24. Sonntag im Jahreskreis

Sir 27,30 – 28,7; Ps 103,1-2.3-4.9-10.12-13; Röm 14,7-9; Mt 18,21-35

Sir 27
30 Groll und Zorn, auch diese sind Gräuel und ein sündiger Mann hält an ihnen fest.
1 Wer sich rächt, erfährt Rache vom Herrn seine Sünden behält er gewiss im Gedächtnis.

2 Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du bittest, deine Sünden vergeben!
3 Ein Mensch verharrt gegen einen Menschen im Zorn, beim Herrn aber sucht er Heilung?
4 Mit einem Menschen gleich ihm hat er kein Erbarmen, aber wegen seiner Sünden bittet er um Verzeihung?
5 Er selbst – ein Wesen aus Fleisch, verharrt im Groll. Wer wird seine Sünden vergeben?
6 Denk an das Ende, lass ab von der Feindschaft, denk an Untergang und Tod und bleib den Geboten treu!
7 Denk an die Gebote und grolle dem Nächsten nicht, denk an den Bund des Höchsten und übersieh die Fehler!

An diesem heutigen Sonntag geht es um die Vergebung, eine Sache, die wir in der Theorie alle verstehen, aber in der Praxis unglaublich schwer umsetzen können.
Wenn wir Menschen frei von Sünde sein wollen, müssen wir auch frei von Groll und Zorn sein. Das Buch Jesus Sirach ist eine weisheitliche Schrift, in der klar herausgestellt wird, dass ein Mensch, der nicht im Stand der Gnade ist, an diesen giftigen Emotionen festhält.
Wer sich aber rächt – gemeint ist am Mitmenschen -, auf den wird die Rache von Gott zurückfallen. Dies geschieht, indem Gott seine Sünden im Gedächtnis behält. Das ist ein entscheidender und viel zu unterschätzter Aspekt! Wir lernen vom biblischen Zeugnis, dass wenn Gott die Sünden vergibt, sie aus seinem Gedächtnis streicht. In den apokalyptischen Texten der Bibel schauen die Propheten ständig Bücher, in denen die bösen Taten des Menschen verzeichnet sind. Mit jedem Mal, wenn Gott zu Lebzeiten dem Menschen die Sünden vergibt, werden diese Einträge „gestrichen“. Drin steht am Ende also nur, was der Mensch nicht bereut und bekannt hat, wofür der Mensch Gott nicht um Vergebung gebeten hat.
Wer also die Vergebung seiner Sünden und somit ein „Vergessen Gottes bezüglich der Sünde“ möchte, muss sich von jeglichen Rachegefühlen verabschieden.
Nur wenn der Mensch seinem Nächsten von Herzen vergibt, wird ihm selbst von Gott vergeben werden und die Bitten erhört. Wenn wir uns also manchmal fragen: „Warum erhört Gott mich nicht, wenn ich ihn um etwas bitte?“ Dann müssen wir uns selbst hinterfragen. Womöglich haben wir noch eine unversöhnte Sache in unserem Leben, die uns daran hindert. Nicht Gott stellt Bedingungen, so als ob seine Vergebungsbereitschaft nicht vollkommen wäre. Vielmehr stellen wir uns selbst in den Weg, weil die Unversöhntheit und Rache in uns selbst Gottes vergebende Gnade blockiert.
Es ist nicht konsequent, wenn der Mensch zornig auf einen anderen Menschen ist, aber von Gott erwartet, dass dieser ihm vergibt. Wenn er selbst den Groll nicht ablegt, wie will er Gottes Sündenvergebung einfordern?
Deshalb wird der Mensch dazu aufgerufen: „Denk an das Ende“. Gemeint ist das Lebensende. Er soll daran denken, dass er sein eigenes Seelenheil und das ewige Leben aufs Spiel setzt, wenn er nicht bereit zur Vergebung ist. Sonst stirbt er den ewigen Tod. Lieber soll er den Geboten treu bleiben und dies geschieht nur, wenn er vergeben kann. Wie sollen wir die Nächstenliebe vollkommen umsetzen, die hinter den Geboten 4-10 des Dekalogs stehen, wenn er noch Hassgefühle gegen jemanden hegt? Gottes Bund mit der Verheißung des ewigen Lebens soll den Menschen dazu veranlassen, barmherzig zu sein.
Einem Menschen zu vergeben, heißt nicht, seine Vergehen plötzlich gut zu heißen. Es bedeutet, das Richten Gott zu überlassen, mit dieser Sache abzuschließen, sich von den negativen Gefühlen gegenüber diesem Menschen zu lösen, die einen auf Dauer sonst vergiften. Kein Mensch ist perfekt und man selbst möchte doch auch, dass einem vergeben wird. Das Vergehen ist dadurch nicht verschwunden, aber die Gerechtigkeit wird Gott, der gerechte Richter, herbeiführen. Man überlässt es jenem, der wirklich kompetent ist. Was können wir ausrichten? Werden wir dem Mitmenschen, der uns etwas angetan hat, die gerechte Strafe verleihen können? Denken wir, dass wir ihm mit unseren Rachegefühlen und Herzenskälte eins „auswischen“ werden? Es wird den anderen nicht zu einem besseren Menschen machen. Und uns wird es innerlich zerfressen. Deshalb sollen wir es Gott überlassen und die Rachegefühle, den Zorn und den Groll dem Herrn abgeben. Dann sind wir wieder frei und lebensfähig.

Ps 103
1 Von David. Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen!

2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!
3 Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt,
4 der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt,
9 Er wird nicht immer rechten und nicht ewig trägt er nach.
10 Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld.
12 So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er von uns unsere Frevel.
13 Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten.

Als Antwort darauf beten wir Psalm 103, der Gottes Güte an dem einzelnen Menschen preist.
Der Beter fordert die eigene Seele auf, was typischer Psalmenstil ist. Dabei müssen wir berücksichtigen, was mit „Seele“ gemeint ist. Schon oft erklärte ich, dass es sich dabei um das hebräische Wort נַפְשִׁי nafschi handelt, was mehr als nur einen begrenzten Teil des Menschen umfasst. Es meint vielmehr den ganzen Menschen in seiner Existenz, sein ganzes Leben. Der Herr soll das ganze Leben über gepriesen werden und deshalb soll es auch keinen Moment geben, in dem man die guten Taten Gottes vergisst. Wenn das ganze Leben einen einzigen Lobpreis darstellt, dann ist es auch unmöglich, Gottes Güte zu vergessen.
Beziehen wir das auf die Kirche, gilt dasselbe: Würde die Kirche aufhören, den Lobpreis Gottes durchgängig zu praktizieren, würde sie sehr schnell seine Güte vergessen und sich anderem zuwenden. Dann würde sie aber auch aufhören, Sakrament der Liebe Gottes zu sein, das die Ewigkeit in dieser Welt vorwegnimmt. Deshalb steht die Eucharistie an erster Stelle im kirchlichen Leben sowie im geistlichen Leben des Einzelnen. Für Geistliche gilt sodann an zweiter Stelle das Stundengebet, denn diese sind es, die den Lobpreis auf besondere Weise als Berufung leben. Sie sind ungeteilt dazu fähig, weil sie keine Familie haben, um die sie sich kümmern müssen.
Der Psalm zählt einige dieser guten Taten auf, die Gott uns Menschen erweist: Er heilt die Gebrechen – ob physisch, psychisch oder seelisch. Er rettet unser Leben vor dem Untergang, denn er hat uns erlöst und uns zu Erben in seinem Reich eingesetzt. Hier ist das Verb für „retten“ ein Partizip, das heißt Gott rettet nicht nur einmalig durch die Taufe, sondern immer wieder, dauerhaft, das ganze Leben hindurch. Er ist es, der uns immer wieder vor dem moralischen Abfall rettet und uns zurückholt, wenn wir vom Weg abgekommen sind. Er ist barmherzig mit seinen Kindern, die von Herzen bereuen, wenn sie von Gottes Geboten abgerückt sind. Er vergibt ihnen die Schuld. Und das kann er nur, wenn auch seine Kinder barmherzig und vergebungsbereit sind. Davon hörten wir ja in der ersten Lesung.
Diese Barmherzigkeit Gottes wird vor allem ab Vers 9 thematisiert: Gott richtet als gerechter Richter, aber es ist bei ihm mehr als nur ein Kausalschluss wie bei der Karmalehre („du kriegst, was du verdient hast“). Gott ist keine Rechenmaschine, sondern er schaut auf das Herz und dessen Reue. Deshalb wird er „nicht immer rechten“ und auch „nicht ewig nachtragen“. Dieser Psalm ist ein wunderbares Zeugnis dafür, dass auch schon das Alte Testament einen barmherzigen und vergebenden Gott kennt. Wenn Gott aber im Herzen Rache, Zorn und Groll erblickt, an denen der Mensch krampfhaft festhält, kann er ihm keine Vergebung schenken. Dort ist kein Platz mehr darin.
Dass Gott nicht mathematisch richtet, sehen wir an Vers 10: Er handelt am Menschen nicht nach seinen Sünden im Sinne von „er rächt sich an ihm für alles, was er ihm angetan hat.“ So ist Gott nicht. Wir müssen für unsere Sünden Rechenschaft ablegen und den entstandenen Schaden wieder gut machen. Wir müssen auch die Konsequenzen unserer Vergehen tragen, aber das hat nichts mit Rache zu tun. Nur so können wir zur Einsicht kommen und das gehört zur Verantwortung dazu, die einem von Gott verliehen worden ist. So soll es auch zwischen den Menschen sein. Wir sollen keine Rachegefühle dem anderen gegenüber haben, was nicht heißt, dass die Sünde nicht wieder gut gemacht werden muss.
Was in Vers 10 ausgedrückt wird, ist also nicht: „Es ist egal, wie du lebst, da Gott dich nicht nach deinen Sünden richten wird.“ Es heißt, dass Gott mehr als nur deine Handlungen selbst betrachten wird. Und wenn du deine Sünden von Herzen bereust, sie bekennst und dir vornimmst, sie nicht mehr zu tun, dann vergibt er sie dir. Die Vergebung ist ein Geschenk Gottes und Geschenke bekommt man unabhängig davon, ob man sie verdient hat oder nicht. Was wir für diese unverdiente Vergebung tun können, ist aufrichtig zu sein, ehrlich zu uns selbst und demütig im Licht seines Angesichts. Und mit dieser Einstellung öffnen wir uns für die Gnade Gottes so sehr, dass er auch aus einem großen Sünder einen Heiligen machen kann, solange er sich bekehrt. Dies zeigt uns Vers 12, der mit einem sehr romantisch-poetischen Ausdruck diese Verwandlung Gottes umschreibt: Gott entfernt unsere Sündhaftigkeit so weit von uns, wie es nur geht – eben „so weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang“.
Gott ist ein barmherziger Vater, kann dies aber nur dann sein, wenn wir seine Kinder sein wollen und auf seinen Schoß kommen. Deshalb sagt Jesus auch: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Reich Gottes gelangen.“ Es liegt nicht an Gott, denn seine Tür steht immer offen. Es liegt an uns, ob wir zu ihm kommen oder nicht. Das nennen wir Umkehr. Und das ist auch gemeint, wenn hier die Rede von der Gottesfurcht ist. Gott kann uns nur dann vergeben, wenn wir Gott fürchten, ihn respektieren und deshalb merken, dass wir ihn respektlos behandelt haben. Gott schaut also auch auf das Herz des Menschen, auf dessen Absicht. Wir können das beim Mitmenschen nicht tun, weshalb wir als gerechte Richter disqualifiziert sind. Schon allein deshalb müssen wir es Gott überlassen und vergeben.

Röm 14
7 Denn keiner von uns lebt sich selber und keiner stirbt sich selber:

8 Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn.
9 Denn Christus ist gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende.

In der zweiten Lesung hören wir einen kurzen Abschnitt aus dem Römerbrief, Kapitel 14. Wir alle sitzen in einem Boot. Als Kirche sind wir eine übernatürliche Gemeinschaft, die zusammen von diesem Leben ins ewige Leben übergeht. Unser gemeinsames Ziel sollte es sein, dass wir uns alle im Himmelreich wieder sehen. Dafür müssen wir einander auch unbedingt helfen.
Durch die Taufe leben wir nicht mehr uns selbst, sondern wir leben für Christus. Und wenn wir dann sterben, sterben wir nicht für uns selbst, sondern für Christus. Durch die Taufe sind wir zu seinem Eigentum geworden. Nicht umsonst sprechen wir in der Tauftheologie von einem Siegel, das dem Täufling aufgedrückt wird. Mit Siegeln hat man in der Antike sein Eigentum markiert, ein offizielles Dokument signiert oder eine geheime Sache verschlossen. Wir sind Gottes Eigentum, seine Familie geworden. Und deshalb sagt Paulus hier: „Wir gehören dem Herrn.“ Durch die Taufe auf den Tod und die Auferstehung Jesu Christi (davon spricht Paulus ausführlich im sechsten Kapitel) sind wir zuinnigst mit ihm verbunden. Das nimmt uns die Angst vor dem Tod und auch vor den Herausforderungen des irdischen Daseins. Wir sind ja nie allein, denn wir sind ganz mit Christus vereint. Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Nichts!

Mt 18
21 Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?

22 Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.
23 Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen.
24 Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.
25 Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.
26 Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.
27 Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.
28 Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknecht, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahl, was du schuldig bist!
29 Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.
30 Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.
31 Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war.
32 Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast.
33 Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?
34 Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.
35 Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.

Im Evangelium geht es ebenfalls um das zentrale heutige Thema – die Vergebung.
Petrus fragt Jesus, wie oft am Tag er seinem Bruder vergeben muss. Damit meint er nicht Andreas, der sein leiblicher Bruder ist (zumindest nicht nur ihn), sondern er meint allgemein seinen Nächsten. Wer ist für einen frommen Juden der Nächste? Wir denken zunächst an die eigenen Volkszugehörigen, mit denen man im Alten Bund vereint ist. Wenn in Levitikus oder auch sonst in der Torah die Rede von Solidarität und Nächstenliebe ist, meint es das eigene Volk. In der Bergpredigt und zu anderen Anlässen hat Jesus seinen Jüngern aber erklärt, dass Nächstenliebe unbegrenzt allen Mitmenschen gilt. Solidarisch ist man also nicht nur mit den eigenen Landsleuten, sondern mit allen, denen man begegnet. Jesus erzählt deshalb ganz provokative Gleichnisse wie das vom barmherzigen Samariter. Es ist ausgerechnet ein Nichtjude, der vorbildlich die Nächstenliebe praktiziert. Sie kennt keine Sprache und keine Nation. Sie ist universal. Und das wird Jesus selbst am vollkommensten umsetzen, wenn er für alle Menschen auf der Welt am Kreuz stirbt.
Petrus fragt, ob er siebenmal am Tag vergeben soll. Warum diese Zahl? Sie hat eine symbolische Bedeutung und meint die Vollkommenheit. Wenn Petrus also „siebenmal“ vorschlägt, meint er damit „immer“. Jesus entgegnet ihm daraufhin: „Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.“ Er multipliziert dies noch, um damit zu betonen: „wirklich immer!“ Der Mensch muss seinem Nächsten bedingungslos vergeben! Wir sollen jedem Menschen bedingungslos, ohne Wenn und Aber vergeben.
Denn wir Menschen sollen so handeln wie Gott und seine Vergebungsbereitschaft ist grenzenlos! So erzählt Jesus seinem Apostel ein Gleichnis über das Himmelreich: Ein König möchte die Schulden seines Knechtes eintreiben, die sehr hoch sind. Da dieser die Schuld nicht begleichen kann, soll seine Familie verkauft werden. Daraufhin fleht der Knecht den König auf Knien an, ihm noch mehr Zeit zu geben, damit er die Schulden zurückbezahlen kann. Wir lernen aus diesem Gleichnis etwas über die Sünde, die Schulden macht: Wenn wir sündigen, müssen nicht nur wir selbst die Konsequenzen tragen, sondern die Folgen gehen immer auch auf die Unschuldigen über. Hier muss die ganze Familie unter der Schuldenlast des Sklaven leiden. So ist die Natur der Sünde. Sie zieht Unschuldige mit ins Verderben. Wie schrecklich!
Der König hat Mitleid, das griechische Wort ist dasselbe, das auch mit „Erbarmen“ übersetzt werden kann. Wenn Gott barmherzig ist, hat er Mitleid mit seinen Geschöpfen. Das ist wirklich sehr überwältigend. Gott hat Mitleid mit Menschen, die wegen ihrer eigenen Schuld leiden müssen. Und so erlässt er ihnen sogar die Schuld, obwohl sie es rein rechnerisch verdient haben. So groß ist Gottes Liebe!
Der Plottwist kommt aber noch. Vom Sklaven, dem so viel erlassen worden ist, erwarten wir nun ein verändertes Verhalten. Stattdessen sieht man gar nichts von der Barmherzigkeit des Königs in seinem weiteren Lebenslauf: Er bedroht und bedrängt einen Mitsklaven, der ihm etwas schuldet. Dabei ist diese Schuld viel geringer als die, die ihm vom König gerade erst erlassen worden ist. Wir hätten erwartet, dass wenn dem ersten Sklaven so viel erlassen worden ist, er „zur Feier des Tages“ dem Mitsklaven dessen Schuld ebenfalls erlässt. Stattdessen ist er besonders herzlos zu ihm, obwohl dieser so wie er zuvor beim König vor ihm niederfällt und ihn anbettelt.
Sein unbarmherziges Verhalten dringt bis zum König vor und dieser wird zornig mit ihm. Nun muss er die ganze Schuld mit seinem Leben zurückzahlen, denn der König übergibt ihn den Peinigern. Der König ist deshalb so streng mit ihm, weil er ihm zuvor so eine Gunst erwiesen hatte, die Barmherzigkeit in seinem Leben jedoch keine Spuren hinterlassen hat. Er lebte einfach so weiter, als wäre dieser Schuldenerlass nicht gewesen. Statt sich eine Scheibe davon abzuschneiden und selbst barmherzig zu werden, blieb er herzlos.
Durch die Taufe ist auch uns die Schuld komplett erlassen worden. Was machen wir aus dieser überragenden Barmherzigkeit, die Gott an uns getan hat? Sind wir barmherzig wie der Vater im Himmel? Immer wieder vergibt er uns die Schuld in der Beichte. Gehen wir verändert ins Leben zurück und vergeben auch unseren Schuldigern? Beten wir das Vaterunser überhaupt aufrichtig, weil wir das tun? Gott wird auch von uns Rechenschaft ablegen, wenn wir unbarmherzig mit den Mitmenschen umgegangen sind. Dem Schuldiger zu vergeben, bedeutet nicht, seine Schuld gutzuheißen. Wir übergeben die Missetaten einfach Gott, der der Richter sein soll. Wir sollen uns von allem Groll, Zorn, von aller Bitterkeit lösen, die uns sonst vergiftet und krank macht. Wir sind es nicht wert, an den Untaten der Mitmenschen zugrunde zu gehen.
Vergeben wir also von ganzem Herzen, auch wenn es nur innerlich geht. Wir müssen nicht zu besten Freunden mit dem Mitmenschen werden, aber haben auch wir Mitleid mit denen, die jetzt wegen ihrer Schuld an uns leiden müssen! Denken wir nicht „das geschieht ihm recht“, sondern haben wir ein Herz. Gott nimmt uns ja auch an und hat Mitleid, wenn wir die Konsequenzen unserer Sünde tragen müssen.
Wenn wir also wollen, dass Gott unser Gebet erhört, dann müssen wir uns auch mit allen Menschen versöhnen. Das sagt Jesus uns heute im Evangelium. Gott schenkt uns so viel Gnade, dass wir die Kraft dazu haben, einander zu vergeben. Nutzen wir sie und söhnen wir uns mit allen Menschen ohne Wenn und Aber aus! Gehen wir dann hinein in die Beichte (wenn das in Zeiten von Corona überhaupt möglich ist…) und bitten wir Gott um Verzeihung für unsere Sünden. Dann wird er uns überschütten mit seiner barmherzigen Liebe. Dann wird er uns überreich segnen mit seinen Gaben. Dann werden wir zu glücklichen Menschen, frei vom Gift der Rache.

Ihre Magstrauss

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