Donnerstag der 31. Woche im Jahreskreis

Phil 3,3-8a; Ps 105,2-3.4-5.6-7; Lk 15,1-10

Phil 3
3 Denn die Beschnittenen sind wir, die wir im Geist Gottes dienen und uns in Christus Jesus rühmen und nicht auf irdische Vorzüge vertrauen,

4 obwohl ich mein Vertrauen auch auf irdische Vorzüge setzen könnte. Wenn ein anderer meint, er könne auf irdische Vorzüge vertrauen, so könnte ich es noch mehr.
5 Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus Israels Geschlecht, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer;
6 ich verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig gemessen an der Gerechtigkeit, die im Gesetz gefordert ist.
7 Doch was mir ein Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust gehalten.

8 Ja noch mehr: Ich halte dafür, dass alles Verlust ist, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles überragt.

In der heutigen Lesung geht es um die Standhaftigkeit im Glauben. Paulus deutet das Merkmal der Juden an und lenkt es nun auf die Getauften: die Beschneidung. Er warnt vor falschen Lehrern, die doch äußerlich beschnitten sind, aber innerlich fern von Gott sind. Dabei geht er von der Unterscheidung „Beschnittener“ und „Unbeschnittener“ aus, die für Juden zugleich bedeutet: Gläubiger und Ungläubiger, Gerechter und Ungerechter. Er wendet dies aber nun in eine für Juden unerwartete Richtung, indem er sagt: Die wahren Beschnittenen sind die Getauften, die nämlich innerlich beschnitten sind durch den Hl. Geist, die Christus dienen und das Evangelium getreu umsetzen. Er kritisiert die, die sich mit irdischen Vorzügen brüsten, also stolz sind auf ihre Abstammung von den zwölf Stämmen, auf ihre Beschneidung, ihre Zugehörigkeit zum Volk Israel. Er sagt sogar, dass wenn es darum gehe, er diesen Angebern einiges voraushabe. Er selbst ist nämlich ordnungsgemäß am achten Tag beschnitten worden, gehört zum Stamm Benjamin, ein „Hebräer von Hebräern“, also in ihren Augen ein Vorzeigejude. Denn er hat auch noch als Pharisäer gelebt, die Sekte der Christen verfolgt und die Torah, was er mit Gesetz mein, peinlich genau eingehalten.
Doch im Lichte Christi hat er verstanden, dass das alles nichts ist im Gegensatz zur lebendigen Beziehung zu Christus. Nichts kann diese Beziehung übertreffen. Deshalb hat er alles andere aufgegeben, um ganz in Christus zu sein. An Paulus sehen wir, was Jesus im Gleichnis vom Schatz und von der Perle über das Reich Gottes sagt: Der Kaufmann oder Landwirt haben den wahren Schatz entdeckt und alles Bisherige verkauft, nur um sich diesen Schatz zu leisten. Paulus hat den wahren Schatz entdeckt, das Licht, das alles andere in den Schatten stellt. Weil er diesen radikalen Schritt gemacht hat, kann er wirklich mit Überzeugung sagen: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Christi.

Ps 105
2 Singt ihm und spielt ihm, sinnt nach über all seine Wunder!

3 Rühmt euch seines heiligen Namens! Die den HERRN suchen, sollen sich von Herzen freuen.
4 Fragt nach dem HERRN und seiner Macht, sucht sein Angesicht allezeit!
5 Gedenkt der Wunder, die er getan hat, seiner Zeichen und der Beschlüsse seines Munds!
6 Ihr Nachkommen seines Knechts Abraham, ihr Kinder Jakobs, die er erwählt hat.
7 Er, der HERR, ist unser Gott. Auf der ganzen Erde gelten seine Entscheide.

Der Psalm beginnt wie so oft mit einer Selbstaufforderung zum Lob, gerichtet an eine Gruppe. Die Israeliten sollen Gott singen und spielen, also Lobpreislieder vortragen, die König David gedichtet hat. Sie sollen immerzu über Gottes Wunder nachdenken. Das wirkt der undankbaren „Amnesie“ entgegen, der Vergesslichkeit gegenüber Gottes guten Taten an seinem Volk.
Gott ist so heilig, sein Name ist der größte Schmuck, mit dem man sich umhüllen kann. Und durch die Bundesbeziehung dürfen die Israeliten das auch tun! Sie dürfen sich seines Namens rühmen als Gottes besonderes Eigentum. Und wenn sie in allem immer ihn suchen, sollen sie sich von Herzen freuen. Denn ihre guten Absichten werden gute Konsequenzen nach sich ziehen. Das nennen wir Segen. Dieser Psalm ist auch für Christen wunderbar zu betrachten, die durch die Taufe ebenfalls eine Bundesbeziehung mit Gott eingegangen sind. Auch sie können sich des Namens Gottes rühmen, denn er ist es, der ihnen die unvergleichliche Würde als Kind Gottes verleiht. Er ist es, der durch den Hl. Geist die Frucht der Freude ins Herz hineinlegt, sodass der österliche Optimismus eine wichtige Eigenschaft der Christen darstellt.
„Fragt nach dem HERRN und seiner Macht“ – die hebräische Verbform דִּרְשׁ֣וּ dirschu ist eigentlich mit „suchet, forscht“ zu übersetzen. Es geht also darum, in allem immer den Herrn zu suchen.
„Sucht sein Angesicht allezeit!“- auch בַּקְּשׁ֖וּ baqschu kann mit „suchen“ übersetzt werden, aber auch mit „wollen, begehren, bitten“. Beide Sätze sagen etwas Ähnliches aus und sind ähnlich strukturiert, was wir Parallelismus nennen. Dem Menschen soll es immer nach dem Angesicht Gottes verlangen. Es umschreibt, was mit dem Sch’ma Israel zusammengefasst wird (Dtn 6,4ff.), die absolute Gottesliebe und deshalb das stete Interesse daran, ihn besser zu verstehen. Es geht darum, das Herz an ihn zu hängen. Wenn man dies tut, wird das Herz immer wieder Heilung erfahren.
So wie wir schon oft gebetet haben, ergeht auch hier die Aufforderung an uns, Gottes Heilstaten nie zu vergessen („Gedenkt der Wunder, die er getan hat…“). So werden wir nie undankbar und auch nie etwas für selbstverständlich nehmen, was Gott uns schenkt. Deshalb ist die Eucharistie für uns so wichtig. Sie ist unser höchster Ausdruck des Dankes gegenüber Gott. Wir gedenken darin ja der großen Taten Gottes mit dankbarem Herzen. Wir beten darüber hinaus jeden Tag die Psalmen und loben Gott mit Hymnen und anderen Lobliedern.
Gott ist der Herrscher des Alls und deshalb gilt, was er entscheidet. Alles ist seinem universalen Heilswillen unterworfen, was auch für uns sehr tröstlich ist! Das bedeutet nämlich, dass auch der Böse nur so viel anrichten kann, wie Gott zulässt. Sobald das Ende der Zeiten erreicht ist, wird Gott ihm sofort und ganz ohne Mühe Einhalt gebieten. Er wird den Bösen für immer zerstören und wir werden nie wieder leiden müssen.
Wir müssen vor dem Hintergrund der Lesung Vers 6 besonders in den Blick nehmen: Die Nachkommen Abrahams und Jakobs sind erwählt. Wir haben über die Nachkommenschaft nachgedacht und bei der Lesung zusammen mit Paulus festgestellt, dass die geistliche Nachkommenschaft, die Familie Gottes, eine viel intensivere Bindung darstellt als die biologische. Wie oft bemerken wir, dass unsere leiblichen Geschwister uns so fremd sein können, obwohl wir biologisch ganz miteinander verbunden sind! Und wie oft ist uns ein Freund oder eine Freundin so viel näher, weil sie unseren Glauben teilen und dasselbe Ziel im Leben verfolgen – die Heiligkeit. Wie ideal wäre es doch, wenn beides zusammenkommen würde! Wenn unsere leiblichen Verwandten und wir gemeinsam nach Heiligkeit streben, dann schmecken wir schon etwas vom Reich Gottes hier auf Erden.

Lk 15
1 Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.
2 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.
3 Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:
4 Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?
5 Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern,
6 und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war!
7 Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.
8 Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie die Drachme findet?
9 Und wenn sie diese gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte!
10 Ebenso, sage ich euch, herrscht bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.

Heute hören wir mehrere Gleichnisse über verlorene und wiedergefundene Dinge. Zu dieser Gleichnisserie gehört eigentlich auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn, doch dieses wird uns heute nicht verlesen. Stattdessen geht es um das verlorene Schaf und um die verlorene Drachme.
Die Ausgangssituation ist folgende: Viele Zöllner und Sünder kommen zu Jesus, um ihn zu hören. Sie kommen mit der Bereitschaft, sich von ihm verwandeln zu lassen und ein neues Leben anzufangen. Der Wille zur Umkehr ist da. Dies greift Jesus gerne auf und verkündet ihnen das Evangelium. Doch nicht alle sind damit einverstanden. Die Pharisäer und Schriftgelehrten nehmen daran Anstoß, nicht nur, weil Jesus sich mit Sündern abgibt, sondern auch weil er mit ihnen Mahlgemeinschaft hält. Das ist eigentlich undenkbar für einen frommen Juden. Sie empören sich deshalb, weil es ihnen an Barmherzigkeit fehlt. Sie verstehen nicht, dass Jesus sich nicht deshalb mit ihnen abgibt, weil sie so gerecht sind, sondern weil sie reumütig und bereit zur Umkehr zu ihm kommen. Gott kommt dem Umkehrwilligen entgegen und hilft ihm dabei, das Leben ganz umzukrempeln. Doch die Pharisäer und Schriftgelehrten gönnen es diesen Menschen nicht. Vielleicht wären sie selbst gerne mit Jesus am Tisch und würden gerne über die Hl. Schriften diskutieren.
Und so setzt Jesus zu den Gleichnissen an, um sein Verhalten zu erklären: Wenn man hundert Schafe hat und eines geht verloren, dann wird man als guter Hirte die 99 zurücklassen, um das eine Schaf wiederzufinden. Man möchte, dass nicht ein einziges Schaf verloren geht. Jesus greift dieses erste Bild nicht umsonst auf. Er selbst ist der gute Hirte und bringt deshalb immer wieder das Bildfeld von Hirt und Herde an. Er wird alles tun, um auch den letzten Sünder zurück zur Herde zu führen. So ist Gott. Er möchte, dass jeder Mensch gerettet wird. Er gibt ihm immer und immer wieder Chancen zur Umkehr, noch bis zum letzten Moment. Sein Wunsch ist es schließlich, dass er mit allen seinen geschaffenen Menschen im Himmel die ewige Liebesgemeinschaft abhalten kann. Das Bild des verlorenen Schafes ist ein Bild. Es weist über sich hinaus und ist unvollkommen. Denn Gott ist allmächtig. Er muss die anderen 99 Schafe nicht zurücklassen, sondern er kümmert sich um jedes einzelne Schaf so sehr, als wäre es das einzige. Wenn Gott einem verlorenen Schaf nachgeht, muss er die anderen Schafe nicht vernachlässigen. Doch Christus ist nun als Mensch unter Menschen. Er kümmert sich in dem Moment um die Sünder und Zöllner. Die zurückgelassenen Schafe sind die Pharisäer und Schriftgelehrten, die gewissermaßen eifersüchtig reagieren.
Was wäre also die richtige Haltung der Zurückgelassenen? Sie sollten sich mit den Zöllnern und Sündern freuen, dass sie bereit sind, ihr Leben zu ändern. Sie sollten beten und mitfiebern, dass diese gekommenen Menschen wirklich zum Glauben kommen und nicht wieder weggehen. Sie sollten diese mit offenen Armen willkommen heißen und ihnen ein gutes Beispiel sein, damit sie davon motiviert wirklich am Ball bleiben. Letztendlich sind sie doch gemeinsame Söhne Israels, eine einzige Familie. Wo bleibt also die Solidarität zwischen den eigenen Stammesgenossen? Das ist auch der Grund, warum im Gleichnis der Hirte Freunde und Nachbarn ruft und feiert mit den Worten: „Freut euch mit mir!“ Er hat etwas Verlorenes wiedergefunden, das ihm sehr wertvoll war. So sollen die Pharisäer und Schriftgelehrten mitfeiern und sich für jene freuen, statt zu murren.
Jesus erklärt diese Dinge nun noch anhand eines zweiten Gleichnisses: das der verlorenen Drachme. Dabei handelt es sich um ein Geldstück, das denselben Wert besitzt wie ein Denar, nur dass das erste eine griechische Währung darstellt im Gegensatz zum römischen Denar. Ein Denar oder eine Drachme stellt den Mindestlohn eines Tages dar. Wenn man als Tagelöhner einen Tag gearbeitet hat, ist einem dieser Betrag ausgezahlt worden. Mit diesem Geld kann man einen Tag überleben.
Wenn eine Frau nun zehn Drachmen besitzt und eine Drachme davon verliert, wird sie das ganze Haus fegen und unermüdlich suchen, bis sie diese eine Münze gefunden hat. Das ist viel Geld für sie und so wird sie sich freuen und sogar ihre Freundinnen einladen, um wegen des wiedergefundenen Geldes zu feiern. Auch hier ist die Kernaussage: „Freut euch mit mir!“ Denn sie hat die Münze wiedergefunden. Freude vermehrt sich, wenn man sie mit anderen teilen kann. Und so sollen die Pharisäer und Schriftgelehrten sich über jeden einzelnen Sünder freuen, der umkehrt. So tun es nämlich auch die Engel im Himmel. Der ganze Himmel jubelt über jeden einzelnen Sünder, der umkehrt! Denn wie gesagt sind die Menschen dazu geschaffen worden, am Ende mit Gott in ewiger Liebesgemeinschaft zu verbringen. Wie sehr freut sich also der ganze Himmel, wenn noch eine Seele den Weg in diese wahre Bestimmung gefunden hat! So sollen auch wir uns freuen, wenn jemand anderes die Barmherzigkeit Gottes erfährt. Wir sollen dann nicht denken: „Ach was! Jetzt plötzlich kriegt er oder sie so viele Gnaden, wird von der Kirche auf Händen getragen, bekommt eine bessere Behandlung als ich! Dabei hat er oder sie das ganze Leben hindurch in Saus und Braus gelebt, während ich mich immer um die Gebote Gottes bemüht habe.“ Wir sollen auch diese Abstempelung von Personen aufgeben, weil jeder Mensch sich verändern kann mithilfe der Gnade Gottes. So sollen wir einander immer von der besten Seite sehen und barmherzig sein wie der Vater im Himmel. Denn vergessen wir nicht: Davon hängt ab, wie der Vater mit uns umgehen wird, wenn wir dann eines Tages vor ihm stehen.

Ihre Magstrauss

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