Freitag der 5. Woche im Jahreskreis

Gen 3,1-8; Ps 32,1-2.5.6-7; Mk 7,31-37

Gen 3
1 Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?

2 Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen;
3 nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.
4 Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben.
5 Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.
6 Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.
7 Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz.
8 Als sie an den Schritten hörten, dass sich Gott, der HERR, beim Tagwind im Garten erging, versteckten sich der Mensch und seine Frau vor Gott, dem HERRN, inmitten der Bäume des Gartens.

Zuletzt hörten wir in den Lesungen aus der Genesis von der Erschaffung des Menschen. Gestern endete der Abschnitt damit, dass Gott den Menschen als Paar schuf, damit Adam endlich Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch hat. Vor allem aber freute sich Adam, einem Ich in die Augen schauen zu dürfen, einem Wesen mit Selbstbewusstsein, also einer Person. Die erste wirklich interpersonale Gemeinschaft von Geschöpfen ist geschaffen worden.
Dem Bösen kann das nicht gefallen. Da ist eine Gemeinschaft von Menschen geschaffen worden, die Gottes Abbild ist – eine Liebe, die über sich hinausverweisen soll durch Fruchtbarkeit. Er möchte nicht, dass diese Einheit besteht, genauso wenig, dass die Menschen im Garten Eden sein dürfen und so innig mit Gott verbunden sind. Er erlebte einen Bruch mit Gott vor aller Zeit und was er nicht bekommen konnte – die Gemeinschaft mit Gott -, soll nun auch kein anderes Wesen erfahren.
Es ist deshalb überhaupt kein Wunder, dass er sich das intelligenteste Wesen sucht, um es zu besetzen. Der Satan ist ein Geistwesen ohne eigenen Körper. Deshalb wählt er den Weg über die Schlange. Aus Privatoffenbarungen wissen wir, dass dieses Tier die Frau überall hin begleitet hat. Die Schlange ist aber nicht nur das vertrauteste Tier, sondern auch das schlaueste. Was den Satan ausmacht, ist der unbändige Hochmut, durch den er nicht bereit war, sich Gott unterzuordnen. Passend dazu, fährt er in das schlaueste Tier ein und stellt der Frau eine Fangfrage: „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“ Das hat Gott ja überhaupt nicht gesagt. Der Böse stellt die Frage aber bewusst so, damit er der Frau die wahren Worte Gottes entlocken kann. Sie soll Gottes Auftrag wiederholen, damit er Böse Gott widersprechen kann. Sie antwortet: „Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.“
Was der Böse nun anstellt ist das Säen von Misstrauen in den Menschen, der ganz von einer Vertrauensbeziehung zu Gott geprägt ist. Der Mensch lässt sich bis dahin alles von Gott schenken und hinterfragt seine Absichten nie. Doch nun kommt der Böse in Form der Schlange und behauptet: „Ihr werdet nicht sterben.“ Das ist die Urversuchung schlechthin – den Menschen zum Ungehorsam zu verleiten mit der utopischen Aussicht, nie zu sterben. Wie viele esoterische Angebote zielen im Grunde darauf ab, ein möglichst langes Leben zu haben oder sogar den Tod zu umgehen! „Ihr werdet nicht sterben“ ist also ein Lockvogel. Ebenso ist das Folgende in diese Richtung einzuordnen: Den Menschen werden die Augen aufgehen und sie werden wie Gott sein. Das ist der eigentlich springende Punkt. Wie Gott sein wollen, ist die Urversuchung. Daran ist der Satan gescheitert. Das hat ihn aus dem Himmelreich katapultiert. Das ist das Maximum an Hochmut – auch später beim Turmbau zu Babel. Das ist es nun, was der Satan den Menschen schmackhaft machen will, damit auch diese nicht mehr die Gemeinschaft mit Gott genießen können. Zum Werden wie Gott gehört die Erkenntnis von Gut und Böse. Bis dahin wissen die Menschen nicht einmal, dass es mehr gibt als das Gute und dass man wählen kann. Sie sind so frei, dass sie all ihre Freiheit allein auf Gott gesetzt haben. Nun kommt die Bewährungsprobe durch die Versuchung der Schlange.
Und wie es so läuft, wirken die verbotenen Früchte besonders schmackhaft. Das ist eine Erfahrung, die wir alle kennen: Das Verbotene wirkt besonders verlockend. Schon bei Kleinkindern bemerken wir, dass sie eben jenes, was ihnen nicht gehört und was das andere Kind besitzt, haben wollen. Und ein bekanntes Sprichwort sagt uns: „Das Gras des Nachbarn ist immer grüner.“
Und so kommt es, wie es kommen muss: Die Frau nimmt von den Früchten und isst sie. Es geschieht auch ganz nach der Natur der Sünde, dass sie dem Mann davon gibt und auch er isst von den verbotenen Früchten. Denn die Sünde zieht immer große Kreise, sie greift um sich, sodass immer gleich mehrere Menschen hineingezogen werden. Sie ist schlimmer als das infektiöseste Virus.
Ihnen gehen die Augen auf. Von dem Moment an ist alles anders und vor allem zerstört. Sie haben etwas Böses getan und ihre Nacktheit wird nun zu einem bedrohlichen Zustand. Sie wollen nicht mehr voreinander nackt sein. Gestern sagte ich bereits, dass damit nicht nur ihre körperliche Nacktheit gemeint ist, sondern auch das ganz Offenliegende in einer Beziehung. Sie haben keine Geheimnisse voreinander gehabt. Nun wird alles anders. Nun kommt die Scham in die Menschen hinein: Sie schämen sich nun voreinander, vor sich selbst und vor allem vor Gott. Sie schämen sich, weil sie gesündigt haben. Sie haben jetzt einen Bereich in sich, den sie voreinander nicht preisgeben wollen. Dass sie auch ihre körperliche Nacktheit realisieren, kann man durchaus auch auf das Erlischen der Leuchtkraft beziehen, die die Menschen bis dahin umgeben hat wie ein Kleid. Die Gnade ist verschwunden, die Schöpfung gefallen. Die Menschen machen sich aus Feigenblättern einen Schurz, damit sie nicht entblößt sind. Der Blick des Menschen hat sich verändert. Die Begierde ist in ihn hineingekommen und so kann er nicht mehr frei in seiner Nacktheit vor dem Mitmenschen erscheinen.
Als sie nun Gott hören, wie er sich den beiden nähert, verstecken sie sich vor ihm. Sie schämen sich und haben ein schlechtes Gewissen wegen der ungehorsamen Tat.
Der Böse hat es geschafft. Er hat aus dem innigen Verhältnis zwischen Gott und Mensch sowie unter den Menschen einen Bruch provoziert. Er hat den anderen die Suppe versalzen, die er selbst nicht mehr auslöffeln durfte. Von da an ist die ganze Schöpfung zerbrochen.

Ps 32
1 Von David. Ein Weisheitslied. Selig der, dessen Frevel vergeben und dessen Sünde bedeckt ist. 
2 Selig der Mensch, dem der HERR die Schuld nicht zur Last legt und in dessen Geist keine Falschheit ist. 
5 Da bekannte ich dir meine Sünde und verbarg nicht länger meine Schuld vor dir. Ich sagte: Meine Frevel will ich dem HERRN bekennen. Und du hast die Schuld meiner Sünde vergeben.
6 Darum soll jeder Fromme zu dir beten; solange du dich finden lässt. Fluten hohe Wasser heran, ihn werden sie nicht erreichen. 
7 Du bist mein Schutz, du bewahrst mich vor Not und rettest mich und hüllst mich in Jubel. 

Der heutige Psalm preist jene selig, die die Barmherzigkeit Gottes erfahren haben („dessen Frevel vergeben und dessen Sünde bedeckt ist“). Ferner preist David selig, wer im Stand der Gnade ist („in dessen Geist keine Falschheit ist“). Gottes Liebe ist so groß, dass er uns vergibt, was wir vor ihm bekennen. So deutet David seine Sünden an, die er in seinem Leben begangen hat (Vers 5). Gott ist es immer, den man aufsuchen soll, an den man sich klammern soll, auch gerade in Schuldsituationen. Wir sehen das erste Menschenpaar vor uns, dass sich gegen Gott versündigt hat. Und das ist nicht das Ende vom Lied. Der Herr ist bereit, die ganze Schöpfung mit sich zu versöhnen, indem er Mensch wird und sich hingibt.
Wenn man eine stabile Beziehung hat, kann sie auch im Streit überdauern und gefestigt werden. Und wenn dann schlimme Dinge passieren, werden sie einen nicht überwältigen („ihn werden sie nicht erreichen“). Der Bruch des ersten Menschenpaares ist nicht so endgültig, dass Gott sich den Menschen nicht mehr offenbart oder einen Heilsweg aufzeigen könnte. Wir müssen klarstellen trotz der Worte, die David hier schreibt: Der sogenannte „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ (Leid ist immer gleich Folge der Sünde und Leidlosigkeit ist gleich Sündlosigkeit) ist nicht generalisierbar. Wenn es Menschen schlecht geht, liegt das nicht nur an ihrer eigenen Sünde. Und doch ist das in der Regel der Hauptgrund. Dass die ersten Menschen gegen Gott gesündigt haben, wird sie in ein tiefgreifendes Leid stürzen – sie und alle ihre Nachfahren! Wir können die „hohen Wasser“ als Andeutung der Sintflut betrachten. Diese wird hier allegorisch herangezogen, um zu verdeutlichen: Wir werden nicht sterben – und dies wiederum moralisch-anagogisch betrachtet. Wir verlieren das ewige Seelenheil nicht, wenn wir in Freundschaft mit Gott bleiben. Auch der Nebensatz „solange du dich finden lässt“ ist in diese Richtung zu verstehen: Solange wir noch die Chance haben, sollen wir uns bekehren. Wenn der jüngste Tag kommt, ist die Zeit abgelaufen.
„Du bist mein Schutz“ ist wiederum nicht irdisch-existenziell gemeint. König David selbst ist ja eben nicht vor Problemen bewahrt worden. Wie oft ist sein biologisches Leben gefährdet! Der Schutz, den Gott auch uns immer bietet, ist nicht der Schutz vor Leiden. Er kann uns davor nicht bewahren, entweder aufgrund der eigenen Sünden oder der Sünden anderer zu leiden. Er kann aber unsere Seele schützen vor der Verderbnis. Er kann unser ewiges Leben beschützen. So rettet er uns zwar auch manchmal in Notsituationen, dass auch die irdischen Leiden zwischenzeitlich aufhören. Doch ist die eigentliche und umfassende Rettung eine seelische. Wirklich jubeln werden wir also in der Ewigkeit, wenn auch jetzt schon ansatzweise Phasen des Jubels uns jetzt gegeben werden.

Mk 7
31 Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis.

32 Da brachten sie zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, er möge ihm die Hand auflegen.
33 Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel;
34 danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich!
35 Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden.
36 Jesus verbot ihnen, jemandem davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr verkündeten sie es.
37 Sie staunten über alle Maßen und sagten: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.

Heute hören wir davon, dass Jesus von Tyros und Sidon weiterzieht an den See von Galiläa in das Gebiet der Dekapolis. Auch dieses Gebiet von zehn Städten ist ein mehrheitlich heidnisch geprägtes Gebiet. Dort kommt nun ein taubstummer Mann zu Jesus. Das Stammeln wird zumeist auf die Stummheit des Mannes bezogen, der keine richtigen Worte sprechen kann.
Die Menschen, die ihn zu Jesus bringen, bitten Jesus um Handauflegung. So nimmt Jesus ihn beiseite, um auf den ersten Blick sonderbare Gesten an ihm zu vollziehen: Er legt ihm die Finger in die Ohren und berührt die Zunge des Mannes mit Speichel. Einerseits möchte Jesus damit erfüllen, was in Ps 51,17 (Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde!) steht sowie in Jes 50,4 (GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich höre, wie Schüler hören.): Dadurch möchte er ausdrücken, dass die wahre Taubheit und Stummheit sich auf die Seele beziehen. Mit der Heilung körperlicher Art möchte Jesus stets bezwecken, dass auch die Taubheit des Herzens geheilt wird. Diese ist es nämlich, die die Beziehung zu Gott beeinträchtigt und weshalb der Mensch das ewige Leben nicht haben kann. Und wie in Ex 8,15 gesagt wird, dass die übernatürlichen Zeichen der Finger Gottes sind, so begeht Jesus ganz bewusst seine Heilstat mit seinem Finger. Er sagt dadurch aus, dass er Gott ist und dass sein Finger der Finger Gottes ist. Es ist nicht einfach nur Speichel, den er seinem eigenen Mund entnimmt. Diese Geste sagt vielmehr aus, dass hier ein Schöpfungsvorgang aus dem Mund Gottes vorgenommen wird ganz wie bei der Schöpfung in der Genesis. Ausgehend von seinem Mund schenkt Christus diesem Menschen ein neues Leben.
All das erinnert uns an die Taufe. Denn auch dort wird ein Ritus vorgenommen, der auf diese Heilung Jesu zurückgeht. Der Priester legt seine Finger in die Ohren und auf den Mund des Täuflings mit eben jenen Worten Jesu „Efatta!“ So möge wie jener geheilte Taubstumme der Täufling geöffnet werden für den Glauben und den Willen Gottes. Das ist wie gesagt schon in der Heilungsgeschichte des heutigen Evangeliums der eigentliche Zweck der Heilung. Die Taufe ist ein Schöpfungsvorgang, denn in ihr wird der Mensch neugeboren im Hl. Geist.
Jesus verbietet den Menschen erneut, von der Heilung zu sprechen, doch das Ereignis verbreitet sich rasch.
Jesus kann wirklich alles gut machen, wie es die Menschen auch zueinander sagen. Er kann machen, dass die Menschen wieder sprechen und hören können. Das ist viel tiefgreifender, als die Menschen es erahnen: Taubheit und Stummheit der gefallenen Schöpfung sind durch seine Erlösungstat weggenommen, die dafür sorgten, dass der Mensch den Willen Gottes nicht mehr wahrnahm. Alles war zum Scheitern verurteilt wegen des Sündenfalls, den wir in der Lesung heute gehört haben. Doch Christus ist gekommen, diesen Fall wiedergutzumachen. Er ist am Kreuz erhöht worden, um die Gefallenen wieder aufzurichten. Er ist am Kreuz erstickt, seine Psalmworte mitten im Satz verstummt, damit jene, die durch die Sünde stumm geworden sind, Gott im Lobpreis wieder danken können. Er ist taub geworden in dem Sinne, dass er die Stimme des Vaters nicht mehr vernommen hat in der Erfahrung absoluter Gottverlassenheit, damit die erlösten Menschen Gottes Stimme wieder hören können, die Stimme, die ihnen das ewige Heil in Aussicht stellt. Er hat wirklich alles gut gemacht. Was er für uns getan hat, ist das größte Wunder aller Zeiten.

Ihre Magstrauss

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