmlischen Jerusalem zuhause sein. Das Heil Gottes ist dann an den Grenzen/Enden der Erde auch im eschatologischen Sinn: das Ende der alten Schöpfung und der Anfang der neuen, die Johannes in der Offenbarung schon gesehen hat.

Ps 71
1 Bei dir, o HERR, habe ich mich geborgen, lass mich nicht zuschanden werden in Ewigkeit!
2 Reiß mich heraus und rette mich in deiner Gerechtigkeit! Neige dein Ohr mir zu und hilf mir!
3 Sei mir ein schützender Fels, zu dem ich allzeit kommen darf! Du hast geboten, mich zu retten, denn du bist mein Fels und meine Festung.
5 Denn du bist meine Hoffnung, Herr und GOTT, meine Zuversicht von Jugend auf.
6 Vom Mutterleib an habe ich mich auf dich gestützt, aus dem Schoß meiner Mutter hast du mich entbunden, dir gilt mein Lobpreis allezeit.
15 Mein Mund soll von deiner Gerechtigkeit künden, den ganzen Tag von deinen rettenden Taten, denn ich kann sie nicht zählen.
17 Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf und bis heute verkünde ich deine Wunder.

Der heutige Psalm ist ein Bittpsalm, bei dem Gott um Schutz und Rettung gebeten wird. Er beginnt jedoch mit einer Vertrauensbekundung („Bei dir, o HERR, habe ich mich geborgen“). Es ist die Zusage König Davids, der wirklich in jeder Lebenslage Gott vertraut hat. Wir können es weiterlesen und auf Jesus Christus beziehen, der mit den Psalmworten zu seinem Vater gebetet hat vor seinem Tod. Er hat während seines gesamten irdischen Daseins immer wieder seine innige Beziehung zum Vater gezeigt, der ihn nun nicht im Stich lassen soll. Dies wird sein Gebet im Garten Getsemani vor seiner Verhaftung gewesen sein. Es wird seine Lippen bis zum letzten Atemzug am Kreuz nicht verlassen haben, selbst als er sich ganz alleingelassen fühlte. Wir lesen im Lukasevangelium, dass Jesus dann sagen wird: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Es ist ein weiteres Psalmwort, das Jesu absolute Vertrauensbekundung ausdrückt. Und auch wir dürfen so beten, vor allem durch das Gebet, das Jesus uns beigebracht hat – das Vaterunser. Da bitten wir ja zunächst nicht, sondern preisen den Vater. Erst dann kommen die Bitten, die unser Leben betreffen. Dort heißt es ja: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von den Bösen. Dies ist natürlich nicht nur auf die Erdenzeit beschränkt, sondern es soll eine umfassende Erlösung sein, damit wir auf ewig nicht zuschanden werden.
„Reiß mich heraus“ bezieht sich auf allerlei Nöte. David selbst hat so einige existenzielle Nöte erfahren, von der Verfolgung Sauls bis hin zur Verfolgung seines eigenen Sohnes Abschalom. Jesus Christus wird diese Worte ein wenig anders formulieren und zugleich seinen eigenen Willen dem des Vaters unterstellen: Herr, nimm diesen Kelch von mir, aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe. So sollen auch wir beten. Selbstverständlich sollen wir Bittgebete formulieren, immer wieder. Jesus hat uns ermutigt mit den Worten: „Bittet, dann wird euch gegeben.“ Gleichzeitig sollen wir das letzte Wort Gott überlassen, auch das Wann und das Wie. Wir sollen also bitten unter dem Vorbehalt, „wenn du willst“. So hat schon der Aussätzige im Evangelium gebetet, als er Jesus um Heilung bat. „Neige dein Ohr mir zu“ ist bildhaft zu verstehen, da Gott kein Ohr hat. Es meint Gottes Gehör, das keinen Klageschrei überhört – weder damals in Ägypten noch in Babylon, noch in heutiger Zeit! Gottes Zorn und sein gerechtes Gericht sind ein Beweis dafür, dass Gott das Leiden seiner geliebten Menschen nicht ignoriert. Allem wird er in seiner Gerechtigkeit nachgehen und richtigstellen. Gericht ist also nichts Schlechtes, sondern Zeichen der Barmherzigkeit Gottes!
Das Wortfeld „retten“ wird auch hier wiederum mit der hebräischen Wurzel ישׁע ausgedrückt wie der Name Jesu. Dieser Psalm umfasst die Bitte um die Befreiung des Volkes aus der Hand des Feindes. Das Volk schreit um Erlösung und Gott ist so barmherzig, dass er sein Schreien hört. Obwohl die Propheten erklären, dass die Zeiten der Fremdherrschaft Konsequenz ihrer eigenen Sünden, vor allem ihres Götzendienstes sind. Und doch lässt Gott seine untreue Braut nicht im Stich, sondern sendet ihr Menschen wie Simson oder David, die die Feinde besiegen. Letztendlich sind solch heilsgeschichtliche Gestalten Gottes Antwort auf die Bitten des Volkes. Gott selbst vollbringt hier seine göttlichen Heilstaten.
Für Bittpsalmen ist bezeichnend, dass der Beter die Gründe aufzählt, weshalb Gott helfen soll, besonders auch die vergangenen Heilstaten. „Vom Mutterleib an habe ich mich auf dich gestützt“ zeigt, dass der Beter um Gottes Beistand ruft, weil er seine Gebote befolgt. Wir denken an die Worte des Gottesknechtsliedes, wo Gott diese Zusage dem Propheten Jesaja und dem gesamten Volk Israel macht. Wir denken auch an König David, dem wir diesen Psalm zuschreiben und der von Anfang an in der Gunst Gottes stand. Dass wir im Stand der Gnade alles von Gott erbitten dürfen, wird uns später auch Jesus erklären (als Rebe am Weinstock, dem Bild für diesen Stand der Gnade): Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten (Joh 15,7).
Unser Auftrag ist es, Gottes große Taten zu verkünden, wie es der Psalm auch sagt. Er ist es, der uns alles lehrt und dem wir unser Leben lang zurückgeben sollen, nicht aus Zwang, sondern aus Liebe.

Joh 13
21 Nach diesen Worten wurde Jesus im Geiste erschüttert und bezeugte: Amen, amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern.
22 Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte.
23 Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte.
24 Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche.
25 Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es?
26 Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.
27 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn. Jesus sagte zu ihm: Was du tun willst, das tue bald!
28 Aber keiner der Anwesenden verstand, warum er ihm das sagte.
29 Weil Judas die Kasse hatte, meinten einige, Jesus wolle ihm sagen: Kaufe, was wir zum Fest brauchen! oder Jesus trage ihm auf, den Armen etwas zu geben.
30 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.
31 Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht.
32 Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen und er wird ihn bald verherrlichen.
33 Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ihr werdet mich suchen, und was ich den Juden gesagt habe, sage ich jetzt auch euch: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.
36 Simon Petrus fragte ihn: Herr, wohin gehst du? Jesus antwortete ihm: Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen.
37 Petrus sagte zu ihm: Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich hingeben.
38 Jesus entgegnete: Du willst für mich dein Leben hingeben? Amen, amen, ich sage dir: Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

Das Evangelium führt uns in diesen Tagen immer näher zum Kreuz. Heute hören wir eine Perikope, die sich direkt an die Fußwaschung im Abendmahlssaal anschließt. Jesus spricht Abschiedsworte, die die Apostel noch nicht ganz verstehen, aber sehr bald schmerzlich realisieren werden.
Jesus ist erschüttert. Die grammatikalische Form zeigt, dass er es zuerst nicht ist und dann in Bestürzung gerät. Es bricht ihm das Herz und deshalb bestürzt es ihn, was er nun auch ankündigt: Einer seiner engsten Freunde wird ihn verraten. Wir müssen uns Jesu emotionale Reaktion sehr zu Herzen nehmen. So reagiert Jesus auf jeden Menschen, der sich gegen Gott versündigt. Es ist jedesmal ein Verrat Gottes. Und auch dann ist er bestürzt, weil wir alle durch den Taufbund zu seinen ganz engen Freunden werden, ja zu seinen Familienmitgliedern. Je näher man sich steht, desto mehr trifft der Verrat den Menschen. Jesus weint auch über mich und ist ganz erschüttert über jede einzelne Liebesablehnung.
Die Jünger sind verwirrt und wissen nicht, wer von ihnen so etwas Schreckliches tun sollte. Petrus gibt Johannes ein Zeichen, der sich mit Jesus eine Liege teilt und der auch sonst ganz nah an Jesu Herz weilt im übertragenen Sinn. Er fragt ihn und dieser antwortet mit einem Code, den alle verstehen: „Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde.“ Jesus tut es und gibt das Stück Judas Iskariot, der es entgegennimmt. Diese Geste muss schriftkundigen Juden bekannt sein, denn es ist eine Anspielung an Ps 41,10: „Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, hat die Ferse gegen mich erhoben.“ Warum antwortet Jesus mit so einem Schriftwort, statt einfach zu sagen: „Judas wird mich verraten“? Schließlich wird er dies am Ende des Evangeliums unverblümt zu Petrus sagen. Er tut es, weil er den Aposteln die Erfüllung der Hl. Schrift verdeutlichen möchte und dass alles, was nun kommt, so geschehen muss.
Jesus gibt Judas eine letzte Chance, als er ihm den Bissen hinhält. Er hat Judas‘ böse Absichten ja freigelegt und dieser könnte in diesem Augenblick bereuen und alles ablegen. Der Satan hat ihn aber schon so sehr bearbeitet, dass dieser die letzte Chance nicht mehr nutzt, sondern den Bissen bereitwillig annimmt. Weil er hartnäckig an der schweren Sünde festhält, fährt der Satan in ihn. Lesen Sie, was Exorzisten über die häufigsten Ursachen von Besessenheit schreiben. Ein ganz großer Faktor besteht in genau diesem verstockten Zustand des Festhaltens an der Todsünde.
Wenn Jesus nun sagt: „Was du tun willst, das tue bald!“, dann kann man es entweder auf Judas selbst beziehen oder auf den Satan in ihm! Jesus kann diesem ja Befehle erteilen und schließlich bewegt sich der Teufel im Heilsradius Gottes. Selbst seine Machenschaften wendet Gott zum Heil. Würde die folgende Auslieferung nicht geschehen, könnte Jesus die Welt nicht erlösen.
Die anderen Aposteln verstehen Jesu Worte nicht und denken, Judas soll sich als Kassenwart mit irgendwelchen Einkäufen beeilen. Haben die Apostel die Geste Jesu nicht verstanden, als er Judas den Bissen überreichte oder wollten sie es nicht wahrhaben, was so unvorstellbar grausam sein musste?
Als Judas hinausgeht, ist es Nacht. Diese Bemerkung ist nicht einfach auf die Tageszeit zu beziehen, denn wir wissen ja, dass es sich um ein Abendmahl handelt. Das heißt, es muss schon dunkel sein, als sie mit dem Mahl fertig sind. Es geht vielmehr um die seelische Nacht des abgefallenen Apostels. Seine Seele gehört dem Satan, der die Nacht ist. Jesus dagegen ist der Messias, der aus dem Osten aufsteigt und somit die Sonne der Gerechtigkeit ist, die Morgenröte.
Als Judas weg ist, spricht Jesus von seiner Verherrlichung durch den Vater. Er spricht davon, weil sie unmittelbar bevorsteht und Jesus ja schon längst verherrlicht ist. Diese Verherrlichung ist nur verborgen und wird an Ostern offenbar – aber selbst da ist es noch nicht die vollkommene Offenbarung seiner Herrlichkeit. Diese wird erst am Ende der Zeiten mit seiner Rückkehr vonstatten gehen.
„Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ihr werdet mich suchen, und was ich den Juden gesagt habe, sage ich jetzt auch euch: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.“ Jesus will seine Apostel schon für seinen Tod sensibilisieren. Mit seinem Tod wird seine Seele von der irdischen Welt gehen und deshalb können seine Jünger ihm dorthin nicht folgen, zumindest noch nicht. Petrus fragt nach (Vers 36) und Jesus wird ihm ankündigen, dass er diesen Weg später auch gehen wird (wenn er nämlich stirbt. Petrus lässt aber nicht locker, denn er ist immer ganz schnell im Sprechen und nimmt auch manchmal den Mund zu voll in seiner Selbstüberschätzung. Er sagt sogar, dass er Jesus sein Leben hingeben will. An sich sind das sehr lobenswerte Worte, doch Jesus sieht, dass es anders kommen wird. So sagt er ihm unverblümt ins Gesicht: „Amen, amen, ich sage dir: Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Jesus tut es, um Petrus aus seiner Selbstüberschätzung herauszuholen. Petrus braucht das, um demütig zu werden und seine eigene Erlösungsbedürftigkeit zu erkennen. Dies fiel ihm schon bei der Fußwaschung schwer, weil sein Hochmut ihn daran hindert. Er braucht einen Fall, um vom hohen Ross herunter zu kommen. So wird passieren, was Jesus ihm vorhergesagt hat. Petrus wird es auch sofort erkennen und bitterlich weinen – nicht nur in dieser Situation, sondern sein ganzes restliches Leben lang. Er wird es von Herzen bereuen und endlich realisieren, wie er wirklich ist. Und dann wird er demütigen Herzens wirklich sein Leben für Jesus hingeben. Er wird sogar wie Jesus gekreuzigt werden, sogar kopfüber.

Jesus ist das Herz so sehr gebrochen worden. Er musste so viele Verrate erleiden und wird sich bis zum Kreuz im Stich gelassen gefühlt haben. Aber auch dies ist Bestandteil seiner Sühne. Jesus sühnt auch für die Sünde des Verrats. Er erlöst uns von den Hinterhalten unserer eigenen Freunde. Er erlöst die Sünde aller Brutusse bis in die heutige Zeit. All das musste geschehen, aber schmerzhaft ist es trotzdem, sowohl für Jesus als auch für uns, die wir es nachempfinden. Jesus hat heute im Abendmahlssaal wirklich mithilfe des Wortes Gottes, das ein scharfes Schwert ist, die verborgenen bösen Pläne des Judas aufgedeckt – nämlich mithilfe von Psalm 41. Er hat allerdings falsch reagiert, nämlich wie die Pharisäer und Schriftgelehrten lieber an dem Bösen festgehalten.

Denken wir heute darüber nach, wo wir zu Judas und wo wir zu Petrus werden in unserem Alltag. Wann verraten wir Jesus? Versuchen wir dann so zu reagieren wie Petrus, der bereut und die Barmherzigkeit Gottes angenommen hat. Werden wir nicht so wie Judas, der die Barmherzigkeit abgelehnt und stur an der Sünde festgehalten hat. Dies schadet unserer Seele auf ewig. Seien wir Petrus und sehen wir unsere Sünde im Nachhinein als Herabsteigen vom hohen Ross zu einem Wachsen in Demut!

Ihre Magstrauss

Donnerstag nach Aschermittwoch

Dtn 30,15-20; Ps 1,1-2.3.4 u. 6; Lk 9,22-25

Dtn 30
15 Siehe, hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor, nämlich so: 

16 Ich selbst verpflichte dich heute, den HERRN, deinen Gott, zu lieben, auf seinen Wegen zu gehen und seine Gebote, Satzungen und Rechtsentscheide zu bewahren, du aber lebst und wirst zahlreich und der HERR, dein Gott, segnet dich in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen. 
17 Wenn sich aber dein Herz abwendet und nicht hört, wenn du dich verführen lässt, dich vor anderen Göttern niederwirfst und ihnen dienst – 
18 heute erkläre ich euch: Dann werdet ihr ausgetilgt werden; ihr werdet nicht lange in dem Land leben, in das du jetzt über den Jordan hinüberziehst, um hineinzuziehen und es in Besitz zu nehmen. 
19 Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. 
20 Liebe den HERRN, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben. Er ist die Länge deines Lebens, das du in dem Land verbringen darfst, von dem du weißt: Der HERR hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es ihnen zu geben.

Heute ist der erste Donnerstag der Fastenzeit. Die Bahnlesung aus dem Jakobusbrief wird nun nicht mehr weitergeführt, sondern wir hören ganz andere Texte in dieser besonderen Gnadenzeit. Heute hören wir einen Text, dessen Thema vor ein paar Tagen bereits thematisiert worden ist. Es handelte sich um einen Ausschnitt aus dem Buch Jesus Sirach. In beiden Texten geht es darum, dass Gott uns vor die Wahl stellt und für eine richtige Entscheidung die Gnade verleiht. Deuteronomium nennt die beiden Dinge, zwischen denen man wählen kann, Segen und Fluch, aber auch Leben und Tod wie im Buch Jesus Sirach.
Es wird ferner erklärt, was mit Leben und Glück (hebr. הַטֹּ֑וב hatov „das Gute“), Tod und Unglück gemeint ist: In Vers 16 heißt es, dass man das Leben und das Glück wählt, wenn man Gott von ganzem Herzen liebt und „auf seinen Wegen“ geht, das heißt seine Gebote hält. Dies wird auch im Folgenden näher ausgedrückt, wenn es heißt: „und seine Gebote, Satzungen und Rechtsentscheide zu bewahren.“ Wenn wir Gottes Willen tun, wird es uns gut gehen und wir werden den Segen Gottes in allem haben. Gott wird die Israeliten in dem Land segnen, das er ihnen verheißen hat. Dieses „Land“ bezieht sich aber nicht nur auf die Israeliten damals, sondern auch auf den Hl. Boden der Kirche, die das neue Volk Gottes ist. Es bezieht sich vor allem aber auf das verheißene Land der Ewigkeit, auf das Himmelreich! Dies erwartet uns, wenn wir Gottes Willen in diesem Leben gelebt haben. In dieser Richtung verstehen wir die Verheißung des Lebens und der Fruchtbarkeit ebenfalls nicht nur wörtlich (für die Juden ist Nachkommenschaft und Weiterleben in den Nachkommen ein Zeichen des göttlichen Segens), sondern eben auch eschatologisch: Wenn wir Gottes Willen tun, werden wir auf geistiger Ebene fruchtbar, denn unsere Frucht, die wir bringen und die bleibt, sind Seelen, die wir für Christus gewinnen. Und das Leben bezieht sich dann auf das ewige Leben bei Gott.
In Vers 17 beginnt dann die Kehrseite mit Erklärungen dessen, was der Tod und das Unglück sind: Das Herz wendet sich von Gott ab und hört nicht – hier ist es, was Jesus immer wieder meint! Ohren zum Hören haben, aber nicht hören (mit dem Herzen!). Wenn das Herz nicht an Gott hängt, verliert man es an anderen Göttern und lässt sich zur Sünde verführen. Dies führt dazu, dass man ausgetilgt wird und aus dem verheißenen Land vertrieben wird. Das klingt für uns nach einem Déjà vu! So kam es schon mit dem ersten Menschenpaar, das aus dem Paradies vertrieben wurde aufgrund des Sündenfalls. Und so ist es nun mit dem ganzen Volk Israel, das in Sünde verfällt. Das betrifft auch uns heute: Wenn wir uns als Kirche von Gott absagen, werden wir ganz schnell den Bach hinuntergehen, denn wir entfernen uns dann aus dem verheißenen Land, aus dem Segensradius Gottes, aus der Gnade und dem Geist Gottes. Dies sehen wir an den vielen Schismatikern unserer heutigen Zeit. Sie haben ihre eigene Lehre entwickelt und so nicht mehr den Felsen Christi zur Grundlage. Mit einem einzigen Sturm bricht das ganze menschlich konstruierte Haus in sich zusammen oder erfährt weitere Spaltung. Dies ist auch auf den moralischen Zustand des Menschen zu beziehen: Wenn wir Gottes Willen nicht tun, werden wir ausgetilgt, nämlich verlieren wir den Stand der Gnade. Das Reich Gottes, zu dem wir eigentlich schon hier auf Erden gehören, kann also abhanden kommen. Und schließlich ist es anagogisch auszulegen: Wir verlieren das Himmelreich, wenn wir in unserer Lebenszeit den Stand der Gnade verlassen.
Beides steht einem offen und es liegt nun am Volk Israel, heute an uns, die richtige Entscheidung zu treffen. Gott hat uns dabei einen freien Willen geschenkt, damit wird uns für ihn entscheiden, nämlich aus Liebe, die nicht ohne freien Willen geht.
Wir müssen an dieser Stelle betonen, dass nicht Gott Bedingungen setzt im Sinne einer Erpressung: „Du hast zwar die freie Wahl, aber ich gebe dir nur dann Gutes, wenn du dich für mich entscheidest. Also hast du doch keine freie Wahl.“ Es ist vielmehr so, dass jede Entscheidung ihre Konsequenz hat und wenn wir uns gegen Gott entscheiden, uns von ihm entfernen. Wir selbst schneiden uns vom Segen ab, den Gott bereitwillig schenken würde, aber er schätzt unseren freien Willen und muss die Ablehnung akzeptieren. Er macht also keine Bedingungen, sondern wir selbst schneiden uns vom Segen ab.
Nochmals fordert Mose das Volk in dieser letzten Ansprache vor seinem Tod auf (dies ist nämlich das Buch Deuteronomium), das Leben zu wählen, denn Gott ist die Länge des Lebens. Von ihm hängt ab, ob und wie lange man im verheißenen Land leben darf. Wir beziehen dies absolut auf das Himmelreich, denn Gott ist die Länge unseres ewigen Lebens, also die Ewigkeit!
Entscheiden wir uns für Gott, damit wir auf ewig sein Heil schauen dürfen!

Ps 1
1 Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, 

2 sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt. 
3 Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen. 
4 Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht. 
6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich.

Heute beten wir den allerersten Psalm des Psalters. David schreibt hier eine Seligpreisung an den, der sich für Gott entschieden hat. Da hören wir eine wunderbare Betrachtung dessen, wie gut es einem geht, wenn man Gott gewählt hat. Wer „Gefallen an der Weisung des HERRN“ hat und Gottes Gebote nicht nur hält, sondern darüber auch nachdenkt, dann ist dieser Mensch wie ein Baum am Wasser. Er wächst und gedeiht direkt an der Quelle und ist absolut fruchtbar. Diese Fruchtbarkeit wird biologisch gesehen von den Juden als Zeichen des Segens betrachtet, aber wir gehen über das Wörtliche hinaus und denken an Jesu Worte: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt (Joh 15,16).“ Es ist eine geistige Fruchtbarkeit, die andere Menschen zu Kindern Gottes macht und so das Volk Gottes immer größer werden lässt. Jesus sagt sogar, dass die Entscheidung für Gott nicht der erste Schritt ist, sondern die Reaktion auf die Erwählung Gottes.
Gottes Segen zeigt sich bei dem, der Gott gewählt hat, daran, dass ihm alles gelingt und die Gebete erhört werden. Die nie verwelkenden Blätter werden zum eschatologischen Zeichen, zum Symbol für das ewige Leben für Gott, das auch beim nie verwelkenden Siegeskranz aufgegriffen wird, einer Metapher des NT.
Dagegen sind die Frevler, die Gott ablehnen, wie vom Wind verwehte Spreu. Sie sind nicht unvergänglich, sondern absolut kurzlebig. Kommt ein Windstoß, sind sie dahin. Versucht man einen Weg ohne Gott, verläuft man sich in eine ganz böse Sackgasse. Es ist ein Holzweg, der ins Nirgendwo führt – beziehungsweise in die ewige Gottesferne, in die Hölle!
Dies stellt dann den ewigen Tod dar, nicht mehr das ewige Leben.

Lk 9
22 Und er sagte: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet und am dritten Tage auferweckt werden.

23 Zu allen sagte er: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
24 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten. 
25 Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?

Heute macht Jesus eine Leidensankündigung, die uns schon auf das Ende der Fastenzeit hinweist – auf die Passion Christi, die sich vom Donnerstagabend bis zum Freitagmittag hinziehen wird: „Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden.“ Was Jesus dadurch den Aposteln erklärt, ist die Notwendigkeit der Ereignisse. Es muss so passieren, weil sonst die ganze Menschheit nicht erlöst werden kann. Er kündigt aber auch gleichzeitig an, dass er von den Toten auferstehen wird.
Dies alles bezieht er aber nicht nur auf sein eigenes Lebensende, sondern auch auf die, die ihm nachfolgen. Auch sie müssen leiden, wenn sie seine Jünger sein wollen. Auch sie werden ihr Leben gering achten oder sogar verlieren, aber dafür ihr ewiges Leben retten. Was hier durch die Leidensankündigung Jesu deutlich wird, ist noch etwas Anderes: Der Mensch, der durch die Sünde Gott ablehnt, zieht auch Unschuldige mit in seinen Sumpf. Jesus kann wirklich von sich behaupten, dass er ohne Sünde war. Und doch musste er sterben aufgrund der Ablehnung Gottes durch die Hohenpriester, Ältesten und Schriftgelehrten. Wenn wir als seine Jünger in dieser Welt leben, werden auch wir leiden müssen, weil die Menschen Gott nicht nur annehmen, sondern auch ablehnen. Durch die Sünde des Anderen werden auch wir in das Leiden hineingezogen. Davor bleibt auch der Unschuldige nicht bewahrt.
Und wenn wir versuchen, uns vor dem Leiden zu drücken, verlieren wir dafür das ewige Leben. Das ist ja unvernünftig, denn was ist dieses zeitlich begrenzte Leben im Gegensatz zum ewigen Leben?

Jesu Jünger zu werden entspricht der Entscheidung für Gott laut Deuteronomium und Psalm 1. Es zeigt uns zugleich, dass wir nicht nur ein schönes Leben haben werden, nur weil wir uns für Gott entschieden haben. Im Gegenteil. Uns wird sogar sehr viel Leiden erwarten, obwohl wir im Stand der Gnade sind! Jesus rüttelt sehr stark an dem Tun-Ergehen-Zusammenhang, aber nicht deshalb, weil Gott ein Sadist ist, der seine Kinder leiden lassen will. Es liegt an der Ablehnung der Anderen, die hohe Wellen bis zu uns schlägt. Auch wir müssen deshalb unschuldig leiden. Das ist die Ungerechtigkeit der Sünde und der gefallenen Schöpfung. Und doch muss es so kommen, weil nur so diese Menschen gerettet werden können. Wir sühnen für sie mit, die in Sünde sind. Wir sind wie Simon von Cyrene, der das Kreuz Jesu mitgetragen hat. Wir tragen die anderen mit, auf dass sie sich bekehren und gerettet werden. Warum aber werden wir im Namen Jesu so viel leiden müssen? Weil Jesus ein zweischneidiges Schwert ist, an dem sich die Geister scheiden. Bei Jesus wird jeder vor eine Entscheidung gestellt. Und so entscheiden sich bei ihm sehr viele dagegen.

Was wir in dieser Fastenzeit nun tun müssen, ist wieder neu eine Entscheidung zu treffen. Für Gott. Erneuern wir unser Liebesbündnis mit ihm, der uns das Leben geschenkt hat (das irdische Leben, aber vielmehr auch das ewige Leben!). Sagen wir ihm aufs Neue unser Ja und kehren wir neu um, ändern wir unser Leben, sodass wir mit einem neuen Herzen auf Ostern zugehen können. Die Beichte ist deshalb ein ganz wichtiger Schritt dahin.

Ihre Magstrauss

Apostel Matthias (Fest)

Apg 1,15-17.20ac-26; Ps 113,1-2.3-4.5au. 6-7; Joh 15,9-17

Heute feiern wir ein Fest wie jedesmal, wenn der Gedenktag eines Apostels ist. Heute feiern wir dabei einen Nachzügler, den Plan B Gottes, als einer der zwölf Apostel sich gegen Gott entschieden hat. Es ist Matthias, auf den das Los fiel. Wie es dazu kam, lesen wir heute in der ersten Lesung:

Apg 1
15 In diesen Tagen erhob sich Petrus im Kreis der Brüder – etwa hundertzwanzig waren zusammengekommen – und sagte: 

16 Brüder! Es musste sich das Schriftwort erfüllen, das der Heilige Geist durch den Mund Davids im Voraus über Judas gesprochen hat. Judas wurde zum Anführer derer, die Jesus gefangen nahmen. 
17 Er wurde zu uns gezählt und hatte Anteil am gleichen Dienst. 
20 Denn es steht im Buch der Psalmen: Sein Amt soll ein anderer erhalten!
21 Es ist also nötig, dass einer von den Männern, die mit uns die ganze Zeit zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, 
22 angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und in den Himmel aufgenommen wurde – einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein. 
23 Und sie stellten zwei Männer auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. 
24 Dann beteten sie: Du, Herr, kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, 
25 diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen! Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war. 
26 Sie warfen das Los über sie; das Los fiel auf Matthias und er wurde den elf Aposteln zugezählt.

Petrus spricht vor dem ganzen „Kreis der Brüder“, es ist die Versammlung der Jünger, also nicht nur der Zwölferkreis. Wir lesen in den Versen vor unserem Ausschnitt auch davon, dass Maria, die Mutter Jesu, und die anderen Frauen anwesend sind. Petrus ist der Apostel, den Jesus auf besondere Weise berufen hat – wir hörten davon am Samstag. Und deshalb ist er es, der die ganze Prozedur nun in die Hand nimmt:
Er beginnt seine Worte mit dem Hinweis auf ein erfülltes Schriftwort, man muss genauer sagen, zweier Psalmworte: Ps 69,26 „Ihr Lagerplatz soll veröden, in ihren Zelten soll niemand mehr wohnen“ (Dieses Schriftwort wird in der heutigen Lesung jedoch ausgelassen). Zudem erfüllt sich Ps 109,8 „Nur gering noch sei die Zahl seiner Tage, sein Amt erhalte ein anderer.“ Das ist ganz typisch und ein Spiegel des Verständnisses auch der neutestamentlichen Autoren. Sie haben ebenso das ganze Leben Jesu und ihre kirchliche Situation von den Verheißungen der Hl. Schrift (damals war es noch das AT!) her betrachtet. Sie haben immer wieder Erfüllungen dieser Verheißungen erkannt. Petrus tut es deshalb an der Stelle mit den beiden Psalmworten. Es ist auch typisch und absolut im Sinne Jesu, unterschiedliche Schriftstellen des AT miteinander zu kombinieren. So tat es Jesus bei dem Doppelgebot der Liebe (er verband Levitikus und Deuteronomium) und so ist es auch bei den Lobgesängen wie dem Magnificat Mariens (eine Zusammenstellung verschiedenster Schriftstellen, v.a. aus den Psalmen).
Der Zwölferkreis ist der innerste Kreis um Jesus. Er bestand aus Männern, die ununterbrochen und von Anfang an mit Jesus zusammen waren. Da durch den Verrat und Selbstmord des Judas Iskariot nun ein Platz frei geworden ist, aber belegt sein soll, erklärt Petrus die Bedingungen für den Nachfolger: Die Person muss aus dem Jüngerkreis Jesu kommen und von Anfang an mit dabei, immer bei Jesus gewesen sein. Das hat auch einen ganz bestimmten Grund: Die Aposteln sind in erster Linie Augenzeugen. Sie werden nach dem Pfingstereignis in die ganze Welt hinausziehen, um alle Worte und Taten Jesu mit ihrem eigenen Augen- und Ohrenzeugnis zu verbreiten. Dabei muss der Nachfolger alles bezeugt haben, auch die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu. Gerade das Osterereignis ist ja entscheidend für den christlichen Glauben und somit absolut existenziell für die Evangelisierung.
Dass auch der dreizehnte Apostel ein Mann sein soll, ist selbstverständlich und kein Ausdruck von Diskriminierung. Die Aposteln sind nämlich nicht nur Augenzeugen, sondern die umfassenden Nachfolger Christi, die so wie er mit ihrem Leben und ihrer ganzen Natur die Bräutigamhaftigkeit Christi nachahmen sollen, um so den Partner der Braut abzubilden.
Wir erfahren nichts davon, warum ausgerechnet Josef Barsabbas und Matthias in die engere Auswahl kommen. Was wir aber sagen können: Gottes Finger sind im Spiel. Er wird diese Versammlung schon wie ein erstes Konklave mit seinem Geist erfüllt haben, sodass die Anwesenden von seinem Geist geleitet eine Entscheidung getroffen haben.
Dass sie sich für diesen Geist auch schon geöffnet haben, sehen wir an ihrem Gebet: „Du, Herr, kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen!“ Die Versammlung überlässt die Entscheidung also Gott. So sollte es sein. Es ist seine Kirche, seine Braut. Er soll sie gestalten und nach seinem Willen formen. Das gilt auch bis heute. Wer welche Aufgabe in der Kirche erfüllt, sollte Gott entscheiden, der den Menschen seinen Willen durch den Hl. Geist kundtut. Für diesen muss die Kirche sich aber öffnen, sonst hat er keinen Raum. Auch hier gilt wie für die Seele des Menschen der freie Wille und die Entscheidung für Gott. Der Geist Gottes erfüllt den Menschen, wo dieser ihn einlädt. Umgekehrt sehen wir aber auch, dass Gottes Geist nicht automatisch dort hinkommt, wo wir ihn einladen: Der Stiftungswille Christi ist entscheidend. Wenn wir jetzt z.B. den Geist Gottes bei einer Frauenweihe herabrufen würden (also unseren freien Willen damit kundtun), dann kommt er nicht. Frauenweihen sind nicht Christi Stiftungswille für seine Braut, die Kirche.
Sie werfen das Los, denn bei dieser Methode kann man als Mensch nichts beeinflussen. So soll Gott das Los dem zuteilen, der für ihn als der geeignete Kandidat angesehen wird. Matthias wird auserwählt und so zum Nachfolger des Judas.
Wenn die Aposteln vor der Wahl beten und in einem Nebensatz das weitere Geschick des Judas erwähnen, müssen wir das richtig verstehen: „Er ist jetzt an dem Ort, der ihm bestimmt war.“ Diese Übersetzung ist ganz irreführend, denn kein Mensch ist für einen Ort schon bestimmt im Sinne einer Prädestination. Diese widerspricht dem freien Willen des Menschen. Protestanten vertreten eine Prädestination, sogar im doppelten Sinne (so die Calvinisten). Der Mensch kann also nicht nur für den Himmel vorherbestimmt sein, sondern sogar für die Hölle bzw. von Anfang an von Gott verworfen sein!
Das soll hier aber nicht ausgesagt werden und geht sprachlich aus dem Text auch nicht hervor: Es meint, dass Judas „an den eigenen Ort“ gegangen ist (εἰς τὸν τόπον τὸν ἴδιον eis ton topon ton idion). Es wird an dieser Stelle in der Apostelgeschichte also offen gelassen. Er ist an den Ort gekommen, zu dem er gehört.
Gottes Vorsehung ist es, die einen Nachfolger für Judas Iskariot ausgewählt hat. Und dieser Mensch hat in seinem Leben so viel Gutes bewirkt. Auch unser eigenes Leben wird maximal fruchtbar da, wo wir nicht selbst alles mit unserem engstirnigen, begrenzten Blick entscheiden. Wenn wir auf Gottes Vorsehung vertrauen und nach dieser in unserem Alltag Ausschau halten, werden wir immer wieder geleitet und bei Fehltritten eines Besseren belehrt. Mit Gottes Geist im Teamwork werden wir ein glückliches und erfülltes Leben haben. Und am Sonntag wurden wir ja daran erinnert, dass unsere Seelen die Tempel des Hl. Geistes sind. Es ist also kein weiter Weg, den wir zum Geist Gottes zurücklegen. Wir müssen nur in uns gehen und auf ihn hören. Er wird uns alles eingeben, was wir zu den richtigen Entscheidungen brauchen.

Ps 113
1 Halleluja! Lobt, ihr Knechte des HERRN, lobt den Namen des HERRN! 

2 Der Name des HERRN sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit. 
3 Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang sei gelobt der Name des HERRN. 
4 Erhaben ist der HERR über alle Völker, über den Himmeln ist seine Herrlichkeit. 
5 Wer ist wie der HERR, unser Gott, der wohnt in der Höhe, 
6 der hinabschaut in die Tiefe, auf Himmel und Erde? 
7 Den Geringen richtet er auf aus dem Staub, aus dem Schmutz erhebt er den Armen,

Wir beten heute wieder aus dem Psalm 113, einem Lobpreispsalm. Er ist eine wunderbare Antwort auf das Ereignis der Lesung. Wir können uns wunderbar vorstellen, wie die versammelten Jünger zusammen Gott mit diesem Psalm lobpreisen, nachdem sie Matthias zum Nachfolger eingesetzt haben.
„Halleluja“ ist dabei die kürzeste Aufforderung zum Lobpreis („Preist Jahwe“). Und direkt im Anschluss erfolgt eine weitere Lobpreisaufforderung („Lobt, ihr Knechte des HERRN, lobt den Namen des HERRN!“). Denken wir an die Lesung, können wir uns richtig gut vorstellen, dass mit „Knechte des HERRN“ die versammelte Jüngerschar gemeint ist. Es klingt sehr liturgisch und passt in den Kontext des heutigen Festes. Das heißt auch wir haben Grund zum Lobpreis und werden als „Knechte des HERRN“ aufgefordert als Dank für die wunderbare Vorsehung Gottes. Hätte Gott uns nicht den Apostel Matthias geschenkt, wären wir um einen gnadenhaften Ort weniger beschenkt – Trier. Wie viele Pilgerströme sind schon damals im Mittelalter zu seinem Grab nach Trier geströmt, auch heute reißen die Ströme nicht ab. Mit ihm haben wir einen großen Heiligen und Fürsprecher in vielen Lebenslagen.
„Der Name des HERRN sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit“ ist eine Wendung, die die Kirche übernommen hat, nämlich als Teil des sogenannten apostolischen Segens (der Herr sei mit euch…der Name des Herrn sei gepriesen….unsere Hilfe ist im Namen des Herrn….). Diesen dürfen die Nachfolger der Apostel beten und auf besondere Weise der Papst als Nachfolger Petri. Mit diesem apostolischen Segen sind unter anderem Ablässe verbunden. Es ist ein schönes Zeichen, dass wir ausgerechnet heute, wo der Zwölferkreis der Apostel sich wieder schließt, diesen Vers beten.
„Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang“ bezieht sich einerseits auf die Zeit: Vom Morgen bis zum Abend, also den ganzen Tag, soll der Lobpreis Gottes erfolgen. Vor Tagen reflektierten wir die Haltung im gesamten Leben, alles als Gebet/Lobpreis zu sehen, damit man die guten Taten Gottes nie vergisst. Dies wird auch durch diese Wendung herausgestellt. Sie kann aber auch geographisch verstanden werden, denn mit Aufgang und Untergang werden die Himmelsrichtungen des Ostens und Westens umschrieben. So soll also der ganze Erdkreis Gott loben und preisen. Dadurch, dass man „sei gelobt“ als Partizip übersetzen kann, ist es zeitlos. Gottes Name soll dauerhaft gepriesen werden und zu allen Zeiten. Das sehen wir konkret jetzt an unserer Situation. Es wurde zu Davids Zeiten schon gebetet, es wurde von den Aposteln und Jüngern Jesu gebetet, von Jesus selbst! Und nun ist es Teil unserer heutigen Liturgie 2000 Jahre später! Und auch die zukünftigen Generationen werden den Namen Gottes loben und preisen. Es ist, als ob die grammatikalische Zeitlosigkeit des Verbs und des Verses so zur Andeutung der Ewigkeit wird. Denn dann wird es einen ewigen und umfassenden Lobpreis ohne Ende geben.
Gott ist erhaben über alle Völker, dies sehen wir an Jesus, der der König der Könige ist. Gott ist stärker als alle weltlichen Herrscher zusammen. Er muss nur einmal „schnipsen“ und die Herrschaft aller fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Gott ist auch höher als wir, die wir die Herrscher über unser eigenes Leben sind. Er ist der eigentliche Herr über unser Leben und weiß, was wir brauchen. Er bestimmt den Anfang und das Ende. Er beschenkt uns und begnadet uns. Er sieht das ganze Leben im Überblick, was wir nicht können. Und er sieht unsere Potenziale, die wir nicht einmal erahnen.
„Über den Himmeln ist seine Herrlichkeit“ bezieht sich auf die Himmel, die wir sehen können. Gottes Reich ist noch „über den Himmeln“ und somit ganz anders. Er ist der Transzendente. Gott ist Geist. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er ist nicht greifbar.
Er steht über der gesamten Schöpfung, zu der Himmel und Erde zugleich gehören (Gen 1,1). Deshalb schaut er sogar auf den Himmel herab, der für uns so hoch oben ist. Gott ist so unvergleichlich, dass hier im Psalm die rhetorische Frage gestellt wird „wer ist wie der Herr?“ Keiner ist wie er. Er ist als Schöpfer ganz anders als alles, was wir in dieser Welt erfahren. Und doch erahnen wir ihn, wenn wir den Menschen ansehen – in seinen guten Eigenschaften. Denn schon die Genesis mit ihrem ersten Schöpfungsbericht bezeugt uns den Menschen als Abbild Gottes.
Und doch ist er kein weit entfernter Gott, der sich nicht um seine Schöpfung kümmert. Das ist das Missverständnis eines deistischen Gottesbildes, das die Aufklärer vertreten haben und bis heute freimaurerisches Gedankengut ist. Gott, der am höchsten von allen steht, schaut auf die, die am tiefsten Boden liegen. Er richtet sie auf und erhebt sie aus dem Staub. So groß ist Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Seine Allmacht schließt nicht das Interesse für den Kleinsten der Kleinen aus. Im Gegenteil. Gottes Option ist immer eine Option für die Armen jeglicher Form – arm im Geiste, finanziell arm, sozial arm.

Joh 15
9 Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! 

10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. 
11 Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. 
12 Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. 
13 Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. 
14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. 
15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. 
16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. 
17 Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt. 

Den heutigen Abschnitt aus dem Johannesevangelium entnehmen wir der langen Abschiedsrede Jesu. Diese ist insofern heute passend, als Jesus seinen Jüngern wichtige Gedanken als Testament mitgibt.
„Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.“ Es geht immer um das zuerst Geliebtsein. Jesus ist zuerst vom Vater geliebt und liebt aus dieser Liebe heraus seine Apostel. Diese sollen aus dem zuerst Geliebtsein durch Christus wiederum lieben, einander und die Menschen, zu denen sie dann später gesandt werden. Jesus hat ihnen gezeigt, wie Liebe funktioniert – wie das maßlose Maß an Hingabe konkret aussieht. Jesus weiß, dass er bald von ihnen gehen muss. Deshalb ruft er sie dazu auf, in seiner Liebe zu bleiben.
Dann erklärt er, was das konkret heißt: Es geht darum, den Willen Gottes zu tun. So wie Jesus den Aposteln seinen Gehorsam gegenüber den Vater vorgelebt hat, so sollen die Aposteln im Gehorsam gegenüber Jesus Christus leben. Die Gebote Gottes zu halten ist dabei der Ausdruck ihrer Liebe. Und wenn man die Gebote Gottes hält, bleibt man in seiner Liebe. Wir denken an die moralische Bedeutung dieser Worte: In Gottes Liebe bleiben ist dann das Bleiben im Stand der Gnade.
Das Bleiben in Gottes Liebe/im Stand der Gnade ist es, was den Menschen mit Freude erfüllt. Freude wiederum ist eine Frucht des Hl. Geistes. Wer also in seinem Leben froh sein möchte, muss alles tun, um in der Liebe Gottes zu bleiben. Sie ist wie Licht und Wasser für die Pflanze. Ohne beides geht sie ein.
Jesus gebietet seinen Jüngern, einander zu lieben. So bleiben sie in Gottes Liebe. Das Doppelgebot der Liebe ist der rote Faden aller Gebote Gottes, die sie zu halten haben.
Jesus erklärt auch genauer, wie die gegenseitige Liebe konkret aussieht: Es geht um die gegenseitige Hingabe bis hin zum eigenen Leben. Wir sollen füreinander sterben, so wie die Jünger damals. Wenn wir den anderen retten können durch unseren eigenen Tod, sterben wir füreinander, aber auch wenn wir immer mehr ein Stück selbst absterben, das heißt unser Ego, unsere Lebenszeit, unsere Kraft und unser eigener Wille. Wenn wir all diese Güter für den anderen hingeben, dann ist das unser Ausdruck von Liebe. Es geht um das Verschenken des eigenen Lebens.
Auch dies hat Jesus absolut vorgelebt, indem er für uns alle Menschen, die er zu seinen Freunden machen möchte, am Kreuz gestorben ist. Er hat unser aller Leben gerettet, denn durch seine Erlösung haben wir wieder eine Chance auf den Himmel.
Freunde Gottes werden wir dadurch, dass wir Gottes Gebote halten. Mit der Taufe sind wir zu seiner Familie geworden, aber dies zieht auch ein Leben nach den Geboten Gottes nach sich.
Freunde haben es an sich, dass sie keine Geheimnisse voreinander haben. Jesus hat seine Jünger nicht im Dunkeln gelassen, sondern alles offenbart, auch wenn sie noch nicht alles verstanden haben. Für den Rest kündigte Jesus ihnen den Hl. Geist an, der sie in alle Wahrheit einführen würde – nichts Neues, sondern das bessere Verständnis seiner vollständigen Offenbarung.
Wir sind Erwählte durch die Taufe. Erwählt heißt aber nicht vorherbestimmt im Sinne einer Prädestination, die man von der Lesung her missverstehen könnte (die Übersetzung ist einfach ungünstig). Wir sind zur Liebe berufen, weil wir zuerst geliebt sind. Dies drückt Jesus nun mit dem Begriff der Erwählung aus. Das sagt er auch uns heute: Nicht wir haben uns für ihn entschieden (doch, aber nicht zuerst). Er hat sich zuerst für uns entschieden und alles, was wir tun und lassen, ist eine Reaktion darauf.
Gott hat uns dazu berufen, fruchtbar zu sein. So wie er bei der ersten Schöpfung einen Bund mit Adam und Eva geschlossen und sie zur Fruchtbarkeit berufen hat, so werden auch wir, die wir Teil der neuen Schöpfung sind und mit Gott den neuen Bund schließen, zur Fruchtbarkeit berufen. Diese ist nun nicht mehr nur biologisch zu verstehen, sondern vom neuen Bund her geistig. Die Aposteln haben sich biologisch freiwillig zur Unfruchtbarkeit entschieden, als sie Jesus nachgefolgt sind. Sie haben ihre Familien zurückgelassen und keine Kinder mehr gezeugt, weil sie ihre Fruchtbarkeit auf die geistige Ebene verlagert haben. Dies meint Jesus hier. Die Fruchtbarkeit ist mit der Mission zu verbinden, die die Aposteln weltweit vorgenommen haben. Auch der Apostel Matthias hat missionarisch gewirkt und viele Kinder für Gott „gezeugt“, Kinder des neuen Bundes, der neuen geistigen Schöpfung!
Fruchtbar sein ist auch auf die moralische Ebene zu beziehen: Wir sollen fruchtbar sein durch das Halten der Gebote. So können wir verbunden mit Gott wie die Rebe am Weinstock alles vollbringen. Wenn wir die Gebote halten, dann sind wir im Stand der Gnade und können in diesem Zustand alles von Gott erbitten. Wenn es sein Wille ist, wird er unsere Bitten erfüllen.
Jesus schließt das heutige Evangelium mit der wiederholten Aufforderung zur Nächstenliebe. Diese werden sie nicht nur untereinander ausüben, sondern auch an all den Menschen, denen sie ihre Lebenszeit, Kraft und jegliche andere Ressourcen schenken werden bei all den Missionsreisen. Sie haben sich wahrhaft verschenkt – außer Johannes der Evangelist haben alle den Märtyrertod erlitten und so ihr Leben ganz verschenkt. Deshalb preisen wir sie heute selig, die sie bei Gott am Thron sein dürfen. Dies schaut der Seher Johannes in der großen Thronsaalvision in der Johannesoffenbarung (Offb 4-5).

Bleiben auch wir in Gottes Liebe und haben wir keine Angst, unser Leben an andere zu verschenken. Wie die Apostel schenken wir damit nämlich unser Leben Gott. Wir werden es in unendlich großem Maße zurückbekommen, wenn Gott uns am Ende unseres Lebens mit dem Siegeskranz ausstatten wird.
Heiliger Matthias, bitte für uns!

Ihre Magstrauss

Freitag der 6. Woche im Jahreskreis

Jak 2,14-24.26; Ps 112,1-2.3-4.5-6; Mk 8,34-9,1

Jak 2
14 Was nützt es, meine Brüder und Schwestern, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten? 

15 Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung sind und ohne das tägliche Brot 
16 und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das? 
17 So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat. 
18 Aber es könnte einer sagen: Du hast Glauben und ich kann Werke vorweisen; zeige mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir aus meinen Werken den Glauben. 
19 Du glaubst: Es gibt nur einen Gott. Damit hast du Recht; das glauben auch die Dämonen und sie zittern. 
20 Willst du also einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist? 
21 Abraham, unser Vater, wurde er nicht aus den Werken als gerecht anerkannt, als er seinen Sohn Isaak auf den Opferaltar legte? 
22 Du siehst, dass der Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte und dass der Glaube aus den Werken zur Vollendung kam. 
23 So hat sich das Wort der Schrift erfüllt: Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet und er wurde Freund Gottes genannt. 
24 Ihr seht, dass der Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein. 
26 Denn wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.

Heute hören wir nun den Abschnitt aus dem Jakobusbrief, der Luther dazu veranlasste, sie als „stroherne Epistel“ zu bezeichnen und grundsätzlich eine Werksgerechtigkeit zu unterstellen.
Es geht um das Verhältnis zwischen Glauben und Werken. Jakobus stellt die rhetorischen Fragen: „Was nützt es, (…) er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?“ Wenn Jakobus das hier schreibt, dann ist das so zu verstehen, dass ein theoretischer Glaube ohne Werke den Menschen nicht retten kann. Dafür bringt er das Beispiel von Brüdern oder Schwestern ohne Kleidung und Nahrung. Wenn man große Worte macht, aber ihnen selbst nicht das Nötige gibt, bringen die großen Worte nichts. Gott wird dann wie in Mt 25 fragen, was wir getan haben, damit sie das Nötige zum Leben haben. Das hat aber nichts mit Werksgerechtigkeit zu tun, sondern mit einer Kombination von Glauben und Werken. Ein rein theoretischer Glaube ist tot, das heißt wirkungslos. Er ist nicht echt, er ist nicht authentisch, sondern unglaubwürdig.
Eine Trennung von beidem ist töricht, deshalb nennt Jakobus den Adressaten auch „du törichter Mensch“. Er stellt anhand eines drastischen Vergleichs heraus, wie gefährlich die Trennung von Glauben und Werken ist: Die Dämonen glauben auch an Gott und dass es nur einen gibt. Und doch sind sie eine gefallene Schöpfung! Also dies allein macht sie noch nicht gerecht vor Gott. Das Bekenntnis an sich ist ja nicht schlecht, muss sich aber durch ein bestimmtes Verhalten zeigen.
Dafür bringt Jakobus das Beispiel Abrahams: Er glaubte Gott im Sinne von „vertrauen“, was eine andere Übersetzung des griechischen Wortes πιστεύω pisteuo ist. Er vertraute darauf, dass Gott gut ist und nur das beste will. Und dies hat er nicht einfach nur behauptet, sondern durch sein Verhalten bewiesen. Er legte seinen Sohn auf den Opferaltar und zückte schon den Dolch. So sehr hat er Gott vertraut. Was die Werke also tun, ist die „Vollendung“ des Glaubens, wie es in Vers 22 heißt. In diesem Sinne ist es der Glaube, der Abraham gerecht gemacht hat (Vers 23).
Vers 24 schlussfolgert daraufhin, dass der Mensch NICHT aus Glauben allein gerechtfertigt wird, sondern aus Werken, nämlich solchen, die den unerschütterlichen Glauben beweisen.
Und ein rein theoretischer verbal ausgedrückter Glaube ist tot wie ein Körper ohne Seele.
Das alles sind wichtige Worte und diese widersprechen keinesfalls den Paulusbriefen, vor allem nicht dem Römerbrief, wo der Glaubensgehorsam so betont wird. Man muss die Texte richtig verstehen und darf sie nicht gegeneinander ausspielen. Das ist nicht der Wille Gottes, der beide Texte gleichermaßen als Hl. Schrift wollte.

Ps 112
1 Halleluja! Selig der Mann, der den HERRN fürchtet und sich herzlich freut an seinen Geboten. 

2 Seine Nachkommen werden mächtig im Land, das Geschlecht der Redlichen wird gesegnet. 
3 Wohlstand und Reichtum füllen sein Haus, seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer. 
4 Im Finstern erstrahlt er als Licht den Redlichen: Gnädig und barmherzig ist der Gerechte. 
5 Glücklich ein Mann, der gnädig ist und leiht ohne Zinsen, der nach dem Recht das Seine ordnet. 
6 Niemals gerät er ins Wanken; ewig denkt man an den Gerechten. 

Heute beten wir einen Makarismus, eine Seligpreisung des Gottesfürchtigen im Psalm.
Selig zu preisen ist jener, der gottesfürchtig ist und an Gottes Geboten Gefallen hat. Im Hebräischen steht dort wörtlich „und die Gebote sehr wünscht“. Das Wünschen steht hier im Partizip und betont die anhaltende Sehnsucht nach Gottes Geboten, also ein Leben lang.
Wer so eingestellt ist, hat Segen von Gott. Dies wird anhand der typischen Segensindizien ausgedrückt: zahlreiche Nachkommen (Vers 2), Wohlstand und Reichtum (Vers 3), bestehende Gerechtigkeit (Vers 3).
Für die Gerechten, also für die anderen Gottesfürchtigen, strahlt er als Licht in der Finsternis, denn es ist ein Hoffnungsschimmer in der dunklen Nacht. Die anderen realisieren, dass sie mit ihrer Nachfolge Gottes nicht allein sind (das ist, was hier mit „Redlichen“ gemeint ist). Ein gemeinschaftlich erlebter Glaube hat es viel einfacher als ein einsam gelebter Glaube.
Und der nächste Satz ist nicht widersprüchlich, sondern beschreibt, wie auch Gott vom Wesen her ist: „Gnädig und barmherzig ist der Gerechte.“ Der Mensch muss so sein, weil er Abbild Gottes ist, der zugleich der Gerechte und der Barmherzige ist.
Diese Barmherzigkeit zeigt sich konkret z.B. an dem Verleih ohne Zinsen (Vers 5). So zu sein macht glücklich, weil man dann der Habgier nicht so schnell verfällt, die einen beherrschen und einschränken kann. Vor Gott ist so ein Mensch gut (dort steht טֹֽוב tov, „gut“), also gerecht.
Der Psalm ist ein Zeugnis dafür, wie jemand gottesfürchtig ist – nicht nur durch „Herr, Herr“-Bekenntnis, sondern gerade auch durch barmherziges Handeln.
Wenn es dann im letzten Vers heißt „ewig denkt man an den Gerechten“, ist das auch ein Ausdruck von Segen. Das Vergessen des Namens durch die nachfolgenden Generationen ist nämlich ein Fluch und Zeichen des Todes. Dass man dagegen im Namen weiterbesteht, ist Zeichen des Wohlwollens Gottes.

Mk 8
34 Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 

35 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten. 
36 Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? 
37 Um welchen Preis könnte ein Mensch sein Leben zurückkaufen? 
38 Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommt.
1 Und er sagte zu ihnen: Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht schmecken, bis sie gesehen haben, dass das Reich Gottes in Macht gekommen ist.

Das heutige Evangelium schließt sich an die harsche Kritik an Petrus an, der Jesus für seine Leidensankündigung Vorwürfe gemacht hat. Jesus möchte die Notwendigkeit des Leidens verdeutlichen und ruft dafür die ganze Volksmenge zusammen, nicht nur die Jünger.
Er erklärt nun, dass die Jüngerschaft und Nachfolge Christi nur mit Kreuztragen möglich ist. Zu jener Zeit ist das für die Zuhörer womöglich unklar, denn dass er sein Kreuz tragen wird, ist zu jenem Zeit nicht jedem bekannt. Und doch ist es ein vertrautes Bild: Das Kreuztragen war Bestandteil der schändlichen Hinrichtung in Form von Kreuzigung. Es glich einem Spießrutenlauf und durch die Stadt hindurchlaufend gab man den Bewohnern die Gelegenheit, einen zu beschimpfen und zu bespucken. Wenn Jesus nun das Kreuztragen als notwendige Bedingung für seine Nachfolge herausstellt, heißt es, dass in seinem Namen man viel Spott und Hohn ertragen muss. Auch die Schmerzen und die Last des Kreuzes ist ein wichtiger Bestandteil: Als Jünger Jesu muss man eine Last tragen und sich diese freiwillig auferlegen. Weil es eine höchst schändliche Sache ist, verleugnet man sich selbst dabei. Das heißt man gibt das eigene Ansehen freiwillig auf für ein viel höheres Gut.
Wer krampfhaft versucht ist, immer gut dazustehen, ein möglichst bequemes Leben zu haben und in allem immer den eigenen Vorteil zu suchen, der wird das Leben verlieren. Dies dürfen wir moralisch verstehen – der wird den Stand der Gnade und somit das Leben verlieren. Dies dürfen wir aber vor allem anagogisch auslegen – der wird das ewige Leben verlieren, den Himmel.
Umgekehrt heißt es, dass wer sein irdisches Leben verliert – also Gott zuliebe auf Ansehen und guten Ruf verzichtet, der wird von Gott belohnt werden – moralisch gesehen mit dem Stand der Gnade und anagogisch gesehen mit dem ewigen Leben. Im äußersten Fall kann der Verlust des irdischen Lebens wortwörtlich gemeint sein, also Martyrium. Deshalb glaubt die Kirche, dass die Märtyrer sofort zu Gott kommen. Sie haben ihm zuliebe nämlich am radikalsten ihr Leben verloren. Deshalb werden sie auch sofort dafür belohnt.
Jesus stellt die Absurdität heraus, sein vorübergehendes, auf wenige Jahre beschränktes irdisches Leben retten zu wollen um den Preis des Verlustes des ewigen Lebens (Vers 36). Dieser Verlust ist irreversibel, man kann das ewige Leben nicht zurückkaufen, wenn es erstmal zu spät ist. Gewiss haben wir Menschen die Chance zur Umkehr, solange wir leben, aber unser Ende ist ja unbekannt, weshalb es ein unvernünftiges Risiko darstellt, dies auf die leichte Schulter zu nehmen.
Jesus wird noch deutlicher. Wer sich seiner schämt, für den wird Jesus sich dann beim Gericht vor dem Vater schämen. Das können wir nicht verharmlosen und zugleich betonen, dass Jesus nicht der einzige sein wird, der sich schämt. Wir selbst werden uns für unseren Hochverrat schämen, weil wir dann sehen werden, was wir Gott angetan haben.
Wie wir uns in unserem irdischen Leben verhalten, wird Auswirkungen im ewigen Leben haben. Gott ist barmherzig und bereit, zu vergeben. Aber er ist auch der Gerechte und wird von uns Rechenschaft verlangen.
Am Schluss hören wir einen Vers, den man richtig verstehen muss: Von den Anwesenden werden einige den Tod nicht schmecken, bis sie gesehen haben, dass das Reich Gottes in Macht gekommen ist. Wie muss man das verstehen?
„Den Tod nicht schmecken“ meint sterben – sie werden zu ihren Lebzeiten noch etwas erleben. Wir können das Kommen des Reiches Gottes in Macht auf zweierlei Weise verstehen: einerseits als die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten, andererseits als Auferstehung Jesu Christi. So oder so ist das Kommen des Reiches mit der Person Jesu Christi verknüpft und an anderer Stelle sagt Jesus nicht nur, dass das Reich angebrochen ist, sondern schon mitten unter den Menschen ist. Im Grunde gibt es noch weitere Auslegungen dessen: Einige werden noch die Geburt der Kirche erleben, in der das Reich Gottes auf Erden schon etabliert ist. Einige werden das Reich Gottes gekommen sehen durch die vielen messianischen Heilstaten Jesu noch vor seinem Tod. Die erste Möglichkeit – also das Kommen des Menschensohnes am Ende der Zeiten, kann weniger gemeint sein, denn die Generationen von damals sind bereits gestorben. Dann müsste der Begriff des Sterbens noch anders gemeint sein.

Was Jakobus beschreibt und was der Psalm als tätige Barmherzigkeit schildert, fasst Jesus mit dem Kreuztragen zusammen: Wer wirklich glaubt und deshalb Jesu Jünger sein möchte, kann dies nicht nur theoretisch sein. Die Jüngerschaft hat Konsequenzen und diese reichen weit über die Komfortzone hinaus bis hin zum Verlust des Lebens. Nur so können wir seine Jünger sein und nur so können wir unseren Glauben an Gott beweisen. Wir nehmen die Liebeserklärung eines Menschen ja auch nur dann für voll, wenn er diese Liebe durch Taten sprechen lässt. Und wir nehmen dem Anderen nur dann ab, dass er uns vertraut, wenn er dies nicht nur dahinsagt, sondern sich auch in unsere Arme fallen lässt (Schauspielübung).

Ihre Magstrauss

Vierter Januar in der Weihnachtszeit

1 Joh 3,7-10; Ps 98,1.7-9; Joh 1,35-42

1 Joh 3
7 Meine Kinder, lasst euch von niemandem in die Irre führen! Wer die Gerechtigkeit tut, ist gerecht, wie er gerecht ist. 

8 Wer die Sünde tut, stammt vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Der Sohn Gottes aber ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören. 
9 Jeder, der von Gott stammt, tut keine Sünde, weil Gottes Same in ihm bleibt, und er kann nicht sündigen, weil er von Gott stammt. 
10 Daran kann man die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels erkennen: Jeder, der die Gerechtigkeit nicht tut und seinen Bruder nicht liebt, ist nicht aus Gott.

Heute geht es im ersten Johannesbrief weiter mit der Konsequenz der Taufe – dem gerechten Lebenswandel. Darauf kommt es an und an diesem wird man erkennen, wer gerecht ist. In den Evangelien sagt Jesus „an den Früchten wird man sie erkennen“. Das ist damit gemeint. Mit „gerecht sein“ ist hier nicht nur die Gerechtigkeit vor den Menschen, sondern vor allem die Rechtfertigung vor Gott gemeint.
Die „Frucht“ des Teufels bzw. das Stammen von ihm ist dann nicht die Gerechtigkeit, sondern die Sünde. Die Bemerkung, dass der Teufel von Anfang an sündigt, deutet seinen Abfall von Gott an. Teufel sind von ihrer geschaffenen Natur her Engel, also Geistwesen mit eigenem Charakter, mit einem freien Willen und mit Kraft. Vor Erschaffung der Welt kam es zu einem Abfall Luzifers („Lichtträger“, er war der hellste aller Engel) und vieler weiterer Engel. Sie sind, wie Jesus in Lk 10,18 sagt, wie ein Blitz vom Himmel gefallen. In Offb 12 heißt es „er wurde gestürzt“ und „sie verloren ihren Platz im Himmel“. Der Satan hat also schon einen sündhaften Anfang und so die Heilsgeschichte von Beginn an versucht, zu beeinträchtigen. Jesus ist aber gekommen, um seine Pläne zunichte zu machen.
Jeder, der von Gott stammt (γεγεννημένος  gegennemenos „geworden“ im Sinne von „geboren sein aus“), bezieht sich auf die Taufe. Genealogisch sind wir mit Gott ja nicht biologisch verbunden (nur Jesus), sondern sakramental. Wer also getauft ist, sündigt nicht. Der Same Gottes ist im Getauften, sodass er nicht mehr sündigt. Gemeint ist die Taufgnade, die einem die Kraft gibt, ein christliches Leben zu führen. Die Diskussion darum, dass der Mensch aber auch nach der Taufe weitersündigen kann, ist damals schon geführt worden und wie ich gestern geschrieben habe, gab es dann auch erste Konsequenzen in der kirchlichen Praxis.
Der Abschnitt aus der heutigen Lesung schließt ab mit der wiederholten Unterscheidung von Kindern Gottes und des Teufels anhand ihrer „Früchte“. Wer die Gebote hält, ist aus Gott. Wer sie nicht hält, ist vom Teufel. Dass Johannes dieses Thema hier so ausführlich behandelt, hängt mit den aktuellen Problemen in der Gemeinde zusammen: Es gibt häretische Strömungen, die die Gemeindemitglieder in Verwirrung bringen mit neuen Lehren und Behauptungen bezüglich Christi Identität. [Es ist vor allem der Doketismus zu nennen, demzufolge Jesus nicht wirklich Mensch war und nicht gelitten habe. Jesus habe einen Scheinleib gehabt und war eigentlich nur Geist. Alles, was irdisch und materiell ist, ist nämlich schlecht und der gute Gott kann dann ja keine Materie annehmen.]

Ps 98
1 Ein Psalm. Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht! Geholfen hat ihm seine Rechte und sein heiliger Arm.

7 Es brause das Meer und seine Fülle, der Erdkreis und seine Bewohner. 
8 In die Hände klatschen sollen die Ströme, die Berge sollen jubeln im Chor 
9 vor dem HERRN, denn er kommt, um die Erde zu richten. Er richtet den Erdkreis in Gerechtigkeit, die Völker so, wie es recht ist.

Heute beten wir die Fortsetzung von Psalm 98, von dem wir die letzten beiden Tage den Anfang gebetet haben. Es geht immer noch um den Lobpreis der wunderbaren Taten Gottes. Ich habe zuvor schon auf die Rechte und seinen heiligen Arm hingewiesen und dessen messianische Dimension hervorgehoben: Jesus ist Gottes Rechte und sein heiliger Arm, er ist sozusagen die „Exekutionsgewalt“ seines Vaters. Der Hl. Ignatius hat den Sohn und den Geist als die Hände Gottes bezeichnet.
Heute kommt als neuer Aspekt das Gerichtshandeln Gottes hinzu. Die ganze Schöpfung wird zum Lobpreis aufgefordert (das Meer, der Erdkreis, die Ströme, die Berge). Als Begründung dafür wird das Kommen Gottes genannt, mit dem er das Gericht in Gerechtigkeit vollzieht. Interessant ist, dass das Verb בָּא ba entweder als Vergangenheit oder als Gegenwart übersetzt werden kann. Gott hat schon zuvor Gericht gebracht (nämlich immer dann, wenn das Volk ihm untreu geworden und Götzen nachgelaufen ist). Dann wurde Israel von Fremdherrschern unterdrückt oder erlitt schlimme Plagen. Das wird im Nachhinein auch immer erkannt und als Gerichtshandeln Gottes gedeutet.
Gott ist aber auch gegenwärtig im Kommen. Es hat jedoch eine neue Dimension – er kommt als Messias, um Gericht zu halten und die Menschen, die unter Ungerechtigkeit leiden, zu befreien. Zuvor hat Gott von der Ewigkeit aus gewirkt, ohne selbst in die Welt einzugehen. Wir Christen erwarten das zweite Kommen des Messias am Ende der Zeiten. Im Glaubensbekenntnis beten wir „von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“ Das ist auch für uns nicht bedrohlich, die die Gerechtigkeit und den Frieden Gottes in einer Welt der absoluten Bedrängnis und Dunkelheit ersehnen.
Insgesamt wird auch hier im Psalm das Gericht Gottes positiv dargestellt und sogar ersehnt. Oft hören wir Vorurteile gegenüber dem Alten Testament, die ein strenges und furchteinflößendes Gottesbild behaupten. Das können wir am heutigen Beispiel getrost ablehnen.

Joh 1
35 Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm. 

36 Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! 
37 Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. 
38 Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, sagte er zu ihnen: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister – , wo wohnst du? 
39 Er sagte zu ihnen: Kommt und seht! Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde. 
40 Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. 
41 Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden – das heißt übersetzt: Christus. 
42 Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Petrus, Fels.

Was wir heute im Evangelium lesen, geschieht wiederum einen Tag nach dem gestrigen Ereignis (der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer). Und auch heute lesen wir von den „Früchten“, an denen man den Menschen erkennt:
Johannes der Täufer tauft wie gewohnt im Jordan und zwei seiner Jünger sind bei ihm. Als Jesus vorübergeht, hören die Jünger des Johannes ihren Meister sagen: „Seht das Lamm Gottes!“. Dass sie daraufhin Jesus ansprechen und generell auf ihn aufmerksam werden, könnte man damit erklären, dass Johannes tags zuvor über Jesus heilsgeschichtlich entscheidende Dinge erklärt hat. Da hat er Jesus bereits als Lamm Gottes bezeichnet, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Jetzt, wo dieser besondere Mann wieder auftaucht, wollen sie die Chance nutzen, ihn besser kennenzulernen. Sie werden als Jünger des Johannes in einer intensiven Messiaserwartung gelebt haben und erkennen nun die Gunst der Stunde.
Sie folgen Jesus kurzerhand, ohne zunächst etwas zu sagen. Als dieser merkt, dass er verfolgt wird, wendet er sich um und fragt: „Was sucht ihr?“ Das Verb ζητέω zeteo macht an dieser Stelle weniger Sinn, wenn man es wörtlich übersetzt. Sie suchen ja nichts, sondern folgen Jesus. Man muss die übertragenen Bedeutungen berücksichtigen („untersuchen“ , „vermissen“ und „nach etwas verlangen“). Es kann also heißen, dass Jesus sie danach fragt, was sie möchten. Er ist Gott und weiß die Antwort ja schon. Er wird also auch wissen, dass sie mehr über Jesus herausfinden möchten, also „untersuchen“ wollen.
Diese Situation dürfen wir noch eingehender betrachten und mehrfach auslegen: Jesus fragt auch später, wenn Menschen mit Krankheiten und anderen Anliegen zu ihm kommen, was sie möchten – was sie ersehnen. Er kennt die Antwort immer schon, aber es geht um den freien Willensentschluss, den er den Menschen lässt. Sie sollen von sich aus laut aussprechen, was sie möchten (z.B. der Blinde in Lk 18). Auch ekklesiologisch wird dies weitergeführt. Keinem werden die sakramentalen Handlungen aufgezwungen. Wenn Eltern ihr Kind zur Taufe bringen oder wenn ein Erwachsener sich auf die Taufe vorbereitet, gehört es zum Ritus, dass die betroffenen Personen von sich aus den Wunsch äußern „ich bitte um die Taufe“ oder auch bei der Firmung. Da ist es meist ein Firmling stellvertretend für alle anderen, der dann nach vorne kommt und den Bischof um das Sakrament bittet. Ebenso ist es mit den anderen Sakramenten. Gott weiß schon längst, was wir wollen, wenn wir zur Kirche kommen, aber er möchte uns die Chance geben, es frei zu äußern. Das betrifft auch den einzelnen Christen, wenn er ins Gebet geht. Der Herr weiß schon, um was wir bitten möchten, aber er lässt uns dennoch ausreden, damit wir unserer Sehnsucht Worte verleihen. Und wenn wir vor Gott stehen nach dem Tod, dann wird er schon längst alles wissen und uns doch anhören, was wir zu sagen haben.
Interessant ist übrigens auch die Analogie zu Exodus 33. Auch dort geht Gott vorüber, aber Mose darf sein Angesicht nicht sehen. Gott erlaubt ihm, seinen Rücken zu erhaschen. Hier im Evangelium erkennen wir, dass Gott heilsgeschichtlich nun eine neue Phase einleitet. Er wendet sich um und zeigt den Menschen sein Gesicht!
Warum stellen die Johannesjünger Jesus aber ausgerechnet die Frage: „Wo wohnst du?“ Natürlich kann man dies darauf zurückführen, dass man von der Art des Wohnens, des Zusammenlebens, der familiären Umstände auf den Menschen schließen kann. Hier steckt aber noch eine tiefere Wahrheit dahinter. Im selben Kapitel heißt es im Prolog ja: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Wörtlich heißt es sogar „es hat unter uns gezeltet“. Gott hat sein Zelt aufgeschlagen mitten unter den Menschen. Dies hat etwas Vorübergehendes an sich, denn es meint keinen dauerhaften Wohnsitz. Der Sohn Gottes hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann: Er wird in einem Stall geboren, der ihm nicht gehört, er muss nach Ägypten fliehen, weil die Heimat seiner Eltern eine tödliche Bedrohung darstellt, er wird vom Moment seines öffentlichen Wirkens an keinen festen Wohnsitz mehr haben. Nach dem Tod wird er nicht mal in ein eigenes Grab gelegt, sondern in ein geliehenes. Auch wenn hier nicht gesagt wird, wo Jesus wohnt, können wir davon ausgehen, dass er bei Freunden untergekommen ist. Es spielt sich ja bei Betanien ab, wo Maria, Martha und Lazarus wohnten, Freunde Jesu.
Jesus antwortet den Johannesjüngern mit der Aufforderung „Kommt und seht!“ Von Anfang an lebt Jesus sein Evangelium vor und überzeugt so die Menschen. Es ist um die zehnte Stunde, also vier Uhr nachmittags, als sie mit Jesus gehen und sich selbst überzeugen, wo er lebt. Hier müssen wir auch ins Griechische schauen. Sie fragen wortwörtlich nämlich nicht: „Wo wohnst du“, sonder „Wo bleibst du?“ (μένω meno „bleiben“). Im Johannesevangelium ist das Wort „bleiben“ entscheidend. Es ist also mehr als nur eine banale Frage und daraufhin eine informative Aussage, wenn es heißt, dass die beiden Jünger an dem Tag bei Jesus bleiben. Jesus wird in seiner Verkündigung immer davon sprechen, dass wir in Gottes Liebe bleiben sollen. Der Begriff hat etwas mit Gemeinschaft mit Gott zu tun. Wenn die Jünger also mit Jesus gehen und sehen, wo er bleibt, dann werden sie nicht nur Zeuge der Unterkunft Jesu. Sie werden vielmehr Zeugen der Gemeinschaft zwischen Vater und Sohn. Jesus wird ihnen diese Beziehung gezeigt haben, sodass ihnen aufgegangen ist, wer er ist. Was die beiden mit Jesus an dem Tag erlebt haben, überzeugt sie so sehr, dass sie am nächsten Tag sogar sagen: „Wir haben den Messias gefunden“. Sie haben „gesucht“ und „gefunden“. Dazu lädt Jesus später in der Bergpredigt ein: Suchet und ihr werdet finden (Mt 7,7). Das ist eine Einladung an jeden Menschen. Wer wirklich von Herzen auf der Suche ist – und das ist jeder Mensch, weil er als Abbild Gottes unbewusst immer nach Gott sucht – wird Gott auch finden. Dieser zieht jeden Menschen nämlich zu sich.
Die Ereignisse des Tages schließen sich an den ersten Johannesbrief an, wo wir heute gelesen haben, dass man den Gerechten am Verhalten erkennt. Jesus erzählt ihnen nicht einfach, wer er ist, obwohl er weiß, dass sie das wissen wollen. Er zeigt ihnen vielmehr an seinem Verhalten, wer er ist. Denn das überzeugt Menschen mehr als Worte.
Einer der beiden Johannesjünger ist der Bruder des Petrus, Andreas. Dieser bringt am nächsten Tag seinen Bruder zu Jesus, der heute den Beinamen Petrus erhält und eigentlich Simon heißt.
Andreas führt seinen Bruder zu Jesus. Das ist ein Kernsatz für jeden Seelsorger. Das ist die Aufgabe, zu der jeder Diakon, Priester und Bischof, jeder Ordensmensch, aber auch jeder Laie berufen ist – Menschen zu Jesus zu führen. Man erkennt den guten Geistlichen daran, dass dieser die Menschen nicht um sich scharrt wie eine Fanbase und diese von sich abhängig macht. Stattdessen führt er Menschen immer Christus zu und zeigt von sich weg. Es geht um Gott, nicht um die Person des Geistlichen.
Petrus begegnet Jesus heute zum ersten Mal und dieser beruft ihn sofort zum Felsen. In Mt 16 wird Jesus ihm sogar sagen, dass er auf ihm seine Kirche bauen wird! So eine große Berufung hat Jesus für ihn bereit. Dass Jesus ihm einen neuen Namen verleiht, muss für ihn etwas Besonderes gewesen sein. Er sagt ihm sogar, wie er heißt, bevor er das wissen kann. Simon bar Jona, „Sohn des Johannes“ wird somit klar, dass Jesus mehr ist als ein gewöhnlicher Mensch.

Wir erkennen den Gerechten an den Taten. Wie oft erfahren wir in unserem Leben, dass die beste Predigt einen ungläubigen Menschen nicht erweichen kann, aber dann eine Liebestat an ihm oder generell das Verhalten, die Umsetzung der Predigt den Ungläubigen überzeugt. Das heißt nicht, dass die Predigt überflüssig ist. Das Gesagte muss mit dem Gelebten aber übereinstimmen, damit es authentisch ist. Dann wird das eigene Leben zum missionarischen Wirken für die anderen, die bewusst oder unbewusst Gott suchen. Denken wir heute über unser eigenes Leben nach. Verhalten wir uns so, wie wir anderen „predigen“? Lieben wir die Liebe, die wir von anderen erwarten? Mit anderen Worten: Leben wir unsere Berufung, die wir durch Taufe und Firmung erhalten haben? Leben wir diese Gemeinschaft mit dem Vater, zu der wir berufen sind und die andere Menschen berühren kann?

Ihre Magstrauss