Donnerstag der 5. Woche im Jahreskreis

Gen 2,18-25; Ps 128,1-2.3.4-5; Mk 7,24-30

Gen 2
18 Dann sprach Gott, der HERR: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm ebenbürtig ist.

19 Gott, der HERR, formte aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte sein Name sein.
20 Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen ebenbürtig war, fand er nicht.
21 Da ließ Gott, der HERR, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch.
22 Gott, der HERR, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu.
23 Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie genannt werden; denn vom Mann ist sie genommen.
24 Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.
25 Beide, der Mensch und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.

In der heutigen Genesislesung hören wir die Fortsetzung des „zweiten“ Schöpfungsberichts. Darin wird beschrieben, wie der Mensch als Abbild Gottes nicht für sich allein sein soll. Denn auch Gott ist in sich Gemeinschaft und hat den ganzen himmlischen Hofstaat aus Engelscharen um sich.
So soll der Mensch eine Hilfe erhalten, die ihm ebenbürtig ist. Zuerst schafft Gott die Tiere aus dem Erdboden und führt sie dem Menschen zu. Dieser soll die Tiere benennen. Der Vorgang ist als Systematisierung zu betrachten. Als Abbild Gottes kann auch der Mensch die Welt in eine Ordnung bringen. Er bildet das Wesen des Logos ab. Er hat eine Vernunft. So benennt der Mensch nun alle Tiere der verschiedenen Tierarten. Doch keines der Tiere ist ihm wirklich ebenbürtig. Wir begreifen, dass „Adam“, was sich hinter dem hier stets formulierten Begriff „Mensch“ verbirgt, nach einem Wesen mit einem Selbstbewusstsein sucht. Das bedeutet er braucht einen „Jemand“, einen Mitmenschen, der sich so wie er auch als Ich begreift. Tiere haben dieses Selbstbewusstsein nicht. Sie können nicht über das Warum ihrer Existenz nachdenken. Sie denken nicht über den Sinn des Lebens nach. Nur zwei Ichs können zum Wir werden. Dies funktioniert dadurch, dass das Ich namens Adam ein ebenbürtiges Wesen als Du bezeichnen kann. Tiere sind also nicht wertlos und deshalb keine Hilfe für den Menschen, sondern sie sind keine Personen. Der Mensch braucht aber eine Person zur Gemeinschaft, die ebenbürtig ist. So lässt Gott „einen tiefen Schlaf“ auf den Menschen fallen. Das wird unterschiedlich bewertet. Man liest sehr oft, dass damit der Tod gemeint ist. Die Kirchenväter deuten diese Stelle auch unterschiedlich, aber in der typologischen Betrachtung geht die Tendenz in Richtung Tod: So wie Christus stirbt und aus seiner Seitenwunde – dem ultimativen Beweis seines Todes – die Kirche, seine Braut, hervorgegangen ist, so ist Adam euphemistisch „in den Schlaf gesunken“, das heißt gestorben, damit aus seiner Seite seine Braut hervorgeht.
Der Begriff für die Rippe Adams ist צֶלַע zela, was wiederum unterschiedlich ausgelegt worden ist, denn alternativ ist der Begriff mit „Seite“ zu übersetzen. So existiert die jüdische Auslegung dieser Schriftstelle als Erschaffung der Frau als Seite des Mannes. Wir sagen ja auch liebevoll zum Partner „meine bessere Hälfte“. Bedeutsam ist dies für uns, wenn wir daraus schließen: Gott hat die Menschen aufeinander hin geschaffen. Sie gehören zusammen.
Wenn wir die Kirchenväter konsultieren und auch die breite jüdische Auslegung im Blick haben, dann wird der Begriff zumeist mit „Rippe“ übersetzt. Auch die Septuaginta, das griechische Alte Testament, übersetzt mit πλευρά pleura, also „Rippe“. Wichtig ist bei der Bezugsetzung des Schöpfungsaktes zu Christus und seiner Kirche die übertragene Bedeutung von „Rippe“. Sie ist nahe am Herzen. Die Frau ist somit ganz nahe am Herzen des Mannes geschaffen. Sie ist zudem geschaffen aus dem Mann, damit ihre Einheit ganz und gar schon vom Schöpfungsakt her angelegt ist. Diese Einheit setzt Augustinus zur Einheit von Christus und seiner Kirche in Beziehung.
Wie man den Menschen bis dahin bewerten muss, wird ausführlich in der Forschung diskutiert: Ist er schon von männlichem Geschlecht, als er alleine ist? Oder ist er zuerst neutral und wird zum Mann im geschlechtlichen Sinne, als die Frau aus seiner Rippe geschaffen wird? Die Tradition bewertete diese Stelle immer als Erschaffung de Frau aus dem bereits existierenden Mann. Zugleich sehen wir, dass von da an Adam immer wieder als אִ֖ישׁ isch bezeichnet wird, die Frau als אִשָּׁ֔ה ischah. Das ist ein Wortspiel im Hebräischen, denn es bedeutet von der hebräischen Grammatik her „vom Mann“. Es ist schwer, dieses Wortspiel in der deutschen Übersetzung aufzugreifen, sodass es nicht anders geht, als bei „Frau“ zu bleiben. Luther versuchte das Wortspiel durch den Begriff „Männin“ anzudeuten. Wenn die Frau „vom Mann“ ist, dann impliziert es, dass der Mensch schon vor Erschaffung der Frau als Mann geschaffen worden ist. Es heißt ja nicht „vom Menschen“. Der Mensch wird zudem auch nach der Erschaffung der Frau als „Mensch“ bezeichnet, da es sein Name ist (Adam).
Als Adam „aufwacht“ und das erste Mal die Frau sieht, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Wir müssen uns vorstellen, dass er sich die ganze Zeit danach gesehnt hat, einem Wesen in die Augen zu sehen, dass ihn mit einer Seele anschaut, ihn bewusst anblickt, weil es sich als Ich begreift. Nun schaut er diesem Wesen in die Augen und erkennt ein Ich, das für ihn zum Du wird. Endlich ein ebenbürtiges Wesen! Man kann sogar sagen, dass er ein richtiges Selbstbewusstsein, ein Gefühl für sein eigenes Ich erst durch ein ebenbürtiges Gegenüber erhält. Durch die Abgrenzung von den verschiedenen Tieren wird aber bereits ein Ich-Verständnis geschaffen. Denn Adam realisiert ja mehr und mehr, dass er anders ist als der Rest.
Nun sieht er also ein ebenbürtiges Gegenüber vor sich. Er erkennt insgesamt, dass die Frau ihm ganz ähnlich ist. Deshalb ruft er begeistert aus: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“
Weil Mann und Frau ganz aufeinander hin bezogen sind und als Einheit geschaffen wurden – der Mann ist komplett mit der Frau an seiner Seite (!) – wird der Mann sich von da an von seinem Elternhaus lösen, um sich ganz mit der Frau zu verbinden, dass sie ein Fleisch werden. Die Ehe liegt in diesem Schöpfungsakt begründet. Wenn man über sie spricht, geht es nicht ohne naturrechtliche Basis.
Zum Ende hin erfahren wir einen ganz entscheidenden Aspekt: Beide sind nackt, schämen sich aber nicht voreinander. In der Theologie des Leibes des Hl. Johannes Paul II lesen wir wunderbare Betrachtungen über diese Nacktheit. Es meint nämlich nicht nur, dass sie keine Kleidung tragen, sondern auch dass sie ganz voreinander offen sind. Es gibt keine Geheimnisse, kein sich Zurückhalten wollen, kein sich Verbergen und Schützen vor dem Anderen. Es ist eine vollkommene Hingabe zwischen den beiden, die auf vollkommenem Vertrauen basiert. Sie schämen sich nicht voreinander, weil Scham ursprünglich nicht vorgesehen ist. Diese kommt erst mit dem Sündenfall in den Menschen als Schutzmechanismus gegen die Begierde. Sobald der Mensch sich gegen Gott versündigt, schämt er sich vor ihm und wird sich vor ihm verstecken. Dies wird uns später berichtet.
Mann und Frau schämen sich nicht voreinander, weil es dafür auch keinen Grund gibt. Sie sind frei von Begierde, sie sind auch voll des Lichtes, denn sie sind sündenlos.

Ps 128
1 Ein Wallfahrtslied. Selig jeder, der den HERRN fürchtet, der auf seinen Wegen geht!

2 Was deine Hände erarbeitet haben, wirst du genießen; selig bist du – es wird dir gut ergehn.
3 Deine Frau ist wie ein fruchtbarer Weinstock im Innern deines Hauses. Wie Schösslinge von Ölbäumen sind deine Kinder rings um deinen Tisch herum.
4 Siehe, so wird der Mann gesegnet, der den HERRN fürchtet.
5 Es segne dich der HERR vom Zion her. Du sollst schauen das Glück Jerusalems alle Tage deines Lebens.

Als Antwort auf die Lesung beten wir Ps 128, der zum psalmübergreifenden Wallfahrtslied 120-134 gehört. Er stellt einen Haussegen dar, passt also ideal auf die Lesung, in der es ebenfalls um die Familiengemeinschaft geht, die erste Familie überhaupt. Selig sind wir, wenn wir Gottes Gebote halten. Dieses Verhalten zeigt unsere Gottesfurcht und ein geordnetes Leben, wie Paulus in seinen Haustafeln auch erklärt. Wir werden Segen haben, wenn wir „auf seinen Wegen“ gehen. Dieser Segen wird sich z.B. am Erntereichtum zeigen. Das ist ein gängiges Bild und Beispiel für Gottes Segen.
Das greift Gen 3 auf, wo als Folge des ersten Sündenfalls die mühevolle Arbeit angekündigt wird, um das tägliche Brot essen zu können. Wir werden es bald hören. Erntereichtum ist umso mehr ein Zeichen der Gnade Gottes. Wir sehen also auch hier im Psalm die Diskrepanz zwischen Gottes inniger Gemeinschaft mit seinen Geschöpfen und der Korruption durch den Sündenfall.
Auch Vers 4 drückt aus, dass der gottesfürchtige Mann gesegnet sein wird. Wer Gott aber fürchtet, wird sein Leben nicht einfach schleifen lassen. Mit Gottesfurcht ist die Angst gemeint (und das ist nicht pathologisch zu verstehen), Gott zu beleidigen und dadurch die Beziehung zu ihm zu beeinträchtigen. Wer also an der Beziehung zum Herrn arbeitet, wird Segen haben.
Ein weiteres Zeichen des Segens wird hier mithilfe der Bilder „Weinstock“ und „Ölbaum“ gegeben. Wenn die Frau als fruchtbarer Weinstock bezeichnet wird, ist das ein Zeichen des Segens Gottes. Kinderreichtum wird immer zum Indikator vor allem für die Frau, dass sie den Segen Gottes auf sich hat. Die Kinder als Ölbäume deuten auf deren Langlebigkeit und Fruchtbarkeit hin. Der Ölbaum ist deshalb ein Bild, das häufig zusammen mit dem Weinstock genannt wird.
Wenn es dann zum Ende hin heißt „Es segne dich der HERR vom Zion her“, dann ist das ein besonderer Segen. Für die Israeliten war das die maximale Form von Segen, denn „vom Zion“ meint „vom Tempel“. Und dort wohnte die Herrlichkeit Gottes. Wir Christen sehen darin eine typologische Verbindung zum eucharistischen Segen. „Zion“ ist nun die Kirche, in der das Allerheiligste nicht mehr die Bundeslade, sondern der Tabernakel mit den konsekrierten Hostien ist – das fleischgewordene Wort Gottes.
Das ewige Schauen des Glücks Jerusalems ist dann auch mehr als nur wörtlich zu verstehen: Es bezieht sich auf die Glückseligkeit des himmlischen Jerusalems. Dann werden wir mit der himmlischen Familie, also in Gemeinschaft der Heiligsten Dreifaltigkeit leben. Dann kommen wir von der Abbildhaftigkeit zur Vollendung. Das gilt auch für das erste Menschenpaar, von dem wir in diesen Tagen intensiv hören. Das dürfen wir auch sakramental schon jetzt erfahren in der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche. Wir sind eine einzige Familie, bei der der Priester unser Vater ist. Er sorgt für die Sakramente und Sakramentalien. Die Kirche gebärt uns, zieht uns auf und nährt uns mit den Heilsmitteln seelisch. Alle Gläubigen sind Geschwister im Glauben und bilden so die geistliche Familie, von der Jesus gesprochen hat (Mt 12,50; Mk 3,35). Also hat er selbst die Analogie von Familie, Reich Gottes und Gottes Dreifaltigkeit grundgelegt. Und auch in der Familie Gottes als Kirche ist das verbindende und gliedernde Prinzip die Liebe, Hingabe und der Dienst. Nicht umsonst hat Jesus am selben Abend, als er das Weihesakrament stiftete – mit allen seinen Vollmachten! – den Aposteln die Füße gewaschen als Beispiel für sie. Er wollte verdeutlichen, dass wer in der Hierarchie ganz oben steht, der Diener aller sein soll. Deshalb ausgerechnet die Fußwaschung, denn sie ist der Sklavendienst schlechthin. Auf Adam und Eva zurückbezogen – und das haben ja die Kirchenväter schon getan, siehe Augustinus! – sehen wir die Hierarchie der Familie in einem neuen Bild: Auch wenn die Frau dem Mann Hilfe sein soll und ihm untergeordnet ist, da er zuerst geschaffen wurde und sie aus ihm hervorgegangen ist, heißt das nicht, dass er sie irgendwie ausbeuten und unterdrücken darf. Vielmehr ist es eine Hingabe des Mannes – er soll sein Herz an sie verschenken, weshalb Gott ihm auch ganz bewusst eine Rippe entnimmt. „Macht“ heißt bei Gott Hingabe und Dienst, für den anderen bereit sein, zu sterben.

Mk 7
24 Jesus brach auf und zog von dort in das Gebiet von Tyrus. Er ging in ein Haus, wollte aber, dass niemand davon erfuhr; doch es konnte nicht verborgen bleiben. 

25 Eine Frau, deren Tochter von einem unreinen Geist besessen war, hörte von ihm; sie kam sogleich herbei und fiel ihm zu Füßen. 
26 Die Frau, von Geburt Syrophönizierin, war eine Heidin. Sie bat ihn, aus ihrer Tochter den Dämon auszutreiben. 
27 Da sagte er zu ihr: Lasst zuerst die Kinder satt werden; denn es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. 
28 Sie erwiderte ihm: Herr! Aber auch die kleinen Hunde unter dem Tisch essen von den Brotkrumen der Kinder. 
29 Er antwortete ihr: Weil du das gesagt hast, sage ich dir: Geh nach Hause, der Dämon hat deine Tochter verlassen! 
30 Und als sie nach Hause kam, fand sie das Kind auf dem Bett liegen und sah, dass der Dämon es verlassen hatte.

Im Evangelium hören wir von der heidnischen Religion einer Frau. Jesus begegnet heute einer Syrophönizierin.
Es kommt zu der Begegnung dadurch, dass Jesus sich heute in einem mehrheitlich paganen Umfeld bewegt. Tyros und Sidon werden vor allem von Syrophöniziern bewohnt, die ihre ganz eigenen Verehrungen haben. Es gibt dennoch auch Juden in dem Gebiet, denn Jesus kehrt bei jemandem ein. Es wird sich wohl um das Haus eines Juden gehandelt haben. Es bleibt wie so oft nicht verborgen und die Menschen kommen zu ihm. So hört auch eine hiesige Syrophönizierin von Jesus und kommt zu ihm. Dass sie sich in ein jüdisches Haus begibt, ist schon aller Achtung wert. Damit macht sie sich alles andere als beliebt. Doch ihr Glaube und die Hoffnung, von Jesus Hilfe zu erfahren, sind größer als die Angst vor der Reaktion der Juden. Es erinnert uns an die blutflüssige Frau, die sich trotz ihrer kultischen Unreinheit in die Menschenmenge begibt, weil ihr die Heilung Jesu wichtiger ist.
Die Syrophönizierin kommt zu Jesus, weil ihre Tochter besessen ist und sich von Jesus eine Fernheilung erhofft. Ihr Glaube ist so groß, dass sie ihre Tochter nicht einmal mitbringt. Es ist wie mit dem Hauptmann, der Jesus die Fernheilung seines Sklaven zutraut.
Was wir nun von Jesus lesen, verstehen wir nur dann richtig, wenn wir es nicht einfach oberflächlich lesen. Sonst werden wir uns nur echauffieren. Bei Jesus ist nichts zufällig. Es hat einen tieferen Sinn, warum er folgende Worte zu der Frau sagt. Er möchte sie testen und zugleich den Umstehenden klarmachen, dass der Messias zuerst zu den Juden gekommen ist.
Sie lässt sich nicht beirren durch die Aussage, dass er sie als Hund bezeichnet hat, was bei den Juden als Schimpfwort für die Heiden galt. Sie zeigt ihm ihren starken Glauben und ihre Fürsorge gegenüber dem Kind, die stärker sind als ihr eigener Stolz. Sie wendet Jesu Provokation so, dass sie den Kern des Neuen Bundes zusammenfasst: Jesus ist gekommen, nicht nur für die Juden, sondern auch für die Heiden. Sie demütigt sich dabei, indem sie sich als den kleinen Hund einordnet, der nur die restlichen Krümel der jüdischen Kinder abbekommt. Diese Demütigung zeigt Jesus, dass sie wirklich einen starken Glauben hat. Musste Jesus das unbedingt alles tun, um ihren Glauben zu erfahren? Nein. Er ist Gott, er sieht mit einem Blick in ihre Seele hinein und weiß längst, wie stark ihr Glaube und die Anerkennung des Gottes Israels ist. Was er aber hier tut, ist eine Lektion für die Umstehenden und auch für die Frau. Er möchte den Menschen durch diese Provokation (durch die er die gängige Meinung der Juden verdeutlicht) das Neue hervorheben: Er möchte auch den Heiden das Heil bringen und deshalb sagt er ihr und vor allen Anwesenden: „Weil du das gesagt hast, sage ich dir: Geh nach Hause, der Dämon hat deine Tochter verlassen!“ Ihr Glaube hat ihr geholfen. Das ist den Umstehenden insofern eine Lehre, weil sie sehen, dass der Glaube das Entscheidende ist, auch wenn man nicht zum Judentum gehört. In dieser Situation verhält Jesus sich so, dass er gleichermaßen Juden und Heiden entgegenkommt, dabei den Umstehenden den Glauben dieser Frau demonstriert, damit nicht nur er den Glauben sieht, sondern auch die anderen, und schließlich eine messianische Heilstat vollzieht. An diesem Tag werden viele Menschen ihn als Messias angenommen haben, nicht nur die Syrophönizierin.
Jesus bleibt ganz fest in seiner Überzeugung, dass allein Gott die Ehre gebührt. Er fängt nicht an, die syrophönizischen Gottheiten anzuerkennen und zu sagen: „Alle Religionen sind gleich“ etc. Die Heidin selbst ist auch anders, denn sie erkennt den Gott Israels an, anstatt Jesus ihren Glauben aufzudrücken. Hier wird das Negative der Lesung ins Positive gewendet. Hier funktioniert es wirklich, dass der fromme Jude die Heidin beeinflusst und nicht die Heidin den frommen Juden. Dies gefällt Gott und die Frau ist vor Gott gerecht. Sie erkennt als Nichtjüdin Gottes große Taten voller Glauben an und deshalb wird sie erhört. Das Kind wird befreit. Wir hören nicht von der Nachgeschichte, aber womöglich ist die Frau später Christin geworden, bestimmt zusammen mit dem Kind.
Was entscheidend ist, ist der Glaube. Jesus zeigt eine gewisse Distanz, um auch uns heute zu zeigen, wie unser Umgang mit den Andersgläubigen sein soll: Wir sollen niemanden verachten und helfen, wo wir können. Denn der Nächste ist unser Nächster. Aufgrund der unantastbaren Menschenwürde ist jeder Mensch gut zu behandeln. Zugleich sollen wir fest in unserem eigenen Glauben stehen und andere zu tolerieren heißt nicht, ihre Ansichten übernehmen zu müssen. Diese Distanz in der Glaubensüberzeugung bleibt bestehen. Den Nächsten lieben, ja. Und doch müssen wir nicht alles gut finden, was er oder sie glaubt oder tut. Und ganz inklusivistisch muss man sagen: Wer nicht zu den Kindern Gottes gehört, Gott aber dennoch anerkennt und an ihn glaubt – mit entsprechendem Lebenswandel – dem kann man die Gnade nicht absprechen, so wie der Syrophönizierin. Sie gehört nicht zum auserwählten Volk, gefällt Gott aber doch in ihrem unbeirrten Glauben.

Durch das Evangelium wird uns in Bezug zu Adam etwas Wichtiges bewusst: Während Adam mit seiner Frau eins ist durch die Biologie – sie ist ja ganz aus ihm hervorgegangen – wird die Kirche eins mit Christus durch den Glauben. Die leibliche Einheit ist ja eine mystische.
Christus ist größer als Adam, da durch seine Seite nicht nur ein einzelner Mensch, sondern eine ganze Schar von Gläubigen hervorgeht – die Gemeinschaft der Gläubigen, die wir Kirche nennen. Diese setzt sich zusammen aus allen Völkern, Stämmen, Sprachen und Nationen. Gewiss kommt das Heil aus den Juden und seine Berufung ist zunächst, dass Volk Israel zu erlösen. Zugleich möchte er alle erlösen, die sich gläubig zu ihm bekennen. So wird auch die Syrophönizierin zur Ischah zur Frau die „vom Mann“ ist, nämlich von Christus. Beten wir um die Bekehrung der ganzen Welt, dass so viele Menschen wie nur möglich zur Erkenntnis kommen, dass für sie der Heilsplan bereitliegt, zur Braut Christi zu gehören. Machen wir uns als Getaufte bewusst, dass wir so wie Eva aus der Seite Christi hervorgegangen und dadurch innigst mit ihm verbunden sind.

Ihre Magstrauss


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