Freitag der 26. Woche im Jahreskreis

Bar 1,15-22; Ps 79,1-2.3-4.5 u. 8.9; Lk 10,13-16

Bar 1
15 Sprecht: Der Herr, unser Gott, ist im Recht; uns aber treibt es bis heute die Schamröte ins Gesicht, den Leuten von Juda und den Bewohnern Jerusalems,

16 unseren Königen und Beamten, unseren Priestern und Propheten und unseren Vorfahren;
17 denn wir haben gegen den Herrn gesündigt
18 und ihm nicht gehorcht. Wir haben auf die Stimme des Herrn, unseres Gottes, nicht gehört und die Gebote nicht befolgt, die der Herr uns vorgelegt hat.
19 Von dem Tag an, als der Herr unsere Vorfahren aus Ägypten herausführte, bis auf den heutigen Tag waren wir ungehorsam gegen den Herrn, unseren Gott. Wir hörten sehr bald nicht mehr auf seine Stimme.
20 So hefteten sich an uns das Unheil und der Fluch, den der Herr durch seinen Diener Mose androhen ließ am Tag, als er unsere Vorfahren aus Ägypten herausführte, um uns ein Land zu geben, in dem Milch und Honig fließen, und so ist es noch heute.
21 Wir haben nicht auf die Stimme des Herrn, unseres Gottes, gehört und auf alle Reden der Propheten, die er zu uns gesandt hat.
22 Jeder von uns folgte der Neigung seines bösen Herzens; wir dienten anderen Göttern und taten, was böse ist in den Augen des Herrn, unseres Gottes.

Heute hören wir die Lesung aus dem Buch Baruch. Es handelt sich um einen Propheten, der inmitten der Exilierten in Babylon wirkte. Er soll der Sohn des Schreibers des Propheten Jeremia gewesen sein. Seine Prophetie erfolgt vier Jahre nach der Zerstörung Jerusalems. Was Gott ihm eingegeben hat, verkündet er dem versammelten Volk im Exil, auch in Anwesenheit des ehemaligen Königs Jojachin. Die Menschen reagieren mit Betroffenheit und Trauer über die eigene Sünde. Daraus ziehen sie die Konsequenz, zu beten und zu fasten. Sie sammeln sogar Geld für die Zurückgebliebenen in Jerusalem, um Opfertiere zu kaufen und mit den zurückerstatteten Tempelgeräten nach Jerusalem zu senden. Auch die Prophetie des Baruch, die er niedergeschrieben hat, wird mitgesandt. In dieser ist auch ein Bußgebet verfasst, die wir heute als Lesung hören. Es soll im Zuge eines Jerusalemer Gottesdienstes gebetet werden, das fürbittend für die Exilierten geschehen soll.
Baruch gibt vor, dass die Jerusalemer Gott ihre Schuld bekennen sollen. Sie sollen erkennen, dass alles, was geschehen ist, die Konsequenz ihrer eigenen Sünde ist. Gott hat seine Gebote unmissverständlich klargemacht. Sie sollen keine anderen Götter neben ihm haben. Sie sollen auch den Sabbat heiligen. Diese beiden Sünden haben den Ausschlag für das Exil gegeben. Als Bundespartner Gottes haben sie ihm ihr Versprechen gegeben, auf seine Worte zu hören. Stattdessen sind sie ihm ungehorsam geworden. In seiner Abschlusspredigt hat Mose dem Volk Segen und Fluch zur Wahl gestellt. Sie haben den Fluch gewählt. Was geschehen ist, haben sie frei gewählt. Das sollen sie erkennen und auch wir sollen verstehen, dass die Schwere einer Sünde unter anderem vom frei und bewusst gewählten Entschluss abhängt.
So oft hat Gott die Israeliten vorgewarnt und durch den Mund von Propheten zur Umkehr aufgerufen. Er hat sie nicht aus heiterem Himmel ins Exil geschickt. Gott lässt uns nie ins offene Messer laufen, sondern warnt uns unentwegt. Wenn wir nicht darauf hören, dann müssen wir fühlen, aber das heißt nicht, dass es dem Herrn gefällt, uns leiden zu sehen. Er leidet vielmehr mit.
Die Israeliten haben den Propheten kein Gehör geschenkt, sondern weiterhin ihren Götzendienst getrieben, ja sogar in Form von Synkretismus. Das ist ein zweigleisiges Fahren – einerseits dem Gott Israels schöne Augen machen, andererseits mit Götzen betrügen.
Auch wenn dieser Text in einer ganz konkreten historischen und politischen Situation entstanden ist, weist er doch über sich hinaus. Deshalb ist er so aktuell für uns. Wenn wir täglich unser Gewissen erforschen, sollen auch wir überlegen, wo wir Gott ungehorsam geworden sind, wo wir seine Liebe zurückgewiesen haben. Auch uns ist alles erklärt worden. Wir wissen genau, was Gottes Gebote sind. Jesus als Höhepunkt der Offenbarung Gottes hat mit einfachen Worten das Evangelium verkündet, sodass es jeder verstehen konnte. Wir sind frei, uns täglich für ihn oder gegen ihn zu entscheiden. Auch wir stehen in einer Bundesbeziehung mit Gott und haben versprochen, an ihn zu glauben und dem Bösen zu widersagen. Deshalb müssen auch wir immer wieder uns selbst anklagen, wo wir das Versprechen gebrochen haben und ungehorsam geworden sind. Auch wir müssen begreifen, dass vieles, das in unserem Leben schiefläuft, auf unsere eigene Sünde zurückgeht. Dann müssen auch wir uns vor Gott anklagen, das Sakrament der Beichte in Anspruch nehmen und unsere Sünden bekennen. Dann müssen und dürfen auch wir umkehren und der Herr wird unsere aufrichtige Reue sehen. Er wird auch uns unsere Schuld vergeben. Und wie auch im Buch Baruch dürfen wir unsere Geschwister im Glauben darum bitten, für uns zu beten. Alles, was in der Lesung vorgekommen ist, können wir zusammenfassen in dem Schuldbekenntnis, das wir zu Anfang der hl. Messe beten. Ich bekenne Gott, dem Allmächtigen und allen Brüdern und Schwestern, dass ich Gutes unterlassen und Böses getan habe…Darum bitte ich die selige Jungfrau Maria, alle Engel und Heiligen und euch, Brüder und Schwestern, für mich zu beten bei Gott unserem Herrn.

Ps 79
1 Ein Psalm Asafs. O Gott, Völker sind eingedrungen in dein Erbe, sie haben deinen heiligen Tempel entweiht, sie legten Jerusalem in Trümmer.

2 Die Leichen deiner Knechte haben sie zum Fraß gegeben den Vögeln des Himmels, das Fleisch deiner Frommen den Tieren der Erde.
3 Ihr Blut haben sie wie Wasser vergossen rings um Jerusalem und niemand hat sie begraben.
4 Wir sind zum Hohn geworden unseren Nachbarn, zu Spott und Schimpf denen, die rings um uns wohnen.
5 Wie lange noch, HERR? Willst du für immer zürnen, wird brennen wie Feuer dein Eifer?
8 Rechne uns die Schuld der Vorfahren nicht an! Mit deinem Erbarmen komm uns eilends entgegen! Denn wir sind sehr erniedrigt.
9 Hilf uns, Gott unsres Heils, um der Herrlichkeit deines Namens willen! Reiß uns heraus und vergib uns die Sünden um deines Namens willen!

Als Antwort auf die Lesung beten wir Psalm 79. Es handelt sich um einen Volksklagepsalm. Das heißt, dass es die Klage des ganzen leidenden Volkes Israel artikuliert. Es passt perfekt zum Bekenntnis der Lesung.
„O Gott, Völker sind eingedrungen in dein Erbe, sie haben deinen heiligen Tempel entweiht, sie legten Jerusalem in Trümmer.“ Die Heilige Stadt Jerusalem, der Ort der Wohnung Gottes und die Davidstadt, sie ist von den Babyloniern zerstört worden. „Dein Erbe“ ist nicht, was Gott geerbt, sondern vererbt hat. Es ist das verheißene Land, das Gott seinem Volk gegeben hat, das von Nebukadnezzar II entrissen worden ist. Noch drastischer ist die Tempelschändung. Es ist Gottes heiliger Ort, den die Babylonier missachtet haben. Für die Israeliten gibt es kaum etwas Schlimmeres als diese gottlose Handlung.
„Die Leichen deiner Knechte haben sie zum Fraß gegeben“. Das ist besonders drastisch. Wie schon öfter erklärt ist die Art der Bestattung für den frommen Juden entscheidend. Es ist der letzte Wille, bei den Vorfahren beerdigt zu werden. Das ist zu jener Zeit eine wichtige Sache, um von den eigenen Angehörigen nicht vergessen zu werden. Dass die Menschen sich an den Verstorbenen erinnern, ist lange Zeit eine Art Auferstehungsglaube. Wie schlimm muss es für einen Juden also sein, wenn der Leichnam irgendwo liegen bleibt, wo man ihn nicht besuchen oder um den Verstorbenen trauern kann. Wie schändlich ist es, wenn die Gebeine von irgendwelchen Tieren zerfressen werden! Denn es entwickeln sich eschatologische Vorstellungen, dass am Ende der Zeiten die Gräber sich öffnen und die Menschen wiederhergestellt werden.
Auch schlimm ist das Blutvergießen ins Nirgendwo. Es herrscht die Vorstellung vor, dass im Blut das Leben des Menschen enthalten ist. Deshalb soll Fleisch von Tieren auch komplett ausgeblutet werden, bevor man es zubereitet und isst. Deshalb schreit das Blut Abels vom Acker zu Gott hinauf. Wenn wir das bedenken, verstehen wir vielleicht auch die traumatische Reaktion der Umstehenden, als Jesus sein Blut bis auf den letzten Tropfen vergießt und es in den Boden absickert. Das ist das Schlimmste aus jüdischer Sicht! Man bemühte sich, abfließendes Blut irgendwie aufzufangen und mit Stoffen aufzusaugen. Diese wurden dann zusammen mit dem Leichnam ins Grab gegeben.
Eine fehlende Bestattung, die Blutvergießung, all diese Dinge sind eine einzige Schande und Entehrung für den Juden. Deshalb wird hier die Klage artikuliert, dass die Israeliten „zum Hohn“, „zu Spott und Schimpf“ geworden sind. Die Nachbarn und rings um sie Wohnenden sind die Nachbarvölker. Sie beobachten, was mit Israel passiert, ganz genau. Schließlich bezeugten sie schon den spektakulären Exodus aus Ägypten und gaben dem Gott Israels die Ehre. Nun würden sie über diesen Gott lachen, der so ein Trauma zugelassen hat bzw. zuließ, dass es Israel genauso erging wie ihnen!
„Wie lange noch, HERR“ ist eine typische Phrase in Klageliedern. Sie beinhaltet die Sehnsucht, dass das Leiden bald ein Ende hat, zugleich aber auch die Zuversicht, dass Gott die Leiden dieser Welt zeitlich streng begrenzt. Das ist eine tiefe Wahrheit: Gott lässt zu, dass wir leiden müssen, aber diese Zeiten dauern nur eine Zeit lang an. Das Heil ist dagegen ewig!
Das Volk versteht, dass Gott zürnt und die Invasion, Deportation und Destruktion der Babylonier Ausdruck seines Eiferns sind. Sie bitten Gott nun um Barmherzigkeit, jetzt wo sie erkennen, dass sie es sich selbst zuzuschreiben haben.
In Vers 8 wird uns ein wichtiger Aspekt verdeutlicht: Sünde überdauert Generationen und ihre Konsequenzen trifft die unschuldigen Nachfahren. Wegen der Sünde der bösen Könige muss die jetzige Generation leiden. Jojachin, der junge König, hat in den wenigen Monaten seiner Regentschaft schon viele götzendienerische Aktionen getan, weshalb man in seinem Fall die Schuld nicht gänzlich seinem Vater oder den anderen gottlosen Königen zuschreiben kann. Er selbst hat es nicht besser gemacht.
Das Volk schreit nun wirklich nach Gottes Barmherzigkeit und bittet ihn, die Sünden nicht anzurechnen. Die Erkenntnis ist endlich gekommen, dass es vor Gott schuldig geworden ist. Das ist ein großer Fortschritt, doch die Konsequenzen der Sünde müssen nun ertragen werden. Doch nicht lange wird Gott seine geliebte Braut im Exil lassen. Nach 58 Jahren wird er sie zurückführen in die Heimat und sie werden ihre Beziehung erneuern.

Lk 10
13 Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Denn wenn in Tyrus und Sidon die Machttaten geschehen wären, die bei euch geschehen sind – längst schon wären sie in Sack und Asche umgekehrt.

14 Doch Tyrus und Sidon wird es beim Gericht erträglicher ergehen als euch.
15 Und du, Kafarnaum, wirst du etwa bis zum Himmel erhoben werden? Bis zur Unterwelt wirst du hinabsteigen!
16 Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat.

Jesus gibt den 72 Jüngern, die er aussenden möchte, noch letzte Anweisungen. In diesem Kontext formuliert er auch Weherufe gegen bestimmte Städte, denen es schlimmer ergehen wird als Sodom. Es handelt sich um sehr strenge Gerichtsankündigungen gegenüber dieser Städte, weil sie keine Buße getan haben. Er hat zuvor schon viele Wunder vollbracht und das Evangelium verkündet. Und doch haben diese Städte die Zeit der Gnade nicht erkannt. All dies hat Jesus ja getan, damit die Bewohner umkehren und ihr Leben ändern. Stattdessen haben sie ihr sündiges Verhalten fortgesetzt. Deshalb verfährt er nun so streng mit ihnen. Wir erinnern uns an das Gottesvolk, das exiliert wurde. Auch dieses hat so viele Chancen gehabt und ist doch nicht umgekehrt. Je mehr man die Chancen verstreichen lässt, desto strenger wird das Gottesgericht.
Statt der Seligpreisungen hören die Bewohner dieser Städte nun Weherufe: „Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida!“ Sie werden bedroht, weil sie nicht umkehrbereit sind wie zum Beispiel Tyrus und Sidon, zwei heidnische Städte. Wenn Jesus in solchen Momenten die Heiden als Glaubensbilder bezeichnet, ist das ein besonders hartes Urteil. Er sagt, dass Tyrus und Sidon umgekehrt wären, wenn dieselbe Gnade ihnen erwiesen worden wäre wie Chorazin und Betsaida. Sie wären längst in Sack und Asche umgekehrt, das heißt sie hätten Bußgewänder getragen (Sack) und sich Asche aufs Haupt gestreut als Zeichen der Buße. Er kündigt deshalb an, dass es den beiden anderen Städten beim Gericht besser ergehen wird als ihnen.
Seine harten Worte richtet er auch an Kafarnaum, das ja gewissermaßen seine Basis dargestellt hat. Immer wieder ist er dorthin zurückgekehrt. Und ausgerechnet die Bewohner dieser Stadt tun so, als ob der Messias nie in sie eingekehrt worden wäre. Offensichtlich bestehen die Sünden weiterhin fort, auf deren Schlechtheit Jesus mehrfach hingewiesen hat. Jesus möchte mit seiner sehr drastischen Ausdrucksweise die Bewohner wachrütteln und mitten ins Herz treffen. Deshalb sagt er sogar, dass Kafarnaum „bis zur Unterwelt“ hinabsteigen wird. Das ist ein typisches Gerichtswort. Es wird die Hölle erfahren, wenn es nicht umkehrt.
Er kehrt zurück zum Ausgangspunkt seiner Worte: Wer die auszusendenden Jünger ablehnen wird, wird zugleich ihn ablehnen und den Vater im Himmel, der ihn gesandt hat. Wir müssen uns das zu Herzen nehmen: Wenn wir jene ablehnen, die auf besondere Weise von Christus ausgesandt sind, dann lehnen wir Gott ab. Uns wird es noch härter treffen, als wenn wir eine andere Person abgelehnt haben. Die Geistlichen, die ihren priesterlichen Dienst in persona Christi tun, stehen unter dem besonderen Schutz Gottes und diese abzulehnen, bedeutet eine besonders schroffe Zurückweisung Gottes.
Jesu Worte gelten auch uns heute. Wir brauchen uns nicht einzubilden, dass unsere Taufe uns automatisch einen Vorteil verschafft gegenüber der Ungetauften in dem Sinne, dass wir automatisch in den Himmel kommen. Vielmehr richtet uns Gott noch strenger als jene, die seine Gebote nie gehört haben, die Jesus nie kennengelernt haben. Und von uns wird Gott Rechenschaft verlangen, die wir ihm durch den Bund der Taufe die Treue versprochen haben. Wenn wir aber genauso leben wie jene, die ihn und seine Gebote nie kennengelernt haben, wird er sehr streng mit uns verfahren. Dann wird er zu uns sagen: Wäre die Gnade den anderen zuteilgeworden, die ich dir geschenkt habe, wären sie zu brennenden Zeugen meiner Botschaft geworden. Doch was hast du daraus gemacht? Ihnen wird es nun besser ergehen als dir.
Und deshalb müssen wir so reagieren wie die Bewohner Chorazins, Betsaidas und Kafarnaums hoffentlich auch: umkehren, bevor es wirklich zu spät ist. Das soll von Jesu Seite keine Angstmacherei sein, sondern er möchte eindrücklich zur Umkehr bewegen. Auch wir sollen uns bewusst werden, welche große Gnade und welches Privileg wir haben. Wir sollen dankbar sein und dementsprechend leben. Dann müssen wir auch keine Angst vor dem kommenden Gericht haben.

Ihre Magstrauss

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