Dienstag der Karwoche

Jes 49,1-6; Ps 71,1-2.3.5-6.15 u. 17; Joh 13,21-33.36-38

Jes 49
1 Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der HERR hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.
2 Er machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zu einem spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher.
3 Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will.
4 Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft für Nichtiges und Windhauch vertan. Aber mein Recht liegt beim HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.
5 Jetzt aber hat der HERR gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht geformt hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammelt werde. So wurde ich in den Augen des HERRN geehrt und mein Gott war meine Stärke.
6 Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht der Nationen; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.

Die heutige Lesung, die wir hören, ist wieder einem der Gottesknechtslieder entnommen, diesmal dem zweiten.
Es beginnt mit einer Aufforderung zum Hören auf den Propheten. Er spricht die „Inseln“ an und erklärt direkt im Anschluss, dass damit die „Völker in der Ferne“ gemeint sind. Das hebräische Wort לְאֻמִּ֖ים l’ummim bezieht sich dabei auf keine bestimmte Art von Volk (gemäß der sonstigen Abgrenzung von jüdisch und nichtjüdisch). Es heißt, dass nun eine universale Botschaft kommt, die allen gilt, auch jenen in der absoluten Peripherie.
„Der HERR hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.“ Es bezieht sich wörtlich verstanden zunächst auf den Propheten selbst, denn Gott hat so wie für jeden Menschen schon einen Heilsplan bereit, bevor er überhaupt erst geboren wird. Es bezieht sich auch auf Gottes auserwähltes Volk, auf Israel. Das ist eine absolute Vertrauensbekundung und Trostbotschaft des Geborgenseins ganz in Gott. Es ist aber auch auf Jesus zu beziehen, der vor Anfang der Schöpfung schon Sohn Gottes war und schon vor Beginn der Zeit sein Erlösungsplan feststand. Es bezieht sich auf die gesamte Menschheit, deren Erlösungsplan schon vor ihrem Hervorgehen feststand, vor allem der Neue Bund war schon längst geplant, durch den wir alle die Herrlichkeit Gottes schauen dürfen – durch den Taufbund. Deshalb ist sie heilsnotwendig. Und es bezieht sich auf jeden einzelnen Menschen, mit dem Gott seinen ganz besonderen Plan hat.
Gott hat uns schon beim Namen genannt, bevor unsere Eltern es getan haben. Er kennt uns schon, bevor wir beginnen, zu existieren. Das ist so eine tröstliche Botschaft, weil wir uns dann auf seinen absoluten Heilswillen verlassen können. Er wird uns deshalb nichts aufbürden oder geben, was uns nicht passt oder was uns zu viel ist.
„Er machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert“ – an dieser Stelle werden verschiedene Waffenbilder verwendet, um zu umschreiben, dass zunächst wörtlich verstanden der Prophet Jesaja zum Werkzeug des Kampfes Gottes wird. Dieser Kampf ist vor allem ein geistiger. Das scharfe Schwert ist dahingehend besonderes auffällig, weil es uns in der gesamten Bibel immer wieder begegnet und eine typologische Entsprechung mit Christus selbst erhält. In der Johannesoffenbarung sieht Johannes sogar, dass aus Jesu Mund dieses Schwert herauskommt und zum Ende hin sieht er Jesus als Feldherrn mit dem Namen „das Wort Gottes“. Das Wort Gottes ist die Waffe, kein echtes Schwert, mit dem man Menschen tötet. Das Wort Gottes spaltet alles bis ins innerste Mark. Damit ist aber die Seele gemeint. Denn es bewirkt einen inneren Kampf. So kämpft Jesaja durch die Hl. Schrift gegen jene, die sich nicht daran halten. Er deckt die Missstände auf, die verdorbenen Herzen und die schweren Sünden des Volkes. Und so wird es auch Jesus tun. Er ist das fleischgewordene Wort Gottes. Seine bloße Anwesenheit provoziert jene, die sich hinter dem Gesetz verstecken und ihre Verdorbenheit bisher gut verbergen konnten. Jesus „seziert“ die Seelen der Menschen und so wird alles offengelegt. Es schmerzt vor allem da, wo entzündetes Gewebe, kranke Organe, ein kranker Organismus ist. Wer die Heilung annimmt, wird gesund, wer es nicht annimmt, stirbt an einer seelischen Sepsis. Mit seinem Heimgang zum Vater hinterlässt Jesus dieses Schwert seiner Kirche in Wort und Sakrament. Sie kämpft bis heute mit dieser Waffe und seziert die Seelen der Menschen. Damit ist sie der Gesellschaft zu jeder Zeit ein Dorn im Auge, denn der Mensch möchte seine Verdorbenheit nicht preisgeben. Er möchte auch nicht geheilt werden, weil die Behandlung schmerzhaft ist und er seine Lebensgewohnheiten umstellen muss. Lieber stirbt er den seelischen Tod, als sich behandeln zu lassen. Wir sehen an den schlimmen Christenverfolgungen unserer heutigen Zeit, dass die Abwehr gegen das Wort-Gottes-Schwert heutzutage besonders stark ist. Tendenz steigend. Am Ende der Zeiten wird es zum ultimativen Kampf kommen, doch es wird eher eine Abrechnung Christi mit den bösen Mächten sein, die blitzschnell überwältigt und besiegt werden. Dann wird es keiner Waffen mehr bedürfen, denn dann wird ewige Triumphfeier sein.
Vers 3 erinnert uns an die Worte, die wir am Fest der Taufe des Herrn gehört haben. Anders ist an dieser Stelle die direkte Adressierung des Gottesknechts („du bist“ statt „das ist“). Es wird auch expliziter gesagt, wer damit gemeint ist: „Du….Israel“. An dieser Stelle wird es auf Jakob bezogen, der den Namen Israel erhalten hat. Man kann darunter auch das Kollektiv Israel verstehen, d.h. die zwölf Stämme Israels. In dieser wörtlichen Leserichtung möchte Gott seinem auserwählten Volk seine Herrlichkeit zeigen. Das ist es, was Gott immer wieder tut und was für ihn bezeichnend ist – die Selbstoffenbarung. Diese gipfelt auf dem Höhepunkt der Heilsgeschichte mit dem Kommen seines Sohnes, der schließlich am Kreuz sterben wird. Nach drei Tagen wird er auferstehen und dadurch Gottes Herrlichkeit offenbaren. Am Ende der Zeiten wird er in Herrlichkeit wiederkommen, um die Lebenden und die Toten zu richten. Dann wird Gott seine Herrlichkeit unverschleiert offenbaren, wie sie ist. Lesen wir den Knecht Israel christologisch, dann ist es Jesus, dem Gott durch die Auferstehung seine Herrlichkeit zeigt.
Im Laufe der Heilsgeschichte wird der Adressat der göttlichen Offenbarung immer weiter ausgeweitet, sodass mit Jesus die ganze Welt zum Zeugen wird. Das auserwählte Volk, „Israel“ meint dann nicht mehr wörtlich die zwölf Stämme, sondern die ganze Welt.
In Vers 4 spricht das Volk Israel nun eine Art Bekenntnis, in dem es heißt: „Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft für Nichtiges und Windhauch vertan. Aber mein Recht liegt beim HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.“ Bezieht man es auf das Volk Israel, kann man es als reumütiges Bekenntnis verstehen, in dem das Volk die Verschwendung der Ressourcen für Unwichtiges zugibt. Es kann aber auch die Klage darüber sein, dass Israel vermeintlich erfolglos für die Sache Gottes gewesen ist. In diesem Sinne kann man es vor allem auf Jesaja beziehen und weitergedacht auf Jesus, den leidenden Gottesknecht, der scheinbar verliert. Mit Ostern wird sich das Blatt aber wenden und wir erkennen, dass garnichts umsonst war! Und so können wir dieses Bekenntnis auch auf die Kirche anwenden, die einerseits ihr Leid über die ausbleibenden Früchte klagt, andererseits vor Gott bekennt, ihre Energie in die falschen Dinge gesteckt zu haben. Zweiteres müsste sie heutzutage besonders laut tun…
Ab Vers 5 wechselt die Perspektive, sodass der Gottesknecht selbst spricht. Der Knecht ist im Mutterleib von Gott geformt worden, d.h. er ist auserwählt von Anfang an. Sein Auftrag besteht dabei in der Heimführung Israels/Jakobs zu Gott. Lesen wir dies wörtlich-historisch, denken wir an einen König oder noch eher an einen Propheten, der zur Umkehr des auserwählten Volkes beiträgt. Seine Berufung steht schon fest, noch bevor er geboren wird. In dieser Hinsicht findet er beim HERRN Ehre und hat seine Stärke in Gott. Während die Ehre bei Gott durch eine Zukunftsform ausgedrückt wird (וְאֶכָּבֵד we’ekaved), stellt das Haben der Stärke in Gott eine Vergangenheitsform dar (הָיָ֥ה hajah). Gott WAR also die Stärke des Knechts, aber er wird ihn noch verherrlichen (es ist im Hebräischen dasselbe Wortfeld, das auch sonst für „Ehre“ gebraucht wird und im Griechischen durch δόξα doxa ausgedrückt wird, lateinisch gloria). Dies alles macht also Sinn, wenn wir mit dem Gottesknecht Jesus Christus identifizieren. Er wird am Ende der Zeiten als verherrlichter Menschensohn wiederkommen. Er ist zum Vater heimgekehrt, um verherrlicht zu werden. Zur Zeit des zweiten Gottesknechtsliedes steht es aber noch aus. Auch uns gelten diese Worte. Wir sind Knechte und Mägde des Herrn, die wir getauft worden sind. Auch uns hat der HERR dadurch schon verherrlicht, was wir aber erstens im Laufe unseres Lebens verlieren können, zweitens wird unsere Herrlichkeit erst am Ende der Zeiten offenbar.
Versuchen wir, die wörtliche Bedeutung des Verses 5 noch weiter zu verstehen, damit wir die Hoffnungsbotschaft für die Juden erkennen: Israel heimzuführen meint wörtlich gelesen zunächst die Heimführung aus dem babylonischen Exil. Die Juden haben also auch an dieser Stelle an eine königliche Figur gedacht, die eine politische Befreiung erzielen soll. Die Heimführung zu Gott bezieht sich dann auf sein gelobtes Land, also auf einen irdischen Ort. Christologisch gesehen gehen wir aber darüber hinaus: Jesus ist gekommen, um das auserwählte Volk zu Gott zurückzuführen. Er hat Sühne geleistet, um das Exil Israels zu beenden – nicht nur aus dem babylonischen Exil, sondern das viel schlimmere und aussichtslosere Exil außerhalb des Paradieses! Er ist gekommen, um die Söhne Israels zu Gott ins Himmelreich heimzuführen! Er macht damit wieder gut, was der erste Mensch verschuldet hat.
In Vers 6 legt das Gottesknechtslied noch einen drauf. Spätestens jetzt merkt man, dass der Gottesknecht nicht einfach ein politischer Herrscher oder ein Prophet sein kann. Denn er wird nicht nur zum Heimführer der „Verschonten“ Israels (die das Exil und die Fremdherrschaft bis dahin überlebt haben), sondern zum „Licht der Nationen“ (לְאֹ֣ור גֹּויִ֔ם le’or gojim). Der Gottesknecht bringt das Heil ALLEN Menschen, auch den Nichtjuden! Jesus ist wirklich das Licht, von dem vor allem das Johannesevangelium immer wieder spricht. Gott hat einen wunderbaren Plan und dieser wird schon 700 Jahre vor der eigentlichen Umsetzung dem Propheten Jesaja eingegeben! Gott will sein Heil יְשׁוּעָתִ֖י jeschuato – seinen Jesus – bis an die Enden der Erde bringen. Dazu möchte er die Menschen miteinbeziehen, die seine Jünger sind. Jesus wird vor seinem Heimgang zum Vater zu den Aposteln sagen: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19). Jesus führte schon zu seinen Lebzeiten die Menschen zum Vater, indem sie umkehrten. Er trug seinen Jüngern auf, die Gemeinschaft der Gläubigen zu sammeln, dass sie zum Vater „heimkommen“ in die Kirche, die das angebrochene Reich Gottes auf Erden darstellt. Durch die Kirche steht ihnen die Heimführung zum Vater nach ihrem Tod bereit und am Ende der Zeiten werden alle Menschen, die den Herrn angenommen haben, auf ewig im himmlischen Jerusalem zuhause sein. Das Heil Gottes ist dann an den Grenzen/Enden der Erde auch im eschatologischen Sinn: das Ende der alten Schöpfung und der Anfang der neuen, die Johannes in der Offenbarung schon gesehen hat.

Ps 71
1 Bei dir, o HERR, habe ich mich geborgen, lass mich nicht zuschanden werden in Ewigkeit!
2 Reiß mich heraus und rette mich in deiner Gerechtigkeit! Neige dein Ohr mir zu und hilf mir!
3 Sei mir ein schützender Fels, zu dem ich allzeit kommen darf! Du hast geboten, mich zu retten, denn du bist mein Fels und meine Festung.
5 Denn du bist meine Hoffnung, Herr und GOTT, meine Zuversicht von Jugend auf.
6 Vom Mutterleib an habe ich mich auf dich gestützt, aus dem Schoß meiner Mutter hast du mich entbunden, dir gilt mein Lobpreis allezeit.
15 Mein Mund soll von deiner Gerechtigkeit künden, den ganzen Tag von deinen rettenden Taten, denn ich kann sie nicht zählen.
17 Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf und bis heute verkünde ich deine Wunder.

Der heutige Psalm ist ein Bittpsalm, bei dem Gott um Schutz und Rettung gebeten wird. Er beginnt jedoch mit einer Vertrauensbekundung („Bei dir, o HERR, habe ich mich geborgen“). Es ist die Zusage König Davids, der wirklich in jeder Lebenslage Gott vertraut hat. Wir können es weiterlesen und auf Jesus Christus beziehen, der mit den Psalmworten zu seinem Vater gebetet hat vor seinem Tod. Er hat während seines gesamten irdischen Daseins immer wieder seine innige Beziehung zum Vater gezeigt, der ihn nun nicht im Stich lassen soll. Dies wird sein Gebet im Garten Getsemani vor seiner Verhaftung gewesen sein. Es wird seine Lippen bis zum letzten Atemzug am Kreuz nicht verlassen haben, selbst als er sich ganz alleingelassen fühlte. Wir lesen im Lukasevangelium, dass Jesus dann sagen wird: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Es ist ein weiteres Psalmwort, das Jesu absolute Vertrauensbekundung ausdrückt. Und auch wir dürfen so beten, vor allem durch das Gebet, das Jesus uns beigebracht hat – das Vaterunser. Da bitten wir ja zunächst nicht, sondern preisen den Vater. Erst dann kommen die Bitten, die unser Leben betreffen. Dort heißt es ja: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von den Bösen. Dies ist natürlich nicht nur auf die Erdenzeit beschränkt, sondern es soll eine umfassende Erlösung sein, damit wir auf ewig nicht zuschanden werden.
„Reiß mich heraus“ bezieht sich auf allerlei Nöte. David selbst hat so einige existenzielle Nöte erfahren, von der Verfolgung Sauls bis hin zur Verfolgung seines eigenen Sohnes Abschalom. Jesus Christus wird diese Worte ein wenig anders formulieren und zugleich seinen eigenen Willen dem des Vaters unterstellen: Herr, nimm diesen Kelch von mir, aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe. So sollen auch wir beten. Selbstverständlich sollen wir Bittgebete formulieren, immer wieder. Jesus hat uns ermutigt mit den Worten: „Bittet, dann wird euch gegeben.“ Gleichzeitig sollen wir das letzte Wort Gott überlassen, auch das Wann und das Wie. Wir sollen also bitten unter dem Vorbehalt, „wenn du willst“. So hat schon der Aussätzige im Evangelium gebetet, als er Jesus um Heilung bat. „Neige dein Ohr mir zu“ ist bildhaft zu verstehen, da Gott kein Ohr hat. Es meint Gottes Gehör, das keinen Klageschrei überhört – weder damals in Ägypten noch in Babylon, noch in heutiger Zeit! Gottes Zorn und sein gerechtes Gericht sind ein Beweis dafür, dass Gott das Leiden seiner geliebten Menschen nicht ignoriert. Allem wird er in seiner Gerechtigkeit nachgehen und richtigstellen. Gericht ist also nichts Schlechtes, sondern Zeichen der Barmherzigkeit Gottes!
Das Wortfeld „retten“ wird auch hier wiederum mit der hebräischen Wurzel ישׁע ausgedrückt wie der Name Jesu. Dieser Psalm umfasst die Bitte um die Befreiung des Volkes aus der Hand des Feindes. Das Volk schreit um Erlösung und Gott ist so barmherzig, dass er sein Schreien hört. Obwohl die Propheten erklären, dass die Zeiten der Fremdherrschaft Konsequenz ihrer eigenen Sünden, vor allem ihres Götzendienstes sind. Und doch lässt Gott seine untreue Braut nicht im Stich, sondern sendet ihr Menschen wie Simson oder David, die die Feinde besiegen. Letztendlich sind solch heilsgeschichtliche Gestalten Gottes Antwort auf die Bitten des Volkes. Gott selbst vollbringt hier seine göttlichen Heilstaten.
Für Bittpsalmen ist bezeichnend, dass der Beter die Gründe aufzählt, weshalb Gott helfen soll, besonders auch die vergangenen Heilstaten. „Vom Mutterleib an habe ich mich auf dich gestützt“ zeigt, dass der Beter um Gottes Beistand ruft, weil er seine Gebote befolgt. Wir denken an die Worte des Gottesknechtsliedes, wo Gott diese Zusage dem Propheten Jesaja und dem gesamten Volk Israel macht. Wir denken auch an König David, dem wir diesen Psalm zuschreiben und der von Anfang an in der Gunst Gottes stand. Dass wir im Stand der Gnade alles von Gott erbitten dürfen, wird uns später auch Jesus erklären (als Rebe am Weinstock, dem Bild für diesen Stand der Gnade): Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten (Joh 15,7).
Unser Auftrag ist es, Gottes große Taten zu verkünden, wie es der Psalm auch sagt. Er ist es, der uns alles lehrt und dem wir unser Leben lang zurückgeben sollen, nicht aus Zwang, sondern aus Liebe.

Joh 13
21 Nach diesen Worten wurde Jesus im Geiste erschüttert und bezeugte: Amen, amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern.
22 Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte.
23 Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte.
24 Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche.
25 Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es?
26 Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.
27 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn. Jesus sagte zu ihm: Was du tun willst, das tue bald!
28 Aber keiner der Anwesenden verstand, warum er ihm das sagte.
29 Weil Judas die Kasse hatte, meinten einige, Jesus wolle ihm sagen: Kaufe, was wir zum Fest brauchen! oder Jesus trage ihm auf, den Armen etwas zu geben.
30 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.
31 Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht.
32 Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen und er wird ihn bald verherrlichen.
33 Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ihr werdet mich suchen, und was ich den Juden gesagt habe, sage ich jetzt auch euch: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.
36 Simon Petrus fragte ihn: Herr, wohin gehst du? Jesus antwortete ihm: Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen.
37 Petrus sagte zu ihm: Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich hingeben.
38 Jesus entgegnete: Du willst für mich dein Leben hingeben? Amen, amen, ich sage dir: Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

Das Evangelium führt uns in diesen Tagen immer näher zum Kreuz. Heute hören wir eine Perikope, die sich direkt an die Fußwaschung im Abendmahlssaal anschließt. Jesus spricht Abschiedsworte, die die Apostel noch nicht ganz verstehen, aber sehr bald schmerzlich realisieren werden.
Jesus ist erschüttert. Die grammatikalische Form zeigt, dass er es zuerst nicht ist und dann in Bestürzung gerät. Es bricht ihm das Herz und deshalb bestürzt es ihn, was er nun auch ankündigt: Einer seiner engsten Freunde wird ihn verraten. Wir müssen uns Jesu emotionale Reaktion sehr zu Herzen nehmen. So reagiert Jesus auf jeden Menschen, der sich gegen Gott versündigt. Es ist jedesmal ein Verrat Gottes. Und auch dann ist er bestürzt, weil wir alle durch den Taufbund zu seinen ganz engen Freunden werden, ja zu seinen Familienmitgliedern. Je näher man sich steht, desto mehr trifft der Verrat den Menschen. Jesus weint auch über mich und ist ganz erschüttert über jede einzelne Liebesablehnung.
Die Jünger sind verwirrt und wissen nicht, wer von ihnen so etwas Schreckliches tun sollte. Petrus gibt Johannes ein Zeichen, der sich mit Jesus eine Liege teilt und der auch sonst ganz nah an Jesu Herz weilt im übertragenen Sinn. Er fragt ihn und dieser antwortet mit einem Code, den alle verstehen: „Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde.“ Jesus tut es und gibt das Stück Judas Iskariot, der es entgegennimmt. Diese Geste muss schriftkundigen Juden bekannt sein, denn es ist eine Anspielung an Ps 41,10: „Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, hat die Ferse gegen mich erhoben.“ Warum antwortet Jesus mit so einem Schriftwort, statt einfach zu sagen: „Judas wird mich verraten“? Schließlich wird er dies am Ende des Evangeliums unverblümt zu Petrus sagen. Er tut es, weil er den Aposteln die Erfüllung der Hl. Schrift verdeutlichen möchte und dass alles, was nun kommt, so geschehen muss.
Jesus gibt Judas eine letzte Chance, als er ihm den Bissen hinhält. Er hat Judas‘ böse Absichten ja freigelegt und dieser könnte in diesem Augenblick bereuen und alles ablegen. Der Satan hat ihn aber schon so sehr bearbeitet, dass dieser die letzte Chance nicht mehr nutzt, sondern den Bissen bereitwillig annimmt. Weil er hartnäckig an der schweren Sünde festhält, fährt der Satan in ihn. Lesen Sie, was Exorzisten über die häufigsten Ursachen von Besessenheit schreiben. Ein ganz großer Faktor besteht in genau diesem verstockten Zustand des Festhaltens an der Todsünde.
Wenn Jesus nun sagt: „Was du tun willst, das tue bald!“, dann kann man es entweder auf Judas selbst beziehen oder auf den Satan in ihm! Jesus kann diesem ja Befehle erteilen und schließlich bewegt sich der Teufel im Heilsradius Gottes. Selbst seine Machenschaften wendet Gott zum Heil. Würde die folgende Auslieferung nicht geschehen, könnte Jesus die Welt nicht erlösen.
Die anderen Aposteln verstehen Jesu Worte nicht und denken, Judas soll sich als Kassenwart mit irgendwelchen Einkäufen beeilen. Haben die Apostel die Geste Jesu nicht verstanden, als er Judas den Bissen überreichte oder wollten sie es nicht wahrhaben, was so unvorstellbar grausam sein musste?
Als Judas hinausgeht, ist es Nacht. Diese Bemerkung ist nicht einfach auf die Tageszeit zu beziehen, denn wir wissen ja, dass es sich um ein Abendmahl handelt. Das heißt, es muss schon dunkel sein, als sie mit dem Mahl fertig sind. Es geht vielmehr um die seelische Nacht des abgefallenen Apostels. Seine Seele gehört dem Satan, der die Nacht ist. Jesus dagegen ist der Messias, der aus dem Osten aufsteigt und somit die Sonne der Gerechtigkeit ist, die Morgenröte.
Als Judas weg ist, spricht Jesus von seiner Verherrlichung durch den Vater. Er spricht davon, weil sie unmittelbar bevorsteht und Jesus ja schon längst verherrlicht ist. Diese Verherrlichung ist nur verborgen und wird an Ostern offenbar – aber selbst da ist es noch nicht die vollkommene Offenbarung seiner Herrlichkeit. Diese wird erst am Ende der Zeiten mit seiner Rückkehr vonstatten gehen.
„Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ihr werdet mich suchen, und was ich den Juden gesagt habe, sage ich jetzt auch euch: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.“ Jesus will seine Apostel schon für seinen Tod sensibilisieren. Mit seinem Tod wird seine Seele von der irdischen Welt gehen und deshalb können seine Jünger ihm dorthin nicht folgen, zumindest noch nicht. Petrus fragt nach (Vers 36) und Jesus wird ihm ankündigen, dass er diesen Weg später auch gehen wird (wenn er nämlich stirbt. Petrus lässt aber nicht locker, denn er ist immer ganz schnell im Sprechen und nimmt auch manchmal den Mund zu voll in seiner Selbstüberschätzung. Er sagt sogar, dass er Jesus sein Leben hingeben will. An sich sind das sehr lobenswerte Worte, doch Jesus sieht, dass es anders kommen wird. So sagt er ihm unverblümt ins Gesicht: „Amen, amen, ich sage dir: Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Jesus tut es, um Petrus aus seiner Selbstüberschätzung herauszuholen. Petrus braucht das, um demütig zu werden und seine eigene Erlösungsbedürftigkeit zu erkennen. Dies fiel ihm schon bei der Fußwaschung schwer, weil sein Hochmut ihn daran hindert. Er braucht einen Fall, um vom hohen Ross herunter zu kommen. So wird passieren, was Jesus ihm vorhergesagt hat. Petrus wird es auch sofort erkennen und bitterlich weinen – nicht nur in dieser Situation, sondern sein ganzes restliches Leben lang. Er wird es von Herzen bereuen und endlich realisieren, wie er wirklich ist. Und dann wird er demütigen Herzens wirklich sein Leben für Jesus hingeben. Er wird sogar wie Jesus gekreuzigt werden, sogar kopfüber.

Jesus ist das Herz so sehr gebrochen worden. Er musste so viele Verrate erleiden und wird sich bis zum Kreuz im Stich gelassen gefühlt haben. Aber auch dies ist Bestandteil seiner Sühne. Jesus sühnt auch für die Sünde des Verrats. Er erlöst uns von den Hinterhalten unserer eigenen Freunde. Er erlöst die Sünde aller Brutusse bis in die heutige Zeit. All das musste geschehen, aber schmerzhaft ist es trotzdem, sowohl für Jesus als auch für uns, die wir es nachempfinden. Jesus hat heute im Abendmahlssaal wirklich mithilfe des Wortes Gottes, das ein scharfes Schwert ist, die verborgenen bösen Pläne des Judas aufgedeckt – nämlich mithilfe von Psalm 41. Er hat allerdings falsch reagiert, nämlich wie die Pharisäer und Schriftgelehrten lieber an dem Bösen festgehalten.

Denken wir heute darüber nach, wo wir zu Judas und wo wir zu Petrus werden in unserem Alltag. Wann verraten wir Jesus? Versuchen wir dann so zu reagieren wie Petrus, der bereut und die Barmherzigkeit Gottes angenommen hat. Werden wir nicht so wie Judas, der die Barmherzigkeit abgelehnt und stur an der Sünde festgehalten hat. Dies schadet unserer Seele auf ewig. Seien wir Petrus und sehen wir unsere Sünde im Nachhinein als Herabsteigen vom hohen Ross zu einem Wachsen in Demut!

Ihre Magstrauss

Dienstag der 5. Woche der Fastenzeit

Num 21,4-9; Ps 102,2-3.16-17.18-19.20-21; Joh 8,21-30

Num 21
4 Die Israeliten brachen vom Berg Hor auf und schlugen die Richtung zum Roten Meer ein, um Edom zu umgehen. Das Volk aber verlor auf dem Weg die Geduld,
5 es lehnte sich gegen Gott und gegen Mose auf und sagte: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser und es ekelt uns vor dieser elenden Nahrung.
6 Da schickte der HERR Feuerschlangen unter das Volk. Sie bissen das Volk und viel Volk aus Israel starb.
7 Da kam das Volk zu Mose und sagte: Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den HERRN und gegen dich aufgelehnt. Bete zum HERRN, dass er uns von den Schlangen befreit! Da betete Mose für das Volk.
8 Der HERR sprach zu Mose: Mach dir eine Feuerschlange und häng sie an einer Stange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht.
9 Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Stange auf. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben.

Heute hören wir von einem Zwischenfall des Volkes Israel zur Zeit der Wüstenwanderung. Die Israeliten sind unterwegs zum Roten Meer und umgehen dabei das Gebiet Edom. Gott führt es in der Wüste umher und so murrt das Volk Mose gegenüber: „Warum habt ihr uns auf Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser und es ekelt uns vor dieser elenden Nahrung.“ Was hier passiert, ist nicht einfach nur Unzufriedenheit. Das Volk hadert mit Gott, der ihm doch nur das Beste möchte, der den Israeliten das Heil schenken will. Doch stattdessen stellen sie den Willen Gottes infrage. Gott hat an ihnen bereits so große Heilstaten erwiesen und spektakuläre Zeichen gewirkt. Sie tun so, als wäre dies nie gewesen, als hätten sie schon längst all dies vergessen. Dieses Vergessen ist aber fatal, weil auch wir Menschen dann undankbar gegenüber Gott werden. Die Erinnerung der Heilstaten Gottes ist also auch für uns Christen heute heilsam. So sollen wir die Eucharistie zu seinem Gedächtnis tun, wie es Jesus seinen Aposteln im Abendmahlssaal aufgetragen hat. Auch im persönlichen Gebetsleben ist der dankende Lobpreis über vergangene Gnaden, die Gott einem geschenkt hat, unerlässlich. So bleibt der Mensch Gott gegenüber dankbar und erhebt sich nicht über ihn.
Gott möchte seinem auserwählten Volk die Chance geben, diese Fehlhaltung abzulegen, und so lässt er zu, dass die Israeliten von Schlangen gebissen werden. Viele sterben sogar an dem Schlangengift.
Hier heißt es in Vers 6, dass Gott diese Schlangen zum Volk schickte. Wir müssen hier wieder bedenken, dass Gott aktiv nichts Böses tut. Er ist der gute Gott und tut nur Gutes, was dem Menschen nicht schadet. Hier haben wir wieder eine Bibelstelle, die ein gutes Beispiel für die menschlichen Einflüsse in der Bibel darstellt. Gott hat sich zu allen Zeiten der menschlichen Fähigkeiten, kulturellen Verständnisse und dem historischen Kontext der Autoren bedient, als er durch sie das ewige Gotteswort in Menschenworte gefasst hat. Und so lesen wir hier die Vorstellung heraus, dass die bösen Dinge, die dem Menschen widerfahren, von Gott aktiv gewirkt werden. Später werden Propheten und schließlich Jesus selbst dieses Missverständnis klarstellen, sodass wir solche Bibelstellen vor dem Hintergrund jenes Verständnisses lesen müssen. Hier wird es bewusst so stehen gelassen, denn es ist ein Lernprozess der Menschheit. So ist es ja auch mit dem Monotheismus, dessen Entwicklungsstufen im Laufe des Alten Testaments ganz unterschiedlich sind und bewusst so stehen gelassen werden. So können wir den Verstehensprozess des Volkes Israel nachlesen.
Zurück zu Mose, dem Volk und den Giftschlangen: Das Volk ist zwar stur und beginnt schnell zu murren, doch genauso schnell erkennt es die Missetaten. Es kommt zu Mose in der akuten Leidenssituation und bekennt die Sünde: „Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den HERRN und gegen dich aufgelehnt.“ Sie haben die Chance sofort genutzt, die Gott ihnen geschenkt hat. Sie erkennen sofort, was sie falsch gemacht haben, und bitten Gott um Verzeihung. Er zögert auch nicht, ihnen auf das Fürbittgebet des Mose hin sofort aus dem Leiden heraus zu helfen: Mose soll eine Kupferschlange herstellen und auf eine Stange aufhängen. Das Gebilde soll aufgestellt werden und wenn jemand von einer Schlange gebissen wird, soll er sie anschauen.
Es geschieht so, wie Gott es vorgegeben hat: Mose stellt die Schlange her und stellt sie auf. Wer nun gebissen wird, schaut die Schlange an und bleibt am Leben.
Gottes wunderbare Vorsehung hat immer einen tieferen Sinn. Wir erahnen vielleicht schon, worauf Gott sein auserwähltes Volk vorbereiten will: Mose soll ein Gebilde herstellen, das den schadenden Schlangen gleich ist, eben auch eine Schlange. Das Sehen auf dieses Bild rettet die Gebissenen, auch wenn die Schlangen immer noch da sind und beißen.
So ist Jesus für uns zur Sünde geworden – dem, was uns den Tod bringt (nämlich den ewigen Tod fernab von der Herrlichkeit Gottes). Er ist selbst zur Sünde geworden, indem er den schändlichsten Tod gestorben ist, nämlich ans Kreuz geschlagen. Die Sünde ist noch weiterhin in der Welt so wie die Schlangen beim Volk Israel, doch sie bringen dem Menschen keinen ewigen Tod mehr, wenn sie auf das Kreuz schauen – und so wie das Volk ihre Sünden bekennen!
Es ist natürlich auch kein Zufall, dass das Volk Israel ausgerechnet durch Schlangen heimgesucht werden und dass die Schlange zum Typos des Kreuzes Christi wird: Sie ist der Inbegriff der Sünde, da der Satan das erste Menschenpaar durch ausgerechnet dieses Tier zur Sünde verführt hat. Dadurch, dass Jesus Christus selbst zur Sünde geworden ist – die ganze Sünde auf sich genommen hat – hat er der Schlange den Kopf zertreten (Gen 3,15: „Er trifft dich am Kopf“). Gemeint ist natürlich nicht das Tier an sich, sondern der Satan, der Widersacher Gottes! Durch die Taufe hat er die Giftschlangen unseres Lebens entmachtet, sodass ihr Gift uns nicht mehr zum ewigen Tod führen können. Es ist aber so wie in der Wüste zur Zeit des Mose: Die Kupferschlange ist da, Jesus ist für uns gestorben, aber das Heilmittel des Anschauens muss von uns ausgehen! Uns ist alles auf einem Silbertablett angerichtet. Nun müssen wir die Erlösung gläubig annehmen und durch den Bundesschluss der Taufe auch treu dazu stehen. Sonst werden die Schlangen uns auch weiterhin zum ewigen Tod führen.
Gott hat mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen, doch nach einiger Zeit hat es diesen Bund wieder vergessen. Es hat Gottes Güte infrage gestellt und so schwer gegen ihn gesündigt. Das Volk musste die Konsequenzen dieser Sünde tragen und kam so in die Notlage durch die Giftschlangen. Das Volk hat sofort verstanden, warum das passiert. Auch in unserer heutigen Zeit müssen wir uns fragen, warum wir jetzt so eine globale Not erleiden müssen. Nutzen auch wir heutzutage diese Chance zur Umkehr und bekennen wir dem HERRN unsere Sünde! Dann wir er auch heute nicht zögern, uns aus de Not zu befreien.

Ps 102
2 HERR, höre mein Bittgebet! Mein Schreien dringe zu dir!
3 Verbirg dein Angesicht nicht vor mir! Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu! Wenn ich dich rufe, eile und erhöre mich!
16 Dann fürchten die Völker den Namen des HERRN und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit.
17 Denn der HERR hat Zion dann wieder aufgebaut, er ist erschienen in seiner Herrlichkeit.
18 Er hat sich dem Bittgebet der verlassenen Stadt zugewandt, ihre Bittgebete hat er nicht verschmäht.
19 Dies sei aufgeschrieben für das kommende Geschlecht, damit den HERRN lobe das Volk, das noch erschaffen wird.
20 Denn herabgeschaut hat der HERR aus heiliger Höhe, vom Himmel hat er auf die Erde geblickt,
21 um das Seufzen der Gefangenen zu hören, zu befreien, die dem Tod geweiht sind
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Wir beten heute aus dem Psalm 102 als Antwort auf die Lesung. Es handelt sich um ein Bittgebet in Notlage:
„Mein Schreien dringe zu dir!“ Ja, das Volk Israel hat sehr oft zum HERRN geschrien in der Sklaverei Ägyptens, später im babylonischen Exil, es hat immer wieder in den verschiedenen Fremdherrschaften geschrien und so schreit das Volk Israel auch jetzt in der Wüste bei den vielen Giftschlangen, die das Volk ausrotten.
„Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu!“ Gott hat ein Gehör, kein Klageschrei seiner geliebten Kinder bleibt unerhört. Er greift immer ein – nur zu seiner Zeit und auf seine Weise. Eines können wir ganz sicher sagen: Es tut ihm immer weh, uns leiden zu sehen, denn Gott hat Mitleid mit uns Menschen. Ein anderes Wort für dieses Mitleid heißt Barmherzigkeit. Im Griechischen ist es ein und dasselbe Wort, wenn wir es im Neuen Testament lesen.
„Wenn ich dich rufe, eile und erhöre mich!“ Gott hat immer wieder geholfen. Die ganze Heilige Schrift ist ein einziges Zeugnis für Gottes Hilfe. Er hat ein ganzes Volk aus Ägypten ausziehen lassen, er hat dieses gesamte Volk durch ein Meer geführt. Er hat es vierzig Jahre am Leben erhalten, um es dann in das verheißene Land zu führen. Er hat es immer wieder von den Fremdherrschern und Feinden gerettet und sogar aus dem Exil wieder zurück in die Heimat geführt. Er hat die ultimative Rettungsaktion eingeleitet, als er seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, der allen Menschen gestern, heute und morgen die Erlösung erwirkt hat!
„Dann fürchten die Volker den Namen des HERRN und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit.“ Durch die spektakulären Heilstaten Gottes zum Beispiel bei dem Auszug aus Ägypten haben die  גֹ֭ויִם gojim, die heidnischen Völker, die Macht des Gottes der Israeliten anerkannt. Ein Beispiel für Könige sehen wir zur Zeit des Salomo, als die Königin von Saba sein Reich begutachtet. Spätestens mit der Geburt Jesu Christi wird sich dieses Schriftwort noch einmal deutlicher erfüllen, wenn die Repräsentanten der östlichen Könige vor dem neugeborenen Messias niederknien werden.
„Denn der HERR hat Zion wieder aufgebaut, er ist erschienen in seiner Herrlichkeit.“ Dies ist zunächst wörtlich auf die Situation der Israeliten zu beziehen, als der Psalm geschrieben worden ist. Es geht um den Wiederaufbau der Stadt Jerusalem nach dem babylonischen Exil. Gottes Herrlichkeit wurde durch seine Gegenwart im Tempel wieder geschaut. Wir lesen es noch weiter, denn bei der Tempelreinigung sagt Jesus zu den Menschen: Reißt den Tempel nieder. Ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen. Es geht nicht mehr um ein Gebäude, sondern um den Tempel seines Leibes. Er ist es. Mit diesem Leib, der dann sakramental weitergeführt die Kirche wird, ist das Reich Gottes ganz eng verbunden, der das neue Zion ist. Die sakramentale Antizipation dieses Reiches ist mit der Gemeinschaft der Gläubigen gegeben, die die Kirche ist. In ihr sehen die Gläubigen die Herrlichkeit Gottes verborgen in der Eucharistie. Die Kirche nimmt die endzeitliche Durchsetzung des Gottesreiches vorweg, die mit der Rückkehr des verherrlichten Menschensohnes einsetzen wird. Dann werden es alle sehen, dass Gott die Herrlichkeit ist.
„Er hat sich dem Bittgebet der verlassenen Stadt zugewandt, ihre Bittgebete hat er nicht verschmäht.“ Auch hier bezieht es sich wörtlich-historisch auf Jerusalem, das durch die Babylonier zerstört worden ist, aber auch dieser Vers ist in seinem geistigen Sinn weiterzudenken: Die verlassene Stadt ist zurückverwiesen auf Mose und das Volk Israel auf das Wohlergehen des Volkes und dessen Bund mit Gott zu beziehen. Durch die Leidenssituation mit den Giftschlangen ist das Volk zur Besinnung gekommen und hat sich wieder mit Gott versöhnt. In dieser Hinsicht ist die verlassene Stadt wieder zurückgekehrt. Wir müssen es vor allem auf Jesus Christus zu beziehen, der durch sein Erlösungswirken das Paradies wieder ermöglicht hat. Es war wie eine verlassene Stadt, aus der die Menschheit verbannt wurde. Sie lebte bis zur Erlösung im Exil, doch nun können die Menschen die Stadt wieder beziehen. Es gilt für jeden von uns auf moralischer Ebene: In jedem getauften Christen hat Gott Wohnung bezogen. Unsere Seele wird zum inneren Zion, in dem die Herrlichkeit Gottes wohnt. Das nennen wir moralisch auch den Stand der Gnade. Mit jeder Sünde verbannen wir uns selbst aus diesem Zustand und so wird die Seele zu einer verlassenen Stadt. Dies geschieht nicht sofort mit jeder lässlichen Sünde, sondern natürlich erst mit der Todsünde, doch auch die kleinen Beleidigungen und Lieblosigkeiten gegenüber Gott und dem Nächsten lassen die Stadtmauer immer mehr zerfallen und angreifbar werden. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis alles in sich zusammenfällt und der Feind uns aus der Stadt hinausjagt.
Am Ende der Zeiten werden wir voller Dankbarkeit in der Anschauung Gottes sagen: „Er hat sich unserem Bittgebet zugewandt und uns aus dem Exil des sündhaften und untergehenden irdischen Daseins herausgeholt und in die verlassene Stadt gebracht, die wir nun beziehen dürfen – das himmlische Jerusalem, das der Himmel ist!
„Dies sei aufgeschrieben für das kommende Geschlecht“ – der Psalm gibt selbst preis, dass die Worte nicht nur historisch-wörtlich zu verstehen sind und nur für eine bestimmte Generation gelten. Es bestätigt, was wir zum vorherigen Vers bedacht haben.
„Das Volk, das noch erschaffen wird“, wird Gott loben. Das sind wir, die wir im Neuen Bund mit Gott leben! Wir gehören schon zu der neuen Schöpfung, die Jesus begründet hat! Wir werden am Ende der Zeiten aber noch vollendet, wenn wir mit Leib und Seele bei Gott sein werden.
Gott hat aus der Höhe herabgeschaut – so hat er die Israeliten von den Giftschlangen gerettet, er hat das Volk Israel aus dem babylonischen Exil gerettet, er hat die ganze Menschheit vor der Verderbnis der Erbsünde gerettet, indem er seinen Sohn dahingegeben hat! Er rettet uns aus der Verderbnis durch die Taufe, aber auch immer wieder durch das Sakrament der Buße. Er wird uns am Ende aus den Wirren dieser Welt retten, wenn wir sterben und vor ihm stehen, aber auch am Ende der Zeiten, wenn er in die Weltgeschichte eingreifen wird, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.
Die Gefangenen, die dem Tod geweiht sind, betrifft einerseits die Gebissenen in der heutigen Lesung, andererseits die ganze Menschheit, die nicht mehr ins Paradies durfte wegen der Sünde des ersten Menschenpaares, es betrifft die Gerechten des Alten Testaments, die bis zur Erlösung Jesu Christi auf die Anschauung Gottes warten mussten, was wir die „Vorhölle“ nennen. Es betrifft auch uns, die wir gefangen sind in unserer eigenen Sünde, die uns dem Tod weiht (nämlich dem seelischen Tod ganz von Gott abgeschnitten!).
Der heutige Psalm ist so reich und so tief in seiner Bedeutung. Was wir über die Buchstaben hinaus erkennen reicht ganz weit zurück bis in den Garten Eden und ganz weit voraus bis zum Leben in der ewigen Glückseligkeit des Himmelreiches!

Joh 8
21 Ein andermal sagte Jesus zu ihnen: Ich gehe fort und ihr werdet mich suchen und ihr werdet in eurer Sünde sterben. Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.
22 Da sagten die Juden: Will er sich etwa umbringen? Warum sagt er sonst: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen?
23 Er sagte zu ihnen: Ihr stammt von unten, ich stamme von oben; ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt.
24 Ich habe euch gesagt: Ihr werdet in euren Sünden sterben; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.
25 Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Jesus antwortete: Warum rede ich überhaupt noch mit euch?
26 Ich hätte noch viel über euch zu sagen und viel zu richten, aber er, der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt.
27 Sie verstanden nicht, dass er damit den Vater meinte.
28 Da sagte Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, dass Ich es bin. Ihr werdet erkennen, dass ich nichts von mir aus tue, sondern nur das sage, was mich der Vater gelehrt hat.
29 Und er, der mich gesandt hat, ist bei mir; er hat mich nicht alleingelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt.
30 Als Jesus das sagte, kamen viele zum Glauben an ihn.

Der heutige Abschnitt aus dem Evangelium steht im Kontext verschiedener Streitgespräche, die Jesus mit den Juden in Jerusalem führt. Der Ort des Geschehens ist die Stadt, die so eine tiefe Bedeutung hat: Sie war verlassen während des Exils, sie ist es, wo das davidische Königreich sich etablierte, die Stadt, in der die Herrlichkeit Gottes im Tempel wohnhaft geworden ist, die Stadt, in der die Erlösung erwirkt werden sollte. Schließlich wird sich hier der Kreis schließen, der mit der Kupferschlange aus der Lesung begonnen worden ist:
Jesus kündigt den Menschen an: „Ich gehe fort und ihr werdet mich suchen und ihr werdet in eurer Sünde sterben.“ Er sagt es nicht, weil er die Juden verwirft. Er möchte sie wachrütteln, damit sie umkehren. Wenn sie ihn nämlich weiterhin so ablehnen, wird eintreffen, was er hier sagt. Wer die Erlösung und somit die Vergebung Gottes nicht annimmt, wird in den eigenen Sünden ertrinken. Dann wird die Konsequenz dieser Ablehnung die ewige Abgeschnittenheit von Gott sein, was wir Hölle nennen.
„Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.“ Die Juden verstehen überhaupt nicht, was Jesus ihnen erklärt. Er meint, dass er sterben und dann zum Vater heimkehren werde ins Himmelreich. Und wenn sie ihn bis zum Schluss ablehnen werden, dann können sie ihm dorthin nicht folgen. Er sagt ihnen also, dass er der Weg zum Vater ist! Stattdessen interpretieren sie Jesu Worte als Suizidgedanken.
Jesus erklärt die Banalität ihrer Gedankengänge damit, dass sie von unten sind, er aber von oben. Das meint zunächst einmal die Natur: Er ist vom Vater, er ist zuerst Gott, der er schon immer war, bevor er Mensch geworden ist. Diese göttliche Herkunft macht ihn gegenüber der Menschen kategorisch anders. Sie sind von Anfang an Menschen und nur Menschen. Wir könnten jetzt einwenden, dass wir Menschen ja eine ewige Seele haben und dadurch ja auch ein wenig „von oben“ sind. Ja, aber die gefallene Natur des Menschen, die noch nicht erlöst ist, ist noch sehr viel „unten.“ Sie hat die Gnade verloren und die Denkweise ist dem „unteren“ sehr verhaftet. Es ist also auch heilsgeschichtlich zu deuten: Jesus ist „von oben“, weil er voll der Gnade ist. Die Menschheit ist „von unten“, weil sie die ganze Gnade verloren hat.
„Ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt“ – muss in demselben Sinne verstanden werden. Einerseits betrifft es die Natur, andererseits das Maß an Gnade, schließlich auch die Denkweise, die sich daraus ergibt. Jesus denkt göttlich, er denkt vom Willen Gottes aus, der er ja ist. Die Menschen denken weltlich, sie denken nicht von dem aus, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Letztendlich wissen wir ja, dass dieses aber vom Satan kommt (denn Jesus hat diesen von Petrus weggejagt, der ihm gegenüber forderte, „was die Menschen wollen“. Mt 16).
Jesus hat viel Geduld mit den hartherzigen Juden. Er erklärt noch genauer, was er mit dem Appell meint. Er rüttelt sie mit Nachdruck auf: „Denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.“ – Er erläutert, dass es mit dem Glauben an ihn zusammenhängt, ob die Menschen das ewige Leben haben oder nicht. Dieser Glaube an ihn ist der Glaube an die Messianität Jesu, die sie ja die ganze Zeit nicht erkennen. Deshalb echauffieren sie sich ja über seine Heilstaten, statt sie auf die Verheißungen des Alten Testaments zu beziehen.
Sie fragen ihn immer noch ahnungslos oder vielleicht bewusst gestellt ahnungslos (?), wer er denn sei, so als ob sie ihn dazu bringen wollen, die „Gotteslästerung“ aus dem eigenen Mund auszusprechen. Jesus lässt sich von dieser Provokation überhaupt nicht beeindrucken, sondern sagt vielmehr zu sich selbst: „Warum rede ich überhaupt noch mit euch? Ich hätte noch viel über euch zu sagen, aber …was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt.“ Jesus tut alles in vollem Gehorsam und in Einheit mit dem Vater. Die Juden verstehen das aber gar nicht.
Und dann sagt Jesus etwas, das die frommen und schriftkundigen Juden eigentlich mit dem Buch Numeri in Verbindung bringen sollten, so wie wir bei folgenden Worten einen Aha-Effekt haben:
„Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, das Ich es bin.“ Der Menschensohn ist er selbst. Er ist der Sohn des Menschen, zu Hebräisch Adam. Er ist der Nachkomme Adams und so ebenfalls der erste Mensch, nun aber der neuen Schöpfung. Und so wie die Schlange in der Wüste werden die Menschen ihn erhöhen – am Kreuz auf Golgota. Und dann werden sie erkennen, dass Er es ist – dass er der Messias ist, den die Propheten schon so lange angekündigt haben! Doch es werden nicht die Juden sein, die dies zuerst bekennen werden, sondern der Hauptmann beim Kreuz, der dann sagen wird: „Wahrlich, dieser war Gottes Sohn.“
Jesus sagt auch „er hat mich nicht alleingelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt.“ Ja, Gott hat ihn auch in der dunkelsten Stunde am Kreuz nicht alleingelassen, auch wenn Jesus als Teil des Leidens und der Versuchungen die absolute Gottverlassenheit verspüren musste. Er hat weiterhin mit seinem Vater Kontakt gehalten, indem er zu ihm gebetet hat „Eli, Eli, lema sabachtani“, das im Laufe des Psalms in einen Lobpreis umschwingt. Der Vater hat den Sohn nie allein gelassen und ihn am dritten Tag von den Toten auferweckt! Gott lässt auch uns nie allein, selbst in der dunkelsten Stunde nicht. Wenn wir uns ganz an ihn klammern und uns selbst nicht von ihm entfernen, ist er immer da. Wenn wir ihn dagegen von uns wegschieben, dann schätzt er unseren freien Willen, auch wenn es ihn sehr schmerzt. Und doch geht er uns dann nach und ruft uns, wirbt um uns, tut alles, damit wir unsere Meinung noch ändern, bevor es zu spät ist.
Es ist sehr bemerkenswert, was wir am Ende lesen: Viele Menschen kommen bei diesen Worten Jesu zum Glauben an ihn. Es gibt also durchaus Menschen, bei denen es zu einem Aha-Effekt gekommen ist. Sie verstehen, dass Jesus die Verheißungen der Propheten erfüllt, dass er der Messias ist.
Auch wenn Jesus immer wieder angefeindet wird, bringen seine Worte vor seinem Tod schon reiche Frucht. Sein Tod und seine Auferstehung werden dagegen dann aber ein regelrechter Weinberg voller Früchte sein.

Was Jesus den Juden heute sagt, gilt auch uns: Fühlen auch wir uns angesprochen durch seine Worte! Glauben wir an ihn und leben wir entsprechend, damit wir nicht in unseren Sünden sterben. Das meint nicht nur den biologischen Tod auf moralischer Ebene (dass wir im Zustand der Todsünde sterben), das meint vor allem den seelischen Tod der Hölle nach unserem biologischen Tod! Mit den Bildern des Psalms könnten wir sagen, dann sterben wir im Exil und bleiben auf ewig in diesem Exil außerhalb des Himmels. Nur Jesus ist es, der uns aus dem Exil ins verheißene Land zurückführen kann, das das Himmelreich ist. Nutzen auch wir die Zeit der Gnade und kehren wir um von unserem sündigen Leben. Dieser Umkehr bedarf jeder Mensch, denn tagtäglich beleidigen wir den Herrn durch größere und kleinere Dinge. Und auch die kleinen Dinge können auf Dauer die Mauer zum Einreißen bringen…nehmen wir auch die kleinen Dinge ernst und vertrauen wir uns bei allem immer der Barmherzigkeit Gottes an, mit der er uns umarmen will!

Ihre Magstrauss

Samstag der 3. Woche der Fastenzeit

Hos 6,1-6; Ps 51,3-4.18-19.20-21; Lk 18,9-14

Hos 6
1 Auf, lasst uns zum HERRN zurückkehren! Denn er hat gerissen, er wird uns auch heilen; er hat verwundet, er wird uns auch verbinden.
2 Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf und wir leben vor seinem Angesicht.
3 Lasst uns ihn erkennen, ja lasst uns nach der Erkenntnis des HERRN jagen! Er kommt so sicher wie das Morgenrot; er kommt zu uns wie der Regen, wie der Frühjahrsregen, der die Erde tränkt.
4 Was soll ich mit dir tun, Efraim? Was soll ich mit dir tun, Juda? Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht.
5 Darum habe ich durch die Propheten zugeschlagen, habe sie durch die Worte meines Mundes umgebracht. Dann wird mein Recht hervorbrechen wie das Licht.
6 Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.

Heute hören wir noch einmal aus dem Buch Hosea. Auch das heutige Kapitel stellt im Kern einen Aufruf zur Umkehr dar. So ist auch die erste Aussage ein Appell (Auf, lasst uns zum HERRN zurückkehren!“).
Wenn es dann heißt „Denn er hat gerissen“, dann meint das hebräische Wort טָרָ֖ף taraf mit „reißen“ das Reißen von Beute durch Raubtiere (alternative Übersetzung „verschlingen“). Anhand des Parallelismus erkennen wir die Aussage: Sinngemäß heißt es, dass Gott das Leiden zugelassen hat, den Menschen dann aber auch entschädigen wird. Hoseas Gottesbild ist ganz typisch für seine Zeit. Er drückt es so aus, dass Gott selbst dieses Leiden verursacht habe. Das heißt aber nicht, dass wir als Leser einer solchen alten Schrift hier einen tatsächlichen Beleg für Gottes Wirken haben. Gott ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Er ist der Gute, der nichts Böses tut.
Der nächste Vers ist total österlich! „Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf und wir leben vor seinem Angesicht.“ Die beiden Zeitangaben sind identisch, denn „am dritten Tag“ heißt „übermorgen“. So ist es auch im griechischen Kontext, wenn z.B. von der Hochzeit zu Kana berichtet wird. Da heißt „am dritten Tag“ auch „übermorgen“. Auf wörtlich-historischer Ebene möchte Hosea damit sagen, dass Gott nach und nach alles wieder in Ordnung bringen wird und sein Volk mit Segen beschenken wird. Das ist das dieses neue Leben, das den Menschen geschenkt wird. Wir lesen es aber schon weiter, nämlich allegorisch und auf Christus bezogen. Dieser hat Leiden und Auferstehung durchgemacht stellvertretend für uns. Das ist dann aber im wahrsten Sinne des Wortes geschehen und nicht sinnbildlich gemeint wie bei Hosea. Jesus ist der Erstgeborene der Toten, von uns, die wir das Angesicht Gottes schauen werden. Er ist uns zum Vater vorausgegangen. Wir, die wir auf seinen Namen getauft sind, werden auch so wie er nach dem Tod auferstehen. Zunächst wird nur unsere Seele weiterleben, aber am Ende der Zeiten wird sie sich mit ihrem Leib wieder vereinen.
Hosea ruft dazu auf, den HERRN zu erkennen, der Gotteserkenntnis gleichsam nachzujagen. Auch wir sollen ihn von ganzem Herzen suchen, dann wird er sich finden lassen. Jesus sagt es uns zu, wenn er formuliert: „Wer suchet, der findet. Wer anklopft, dem wird aufgetan.“ Und auch das Hohelied ist voll der Sehnsucht nach Gott, wenn es heißt „Ich suchte, den meine Seele liebt.“
„Er kommt so sicher wie das Morgenrot“ ist ein verbreitetes messianisches Motiv. Man erwartete, dass der Messias aus dem Osten komme, die Sonne der Gerechtigkeit mit dem Sonnenaufgang komme (Mal 4,2). Es ist also nicht nur ein Bild für das ganz sichere Kommen Gottes. Auch das Kommen als Regen ist messianische Motivik. In Ps 72,6 heißt es über ihn: „Er ströme wie Regen herab auf die Felder, wie Regenschauer, die die Erde benetzen.“
Gott spricht die Stämme Juda und Efraim an, deren Bundestreue vergänglich sind wie eine Wolke oder Morgentau (das hebräische Wort חֶסֶד chesed heißt „Treue“). Warum eigentlich werden diese beiden Stichworte genannt? Sie fassen das Nord- und Südreich zusammen, denn Israel ist zu jener Zeit ja zweigeteilt.
Weil Gott die Untreue sieht, hat er durch die Propheten immer wieder zugeschlagen. Dieses Zuschlagen geschieht dabei hauptsächlich durch das Wort Gottes, das wie ein zweischneidiges Schwert die Herzen der Menschen „seziert“. Es ist also in erster Linie eine spirituelle Waffe, mit der Gott durch die Propheten dreinschlägt. Wo sie nicht hörten, mussten sie auch am Leib die Konsequenzen zu spüren bekommen – durch die Fremdherrschaften, Kriege, manchmal auch durch Seuchen.
Das Recht Gottes wird „hervorbrechen wie das Licht“, weil es in der Finsternis aufleuchten wird. Dann werden sich die Menschen danach sehnen, dass endlich Gerechtigkeit kommt. So ist jede Gerichtsankündigung Gottes eine Erlösung für die ungerecht Behandelten damals und in unserer heutigen Zeit. Dieses Recht ist hervorgebrochen wie das Licht, als Gott Mensch geworden ist und sein Recht Person wurde. Jesus hat das wirklich das Recht gebracht, weil er den Menschen die Torah richtig erklärt und vor allem selbst vollkommen vorgelebt hat. Jesus hat dann auch den Beziehungsaspekt als den Kern hinter allen göttlichen Geboten herausgestellt – das Doppelgebot der Liebe. Und diese Liebe ist es, die Gott von uns verlangt, ebenso damals von seinen auserwählten Kindern Israels. Das ist es, was er will, die Rückkehr der Herzen zu ihm, eine persönliche Umkehr statt eine Besänftigung durch Schlachtopfer. Das ist auch für uns heute, die wir in der Fastenzeit stehen, absolut notwendig und heilsam. Das ist umso mehr für die heutige Welt vonnöten, die durch die Pandemie ganz und gar in Not gerät. Jetzt ist es höchste Zeit, zu Gott umzukehren und ihn um Vergebung zu bitten!

Ps 51
3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!
4 Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde!
18 Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie geben, an Brandopfern hast du kein Gefallen.
19 Schlachtopfer für Gott ist ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen.
20 Nach deinem Wohlgefallen tu Gutes an Zion, erbaue wieder die Mauern Jerusalems!
21 An Schlachtopfern der Gerechtigkeit, an Brandopfern und an Ganzopfern hast du Gefallen, dann wird man auf deinem Altar Stiere opfern.

Im heutigen Psalm bittet König David um Gottes Barmherzigkeit. Er nimmt genau die Haltung hier ein, die Hosea von den Israeliten des Nord- und Südreiches verlangt. Sie ist auch perfekt für jeden Einzelnen von uns, die wir uns vornehmen, in diesen Tagen in Vorbereitung auf Ostern ebenfalls diesen Bußmodus einzunehmen.
„Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde“, ist ein Vers, den die Priester bei der Gabenbereitung zum Schluss beten, während der Messdiener ihnen Wasser über die Hände gießt. Diese Worte sind ganz wichtig für jeden Büßer und wir stellen uns vor, wie die Israeliten angesichts der assyrischen Bedrohung die Hinwendung zum assyrischen Götzendienst vor Gott bereuen. Auch wir beten dies jedesmal, wenn wir uns in der Hl. Messe befinden, denn das kostbare Blut wäscht uns mehrfach rein. Wir beten es auch jedesmal, wenn wir Weihwasser verwenden und uns damit bekreuzigen.
„Erschaffe mir Gott ein reines Herz“ ist die Erkenntnis, dass der Mensch sich selbst nicht gut machen kann. Vor allem wenn man sich schuldig gemacht hat, kann man nicht selbstständig wieder den Zustand der Schuldlosigkeit zurückerlangen. Gott ist es, der uns wieder in den Stand der Gnade zurückversetzen kann, indem er uns die Schuld vergibt, uns reinigt, uns erneuert durch den Hl. Geist. Er kann unser Herz wieder rein machen und uns einen „neuen beständigen Geist“ schenken. Dies sollten auch die Israeliten lernen, die sich von Gott und ihrer Bundestreue entfernt haben.
David bittet Gott darum, die Freundschaft mit ihm nicht zu kündigen („verwirf mich nicht von deinem Angesicht“). Er bittet ihn darum, die Salbung nicht zurückzunehmen, seinen gesamten Heilsplan mit David („nimm deinen Hl. Geist nicht von mir“, denn Salbung bedeutet Geistgabe). Er bittet Gott insgesamt darum, den Bund mit ihm nicht zu kündigen wegen dem, was er ihm angetan hat. Gott hat ihm aber zugesagt, dass er treu ist und einen Bund nicht zurücknimmt. Er braucht keine Schlachtopfer und Brandopfer, wenn man sie tut, um Gott zu besänftigen, gleichzeitig aber ganz viele Leichen im Keller hat. Gerade König David hat schwere Sünden begangen und versteht, dass er die Beziehung zu Gott zerstört hat. Er konzentriert sich darauf, diese Beziehung wieder zu kitten, nicht einfach nur paar Opfer darzubringen und dann passt das schon. Das heißt nicht, dass wir das jetzt wortwörtlich nehmen müssen und David keine Opfer mehr darbringen soll. Wir sind hier in einem Psalm, einer poetischen Textgattung, die mit solchen rhetorischen Stilmitteln bestückt ist. Wir sehen an Davids Verhalten und an dem seines Sohnes Salomo, dass er diese Verse rhetorisch meint. Er hat den Festkalender mit all den Opfern ja noch ausgebaut und Salomo hat den Tempel gebaut, in dem weiterhin viele Opfer dargebracht wurden!
Es heißt vielmehr, dass Gott keine solchen Opfer braucht, wenn die Menschen ihr Leben nicht ändern wollen, wenn ihr Herz nicht umkehrbereit und reuevoll ist. Das ist sehr aktuell, denn auch heute locken viele Angebote aus der Esoterik damit, dass man Heil, Glück, Erfolg etc. haben kann ohne Umkehr: ob es Meditationen und körperliche Übungen sind (Yoga, Qigong etc), die Umstellung der Möbel im Haus für Glück im Leben (Fengshui) oder sogar Diäten für besseres Karma…
Vielmehr wünscht sich Gott einen zerbrochenen Geist und ein zerschlagenes Herz, das heißt eine innere Bußhaltung und Bereitschaft zur Umkehr. Das ist ihm viel wertvoller. David hat das wirklich vorgelebt und ist deshalb bis heute ein Vorbild im Prozess der Umkehr sowie im Gebet, auch wenn er schlimme Sünden begangen hat.
Für uns heißt das heute nicht, dass wir keine Messen besuchen sollen, dem einzigen Opfer, das wir als Christen noch haben, das alle anderen Opfer der Juden abgelöst hat. Das heißt vielmehr, dass hinter dem knienden Menschen in der Kirchenbank (oder momentan dem Knienden vor dem Livestream), dem Gläubigen, der sich ein Aschekreuz abholt und gesenkten Kopfes die Messe mitmacht, auch ein reuiges Herz stecken muss, ein zerschlagener Geist, der bereit zur Umkehr ist und dies auch durch Taten im Alltag zeigt. Wir alle sollen uns nicht einfach nur zurücknehmen – und schon gar nicht für eitle Gründe wie im säkularen Kontext für die Fastenzeit angepriesen wird! -, sondern dieses Minus auch durch ein Plus barmherziger Taten kompensieren! In der Fastenzeit muss man uns anmerken, dass wir uns darum bemühen, den anderen Menschen gegenüber netter zu sein, ihnen zu helfen, besonders das zu verschenken, das heutzutage zu den Wertvollsten Gütern zählt – unsere Zeit. Das tun wir momentan zum Beispiel dadurch, dass wir den Älteren, Angeschlagenen, Bedürftigen bei den Einkäufen helfen, selber auf Hamsterkäufe verzichten und Kleinunternehmen unterstützen. Tun wir alles aus Liebe zu Gott, weil wir ihm zuliebe ein besserer Mensch werden möchten, dann wird er uns segnen und verwandeln.

Lk 18
9 Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Gleichnis:
10 Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
11 Der Pharisäer stellte sich hin und sprach bei sich dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.
12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.
13 Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!
14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Heute hören wir im Evangelium von zwei Menschen mit ganz unterschiedlichen Haltungen. Jesus führt sie in einem Gleichnis an, um die Rechtfertigung vor Gott zu erklären. Er beobachtet nämlich die Selbstgerechtigkeit einiger Juden, die die anderen verachten.
Es handelt sich im Gleichnis um zwei Männer, die zum Gebet in den Tempel gehen. Er eine ist Pharisäer und betet: „Gott ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.“ Er verweist damit auf den zweiten Mann, der ganz hinten stehen bleibt. Doch zunächst zum Pharisäer. Was er hier zu Anfang betet, ist noch nicht das Falsche. Auch wir dürfen Gott danken, dass wir noch nicht gefallen sind. Aber der entscheidende Unterschied ist dabei, worauf wir diese Gerechtigkeit zurückführen – auf Gott, der uns die Gnade und Kraft geschenkt hat, der Versuchung zu widerstehen, oder auf uns selbst, die wir durch unsere eigenen Taten diese Gerechtigkeit erreicht haben. Und das ist der springende Punkt, weshalb Jesus den Pharisäer als Negativbeispiel anführt: Er zählt nämlich auf: „Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.“ Der Pharisäer zählt vor Gott auf, was er Gutes getan hat, und setzt dabei voraus, dass dies ihn vor Gott gerecht macht. Er gibt mit den guten Seiten an und blendet komplett aus, was er noch nicht gut gemacht hat. Vor allem aber zählt er Dinge auf, die nichts mit der Beziehung zu Gott zu tun haben. In Psalm und Lesung haben wir heute ja bereits gelernt, dass es Gott auf diese Beziehung ankommt. Also noch einmal: Wir dürfen beten: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht in schwere Sünde gefallen bin.“ Aber dann müssen wir anerkennen, dass es nicht allein unser Verdienst ist, sondern eine Kooperation mit der Gnade Gottes. Dabei können wir auch nicht stehenbleiben, sondern wir müssen uns ganz sehen, auch mit unserem Scheitern. Das vermissen wir beim Pharisäer. Er setzt nicht nach und bittet Gott um Verzeihung, wo er nicht nach dessen Willen gehandelt hat, so als ob er perfekt wäre und keiner Umkehr bedürfe.
Und da sehen wir nun den anderen Mann, der von Beruf Zöllner ist. Er kommt mit einer ganz anderen Haltung zu Gott. Er weiß genau, dass er Unrechtes getan hat. Er kommt mit einem absolut reumütigen Herzen. Er schämt sich seiner Sünde so wie Adam und Eva nach dem ersten Sündenfall, als sie sich vor Gott verstecken. Dieser Mann kommt mutig zu Gott, traut sich aber nicht, den Blick zu erheben. Er schlägt sich an die Brust und betet: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Dies ist eine Haltung, mit der Gott „arbeiten“ kann. Hier kommt jemand zu ihm, weil er sich von Gott verwandeln lassen will. Er kehrt aktiv um, er möchte sein Leben ändern und da kann Gott seine helfende Gnade fließen lassen. Er kann zu einem besseren Menschen werden, weil er sich von Gott helfen lässt.
Der Pharisäer dagegen meint, dass er keine Umkehr nötig hat, deshalb kann Gott ihm keine Gnade erweisen. Er öffnet sich gar nicht dafür und lässt sich nicht helfen, obwohl er ein Mensch ist wie der Zöllner auch. Kein Mensch ist ohne Sünde, nur dass die Sünden unterschiedlich verteilt sind. Der Pharisäer sündigt auch, nur anders als der Zöllner. Er erkennt seine Erlösungsbedürftigkeit nur nicht. Er ist blind und somit verweist das heutige Evangelium auf die Lesungen des morgigen Laetare-Fastensonntags. Dort wird es ebenfalls um biologische und innere Blindheit gehen…
Jesus schließt das Gleichnis damit, dass der Zöllner gerechtfertigt nach Hause geht, der Pharisäer aber nicht. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn einige Kapitel zuvor hat Jesus bereits erklärt, dass dem, der von Herzen bereut und umkehrt, Gott alles vergeben will. Er kann aber nur vergeben, wer um Vergebung bittet.
Und so sagt Jesus zum Schluss: „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Erniedrigung heißt aber nicht, dass der Mensch das „Aschenputtel-Syndrom“ bekommen soll, sondern dass der Mensch sich realistisch sieht, mit dem Guten UND vor allem dem Bösen. Erst wenn wir uns so sehen, wie wir wirklich sind – das nennen wir Demut: wissen, was man kann und was man nicht kann; erkennen, wo die Tugenden und die Laster sind – dann können wir Gott das hinhalten und ihn bitten, uns dabei zu helfen, die Schwächen, die Laster, das Schlechte an uns zu überwinden. Nur so können wir ihm immer ähnlicher werden. Wenn wir aber in der Selbstillusion eines unfehlbaren Menschen verharren, wird der Dreck unserer Seele nie zutage kommen, um gereinigt zu werden. Dann gibt es spätestens am Ende unseres Lebens eine böse Überraschung, denn im Angesicht Gottes wird der gesamte angesammelte Dreck auf einmal zutage treten. Dann werden wir selbst uns so sehr schämen und so einen überwältigenden Schmerz verspüren, dann werden wir die ultimative Erniedrigung verspüren. Ändern wir uns jetzt, solange es noch geht! Demütigen wir uns und bitten wir den Herrn um Verzeihung, dann werden wir am Ende unseres Lebens Ehrengäste im himmlischen Hochzeitsmahl sein!

Ihre Magstrauss

Freitag der 3. Woche der Fastenzeit

Hos 14,2-10; Ps 81,6c-8b.8c-9.10-11b.14 u. 17; Mk 12,28b-34

Hos 14
2 Kehr um, Israel, zum HERRN, deinem Gott! Denn du bist zu Fall gekommen durch deine Schuld.

3 Nehmt Worte der Reue mit euch, kehrt um zum HERRN und sagt zu ihm: Nimm alle Schuld hinweg und nimm an, was gut ist: Anstelle von Stieren bringen wir dir unsere Lippen dar.
4 Assur kann uns nicht retten, wir wollen nicht mehr auf Pferden reiten und zum Machwerk unserer Hände sagen wir nie mehr: Unser Gott. Denn nur bei dir findet ein Waisenkind Erbarmen.
5 Ich will ihre Untreue heilen und sie aus freiem Willen wieder lieben. Denn mein Zorn hat sich von Israel abgewandt.
6 Ich werde für Israel da sein wie der Tau, damit es sprosst wie die Lotosblüte und seine Wurzeln schlägt wie der Libanon.
7 Seine Zweige sollen sich ausbreiten, sodass seine Pracht wie die des Ölbaums wird und sein Duft wie der des Libanon.
8 Die in seinem Schatten wohnen, bauen wieder Getreide an und sie sprossen wie der Weinstock, dessen Wein so berühmt ist wie der Wein vom Libanon.
9 Efraim, was habe ich noch mit den Götzen zu tun? Ich, ja, ich habe ihm geantwortet und achte auf ihn: Ich bin wie der grünende Wacholder, an mir findest du reiche Frucht.
10 Wer weise ist, begreife dies alles, wer klug ist, erkenne es. Ja, die Wege des HERRN sind gerade; die Gerechten gehen auf ihnen, die Treulosen aber kommen auf ihnen zu Fall.

Heute hören wir als Kern der Lesung wie so oft in der Fastenzeit den Aufruf zur Umkehr. Die Propheten Israels haben zumeist die Aufgabe, Gottes Umkehrappell an sein auserwähltes Volk zu richten. Deshalb hören wir viele prophetische Lesungen in der Fastenzeit. Heute hören wir vom Propheten Hosea: „Kehr um, Israel, zum HERRN, deinem Gott! Denn du bist zu Fall gekommen durch deine Schuld.“ Dies sagt er auch uns zu, die wir uns immer wieder vor Gott versündigen. Und weil wir jeden Tag sündigen, müssen wir auch jeden Tag neu umkehren.
„Nehmt Worte der Reue mit euch“ – das ist schon fortschrittlich, denn es ist oft so, dass stattdessen Tieropfer dargebracht werden, um Gott zu besänftigen. Stattdessen schaut Hosea auf die Beziehungsebene Gottes mit den Israeliten. Er fordert die Israeliten auf, sich zu entschuldigen wie nach einem Streit in einer Beziehung. Er gibt sogar die Worte vor: „Anstelle von Stieren bringen wir dir unsere Lippen dar.“ Er trifft es genau. Der Bundesschluss bringt eine Beziehung mit sich, die gepflegt werden muss.
Offensichtlich besteht die Sünde im freundschaftlichen Umgang mit Assur und der entsprechenden Götzen. Israel ist den assyrischen Gottheiten verfallen, was wir an der Wendung „Machwerk unserer Hände“ erkennen können. Es ist ironisch, wie Israel mit den Assyrern anbandelt, obwohl es dann zum assyrischen Vasallen werden sollte, gewiss mit bestimmten Rechten, aber vor allem unfrei.
Hosea hat eine gute Nachricht für die Israeliten, wenn sie so die Beziehung zu Gott kitten möchten. Er sagt seinem Volk nämlich zu: „Ich will ihre Untreue heilen und sie aus freiem Willen wieder lieben. Denn mein Zorn hat sich von Israel abgewandt.“ Gott möchte barmherzig sein und seinem Volk vergeben.
Er hat noch weitere Verheißungen für sein Volk, die Hosea übermittelt: „Ich werde für Israel da sein wie der Tau“ – Das heißt, er sorgt dafür, dass das Volk mit Feuchtigkeit versorgt wird. Es ist ein Zeichen von Segen, genauso wie der Regen. Wir erinnern uns einerseits an den Messias, der wie Tau auf die Erde herabkommt und wir in der Adventszeit auch besingen (Rorate caeli), andererseits an den Hl. Geist, der ja das lebendige Wasser ist, das uns tränkt.
Wenn Gott seinem Volk zusagt, dass es wachsen wird und die Zweige ausbreiten soll, dann denken wir historisch-wörtlich an die Ausbreitung geographischer Art, von der Bevölkerung oder vom politischen Einfluss her etc. Der Baum, der sich ausbreitet, erinnert uns an Jesu Worte vom Senfkorn. Das Reich Gottes ist es, das sich verbreitet, vor allem durch den Tau Gottes, den Hl. Geist. Nach dem Pfingstereignis sehen wir, wie schnell sich das Evangelium Jesu Christi verbreitet hat.
Wenn Israel endlich von den Götzen ablässt, wird es so kommen und dann wird es reiche Frucht bringen.
Gottes Wege sind gerade – sie sind also eigentlich leicht zu beschreiten. Sie sind deutlich und nachvollziehbar. Gott erwartet nie etwas, was er geheim offenbart, sondern er spricht immer offen und öffentlich. Die Gerechten gehen auf ihnen, weil mit diesem Weg moralisch ein gottgefälliger Lebenswandel gemeint ist. Deshalb kommen auch die Treulosen auf ihnen zu Fall. Sie bestehen den Weg nicht, weil sie sich nicht an die Gebote Gottes halten.
Auch uns sagt Gott zu: Wenn du meine Gebote hältst, wenn du von deinen Götzen ablässt, dann kannst du wachsen zu einem mächtigen Baum und du wirst ganz viel Segen haben. Entscheiden wir uns heute für Gott, der uns wirklich glücklich machen und überreich beschenken will.

Ps 81
6 Eine Stimme höre ich, die ich noch nie vernahm:
7 Seine Schulter hab ich von der Bürde befreit, seine Hände kamen los vom Lastkorb.
8 Du riefst in der Not und ich riss dich heraus; ich habe dich aus dem Versteck des Donners erhört, an den Wassern von Meríba geprüft.
9 Höre, mein Volk, ich will dich mahnen! Israel, wolltest du doch auf mich hören!
10 Kein fremder Gott soll bei dir sein, du sollst dich nicht niederwerfen vor einem fremden Gott.
11 Ich bin der HERR, dein Gott, der dich heraufgeführt hat aus Ägypten.
14 Ach, dass mein Volk doch auf mich hörte, dass Israel gehen wollte auf meinen Wegen!
17 Ich würde es nähren mit bestem Weizen, dich sättigen mit Honig aus dem Felsen.

Wir beten heute Psalm 81, in dem wir eine heilsgeschichtliche Rückschau erhalten. Dabei handelt es sich um ein Zeugnis, dass Gott Josef hinterlassen hat. Deshalb steht es in der Ich-Form Gottes und ist an Israel in der dritten Person gerichtet: „Seine Schulter habe ich von der Bürde befreit, seine Hände kamen los vom Lastkorb.“ Gott hat Israel aus der Sklaverei Ägyptens befreit, als er Mose dazu beauftragte, das Volk herauszuführen, einhergehend mit vielen großen Zeichen und Plagen. So hat Gott auch die Schulter Christi von der Bürde des Kreuzes befreit, das er mühevoll nach Golgota schleppen musste. Gott entlastet unsere Schulter auch in unserem Leben immer wieder, denn Jesus hat gesagt: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“
„Du riefst in der Not und ich riss dich heraus“ – Gott hat das Schreien seines Volkes in Ägypten gehört, er hörte auch das Schreien seines Volkes im babylonischen Exil. Er hörte auch den Schrei seines Sohnes am Kreuz, als er seinen Geist aushauchte. Und auch unseren Schrei hört Gott. Er reißt auch uns aus der Not heraus, die wir vor allem in seinem Namen erleiden müssen.
„Aus dem Versteck des Donners“ ist eine Beobachtung, die immer wieder als Theophaniezeichen im Alten und Neuen Testament erscheint. Gottes Gegenwart, die ein Geheimnis ist (deshalb Versteck), wird immer wieder von Donner begleitet. Und trotz dieses Lärms hört er die Schreie seiner Kinder. Und dieses Gedonner erfuhr das Volk am Sinai, als ein großes Gewitter sich auf dem Gipfel abspielt und Gottes Gegenwart darauf hinabfuhr.
Er hat sein Volk auch auf die Probe gestellt, nämlich in Massa und Meriba, als das Volk dürstete und eben nicht den Tau Gottes zu spüren bekam. Gott prüfte auch seinen eigenen Sohn, als dieser am Kreuz die absolute Gottverlassenheit zu spüren bekam. Er prüft auch uns in unserem Leben, um unseren Glauben zu stärken. Dann spüren auch wir das Schweigen Gottes und werden bewusst einer Durststrecke ausgesetzt. Gott möchte auch dann, dass wir ihm vertrauen, dass er uns nicht verdursten lässt.
Gott hat so viel Gutes für sein Volk getan und es immer wieder aus der Not gerettet. Deshalb bittet er es eindringlich, ihm treu zu sein und nicht fremden Göttern nachzulaufen. Er hat alles für sein Volk getan, so kann er doch erwarten, dass es ihm treu bleibt und auf seinen Wegen wandelt. Dies ist durchaus moralisch zu verstehen, denn es meint das Halten der Torah, die er dem Volk am Sinai durch Mose vermittelt hat.
Gott hat für sein Volk nur das beste bereit und möchte es überreich segnen. („mit bestem Weizen“, „Honig aus dem Felsen“). Dafür muss es sich aber entscheiden, auf seinen Wegen zu gehen.

Mk 12
28 In jener Zeit ging ein Schriftgelehrter zu Jesus hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?
29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.
31 Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
32 Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr und es gibt keinen anderen außer ihm
33 und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
34 Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.

Heute hören wir im Evangelium von dem wichtigsten Gebot. Ein Schriftgelehrter geht mit dieser Frage zu Jesus und dieser antwortet wie jeder andere fromme Jude mit dem Sch’ma Israel, der Aussage in Dtn 6,4: „Höre , Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.“ Diese Aussage soll jeder fromme Jude täglich beten. Es geht um die Gottesliebe. Sie steht immer an erster Stelle. Sie ist deshalb der Kern der ersten drei Gebote des Dekalogs (der Zehn Gebote). Es ist der Kern dessen, was wir in Lesung und Psalm betrachtet haben. Gott verlangt unsere ganze Liebe, weil er uns zuerst geliebt hat. Unsere Antwort, nicht nur die der Juden damals, soll deshalb sein: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.“ Wir haben viele Erfahrungen zwischenmenschlicher Art, die man mit dieser Gottesliebe vergleichen kann. Wenn wir verliebt sind, beherrscht diese Person unser ganzes Denken, wir investieren uns ganz in die Beziehung zu ihr, emotional, von unserer Kraft und Zeit. Wir lieben die Person mit unserem ganzen Sein. So sollen wir in erster Linie Gott lieben. Er soll an erster Stelle kommen. Und sodann sollen wir unseren Nächsten lieben, wie uns selbst. Jesus führt also zusätzlich zu Dtn 6,4 Lev 19,18 heran. Dadurch dass Jesus diese beiden Gebote zusammenführt, zeigt er ein tiefes Schriftverständnis und erklärt dadurch auch den Kern der Gebote 4-10 des Dekalogs als Nächstenliebe.
Das Doppelgebot der Liebe, das er in diesem Gespräch vermittelt verleitet den Schriftgelehrten dazu, ihn zu loben. Er erkennt, dass Jesus den gesamten Sinn richtig verstanden hat. Dieser Mann hat verstanden, worum es den Propheten im Alten Testament ging, vor allem Hosea mit den vielen Beziehungsbildern. Er hat auch erkannt, worum es König David in den vielen Psalmen ging. Es geht um Beziehung und darum, diese aufrechtzuerhalten. So sagt Jesus dem Schriftgelehrten zu: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“ Er hat die besten Voraussetzungen, Erbe in diesem neuen Reich zu sein, nicht nur wegen seiner Einsicht, sondern auch wegen seiner Offenheit gegenüber den Worten Christi. Viele andere Schriftgelehrten sind so voll von sich selbst, dass sie gar nicht erkennen, dass Jesus all das erfüllt, was sie in den Schriften so intensiv studieren. Sie lassen sich nicht belehren, weil sie sich für wissend genug halten. So können sie nicht in das Reich Gottes eingehen. Dieser Mann dagegen ist offen für die Worte Jesu und stellt ihm erst gar keine hinterhältigen Fragen. Sonst erfahren wir in den Evangelien immer wieder davon, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten durch ihre Fragen Jesus auf die Probe stellen wollen. Dieser ist ganz anders und deshalb ist Jesus auch ganz anders zu ihm.

Lassen auch wir uns belehren, arbeiten auch wir daran, unsere Liebe zu Gott zu erneuern. Wenn wir wieder gefestigt sind in der Beziehung zu Gott, können wir auch unsere Beziehung zum Nächsten verbessern. Dann werden wir immer mehr verwandelt in sein Bild.

Ihre Magstrauss

Samstag der 3. Woche im Jahreskreis

2 Sam 12,1-7a.10-17; Ps 51 (50), 12-13.14-15.16-17; Mk 4,35-41

2 Sam 12
1 Darum schickte der HERR den Natan zu David; dieser ging zu David und sagte zu ihm: In einer Stadt lebten einst zwei Männer; der eine war reich, der andere arm. 

2 Der Reiche besaß sehr viele Schafe und Rinder, 
3 der Arme aber besaß nichts außer einem einzigen kleinen Lamm, das er gekauft hatte. Er zog es auf und es wurde bei ihm zusammen mit seinen Kindern groß. Es aß von seinem Stück Brot und es trank aus seinem Becher, in seinem Schoß lag es und war für ihn wie eine Tochter. 
4 Da kam ein Besucher zu dem reichen Mann und er brachte es nicht über sich, eines von seinen Schafen oder Rindern zu nehmen, um es für den zuzubereiten, der zu ihm gekommen war. Darum nahm er dem Armen das Lamm weg und bereitete es für den Mann zu, der zu ihm gekommen war. 
5 Da geriet David in heftigen Zorn über den Mann und sagte zu Natan: So wahr der HERR lebt: Der Mann, der das getan hat, verdient den Tod. 
6 Das Lamm soll er vierfach ersetzen, weil er das getan und kein Mitleid gehabt hat. 
7 Da sagte Natan zu David: Du selbst bist der Mann. 
10 Darum soll jetzt das Schwert auf ewig nicht mehr von deinem Haus weichen; denn du hast mich verachtet und dir die Frau des Hetiters genommen, damit sie deine Frau werde. 
11 So spricht der HERR: Ich werde dafür sorgen, dass sich aus deinem eigenen Haus das Unheil gegen dich erhebt, und ich werde dir vor deinen Augen deine Frauen wegnehmen und sie einem andern geben; er wird am hellen Tag bei deinen Frauen liegen. 
12 Ja, du hast es heimlich getan, ich aber werde es vor ganz Israel und am hellen Tag tun. 
13 Darauf sagte David zu Natan: Ich habe gegen den HERRN gesündigt. Natan antwortete David: Der HERR hat dir deine Sünde vergeben; du wirst nicht sterben. 
14 Weil du aber durch diese Tat den HERRN verworfen hast, muss der Sohn, der dir geboren wird, sterben.
15 Dann ging Natan nach Hause. Der HERR aber schlug das Kind, das die Frau des Urija dem David geboren hatte, und es wurde schwer krank. 
16 David suchte Gott wegen des Knaben auf und fastete streng; und wenn er heimkam, legte er sich bei Nacht auf die bloße Erde. 
17 Die Ältesten seines Hauses kamen zu ihm, um ihn dazu zu bewegen, von der Erde aufzustehen. Er aber wollte nicht und aß auch nicht mit ihnen.

Heute hören wir davon, dass David Gott nicht egal ist. König David ist auf Abwege geraten, weil er der Begierde nachgegeben hatte. Dadurch hat er die Gnade verloren, doch Gott möchte ihn konfrontieren. Es ist wie in einem zwischenmenschlichen Konflikt: Einer der Beteiligten sucht das Gespräch, um den Streitpunkt auszuräumen und Versöhnung zu ermöglichen. So teilt Gott über den Propheten Natan David ein Gleichnis mit. Das ist sehr schlau, denn so betrachtet David die ganze Situation aus einem distanzierteren Blickwinkel. Er fühlt sich nämlich weder angesprochen noch angegriffen.
Das Gleichnis ist insofern passend, weil es die Begierde des David umschreibt: Ein reicher Mann, der unzählige Schafe und Rinder besitzt, nimmt einem Armen, der nur ein einziges Lamm hat, dieses eine Tier weg. David, der reich ist, der mit Gottes Gnade ausgestattet ist und mehrere Frauen hat, nimmt Urija die eine Frau weg, die er hat – und die vor allem nicht seine Frau ist!
Als David das Gleichnis hört, ist er empört und zornig über das Verhalten des reichen Mannes. Er verlangt die Todesstrafe für ihn. Da löst Natan auf, wer mit diesem verabscheuungswürdigen Mann gemeint ist. Was Gott durch Natan David also vorwirft, ist dass er des Nächsten Frau begehrt hat (neuntes der zehn Gebote). Diese Sünde hat zunächst den Ausschlag gegeben, erst mit der Umsetzung des Ehebruchs kommt es zum Verstoß des sechsten Gebots.
David muss von nun an die Konsequenz seiner Sünde tragen. Ihm werden die Frauen weggenommen werden. Was er heimlich getan hat, wird nun in ganz Israel über seine Frauen bekannt werden. Aus seiner eigenen Familie wird sich das Schwert gegen ihn erheben. Das Kind, das beim Ehebruch entstanden ist, wird sterben. David tut es von Herzen leid, was er getan hat, nicht weil er jetzt bestraft wird, sondern weil er Gott wirklich liebt und er es bereut, ihn beleidigt zu haben. Er bekennt vor Natan, dass er sich vor Gott schwer versündigt hat. Natan sagt ihm zu, dass Gott ihm vergeben hat und er deshalb nicht sterben werde. Diese unscheinbaren Verse sind für uns Christen besonders interessant, weil sie uns typologisch auf die Sündenvergebung Christi und auf das Sakrament der Beichte vorbereiten: David bereut von Herzen, sagt Natan, aber eigentlich Gott selbst, dass er sich vor ihm schwer versündigt hat, bekommt von Gott über den Propheten Natan zugesagt, dass ihm vergeben wird. Er wird nicht sterben – das lesen wir dann seelisch. Gott vergibt die Sünde und deshalb ist man nicht mehr im Stand der Todsünde, die Seele stirbt nicht, man kommt also nicht mehr in die Hölle. Aber wegen der Schwere der Sünde ist die Sühne Davids besonders schwerwiegend und lang. Er muss mehrere Dinge dafür erleiden, was er getan hat. David tut Buße und fastet, um das Unheil noch abwenden zu können, aber es muss geschehen. Nur so werden seine Vergehen wieder gut gemacht. Das Kind wird dennoch sterben. Auch nach der Beichte müssen wir unsere Sünden wieder gut machen. Was wir zeitlebens aber noch nicht gesühnt haben, sühnen wir nach dem Tod, bevor wir ganz bei Gott sein können. Dass nennen wir Fegefeuer.
David hat seine Lektion gelernt, aber die Folgen seiner Missetaten werden auf ihn zurückfallen. Sein eigener Sohn wird eine Meuterei anzetteln, sein anderer Sohn stirbt, die Fremdherrschaften haben kein Ende.
Dieser König, der uns so ein großes Vorbild ist, hat gestern seine dunklen Seiten gezeigt. Das hat ihn echt gemacht, denn kein Mensch ist ohne Sünde. Er hat aber auch gezeigt, wie man sich verhalten muss, wenn man gefallen ist: Man muss wieder aufstehen. Konkret heißt das, dass man Gott aufrichtig um Verzeihung bitten, die Sünde klar bekennen, voller Reue und Vorsatz es in Zukunft nicht wieder tun soll und die Konsequenzen ausbadet. Davids Innenleben in dieser ganzen Situation ist uns gestern vor allem durch Psalm 51 deutlich geworden. Heute beten wir den zweiten Teil des Psalms, der auch heute die Sehnsucht nach Versöhnung mit Gott verdeutlicht.

Ps 51
12 Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und einen festen Geist erneuere in meinem Innern! 
13 Verwirf mich nicht vor deinem Angesicht, deinen heiligen Geist nimm nicht von mir! 
14 Gib mir wieder die Freude deines Heils, rüste mich aus mit dem Geist der Großmut! 
15 Ich will die Frevler deine Wege lehren und die Sünder kehren um zu dir. 
16 Befreie mich von Blutschuld, Gott, du Gott meines Heils, dann wird meine Zunge jubeln über deine Gerechtigkeit! 
17 Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde!

„Erschaffe mir Gott ein reines Herz“ ist die Erkenntnis, dass der Mensch sich selbst nicht gut machen kann. Vor allem wenn man sich schuldig gemacht hat, kann man nicht selbstständig wieder den Zustand der Schuldlosigkeit zurückerlangen. Gott ist es, der uns wieder in den Stand der Gnade zurückversetzen kann, indem er uns die Schuld vergibt, uns reinigt, uns erneuert durch den Hl. Geist. Er kann unser Herz wieder rein machen und uns einen „neuen beständigen Geist“ schenken.
David bittet Gott darum, die Freundschaft mit ihm nicht zu kündigen („verwirf mich nicht von deinem Angesicht“). Er bittet ihn darum, die Salbung nicht zurückzunehmen, seinen gesamten Heilsplan mit David („nimm deinen Hl. Geist nicht von mir“, denn Salbung bedeutet Geistgabe). Er bittet Gott insgesamt darum, den Bund mit ihm nicht zu kündigen wegen dem, was er ihm angetan hat. Gott hat ihm aber zugesagt, dass er treu ist und einen Bund nicht zurücknimmt.
Davids Sünde hat ihn unglücklich gemacht. Das wird uns deutlich aufgrund der Bitte hier im Psalm „mach mich wieder froh mit deinem Heil“. Die Sünde macht uns immer unglücklich, weil sie uns in einen Streit mit Gott bringt. Wenn wir uns aber von Gott entfernen, entfernen wir uns von der Lebensquelle. Dann kann es uns seelisch nur schlecht gehen. Wir werden innerlich einsam und unzufrieden. Wir werden traurig, weil Freude eine Frucht des Hl. Geistes ist. Diesen verlieren wir aber durch die Sünde. David möchte wieder zur glücklichen Beziehung zu Gott, zu seiner ersten Liebe zurückkehren. Er bittet Gott um die Frucht der Freude, die nur der Hl. Geist wieder verleihen kann. Er kann sich nicht selbst glücklich machen. Es ist ein Geschenk, das von Gott kommt. Das hat David verstanden.
David verspricht, Gott auch vor den Abtrünnigen zu bekennen und anderen Sündern auf den Weg zurück zu Gott zu führen. Gott möge ihn von der Blutschuld befreien, die er durch den Mord Urijas auf sich geladen hat, dann wird David Gott loben und preisen. Gott möge ihm die Lippen öffnen, damit er wieder Lobpreis machen kann. Dies kann er zurzeit nicht, denn sein Herz ist nicht bereit dafür. Dieses muss Gott erst verwandeln. Für David kommt kein oberflächliches Loben in Frage. Schließlich möchte er mit dem Herzen immer dabei sein und es ist für David ein Ausdruck der innigen Beziehung zu Gott. Diese ist jetzt aber gestört. Auch wir Menschen können Gott wieder loben und preisen, wenn alles Störende ausgeräumt ist. Wenn wir wieder im Stand der Gnade sind, können wir wieder feiern. Dann ist die Gemeinschaft mit Gott wiederhergestellt. Wir denken da besonders an die Eucharistie. Bei dieser antizipierten Hochzeit des Lammes können wir den Leib Christi erst empfangen, wenn die Gemeinschaft intakt ist. Wie traurig man sich fühlt, wenn man nicht nach vorne gehen kann, weil man sich schwer versündigt hat! Dann beten auch wir „verschaffe mir Gott ein reines Herz! Mach mich wieder froh mit deinem Heil, mit deinem Jesus!“ Auch uns möchte Gott die Schuld vergeben und hat deshalb das Sakrament der Versöhnung gestiftet. Wie wohltuend ist es für die Seele, dieses Heilmittel in Anspruch zu nehmen! Umso trauriger ist es, dass so wenige Menschen diese Chance in Anspruch nehmen möchten. So werden sie aber auch zeitlebens unglücklich sein.

Mk 4
35 Am Abend dieses Tages sagte er zu ihnen: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. 

36 Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; und andere Boote begleiteten ihn. 
37 Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es sich mit Wasser zu füllen begann. 
38 Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? 
39 Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein. 
40 Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? 
41 Da ergriff sie große Furcht und sie sagten zueinander: Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?

Nachdem Jesus jetzt mehrere Gleichnisse erzählt hat (wir hörten davon die letzten Tage), fährt er nun mit seinen Jüngern in einem Boot zum anderen Ufer des Sees Genesaret. Vor einigen Wochen haben wir über diese Fahrt von einem Ufer zum anderen vierfach nachgedacht. Dann war dieses Boot als die Kirche zu betrachten, die auf dem See der Endzeit durch allerlei Stürme hindurch auf die Ewigkeit zusteuert. Es ist auch das Boot unseres Lebens, in dem wir durch die Stürme unseres Alltags hindurch auf das ewige Leben zusteuern, ebenso die gesamte Menschheitsgeschichte, die sich auf die Endzeit zubewegt, auf den Tag des Jüngsten Gerichts zu.
Entscheidend ist, dass Jesus mit im Boot ist. So kann das Boot nicht kentern, weder als Kirche Christi betrachtet, die die Mächte der Finsternis nicht überwältigen werden, noch als unser eigenes Leben betrachtet, in denen die Versuchungen des Teufels uns mit Jesu Beistand nichts anhaben können. Auch mit Blick auf das Ende der Zeiten und dem Gericht Gottes wird uns ein gutes Gerichtsurteil erwarten, wenn Jesus im Boot ist.
Und wenn die schweren Stürme kommen, vergessen wir manchmal, dass er da ist. Dann werden wir panisch, weil Wasser ins Boot läuft. Dann schreien wir zu Gott, dass er uns helfe und rütteln am schlafenden Jesus. Wir verstehen dann nicht, warum Gott so gelassen bleibt, obwohl die Situation so dramatisch erscheint. Das ist sowohl im kirchlichen Leben als auch im alltäglichen Leben des Einzelnen so. Wir haben den Eindruck, dass wenn ein Schisma droht, wenn Angriffe von innen und außen kommen, die Kirche untergehen wird. Dabei vergessen wir, dass dies nicht passieren kann. Jesus hat es uns versprochen und er wird uns auch helfen. Das ist auch so, wenn wir schlimmen Versuchungen ausgesetzt sind oder schwierige Probleme im Leben bekommen. Dann haben wir schnell den Eindruck, dass alles den Bach hinuntergeht. Wir schöpfen wie wild eimerweise das hineinlaufende Wasser aus und reagieren hektisch, unüberlegt. Genau dies möchte der Teufel auch, er will uns verrückt machen, dass wir die Orientierung verlieren. Dabei müssen wir dann erst recht ruhig bleiben, uns besinnen und uns an Christus wenden. Wenn wir Versuchungen ausgesetzt sind, sollen wir beten, Kontakt zu Gott suchen. Er wird sie vertreiben. Er muss nur ein Wort sagen und alles wird verwandelt werden. Wir sollen auf Gott vertrauen und seinen Worten glauben, wenn er sagt: Es wird euch nichts passieren. Wie oft machen wir die Erfahrung, dass wir uns vornehmen, unsere Beziehung zu Gott zu vertiefen und ihn besser kennen lernen zu wollen. Dann kommen tausend Ablenkungsmanöver durch die alltäglichen Sorgen, Probleme und Zwischenfälle. Wir werden davon so abgelenkt, dass wir weder die Zeit noch die Kraft, noch den Gedanken übrig haben, unser ursprüngliches Vorhaben in die Tat umzusetzen. Es sind die typischen Schachzüge des Teufels, uns von Gott wegzuziehen. Wenn im Alltag so viele Probleme auftauchen und uns wieder aufzuzehren versuchen, seien wir uns dann bewusst, wer eigentlich dahintersteckt. Zeigen wir es ihm dann so richtig, indem wir uns dann gerade an Gott klammern, uns dann gerade mehr Zeit zum beten nehmen und vor allem noch mehr die Sakramente in Anspruch nehmen, häufiger beichten, häufiger die Kommunion empfangen. Dann tun wir dadurch genau das, was die Jünger Jesu auch tun – mit dem Wasserschöpfen aufhören und Jesus wecken. Mit seiner Hilfe wird uns alles gelingen.

Und wenn wir dies nun zurückbeziehen auf König David, erkennen wir, dass die Zuhilfenahme Gottes und das absolute Vertrauen auf ihn gerade auch in Schuldsituationen zu suchen ist. Was mit David passiert ist, ist ein großes Loch in seinem Boot durch einen besonders starken Sturm. Er hat den Versuchungen des Teufels nachgegeben, die man mit diesem Bild hier als Sturmböen beschreiben kann. Er hat nicht wie wild angefangen, das Loch selbst zu stopfen und das Wasser selbst auszuschöpfen, sondern er hat den Herrn sofort geweckt. Er bat ihn um Verzeihung und betete – so haben wir im Psalm gehört- erschaffe mir Gott ein reines Herz und gebe mir einen beständigen Geist! Er hat Gott geweckt, weil er verstanden hat, dass er dieses angerichtete Chaos nicht selbst wieder in Ordnung bringen kann. Er vertraute dabei darauf, dass Gott das Boot nicht verlassen wird, sondern sein Versprechen des Bundes hält. Gott hat ihm vergeben und sein Boot ging nicht unter. Natan hat David ja zugesagt „du wirst nicht sterben“. Aber er musste für den entstandenen Schaden aufkommen.

Beide Geschichten sind für uns ganz hilfreiche Hinweise, wie wir uns in den Stürmen des eigenen Lebens und der Kirche verhalten sollen, selbst da, wo wir den Stürmen nachgegeben haben. Schließlich bleibt kein einziger Mensch von den Versuchungen verschont. Jeder muss im Sturm kämpfen. Wenden wir uns dabei an Christus, der mit im Boot ist, und bleiben wir gelassen: Wir werden nicht sterben, solange wir den Herrn bei uns haben. Er ist bereit, jedes Loch zu stopfen und die Versuchungen zu vertreiben, wenn wir nur zu ihm kommen im Sakrament der Versöhnung.

Ihre Magstrauss

Freitag der 3. Woche im Jahreskreis

2 Sam 11,1-4a.c.5-10a.13-17; Ps 51,3-4.5-6b.6c.-7.10-11; Mk 4,26-34

2 Sam 11
1 Um die Jahreswende, zu der Zeit, in der die Könige in den Krieg ziehen, schickte David Joab mit seinen Knechten und ganz Israel aus und sie verwüsteten das Land der Ammoniter und belagerten Rabba. David selbst aber blieb in Jerusalem. 

2 Als David einmal zur Abendzeit von seinem Lager aufstand und auf dem Flachdach des Königspalastes hin- und herging, sah er von dort aus eine Frau, die badete. Die Frau war sehr schön anzusehen.
3 David schickte jemand hin, erkundigte sich nach ihr und sagte: Ist das nicht Batseba, die Tochter Ammiëls, die Frau des Hetiters Urija? 
4 Darauf schickte David Boten zu ihr und ließ sie holen. Dann kehrte sie in ihr Haus zurück.
5 Die Frau war aber schwanger geworden und schickte deshalb zu David und ließ ihm mitteilen: Ich bin schwanger. 
6 Darauf sandte David zu Joab und ließ ihm sagen: Schick den Hetiter Urija zu mir! Und Joab schickte Urija zu David. 
7 Als Urija zu ihm kam, fragte David, ob es Joab und dem Volk gut gehe und wie es mit dem Kampf stehe. 
8 Dann sagte er zu Urija: Geh in dein Haus hinab und wasch dir die Füße! Urija verließ das Haus des Königs und es wurde ihm ein Geschenk des Königs nachgetragen. 
9 Urija aber legte sich am Tor des Königshauses bei den Knechten seines Herrn nieder und ging nicht in sein Haus hinab. 
10 Man berichtete David: Urija ist nicht in sein Haus hinabgegangen.
13 David lud ihn ein, bei ihm zu essen und zu trinken, und machte ihn betrunken. Am Abend aber ging Urija weg, um sich wieder auf seinem Lager bei den Knechten seines Herrn niederzulegen; er ging nicht in sein Haus hinab. 
14 Am anderen Morgen schrieb David einen Brief an Joab und ließ ihn durch Urija überbringen. 
15 Er schrieb in dem Brief: Stellt Urija nach vorn, wo der Kampf am heftigsten ist, dann zieht euch von ihm zurück, sodass er getroffen wird und den Tod findet! 
16 Joab hatte die Stadt beobachtet und er stellte Urija an einen Platz, von dem er wusste, dass dort besonders tüchtige Krieger standen. 
17 Als dann die Leute aus der Stadt einen Ausfall machten und gegen Joab kämpften, fielen einige vom Volk, das heißt von den Kriegern Davids; auch der Hetiter Urija fand den Tod.

Heute lesen wir schließlich von dem, was ich die letzten Tage immer wieder angekündigt habe: von dem größten Fehltritt Davids in seinem Leben.
An seinem Beispiel sehen wir, wie eine Sünde gleich mehrere andere Sünden nach sich zieht. Wir lesen auch, wie Begierde funktioniert, wie sie den moralischen Tod bringt.
Alles beginnt mit einem Abendspaziergang auf dem Dach. König David läuft auf dem Flachdach seines Palastes auf und ab. Dabei sieht er, wie eine Frau sich badet. Er sieht sie. Die richtige Reaktion darauf wäre gewesen, direkt wieder wegzuschauen. Er konnte ja nicht ahnen, dass er so etwas zu Gesicht bekommen würde. Durch das Sehen der Augen wird sehr schnell die Begierde im Herzen entfacht. Deshalb ist das Wegschauen die gesunde schamhafte Reaktion. Im Garten Eden war es noch so, dass Adam und Eva sich voreinander nicht schämen mussten, obwohl sie nackt waren. Die Begierde war auch noch nicht in ihren Herzen, sodass die Scham als Schutzmechanismus noch nicht notwendig war. Nun ist es aber König David, ein Mensch, der mit der Erbsünde des ersten Menschenpaares belastet ist. Er schaut nicht weg. Er erkundigt sich sogar, wer diese Frau ist. Er lässt zu, dass die Begierde in seinem Herzen die Oberhand gewinnt. Die bösen Gedanken, die in ihm aufkeimen, werden zur Sprache gebracht. Er möchte ihre Identität wissen und lässt schließlich nach ihr rufen. Letztendlich setzt er seine bösen Absichten in die Tat um und begeht mit ihr Ehebruch. So funktioniert die Sünde in jedem Menschen. Zuerst wird der Mensch durch seine Sinne oder andere Faktoren getriggert. Dies nennen wir Versuchung. Das geschieht tagtäglich und ist noch nichts Verwerfliches. Dies wird sie erst dadurch, dass man sie nicht direkt ausmerzt oder ablehnt. David schaut nicht weg. Er starrt die Frau an, denn es heißt „die Frau war sehr schön anzusehen“. Er schaut zumindest so lange hin, dass er trotz der Tageszeit etwas Genaueres über ihr Aussehen sagen kann. Er lässt zu, dass die Versuchung ihn besiegt. Er lässt die bösen Gedanken zu. Wenn uns irgendetwas Sündiges in den Sinn kommt, sollen wir den Gedanken abstreifen. Das ist die richtige Reaktion auf die Versuchung. Denn nur so verhindern wir, dass die Gedanken zu Worten werden und die Worte dann schließlich zur Tat übergehen. David lässt es aber zu. Noch mehr. Er erkundigt sich nach ihr. Spätestens jetzt sollte er von alledem die Finger lassen, denn er weiß jetzt erstens, dass sie verheiratet ist, zweitens dass sie keine Israelitin ist. Zumindest ist Urija, ihr Mann, ein Hethiter. Die Hethiter wiederum glauben an tausende Götter und nehmen den Gott Israels nicht an. Spätestens jetzt hätte David einen Schlussstrich ziehen müssen. Aber nein, mit seinem erlangten Wissen setzt er dennoch die böse Tat um, er holt sie zu sich und schläft mit ihr. Was er begeht, ist eine der schwersten Todsünden. Er weiß genau, dass seine Tat eine Sünde gegen das sechste Gebot ist, er tut es in vollem Wissen, nicht spontan, sondern vorbereitet, er tut es freiwillig. Alle klassischen Kriterien für eine Todsünde sind in seinem Fall gegeben. Das Hinterhältige an der Tat ist noch, dass er die Situation ausnutzt, dass Urija gerade gegen die Ammoniter kämpft.
Nach dem Ehebruch entlässt er sie nach Hause, als wäre nichts gewesen.
Sünden haben immer Konsequenzen. Je schwerwiegender sie sind, desto mehr Sünden ziehen sie wiederum nach sich. Batseba wird schwanger. Davids unverantwortliche Tat kann nicht mehr verborgen bleiben. Spätestens jetzt hätte er sich entscheiden müssen, die Sünde zu gestehen und alles aufzuklären. Aber nein, er denkt sich eine Intrige aus, um seine Tat weiterhin zu verdecken. Als Urija von der Schlacht zurückkehrt, macht er ihn betrunken. Er erhofft sich, dass er nach Hause gehen und mit seiner Frau schlafen würde. So würde ihre Schwangerschaft auf ihn selbst zurückgeführt werden. Doch Urija ist zu gottesfürchtig. Das ist übrigens sehr bemerkenswert. Als Hetiter respektiert er die Bundeslade so sehr, dass er ihr zuliebe nicht nach Hause geht. Diese muss nämlich unter freiem Himmel stehen. Sehr ironisch und für uns Hörer noch schmerzhafter. Dieser arme Mann hat es nicht verdient, so einer Intrige anheim zu fallen!
Davids Plan scheitert an der Gottesfurcht eines Hetiters. Kurzerhand muss er umdisponieren und entschließt sich zu einer noch größeren Katastrophe. Er will es darauf anlegen lassen, dass Urija im Krieg ganz sicher fällt. Er verfasst sogar einen Brief an den Feldherrn Joab, indem er ihm aufträgt, Urija an die Spitze zu stellen und ihm im hitzigen Gefecht nicht zu helfen, sodass er stirbt. Das ist eine weitere sehr schwerwiegende Sünde. Man kann es sogar (Auftrags-)Mord nennen, weil es ein sorgfältig vorbereitetes Tötungsdelikt ist. Auch hier erfüllt David alle Kriterien für eine Todsünde. Er kennt die zehn Gebote und tut sie dennoch. Er tut es auch freiwillig, denn Batseba setzt ihm keine „Pistole auf die Brust“. Er zieht auch nicht die Möglichkeit in Betracht, seine Sünde einfach einzugestehen. Gott hat ihm ja die Chance gegeben, indem er die Schwangerschaft Batsebas zugelassen hat.
Urija stirbt und David nimmt dessen Frau offiziell zur Frau. Ich spoilere jetzt einfach mal: Das Kind wird leider sterben. David und Batseba werden aber noch ein weiteres Kind bekommen und dieses wird Gott zu seinem Werkzeug machen – Salomo. Wir sehen also, dass Gott selbst auf krummen Seiten gerade schreiben kann. Gott benutzt unsere armselige sündhafte Natur und kann alles zu Gold wandeln.
Was David heute gemacht hat, ist sehr schrecklich. Er hat nicht nur eine Todsünde begangen, sondern gleich mehrere. Er hat intrigant gehandelt und somit mehrfach gegen das achte Gebot verstoßen (du sollst nicht lügen). Der Ehebruch und der Mord haben ihn in einen tiefen Abgrund gezogen.
Gott wird sich das nicht gefallen lassen. Er wird ihn durch den Propheten Natan konfrontieren und David wird von Herzen bereuen, was er getan hat. Das ist das Entscheidende, weshalb Gott ihn als König nicht verwerfen wird. Gott ist treu und David, möge die Sünde noch so groß sein, liebt Gott. Er hat sich von seiner Begierde leiten lassen, aber im Nachhinein hat er es abgrundtief bereut. An dieser Geschichte sehen wir, dass Gott uns alles vergeben möchte, wenn wir wirklich aufrichtig bereuen, umkehren und uns vornehmen, die Sünden nicht mehr zu tun.

Ps 51
3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! 
4 Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde! 
5 Denn ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen.
6 Gegen dich allein habe ich gesündigt, ich habe getan, was böse ist in deinen Augen. So behältst du recht mit deinem Urteilsspruch, lauter stehst du da als Richter.
7 Siehe, in Schuld bin ich geboren und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen.
10 Lass mich Entzücken und Freude hören! Jubeln sollen die Glieder, die du zerschlagen hast. 
11 Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden, tilge alle Schuld, mit der ich beladen bin! 

Der Psalm 51 eröffnet uns Davids Herz, das durch und durch von Reue erfüllt ist. Er betet „Gott, sei mir gnädig“. Er vertraut auf die Barmherzigkeit Gottes, obwohl er so schlimme Dinge getan hat. Er glaubt, dass Gottes Liebe größer ist als seine schlimmsten Sünden. Er bittet den Herrn, dass er in seiner Barmherzigkeit seine Sünden tilgt, dass er seine Schuld abwasche. Er bekennt seine Sünden und ist sich ihrer stets bewusst. Er vergisst zeitlebens nie, was er Gott und den Menschen angetan hat.
Er bekennt und das ist für uns genau die vorbildliche Haltung: Wenn wir gesündigt haben, möchte Gott uns mit seiner Barmherzigkeit umfangen. Wie der verlorene Sohn können wir jederzeit zum Vater zurückkehren. Mit welcher Haltung? Wir zeigen unsere tiefe Reue und bekennen, was wir Böses getan haben. Der Vater weiß es schon längst, aber wir sollen es mit eigenen Worten kundtun, uns und ihm eingestehen, was wir getan haben. Dies tun wir Katholiken im Beichtsakrament. Durch den Priester vergibt uns Jesus dann, er tilgt unsere Sünden, er wäscht uns rein in seiner Barmherzigkeit. Wir bekunden vor ihm, dass wir uns von Herzen vornehmen, von nun an anders zu leben und diese Sünden nicht mehr zu tun. Wir signalisieren ihm, dass wir die Sünden auch wieder gut machen.
David bekennt seine Sünden, er weiß, dass er vor Gott gesündigt hat. Er versteht sich mit diesem Gebet vor Gott dem gerechten Richter und klagt sich selbst an.
Dann kommt etwas Bemerkenswertes in Vers 7. „In Schuld bin ich geboren und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen.“ Als Worte Davids ist dies nicht zu erklären, denn von seiner Herkunft wissen wir nichts über sündhafte Beziehungen. Er ist kein uneheliches Kind. Man könnte diese Worte eher verstehen, wenn sie aus dem Mund des Salomo ertönen würden.
Wir müssen den geistigen Sinn mit einbeziehen: Es ist eine gesamtmenschliche Beobachtung, die er hier zum Ausdruck bringt: Menschen sündigen. Sie sind schon im Zustand der Sünde empfangen worden. Das heißt, nicht die Empfängnis selbst ist Sünde, so als ob der Akt sündhaft wäre, sondern gemeint ist „im Zustand der Sünde“. Und dies ist sowohl auf die Mutter Davids zu beziehen als auch auf das gezeugte Kind David. Was er hier ausdrückt, nennen wir theologisch die Erbsünde. Der Mensch wird schon als gefallene Natur gezeugt, ohne dass er etwas dafür kann. Er ist schon zerbrochen, bevor er geboren wird. Es ist wie ein Virus, das alle Menschen im Griff hat. Er möchte damit sagen: „Herr, du weißt, dass es wie eine weitverbreitete Epidemie ist, dass Menschen nicht tun, was sie wollen, und tun, was sie nicht wollen.“ David wird sich selbst im Nachhinein fremd vorkommen und nicht wiedererkennen. Das ist, was Paulus in Röm 7,19 beschreibt.
David sagt dies nicht, um eine Ausrede für seine Sünden zu haben, sondern er klagt Gott diese allmenschliche Sündhaftigkeit, weil sie ihn belastet. Er hält Gott immer alles hin, was ihn beschäftigt. So haben wir bis heute einen Einblick dessen, was dieser Mensch gedacht und geglaubt hat.
Er sehnt sich nach Versöhnung mit Gott. Er hat sich bei ihm entschuldigt und um Verzeihung gebeten. Er weiß, dass es nun an Gott ist, ihm die Schuld zu vergeben. Deshalb bittet er ihn um „Entzücken und Freude“. Er möchte sozusagen zurück in den Stand der Gnade. Anstatt an seiner Sünde zu zerbrechen, möchte er Gott loben und preisen, wie er ist („jubeln sollen die Glieder, die du zerschlagen hast“).
Der letzte Vers drückt aus, was im Buch der Sprichwörter steht und sowohl der erste Petrusbrief als auch der Jakobusbrief aufgreifen: „Die Liebe deckt viele Sünden zu.“ (Spr 10,12; Jk 5,20; 1 Petr 4,8). Er möchte nicht, dass Gott „ein Auge zudrückt“, um sich vor den Konsequenzen seiner Sünde zu drücken. Er hat sie klar bekannt und nichts beschönigt. Gott hat ihn auch dafür zur Rechenschaft gezogen. Er hat schon seine Strafe bekommen und würde seine Vergehen ein Leben lang nicht vergessen. Was er möchte, ist Gottes Vergebung. Er möchte zur früheren, innigen Beziehung zu Gott zurückkehren. So sollen wir beten: Ganz klar unsere Sünden erkennen und zugeben, sie bereuen und vornehmen, sie nie mehr zu tun. Und doch dürfen und sollen wir Gottes Barmherzigkeit annehmen. Wir dürfen glauben, dass Gott uns alles vergibt, was wir bereuen. Gott „löscht“ diese Vergehen auch aus seinem „Gedächtnis“, auch wenn wir den entstandenen Schaden noch begleichen müssen. Von Exorzismen wissen wir, dass Dämonen die Anwesenden gerne bloßstellen, indem sie ihnen ihre Sünden vor allen Leuten aufsagen. Sie können dabei aber nur das ansprechen, was noch nicht gebeichtet ist. Alles Gebeichtete ist weg. Auch Gott wird uns keine der Sünden vorhalten, die schon gebeichtet und gesühnt ist. So groß ist Gottes Barmherzigkeit, dass er das gar nicht einmal mehr thematisiert, was komplett versöhnt ist. Und doch müssen wir aus unseren Vergehen Konsequenzen ziehen. Ein Heiliger meinte einmal zum Thema „Wie bleibe ich auf dem Boden und werde nicht überheblich?“: Man soll immer wieder an die schlimmste Sünde denken, die man jemals begangen hat. Dann wird man immer demütig bleiben. Von Petrus wissen wir ja, dass er Jesus verleumdet hat, ausgerechnet er, dem Jesus so sehr vertraut hat! Und er hat alles bereut und sein Leben lang nicht vergessen, was er getan hat. Warum? Nicht weil er der Barmherzigkeit Gottes nicht glauben wollte. Nicht weil er sich selbst nicht vergeben konnte. Sondern weil er seine eigene Schuldhaftigkeit, seine wahre Identität vor Gott nie vergessen wollte. In der Kunst wird Petrus deshalb sehr oft mit zwei Linien im Gesicht dargestellt: Es sind die Einkerbungen der abertausend Tränen, die er zeitlebens über die Verleumdung Jesu geweint hat. In dieser Hinsicht ist er mit König David sehr gut vergleichbar. Und wenn man Saul und David mit Petrus und Judas vergleicht, wird auch klar, was bei Gott entscheidend ist: Jeder Mensch fällt, sogar der vermeintlich beste. Entscheidend ist aber, dass er wieder aufsteht. David und Petrus haben dies getan. Saul und Judas nicht.

Mk 4
26 Er sagte: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; 
27 dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie. 
28 Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre. 
29 Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.
30 Er sagte: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? 
31 Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. 
32 Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, sodass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.
33 Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten. 
34 Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.

Im Evangelium hören wir heute weitere Gleichnisse, die das Reich Gottes umschreiben.
Zunächst hören wir vom Samen auf dem Acker. Es ist vergleichbar mit dem Gleichnis vom Sämann. Dieses landwirtschaftliche Bildfeld ist für die Zuhörer Jesu einfach sehr lebensnah und wird deshalb mehrfach verwendet.
Das Säen von Samen auf einen Acker ist das Säen des Wortes Gottes auf die Menschen. Der Mann ist in dieser Situation Jesus, der seine Verkündigung an die gekommenen Menschen richtet. Diese sind somit der Acker. Später werden Jesu Jünger zu den säenden Menschen und Jesu Testament wird der Same sein, den sie auf den Acker der ganzen Welt streuen. Wir können dieses Bild auch auf Gott übertragen. Er ist der säende Landwirt, der seinen Sohn, das fleischgewordene Wort Gottes auf die Erde sät, damit er Frucht bringe in der Welt, die der Acker ist. So bricht das Reich Gottes auf dem Acker an. Dabei muss das Korn sterben, damit es reiche Frucht bringt. Es könnte also schon als Passionsbild gedeutet werden: Gott hat seinen einzigen Sohn für uns, den Acker hingegeben, damit wir gerettet werden. Jesus ist ja das Reich Gottes in Person. Es ist auch moralisch deutbar: Wir alle werden so zu säenden Menschen. Was wir säen, wächst, entwickelt sich und trägt Früchte, ohne dass wir nach dem Säen den weiteren Verlauf beeinflussen können. Die Früchte, die wir ernten, können dabei gut oder schlecht sein. Nicht umsonst heißt es, „ernten, was wir säen“. Das Wort, das wir zu anderen sprechen, kann so vieles bewirken – sowohl Gutes als auch Schlechtes. Was wir Gutes säen und was sich vermehrt, ist der Aufbau des Reiches Gottes. Schließlich ist es anagogisch zu deuten: Gott sät uns in diese Welt, die der Acker ist. Am Ende wird er uns ernten und je nachdem, ob wir gute oder schlechte Früchte geworden sind, trägt er uns in die Scheune oder ins Feuer. Die Sammlung der guten Früchte und das Erntefest, das nun gefeiert werden kann mit diesen Früchten, ist das Reich Gottes, das Himmelreich. Das Bild der Ernte ist in der Bibel oft eine Metapher für die Endzeit.
In der Evangelisierung ist es oft so, dass wir den Anfang machen, aber den weiteren Verlauf nicht mehr mitbekommen. Vielleicht erfahren wir noch von den Früchten, vielleicht aber auch nicht. Ich habe viele solcher Fälle erlebt. Da hat man eine Bemerkung gemacht oder ein kurzes Wort mit jemandem gesprochen und nicht geahnt, wie viel es bei dem Anderen ins Rollen gebracht hat. Eine lange Zeit später hat man diese Person wieder getroffen und sie ist ein ganz anderer Mensch geworden – ein brennender Christ. Wie es sich in der Zwischenzeit entwickelt hat, hat man nicht mitbekommen.
Ab Vers 30 bringt Jesus dann ein weiteres Gleichnis aus dem landwirtschaftlichen Bereich. Das Reich Gottes ist wie ein Senfkorn. Sie werden ein solches vielleicht schon einmal in Händen gehalten haben. Es ist wirklich sehr klein und steht im Gegensatz zu der imposanten Größe der ausgewachsenen Staude, das anderen Lebewesen noch Schatten bietet. Mit diesem Bild möchte Jesus verdeutlichen, dass seine Verkündigung alles andere als imposant beginnt. Er ist zunächst allein, die ersten Jünger sind seine Eltern. Dann kommen nach und nach Menschen hinzu. Die Art und Weise, wie Jesus verkündet, ist schlicht und unkompliziert. Sein Kommen in diese Welt ist schon so unscheinbar gewesen, dass Herodes bei der Erwähnung seiner Geburt aus allen Wolken gefallen ist. Jesus wurde in einem armen Stall geboren. Der große Gott hat sich so klein gemacht, dass er als bedürftiges Baby den Menschen erschienen ist! Wenn das keine Senfkorn-Mentalität ist, was dann? Jesus ist nicht mit Pomp gekommen, er hat seine Verkündigung auch nicht spektakulär betrieben. Er kam einfach zum Jordan und stellte sich zu den anderen Menschen. Johannes sagte sogar: „Unter euch steht einer, den ihr nicht kennt.“ Er ging zu einzelnen Menschen und sagte „komm und folge mir nach“. Wer ihn ansprach, den nahm er kurzerhand mit nach Hause. Mit dieser Schlichtheit und Demut sollen auch seine Jünger evangelisieren. So ist auch das Christentum im ganzen Römischen Reich verbreitet worden. Es war ein Erzählen von Jesus Christus zwischen Tür und Angel, oft waren es Soldaten, Kaufmänner, Sklaven. Es war eine Weitergabe von Mensch zu Mensch, ganz unscheinbar. Und es ist so herangewachsen, dass es im 4. Jh. zur Staatsreligion im Römischen Reich geworden ist! Bis heute ist es die weltweit größte Religion der Welt mit den meisten Mitgliedern. Es ist wirklich zu einer riesigen Senfpflanze geworden. Was mit ein paar Jüngern begann, ist jetzt zur Weltreligion geworden. Das Evangelium von Jesus Christus ist wirklich bis an die Enden der Welt gekommen.

Ihre Magstrauss