2. Sonntag im Jahreskreis

Jes 49, 3.5-6; Ps 40 (39), 2 u. 4ab.7-8.9-10; 1 Kor 1, 1-3; Joh 1, 29-34

Jes 49
3 Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will.

5 Jetzt aber hat der HERR gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht geformt hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammelt werde. So wurde ich in den Augen des HERRN geehrt und mein Gott war meine Stärke. 
6 Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht der Nationen; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht. 

Heute hören wir einen messianischen Text aus dem Buch Jesaja. Dieser ist ein Ausschnitt aus dem zweiten Gottesknechtslied. Der Beginn lehnt sich an den des ersten Gottesknechtsliedes an, das wir am Fest der Taufe des Herrn gehört haben. Anders ist an dieser Stelle die direkte Adressierung des Gottesknechts („du bist“ statt „das ist“). Es wird auch expliziter gesagt, wer damit gemeint ist: „Du….Israel“. An dieser Stelle wird es auf Jakob bezogen, der den Namen Israel erhalten hat. Man kann darunter auch das Kollektiv Israel verstehen, d.h. die zwölf Stämme Israels. In dieser wörtlichen Leserichtung möchte Gott seinem auserwählten Volk seine Herrlichkeit zeigen. Das ist es, was Gott immer wieder tut und was für ihn bezeichnend ist – die Selbstoffenbarung. Diese gipfelt auf dem Höhepunkt der Heilsgeschichte mit dem Kommen seines Sohnes, der schließlich am Kreuz sterben wird. Nach drei Tagen wird er auferstehen und dadurch Gottes Herrlichkeit offenbaren. Am Ende der Zeiten wird er in Herrlichkeit wiederkommen, um die Lebenden und die Toten zu richten. Dann wird Gott seine Herrlichkeit unverschleiert offenbaren, wie sie ist. Lesen wir den Knecht Israel christologisch, dann ist es Jesus, dem Gott durch die Auferstehung seine Herrlichkeit zeigt.
Im Laufe der Heilsgeschichte wird der Adressat der göttlichen Offenbarung immer weiter ausgeweitet, sodass mit Jesus die ganze Welt zum Zeugen wird. Das auserwählte Volk, „Israel“ meint dann nicht mehr wörtlich die zwölf Stämme, sondern die ganze Welt.
Ab Vers 5 wechselt die Perspektive, sodass der Gottesknecht selbst spricht. Der Knecht ist im Mutterleib von Gott geformt worden, d.h. er ist auserwählt von Anfang an. Sein Auftrag besteht dabei in der Heimführung Israels/Jakobs zu Gott. Lesen wir dies wörtlich-historisch, denken wir an einen König oder noch eher an einen Propheten, der zur Umkehr des auserwählten Volkes beiträgt. Seine Berufung steht schon fest, noch bevor er geboren wird. In dieser Hinsicht findet er beim HERRN Ehre und hat seine Stärke in Gott. Während die Ehre bei Gott durch eine Zukunftsform ausgedrückt wird (וְאֶכָּבֵד we’ekaved), stellt das Haben der Stärke in Gott eine Vergangenheitsform dar (הָיָ֥ה hajah). Gott WAR also die Stärke des Knechts, aber er wird ihn noch verherrlichen (es ist im Hebräischen dasselbe Wortfeld, das auch sonst für „Ehre“ gebraucht wird und im Griechischen durch δόξα doxa ausgedrückt wird, lateinisch gloria). Dies alles macht also Sinn, wenn wir mit dem Gottesknecht Jesus Christus identifizieren. Er wird am Ende der Zeiten als verherrlichter Menschensohn wiederkommen. Er ist zum Vater heimgekehrt, um verherrlicht zu werden. Zur Zeit des zweiten Gottesknechtsliedes steht es aber noch aus. Auch uns gelten diese Worte. Wir sind Knechte und Mägde des Herrn, die wir getauft worden sind. Auch uns hat der HERR dadurch schon verherrlicht, was wir aber erstens im Laufe unseres Lebens verlieren können, zweitens wird unsere Herrlichkeit erst am Ende der Zeiten offenbar.
Versuchen wir, die wörtliche Bedeutung des Verses 5 noch weiter zu verstehen, damit wir die Hoffnungsbotschaft für die Juden erkennen: Israel heimzuführen meint wörtlich gelesen zunächst die Heimführung aus dem babylonischen Exil. Die Juden haben also auch an dieser Stelle an eine königliche Figur gedacht, die eine politische Befreiung erzielen soll. Die Heimführung zu Gott bezieht sich dann auf sein gelobtes Land, also auf einen irdischen Ort. Christologisch gesehen gehen wir aber darüber hinaus: Jesus ist gekommen, um das auserwählte Volk zu Gott zurückzuführen. Er hat Sühne geleistet, um das Exil Israels zu beenden – nicht nur aus dem babylonischen Exil, sondern das viel schlimmere und aussichtslosere Exil außerhalb des Paradieses! Er ist gekommen, um die Söhne Israels zu Gott ins Himmelreich heimzuführen! Er macht damit wieder gut, was der erste Mensch verschuldet hat.
In Vers 6 legt das Gottesknechtslied noch einen drauf. Spätestens jetzt merkt man, dass der Gottesknecht nicht einfach ein politischer Herrscher oder ein Prophet sein kann. Denn er wird nicht nur zum Heimführer der „Verschonten“ Israels (die das Exil und die Fremdherrschaft bis dahin überlebt haben), sondern zum „Licht der Nationen“ (לְאֹ֣ור גֹּויִ֔ם le’or gojim). Der Gottesknecht bringt das Heil ALLEN Menschen, auch den Nichtjuden! Jesus ist wirklich das Licht, von dem vor allem das Johannesevangelium immer wieder spricht. Gott hat einen wunderbaren Plan und dieser wird schon 700 Jahre vor der eigentlichen Umsetzung dem Propheten Jesaja eingegeben! Gott will sein Heil יְשׁוּעָתִ֖י jeschuato – seinen Jesus – bis an die Enden der Erde bringen. Dazu möchte er die Menschen miteinbeziehen, die seine Jünger sind. Jesus wird vor seinem Heimgang zum Vater zu den Aposteln sagen: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19). Jesus führte schon zu seinen Lebzeiten die Menschen zum Vater, indem sie umkehrten. Er trug seinen Jüngern auf, die Gemeinschaft der Gläubigen zu sammeln, dass sie zum Vater „heimkommen“ in die Kirche, die das angebrochene Reich Gottes auf Erden darstellt. Durch die Kirche steht ihnen die Heimführung zum Vater nach ihrem Tod bereit und am Ende der Zeiten werden alle Menschen, die den Herrn angenommen haben, auf ewig im himmlischen Jerusalem zuhause sein. Das Heil Gottes ist dann an den Grenzen/Enden der Erde auch im eschatologischen Sinn: das Ende der alten Schöpfung und der Anfang der neuen, die Johannes in der Offenbarung schon gesehen hat.

Ps 40
2 Ich hoffte, ja ich hoffte auf den HERRN. Da neigte er sich mir zu und hörte mein Schreien. 
4 Er gab mir ein neues Lied in den Mund, einen Lobgesang auf unseren Gott. 
7 An Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen, doch Ohren hast du mir gegraben, Brand- und Sündopfer hast du nicht gefordert. 
8 Da habe ich gesagt: Siehe, ich komme. In der Buchrolle steht es über mich geschrieben.
9 Deinen Willen zu tun, mein Gott, war mein Gefallen und deine Weisung ist in meinem Innern. 
10 Gerechtigkeit habe ich in großer Versammlung verkündet, meine Lippen verschließe ich nicht; HERR, du weißt es.

Im heutigen Psalm drückt König David seine Dankbarkeit über die Gebetserhörung Gottes aus. Der HERR „neigte sich zu“ und „hörte das Schreien“. So eine Formulierung lesen wir auch bei dem unterdrückten Volk Israel in Ägypten. Gott selbst spricht zu Mose im Dornbusch: „Ich habe das Schreien meines Volkes gehört.“ (Ex 3,7).
Die Aussage „an Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen…“ ist darauf zu beziehen, was dann in Vers 9 geschrieben steht: „deinen Willen zu tun“, also den Willen Gottes zu befolgen, ist das Entscheidende, ohne dass die Opfertätigkeit überflüssig wird. Dies müssen wir als rhetorische Wendung verstehen. Uns geht dies vor allem auf, wenn wir an die Söhne Elis denken, von denen wir im ersten Samuelbuch lesen: Hofni und Pinhas erledigen den Tempeldienst und sind dabei total gierig. Sie leben nicht, wie es Gott gefällt und deshalb bringen die Opfer in ihrem Fall nichts. Diese machen sie nicht gerecht vor Gott. Gott hat uns „Ohren gegraben“ (Vers 7), damit wir nämlich seinen Willen hören und ge-hor-sam sein können. Es geht vor allem um die Ohren unseres Glaubens. Jesus wird immer wieder sagen: „Wer Ohren hat, der höre“. Er meint damit weniger die organischen Ohren, sondern vielmehr die Fähigkeit, gehorsam zu sein. So steht es auch bei den sieben Sendschreiben in der Johannesoffenbarung. Wenn Jesus diese Wendung immer wieder aufgreift, werden die frommen Juden eine Anspielung auf diesen Psalm erkannt haben.
„Siehe ich komme“ und „in der Buchrolle steht es über mich geschrieben“ klingt ebenfalls wie die Johannesoffenbarung. Dort sagt der Menschensohn in Offb 22,17 „siehe ich komme bald“. Und die Buchrolle ist ein Leitmotiv gerade in der himmlischen Thronsaalvision der Kapitel 4-5.
Diese ganzen Formulierungen klingen wie die typologische Grundlegung, die Jesus antitypisch erfüllen wird: Er ist es, der kommt – der Messias! Er ist es, von dem in der Buchrolle geschrieben ist, nämlich in der gesamten Torah wird er schon bezeugt. Deshalb kann er bei seiner „Antrittspredigt“ in Nazaret über die Jesajarolle sagen: „Das Schriftwort, das ihr gerade gehört habt, hat sich heute erfüllt.“ Und Jesus ist es auch, der „in großer Versammlung verkündet.“ Er lehrt in den Synagogen das Reich Gottes und wie der Vater ist. König David hat auch öffentlich gesprochen, auch er ist angekündigt worden als ersehnter König für das gesamte Volk Israel.
Auch wir sollen unseren Mund auftun und den HERRN vor allen bekennen. Auch wir sollen das Wort Gottes in unserem Herzen tragen („in meinem Innern“). Dann werden auch wir Gottes Willen stets erkennen und möchten ihn auch immer erfüllen. Dann haben wir „gegrabene Ohren“, sodass wir im Stand der Gnade bleiben können. Das Wort Gottes haben wir nicht nur in geschriebener Form im Herzen, sondern wir haben das Privileg, das fleischgewordene Wort zu empfangen. Wenn wir die Kommunion empfangen, kommt Jesus in unser Herz. Er bleibt dort, wenn wir es ihm erlauben, wenn wir Gottes Willen tun und nicht den Bösen in unser Herz lassen. Die Kirche hat das Wort Gottes in ihrem Innern, nämlich die Eucharistie. Sie ist ihr Herzschlag, die sie am Leben erhält. Jesus ist das größte und endgültige Opfer, sodass sie jetzt keine Brand- und Schlachtopfer mehr bringen muss wie das Alte Israel. Jesu Opfer wird in jeder Messe vergegenwärtigt, er stirbt nicht immer wieder, sondern sein einmaliger Tod wird in die jeweilige Gegenwart geholt. Von diesem Heilsereignis her sollen wir ein entsprechendes Leben führen und Gottes Willen erfüllen. Wir sollen von seiner Gerechtigkeit auch vor anderen bezeugen. Was David hier betet, sind die drei kirchlichen Grundvollzüge: Wir feiern Gottes Herrlichkeit, was Leiturgia genannt wird („ein neues Lied“, „einen Lobgesang“). Dies hat Jesus schon getan, wenn er gebetet hat, wenn er vor allem die Eucharistie eingesetzt hat am Abend vor seinem Tod und in seiner Kreuzigung. Wir setzen Gottes Willen um in der tätigen Liebe, was Diakonia heißt („deinen Willen zu tun war mein Gefallen“). Jesus hat immer wieder Menschen seelisch, psychisch und körperlich geheilt. Er hat sie in die Gemeinschaft zurückgeführt und dabei den heiligen Sabbat übergangen. So sehr hatte er Mitleid mit den Menschen. Schließlich verkünden wir als Kirche die Weisung Gottes, was Martyria genannt wird („in großer Versammlung verkündet“). Diese große Versammlung ist in erster Linie die Eucharistiefeier, zu der die Gläubigen sich am Sonntag versammeln. Deshalb gibt es gerade dann eine Predigt. Genau dies hat Jesus in den Synagogen getan und überall, wo er das Reich Gottes verkündet hat. Die Kirche tut, was Jesus getan hat, was er von Davids Psalm erfüllt hat. Die Kirche folgt Jesus in den drei Grundvollzügen nach!
Davids Psalm zeugt mal wieder durch und durch vom Hl. Geist. Danken wir Gott für dieses Gebet!

1 Kor 1
1 Paulus, durch Gottes Willen berufener Apostel Christi Jesu, und der Bruder Sosthenes 
2 an die Kirche Gottes, die in Korinth ist – die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen – , mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus überall anrufen, bei ihnen und bei uns. 
3 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Als zweite Lesung hören wir heute den Beginn des ersten Korintherbriefes. Ein antiker Brief besitzt zu Beginn immer ein Präskript, in dem der Absender und die Empfänger genannt werden. Dann gibt es immer einen Gruß. Dieses Präskript ist bei den neutestamentlichen Briefen immer etwas umfangreicher, denn es besteht aus komplexeren Sätzen mit vielen Nebensätzen. In diesem heutigen Präskript hören wir schon inhaltlich Dichtes, denn Paulus setzt hier schon eine Art Legitimierung seines Briefes und seiner ganzen Evangelisierung an den Anfang. Er definiert auch schon etwas, wer die Korinther sind, nämlich die „Geheiligten in Christus Jesus“ und die „berufenen Heiligen“. Schauen wir es uns im Einzelnen genauer an:
Paulus ist durch Gottes Willen Apostel Christi Jesu. Gott ist es, der sein Apostolat möchte. Paulus betont, dass er sich nicht selbst dazu gemacht hat und was er tut, aus der Gnade Gottes heraus tut. Paulus erinnert durch seine Worte an den Gottesknecht, der ebenfalls berufen ist. Auch Paulus ist nicht nur berufen, in der Nachfolge Christi die Söhne Jakobs heimzuführen (er ist ja von Haus aus Pharisäer und tat genau dies zu Anfang), sondern gerade Licht für die Völker zu sein (denn seine Berufung besteht hauptsächlich in der Heidenmission!). Er führt auch weiter, was König David im Psalm betet: Er verkündet Gottes Gerechtigkeit in großer Versammlung. Zuerst geht Paulus immer in die Synagogen und lehrt die Juden dort. Sie verstoßen ihn aber immer wieder, sodass er zu den Heiden geht. Er ist es auch, der die Opferpraxis kritisiert und den Glaubensgehorsam als heilsnotwendig verkündet.
Im Präskript nennt er noch einen Mitautoren oder zumindest einen Gruß von ihm, Sosthenes. Es gibt geteilte Meinungen darüber, ob er derselbe Sosthenes aus Apg 18,12-17 sei. Die Kirche hat beide genannten Personen als ein und denselben Sosthenes überliefert und zählt ihn zu den siebzig Jüngern aus Lk 10,1. Er war zunächst Synagogenvorsteher in Korinth, bekehrte sich zu Christus und wurde später sogar Bischof von Kolophon.
Zu den Adressaten schreibt Paulus wie gesagt die Berufung zur Heiligkeit und das Geheiligtsein aus Christus. Wir sind heilig nicht aus uns selbst heraus. Als Getaufte ist uns die Heiligkeit als Berufung geschenkt und ebenso die Fähigkeit, die Berufung zu erlangen.
Durch die Wendung „mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus überall anrufen…“ wird verdeutlicht, was wir auch bis heute nachweisen können: Die Gemeindebriefe sind unter den Gemeinden ausgetauscht worden und wirklich öffentlich gemacht worden. Sie waren nie einfach nur ausschließlich an jene Gemeinde gerichtet, an die der Brief offiziell ging. Man sammelte Paulusbriefe etc. und gab sie auch anderen Gemeinden. Die Briefe wurden untereinander ausgetauscht, sodass man so viele Briefe wie möglich besaß. Was dort nämlich geschrieben worden ist, wurde als Hl. Schrift betrachtet. Die Probleme, die Paulus z.B. hier im Korintherbrief beantwortet, betrafen andere Gemeinden bestimmt auch, je nach spezifischem Grad. Man verstand sofort, dass durch jene Worte der Hl. Geist spricht. Aus dem Grund werden auch heute noch die Briefe in der Liturgie verlesen, die an eine andere Gemeinde zu einer ganz anderen Epoche gerichtet sind: erstens weil sie Hl. Schrift sind und der Geist Gottes die Hörer bis heute im Herzen berührt, zweitens weil die Inhalte zu jeder Zeit aktuell sind.
„Gnade sei mit euch und Friede“ ist ein typischer christlicher Gruß, den wir in den Briefanfängen des NT sehr oft lesen, auch in den katholischen Briefen und sogar in der Johannesoffenbarung. Dieser Gruß wird auch in der Liturgie aufgegriffen, denn der Priester begrüßt die Gemeinde oft so. Er umfasst alles, was wir brauchen – die Gnade Gottes („an Gottes Segen ist alles gelegen“) und seinen österlichen Frieden, den wahren Schalom, der unser christliches Fundament darstellt. Er sagt auch mit diesem Gruß aus, dass alles Gute von Gott kommt („von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus“). Man könnte beim ersten Hören denken: Warum wird so ein Begrüßungswort uns als Lesung in der Messe vorgetragen? Das ist doch banal. Aber wenn wir das alles nun betrachtet haben und die inhaltliche Dichte der Worte begriffen haben, werden wir dies ab jetzt nicht mehr zu sagen brauchen. Es gibt kein „um den heißen Brei herumreden“ in der Hl. Schrift. Selbst „banale“ Begrüßungen enthalten schon den Kern unserer christlichen Botschaft. In einem einzigen Begrüßungswort kann schon ein ganzes Glaubensbekenntnis enthalten sein oder die Zusammenfassung des gesamten Evangeliums vorgenommen werden.

Joh 1
29 Am Tag darauf sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! 
30 Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. 
31 Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, damit er Israel offenbart wird. 
32 Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. 
33 Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. 
34 Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes.

Heute hören wir einen Ausschnitt aus dem Johannesevangelium, den wir in der Weihnachtszeit schon gehört haben. Er ist aber wichtig, da wir ja das zweite Gottesknechtslied gehört haben. Der Kreis schließt sich nun.
Johannes der Täufer begegnet Jesus am Jordan bei seiner Tauftätigkeit und bezeichnet ihn als das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Er fasst Jesu heilsgeschichtliche Rolle auf dem Höhepunkt der Menschheitsgeschichte zusammen: Er ist die Sühne unserer Sünden, die uns das Paradies zurückschenkt.
Auf diese Weise ist er der Knecht, der die Söhne Jakobs heimführt, nämlich ins Paradies, zurück aus dem Sklavenhaus der Sünde in einem neuen „Exodus“, zurück aus dem Exil der Sünde als antitypische Erfüllung der babylonischen Gefangenschaft.
Warum spricht Johannes in dieser Situation darüber? Er tauft die Menschen ja als Vorbereitung für die Begegnung mit dem Messias und als Vorbereitung für diesen Akt der Versöhnung.
Johannes bezeugt auch Jesu Präexistenz beim Vater, wenn er sagt, dass Jesus „vor mir war“.
Wir haben die Ereignisse der Taufe selbst, die hier nur angedeutet werden, am Fest der Taufe des Herrn ja gehört. Jesus wird mit dem Hl. Geist ausgestattet, der in Form einer Taube auf Jesus herabkam.
„Auch ich kannte ihn nicht“ muss genauer betrachtet werden. Dort steht im Griechischen das Verb οἰδάω, was nicht nur mit „kennen“, sondern auch mit „sehen“ übersetzt werden kann. Das bringt uns vielleicht näher an die Bedeutung: Johannes hat ihn auch nicht gesehen. Das bezieht sich auf die vorherige Aussage der Präexistenz Jesu. Das Johannes Jesus nämlich nicht kannte oder ihn im irdischen Leben noch nicht gesehen habe, wäre ja ein Widerspruch: Als Maria Elisabet begegnet und bei ihr bleibt bis zu der Geburt des Johannes, „trifft“ dieser Jesus ja schon, als dieser noch nicht geboren ist. Sie sind zudem miteinander verwandt, kennen sich also durchaus. Wir müssen es also entweder auf die Präexistenz Jesu beziehen, wenn Johannes sagt, er habe ihn nicht gesehen/gekannt, oder zumindest auf die Göttlichkeit Jesu beziehen, die er ja nicht in Anspruch genommen hat. Die ersten dreißig Jahre seines Lebens hat er im Verborgenen gelebt und ein gewöhnliches Leben geführt. In dieser Hinsicht hat Johannes absolut recht. Er kannte Jesu Göttlichkeit nicht. Diese ist es ja, die präexistent ist.
Gott Vater hat sich etwas dabei gedacht, den Hl. Geist in Gestalt einer Taube zu senden. Sie ist ein Symbol des Friedens, des wahren Schalom, der nur von Gott ausgehen kann. Deshalb kann Jesus wirklich sagen, MEINEN Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Das erinnert uns an den Friedensgruß des Paulus zu Beginn des ersten Korintherbriefes. Auf diesen Frieden kommt es an. Die Anwesenden bei der Taufe haben die Taube gesehen. Für diejenigen, die sich an diesen Moment erinnern werden, wenn der Auferstandene erscheint und ihnen seinen Frieden wünscht, sie dabei anhaucht und sagt „empfangt den Hl. Geist“, wird sich ein großer Bogen geschlossen haben.
Die Taube hat aber noch eine weitere Bedeutung und bestätigt erneut die überragende Pädagogik Gottes. Vielleicht erinnern Sie sich an eine Episode aus dem AT, in der es auch um Wasser und um eine Taube geht: Die Sintflut in Genesis. Dort ist auch das Wasser das Element, das die Sünde „zudeckt“ und dadurch sühnt. Die durch die Flut Geretteten sind die einzigen Gerechten, Noah und seine Familie. Und als die Erde wieder bewohnbar ist, ist es eine Taube, die mit einem Zweig im Schnabel zurückkehrt. Sie wird somit zum Symbol für das neue Leben. So werden die Anwesenden am Jordan hier auf die Taufe vorbereitet und erkennen die Typologie zwischen der Sintflut und dem gegenwärtigen Taufereignis. Durch die Taufe Jesu beginnt etwas, das sich am Kreuz vollenden wird: Die Sühne der weltweiten Sünde durch Jesus Christus. Er lässt sich taufen (es ist noch keine Taufe wie unsere, sondern die Johannestaufe als Bußakt!) als Zeichen der Buße für uns alle! Gleichzeitig zeigt Gott schon, wie die sakramentale Taufe sein wird: Der Geist Gottes kommt auf den Getauften und bleibt! So kommt auch auf uns bei der Taufe der Hl. Geist und verlässt uns nicht. Er ist das Zeichen des neuen Lebens, des ewigen Lebens! Diese Taube hat keinen Zweig im Schnabel, aber sie ist das Zeichen des Reiches Gottes, in dem wir leben dürfen als Erben Gottes!
Es schließt sich mit diesem Evangelium der Kreis, den der erste Korintherbrief bereits gezeichnet hat: Die Erfüllung mit dem Hl. Geist ist es, die uns heiligt und uns von der Taufe an zur Heiligkeit beruft. Wir wollen den Geist nicht verlieren, das heißt den Stand der Gnade nicht verlieren, weshalb wir uns heiligen – den Zustand aufrecht erhalten.
Johannes genießt wirklich ein Privileg, das kein anderer Prophet vor ihm erleben durfte. Er sieht mit eigenen Augen den Sohn Gottes, den er öffentlich bezeugt. „Dieser ist der Sohn Gottes“. Er erkennt, dass er eine große Aufgabe bei der Erfüllung des Heilsplans Gottes erfüllt. Er tauft den, der es nicht nötig hat, damit die stellvertretende Sühne Christi, die am Kreuz zur Vollendung gelangen wird, ermöglicht werden kann. Er wird zum Werkzeug der Erlösung wie kein anderer Prophet. Dies macht ihn wirklich zum Größten aller Propheten.
Er sieht mit eigenen Augen, dass Jesus der Gottesknecht ist, von dem Jesaja schon 700 Jahre zuvor gesprochen hat. Er bezeugt noch vor seiner Geburt, dass Jesus schon berufen ist, als er im Mutterleib Mariens geformt wird. Er erkennt und bekennt heute im Evangelium, dass Jesus wirklich das Licht der Völker ist, das das Heil Gottes bis an die Enden der Erde bringen wird. Deshalb sagt er auch „das die Sünde der WELT hinwegnimmt“, nicht nur die Sünde des Volkes Israel. Jesus ist gekommen, um einen universalen Bund zu schließen – zwischen Gott und allen Menschen der gesamten Menschheitsgeschichte.

Bereits am Fest der Taufe des Herrn haben wir ein Gottesknechtslied und daraufhin die Erzählung von der Taufe Jesu gehört. Es gehört stets zusammen, weil bei diesem Ereignis Jesu Identität mit dem Gottesknecht am deutlichsten herausgestellt wird. Danken wir Gott für den Gottesknecht, den Sohn Gottes, das Lamm Gottes, das unsere Sünde hinweggenommen hat – meine und Ihre. Er hat uns das Paradies ermöglicht und durch die Taufe sind wir dazu berufen, dort auch hinzukommen. Verspielen wir diese Chance nicht.

Ihre Magstrauss

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