10. Januar in der Weihnachtszeit

1 Joh 4,19-5,4; Ps 72,1-2.14-15bc.17; Lk 4,14-22a

1 Joh 4
19 Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. 

20 Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht. 
21 Und dieses Gebot haben wir von ihm: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben.
1 Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, ist aus Gott gezeugt und jeder, der den Vater liebt, liebt auch den, der aus ihm gezeugt ist. 
2 Daran erkennen wir, dass wir die Kinder Gottes lieben: wenn wir Gott lieben und seine Gebote erfüllen. 
3 Denn darin besteht die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. 
4 Denn alles, was aus Gott gezeugt ist, besiegt die Welt. Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube.

Was die letzten Tage im ersten Johannesbrief besprochen worden ist, wird heute unter anderem wiederholt. Es geht hier um einen Brief. Johannes möchte die wichtigen Aussagen hervorheben, damit sie sich den Adressaten gut einprägen. Deshalb greift er erneut auf, dass unsere Liebe immer Konsequenz des zuerst Geliebtseins von Gott ist.
Er bringt dann ein Negativbeispiel, dass diese Kernaussage verdeutlicht und auch die Linie von der Gottesliebe(serwiderung) zur Nächstenliebe zieht. Dabei ist diese Bezugslinie unterbrochen: Wer behauptet, Gott zu lieben, aber seinen Bruder hasst (also den Nächsten allgemein), lügt. Die Bezugslinie ist ja Gottesliebe -> Nächstenliebe. Die echte Agape (die übernatürliche Liebe) speist sich ja aus der Gottesliebe. Wenn jemand seinen Nächsten hasst, hat er diese Gottesliebe also nicht, sondern behauptet das nur. Gestern haben wir ja gelernt, dass die Liebe, die wir anderen schenken, eigentlich Gott ist, der den Anderen in dem Moment liebt. Johannes argumentiert heute sehr treffend: Wie wollen wir denn den unsichtbaren Gott lieben, wenn wir es mit den direkt um uns stehenden Sichtbaren nicht einmal auf die Reihe bekommen?
Also schließt Johannes das vierte Kapitel noch einmal mit dieser Bezugslinie ab: Wer Gott liebt, muss auch den Nächsten lieben. Warum ist das eigentlich so? Liebe ist immer etwas, dass überläuft, etwas Maßloses, das die Grenzen überschreitet. Deshalb gibt es uns Menschen überhaupt. Gott hätte sich der Zeit selbst genügen können, da er in seiner Dreifaltigkeit ja schon Liebesgemeinschaft in sich selbst ist. Diese Liebe ist aber überfließend und deshalb hat er aus Liebe die Welt geschaffen und uns als sein Abbild. Wir sind da, um in diese Liebesgemeinschaft hineingenommen zu werden. Wie können wir also eine Liebesbeziehung mit Gott haben, die nicht ebenfalls grenzüberschreitend ist? Natürlich muss es überfließen, damit auch andere in diese Gemeinschaft hineingenommen werden. Das ist die Nächstenliebe.
Das fünfte Kapitel beginnt mit einem interessanten Vers: Wir sind aus Gott gezeugt, wenn wir an die Messianität Jesu glauben. Das ist natürlich sakramental zu verstehen. Wir können nicht wortwörtlich aus Gott gezeugt sein. Das kann nur Jesus, der den Vater wortwörtlich zum Vater hat. Sonst wären wir Götter. Wir sind aber geschaffene Wesen, was die Zeugung ausschließt. Was ist hier also gemeint? Wir sind gezeugt, also in einer genealogischen Beziehung zu Gott durch die Taufe! Wir haben Jesus als den Christus, also den Messias, angenommen und uns taufen lassen. Dadurch sind wir zu Kindern Gottes geworden, aber durch die Taufgnade, nicht durch unsere eigene Natur. Und im zweiten Teil dieses Verses wird noch einmal der Bezug von Vater und Sohn deutlich: Wir haben Jesus angenommen, weil wir Gott lieben. Denn beide sind eins. Wenn wir den Vater lieben, lieben wir auch den, der aus ihm gezeugt ist, also Jesus.
Im Anschluss wird zunächst die Bezugslinie von der Gottesliebe zur Nächstenliebe wiederholt und dann konkretisiert, was die Gottesliebe ist: das Halten der Gebote Gottes. Der entscheidende Satz ist dabei: Und seine Gebote sind nicht schwer. Wir kennen das von unseren menschlichen Beziehungen. Wenn wir jemanden von ganzem Herzen lieben, fällt es uns nicht schwer, Dinge für den anderen zu tun. Wir machen das dann gern, obwohl es Kraft, Mühe und Zeit kostet. So ist es auch mit Gott. Wenn wir ihn wirklich lieben, dann wird es uns auch nicht schwerfallen, seine Gebote aus Liebe zu halten. Auch Jesus sagt in den Evangelien „mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht“. Gott hat sich nichts Kompliziertes ausgedacht, um uns zu ärgern, sondern wirklich Gebote für uns, die unserem Heil dienen! Das Heil ist erreichbar, denn die Gebote sind machbar. Gott kennt uns durch und durch. Er wird uns nicht überfordern.
Im letzten Vers für heute wird noch einmal ein christologischer Kernsatz genannt: Was aus Gott gezeugt ist, allen voran Jesus Christus, besiegt die Welt. Ja, er hat die Welt besiegt, indem er von den Toten auferstanden ist und das Heil für die ganze Menschheit erwirkt hat. Und auch wir, die wir durch die Taufe aus Gott gezeugt sind, besiegen die Welt, indem wir nach unserem Tod das Himmelreich erlangen können. Am Ende der Zeiten können wir wie Christus mit Leib und Seele wiedervereint ewig bei Gott sein. Ich sage „können“ und nicht „werden“, weil das kein Automatismus ist. Wir haben die Befähigung und Verantwortung durch die Taufe erhalten, Gottes Gebote zu halten. Wo dies nicht geschieht, verlieren wir die Chance auf das Himmelreich.
Was die Welt besiegt, fasst Johannes in einem Wort zusammen: Glaube. Der Glaube an Gott, nicht ein tatenloses Bekenntnis, sondern ein Glaube, der sich bewährt in der gelebten Gottes- und Nächstenliebe (wir haben es so ausführlich in den Kapiteln zuvor gelesen), besiegt die Welt. Und auch hier gilt wieder: die Welt, die vom Bösen infiltriert ist, nicht die gute Schöpfung Gottes.

Ps 72
1 Für Salomo. Verleih dein Richteramt, o Gott, dem König, dem Königssohn gib dein gerechtes Walten. 
2 Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Elenden durch rechtes Urteil. 
14 Aus Unterdrückung und Gewalt erlöse er ihr Leben, kostbar sei ihr Blut in seinen Augen. 
15 Man soll für ihn allezeit beten, jeden Tag für ihn Segen erflehen.
17 Sein Name soll ewig bestehen, solange die Sonne bleibt, sprosse sein Name. Mit ihm wird man sich segnen, ihn werden seligpreisen alle Völker.

Heute beten wir ein letztes Mal Psalm 72 vor dem Fest der Taufe des Herrn. Es ist die Bitte des Königs David an Gott, seinen Königssohn Salomo mit allen notwendigen Gaben zu beschenken, die er als Nachfolger benötigt. Vor allem bittet David um „gerechtes Walten“ und „rechtes Urteil“. Wir lesen hier schon einen typologischen Anfang, der seine antitypische Erfüllung in Jesus Christus erhält. Er ist es dann wirklich, der das Volk Gottes („dein Volk“ עַמְּךָ֣  amecha, also das auserwählte Volk), nun aber nicht mehr nur das Volk des Alten, sondern des Neuen Bundes, regiert. Sein Königreich ist nun nicht mehr irdisch wie das des Salomo, sondern es ist „nicht von dieser Welt.“ Aus diesem Grund erlöst Jesus nicht nur aus Unterdrückung und Gewalt des Diesseits, sondern vor allem aus geistiger Unterdrückung, aus Sünde und Verderben mit Blick auf die Ewigkeit! Die Zukunftsform יִגְאַ֣ל  jig’al „er wird erlösen“ zeigt, dass es von der Perspektive des Psalms aus gesehen noch aussteht. Wir schauen nun retrospektiv, im Rückblick auf diese Erlösung und danken dem Herrn dafür, dass er so barmherzig ist. Wenn es heißt, dass „ihr Blut“ kostbar sei, ist das im Alten Testament immer wichtig. Blut ist nach alttestamentlicher Auffassung nämlich der Bestandteil des Menschen, in dem seine Lebenskraft steckt. Wenn die Rede von Blut ist, müssen wir also lesen: „kostbar sei ihr LEBEN in seinen Augen“. In Jesu Fall meint es vielmehr als nur das irdische Dasein. Es geht um das ewige Leben. Dies ist Jesus so unendlich wichtig, dass er dafür sein Leben für uns hingegeben hat!
Während David für seinen Königssohn noch erbittet, dass für ihn allezeit gebetet und Segen ausgesprochen werden soll, ist Jesus es nun, der für uns am Thron seines Vaters einsteht und der uns allezeit segnet. Vor einiger lasen wir im Epheserbrief die Worte „Gnade über Gnade“. Diese ist uns durch Christi Mittlerschaft geschenkt.
Der Name Salomos soll ewig bestehen – ein Ziel, das die Israeliten als ewiges Leben verstanden haben, bevor sie nach und nach zu einem Glauben nach einem Leben nach dem Tod kamen. Aber auch dies lässt sich typologisch weiterführen: Jesu heiliger Name, auf den wir getauft sind, soll ewig bestehen. Mit ihm segnen wir tatsächlich andere Menschen, vor allem die Priester mit dem priesterlichen Segen und ganz intensiv ist der Segen im Namen Jesu durch den eucharistischen Segen. Da ist es nämlich nicht nur der Name, sondern Jesu Gegenwart selbst! Alle Völker werden ihn seligpreisen (das steht hier im Psalm noch aus, was durch die hebräische Zukunftsform יְאַשְּׁרֽוּהוּ je’aschruhu deutlich wird). Dies werden alle Völker tun (hier die גֹּויִ֥ם gojim, also die Heidenvölker). Wir haben hier eine Ankündigung der Kirche (denn sie ist die Gemeinschaft der Gläubigen der ganzen Welt), deren Gläubige Jesus anbeten. Zugleich ist es die Ankündigung der Ewigkeit. Dann werden alle zum himmlischen Jerusalem kommen, um auf ewig den Königssohn anzubeten, der zur Rechten des Vaters sitzt, Jesus Christus.

Lk 4
14 Jesus kehrte, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend. 

15 Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gepriesen.
16 So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um vorzulesen,
17 reichte man ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er öffnete sie und fand die Stelle, wo geschrieben steht: 
18 Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze 
19 und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. 
20 Dann schloss er die Buchrolle, gab sie dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. 
21 Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt. 
22 Alle stimmten ihm zu; sie staunten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen.

Was wir heute lesen, ist eine Erfüllung von Psalm 72. Der heutige Abschnitt endet ja mit den Worten: Ihn werden seligpreisen alle Völker. Hier lesen wir nun, dass Jesus in den Synagogen lehrt und von allen gepriesen wird. Seine Verkündigung gilt zunächst den Juden, die das auserwählte Volk (hebräisch immer AM) darstellen. Erst später wird er zu den Heiden gehen und sie sogar als Glaubensvorbilder bezeichnen.
Er lehrt die Juden und erklärt, dass die Verheißungen der Hl. Schriften sich in ihm erfüllen. In der heutigen Episode soll er aus der Hl. Schrift vorlesen und diese auslegen. Ihm wird ausgerechnet Jesaja gereicht, der die prägnanteste Messiaserwartung beinhaltet. Jesus liest Worte vor, die eins zu eins auf ihn zutreffen. Ihm ist klar, dass er sich selbst in Gefahr bringt, wenn er die folgenden Worte spricht, und doch sagt er sie: „Heute hat sich das Schriftwort (…) erfüllt.“ Das ist für jüdische Ohren, die Jesus als Gott nicht erkennen, absolut blasphemisch. Jesus bezeichnet sich als Gesalbten, was auf hebräisch Messias heißt. Am Ende des heutigen Abschnitts lesen wir zwar noch, dass die Anwesenden erstaunt sind und ihm zustimmen. Sie werden von den vielen Wundertaten und der brennenden Verkündigung Jesu gehört haben. Sie werden von Blindenheilungen und von der frohen Botschaft Jesu Christi erfahren haben. Ihnen wird aufgefallen sein, welch Segen von diesem Menschen ausgeht. Und doch wird diese Anerkennung nicht lange halten. Was wir heute nicht mehr lesen, ist die Provokation der Menge durch die Worte Jesu „ein Prophet wird in seiner Heimat nicht anerkannt.“ Wir lesen nicht mehr davon, wie sie ihn zur Stadt hinaustreiben und versuchen, ihn zu steinigen. So ist es oft auch mit uns. Gott bietet uns das Heil an. Er sagt Dinge, die unseren Ohren schmeicheln, aber auch Dinge, die hart für uns klingen. Er tut dies nicht, um uns zu ärgern, sondern weil wir nur so gerettet werden können. Oft nehmen wir das dann nicht an, sondern beschuldigen ihn. Wir hadern mit ihm und wollen ihn mundtot machen wie die Menge Jesus steinigen will.
Diese heutige Episode wird auch als „Antrittspredigt“ bezeichnet. Von Anfang an gefährdet Jesus sein eigenes Leben mit der öffentlichen Predigt. Und doch ist er bereit, sein Leben hinzugeben und nicht zu schweigen, damit die Menschen das Heil erfahren. Wer weiß, wie viele der Anwesenden, die ihn noch steinigen wollten, am Ende zum Glauben an ihn gekommen sind…
Auch heute werden wir wieder vor die Entscheidung gestellt: Nehmen wir Jesus als den Messias an und beweisen dabei unsere Liebe zu Gott? Dieser Zusammenhang ist uns heute ja im ersten Johannesbrief erklärt worden. Nehmen wir den Christus an oder wollen auch wir ihn steinigen? Wann tun wir das denn konkret? Jedesmal, wenn wir Gottes Gebote eben nicht halten, dann lehnen wir auch Christus ab, der für unsere Sünden gestorben ist. Nutzen wir die Zeit der Gnade und verpassen wir heute nicht die Chancen, die Gott uns bereitet, unsere Liebe zu ihm zu beweisen.

Ihre Magstrauss

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